Dieses Kapitel ist Cornelius67 gewidmet – für männliche Tapferkeit unter lauter Frauen!
Viper: puh, oh, ich betrachte mich jetzt mal als gemaßregelt…
Nightskystar: Merlin sei Dank, aufatme! Hatte mir wegen der vielen Morddrohungen schon das Gryffindorsche Schwert ausgeliehen und drohend damit rumgefuchtelt…
Mrs. Skinner: eigentlich sollte ich mich schon daran gewöhnt haben, aber du lässt mich immer und immer wieder erröten! Danke!
mrs. spookiness: Neville ist einfach kürzer als Mr. Longbottom, und Sev hatte große Schmerzen…
Alwine: ja, wirklich gewonnen? Weiterlesen!
ME: und wieder jemand aus der Kuss-Lobby… :D Geduld ist eine Tugend, habe ich mir sagen lassen (fies grinst!)
Poetica Licentia: klar ist Malfoy gefesselt worden (steht sogar da, kurz bevor Mione zu Draco geht), also keine Angst, der haut nicht ab, der Mistkerl…
Cornelius67: boah! Mein erster Mann! (Ähm, du bist doch ein Mann, oder?) Und dann auch noch einer, der Komplimente macht – yeappeh! Leider muss ich dich enttäuschen, es gibt einen Haufen Opfer, Krieg ist nun mal Krieg…
irrlicht cgn: tut mir Leid, irrlicht, falls du auch zu der tobenden Masse der Kuss-Lobbyisten gehörst, dann werde ich dich auch mit dem folgenden chap noch neugierig halten… :D
bengisu: ja, du und alle anderen bekommen, was sie wollen, allerdings nicht jetzt….
anjahexe: ja, ich fand das auch immer nicht so toll, wenn Albus als der große Übermentor dargestellt wurde, und ich hoffe, bei mir läuft das nicht so… was deinen Mann angeht, du hast doch nicht irgendwo Slytherins Schwert rumliegen, oder? Ja, dieses Bild mit Sev und Mione auf dem Moped… seufz… leider gibt's davon kein Bild (ich bin künstlerisch völlig unbegabt, vielleicht sollten wir einen Wettbewerb ausrufen, was meinst du?)… ja, das mit der pdf geht in Ordnung.
LMA23: Dreiviertel Drei morgens. Du. Bist. Verrückt! (Sorry, das musste mal gesagt werden, aber wie Hermione mal erwähnte, Freunde sagen sich unangenehme Wahrheiten auch mal ins Gesicht!) Ich habe gebrüllt vor Lachen wegen deiner Flachzange! Habe ich schon erwähnt, dass ich dich liebe? (Rein platonisch, natürlich!) Du siehst es ein, die Sache mit dem Kuss darf keinesfalls forciert werden!
JoNiTo: Keine Panik, Leute, da ich die Kapitel so lang gemacht habe, sind es doch weniger als anfangs gedacht…
WatchersGoddess: also, mir hat seine Patronus-Form nicht so gefallen, weil da wieder die 20+ Jahre alte Liebe aufgetischt wurde… und Watch! Ich dachte, du seiest mein soul mate! Schwarzer Wolf, also ehrlich mal: schwarz ist klar, ist ja Sevs Farbe, und Wolf – lonely wolf, dachte, das liegt auf der Hand… Albus habe ich übrigens überleben lassen… schön, oder? Komm, lass dich umarmen, auch wenn du in deiner letzten Story Sev umgebracht hast (immer noch mit dir grummel!)
Padme: ja, das musste sein, einfach mal körperlich an Malfoy abreagieren…
JackyFCR: Interessant, ihr seid also Schwestern… so richtig, oder nur im Geiste? Tut mir Leid um Filius, aber das Leben kann echt grausam sein, sonst wäre es auch zu OOC gewesen, oder? Merlin sei Dank muss ich nicht mehr in die Schule… :D
21. Kapitel
„Hast du wirklich gedacht, ihr könntet mich töten?" Die hohe, kalte Stimme Voldemorts hallte über die Lichtung. „Habt ihr wirklich geglaubt, ein Junge könnte mich aufhalten?"
Er stand hoch aufgerichtet, gut erkennbar im Mondlicht. Hinter ihm ragte das rauchende und halb eingestürzte Hogwarts wie ein anklagendes Mahnmal empor. Severus wurde hochgerissen und vor den Dunklen Lord geschleift. Sie rissen ihn zurück und Ketten fesselten ihn an allen vier Gliedmaßen an den Boden.
Voldemort starrte ihm triumphierend an und stellte ihm einen Fuß auf die Kehle. „Und hier haben wir ja unseren Verräter. Unseren kleinen Giftmischer." Er beugte sich ein wenig vor, erhöhte den Druck, bis Severus nicht mehr atmen konnte.
Etwas langes, Schwarzes tauchte plötzlich in der Hand Voldemorts auf, und fast zärtlich ließ er es durch die Finger gleiten. Zu seinem größten Entsetzen erkannte Severus eine Peitsche mit mehreren Gliedern, eine so genannte neunschwänzige Katze.
„Diesmal wirst du schreien, Snape", flüsterte der Dunkle Lord mit grausamer Sanftheit. „Mein Freund Lucius wird dafür sorgen, dass du schreist!" Er drehte sich herum und auf ein knappes Kopfnicken von ihm trat der weißblonde Todesser hervor. Er trug heute keine Maske, und sein befriedigtes Lächeln war deutlich zu sehen.
Voldemort ließ die Peitsche langsam über Severus´ Körper gleiten. „Doch bevor du deine Strafe erhältst, wirst du zusehen, wie deine Freunde sterben."
Ein Wink von ihm und mehrere schwarz gekleidete Gestalten schleppten in schwere Ketten gelegte Gefangene herbei. Harry Potter, Ron Weasley, Albus Dumbledore, Minerva McGonagall. Remus Lupin in Wolfsgestalt in einem Käfig. Die gesamte Weasley Familie. Und dann… Hermione Granger.
Severus zerrte unwillkürlich an seinen Ketten, doch sie waren unbarmherzig und schnitten nur noch fester in sein Fleisch. „Ich werde der Welt lehren, sich mir nicht entgegen zu stellen. Ich werde zeigen, was es heißt, mir nicht zu gehorchen. Seht sie euch an, die weißen Magier!", höhnte er. „Da sind sie, gefesselt und meiner Gnade ausgeliefert." Voldemort deutete auf sie.
