Kapitel 20

Folter sie, Henry."

Und er tat es, Während die Schreie der zwei kleinen Kinder durch die Halle schallten, hob Harry den Kopf. Sein Blick wanderte von dem Dunklen Lord, der ihm stolz zuschaute, zu der jungen Frau, die neben ihm stand. Verachtung glitzerte in ihren smaragdgrünen Augen. Eine einzelne Träne rann ihre Wange hinunter.

Du hast es mir versprochen, Harry. Du hast es mir versprochen."

Schlagartig wachte Harry auf. In die Dunkelheit starrend, hatte er das Gefühl zu ersticken. Er sprang auf, lief zum Fenster und riss es auf. Die eisige Kälte traf ihn wie ein Schock.

Ja, er hatte es versprochen und dennoch war er bereitwillig der Dunkelheit anheimgefallen. Auch wenn er keine Gefangenen gefoltert hatte, abgesehen von der Muggel- Familie und Ginnys Vater, er glaubte nicht, dass seine Mutter gewollt hätte, dass er die Anhänger Voldemorts folterte oder die dunkelsten Flüche anwandte. Doch genau das hatte er getan.

Wäre Ginny nicht gewesen, würde er wahrscheinlich immer noch durch die Kerker streifen auf der Suche nach einem Opfer. Harry schauderte. Ginny hatte ihn gerettet, hatte ihm ihre Liebe geschenkt. Sie hatte ihm vorbehaltlos vertraut.

Und nun sollte sie den Worten einer Zeitung glauben? Doch war dies die einzige denkbare Erklärung für ihr Verhalten.

Als er zu frieren begann, schloss er das Fenster und kehrte zurück ins Bett. Bei Anbruch der Dämmerung schlief er endlich ein. Nicht lange danach weckte ihn Diri. Das Frühstück, welches sie ihm brachte, berührte er jedoch kaum. Er hatte einfach keinen Hunger. Als er kurz darauf hinunterging, hörte er von Remus, dass sein Vater und Sirius schliefen.

Remus musterte ihn.

„Geht es dir gut?"

„Natürlich geht es mir gut. Warum sollte es nicht?", erwiderte Harry, erschrocken von der Schärfe in seiner Stimme.

Remus' verletzten Gesichtsausdruck zu sehen, versetzte ihm einen Stich. Aber gegenwärtig war er außerstande sich zu entschuldigen. Stattdessen ging er wieder nach oben. In seinem Zimmer jedoch hielt er es erst recht nicht aus. Einer spontanen Regung folgend, ergriff er seinen Besen und eilte treppab. Er wollte gerade das Haus verlassen, als Remus seinen Namen rief. Wie sich herausstellte, war Aderley nach Godric's Hollow gekommen. Mit ausdruckslosem Gesicht ging Harry ins Wohnzimmer. Bevor Aderley, der zu Harrys Erleichterung allein gekommen war, auch nur ein Wort hätte sagen können, sah ihm Harry direkt in die Augen.

„Kein Wort von diesem Zeitungsartikel ist wahr. Es ist nichts weiter als eine Lüge."

Aderley schaute ihn ruhig an.

„Sie wissen, dass ich vielleicht keine andere Wahl haben werde, als Sie unter Veritaserum zu befragen, sollte noch solch ein Artikel erscheinen."

„Dazu müssten Sie meiner erst einmal habhaft werden.", sagte Harry eisig, wirbelte herum und marschierte auf die Eingangstür zu.

Dass Aderley ihn einfach gehen ließ und keinen Versuch unternahm ihn zurückzuhalten, rief eine gewisse Enttäuschung in ihm hervor. Fast wünschte er sich, der Minister hätte eine andere Reaktion gezeigt.

Kopfschüttelnd, trat er ins Freie, verdrängte jeden Gedanken an den Minister und kletterte auf seinen Besen. Er flog so schnell wie möglich, sich nicht darum kümmernd, ob ihn jemand sehen konnte. Aber zum ersten Mal machte es ihm keine Freude zu fliegen. Er hätte genauso gut irgendetwas anderes machen können. Es hätte keinen Unterschied gemacht.

Es wurde bereits dunkel als mit Schnee vermischter Regen ihn seine Umgebung wieder bewusst wahrnehmen ließ. Sich umschauend, hatte er keine Ahnung, wo er war. Er stellte sich Godric's Hollow vor und apparierte.

