Kapitel neunzehn: Der genialste Plan

„Und was jetzt?", seufzte ich. „Sie werden mich zwingen hinzugehen, aber ich kann nicht ohne Winry gehen. Und sie kann nicht mit mir gehen … was soll ich denn nur machen?"

Charity seufzte: „Na ja, du brauchst eine Partnerin. Hör zu, ich glaube, dass deine Frau nichts dagegen hat, wenn du jemanden mitnimmst. Du kannst eine von uns fra-"

„Nein!", bellte ich und erschreckte die Tugend.

Ich seufzte wieder: „Entschuldige. Danke, aber das kann ich nicht annehmen. Ich liebe Winry und es ist entweder sie oder niemand."

„Ich fürchte, das lässt ihr Zustand nicht zu", sagte Kindness traurig, „Tut mir leid, dass ich es für dich so schwer mache. Ich verstehe dein Problem, wirklich."

„Du könntest dich krank stellen", schlug Al vor, „Die Grippe. Dann lassen die dich in Ruhe."

„Oh nein", knurrte ich, „Ich habe diesem Kerl einen Arschtritt versprochen und den wird er auch kriegen, vor allen Leuten!" Ich ließ mich wieder auf das Sofa plumpsen. „Also, noch Vorschläge?"

Alle saßen nachdenklich da.

Dann, nach einer gefühlten Stunde, sprang Charity auf: „Ich habe den genialsten Plan! Warum bin ich nicht vorher darauf gekommen?!"

„Ach ja?", kommentierte ich trocken, „Dann lass mal hören. Ich bin ganz Ohr."

„Winry bleibt hier, aber du kannst sie trotzdem mit zum Militärball nehmen!"

Ich schaute verwirrt.

Al erst auch, dann begriff er: „Ach so! Du meinst, jemand anderes gibt sich als Winry aus, damit sie sich ausruhen kann und Ed kann immer noch behaupten, dass er Winry mitgenommen hat, richtig?"

Charity nickte aufgeregt: „Genau!"

„Ich weiß nicht..." Niemand ähnelte Winry genug, um das glaubhaft verkaufen zu können, also waren die einzigen Kandidaten Kindness und Envy, weil sie Gestaltwandler waren. Envy würde da ganz sicher nicht mitmachen. Aber Kindness...

Die formwandelnde Tugend schüttelte den Kopf: „Schlagt euch das aus dem Kopf. Winry Elric braucht jederzeit medizinische Überwachung, also muss ich als Ärztin da sein, vor allem nachts. Und du weißt, was ich davon halte, mich als andere auszugeben. Das ist Envys Ding."

Na vielen Dank auch. Solltest du nicht die Verkörperung der Güte sein?

Al stöhnte: „Und wie sollen wir ihn dazu überreden? Nicht nur Mustang wird da sein, auch Scar und Hawkeye. Und Dr. Marcoh ist bestimmt auch da. Und ich bringe Mei mit. Habt ihr nicht gesehen, wie Envy vorhin ausgeflippt ist? Wir werden ihn nie überzeugen, das zu tun!"

„Mich überzeugen, was zu tun?"

Die Sünde stand auf der Treppe und guckte uns fragend an.

Envy verengte argwöhnisch die Augen, als er sah, wie wir ihn anschauten.

„Was? Was guckt ihr mich so an?"

*Envys Blickpunkt*

Zwei Tage.

So lange habe ich mich bitten lassen. Meine Geschwister hatten versucht, mich zum Einlenken zu bewegen, selbst Pride, aber es brauchte nur ein dreißig Minuten langes Gespräch mit den Elrics, um mich in die Knie zu zwingen. Ihr Gesichtsausdruck, das Gebettel der Gören, die Argumente von Alphonse und die verzweifelten Bitten von Edward hatten mich schließlich entnervt.

Am dritten Tag saß ich mit ihr, ihr, ihren Kindern, Alphonse und Mei Chang in ihrem Zimmer und guckte alle böse an. „Ich hasse euch so sehr."

Ich fuhr mir frustriert mit den Fingern durchs Haar. „Na schön. Ich tu's. Und dass ihr das ja zu schätzen wisst, weil das für mich die Hölle wird. Mann, was ich alles tue, um – whoa?!"