Sein Gesicht verzerrte sich vor Hass. „Aber ich gewähre keine Gnade. Ich vergebe nicht. Ich vergesse nicht. Crucio!" Nacheinander fielen die Verteidiger Hogwarts zu Boden, schrieen und wanden sich vor Qual. Minutenlang weidete er sich an ihren Schmerzen.
Als er den Fluch löste, wahren sie kaum mehr als zitternde Häufchen auf der kalten Erde. „Und jetzt werdet ihr sterben!" Die Gefangenen wurden wieder hoch gezerrt. Seinen Zauberstab auf Hermione Granger richtend, drehte sich der Dunkle Lord lächelnd zu Severus um. „Avada Kedavra!"
Ein grüner Strahl schoss hervor und traf sie genau in die Brust. Die warmen braunen Augen erloschen im selben Moment, als ihn der erste Peitschenhieb mitten ins Gesicht traf.
„Neeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinnnnnnnnnnnnnnn!"
Sein Schrei hallte durch die Nacht, so erfüllt von Angst, Qual und etwas … das noch jenseits von Entsetzen lag.
Hermione schrak von ihrem Stuhl hoch, auf dem sie die letzten zwei Stunden verbracht hatte. Es war dunkel im Krankenflügel, obwohl die Dämmerung nicht mehr fern war. Severus befand sich schon den zweiten Tag hier, nicht so sehr wegen seiner körperlichen Verletzungen, die hatte Madam Pomfrey recht schnell heilen können.
Es war sein Gehirn, das sich weigerte, wieder in die Realität zurück zu kehren. Seit er auf dem Schlachtfeld in Ohnmacht gefallen war, war er nicht wieder aufgewacht. Es war, als hätte ihn jegliche Kraft zu kämpfen verlassen, gerade als es vorbei zu sein schien.
Hermione schob die Abtrennungen um sein Bett zusammen und legte einen Muffliatozauber um sie herum. Natürlich war die Krankenstation voll; der Kampf gegen Voldemort hatte seinen Tribut gefordert, und obwohl die schlimmeren Fälle alle nach St. Mungos und andere Krankenhäuser gebracht wurden, waren doch trotzdem alle Betten belegt.
„Schhhhhhh, Severus!", murmelte sie, und eilte zu ihm zurück. Er hatte die Augen weit aufgerissen, sein keuchender Atem schien seinen Sauerstoffmangel nicht ausgleichen zu können. Er starrte sie an und packte dann ihren Arm, als müsste er sich überzeugen, sie wahrhaftig zu sehen.
„Es ist alles gut", sagte Hermione sanft, obwohl sich seine Finger so in ihre Muskeln pressten, dass sie fast aufgeschrieen hätte. Sie setzte sich wieder und berührte seine Hand mit einem Finger, ließ einen blauen Funken auftanzen. „Siehst du? Du bist in Sicherheit, alles in Ordnung!"
Er streckte seine Hand aus und fuhr mit zwei Fingern über ihr Gesicht, folgte der Linie von der Schläfe bis zu ihrem Kiefer. Dann ließ er sich mit einem Aufstöhnen in das Kissen zurück sinken.
„Er lebt noch", flüsterte er heiser. „In meinen Träumen lebt er weiter. Und er tut weiterhin schreckliche Dinge!" Verzweifelt schloss er die Augen. Es war unnötig, das Mädchen mit all seinen Ängsten zu belästigen. Schlimm genug, dass sie hier war, als er einen Alptraum hatte. Das brachte ihn wieder zur Besinnung.
„Was machst du hier?"
Hermione zuckte die Schultern. „Ich konnte nicht schlafen", murmelte sie. Sie wollte ihm nicht erzählen, dass sie jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, die ganzen Toten vor sich sah. Professor Flitwick, Pansy Parkinson, Dean Thomas, Charlie Weasley… Sie spürte, wie es in ihren Augen wieder zu brennen begann.
„Und da kommst du ausgerechnet zu mir?" Seine Stimme klang schärfer als beabsichtigt, gerade weil er sich so verzweifelt wünschte, sie würde seinetwegen kommen.
Sie nickte. „Ja. Ich habe mir gedacht… als du nicht aufwachen wolltest…" Sie brach kurz ab. „Es lag nicht am Cruciatus." Sie schwieg einen Moment. „Es lag daran, was du alles in Voldemorts Geist gesehen hast, ja? Die Muggel haben ein Sprichwort dafür. Es heißt, wenn du lange in den Abgrund schaust, schaut der Abgrund auch in dich. Und…"
Er unterbrach sie. „Du bist eine unerträgliche kleine Besserwisserin", sagte er rau. Er konnte sehen, dass sie verletzt war. Selbst in diesem diffusen Licht konnte er es in ihren Augen sehen. „Und ich bin froh, dass du hier bist."
Die Verletzlichkeit verschwand sofort, machte etwas anderem Platz. Freude und … er schüttelte innerlich den Kopf. Er hatte keine Ahnung. Wieder packte er sie am Arm, sanfter diesmal. „Geh nicht weg. Rede mit mir. Ich will nicht wieder einschlafen. Ich glaube… ach verdammt, du hast jetzt sowieso schon alles von mir gesehen. Ich glaube, ich habe Angst vor diesen Träumen!", brach es aus ihm hervor.
„Ich würde dir einen Traumlostrank bringen, aber er ist ausgegangen. Zu viele kämpfen mit ihren Alpträumen. Wenn du es mir erlaubst, werde ich morgen neuen brauen."
„Wir werden morgen zusammen einen neuen brauen", sagte Severus.
Hermione schüttelte den Kopf, schwach lächelnd. „Madam Pomfrey wird dich morgen mit Sicherheit noch nicht gehen lassen."
Er runzelte die Stirn. „Jetzt schau nicht so, du hattest eine schwere Gehirnerschütterung, warst minutenlang dem Cruciatus ausgesetzt und stehst unter schwerem posttraumatischen Stress. Es ist nur vernünftig, wenn du noch ein, zwei Tage hier bleibst."
Er starrte sie intensiv an. „Du schubst mich herum, weil ich mich nicht wehren kann", behauptete er. „Du bist genauso herrisch wie Poppy!"
Sie lächelte schwach, doch beide wussten, dass sie drum herum redeten. Schließlich seufzte er. „Also gut", sagte er leise. „Sag's mir. Wie viele sind gefallen?"
„So viele, Severus. So verdammt viele." Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen. „Professor Flitwick ist tot. Es tut mir so Leid."
