20.

Tag 1 nach der Verlobung. Ich bin immer noch in einem rauschartigen Glückszustand. Ich werde bald Vater, ich werde bald Ehemann. O-Ton von Lisa: „Sowie mein Bauch und ich wieder in ein normales Kleid passen, kann's losgehen." Heute ist Sonntag, das heißt: Keine offenen Geschäfte – sprich: Lisa und ich können die Seele baumeln lassen. Und wo kann man das besser als bei einer Hafenrundfahrt…

Das Boot betreten wir noch als Lisa Plenske und als Rokko Kowalski, aber meine Lisa hat auch spontane und verrückte Ideen. Es ist selten genug, dass sie bei Dingen, die sie lieber mit ihrem hübschen Kopf entscheiden sollte, impulsiv ist, was dem ganzen noch mehr Würze verleiht… „Wusstest du, dass neben Standesbeamten auch Schiffskapitäne berechtigt sind, zivilrechtliche Trauungen durchzuführen?" Sie lächelt mich verschwörerisch an und in ihren Augen liegt so ein Blitzen, so wie bei Kindern, die eine Tüte Bonbons leer essen wollen, obwohl sie wissen, dass sie das nicht tun sollen. „Was willst du mir damit sagen?" Ich spiele ihr Spiel mit. „Ich meine, wir könnten ja mal 'rausfinden, ob das wirklich stimmt." Es scheint ihr Ernst zu sein, darum muss ich noch etwas wissen: „Bist du dir sicher? Ich meine, unsere Familien und Freunde sind nicht hier. Und du wolltest doch ein schönes Kleid tragen und…" Sie legt mir einen Finger auf den Mund: „Alles nicht wichtig. Außerdem lässt sich das bei der kirchlichen Trauung nachholen."

Der Kapitän ist fast aufgeregter als wir. Er ist noch ziemlich jung und kann gar nicht glauben, worum wir ihn bitten. Die Trauung ist ziemlich minimalistisch und der arme Kerl verhaspelt sich wegen seiner Aufregung zweimal, aber wir verlassen das Schiff als Lisa und Rokko Kowalski und überglücklich. Diese Heirat ist nicht nur für uns ein Highlight, sondern auch für die Gruppe japanischer Touristen, die mit an Bord ist. Von allen Seiten werden wir beglückwünscht. Bevor wir von Bord gehen, lassen wir uns noch die Adressen unserer Trauzeugen und des Kapitäns geben, damit wir sie zur kirchlichen Trauung einladen können.

Drei Stunden sind wir jetzt schon verheiratet – und was machen wir? Genau, wir sind in Hagenbecks Tierpark und genießen unser Glück. Schon seltsam, dass so ein Stück Papier namens Trauschein eine Beziehung noch intensivieren kann – als wäre das bei Lisa und mir noch möglich gewesen. Ich kann einfach nicht anders, ich muss sie immer wieder berühren, ihr einen Kuss geben, sie umarmen… „Robert Konrad Kowalski!!" Der Schreck fährt mir durch Mark und Bein, so hat mich schon ewig niemand mehr genannt – naja, doch gerade eben erst, bei meiner eigenen Hochzeit, aber das zählt nicht, da war ich darauf vorbereitet, meine beiden Vornamen mal wieder zu hören. Ich drehe mich um und glaube, nicht richtig zu sehen: „Melanie!" So sieht man sich wieder. „Darf ich dir meine Frau vorstellen? Das ist Lisa." Meine Frau, das klingt so gut und es fühlt sich so gut an. „Du bist verheiratet?" Melanie scheint überrascht und erfreut zu gleich zu sein. „Wie lange denn schon?" – „Drei Stunden 10 Minuten." Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Somit ist meine Ex-Freundin die erste, die von meinem Glück erfährt. „Oh, herzlichen Glückwunsch! Das hast du so verdient." Sie umarmt erst mich und dann Lisa. Melanie wirft einen Blick auf Lisas Bauch und lächelt: „Sieht so aus, als wäre das Glück bald perfekt. Hey, was haltet ihr davon, ein Stückchen mit uns zu gehen? Dann können wir noch ein bisschen quatschen." Ich komme gar nicht dazu zu fragen, wer „uns" ist, denn auf einmal kommt eine Gruppe Kinder auf Melanie zu gerannt und fast zwanzig Kinderstimmen reden aufgeregt durcheinander – sie haben gesehen, wie die Affen gefüttert worden. „Keine Sorge", erklärt Melanie, „das sind nicht meine, ich bin Grundschullehrerin und das ist unser Klassenausflug." Ich nehme Lisas Hand und wir gehen ein Stück mit – und lassen alle an unserem Glück teilhaben…