Türchen 21
Die Tüte war bis oben hin vollgepackt – zur Hälfte mit gesunden Sachen, zur anderen Hälfte mit fertigen Gerichten, die man nur in die Mikrowelle schieben musste. Warum ich an meinen Magen dachte, wenn ich einkaufen ging, musste ich vermutlich nicht verstehen – nicht in einer solchen Situation. Das alles war wohl mehr unbewusst dort drin gelandet.
Meine Emotionen hatten sich immer noch nicht für eine Richtung entschieden, aber sie bildeten immerhin ab und an eine Flucht, damit klare Gedanken Platz hatten.
„Cas?", fragte ich, als ich mühsam den Schlüssel herumdrehte und die Tür öffnete, aber ich bekam nur noch den Saum seines Mantels zu sehen, bevor ich mit Sam alleine war.
Das war schnell. Mit der Hüfte schob ich die Tür zu und starrte derweil völlig verblüfft auf den Fleck, an dem er eben noch gestanden haben musste, dann wanderte mein Blick weiter zu meinem Bruder.
Mir fiel die Tüte regelrecht aus dem Arm und ich machte keine Anstalten, sie in ihrem Fall noch einmal zu fangen. Stattdessen sprang ich darüber hinweg und war innerhalb eines Sekundenbruchteils neben dem Bett.
„Sam?"
Sein Blick folgte mir, während ich mich neben dem Kopfende auf die Knie fallen ließ. Er blinzelte langsam, bewegte sich aber nicht weiter aus seiner schützenden Höhle hervor.
Zögernd legte ich die Hand auf eine Stelle, unter der ich seine Schultern vermutete. Die Erleichterung wusch ein Gebirge zur Seite und es war nach meinem Ermessen noch mindestens drei Bundesstaaten weiter zu hören.
„Hey", begrüßte ich ihn noch einmal und wunderte mich, woher dieser Welpenausdruck auf seinem Gesicht auf einmal kam. Es war so falsch, ihn nach allem, wofür er gekämpft hatte, so verletzlich vor mir zu haben. „Wie geht's dir?"
Ich wartete eine ganze Weile, in der Sams Augen den Raum absuchten. Nicht wie zuvor nach einer Fluchtmöglichkeit, aber scheinbar nach einer Antwort. Er schluckte, öffnete den Mund – und ich blieb regungslos sitzen. Nichts kam.
„Schon okay", beruhigte ich ihn automatisch und schüttelte den Kopf. Gott, ich war so froh, dass er überhaupt wach war, er konnte mich tagelang anschweigen und es würde mich nicht stören. Ganz im Übrigen sah er nach der Heilung und der Mütze Schlaf sowieso besser aus als ich.
Anstelle von krank im Delirium wirkte er einfach nur ein wenig orientierungslos und verloren. Nichts, womit wir nicht umgehen konnten.
„Was hältst du davon, wenn ich uns erst mal was zu essen mache? Pizza?", fragte ich vor und schlug ihm sacht auf die übermäßig gepolsterte Schulter, während ich aufstand. Seine verzweifelte Suche im Zimmer ging weiter und ich brauchte die Minuten, um mich selbst unter Kontrolle zu bekommen.
Wortlos hob ich meine Einkäufe auf und stellte sie auf die schmale Küchenzeile. Pizza. Pizza war gut.
Mechanisch räumte ich die obersten Sachen heraus und stellte sie so platzsparend wie möglich auf, dann griff ich mir den Pizzakarton und riss die Pappe auf. Wenn man jahrelang von Fertignahrung lebte, dann brauchte man keine Backanweisung mehr. Im Endeffekt war jede Pizza gleich.
Irgendwann begannen sie sogar, gleich zu schmecken.
Die Folie folgte und landete kurzzeitig in der Spüle. Ich öffnete die Ofentür, schob das Ding in die Mitte und stellte blind die Regler ein. Okay, das war zu schnell gegangen. Ich fühlte mich immer noch nicht bereit, wieder hinüber zu Sam zu gehen.
Trotzdem schaute ich über die Schulter und seufzte leise.
Vorsatz und Gefühl waren das eine – der Drang in meinem Körper etwas ganz anderes.