Er nickte, als es ihm die Brust zuschnürte, und biss die Zähne aufeinander. „Albus?", fragte er, obwohl ihm wieder einfiel, dass ihr Patronus gesagt hatte, er würde leben.
„Ist in St. Mungos. Ein Lungenflügel ist kollabiert, und vielleicht wird er einen Fuß verlieren. Professor McGonagall ist fast unverletzt, und kümmert sich um Hogwarts. Hagrid wurde von den Riesen fast tot geprügelt, aber er ist zäh. Harry und Ron sind auch okay. Pansy ist tot. Dean ist tot. Miles ist tot. Shannon ist tot. Padma ist tot. Charlie Weasley…"
Jetzt kamen sie doch wieder, die Tränen. Merlin, wie sehr sie es hasste, diese Heulerei! Und doch konnte nichts auf der Welt ihre Trauer unterdrücken. Sie presste ihren Unterarm gegen ihre Augen, bis sie einen leichten Zug daran fühlte. „Es ist okay, Löwin, wirklich. Lass es raus. Lass es raus."
Severus zog sie gegen seine Brust und hielt sie fest. Es sollte sich nicht so gut anfühlen, wenn es lediglich Trost und Kummer war, was zu dieser Umarmung führte, dachte er und streichelte über ihre Haare. Aber das tat es trotzdem.
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Hermione hatte vorher gedacht, wenn es wirklich einmal zu der großen Endschlacht kam und sie gewinnen würden, wären danach alle glücklich und würden ihren Sieg feiern. Die Wahrheit war jedoch, dass es soviel zu tun gab, so viel Zerstörtes wieder aufzubauen, die Verwundeten zu pflegen, die Toten zu begraben, dass nicht einmal annähernd so etwas wie Freude aufkam.
Alle liefen herum wie Automaten. Sie funktionierten, doch eigentlich bewegten sie sich wie durch eine dicke Nebelwand aus Trauer, Erschöpfung und Betäubung. Hermione kam kaum hinterher mit dem Brauen des Traumlostrankes, so sehr sehnten sich die Überlebenden danach, wenigstens ein paar Stunden lang von allen Gedanken und Träumen verschont zu werden.
Die Gefallenen bekamen ein Ehrendenkmal an der Stelle, wo die weiße Mahnsäule zu Ehren Dumbledores stand, dessen Name natürlich schon vor Monaten gelöscht worden war. Die Trauerzeremonie selbst blieb Hermione nur unzusammenhängend im Gedächtnis, weniger deutlich jedenfalls als die für den Schulleiter im Jahr zuvor, obwohl es diesmal eine echte war.
Sie hatte das Gefühl, nie wieder glücklich sein zu können. Sie würde nie wieder lachen oder sich über etwas freuen können.
Eine Woche nach der Schlacht saßen diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht nach Hause gefahren waren, in der Großen Halle. Es war Silvester und normalerweise würden sich alle auf eine große Party freuen, doch im Moment saßen die wenigen Anwesenden nur dicht zusammen gedrängt, als würden sie bewusst die Nähe der anderen suchen.
Niemand scherte sich um Hauszugehörigkeiten, und das war, dachte Hermione, die größte Ironie überhaupt. Voldemort beziehungsweise die Bekämpfung dessen, hatte endlich zu einer Einigung geführt. Sie saß genau neben Draco Malfoy, und nicht einmal Ron hatte dazu etwas gesagt.
Er war sowieso sehr still geworden. Der Tod seines ältesten Bruders hatte ihn schwer getroffen, trotzdem war er bereits gestern vom Wieselbau zurückgekehrt. Er hatte nur gesagt, er könne diesen fürchterlichen Druck der Trauer nicht mehr ertragen, und seitdem war er still.
Die Tür der Großen Halle öffnete sich und herein kam Professor Dumbledore, seinen Arm auf die Schulter von Severus Snape gelegt, auf den er sich schwer stützte. Ihnen folgten Minerva McGonagall, Tonks und Remus Lupin, der noch blasser und ausgezehrter als gewöhnlich aussah. Hermione war froh gewesen, als sie erfahren hatte, dass er durch den Kampf mit Greyback zwar eine schwere Bauchverletzung davon getragen hatte, aber er lebte!
Sie sprang auf, um zu ihnen zu eilen, und als wäre es das Startsignal gewesen, folgten ihr die anderen, umringten ihre Lehrer, umarmten sie und schüttelten ihnen die Hände. Der Schulleiter löste sich von Snape und hinkte langsam zu dem Tisch, an dem sie gesessen hatten. Mit dem Wink einer Hand bedeutete er ihnen, sich wieder hinzusetzen.
Hermione fand sich plötzlich zwischen Tonks und Severus wieder, was ihr überhaupt nicht unangenehm war, da sie sich jetzt noch mehr zusammen drängen mussten. Um die schwangere Tonks ein wenig zu entlasten – natürlich nur deshalb! – lehnte sie sich ein wenig gegen den Tränkemeister, der daran zumindest keinen Anstoß nahm.
Ich sollte seine Körperwärme nicht so genießen, dachte Hermione, nicht jetzt, wo wir alle noch traumatisiert sind und trauern. Aber sie tat es, und es kam ihr nicht falsch vor.
Fast automatisch richteten sie ihre Blicke zu Dumbledore. „Ich weiß, dass wir alle eine schwere Zeit hinter uns haben", begann der Schulleiter. „Und ich weiß auch, dass wir noch eine schwere Zeit vor uns haben. Viele sind nicht mehr unter uns. Wir werden sie nicht vergessen. Das dürfen wir gar nicht, denn sonst wird es irgendwann wieder einen Tom Riddle geben, welcher der Meinung ist, ihm gebühre die Weltherrschaft."
Er ließ seinen hellblauen Blick nachdenklich über seine Schüler, Kollegen und Freunde wandern. „Wir, die wir diesen Krieg überlebt haben, sind verpflichtet, uns zu erinnern. Wir haben die Pflicht zu mahnen, wir haben die Pflicht, besonnen zu sein. Doch wir haben auch noch eine weitere Pflicht. Die Pflicht zu leben.
Das, was wir erlebt haben, darf uns nicht im Weg stehen für unser Leben. Es gibt uns Erfahrung und zumindest euch hat es einen Teil eurer jugendlichen Unschuld geraubt. Doch wir leben! Wir leben, und bald wird es ein ganz neues Leben unter uns geben."