Sein Dad, Sirius und Remus empfingen ihn mit Erleichterung. Auch wenn es sein Herz erwärmte zu wissen, dass wenigstens seine Familie ihn nicht fürchtete, wehrte er alle Versuche ab mit ihm zu sprechen und floh in sein Zimmer. Wie konnte er ihnen erzählen, dass Ginny ihn angefleht hatte zu gehen? Dass sie ihn angesehen hatte, als ob sie erwartete, er würde jeden Augenblick anfangen sie zu foltern?

Nach einer ruhelosen Nacht stand er am nächsten Morgen recht früh auf. Außer ihm war noch niemand wach, worüber er nur froh war. Er war nicht in der Stimmung für lange Unterhaltungen, noch wollte er irgendeine Erklärung abgeben, warum er gestern stundenlang durch den Regen geflogen war.

Er schrieb eine kurze Nachricht und machte sich auf nach Hogwarts. Zur Abwechslung apparierte er nicht, sondern flog auf seinem Phönix. Es war schließlich noch viel Zeit bevor die erste Stunde beginnen würde. Er hatte kaum einen Fuß ins Schloss gesetzt, als ihn das merkwürdige Gefühl ergriff wieder seine ersten Schultage zu durchleben. Abermals wagte es keiner seinem Blick zu begegnen. Besonders die jüngeren Schüler gingen ihm eiligst aus dem Weg und in der Hand eines kleinen Mädchens sah er etwas, das verdächtig nach einer Zeitung aussah.

Er kam ein wenig zu spät im Klassenraum an und während ihn McGonagall mit einem vorwurfsvollen Blick bedachte, suchte er sich einen Platz aus, der am weitesten vom Lehrertisch entfernt war. Der Unterricht rauschte an ihm vorbei, ohne dass er etwas davon mitbekam. Für seine nicht gemachten Hausaufgaben zog McGonagall, die seit Skirrows Tod vorerst abwechselnd mit Snape den Unterricht gegen die Dunklen Künste übernommen hatte, ihm Punkte ab, doch Harry hätte das nicht gleichgültiger sein können.

Sobald die Glocke läutete, verließ er das Klassenzimmer. Die fragenden Blicke von Damian und Hermione ignorierend, die ihn schnell einholten, bog er rasch um eine Ecke, zauberte sich unsichtbar und wartete. Damian und Hermione waren kaum an ihm vorbei gelaufen, als er das Weite suchte. Kurz darauf hastete er über die Ländereien und versuchte seine Ruhelosigkeit in den Griff zu bekommen.

Aber wohin er auch blickte, alles schien ihn an Ginny zu erinnern. Selbst der See und er dachte zurück an das Bootrennen, das sie gewonnen hatten. Er ging zu einer der Bänke, setzte sich und starrte düster auf den gefrorenen See, der wie ein silberweißer Spiegel vor ihm lag.

Eine sanfte Stimme schreckte ihn auf. Er hob den Kopf und sah in das lächelnde Gesicht von Anne.

„Hallo, Harry", sagte sie und setzte sich neben ihn.

„Was machst du denn hier so allein? Wo ist Ginny?"

Der plötzliche Schmerz, den Harry fühlte, ließ ihn eine Weile später antworten. Er schaute zum Schloss und erkannte, wie spät es war. Obwohl er hier einige Stunden gesessen haben musste, war er sich weder seines Hungers noch der Kälte bewusst gewesen.

„Sie ist im Schloss und macht ihre Hausaufgaben.", sagte er schließlich.

Anne seufzte.

„Ich muss auch noch Hausaufgaben machen. Und in Verwandlung verstehe ich überhaupt nichts. Es ist alles so schwierig. Und nächste Woche will McGonagall einen Test schreiben. Ich weiß einfach nicht, wie ich das schaffen soll."

„Ich könnte dir helfen."

Harry hatte seinen Vorschlag kaum gemacht, als Annes Augen aufleuchteten.

„Würdest du? Wirklich?"

Harry nickte.

„Ja. Wenn du willst, können wir sofort anfangen. Ich habe gerade nichts anderes zu tun."