Sam hatte sich in den Kissen ein wenig aufgerichtet, eine von zwei Decken zurückgeschlagen, lehnte jetzt am Kopfteil, aber noch immer sah ich kaum mehr als sein Gesicht. Er beobachtete mich.
Anstelle des kalten Schauers der letzten Monate, wenn er das getan hatte, war es nun ein relativ warmes Gefühl. Etwas, das mir klar machte, dass mein Verhalten kindisch und egoistisch war.
Zum Teufel damit!
Mit zwei Coladosen in den Fingern kam ich zurück und setzte mich zu Sam auf die Bettkante. Obschon seiner Größe nahm er nicht viel Platz ein und ich konnte meine Füße hochlegen, ein Bein über das andere geschlagen, die nassen Schuhe hingen über dem Rand.
Mit einem unverkennbaren Plopp, gefolgt von einem Zischen öffnete ich eine der Dosen und hielt sie Sam hin. Es dauerte, bis er eine Hand aus dem Deckenberg gewühlt hatte und sie mir abnahm, dann kümmerte ich mich um die zweite und angelte nach der Fernbedienung.
Da sein.
Irgendetwas sagte mir, dass Sam gar nichts anderes brauchte. Es gab nichts zu sagen, keinen Grund, ihn auszuquetschen. Wenn er wollte, würde er anfangen zu reden und solange würde ich mich eben mit einem offenen Ohr neben ihn setzen.
Still sahen wir beide auf den Bildschirm hinüber. Ab und zu flackerte das Bild, weil der Empfang schlecht war, aber im Großen und Ganzen konnten wir dem Film folgen.
Mein Magen entspannte sich, hörte auf, Krämpfe hinauf zu meinem Hals zu senden. Die Nervosität legte sich. Normalität nahm ihren Platz ein.
Spätestens, als ich die Pizza auf zwei Tellern verteilte und einen davon auf Sams Schoß abstellte, fühlte ich mich in alte Zeiten zurückversetzt, in denen wir zusammen die Abende ausgespannt hatten, die wir weder im Wagen noch auf der Jagd verbrachten. Mit Pizza und Cola, wie jetzt auch.
Einhändig zusselte er die Stücke auseinander.
Er wirkte immer noch in sich gekehrt. Manchmal nutzte ich den Moment und sah zu ihm hinüber, suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen dafür, dass irgendetwas schief gegangen war.
Es gab keine.
Sam war ruhig. Wenn man böse war, mochte man wohl sagen, apathisch.
Besser als panisch war das jedenfalls allemal.
-s-s-s-
„Alles klar, Kumpel?", fragte ich, diesmal ohne eine Antwort zu erwarten. Kein Zucken. Irgendwann war Sam immer tiefer hinunter gerutscht, hing jetzt ungefähr mit dem Kopf auf Höhe meiner Schulter.
Genau die beiden hielten in just jenem Moment ein Stelldichein.
„Sammy?", hakte ich leiser nach und schielte, möglichst ohne mich zu bewegen, hinunter. Oh Mann, wann war das das letzte Mal passiert? Vor zehn Jahren?
Vorsichtig schob ich beide Teller auf den Nachttisch und zog Sam die halb leere Coladose aus der Hand. Und weil das Nachtprogramm nichts zu bieten hatte, begann ich stattdessen, Krümel von der Bettdecke zu picken und durch das Zimmer zu schnippsen.
Eine mühselige Arbeit, wenn es Pizza zum Abendessen gab.
„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist wieder da", murmelte ich irgendwann kaum hörbar, zog meine Knie zu mir heran und schlang die Arme darum.
Sams Kopf rutschte noch eine Etage tiefer dabei, bis er fast wieder in den Kissen angekommen war. Momentan verharrte seine Nase an meiner Hüfte. Jeder Griff würde ihn aus dem ruhigen Schlaf reißen, also blieb ich ruhig.
„Und wenn es nach mir ginge, wäre mir … - das war genau das, was ich wollte. Wenn es danach geht, was jetzt in deinem Hirn arbeitet, dann … hast du vermutlich Recht und ohne Seele wäre es besser gewesen. Es tut mir Leid."
