Der nächste Tag im Ministerium begann ziemlich turbulent. Kingsley hatte von seinem Ausflug mit dem Spürhund in das Haus des vermissten Gärtners einiges an neuen Hinweisen und Spuren mitgebracht. Es existierten noch andere Aufzeichnungen über die Privatangelegenheiten des Angelus Palmer, die aber erst der Hund im Wintergarten unter dem Polster der Liege fand. Auch das Versteck des Flasco monile, dem Fläschchen an einer Halskette, erschnüffelte der gut ausgebildete Vierbeiner. Es lag in dem Blumengesteck gleich bei der Eingangstüre. Der Entführte musste es sich kurz vor seiner Überwältigung vom Hals gerissen und in die Blumen geworfen haben, denn die Halskette war zerrissen. Das Fläschchen an der Kette war oval geformt und wie ein kleines Dekorations-Ei bemalt.

„Somit hätten wir das Ei des Kolumbus doch noch gefunden", bemerkte Shacklebolt mit einer gewissen Zufriedenheit. Eric Munch und Phoebus Penrose standen bei dem Schreibtisch ihres Chefs und nickten zustimmend. „Was haben wir sonst noch, dass uns weiterhilft?", fragte Eric nun.

„Also in dem Fläschchen waren Pflanzensamen und ein Zettel. Es scheint, als wurde dieses Notizblatt aus den Aufzeichnungen über eine spezielle Pflanzenzüchtung herausgerissen."

Der Auror deutete auf das kleine Notizbuch, das aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch lag. Es fehlte die letzte Seite, das zerknitterte Blatt hielt Kingsleys in seinen Händen.

„Wenn ich die letzten Eintragungen zusammenfasse, hat Mister Palmer eine neue Pflanzenart gezüchtet. Diese könnte durchaus einen hohen Wert bei den Fachhändlern erlangen. Über die Wirkung dieser Pflanze weiss offensichtlich nur der Züchter, also Mister Palmer, Bescheid. Damit hätten wir ein Motiv für eine Entführung, den möglichen Täter können wir aber nur herausfinden, wenn wir das ganze Buch hier nach Hinweisen durchforsten."

Eric Munch hob abwehrend die Hände, als ihn Kingsley ansah. „Nein, ich habe bei den Tagebüchern schon über 200 Seiten botanisches Zeug gelesen."

Sein Kollege Penrose meinte nach einem Blick auf die ersten Zeilen: „Ich bedaure, ich kann kein Latein und Sie wissen, dass meine detektivische Veranlagung versteckte Dinge zu finden, nicht sonderlich ausgeprägt ist."

Stirnrunzelnd betrachtete der Auror seine Gehilfen und nahm seufzend das Notizbuch wieder an sich. „So gehen beide dann wieder auf Patrouille, wir haben immer noch keinen Hinweis, wer die Eulenfallen im Wald aufgestellt hat. Die Wildhüter haben sie zwar gefunden, doch eine Verbindung zu den Tätern herstellen, das ist unsere Aufgabe. Ich werde das Durchforsten des Notizbuches wohl Miss Tonks übergeben, sie war in Latein eine der Besten. Beim Aufstöbern des Entführers kann ihr dann Moody helfen, einen besseren menschlichen Spürhund gibt es nicht."

Nachdem Penrose und Munch sein Büro verlassen hatten, sichtete Shacklebolt drei neue Akten, die erst vor kurzem eingetroffen waren. Den Auroren ging die Arbeit wirklich nie aus. Doch zuerst würde er jetzt Miss Tonks aufsuchen, um zu fragen, ob sie Zeit für die Überprüfung des Notizbuches habe.

Die gesuchte Frau war zurzeit aber noch beschäftigt. Scrimgeour sass mit seinem Team bei einer Beratung über das weitere Vorgehen des Wildereifalles. Die Berichte der Untersuchungsbeamten bestätigten den Verdacht, dass der Hundezüchter in direkter Verbindung mit illegalen Geschäftemachern in der Nokturngasse stand. Nur einer seiner Geschäftspartner, die Pyrites & Rowle Kompanie, hatte den Laden in der Winkelgasse. Das war die seltsame Adresse, welche Scrimgeour auf den Werbeprospekten in den durchsuchten Apotheken gefunden hatte.

Die Wegbeschreibung, Hinterhof des Möbeldesigners Powrites-Tree, zweite Lagerhalle, deutete auf eine Tochtergesellschaft des Möbelhändlers hin. Doch was sich vermutlich in genau jener Halle abspielte, das verriet ihnen der Speculor, welcher aus dem Hundezwinger stammte.