Er sah zu Tonks hinüber und ein kleines warmes Lächeln umspielte seine Lippen. „Hogwarts besteht dank euch weiter, und auch der Unterricht wird innerhalb weniger Wochen wieder einsetzen. Diejenigen unter euch, die dieses Jahr ihre UTZE hätten machen sollen, haben die Möglichkeit, das Jahr entweder ganz zu wiederholen", - Harry und Ron nickten kurz – „oder sich die entsprechende Zeit dafür zu nehmen, egal, wie lange es dauert."
Du wirst sie natürlich im Mai ablegen, nehme ich an? Severus war so plötzlich präsent, dass Hermione zusammen zuckte und fast von der Bank fiel. Sein Arm schlang sich um sie und hielt sie auf, bis sie ihr Gleichgewicht wieder gefunden hatte. „Sind Sie in Ordnung, Miss Granger?"
„Ja, Sir, entschuldigen Sie, ich war gerade abgelenkt!", fauchte Hermione und funkelte ihn an, und fast konnte sie sein Amüsement spüren.
Er wandte sich Dumbledore zu, der gewartet hatte, bis Hermione wieder ruhig saß.
„Wir haben jetzt den letzten Tag des Jahres", fuhr der Schulleiter fort. „Ich möchte diesen Abend mit euch hier verbringen, damit wir uns an die Vergangenheit erinnern und uns der Zukunft stellen. Denn auch wenn es euch jetzt noch schwer fällt, sich diese Zukunft vorzustellen, es gibt sie."
Mit diesen Worten bewegte er seinen Zauberstab, und die Große Halle veränderte ihr Aussehen, wurde festlich geschmückt durch Tausende Kerzen und warmen Samt, der sich in allen Hausfarben an den Wänden entrollte. Sanfte Musik setzte ein, nicht traurig, nicht melancholisch, aber ruhig und besinnlich.
Dumbledore stand auf und bedeutete ihnen dasselbe zu tun. Mit einem weiteren Wink seines Zauberstabes rutschten zwei der Haustische zusammen, so dass alle bequem Platz hatten, selbst als plötzlich jede Menge festliches Essen auf ihnen erschien.
Und so unmöglich es Hermione noch vor wenigen Augenblicken erschienen wäre, Dumbledores Worte und Handlungen funktionierten. Anfangs noch schweigsam saßen sie da, später dann begann der erste stockend von seinen Erfahrungen zu berichten, von seinen Eindrücken und Ängsten, aber auch von seinen Hoffnungen und Träumen.
Später folgten sie alle, und irgendwann redeten sie wild durcheinander, beweinten ihre Gefallenen, erinnerten sich halb lachenden halb weinenden Auges an Streiche und Erlebnisse, und der eine oder andere lächelte sogar schon wieder über einen Scherz. Dumbledore hatte Recht, das Leben ging weiter, und es forderte seinen Tribut.
Und als sie kurz vor Mitternacht hinaus in die kalte Nacht gingen, als sie die zerstörte Wiese sahen und weiter schauten über den See und über den Verbotenen Wald, gab es wohl keinen unter ihnen, der sich nicht schwor, so etwas nie wieder geschehen zu lassen.
„Darf ich mit Ihnen anstoßen, Miss Granger?", murmelte Severus dunkle Stimme an ihrem Ohr, als sie gerade anfingen, von zehn an rückwärts zu zählen.
„Es wäre mir eine Ehre, Professor!", antwortete sie und drehte sich herum.
„…sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins!" Ihre Gläser klirrten leise gegeneinander, und als der Himmel über ihnen in einem gewaltigen Feuerwerk mit leuchtenden Drachen, Elfen und magischen Figuren aufblühten, sahen sie sich in die Augen und lächelten sich an.
Albus Dumbledore, der nur wenige Meter von ihnen entfernt stand, betrachtete beide und schloss im Stillen eine Wette mit sich selbst ab.
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Die Zeit ließ sich jetzt in ein Davor und Danach einteilen. Davor war alles vor der Schlacht, die Kindheit, die Unbekümmertheit, die Sorglosigkeit. Danach war vor allem eins: Verwirrung, Unsicherheit und Chaos. Für die Schüler hatte es nur diese eine Nacht bedeutet, doch es hatte ausgereicht, um ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen
Für die Erwachsenen war alles noch um einiges komplizierter. Der Teil Hogwarts, der in den Kämpfen zerstört wurde, musste wieder aufgebaut werden, es mussten neue Lehrer für Zauberkunst und Muggelkunde gefunden werden. Auch Professor Robertson, den Mugglekundelehrer, hatte es erwischt, die gewaltige Faust eines Riesen hatte ihn zerquetscht.
Professor Dumbledore wollte den Unterricht so schnell wie möglich wieder aufnehmen lassen; seiner Meinung nach musste der Alltag wieder einziehen, denn nichts konnte den Menschen mehr helfen zu heilen, als die ganz gewöhnlichen Situationen und Dinge, die um sie herum passierten.
Der Orden traf sich immer noch gelegentlich im Büro des Schulleiters, denn natürlich war es einigen Todessern gelungen zu fliehen, darunter auch der Person, die im Moment zu den gefährlichsten Magiern der Welt gehörte: Bellatrix Lestrange.
Die Auroren waren also immer noch Tag und Nacht auf der Jagd, doch solange die entflohenen Todesser keine Magie benutzten und sich in der Muggelwelt aufhielten, war es fast unmöglich, sie aufzuspüren. Die Gefahr war noch nicht vorbei, denn Bellatrix und die anderen Todesser würden mit Sicherheit an Rache denken.
Und dann standen auch noch die Prüfungen bevor. Die meisten Schüler ihrer Klassenstufe hatten sich entschlossen, das siebte Jahr noch einmal zu wiederholen, doch Hermione plante nichts dergleichen. Wie Severus zu Silvester vermutet hatte, wollte sie im Mai ihre UTZE ablegen.
Wenn sie also nicht damit beschäftigt war, beim Aufbau Hogwarts zu helfen, Madam Pomfrey im Krankenflügel zur Hand zu gehen oder irgendwem ihre Schulter zum Ausweinen zu überlassen, dann saß Hermione in der Bibliothek und lernte. Sie genoss die Stille in der Bibliothek, sie genoss es auch, sich mit Arbeit zu überhäufen, denn wenn sie lernte, brauchte sie nicht über andere Dinge nachdenken.