Anne war einverstanden und so kehrten sie zum Schloss zurück. Derweil fragte sich Harry was in aller Welt ihn dazu bewogen hatte diesen Vorschlag zu machen. Vielleicht waren es ihre blauen Augen gewesen, die ihn nicht mit Angst oder Misstrauen angesehen hatten. Offenbar hatte sie den Artikel noch nicht gelesen oder sie schenkte ihm keinen Glauben. Das Letztere bezweifelte er, doch was auch immer der Grund war, Harry war dankbar darüber.

Während Anne ihre Schulsachen holte, ging er schnell in die Küche und holte für sich und Anne, falls sie auch etwas wollte, etwas zu essen. Dann führte Harry sie zu dem Gemälde mit der Obstschale. Anne starrte ihn mit großen Augen an, als sie seinem Zischeln lauschte. Als sie jedoch die Wendeltreppe sah, zögerte sie.

„Was ist?", fragte er sanft.

Sie schüttelte den Kopf.

„Nichts. Es ist nur so dunkel. Es erinnert mich an die Kerker…"

Ihre Stimme brach und Harry fluchte lautlos, wütend, dass er nicht daran gedacht hatte, dass die geheime Kammer sie ängstigen könnte. Er hob eine Hand und gleich darauf waren sie von einem hellen Licht umgeben. Da er nicht noch mehr Erinnerungen an ihren erzwungenen Aufenthalt im Schloss des Todes in ihr wachrufen wollte, unterdrückte er den Impuls ihre Hand zu ergreifen und sagte ihr bloß, dass sie auf den engen Stufen vorsichtig sein sollte. Sobald er das Licht heraufbeschworen hatte, folge sie ihm bereitwillig. Harry war tief gerührt von dem Vertrauen, das sie ihm zeigte. Nach allem was sie durchgemacht hatte, hätte es ihn nicht verwundert, wenn sie sich geweigert hätte ihm zu einem unbekannten Ziel zu folgen.

Zu seiner Überraschung genoss er die nächsten Stunden. Er erklärte Anne die verschiedensten Dinge und beantwortete ihre Fragen. Annes Hausaufgaben waren schnell erledigt und daraufhin fragte sie ihn schüchtern, ob er ihr bei einigen Zaubersprüchen ebenfalls helfen könne. Er zeigte ihr die Zauberstabbewegungen zu den jeweiligen Zaubern und erklärte ihr geduldig, wie sie die gewünschten Resultate erzielen konnte.

Sie waren so vertieft in ihr Tun, dass sie beinahe das Abendbrot verpasst hätten.

Harry begleitete Anne in die Große Halle und kehrte nach einem Abstecher in die Küche in seine Kammer zurück. Auch wenn seine Laune sich aufgehellt hatte, wanderten seine Gedanken unweigerlich wieder zu Ginny.

Mit der Hoffnung sie sprechen zu können, ging er am nächsten Morgen in die Große Halle. Sobald Ginny ihn jedoch entdeckte, zuckte sie so heftig zusammen, dass er es sogar von seinem Platz am Tisch der Slytherins sehen konnte und lief aus der Halle. Harry saß vollkommen erstarrt. Sein Frühstück war vergessen. Er erhob sich schwerfällig und verließ die Halle ebenfalls. Draußen lehnte er sich gegen die Wand. Sich rasch nähernde Schritte ließen ihn aufsehen.

Es war Hermione.

„Harry, was ist los mit dir und Ginny? Habt ihr euch gestritten?"

Harry schüttelte den Kopf, doch Hermione gab nicht so leicht auf.

„Du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, Harry, dass nichts gewesen ist, oder? Ginny sieht fürchterlich aus und Melanie und Rebecca haben mir erzählt, dass sie übers Wochenende nur im Bett gelegen und an die Wand gestarrt hat. Also was war los?"

„Frag mich nicht, Hermione. Ich weiß es nicht."

„Du weißt es nicht? Und das soll ich dir…."

Doch Hermione kam nicht mehr dazu ihren Satz zu beenden. Ron tauchte hinter ihr auf und der Ausdruck in seinen Augen war mörderisch.

„Was hast du Ginny angetan?", wollte er lautstark wissen.

„Ich habe ihr nichts angetan.", gab Harry kühl zurück.

