In der Heulenden Hütte
Der Fluch warf Camille gute drei Meter zurück und wirbelte sie wie einen Kreisel herum, bis sie zu Boden sank.
„Beeindruckend", staunte James und beobachtete, wie Camille überprüfte, ob ihre Hände wirklich zu ihrem Körper gehörten.
„Ein
Konfusionszauber", erkärte Peter stolz. „Hoffentlich musste sie nicht
aufs Klo - wie das funktioniert, wird sie erst in zwei Stunden wieder
wissen."
„Dann lassen wir der Natur mal freien Lauf", lachte James
und betrachtete seine Beute. Das Glas war zur Hälfte mit sich
ringelnden, grünen Würmern gefüllt.
„Was glaubst du, was das ist?",
fragte James und reichte Peter das Glas. Peter warf nur einen
flüchtigen Blick hinein, dann sondierten seine Augen wieder den Flur.
„Ich
habe keine Ahnung, aber wir sollten später darüber nachdenken. Camille
wird uns wahrscheinlich nicht verpetzen können, aber wir sollten uns
hier nicht erwischen lassen."
„Ist
hier irgendwo ein Nest? Ich dachte, der Gemeinschaftsraum der
Slytherins wäre im Kerker." Sie waren nicht weit gekommen, nur zwei
Gänge weiter stand eine Gruppe von fünf Slytherins. James kannte nur
zwei von ihnen und irgendwie überraschte es ihn, gerade die beiden
miteinander reden zu sehen.
Neben Lucius Malfoy, dem blonden
Drittklässler, der beim Quidditchwochenende ein so hervorragendes Spiel
als Sucher hingelegt hatte, sah Snape aus wie ein buckliger Hauself. Um
so erstaunter war James, als er bemerkte, dass in Malfoys Gesicht
echtes Interesse und kein Funken Spott stand.
Peter war einen
Schritt hinter James zurückgeblieben, doch James sah nicht ein, wieso
er an den Slytherins nicht einfach vorbeigehen sollte. Immerhin hatten
sie nichts miteinander zu schaffen. Dass er sich irrte, merkte er erst,
als ein breitschultriger Junge Peter am Umhang packte und zurückzog.
„Wen haben wir denn da? Wenn das nicht die kleinen Freunde unseres lieben Vetters sind."
„Lass ihn los!", rief James und zog seinen Zauberstab, doch Lucius war schneller.
„Was sind das für Manieren, Rodolphus", wies er den Jungen zurecht, der sofort Peters Umhang losließ.
Malfoys schlankes, blasses Gesicht wandte sich an James.
„Du bist doch der Sohn von Alamdus Potter, oder?"
James nickte und reichte Malfoy die Hand.
„Ja, ich heiße James."
„Ich weiß." Auch Malfoy nickte und drückte James' Hand so fest, dass es fast weh tat.
„Meine
Familie hält große Stücke auf die Arbeit deines Vaters und seiner
Abteilung. Es ist wichtig, die Gesetze der magischen Welt aufrecht zu
erhalten."
„Ja, das sagt mein Vater auch immer." Malfoy war nur zwei
Jahre älter als James und doch spürte James Respekt für den Jungen in
sich wachsen. Sein Auftreten war selbstsicher und seine Erscheinung
strahlte Macht aus.
„Ich sehe in dir das Erbe deines Vaters, James.
Daher bin ich mir sicher, dass du auch einsehen wirst, dass es für dich
nicht von Vorteil sein kann, dich mit Sirius Black zusammen zu tun."
James stutzte und sah Malfoy verwirrt an.
„Das verstehe ich nicht", gab er zu, als ihn der fordernde Blick aus blassblauen Augen traf.
„Sirius
Black ist ein Unruhestifter. Er ist nicht im geringsten daran
interessiert, Gesetze oder Regeln zu befolgen. Seine Mutter - übrigens
wie deine ein Mitglied des Vereins der Londoner Hexen - hat
schon seit Jahren ihre liebe Mühe mit ihm. Ihre ganze Hoffnung hat sie
in die strenge Erziehung im Hause Slytherin gesetzt, doch der Hut
entschied anders." Malfoys Stimme klang bedauernd und etwas
entschuldigend.