Über Harry, von dem sie wusste, dass er jede Nacht schreiend erwachte, weil ihn die Träume nicht losließen. Über Ron, der still und zurückgezogen blieb, weil er seinen ältesten Bruder verloren hatte und über Ginny, die sich aus dem gleichen Grund jede Nacht in den Schlaf weinte.
Sie wollte nicht über ihre ganzen Verluste nachdenken. Alles war besser als das, selbst wenn sie manchmal abends vor Müdigkeit taumelte und alles vor ihren Blicken verschwand, weil sie zehn Stunden am Stück gelernt hatte. Es war eine Art Betäubung, aber für sie funktionierte es. Sie war dankbar, als Ende Januar der Unterricht wieder aufgenommen wurde, als die Schüler, die überlebt hatten, wieder nach Hogwarts zurückkehrten.
Sie hatte in der gesamten Zeit Severus so gut wie nicht zu Gesicht bekommen, denn natürlich hatten sich ihre „Strafarbeiten" erledigt. Sie bedauerte das, manchmal so sehr, dass sie Schwierigkeiten hatte zu atmen. Sie vermisste die Stunden mit dem Tränkemeister, vermisste ihre hitzigen Diskussionen, das stille Zusammensitzen vor dem Kamin, ihre Streitereien, ihre Neckereien, das Billardspielen… Nicht einmal mehr war er in ihren Geist eingedrungen.
Sie vermisste es, wie er „Löwin" sagte, wie sich bei ihren Experimenten seine warme Hand um die ihre schloss, wie er sich mit Dobby kabbelte; sie vermisste die seltenen Momente, in denen er lächelte, sie mit seinen nachtschwarzen Augen ansah, sie vermisste seine Wärme und Freundschaft.
Sie hatte ihn auch nicht aufgesucht. Sie wusste, dass er noch mehr beschäftigt war als die meisten der anderen Lehrer; jeden Tag waren Auroren oder Ministeriumsangestellte im Schloss, um ihn zu befragen. Neben seinen Pflichten als Professor für Zaubertränke war er auch die Person, die am meisten aussagen musste. Als Spion Dumbledores waren seine Zeugenaussagen für das Ministerium von enormer Wichtigkeit.
Natürlich hatte es auch gerade zu Beginn einige übereifrige Beamte gegeben, die ihn noch immer verdächtigten, auf beiden Seiten gespielt zu haben, solange, bis er freiwillig Veritasserum eingenommen hatte. Allerdings hatte er darauf bestanden, dass bei dieser Befragung Albus dabei war, damit der Schulleiter intervenieren konnte, wenn die Fragen in eine falsche Richtung abdrifteten.
Noch hatte er nicht das Bedürfnis, seine Verwandtschaft zu Albus publik zu machen. Er war immer jemand gewesen, der seine Privatsphäre für sich behielt, und so sollte es auch bleiben. Schlimm genug, dass die Presse ihn Tag für Tag zum Helden stilisierte, spätestens seit dieses Bild im Tagespropheten erschienen war, das ihn und Hermione auf dem riesigen Motorrad zeigte.
Selbstverständlich hatte es sich Rita Kimmkorn nicht nehmen lassen, gleich im nächsten Absatz über eine mögliche Affäre zwischen ihnen beiden zu spekulieren; aber nachdem eine Flut von empörten Leserbriefen über sie hereingebrochen war (und mehrere der spektakulärsten Heuler, die Molly Weasley jemals losgeschickt hatte), musste der Herausgeber des Tagespropheten am nächsten Tag eine zwei Absätze umfassende Entschuldigung drucken.
Die Medien überschlugen sich sowieso von Tag zu Tag mit Berichten über Harry Potter, die Weasley-Familie, Hermione Granger, Albus Dumbledore, Minerva McGonagall und andere Personen, die an der Schlacht von Hogwarts, wie es mittlerweile genannt wurde, teilgenommen hatten.
Jeden Morgen zum Frühstück stürzten hunderte Eulen mit Post herein, Anfragen auf Interviews, Glückwünsche, Danksagungen, Bewunderungen und – Heiratsanträgen. Harry hatte scheinbar die Wahl zwischen allen ledigen weiblichen Personen zwischen zwölf und einhundertdreiundsechzig, und wie es schien, auch einigen, die nicht ganz so ledig waren.
Severus hatte nach dem ersten Tag, als die Eulen sich schon gegenseitig zu hacken begannen, um ihre Briefe loszuwerden, und einige in seinem Porridge gelandet waren, einen Schutzwall errichtet, der sie einen halben Meter vor seinem Platz zum Anhalten zwang. Er schickte alle Briefe ungeöffnet zurück und nahm nur Post an, die ihm von Amigo gebracht wurde.
Dumbledore verbrachte viel Zeit im Ministerium, da eine völlige Neuorganisierung geplant war, und seine Beratung dabei dringendst gefordert wurde. Außerdem hatte man ihn wieder zum Vorsitzenden des Zaubergamots gemacht, und die ersten Prozesse gegen die Todesser begannen.
Mit all diesen Ereignissen vergingen die wenigen Monate bis zu den Prüfungen wie von selbst, und Hermione und Severus begegneten sich fast nur noch im Unterricht oder auf den Gängen. Es war eigentlich die Schuld des Tränkemeisters, denn er ging ihr eindeutig aus dem Weg.
Nach einer unruhig verbrachten Nacht im Januar, in denen seine Gedanken ständig um die junge Gryffindor gekreist und ihn vom Schlafen abgehalten hatten, hatte er sich entschlossen, eine so große Distanz wie nur möglich zu Hermione aufzubauen. Er wusste, dass er sich selbst nicht mehr trauen konnte. Wenn er es ihr gestatten würde, noch mehr in sein Leben einzudringen, würde er für nichts mehr garantieren können.
Er musste wieder Selbstkontrolle übernehmen. Freundschaft war eine wunderbare Sache, das hatte er gemerkt. Aber das, was sich jetzt in ihm abspielte, das… war anders. Es tat weh. Er wollte sie so dringend in seiner Nähe haben, dass es schmerzte. Er wollte… verdammt, er wollte nicht einmal mehr darüber nachdenken.
Eine Schülerin, Severus! Sie ist eine Schülerin! Ihr seid befreundet. Verrate nicht diese Freundschaft, in dem du… Nicht einmal vor sich selbst wagte er es, diesen Gedanken zu beenden.