Es war jedoch offensichtlich, dass Ron ihm nicht glaubte. Da er nicht die Absicht hatte sich mit Ron auseinanderzusetzen, wissend, dass es zwecklos war Ron ohne hieb- und stichfeste Beweise überzeugen zu wollen, drehte Harry sich um und ging weiter. Eine Hand auf seiner Schulter riss ihn zurück.

„Sag es mir, verdammt noch mal!"

Harrys unterdrückte Wut brach aus ihm hervor. Seine Magie schleuderte Ron an die Wand.

„Ich habe ihr nichts getan!"

„Ron!"

Hermiones Schrei brachte ihn wieder zu Besinnung. Harry vergewisserte sich rasch, dass Ron nicht allzu schlimm verletzt worden war und eilte davon. Hinter einem dunklen Fenstervorhang versteckte er sich. Er sank zu Boden und spürte die Kälte der Wand in seinem Rücken. Erst als alle Geräusche verstummt waren und der Unterricht begonnen hatte, raffte Harry sich auf und machte sich auf zu seinem Quartier. Auf halbem Wege begegnete er Snape, aber ein Blick von ihm und der Lehrer schluckte hinunter, was auch immer er hatte sagen wollen und ließ ihn vorbeigehen.

Wie er die folgenden Tage ertrug, wusste Harry nicht, aber sie waren schlimmer, als die ersten Tage, die er in der Schule verbracht hatte. Damals war Ginny an seiner Seite gewesen, damals hatte er nicht gewusst, wie es war Freunde zu haben oder wie es war sich akzeptiert zu fühlen.

Da er keine Entschuldigung für sein Fehlen ihm Unterricht vorzuweisen hatte, musste er nachsitzen. Aber keiner der Lehrer erwähnte Ron, demnach lag es auf der Hand, dass weder Hermione noch Ron sie informiert hatten.

Ron hatte wieder mit ihm sprechen wollen, doch Hermione hatte ihn zurückgehalten. Neville unternahm ebenfalls einige Versuche ihn anzusprechen, doch Harry wich ihm erfolgreich aus. Eigentlich sprach er nur mit Damian.

Das Einzige, was Harry aufmunterte, waren die Stunden, die er Anne weiterhin gab.

Ihre stolzen Augen, als sie ihm einen Test zeigte, der mit einem Ohnegleichen benotet worden war, machten ihn glücklich. Und er stellte fest, dass Anne in der kurzen Zeit seit er ihr zum ersten Mal geholfen hatte für ihn die kleine Schwester geworden war, die er nie gehabt hatte. Sie fürchtete sich nicht vor ihm, noch glaubte sie ein Wort von dem Artikel, wie sie ihm zu seiner grenzenlosen Überraschung sagte.

Sie sah in ihm denjenigen, der sie gerettet hatte und sie gab ihm das wohltuende Gefühl gebraucht zu werden. Aber auch wenn ihre Gesellschaft viel dazu beitrug seinen Aufenthalt in Hogwarts erträglich zu machen, vermisste er Ginny mit einer schmerzhaften Intensität, die von Tag zu Tag größer wurde.

Und der Grund, der sie dazu veranlasst hatte nicht zu ihrer Verabredung zu kommen und ihn dann mit angsterfülltem Gesicht anzuflehen sie allein zu lassen, ließ ihm keine Ruhe.

Des Nachts lag er wach und um sich abzulenken und nicht ständig an Ginny zu denken, versuchte er die Magie zu ergründen, die Hogwarts umgab und das Rätsel zu lösen, warum eine Apparation innerhalb der alten Mauern nicht möglich war. Bald erkannte er, dass es vier verschiedene Arten von Magie waren – wie er annahm, hatte jeder der vier Gründer seine Spuren hinterlassen – und eine davon schien ihn zu sich zu rufen.

Wissend, dass er ein Nachfahre Slytherins war, war es nicht schwer zu erraten, wessen Magie sich vertraut anfühlte. Kurz darauf gelang es ihm tatsächlich von einer Seite seiner Kammer zur anderen zu apparieren, indem er sich nur auf die Magie seines Vorfahren konzentrierte und die es ihm ermöglichte bestimmte Zauber, die das Schloss beschützten außer Kraft zu setzen. Aber seine Entdeckung war für ihn bedeutungslos. Er konnte sie mit Ginny nicht teilen.

