„Genauso Beyond! Drück fester zu."
Ich schaute in die Augen von L, die sich langsam schlossen. Seine Arme hingen kraftlos herunter und er wehrte sich nicht mehr.
„Perfekt! Nur noch wenige Sekunden, dann hast du L endlich aus dem Weg geräumt", lobte mich die Stimme.
Ich musterte das leblose Gesicht in meinen Händen. Was empfand ich gerade? In wenigen Sekunden würde er sterben…
Freude?
Genugtuung?
Plötzlich hörte ich L in meinem Kopf:
„Ich bin für dich da und lasse dich nicht im Stich."
Ich ließ in ruckartig los, als hätte ich mich verbrannt und sah wie er zu Boden sackte.
„Nein! Was tust du da Beyond! Er war doch schon mehr tot als lebendig!"
Ich schüttelte meinen Kopf. Verpiss dich aus meinem Schädel!
„Wieso bist du so böse zu mir Beyond? Du hast mir zu verdanken, dass du überhaupt noch unter den Lebenden wandelst"
Nein?! Konnte das wirklich sein?
„Doch kann es… ich bin der Shinigami. Hast du mich vermisst? Du bist weich geworden Beyond Birthday! Das ist langweilig… also musste ich ein bisschen mit „anpacken". Ich habe dich allein für meine Unterhaltung wieder ins Diesseits geschickt… nicht weil ich nett bin und ein Happy End sehen möchte."
Ein Lachen dröhnte durch meinen Schädel, der sich anfühlte, als würde er gleich explodieren.
„Dann töte mich! Hier und jetzt! Hörst du Shinigami?! Töte mich!", schrie ich und drückte mir meine Hände gegen den Kopf.
„So leicht mache ich es dir nicht! Wo bleibt dann der Spaß?"
Ich brach neben L auf den Boden zusammen, erschöpft griff ich nach seiner Hand und packte sie.
„Ach, du bist echt niedlich Beyond. Eigentlich habe ich von dir mehr erwartet, einen der besten Serienmörder, den die Welt je gesehen hätte. Intelligent, skrupellos und eiskalt, ein richtiger Psychopath. Du warst so genial in dieser Rolle. Ich habe es genossen, wie du den jungen Mann und die Frau mit deinen eigenen Händen getötet hast. Der Plan mit den zwei Polizisten… fast ein Meisterwerk. Leider nur fast."
Die Stimme seufzte kurz, ich hatte mittlerweile die Hand von L fest umschlossen und konnte seinen schwachen Puls merken… Gott sei Dank.
„Na gut. Wie du möchtest… ich lasse dich erst einmal in Ruhe. Für das Heilen deiner Wunde hättest du dich ruhig bedanken können. Ich wollte, dass du bei voller Gesundheit und fit bist, wenn du L tötest. Ihn sollte man nicht unterschätzen, schon gar nicht, da er Bescheid wusste. Wie dumm du warst, ihm meine Vision zu erzählen. Es hätte so schön werden können. Doch leider ist dein Wille oder besser gesagt… deine Liebe… aktuell zu stark… ich kann dich leider nicht mehr so kontrollieren, wie ich es möchte.", er spuckte das Wort Liebe regelrecht heraus, als würde er sich davor ekeln.
„Aber eins sei dir gesagt, Beyond Birthday. Sollten jemals deine Gefühle ins Wanken geraten, werde ich nicht zögern."
Meine Kraft kehrte in meinen Körper zurück, schnell kroch ich zu L und drehte ihn auf den Rücken.
„Ich hab es gewusst… ich hab es gewusst… ich hätte dich fast getötet…", ich weinte und vergrub meinen Kopf in seinem Hemd.
„Fast…", waren L's Worte, kaum hörbar, dann hustete er.
„Oh mein Gott!", ich drückte ihn noch fester und konnte meine Tränen nun überhaupt nicht mehr aufhalten.
„Ich sagte doch… ich bin stark…", ich schaute ihm in sein Gesicht und er grinste mich an.