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Das Frühjahr kam zeitig, löste den kalten Winter ab und brachte neuen Schwung in das Land. Schneeglöckchen und Krokusse blühten früh, dann kamen die ersten Osterglocken, und am 1. Mai war es bereits so warm, dass die ersten Schüler verbotenerweise im See schwimmen gingen.
Es schien, als wollte die voller Saft und Lebenskraft sprießende Natur die Schrecken des vergangenen Winters übertünchen und begraben. Lachen hallte wieder durch die Gänge Hogwarts, die ersten Hausrivalitäten forderten ihren Tribut in Form von gegenseitig angehängten Flüchen, die Lehrer verteilten bereits wieder Punkte oder Strafarbeiten, und Tonks und Remus wurden Eltern.
Das Leben forderte sein Recht – mit aller Macht und Nachdrücklichkeit, die es aufbrachte.
Und Hermione fühlte sich so elend, als gäbe es noch den Krieg mit Voldemort. Nach außen hin war sie gleich bleibend freundlich und aufmerksam, doch innerlich sehnte sie sich nach etwas, das sie nicht zu benennen wagte. Sie verbrachte wieder viel Zeit mit Harry und Ron, oder manchmal auch nur mit Ron, wenn Harry mit Ginny allein sein wollte.
Oft genug vergrub sie sich auch nur in der Bibliothek und lernte. Sie war schon immer intensiv in ihren Studien gewesen, doch jetzt wurde sie extrem. In wenigen Tagen begannen ihre Prüfungen, und, egal welche Gefühle sie zurzeit so durcheinander brachten, sie hatte sich vorgenommen, den höchsten Punktestand zu erhalten, den es je in Hogwarts gegeben hatte.
An dem Sonntag vor den Prüfungen saß sie auf der Tribüne des Quidditchfeldes und sah den Gryffindorspielern beim Training zu. Obwohl es dieses Jahr keinen Pokal geben würde, hatten sie beschlossen, das zu tun, was ihnen am meisten Spaß machte, und Hermione hatte schon seit langem Harry, Ron, Ginny und Seamus nicht mehr so gelöst gesehen wie heute.
Sie gönnte es ihnen, und sie spürte, dass auch auf ihrem Gesicht ein Lächeln spielte. Als ein Schatten über sie fiel, sah sie hoch. „Darf ich mich setzen?", fragte Severus.
Sie nickte, plötzlich unsicher. Bei Merlin, wo war die Leichtigkeit ihres Zusammenseins hin? Er lehnte sich zurück und streckte seine langen Beine aus. Sein Gesicht hatte er der Sonne zugewandt, die Augen geschlossen. Eine Weile schwiegen sie, während Hermiones Blicke zwischen ihm und den Spielern hin und her wanderten.
Schließlich öffnete er seine Augen wieder und sah sie an. „Am Tag nach dem Abschlussball gibt es einen Empfang im Ministerium", sagte er. „Es sind alle…" – er zögerte und kaute auf dem folgenden Wort herum wie auf einem Knochen – „…Kriegshelden eingeladen."
„Also du." Hermione lächelte schelmisch.
„Nicht nur", antwortete er und erwiderte ihr Lächeln mit einem leichten Anheben seines Mundwinkels. „Offensichtlich ist der Schulleiter aus irgendeinem Grund auf mich wütend, denn er hat mich zum Laufburschen degradiert und mich beauftragt, einige der Einladungen persönlich zu überbringen."
Er reichte ihr ein zusammengerolltes Pergament mit dem offiziellen Siegel des Ministeriums. Hermione brach das Siegel und rollte es auseinander.
Sehr geehrte Miss Granger,
bitte beehren Sie uns am Sonntag, den 03. Juni, 199… mit Ihrer Anwesenheit im Spiegelsaal des Zaubereiministeriums. Beginn: 19.00 Uhr. Formelle Roben werden gefordert. Ihr Erscheinen ist ausdrücklich erwünscht, da eine Festivität zum Anlass der Vernichtung des Dunklen Lords geplant ist.
Bitte Seien Sie pünktlich,
der Zaubereiminister
Als Unterschrift stand in der krakeligen vertrauten Schrift: Arthur Weasley
Und noch einmal etwas darunter hatte eben dieser aus dem offiziellem Dokument eine persönliche Einladung gemacht.
Hermione, Liebes, bitte entschuldige die geschwollene Form dieses Machwerks, aber ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn du kommen könntest. Arthur
Hermione sah hoch. „Arthur Weasley ist zum Zaubereiminister ernannt worden? Wieso habe ich davon noch nichts gehört?", fragte sie erstaunt und erfreut.
„Die offizielle Ernennung ist erst morgen, aber ich schätze, er hat schon einmal geübt." Die schwarzen Augen glitzerten spöttisch. Er beugte sich zu ihr. „Wirst du gehen?"
„Gehst du?"
„Hat dir noch nie jemand gesagt, dass man Fragen nicht mit Gegenfragen beantwortet?"
„Du hast gerade eine Gegenfrage mit einer Gegenfrage beantwortet."
Er grinste. Da war sie wieder, die Vertrautheit, die spielerischen Streitereien, die er so vermisst hatte. Bei Merlin, warum hatte er sie nur so lange geschnitten? Im Moment fiel ihm keine vernünftige Antwort ein.
„Eigentlich habe ich auf deine Gegenfrage mit einer Gegengegenfrage reagiert", murmelte er.
„Wer ist jetzt hier der unerträgliche Besserwisser?"
„Du brauchst überhaupt nicht abzulenken…"
„Professor Snape!" Ginny war mit ihrem Besen zu ihnen hinübergesaust und schwebte einen halben Meter von ihnen entfernt. „Was tun Sie hier?"
„Das, was ich am besten kann, Miss Weasley. Ich spioniere den Gryffindors hinterher, in der Hoffnung, meinem Quidditchteam ein paar entscheidende Tipps geben zu können."
Ginny lachte. „Ehrlich? Nun ja, da kann Slytherin nur lernen…"
Severus´ linke Augenbraue wanderte langsam nach oben. „Sie begeben sich da in gefährliche Gewässer, Miss Weasley." Er griff in seine Innentasche und holte ein Pergament hervor, das identisch mit dem Hermiones war. „Ich bin beauftragt, Ihnen das hier zu geben."
Ginny schwebte noch näher und nahm ihm die Rolle aus der Hand. Freihändig auf dem Besen sitzend las sie die wenigen Sätze. „Wow!", murmelte sie dann beeindruckt. „Dad ist Zaubereiminister!"
