Kapitel 21: Turbulenzen

Der Dienstag ging langsam in den Mittwoch über und Hermine saß immer noch sehr einträchtig, aber sehr behutsam neben einem sehr friedfertigen Giftmischer. Nach dem Abarbeiten des Multiple Choice Verfahrens hatte sie nicht locker gelassen bis er ihr den Trank vorstellte, den er ins Auge gefasst hatte.

Und er wäre nicht der Meister der Tränke gewesen, wenn er dabei nicht unweigerlich ins Schwärmen geraten wäre („Und die Zubereitung erfordert höchste Konzentration, damit anschließend die Wirkung zur intensiveren Wahrnehmung auch genau so eintritt! So sehen können wie Bienen – wäre das nicht spannend?") und Hermine war zu fasziniert, um auch nur einen Blick auf die Uhr zu verschwenden. Ihre Augen glänzten trotz der Müdigkeit und irgendwann rief sie begeistert: „Das ist ja ein richtiges kleines Forschungsprojekt. Ich bin so stolz!"

Er schaute sie lächelnd an und sagte: „Etwas anderes würde ich doch auch gar nicht anbieten. Also: Frieden und Zusammenarbeit?" und er hielt ihr mit todernstem Gesicht die ausgestreckte Hand hin. Strahlend schlug Hermine ein.

„Ach, und noch etwas!", sagte er plötzlich und Hermine schaute schon alarmiert auf. „Nein, nein, nichts Schlimmes!", winkte er lachend ab und erklärte dann: „Ich habe die Nase voll von dem ständigen Sie und Du. Ich würde vorschlagen: Wenn wir alleine sind, dann sagen wir Du – einverstanden?"

Als Hermine zustimmend nickte, schwenkte er locker seinen Zauberstab und durch eine versteckte Verbindungstür kamen zwei Gläser und eine kleine Flasche angesaust.

Hermine zog spielerisch die Augenbrauen hoch: „Willst Du mich etwa betrunken machen und oder verführen?"

Severus lachte: „Hätte ich das denn nötig?"

Hermine schaute ihn lange an und schüttelte den Kopf während er eingoss, aber bei seinem Toast „Auf uns!" konnte sie sich das Grinsen dann doch nicht verkneifen: „Sei ehrlich, Du willst mich verführen!"

Severus schaute sie etwas unbehaglich an bevor er zugab: „Natürlich will ich das! Aber das weißt Du doch schon. Außerdem habe ich noch ein kleines bisschen Moral übrig: Bis zu Deinem Abschluss werde ich schon noch warten bevor ich meine ganzen Verführungskünste aufbiete" Hermine nickte und lachte: „Severus, Du bist wirklich ein Phänomen! Aber Du weißt, dass Du Dir keine große Mühe geben musst…"

„Hermine, sag das nicht oder Du machst mich schwach…" Wie um sich zu retten schaute er auf die Uhr und schrak zusammen: „Weißt Du überhaupt, wie spät es ist?" und als sie den Kopf schüttelte, scheuchte er sie mit der Uhrzeit: „Nach eins!" in die Senkrechte.

„Ich bringe Dich zum Turm! Es würde gerade noch fehlen, dass Du Peeves oder Minerva in die Arme läufst…"

Bei dieser Vorstellung gestattete Hermine sich ein Grinsen – die Geschichte wäre auch einfach zu gut: „Wo ich herkomme, wollen Sie wissen, Professor McGonagall? Von Professor Snape! Nein, keine Strafarbeit, wir haben ein Schwätzchen gehalten!" Das Gesicht ihrer Verwandlungslehrerin wäre es fast wert, zu riskieren, erwischt zu werden.

Hermine verzog bei dieser Vorstellung amüsiert das Gesicht und hakte sich ungezwungen bei ihm unter. Severus schaute sie schräg an, ließ aber einen Kommentar bleiben. Grinsend schlenderte sie neben ihm her und musste wieder einmal feststellen, dass sie sich in seiner Gegenwart sehr wohl fühlte. Abgesehen vielleicht von den Schmetterlingen in der Magengegend, die sie dazu brachten, immer mal wieder schwitzige Hände zu bekommen. Ansonsten wusste sie, dass sie ein Bild für die Götter abgaben: Der gefürchtete Meister der Gifte mit seiner ernsten Miene und sie, Besserwisserin vom Dienst mit einem glücklichen Grinsen auf dem Gesicht, einträchtig nebeneinander herspazierend.

