18. April 1917
No. 1
Canadian Casualty Clearing Station, Aubigny-en-Artois, Frankreich

A lucifer to light your fag

Fest presse ich die Hände gegen den Kopf des Mannes. Seine Haare sind filzig, verklebt von Schlamm und Blut und anderen Flüssigkeiten. Die Haut auf der Stirn ist kalt und klamm. Ihm fehlt das rechte Ohr.

Für einen Moment schließe ich die Augen, lausche nach innen, auf meinen viel zu schnellen Herzschlag und den Atem, den ich mich Mühe gleichmäßig halte. Einatmen. Ein, zwei Sekunden. Den Atemzug festhalten – und loslassen. Und wieder von vorne.

Alles, nur nicht an das Gefühl des Grauens denken, das sich in meinem Inneren sammelt und droht, nach außen durchzubrechen.

Einatmen.

Ausatmen.

„Rilla?"

Widerwillig öffne ich die Augen.

Zachary steht neben dem Tisch, sein besorgter Blick wandert von mir zu dem Patienten und wieder zurück.

„Alles in Ordnung?", fragt er vorsichtig.

Ich unterdrücke mit Mühe ein hysterisches Lachen, dass in mir hochsteigt. Zwei weitere tiefe Atemzüge, dann traue ich meiner Stimme genug, um zu antworten: „Wie man es nimmt."

Ein fragendes Stirnrunzeln huscht über Zacharys Gesicht und ich muss zugeben, dass das wohl keine sehr informationsreiche Antwort war. Aber das hysterische Lachen blubbert immer noch nah unter der Oberfläche, also halte ich meine Lippen fest aufeinander gepresst.

Sehr langsam tritt Zachary näher, wie man sich einem Tier nähern würde, das man nicht verschrecken möchte. Erst mit einigen Sekunden Verzögerung begreife ich, dass ich das Tier bin.

Er hebt die Hände, immer noch sehr bedächtig in den Bewegungen, und legt sie über meine, versucht, meinen Griff um den Kopf des bewegungslosen Soldaten zu lösen. Unwillkürlich kralle ich mich fester in den blutverschmierten Haaren fest.

„Nicht!", herrsche ich ihn an. Überrascht hebt er den Kopf. Seine Hände erstarren in der Bewegung.

„Wenn ich die Hände wegnehme, fällt sein Kopf auseinander und dann fällt sein Gehirn raus. Dabei habe ich es doch gerade erst wieder reingetan!", fahre ich ungehalten fort.

Sieht er das denn nicht?

„Sein Kopf fällt auseinander?", wiederholt Zachary. Seine Stimme ist schwer zu deuten. Wenigstens zieht er die Hände zurück.

Ich nicke heftig. „Ja, auseinander", erkläre ich ungeduldig, „die Schädeldecke fällt ab und dann fällt das Gehirn heraus und liegt auf dem Boden. Ein Gehirn hat auf den Boden nichts zu suchen!"

Das sollte ihm doch wirklich klar sein.

Ein oder zwei Momente verstreichen, in denen Zachary mich aufmerksam mustert. Ich sehe hinab, auf meine Hände, die den Kopf des Mannes zusammenhalten. Meine Fingerknöchel sind weiß vor Anspannung, die Haut rot gefärbt von seinem Blut.

„Nein, ein Gehirn hat auf dem Boden nichts zu suchen", stimmt Zachary schließlich gemessen zu.

Na bitte.

„Denkst du, ich darf trotzdem mal einen Blick darauf werfen?", fragt er dann, sehr behutsam, und macht eine kleine Handbewegung hin zum Kopf des Mannes.

Misstrauisch sehe ich zu ihm hoch. Mein Griff lockert sich nicht.

„Ich verspreche dir auch, dass ich das Gehirn auffange, wenn es wieder herausfällt", sichert Zachary nach einer kurzen Pause zu, „es wird nicht wieder auf dem Boden landen."

Das ist wenigstens etwas.

Zögerlich trete ich einen Schritt zur Seite, damit er sich neben mich stellen kann. Dann, sehr langsam, löse ich meine Hände aus den Haaren des Soldaten. Ohne meinen Druck und ohne den dreckigen, ausgefransten Verband, den ich vor einigen Minuten von seinem Kopf geschnitten habe, fällt ein Teil der Schädeldecke sofort herab. Aber Zachary hält Wort.