„Sirius Black hat dem Hause Gryffindor bislang nur
geschadet, das wirst du nicht abstreiten können. Seine Treue gilt nur
ihm selbst und auch dich wird er verraten, sobald er einen Vorteil
daraus schlagen kann. Er ist wechselhaft und launisch und ohne die
Traditionen Slytherins kann er sogar gefährlich werden."
Obwohl sich
James der Faszination, die Malfoy auf ihn ausübte, nicht entziehen
konnte, hegte er Zweifel an diesen Worten. Malfoy schien dies zu
bemerken, lachte hell und legte James freundschaftlich die Hand auf die
Schulter.
„Als junger Gryffindor hättest du das Herz am falschen
Fleck, wenn du dich auf die Seite Slytherins stellen würdest. Doch
jedes Haus hat seinen Zweck zu erfüllen und wenn dieser Zweck nicht
edel und angemessen wäre, hätte man es längst abgeschafft. Bewahre dir
deine Ablehnung gegen Slytherin, sie schürt den Ehrgeiz und bringt
Motivation, doch stelle sie nicht über die Ziele des wahren Lebens.
Sirius Black ist ein Verräter an seiner Familie und er wird es auch an
seinem Haus und an denen, die sich für seine Freunde halten, werden.
Doch genug gepredigt", wieder lachte er leise auf und klopfte James zum
Abschied auf den Arm.
„Ich muss los, wir sehen uns bestimmt bald
wieder, James. Kommst du, Severus?", wandte er sich an Snape, der die
ganze Zeit über schweigend daneben gestanden hatte. Auch jetzt
erwiderte er nichts, nickte nur und folgte Malfoy.
Die drei anderen
gingen nur ein paar Schritte mit. Als Malfoy hinter einer Ecke
verschwunden war, drehten sie sich wieder zu James und Peter um.
„Vielleicht meint Lucius es ja gut mit euch, mir ist das recht schnuppe", begann einer von ihnen und funkelte James böse an.
„Wer sich auf Sirius' Seite stellt, stellt sich gegen uns, und glaubt mir: Das wollt ihr nicht."
Ein
mächtiger Fluch traf James mitten auf die Brust und schleuderte ihn
gegen die Wand des Ganges. Vor Schmerzen stöhnend sank er zu Boden.
Neben ihm landete Peter, vom selben Zauber getroffen.
James hatte
sich so sehr auf den blonden Rädelsführer konzentriert, dass er nicht
bemerkt hatte, dass die beiden anderen ihre Zauberstäbe gezogen hatten.
Jetzt kamen sie alle drei mit erhobenen Zauberstäben auf sie zu.
„So funktioniert das nicht, Rodolphus!"
Eine
kalte Stimme ließ die drei Angreifer innehalten und sich umsehen.
Sirius kam mit erhobenem Zauberstab auf sie zu. Sein Gesicht war
steinern und seine Augen blitzten gefährlich.
„Ich kann mir gut
vorstellen, dass Lucius das duldet, aber wie wird Professor Slughorn
reagieren, wenn herauskommt, dass ihr drei Jahre jüngere Schüler
angegriffen habt? Das wird Cristens Aufgabe nicht erleichtern und
Slytherin sicher einige Punkte kosten."
Rodolphus richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
„Ja,
dir verräterischer Petze traue ich das glatt zu. Aber glaub nicht, dass
du immer so leicht davonkommst, dein Stündchen wird noch schlagen."
Er nickte seinen Gefährten zu und ging an Sirius vorbei. Sie konnten es aber nicht lassen ihn dabei provokativ anrempelten.
Sirius biss seine Zähne zusammen und sah ihnen nicht einmal nach, dann trat er zu James und reichte ihm die Hand zur Hilfe.
„Alles ok?" fragte er und zog auch Peter auf die Beine.