Vor dem Turm angekommen verneigte er sich wieder einmal formvollendet und Hermine ließ sich zu einem kleinen Knicks hinreißen.

„Vielen Dank für den schönen Abend und das spannende Angebot!"

Er nickte und erklärte: „Wir sind ja schließlich auch der Förderung von besonders begabten Schülern verpflichtet und ich komme – zugegeben das erste Mal – dieser Pflicht auch nach."

Hermine lachte: „Typisch Slytherin! Immer eine gute Erklärung parat!"

Er grinste: „Irgendwie muss ich das ja rechtfertigen, oder? Also: Schlaf gut!" und damit drehte er sich um und eilte davon, aber Hermines übliches „Träum süß, Severus!" hörte er noch und lächelte. Sie machte es ihm wirklich nicht schwer.

Hermine wollte gerade durch das Porträtloch krabbeln („Transfigurationselemete"), als eine Gestalt auf sie zustürmte. Sie erstarrte zur Salzsäule, als sie Rons wütendes und entsetztes Gesicht im vagen Schein ihres Zauberstabs erkannte.

„Ich habe es geahnt! Du bist wirklich widerlich!"

Hermine schaute ihn entgeistert an und er fuhr in Rage weiter fort: „Wie kann man nur so unmoralisch sein wie Du?"

Endlich hatte Hermine ihre Stimme wiedergefunden und sie fragte ruhig: „Was genau wirfst Du mir vor, Ron?"

„Du gehst mit diesem ekligen Kerl ins Bett für bessere Noten. Und Du tust für ihn auch noch so, als hättest Du Deinen Spaß daran…" er holte tief Luft und imitierte sie dann: „Und träum süüüüüß, Seeeveeeruuus…"

„Mr Weasley, was genau wollen Sie uns sagen?", fragte plötzlich eine dunkle Stimme und der Rotschopf wirbelte herum.

Severus hatte den nicht eben leisen Schlagabtausch gehört und hatte kehrtgemacht, um für den Fall der Fälle für Hermine einspringen zu können. Und so wie sich ihm die Situation darbot, war das auch dringend nötig. Der sonst so kommunikativen Hermine schien es die Sprache verschlagen zu haben aufgrund der ungeheuerlichen Vorwürfe und sie starrte Ron mittlerweile stumm wie ein Fisch an.

Ron hingegen ließ sich nicht im mindesten von dem plötzlichen und einschüchternden Auftreten seines Lehrers beeindrucken, sondern ließ nur noch weiter Dampf ab: „Jetzt sind Sie dran, Snape! Sie haben uns nicht nur jahrelang schikaniert, Sie gehen auch noch mit Ihren Schülerinnen ins Bett. War sie wenigstens gut?" und abfällig nickte er in Hermines Richtung. Bei diesen Worten erwachte Hermine endlich aus ihrer Erstarrung und zum zweiten Mal hob sie gemächlich die Hand, um Ron eine gesalzene Ohrfeige zu verpassen.

Severus stand da und war völlig verdattert – er hätte nicht geglaubt, dass Hermine das in sich hätte. Nach einem Moment der absoluten Stille erklärte sie vollkommen ruhig: „Ich will zum Schulleiter. Jetzt und sofort." Und damit drehte sie sich auf dem Absatz um und ging voran, ohne auf Ron und Severus noch einen Blick zu werfen. Die beiden starrten ihr nach und zumindest Severus beeilte sich, ihr zu folgen während Ron am liebsten wieder durchs Porträtloch verschwunden wäre bis Severus mühsam beherrscht knurrte: „Und Sie kommen auch mit, Weasley!" und das kleine Grüppchen machte sich auf den Weg.

Der steinerne Wasserspeier sprang ohne ein Passwort zur Seite, denn er erkannte, dass die Zeichen auf Sturm standen. Zum Glück war Dumbledore das, was man gemeinhin als Nachtvogel bezeichnen würde und er saß hinter seinem Schreibtisch und war in diverse Fachzeitschriften vertieft.

„Ah, Severus, was für eine angenehme, wenn auch späte Überraschung!", begrüßte er seinen Giftmischer und dann erst sah er Hermine und Ron.

„Miss Granger, Mr Weasley, was führt Sie beide denn zu mir?"

Severus ließ seinen Vorgesetzten gar nicht erst ausreden, sondern fauchte gleich: „Sie alter Narr mit zu viel Hirn und Langeweile! Schauen Sie sich an, was Sie angerichtet haben!" und mit einem Schlenker seines Zauberstabs ließ er das große Denkarium auf den Schreibtisch sausen und ohne großes Federlesen legte er seine neuesten Erinnerungen darin ab.