Diese Kristallkugel, etwa so gross wie eine Männerfaust, lag bereits auf dem für sie vorgesehenen Sockel, um jetzt mit einem Zauberspruch aktiviert zu werden. Bei der Vorführung im Nebenraum der Asservatenkammer waren nur Zacharias, Rufus Scrimgeour, die zwei Untersuchungsbeamten und Richter Ollerton anwesend.

Dass die Sichtung dieses Beweisstückes einen so deutlichen Wendepunkt in der Anklage gegen die Wilderer bringen würde, hatte keiner von ihnen erwartet. Die Projektion materialisierte sich über der Kugel und offenbarte den Blick hinter die Kulissen des nur scheinbar seriös wirkenden Ladens Pyrites & Rowle Kompanie in der Winkelgasse. Der Ort des Geschehens befand sich im hinteren Teil einer grossen Halle, wo sich einige Personen in schmutzig braunen Kutten um ein Podest versammelt hatten. Das Objekt ihres Interesses befand sich auf eben diesem Podest in ihrer Mitte und nahm in der nächsten Szene den grössten Teil des Bildes ein.

Ein dunkelblonder Mann in der Blüte seiner Jahre hing bewusstlos an einem Holzgerüst. In aufrechter Position, mit ausgebreiteten Armen, die Handgelenke mit derben Stricken an den Querbalken gefesselt, so wurde sein Körper in der Markthalle den schaulustigen Käufern präsentiert. Die Kleider des Mannes wirkten durch einen offensichtlich vorangegangen Kampf etwas schmuddelig, waren sonst aber von bester Qualität, eines Edelmannes würdig. Nur an den kraftlos herabhängenden Flügeln erkannte man, dass es sich um einen erbeuteten Vampir handeln musste.

Scrimgeour knurrte im Hintergrund verhaltend, als in der nächsten Szene der Händler das Opfer bei den langen Haaren packte, den Kopf zurückbog und dem Wehrlosen mit einem Stock die Kiefer auseinander drückte.

Schöne Beisserchen, stark in der Wirkung. Wie viel bieten Sie?", fragte er erwartungsvoll. Der vermummte Kunde aber schnarrte: "Zu jung für meinen Bedarf!" Dennoch wurde ein horrender Betrag genannt, als der Händler, auf Wunsch eines anderen Interessenten, einen der seidig schimmernden Flügel des Vampirmannes zu seiner vollen Länge ausbreitete. Ein Beutel voll Galleonen wechselte den Besitzer und damit endete die magische Aufzeichnung und die Projektion aus der Kugel erlosch.

Scrimgeour hatte schon zuvor eine Genehmigung für einen Spionageauftrag bei den Feldern mit den Blutspuren erwirkt. Weil der Auror hoffte, dort einen Beweis für das Einfangen und Entführen der freien Geschöpfe zu finden. Egal, ob es sich dabei nun um Smaragd-Fasane oder andere bedauernswerte Opfer handelte.

Jetzt nach Ende der Sichtung starrte Coach Zacharias schweigend auf die dunkle Kristallkugel, die so viel Bösartiges offenbarte, dann schluckte er schwer und drehte sich zu Scrimgeour. „Auf solche Scheusale könntest du bei deiner Suche treffen, wenn du in ihrem Jagdrevier spionierst. Dahin soll ich dich gehen lassen und dann noch alleine?"

„Wenn wir in Scharen anrücken, finden wir nichts, da sie auch Profijäger beschäftigen, um Vampire zu fangen", prophezeite ihm Rufus düster. „Die sind zu gerissen und werden die Beweise beiseiteschaffen, wenn wir eine offizielle Durchsuchung ankünden."

Die Debatte, um die Gefahren einer solchen Aktion, ging noch einige Zeit hin und her, bis dann endlich die Einwilligung von Zacharias kam. Tonks war schon von Kingsley um Hilfe angefragt worden und der Rest des Teams sollte die zwielichtigen Geschäftspartner des Hundezüchters observieren. Den verkauften Vampir retten konnten sie wohl nicht mehr, doch weitere Gräueltaten verhindern schon.

Angetrieben von dem Verlangen diese Bestien in allen Anklagenpunkten zu überführen und hinter Gitter zu bringen, machte sich Scrimgeour bereit, um alleine zu seinem gefährlichen Auftrag aufzubrechen.