„Mein
Schädel brummt, aber ansonsten ist ...", James unterbrach sich und
starrte zu seiner Tasche hinunter. Kleine grüne Würmer krabbelten aus
ihr heraus und verschwanden in der Wand.
„Was ist das?", fragte Peter.
„Das
Glibberzeug, das wir Camille abgenommen haben. Es scheint zu denken",
antwortete James und schob die Tasche mit dem Fuß zur Seite.
Glassplitter rieselten aus der Tasche und noch mehr kleine Würmer, die
sich zu einer ganz bestimmten Stelle in der Mauer schlängelten.
Sirius
hob den Zauberstab und sprach eine Zauberformel. Auf der Wand erschien
ganz kurz ein leuchtender Strich, der zu wackeln begann, zu einer
Wellenlinie wurde und dann wieder verschwand.
„Ein Spaltenzauber!", riefen Sirius und Peter gemeinsam.
„Weißt du noch, wie man die Dinger benutzt?", fragte Sirius und berührte die Stelle, an der der Strich erschienen war.
„Klaro", strahlte Peter und zog Sirius zur Seite.
„Man berührt die Wand mit der Hand, geht einen Schritt zurück, zwei vor und dann in den Spalt."
Peter
führte das, was er beschrieben hatte gleich vor und tatsächlich
verschwand er nach den letzten Worten in der Wand. James hatte seinen
brummenden Schädel bereits vergessen und machte nach, was Peter
vorgemacht hatte. Auf der anderen Seite der Wand erwartete ihn ein
schmaler Gang und ein grinsender Peter.
Der Gang führte in beide Richtungen entlang der Wand und bog an beiden Seiten nach ein paar Metern von ihr weg.
„Wo lang?", fragte Sirius als auch er sich den Gang angesehen hatte.
„Den Würmern nach", antwortete Peter und deutete auf die Würmer, die geschlossen nach Süden krabbelten.
„Wo
hatte Camille die Dinger her?", überlegte James laut und hob einen der
Würmer auf, in seiner Hand zerplatzte er jedoch sofort zu feinem,
grünem Staub.
„Wieso habt ihr Camille das Glas überhaupt
abgenommen?", fragte Sirius und seine Stimme klang besorgt, was James
an Malfoys Worte erinnerte: „Er wird auch dich verraten."
Peter erzählte Sirius, was vorgefallen war, während sie den Knick des Ganges erreichten und die Treppe dahinter hinabstiegen.
James
beobachtete Sirius im schwachen Licht ihrer Zauberstäbe und in seinem
Kopf überschlugen sich die Gedanken. Schon Jaqueline hatte ihn gewarnt,
dass Sirius sie verraten haben könnte und jetzt kam dieselbe Warnung
von Malfoy. Aber konnte er Malfoy glauben? Immerhin hatte Malfoy mit
Snape geredet, es hatte ausgesehen, als hätten sie sich da verabredet.
Sirius Verhalten war tatsächlich mehr als verdächtig, aber sie hatten
auch so viel gemeinsam. Die Karte machte riesige Fortschritte seit
Sirius mit ihnen zusammenarbeitete und ihnen mehr Zauber gezeigt hatte
als Peter und James je allein gefunden hätten. Sirius verschaffte ihnen
dadurch einen Vorsprung, den sie auch gegen ihn verwenden könnten. Wenn
er vorgehabt hätte, gegen sie zu arbeiten, hätte er ihnen das alles
doch verschwiegen, um ihnen überlegen zu sein.
„Ihr habt sie mit
einem Konfusionszauber belegt? Geht es ihr gut? So etwas ist doch
gefährlich!", rief Sirius gerade und blieb in einem kurzen Übergang
zwischen zwei Treppen stehen.
„Was soll das alles überhaupt!" James platzte jetzt endgültig der Kragen.
„Sie
ist deine schlimmste Feindin, ihr duelliert euch andauernd, sie hat dir
Schluckaufpuder untergeschoben, du hast ihr den Warzenfluch verpasst.