Nach einem fragenden Blick auf seine späten Besucher tauchte der Schulleiter in die Erinnerungen ab und kam nach kurzer Zeit mit ernster Miene wieder zum Vorschein.

„Ich bin nicht sicher, Severus, was ich Dir dazu sagen soll. Natürlich finde ich es gut und richtig, dass Du unsere beste Schülerin förderst und in diesem Bereich ist das förmliche Sie auch wirklich übertrieben. Aber natürlich wirkt das alles auf Mr Weasley sehr verfänglich."

Hermine starrte ihren Schulleiter entgeistert an – er verlor kein Wort über den Trank, den er seinem Giftmischer untergejubelt hatte, er rechtfertigte sich nicht, sondern sah im Moment Ron verständnisvoll an.

„Sie glauben nicht, ein weiteres Wort dazu verlieren zu müssen, oder?", knurrte Hermine ungläubig. „Sie sind der Grund, warum wir alle in diesem Schlamassel stecken!"

Ron starrte den Lockenkopf erstaunt an – er kannte Hermine schon lange, aber er hätte nie gedacht, dass sie so mit einer Autorität wie Dumbledore sprechen würde. Dieser sah Hermine nachdenklich an und antwortete:

„Ich weiß. Aber ich denke immer noch, dass das eine gute Idee war und sowohl Severus als auch Ihnen geholfen ist. Ich konnte nicht ahnen, was passieren würde und bin natürlich über die Wahl nicht gerade glücklich, aber es ist besser als nichts und dabei bleibe ich!"

Hermine nickte kleinlaut und Ron schaute verwirrt von einem zum anderen: „Kann mir bitte mal jemand erklären, was genau hier läuft?"

„Mr Weasley, Sie hat nur zu interessieren, dass weder Professor Snape noch Miss Granger sich zu irgendwelchen amoralischen und illegalen Handlungen haben hinreißen lassen und auch nicht beabsichtigen, genau das zu tun. Die beiden werden ein kleines Forschungsprojekt auf die Beine stellen und weiterhin wird Miss Granger mit Professor Snape zusammenarbeiten, wenn es um die Nachhilfestunden, die in der Tombola ausgelost wurden, geht. Ich denke, damit ist alles geklärt."

Ron schaute Dumbledore verwirrt an, aber er nickte kleinlaut – dem mächtigsten Zauberer der Welt widersprach man schließlich nicht so einfach.

Dumbledore strahlte in die Runde und erklärte: „Ich würde sagen, dass Sie beide, Miss Granger und Mr Weasley, sich nun mit Handschlag versöhnen, wir alle noch eine heiße Schokolade trinken und dann zu Bett gehen."

„Sie entschuldigen mich, Dumbledore!", kam es kurz von Snape und mit einem Wehen seines Umhangs stürzte er aus dem Büro.

Hermine sah ihm nach und gestattete sich ein Grinsen – wahrscheinlich gab es nichts Schlimmeres für ihn, als mit gleich drei Gryffindors noch eine heiße Schokolade zu trinken.

„Nun, Miss Granger, dann berichten Sie mal von Ihrem kleinen Projekt!", forderte Dumbledore sie strahlend auf und Hermine stürzte sich begeistert in eine Schilderung ihrer Arbeit und erwähnte auch ihre kleine Übersetzung.

„Wunderbar!", urteilte Dumbledore und erwähnte gleich eine ganze Reihe Möglichkeiten, was sie damit in Sachen weitere Karriere anstellen könnte. Hermine hörte interessiert zu und Ron kam sich in der Zwischenzeit ziemlich dusselig vor: Zum einen hatte er haltlose Beschuldigungen erhoben und zum anderen keine Ahnung, wovon die beiden da eigentlich sprachen. Mal ganz davon abgesehen, dass er noch keine Pläne hatte, was er nach der Schule machen wollte.

Als hätte Dumbledore die Gedanken seines Schülers gelesen, drückte er ihm zum Abschied einen ganzen Stapel Broschüren in die Hand, die über Karrieren im Zusammenhang mit Quidditch, Besen und Co. informierten und schon auf dem Weg zum Gryffindorturm hatte Ron sich in diese vertieft.

Im Gemeinschaftsraum glühten noch einige Kohle im Feuer und Hermine nahm Ron am Arm: „Ich glaube, wir müssen uns mal ernsthaft unterhalten!"