Am Ende der zweiten Woche, die ohne Ginny vergangen war, ohne eine Diskussion mit Hermione, ohne ein fröhliches Beisammensein mit Damian, Hermione, Ron, Neville und Ginnys Freundinnen, ohne ein Quidditch Training, entschloss er sich mit Ginny zu reden, ob sie es nun wollte oder nicht. Sie würde ihm den Grund für ihr Verhalten erzählen. Das war das Mindeste, was sie tun konnte, dachte Harry wütend, als er durch den Korridor hastete. Und selbst wenn er Veritaserum nehmen müsste, Ginny würde ihm glauben müssen, dass es nicht die kleinste Veranlassung gab sich vor ihm zu fürchten.

Die kleine Anne musste beinahe laufen um mit ihm Schritt zu halten, während sie ihm von ihren Weihnachtsferien erzählte.

„Harry, hörst du mir überhaupt zu?"

„Tut mir leid, Anne, ich…"

In dem Moment erblickte er Ginny, die am anderen Ende des Korridors aufgetaucht war. Für eine Weile starrten sie sich an. Dann wanderten Ginnys Augen zu Anne. Ein seltsamer Ausdruck glitt über ihr bleiches Gesicht und bevor Harry auch nur einen Schritt auf sie zu machen hätte können, wirbelte sie herum und begann zu laufen.

Harry konnte nichts anderes tun, als bewegungslos stehen zu bleiben und ihr nachzusehen.

Eine warme Hand schlich sich in seine.

„Irgendwie wird sich alles wieder einrenken, das wird es bestimmt.", sagte Anne und drückte seine Hand. Auch wenn er Anne nichts erzählt hatte, hatte sie natürlich erraten, dass irgendetwas zwischen ihm und Ginny geschehen war.

Harry brachte ein halbes Lächeln zustande.

„Ich hoffe es."


Eigentlich hätte Hermione das nächste Treffen der Schulpräfekten organisieren sollen, aber sie war unfähig sich zu konzentrieren. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Zornig zerknüllte sie das Papier mit ihren Notizen und fuhr sich mit einer Hand müde über die Stirn. Sie wusste, was mit ihr los war. Natürlich, dachte sie, wie konnte sie nicht? Und doch hatte sie vorgegeben, dass es ihr gut ging, hatte ein glückliches Gesicht über Weihnachten aufgesetzt. Aber in den letzten Wochen waren ihre Gedanken in einem ständigen Aufruhr.

Dumbledore hatte sie zur Schulsprecherin ernannt und sie war so stolz darauf gewesen. Aber nun hatte sie das niederschmetternde Gefühl, dass er einen großen Fehler begangen hatte ihr solch eine Verantwortung zu übertragen. Auch wenn sie wusste, dass es völlig falsch gewesen war, hatte sie nichts getan um Harry daran zu hindern Skirrow mit Veritaserum zu befragen und hatte sich dem Wunsch der anderen gefügt alles geheim zu halten. Und ja, sie gab es zu, sie hatte ebenfalls Angst vor den Konsequenzen, sollte die Wahrheit herauskommen.

Wieder einmal überkamen sie die Erinnerungen und sie vergrub den Kopf in den Händen. Ron hatte gesagt, dass er es verdiene, aber sie konnte darin keinen Trost finden. Solch eine Ansicht war zu einfach. Aber was empfand sie gegenüber ihrem ehemaligen Lehrer? Warum machte ihr die Sache so zu schaffen?

Plötzlich begriff sie, dass sie sich der Rolle schämte, die sie dabei gespielt hatte. Sicher, Skirrow trug die Schuld für den Angriff und er hatte Ginny beinahe umgebracht, aber das rechtfertigte noch lange nicht ihr eigenes Verhalten. Und tief in ihrem Herzen wusste sie, was sie hätte tun sollen. Aber sie hatte es nicht getan. Es war eine bittere Erkenntnis. Sie hätte niemals zur Schulsprecherin ernannt werden sollen, dachte sie.

Und sie hatte keinen mit dem sie darüber reden konnte. Ron hatte ihr barsch gesagt, dass sie nicht mehr darüber nachdenken sollte. Es war vorbei und das war alles, was es dazu zu sagen gab. Hermione wusste, dass auch Ron von Gewissensbissen geplagt wurde, aber ihm gelang es weitaus besser sie zu ignorieren. Wenn er nur mit ihr darüber sprechen würde.