Und plötzlich bist du um ihre Gesundheit besorgt?"
James hatte den Zauberstab gegen Sirius erhoben und da immer noch den Lumos-Zauber
wirkte, malte das Licht bizarre Schatten in Sirius' Gesicht. Trotzdem
glaubte James zu sehen, wie Sirius' Augen mild wurden und so etwas wie
Scham in sein Gesicht trat.
„Camille ist schon ok. Wir haben geredet."
James sah ihn nur verständnislos an.
„Mir
haben die Kabbeleien schon bald Spaß gemacht. Weißt du, ich werde nicht
nur von Camille fertig gemacht - meine Hausaufgaben verschwinden, meine
Bücher kleben zusammen, jedes Mal, wenn ich an einem Slytherin
vorbeigehe, passiert etwas und ich weiß nie, wer es war, das ist echt
nervig. Gegen Camille konnte ich mich wehren, daher habe ich es ihr
wohl nicht so übel genommen wie dem restlichen Pack. Und dann, letzten
Monat hatten wir diesen gewaltigen Zoff. Da wo Kurt aus der Zweiten denZungenschwellzauber abbekommen hat."
Auch Peter hatte das
Licht seines Zauberstabes in Sirius' Gesicht gerichtet, wodurch man
sehen konnte, wie sich Sirius' Wangen leicht röteten.
„Wir saßen
allein in Dumbledores Büro und ich glaube, wir hatten beide Schiss und
waren wütend und ... naja, zuerst war es ein Streit, doch dann haben
wir geredet. Camille hat erzählt, dass schon bei der Auswahlzeremonie
entschieden wurde, mich fertig zu machen. Als sie ihnen zuvorgekommen
war, hatte Malfoy Basil, diesen bulligen Treiber der Slytherins
zurückgepfiffen. Sie hat mir irgendwie einen Gefallen damit getan. Und
irgendwie macht es Spaß, sich mit Camille zu duellieren. Sie ist echt
gut, ich habe dadurch viel gelernt und solange sie ganz offen gegen
mich kämpft, halten sich viele Slytherins zurück."
Sirius sah zu Boden und seine Stimme klang belegt, als er weiter sprach.
„Ich
wollte nicht nach Slytherin, aber ich hatte gedacht, ich hätte eh keine
andere Wahl. Als der Hut dann „Gryffindor" sagte... Ich hab es einfach
nicht geglaubt, ich dachte: Das ist zu gut, um wahr zu sein. Und das
war es auch. Malfoy und die anderen setzten alles daran, mich diese
Wahl bereuen zu lassen und vor Weihnachten hatten sie es dann
geschafft."
Er sah wieder auf und seine Augen waren feucht, doch er lächelte.
„Camille
hatte sich für mich eingesetzt, auf eine verdrehte Art, ja, aber auf
eine wirksame. Wenn sie mir Schluckaufpulver und Felderwichtflüche
verpasste, hörten die anderen auf, mich unter der Hand zu verhexen.
Dumbledore ließ uns zwei Stunden allein in seinem Büro warten und wir
haben über alles mögliche geredet, uns Grenzen gesetzt, Zeichen
vereinbart, uns Tricks verraten. Dann kam Dumbledore herein reichte uns
eine Schüssel mit Zitronenbrausebonbons und meinte: „Wo man überall
Freunde findet." Ich glaube er hat sogar gekichert. Er hat uns nicht
bestraft oder so, sondern uns nur gesagt, in welchem Zimmer Kurt liegt.
Das war echt beeindruckend. Ich hatte noch nie Freunde, ich habe meine
Kindheit mit meinen Cousinen und den Malfoys und Lestranges verbracht,
bist auf Andy sind das alles Spinner. Bei Camille hatte ich aber
plötzlich das Gefühl, dass sie mich mochte. Daher habe ich auch über
das, was du über das „Gryffindor-Sein" gesagt hast, nachgedacht. Aber
vielleicht war das ein Fehler. Wenn ihr meine Freunde seid, werden die
Slytherins euch genauso fertigmachen wie mich."