Ron sah alarmiert auf und Hermine lotste ihn zu zwei Sesseln in der Nähe des Feuers.

„Wie genau würdest Du unser Verhältnis zueinander definieren?", fragte Hermine und schaute ihren Freund misstrauisch an.

Ron seufzte und erklärte: „Ich glaube, es wird mal langsam Zeit, dass ich die Eule aus dem Käfig lasse…" Er schwieg einen Moment und fuhr dann fort: „Ich war in Dich verliebt und als Du mir dann gesagt hast, dass da zwischen uns nichts ist, habe ich mich in irgendwas verrannt. Ich war auf alles und jeden in Deiner Nähe eifersüchtig und das heute war wohl der Gipfel; natürlich habe ich mich wie der absolute Idiot benommen, aber ich konnte gar nicht anders: Du so einträchtig mit Snape – da ist mir einfach eine Sicherung durchgebrannt. Und bei Snape war es ja wohl ähnlich; er hat Dumbledore ganz schön angegangen. Aber ich gehe mal davon aus, dass Du mir nicht erzählen wirst, was genau da vorgeht, oder?"

Und Ron schaute Hermine an wie ein geprügelter Hund, sodass sie gar nicht anders konnte, als ihn einfach zu umarmen.

„Du weißt doch, dass das mit uns eh nichts wäre. Und Snape ist eben ein Thema für sich. Er ist völlig unberechenbar und das hat er heute Abend mal wieder unter Beweis gestellt. Er und Dumbledore haben offensichtlich ein paar private … äh… Differenzen und deshalb ist Snape auch regelrecht ausgetickt."

Ron starrte ins Feuer und spürte, wie es langsam kalt wurde. Aber ein Gedanke kam ihm dennoch: „Wie hältst Du es mit ihm aus?" Für ihn war ein Auskommen mit dem Giftmischer wie ein Tanz auf einem Vulkan, der jederzeit ausbrechen konnte und er war voller Bewunderung für seine beste Freundin, die sich anscheinend irgendwie mit ihm arrangiert hatte.

„Weißt Du, wenn er nicht um seine Autorität fürchtet, dann geht es ganz gut mit ihm", erklärte sie kurz und fügte grinsend hinzu: „Und vergiss nicht diesen mysteriösen Trank, den er irgendwann mal geschluckt hat – das macht ihn so manches Mal doch umgänglicher."

Ron nickte und wollte nun eigentlich ins Bett, aber bevor er aufstehen konnte, lehnte Hermine verschwörerisch näher und fragte mit einem Zwinkern: „Jetzt lass mich auch mal neugierig sein – was läuft zwischen Dir und Lavender?"

Ron sah einen Moment nachdenklich aus und erklärte dann: „Sie ist ganz lustig und ich kann mit ihr über Dinge reden, über die ich mit Dir nicht reden kann, aber noch bin ich nicht über Dich hinweg"

Hermine lachte: „Oh komm schon, jetzt spiel mal nicht den Liebeskranken!" und mit einem spielerischen Schlag auf den Kopf stand sie auf, um nach diesem turbulenten Abend endlich ins Bett zu gehen.

Auch Ron erhob sich und sah seine beste Freundin an. Er streckte die Hand aus und fragte schüchtern: „Beste Freunde? Für immer und ewig, komme, was da wolle?"

Hermine strahlte ihn an und schlug ein. Dann sagte sie grinsend: „Ronald Bilius Weasley, pass auf, auf was Du Dich da einlässt!"

Ron zuckte ergeben mit den Schultern und meinte: „Stimmt, bei Dir weiß man nie. Du könntest unter diesem Blickwinkel auch in Slytherin sein. Aber ich habe gelernt, dass Freunde nicht unbedingt dafür da sind, andere zu verurteilen. Du weißt, was Du tust und wirkst nicht gerade todunglücklich. Also halte ich mich raus, bevor ich mich mit Snape und Dumbledore gleichzeitig anlege."

Er gestattete sich ein Grinsen und meinte: „Ich meine, mit einem allein könnte ich es ja noch aufnehmen, aber beide – dafür brauche ich noch ein bisschen Training!"

Hermine lachte und beide umarmten sich. Anscheinend gab es das goldene Trio nun doch wieder – mit Zuwachs von Ginny und Lavender und den Außenposten von Luna und Neville. Und Hermine konnte nicht gerade sagen, dass ihr das unrecht war.

An diesem Abend schlief sie seit langer Zeit wieder zufrieden ein.