Malfoy, Iris und Damian schien das Vorgefallene völlig kalt zu lassen, Rebecca wollte es offensichtlich nur vergessen und Neville, der sie vielleicht verstanden hätte, war nicht bei Skirrows Selbstmord dabei gewesen und sie wollte ihn nicht mit ihren Problemen belasten.

Mit Ginny konnte sie ebenfalls nicht reden. Gegenwärtig deutete alles darauf hin, dass es Ginny momentan weitaus schlechter ging als ihr selbst. Das seltsame Verhalten von Ginny und Harry besorgte Hermione zutiefst und zu ihrer Frustration war es ihr bisher nicht gelungen weder Ginny noch Harry zu helfen. Mittlerweile war es beinahe zwei Wochen her, seitdem sie zum ersten Mal bemerkt hatte, dass etwas mit Ginny ganz und gar nicht stimmte.

Aber erst beim Frühstück am nächsten Tag hatte sie angefangen sich ernsthafte Sorgen zu machen. Sich erinnernd, wie Ginny zusammengezuckt und aus der Halle gelaufen war, schüttelte Hermione traurig den Kopf. Sie wusste immer noch nicht, was sich zwischen Ginny und Harry abgespielt hatte. All ihre hartnäckigen Fragen hatten zu keinem Ergebnis geführt. Ginny hatte ihr nichts erzählt. Sie hätte genauso gut gegen eine Wand sprechen können.

Und dann der unselige Zusammenstoß zwischen Ron und Harry. Auch wenn Ron lediglich blaue Flecken davongetragen hatte, war er außer sich gewesen. Sie hatte ziemliche Mühe gehabt ihn davon abzuhalten den Vorfall einem Lehrer zu melden. Es hätte die Situation nur noch mehr verschärft und die Beziehung zwischen Ron und Harry war seit jenem Tag in Hogsmeade ohnehin schon angespannt genug, selbst wenn sie sich zwischenzeitlich wieder gebessert hatte, nachdem sie herausgefunden hatten, dass Skirrow verantwortlich für den Angriff war.

Aber Hermione war sich sicher, dass Harry es nicht mit Absicht getan hatte. In solch düsterer, abweisender Stimmung hatte sie ihn jedoch noch nie erlebt. Ein Streit zwischen Ginny und Harry schien ihr am wahrscheinlichsten, doch solange ihr keiner erzählte, worum es gegangen war, konnte sie nichts tun.

Als einige Erstklässler mit der Hexenwoche zu ihr gekommen waren und sie ängstlich gefragt hatten, ob sie vor Harry Potter sicher seien, hatte sie zuerst gedacht, dass dies der Grund für den Streit gewesen war. Sie hatte die Mädchen beruhigt, während ihre Gedanken sich überschlagen hatten. Ob der Artikel der Wahrheit entsprach, wusste sie nicht, aber wie ihr plötzlich mit Unbehagen klar geworden war, hatte sie nicht die geringste Ahnung, wie Harrys früheres Leben ausgesehen hatte. Weder Harry noch Ginny hatten ihr je etwas erzählt.

Als vermeintlicher Sohn des Dunklen Lords hatte Harry vermutlich keine Wahl gehabt als zu foltern und vielleicht sogar zu töten, doch allein der Gedanke ließ sie erschaudern. Wenn sie sich allerdings entsann, wie Harry gewesen war, wann immer sie in seiner Gesellschaft gewesen war, konnte sie nicht glauben, dass er böse war. Als sie wenig später den Artikel gegenüber Ginny erwähnt hatte, hatte diese sie nur verständnislos angesehen und Hermione hatte begriffen, dass Ginny überhaupt nichts von dem Artikel gewusst hatte.

Was konnte es nur gewesen sein? Hermione seufzte. Sie musste etwas tun. Sie musste es noch einmal versuchen. Vielleicht hatte sich auch Harry in der Zwischenzeit etwas beruhigt. Es war einfach lächerlich, wie sie sich alle aus dem Weg gingen. Und Ginny…Ginny sah mit jedem Tag schlechter aus.

Ein lautes Klopfen riss Hermione aus ihren Gedanken. Die Tür öffnete sich und Melanie trat hinein.

„Hermione, irgendetwas ist mit Ginny. Sie ist völlig…du musst kommen."