James merkte, dass
sein Hals trocken geworden war. Er hatte nie darüber nachgedacht, was
es für Sirius, der aus einem Slytherin-Haus kam, bedeutete nach
Gryffindor gewählt zu werden.
Für James war es ganz einfach gewesen,
sein Vater war ein Gryffindor, seine Mutter eine Ravenclaw und die
Potters waren eine alte Zaubererfamilie, er hätte in jedes Haus kommen
können und es wäre in Ordnung gewesen. Aber die Blacks, sie waren alle
Slytherins, seit Generationen.
„Ich habe keine Angst vor Malfoy." Peters Stimme unterbrach James Überlegungen.
„Wenn
du nichts dagegen hast, dass ich deinen Vater nicht leiden kann und
wenn du mit mir befreundet sein willst, dann bin ich einverstanden.
Auch wenn es gelogen war, dass ich vor Malfoy keine Angst hätte, aber
ich bin mir sicher, dass ich ihm aus dem Weg gehen kann." Peter grinste
und reichte Sirius die Hand.
„Meinen Vater kann ich auch nicht
leiden, also ist das ok und ich werde alles tun, damit Malfoy dich in
Ruhe lässt. Also Freunde!" Sirius grinste auch und schüttelte Peters
Hand.
James musste lachen und legte die Arme um die Schultern der beiden Jungs.
„Ich bin auch dabei. Mir musst du nur versprechen, mich vor Jaqueline zu beschützen, mit Malfoy komme ich schon zurecht."
Sirius' Gesicht verzog sich zu einer gespielt erschrockenen Grimasse.
„Da würde ich mich lieber mit Lestrange duellieren. Reicht es schon, wenn ich zur Abwechslung nett zu ihr bin?"
„Für den Anfang wird es reichen müssen", lachte James. „Aber lasst uns weitergehen, hier wird es langsam kalt."
„Dem
kann abgeholfen werden", flötete Peter und zog einen kleinen Beutel aus
der Hosentasche, schnürte ihn auf und zog einen ganzen Mantel daraus
hervor.
„Etwas zerknittert, aber warm. Nach der Sache in Wald habe
ich dazugelernt", erklärte Peter und zog einen zweiten Mantel aus dem
winzigen Beutel.
„Ich habe leider nur zwei Mäntel, aber ein Pullover
tut es sicher auch." Peter zog einen dunkelgrünen Pullover heraus und
reichte ihn Sirius.
„Ein Verkleinerungszauber?", fragte James und betrachtete interessiert den Beutel.
„Nein,
ein Volumenzauber, oder?", spekulierte Sirius. Peters Wangen liefen so
rot an, dass man es sogar in Halbdunkel sehen konnte.
„Ich habe keinen Schimmer, ich habe ihn aus dem Krempelladen am Piccadilly Circus, er hat nur neun Sikel gekostet."
Der
Gang führte tief hinunter in den Bauch des Schlosses und dann in einen
Erdgang, der mit Holzbalken abgestützt war. Überall tropfte Wasser von
der Decke und der Boden war vom knöcheltiefen Matsch bedeckt.
„Ich
glaube, wir sind unter dem See, genauer unter der schmalen Stelle zum
Dorf hin", flüsterte Peter und zeichnete die letzte Biegung des Ganges
ein.
James spürte, wie ihm mulmig zumute wurde. Tief unter der Erde,
unter dem See, Unmengen an Wasser und einen Riesenkraken über sich.
Sein Herz hämmerte immer schneller und heftiger gegen seine Brust.
„Gehen wir weiter?", fragte James und versuchte das Ende des geraden, feuchten Ganges vor ihnen zu erspähen.
„Wir
sind schonmal hier," überlegte Sirius laut. „Der Weg führt fast genau
auf Hogsmead zu, wir sind warm angezogen und es ist noch nicht sehr
spät, wir könnten versuchen, zur heulenden Hütte zu kommen. Es war zwar
nicht geplant, aber es ist eine einmalige Chance."