Wie konnte er mir nur so in die Augen sehen, obwohl ich ihn gerade fast getötet hätte?
„Du bist es wieder…", er strahlte mich an und legte eine Hand auf meine Wange.
„Wie meinst du?", fragte ich leicht irritiert.
„Ich wusste, du würdest mich nie töten. Ich habe es in deinen Augen gesehen. Jetzt sind sie wieder sehr dunkel mit einem leicht rötlichen Schimmer. Wie du es gesagt hattest… du warst im Recht"
„Meine Augen?"
Er nickte mir kaum merklich zu, seine Hand fiel auf die Brust, sein Kopf zur Seite und er wurde erneut ohnmächtig. L schien sehr erschöpft zu sein, kein Wunder nach all dem… Ich hob ihn erneut vom Boden und trug ihn diesmal ins Schlafzimmer.
„Dass ich dich hier durch die Gegend trage, solltest du dir aber nicht angewöhnen.", scherzte ich während ich durch den Flur schritt.
Ich öffnete mit meinem Ellenbogen die Tür, ging in den Raum und machte die Tür mit meinem Fuß hinter mir wieder zu. Behutsam legte ich L auf das riesige Bett um erneut auf die Suche nach einer Decke und vielleicht auch einem Kissen zu gehen. In einer Ecke des Schlafzimmers erkannte ich eine Art Truhe, die hatte ich wohl beim ersten Mal nicht bemerkt. Ich öffnete sie und hatte direkt Glück!
Zwei Garnituren an Bettwäsche, perfekt! Aber warum waren sie in dieser Truhe, statt auf dem Bett? Egal, so etwas war gerade unwichtig.
Ich legte die Garnituren auf das Bett, zog L vorsichtig auf das Kissen und deckte ihn dann zu.
Wieso waren die letzten Tage so eine Achterbahnfahrt? Ich hoffte, dass dies bald ein Ende nahm und hier ein wenig Ruhe einkehrte… den Shinigami war ich zumindest erst einmal los, wenn ich ihm glauben konnte… Naja, zumindest solange wie ich L liebte und er mich.
Wie kitschig… ich musste lachen. Wie aus einem schlechten Film… aber war das ganze Leben nicht ein einziger Film?
Ich strich einige Strähnen von L's Stirn und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf diese, dann stand ich auf und ging zurück ins Wohnzimmer um meinen Kakao zu trinken. Er würde sich sicherlich freuen, wenn er aufwacht und einen Berg Süßigkeiten vorfinden würde.
Ich trank den letzten Schluck, stand auf und ging zur Haustür. Gerade wollte ich diese öffnen, als mir einfiel, dass ich ja überhaupt kein Geld hatte.
Moment! In meiner alten Jeans mussten ungefähr hundert Dollar stecken! Ich drehte um und suchte das komplette Wohnzimmer nach dieser Tüte ab. Als ich sie nicht entdecken konnte, ging ich auf die Knie und krabbelte nun nochmal durch das Wohnzimmer. Da war sie ja! Sie stand unter dem Tisch hinter dem Medizinkoffer.
Manchmal erforderte es eben eine andere Sichtweise auf Dinge, um etwas zu finden.
Ich schnappte mir die Tüte, zog die blutige Jeans heraus und rümpfte die Nase.
Oh Gott wie sie roch, ekelhaft! Ich griff in die erste Hosentasche und zog die schwarze Digitaluhr heraus. Ah, die hatte ich ja ganz vergessen! Ich zog sie an und griff nun in die andere Tasche. Jawohl! Die hundert Dollar und einige Cents waren immer noch dort, wo ich sie hingesteckt hatte. Ich stopfte die Hose wieder zurück in die Tüte und nahm sie mit nach draußen. Zwar wusste ich nicht genau, wo es lang ging, aber ich konnte mich ja durchfragen. Ich öffnete die erste Mülltonne, die mir begegnete und schmiss die Tüte, samt blutigen Jeans und Shirt, hinein.
Sayōnara, altes Leben!