Hermione war sofort auf den Beinen. Sobald sie den Gemeinschaftsraum der Gryffindors erreicht hatte, stürmte sie die Treppe hoch.

Ginny lag mit abgewandtem Gesicht auf dem Bett.

„Ginny?"

Langsam setzte sich Ginny auf und sah sie mit einem derart verzweifelten Blick an, dass Hermione spürte, wie entsetzliche Angst in ihr aufstieg. Sie setzte sich neben Ginny und ergriff sanft deren Hände.

„Ginny, was ist?"

Doch Ginnys Blick flog zu Melanie.

„Ich…ich gehe dann mal.", sagte Melanie.

Als sich die Tür hinter Melanie geschlossen hatte, versuchte es Hermione erneut.

„Was ist geschehen?"

Ginny fasste ihre Hände fester und Hermione merkte, dass sie zitterte. Ihre Beunruhigung wuchs.

„Er hat…er hat…"

„Wer? Harry?"

Ginny nickte, während Tränen ihre Wangen hinunterliefen.

„Was hat Harry getan?"

Doch Ginny schien nicht fähig irgendetwas zu sagen. Den Drang unterdrückend ihre Freundin zu schütteln, nahm Hermione Ginny in die Arme und hielt sie einfach nur fest, als sie weinte und murmelte beruhigende Worte. Und während Ginnys Kopf an Hermiones Schulter ruhte, fing sie endlich an es ihr zu erzählen.


Nachdem er Anne zurück zu den Räumen der Hufflepuffs gebracht hatte, kam Harry zu dem Schluss, dass er wahrlich lange genug gewartet hatte. Es war Zeit mit Ginny zu sprechen. Als er vor dem Eingang der Gryffindors stand, stellte er zu seinem Verdruss fest, dass sich das Passwort geändert hatte. Er nahm einen tiefen Atemzug und sah sich um. Aber es war niemand in der Nähe.

Da er unwillig war auszuprobieren, ob ein Zauber ihm ebenfalls den Eingang öffnen würde, lehnte er sich gegen die Wand, bereit zu warten bis jemand kam. In dem Augenblick schwang das Portrait zur Seite und gab den Blick auf eine ziemlich zerzauste Hermione preis.

Als sie ihn erblickte, erblasste sie, aber dann sah sie ihn an und sagte fest:

„Ich muss mit dir reden. Es geht um Ginny."

„Eigentlich wollte ich mit Ginny sprechen, nicht mit dir."

Sehend, dass das Portrait den Eingang bereits verschlossen hatte, sagte er:

„Wenn du mir das Passwort geben könntest…"

„Nein, das werde ich nicht. Und nun komm. Vergiss nicht, dass ich Schulsprecherin bin.", erwiderte Hermione.

Harry seufzte, mehr als ärgerlich über die Verzögerung.

„Nun gut, dann sprich.", sagte er kühl.

„Nicht hier. Lass uns zu einem der Klassenräume gehen."

Harry, der nicht noch mehr Zeit verlieren wollte, wandte sich ruckartig um und begann zu dem Klassenraum zu eilen, der sich am nächsten befand.


Als sie schweigend durch den Korridor gingen, warf Hermione Harry verstohlene Blicke zu. Ihren Zauberstab hielt sie fest umklammert. Nachdem Ginny mehr oder weniger zusammenhängend erzählt hatte, was sich zwischen ihr und Harry abgespielt hatte, war Ginny eingeschlafen, völlig ausgelaugt und erschöpft.

Vermutlich hatte sie tagelang nicht geschlafen. Zutiefst erschüttert hatte Hermione Melanie, die im Gemeinschaftsraum gewartet hatte, gebeten bei Ginny zu bleiben und hatte vorgehabt zu Professor McGonagall zu gehen.

Doch ihr unerwartetes Aufeinandertreffen mit Harry hatte sie aus dem Konzept gebracht. Und von dem Gedanken getrieben ihn von Ginny fernzuhalten, hatte sie ihm gesagt, sie müsse mit ihm reden.

Sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, verschränkte Harry seine Arme vor der Brust und betrachtete sie.

„Nun? Was ist so dringend, dass es nicht warten kann?"

Die Ungeduld in seiner Stimme hörend, war ihre Wut plötzlich stärker als ihre Vernunft.