Peter nickte zustimmend und sie gingen mit schmatzenden Schritten weiter.
Der
Gang führte zweihundert Meter geradeaus und machte dann eine kaum
merkliche Biegung, bald darauf tauchten Balken auf dem Boden auf.
Zuerst noch halb im Matsch versunken, dann auf einem immer höher
werdenden Podest, bist sie zu einer Treppe wurden. Am Ende der Treppe
lag eine Tür oder genauer ein Bretterverschlag, der in zwei verrosteten
Angeln hing, ohne Klinke oder Schloss. Sirius versuchte die Tür zu
öffnen, doch sie schwang nur einen Spalt breit auf und stieß dann gegen
ein Regal, in dem Flaschen klirrten.
„Wir sind im Keller eines
Hauses", flüsterte Sirius und zog seinen Zauberstab. Mit einem
Zauberspruch ölte er die Scharniere, dann hob er mit dem Locomotor-Zauber das Regal an und verschob es um einen halben Meter. Gerade genug Platz, damit sie hinter ihm hervorschlüpfen konnten.
„Butterbier!"
Peter nahm eine der Flaschen aus dem Regal. „Und hier ist Feuerwhisky
und Met. Wir sind im Vorratskeller einer Schenke." James nickte
zustimmend, legt sich dann aber den Finger auf die Lippen um zu zeigen,
dass sie jetzt leise sein sollten. Er ärgerte sich, dass er den
Tarnumhang nicht mitgenommen hatte, doch jetzt musste es eben auch ohne
gehen.
Er schlich zu der Treppe, die nach oben führte, und hinauf
zur Tür. Durchs Schlüsselloch sah er einen Gang, der zu den Toiletten
zu führen schien, links von der Tür war das Lokal. Eine helle
gemütliche Kneipe, gut besucht und gut geheizt. James meinte sogar im
Gewirr der Stimmen Hagrids bäriges Lachen zu hören.
Er winkte Sirius
und Peter zu. Flüsternd erklärte er ihnen, dass sie geradeaus in den
Gang laufen mussten, sobald sie die Tür öffneten. Wieder nur einen
Spalt breit, gerade genug, damit sie sich durchquetschen konnten.
Sirius
ging zuerst, es gelang ihm, ungesehen an den trinkenden und redenden
Zauberern in den Gang zu schlüpfen, Peter blieb an der Klinke hängen
und ganz kurz glaubte James, man hätte ihn bemerkt, doch das
Stühlerücken gehörte nur zu einer Gruppe von älteren Hexen, die ihre
Plauderstunde beendeten. Mit ihrem Aufbruch boten sie James die
geeignete Ablenkung und er schlüpfte im Schatten ihrer Mäntel in den
Gang.
Diesmal hatten sie Glück. Der Gang endete an einem Fenster,
das einen Spalt weit offen stand. Sie öffneten es ganz und stiegen
hinaus.
Draußen nieselte es, der Boden war weich und schlammig. Da
sie keinen Zauber kannten, der Fußabdrücke verschwinden ließ, schnitt
Sirius einen zweigreichen Ast von einem Strauch ab und verwischte damit
die Spuren, die vom Fenster aus gesehen werden konnten.
Sie
liefen hintereinander nah an den Hauswänden entlang in den Schatten. Es
war erst Nachmittag, die Sonne war noch nicht untergegangen, doch durch
die Wolken kam nur wenig Licht. Daher gelangen sie auch unentdeckt an
den Rand des Dorfes.
James hatte befürchtet, sie würden die Hütte
nicht finden, doch seine Angst war unbegründet. Die ersten Schilder
standen schon am Dorfrand: „Gefährlicher Spuk! Nicht Betreten!"
Sie
mussten über einen hohen Zaun klettern, weil er ihren Zaubern nicht
nachgab und als sie den Hügel mit der Hütte erreichten, kannte James
die Warnungen der zahlreichen Schilder schon auswendig.