„In der Tat, ich bin immer wieder von der Beobachtungsgabe der Gryffindors beeindruckt!" Severus konnte eine kleine Hänselei nicht lassen. „Rufen Sie Ihre Freunde, Miss Weasley, ich habe auch für sie ein paar Einladungen."
Ginny warf ihm einen berechnenden Blick zu, dann sprang sie plötzlich von ihrem Besen auf die Tribüne. „Vielleicht möchten Sie es ihnen ja selbst bringen? Offensichtlich sind Sie ja der Bote, nicht ich!" Auffordernd hielt sie ihm den Besen hin.
Hermione verschlug es die Sprache. Severus saß völlig unbewegt, nur seine Augen verrieten, dass er lebte. „Jetzt sind Sie bereits im haiverseuchten Gebiet, Miss Weasley", sagte er schließlich samtweich. „Vergessen Sie nicht, dass Sie im nächsten Jahr noch Unterricht bei mir haben?"
„Nein, ich meine es ernst. Tun Sie es. Ich meine, ich habe gesehen, wie Sie und Hermione mit dem Motorrad gekommen sind, da werden Sie doch bestimmt einen Besen fliegen können?" Ginny, der Harry von seiner Vermutung, dass Snape einmal Sucher gewesen war, erzählt hatte, brannte darauf, ihn fliegen zu sehen.
Severus zauderte und sah zu den jungen Männern von Gryffindor hinüber, die noch immer enthusiastisch spielten. Sie hatten nicht einmal gemerkt, dass Ginny nicht mehr dabei war. Verdammt, was soll´s, dachte er. Ich brauche nicht mehr die gehasste Fledermaus sein, wenn ich nicht will.
„Geben Sie her!", knurrte er und riss Ginny regelrecht den Besen aus der Hand. Mit einer fließenden Bewegung war er aufgestanden und hatte sich seines Umhangs entledigt. Darunter trug er ein schwarzes Hemd und eine taillenlange Weste.
Noch ehe sich Ginny und Hermione von ihrer Überraschung erholt hatten, hatte er den Besen in die Höhe gereckt und sich abgestoßen. Einarmig an dem Besen hängend sauste er mit einer Geschwindigkeit, wie es Ginny noch nie gesehen hatte hinauf, und erst fünfzig Fuß über ihnen schwang er sich mit lässiger Eleganz auf den Besen und hielt auf Harry und die anderen zu.
Ginny stieß die angehaltene Luft aus und starrte ihm hingerissen hinterher. „Wie geil war das denn?", keuchte sie. „Ich glaube, das kann nicht einmal Harry!"
Hermione grinste stolz, sie konnte es sich nicht verkneifen. „Und, glaubst du, er war Sucher?"
„Also, entweder das, oder der Kerl war mal Kunstflieger. Bei Merlins Eiern!" Sie schüttelte den Kopf.
Sie beobachteten, dass Ron, als er Snape auf einem Besen erblickte, vor Schreck fast hinunter fiel und kicherten belustigt, als der Tränkemeister den Jungs daraufhin offenbar einen längeren Vortrag hielt, dabei freihändig auf dem Besen sitzend und mit einer Hand öfter seine Ausführungen unterstreichend.
Dann reichte er ihnen ihre Einladungen, drehte um und schoss wieder zur Tribüne hinüber, wo er geschmeidig absprang und Ginny mit einer Verbeugung ihren Besen wieder reichte.
„Danke, Miss Weasley, sehr aufmerksam von Ihnen. Miss Granger, ich sehe Sie morgen in der Prüfung. Einen schönen Tag noch." Er nickte ihnen zu, schnappte sich im Gehen seinen Umhang und schlüpfte hinein. Sofort bauschte er sich hinter ihm auf, als er die Stufen hinunter stieg und das Quidditchfeld verließ.
Viel Glück morgen, Löwin! Hermione lehnte sich in dem Stuhl zurück, und das breite Lächeln, das sie trug, verließ sie den ganzen Tag nicht mehr.
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Hermione stürmte mit fliegenden Fahnen durch ihre Abschlussprüfungen. Natürlich hatte auch niemand etwas anderes von ihr erwartet, am wenigsten sie selbst. An dem Tag, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden, brach am Gryffindortisch ein dermaßen wüstes Johlen und Fußgetrappel aus, dass sich selbst Professor Dumbledore lächelnd die Ohren zu hielt.
„GRYF-FIN-DOR! GRYF-FIN-DOR! GRYF-FIN-DOR!" Die begeisterten Rufe hallten durch die Große Halle. Hermione wurde abwechselnd blass und rot und lächelte verlegen, stolz und peinlich berührt. Selbst von den anderen Tischen kamen Schüler zu ihr, um zu gratulieren.
„Gut gemacht, Gran… ich meine, Hermione!" Sie starrte verblüfft auf die ausgestreckte Hand Draco Malfoys, bevor sie sie ergriff.
„Danke", antwortete sie und wurde noch ein wenig röter, als er ihre Hand länger hielt als notwendig. Was ging denn hier vor?
Er beantwortete ihre unausgesprochene Frage selbst. „Würdest du mich zum Abschlussball begleiten?"
„Nein, würde sie nicht!", fuhr Ron heftig dazwischen. „Sie geht mit mir!" Er funkelte den Slytherin drohend an. Tatsächlich hatte der Rotschopf aus dem Debakel des vierten Jahres gelernt und Hermione bereits vor einigen Tagen gefragt. Trotzdem fand sie, dass er es höflicher angehen lassen könnte.
„Das ist wahr", sagte sie deshalb sanft.
„Mein ist der Verlust", murmelte Draco mit einer Verbeugung und führte ihre Hand an seine Lippen. Hermiones Wangen brannten vor Verlegenheit.
Was habe ich dir gesagt, Löwin? Severus Snape hatte die Szene offensichtlich beobachtet und genoss sie – der Belustigung in seiner Stimme zufolge – in vollen Zügen.
„Vielleicht reservierst du mir ja einen Tanz, wenn es dein Tischherr erlaubt", sagte Draco, der ihre Hand noch immer nicht losgelassen hatte, und musterte sie aus ernsten, hellen Augen.
Nein! Fast konnte sie Severus maliziös grinsen sehen. „Nein!", sagte sie laut, und gleich darauf: „Was?"
„Ich fragte, ob du mir vielleicht die Gnade eines Tanzes zukommen lassen würdest…"
Hermione versuchte, einen klaren Kopf zu behalten.