Fünf Leute umarmten mich, während sie vom Bett aus dankbar lächelte.

Ich erstarrte in Edwards Armen.

Er tat es ja schon wieder … das fühlte sich … gut an.

Ich widerstand der Versuchung, mich in die Umarmung zu lehnen und riss mich los.

„Ja, ja! Gern geschehen, jetzt lasst es!", schnaubte ich und funkelte den Ex-Knirps böse an.

Was ich alles für dich tue, Ex-Knirps … aber mach's dir nicht zu bequem. Ich revanchiere mich nur … dafür, dass du mich verstanden hast. Mehr nicht.

Ich sprach sie an: „Um mich glaubhaft für dich auszugeben, muss ich mehr über dich wissen. So weit weiß ich nur, dass du die Frau und Automail-Mechanikerin vom Kn- von Edward bist, dass ihr euch aus Kindertagen kennt, dass du ein Mechanik-Nerd bist..." Ich grinste, „...und dass du ihn gern mit deinem Schraubenzieher verhaust."

Edward stöhnte.

Sie grinste zurück und zog einen Schraubenzieher unter der Decke hervor. „Mein Glücksbringer", krächzte sie, „Versuche damit dort niemanden umzubringen."

Whoa. Das war ein riesiger Schraubenzieher. Dieses Ding warf sie auf Leute? Geil!

„Machst du Witze?", flippte Edward aus, „Du versuchst ständig, mich zu killen!"

Sie guckte ihn wütend an: „Du misshandelst deinen Automail! Weißt du wie viel Arbeit darin steckt? Und du pflegst ihn nicht mal!"

„Tja, nicht jeder kann so ein Schrauber sein wie du!", fauchte Edward.

Sie brauchte nicht allzu viel Kraft, um ihm das Teil an den Kopf zu werfen.

Ich kicherte, das war einfach zu lustig. „Machen die das oft?", fragte ich die anderen.

„Ja", nickte der kleine Bengel, „Das machen sie immer."

„Immer schon", gluckste Alphonse, „Das wird sich wohl auch ihren Lebtag nicht ändern."

„Sie sollte es öfter tun", kicherte das Mädchen aus Xing.

Als die Elrics wiederkamen, sahen sie zwei Sies, eine im Krankenbett, eine im Rollstuhl daneben, das war ich. Sie konnte nicht lange reden, also gab sie Andeutungen und kurze Sätze und ich erriet den Rest, so ging das Spiel.

„...also trägst du die Ohrringe so, weil dir das an Hawkeye so gut gefällt?"

Sie nickte.

„Heh. Ich wusste, das kommt mir bekannt vor. Also seid ihr Freunde?"

Noch ein Nicken.

„Weißt du … als ich sie das letzte Mal sah, hat sie mehrmals auf mich geschossen. Nur um im nächsten Moment Mustang davon abzuhalten, mir den Garaus zu machen. Es war echt verwirrend. Was soll das mit ihrem Namen eigentlich."

„Es ist ihr Nachname." Edwards Stimme erregte meine Aufmerksamkeit. „Kein Spitzname um sich selbst zu schmeicheln, wie du früher gedacht hast."

„Oh?" Ich verwandelte mich in mich selbst zurück.

Er nickte: „Yep. Wie weit seid ihr zwei?"

Ich grinste: „Ich hab schon einiges über euch erfahren – zum Beispiel dein Milchproblem und dass sie dir als Kind einen Korb gegeben hat, weil du zu klein warst!"

Alphonse versuchte, das Lachen zurückzuhalten. Er versuchte es. Wirklich. Und versagte kläglich.

Edward starrte seine kranke Frau an: „Winry, wie konntest du nur?!"

Sie zuckte die Achseln und ihr fieses Grinsen glich meinem.

„Ihr zwei seid bösartig!"

Mein Grinsen wurde breiter.

Vielleicht ist sie doch gar nicht so übel. Ich könnte mich an sie gewöhnen.

In welchem Charity eine Idee hat und Envy aus irgendeinem Grund einwilligt, sich foltern zu lassen.