„Habt ihr
mal darüber nachgedacht, dass das hier gefährlich sein könnte?", fragte
Sirius und seine Stimme hatte etwas ironisches.
„Wenn etwas passiert, ist Pericul schuld." James und Sirius sahen Peter fragend an.
„Naja, er hat es ja zu Jaqueline gesagt, nur ein verbitterter Geist, nichts schlimmes."
James grinste obwohl ihm die Knie zitterten.
„Dann lasst uns nachsehen, ob ein Geist diesen Schilderwald wert ist."
Die
Hütte sah gespenstisch aus, so im trüben Licht der untergehenden Sonne,
deren wenige, durch die Wolken durchbrechenden, roten Strahlen sich in
den Tropfen des Nieselregens brachen.
Obwohl die Hütte zwei
Stockwerke hatte war sie winzig. Die Tür war zugemauert und die Fenster
waren mit dicken Brettern doppelt vernagelt.
„Wir machen es von
weitem", erklärte James, während sie über die nasse Wiese zum Haus
gingen, „ich kenne einen Zauber, mit dem man die Bretter von einem
Fenster entfernen kann. Dann sehen wir weiter."
Zwei Meter vor der
Hütte blieben sie stehen und James hob seinen Zauberstab, das erste
Brett wurde knirschend abgerissen. Eine Windböe trieb kalte Luft durch
James' Mantel und ließ ihn frösteln. Zumindest hoffte James, dass es
der Wind war und nicht das Bild der Hütte, mit dem Vollmond am
Horizont. Das zweite Brett löste sich und gleich darauf das dritte.
Ein schmaler Spalt entstand.
Die
Jungen warteten, doch nichts geschah. Man hörte nur den pfeifenden
Wind. James merkte gar nicht, dass er sich bewegte. Er legte die Hände
auf das nasse Holz der Bretter und spähte in den kleinen Raum. Etwas
bewegte sich in der Dunkelheit, doch James konnte es nicht erkennen.
Etwas kratzte über Holz und schnüffelte, dann sprang es.
James
kippte zurück, er bekam keine Luft und konnte sich nicht bewegen. Er
starrte nur panisch auf die grässlich verzerrte Schnauze, die zwischen
den Brettern nach ihm geschnappt hatte und jetzt versuchte, zu ihm nach
draußen zu gelangen. Rote Augen funkelten durch die Spalten der Bretter
und James hörte die Krallen am Holz. Das Monster fauchte wütend und
stieß die Schnauze erneut zwischen die Bretter. Blut lief ihm ins Maul,
doch die Verletzungen schienen es nur noch mehr anzustacheln. Eins der
Bretter brach und das Wesen nahm erneut Anlauf, um seinen Kopf gegen
die geschwächte Barrikade zu rammen.
Peter und Sirius hatten James
an den Armen gegriffen und schleiften ihn von der Hütte weg. Er konnte
sich immer noch nicht bewegen, starrte nur auf die verzerrte Fratze des
Monsters, das bereits den haarigen Kopf durch das Fenster geschlagen
hatte. Seine Pranken zerschmetterten das Holz und James glaubte sein
Schnaufen direkt neben sich zu hören.
„Los, James komm hoch!",
schrie Peter außer Atem. James versuchte seine Beine zu bewegen, doch
er konnte nicht, seine Augen hingen noch immer an dem Monster, das sich
unaufhaltsam durch die Bretter arbeitete. Peter stolperte und riss auch
Sirius zu Boden.
James zitterte am ganzen Körper und versuchte
wegzukommen, egal wie, doch seine Hände rutschten immer wieder im
nassen Gras ab. Wie Käfer krabbelten sie auf dem Boden, während sich
das haarige Monster aus der Hütte befreite und auf den Rasen sprang.
Wie ein riesiger Hund hockte es da und schnüffelte, die Augen genau auf die drei Jungen gerichtet.
„Wir werden sterben", fuhr es James durch den Kopf.
Das Monster fauchte und sprang.