Jetzt lass doch den armen Kerl nicht so zappeln!
Schön, dass wenigstens du deinen Spaß hast, Severus!
„Ja, natürlich", brachte sie gepresst hervor. „Sag mal, hat es dich ins 16. Jahrhundert an den Königshof verschlagen, oder warum redest du so…"
„Ich habe mich lediglich an meine Ehre und Erziehung erinnert." Endlich ließ er ihre Hand los, verbeugte sich noch einmal vor ihr und ging.
„Erziehung? Welche Erziehung?", murmelte Harry Hermione ins Ohr.
Hermione drehte sich um und grinste ihn an. Harry machte ebenfalls eine affektierte Verbeugung und bot ihr seinen Arm an. „Mylady, es wäre mir eine große Ehre, Euch zu Eurem Platz zu begleiten."
Hermione knickste vor ihm. „Mylord, die Ehre ist ganz meinerseits." Ron, der nicht abseits stehen wollte, nahm ihren anderen Arm, und so marschierten sie wie die drei Musketiere stolz zum Gryffindortisch.
Kurz nachdem sie mit dem Essen angefangen hatten, wandte sich Ron mit vollem Mund an sie. „Ich hoffe, du tanzt nicht öfter mit Malfoy."
Sie zuckte die Schultern. „Wir werden sehen, Ron." Sie hatte im vierten Schuljahr, noch bevor Victor sie als seine Begleitung auserkoren hatte, Tanzunterricht genommen, in den Ferien vor dem Weihnachtsball. Sie hatte seitdem großen Spaß am Tanzen, doch Ron hatte nicht nur überhaupt kein Rhythmusgefühl, sondern auch noch zwei linke Füße.
Ron schenkte ihr ein reumütiges Grinsen, als hätte er ihre Gedanken erraten. „Ich weiß, dass ich nicht gerade dieser Tänzer bin, du weißt schon, dieser Muggel, von dem Dad so schwärmt, Fred Starlight oder so… ich habe kein Problem damit, dass du mit Malfoy tanzt, ehrlich, Mione. Solange du mit diesem Slytherin nicht mehr im Sinn hast als tanzen…"
Nicht mit diesem Slytherin, dachte Hermione und spürte, dass sie rot wurde bei diesem verräterischen Gedanken. Merlin, wo führt das noch hin, überlegte sie weiter.
Sie hieb Ron mit ihrer Gabel spielerisch auf die Finger. „Selbst wenn, Ronald Weasley, geht dich das gar nichts an!" Sie streckte ihm die Zunge heraus, und für diesen einen Moment war alles wieder wie früher.
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Der Abschlussball wurde ein rauschendes Fest, wie es seit den Gründerzeiten Tradition in Hogwarts war. Der Große Saal glitzerte und glänzte in allen Hausfarben, und alle Anwesenden versuchten, diesem Glanz zu entsprechen.
Hermione hatte mit so ziemlich allen männlichen Mitgliedern der vier Häuser getanzt. Sie fühlte sich erhitzt und seit langer Zeit das erste Mal wieder verschont von schweren Gedanken. Nachdem sie sich sowohl von Neville als auch von Ron auf ihren Füßen herumtrampeln lassen hatte, flüchtete sie zum Buffet.
Sie nahm sich ein Butterbier und nippte daran, während sie sich umsah.
Schmeckt´s nicht? Hermione suchte solange, bis sie ihn fand, in seiner üblichen gelangweilten Haltung mit verschränkten Armen an einer Säule lehnend.
Nicht halb so gut wie das eines gewissen Tränkemeisters, gab sie zu.
Trotzdem schnappte sie sich ein zweites, schlenderte zu ihm hinüber und reichte es ihm, was er anstandslos akzeptierte. „Und, Professor Snape, amüsieren Sie sich?"
„Natürlich, Miss Granger, über alle Maßen! Jahr für Jahr… Und dann morgen noch einmal so ein Spektakel!"
Sie lächelte kurz. „Sie könnten mit mir tanzen, Sir, da vergeht die Zeit schneller…"
„Sie möchte mich wohl unbedingt zum Gespött der Schule machen, Miss Know-it-all?"
„Unbedingt!"
Albus Dumbledore beobachtete, wie Hermione und Severus in der Nähe des Buffets an einer Säule standen und sich unterhielten. Dann wandte er sich an Minerva McGonagall, die mit Tonks und Remus sprach. Der kleine Ted Lupin saß auf dem Schoß seiner Mutter und wurde alle paar Minuten von kichernden Schülerinnen besucht und verhätschelt.
Gelegentlich änderte der kleine Bursche seine Haarfarbe, und einmal, als er mit den Fingern seines Vaters spielte, bekam er eine Knollennase, doch im Großen und Ganzen war er ein außerordentlich ruhiges Baby.
„Wie wäre es mit einer Wette, Min?", fragte Albus mit unschuldigem Gesicht.
Remus grinste und beugte sich vor. „Worum geht´s denn? Vielleicht beteilige ich mich ja?"
„Also, ich wette mit euch, wenn Hermione studiert hat und hierher zurückkommen sollte, dann gibt es zwischen ihr und Severus ein Feuerwerk!"
Seine Freunde schnappten nach Luft und drehten sich unisono herum, um einen Blick auf besagte Personen zu werfen. Severus starrte in die tanzende Menge, hatte eine Hand in der Hosentasche und die andere hielt ein Glas Butterbier. Hermione zeigte ein höfliches Lächeln, hatte sich aber halb abgewandt.
Remus´ Grinsen wurde noch breiter.
„Diesmal, du alter Einmischer, irrst du dich gewaltig. Es mag sie mehr miteinander verbinden als die übliche Lehrer-Schüler-Beziehung, doch in diesem speziellen Fall ist es wohl eher so, dass der Wunsch der Vater des Gedanken ist.
Du hättest vielleicht gerne, dass aus den beiden was wirst, aber du musst dich damit abfinden, dass Hermione in ein paar Jahren den jungen Ron heiratet, das ist so sicher wie die Tatsache, dass Hauselfen Arbeit lieben!"
„Wenn ihr euch so sicher seid, dann – hm, sagen wir zwanzig Goldgalleonen?"
„Leicht verdientes Geld", sagte Minerva McGonagall, und die vier Freunde besiegelten ihre magische Wette. Teddy Lupin gluckste, als er Albus an seinem langen Bart zog.