„Wie konntest du sie nur so verletzen? Sie hat dich geliebt! Ist dir das überhaupt klar? Sie hat dir vertraut und du…du…"

Harry zog eine Augenbraue hoch.

„Worüber redest du eigentlich?"

Sein Leugnen es zu wissen, machte Hermione nur noch zorniger.

„Sie hat es mir gesagt. Sie hat mir alles gesagt. Wie konntest du sie vergewaltigen? Warum hast du das getan?"

Harrys Gesicht wurde zur Stein. Unwillkürlich trat Hermione einen Schritt zurück. Sie war allein mit ihm. Wie hatte sie nur so töricht sein können mit ihm hierherzukommen, anstatt sofort zu McGonagall und Dumbledore zu gehen?

Harry jedoch machte keine Anstalten näher zu kommen.

„Sie hat mir demnach nie verziehen. Aber warum hat sie sich dann nie gewehrt, Hermione? Warum jetzt, nach all den Monaten? Warum hat sie nie etwas gesagt, als ich mit ihr geschlafen habe?"

Hermione starrte ihn an. In all den Monaten?

„Sie hat sich gewehrt. ", sagte sie langsam.

Nun war es Harry, der sie anstarrte. Für den Bruchteil eines Augenblicks flackerte aufrichtige Verblüffung in seinen Augen.

„Ich muss mit Ginny sprechen."

„Harry, Ginny ist beinahe zusammengebrochen. Sie schläft jetzt. Sie hat mir auch nur davon erzählt, weil sie dich mit Anne zusammen gesehen hat. Sie hatte Angst, dass du…" Hermione brach ab, als sie Harrys bestürztes Begreifen sah.

„Anne? Ginny hält mich für fähig…sie glaubt, dass ich Anne vergewaltigen würde?", fragte er tonlos.

Zwischen ihnen erstreckte sich Schweigen. Dann schaute er sie direkt an.

„Ich habe es nicht getan, Hermione. Weder habe ich Anne angerührt, noch habe ich Ginny vergewaltigt. Wenigstens nicht in den letzten Wochen, nur die ersten Nächte…"

Hermione zuckte zusammen. Sie hatte sich oft gefragt, was zwischen ihnen im Schloss des Todes vorgefallen war, aber nun wünschte sie sich, dass ihre Vermutung niemals bestätigt worden wäre.

„Du hast es damals getan, warum soll ich dir glauben, dass du es jetzt nicht auch getan hast?", fragte sie mit unsicherer Stimme.

Smaragdgrüne Augen verengten sich, doch sie verrieten nichts. Sie waren vollkommen ausdruckslos.

„Damals liebte ich sie noch nicht."

Hermione schüttelte den Kopf.

„Ich glaube dir nicht. Ginny kann sich das alles schließlich nicht ausgedacht haben, oder? Ich muss es…."

Hermione biss sich auf die Lippen und verstärkte den Griff um ihren Zauberstab. Es war alles so unwirklich, dachte sie. Sie hatte in Harry einen Freund gesehen, hatte ihm vertraut und nun konnte sie ihn nicht mehr in das Bild einfügen, das sie sich von ihm gemacht hatte. Und plötzlich erstarrte sie vollkommen. War Skirrows Tod wirklich ein Selbstmord gewesen? Oder hatte Harry…

Harry beobachtete sie. Sein Blick war durchdringend.

„Du fürchtest dich vor mir. Du hast vor es Dumbledore zu erzählen, nicht wahr? Geh, ich werde dich nicht aufhalten. Es spielt keine Rolle mehr."

Doch Hermione zögerte.

„Harry…", fing sie an. Aber sie wusste nicht, was sie sagen sollte, wusste nicht, was sie glauben sollte, wem sie glauben sollte. Sie war, so ungern sie es sich auch eingestand, schlichtweg überfordert mit der Situation.

Nach einem flüchtigen Blick auf Harry, der wie eine Marmorstatue da stand, verließ sie den Raum und fing nach wenigen Schritten an zu laufen.

Sie bog um eine Ecke und wurde schließlich langsamer. Erleichterung erfasste sie. Ob gerechtfertigt oder nicht, sie hatte Angst gehabt. Sie brauchte Hilfe, Ginny brauchte sie und irgendjemand musste Licht ins Dunkle bringen. Zielstrebig schlug sie den Weg zu Dumbledores Büro ein.