Da ich neben ihm stehe, kann ich jetzt erkennen, dass es nur ein Teil des Gehirns ist, das jetzt in Zacharys Händen liegt. Ein Teil ist immer noch im Kopf drinnen, wo es hingehört. Schweigend sieht Zachary auf den Mann hinab, dann schiebt er mit einem leisen Seufzen den Gehirnteil wieder in den Kopf herein und drückt mit der anderen Hand den Schädel wieder zusammen.

„Na, komm, wir verbinden", fordert er dann mich auf.

Er hält seine Hände, wo sie sind, während ich damit beginne, eine lange Stoffbahn um den Kopf des Soldaten zu wickeln.

„Das macht doch keinen Sinn. Er ist doch eh tot", meldet sich da eine neue Stimme zu Wort. Ich drehe den Kopf und erkenne Bright, einen der Orderlies, der, Zigarette in der Hand, an unseren Tisch getreten ist.

„Ist er nicht", fahre ich ihn an.

Ich mag Bright nicht. Er war Medizinstudent, bevor der Krieg begann, und glaubt deswegen, alles besser zu wissen. Damit könnte ich leben, aber ich kann nicht leiden, wie beiläufig er mit dem Leiden der Patienten umgeht. Und wie fasziniert er von ihren Verletzungen ist. Je schlimmer die Wunde, desto mehr ist Bright daran interessiert. Es ist morbide und es ist pietätlos und ich mag es nicht.

Mit einem überheblichen Blick übergeht er meinen Einwand und greift nach dem linken Arm des Soldaten, der schlaff auf der Bahre liegt. Er umschließt das Handgelenk, fühlt nach dem Puls und ich kann sehen, wie die Arroganz auf seinem Gesicht erst Überraschung und dann intensiver Neugier Platz macht.

Innerlich schüttele ich mich, aber ich zwinge mich, mit ruhigen Bewegungen weiter den Verband um den Kopf des Patienten zu wickeln.

„Wie kann es sein, dass er noch lebt?", murmelt Bright hinter mir fasziniert.

Ein missbilligendes Stirnrunzeln huscht über Zacharys Gesicht, aber er antwortet dennoch: „Wir verstehen wenig über das menschliche Gehirn, aber wir wissen, dass unterschiedliche Bereiche unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Vermutlich ist der Teil, der für die Steuerung der Vitalfunktionen verantwortlich ist, von der Verletzung nicht direkt betroffen. Deswegen lebt er noch."

„Aber das überlebt er doch garantiert nicht!", beharrt Bright.

Ich verknote gerade das Ende des Verbandes, hebe aber jetzt ruckartig den Kopf. Ich habe doch nicht das Gehirn vom Boden aufgesammelt, damit sie ihn jetzt sterben lassen!

Zachary scheint mit anzusehen, dass ich widersprechen möchte und kommt mir mit einem leichten Kopfschütteln zuvor.

„Möchtest du nicht kurz Pause machen?", schlägt er vor, „du hast doch heute schon genug gearbeitet."

Misstrauisch beäuge ich ihn. „Stimmt gar nicht. Bisher war erst ein Konvoi da. Drei Patienten und er hier", widerspreche ich. Meine Hand schließt sich unwillkürlich um den Knoten des Verbandes.

„Und niemand weiß, ob nicht heute Abend oder heute Nacht noch 200 neue Patienten angeliefert werden", erwidert Zachary sachlich.

Unwillig runzele ich die Stirn. In der Sache hat er Recht. Seit dem Angriff auf Vimy Ridge ist eine gute Woche vergangen und wir hatten seitdem zwar nicht mehr annähernd so viele Patienten in so kurzer Zeit wie in dieser einen Nacht. Es gab sogar einige Tage mit wenigen oder gar keinen neuen Konvois, aber 100 oder 200 oder auch bis zu 300 Patienten pro Tag sind auch in den letzten Tagen keine Seltenheit gewesen. Wenn es heute wirklich nur bei dem einen Konvoi bleibt, dann ist das ein ungewöhnlich ruhiger Tag für uns.

Und trotzdem… etwas in mir sträubt sich, meinen regungslosen – wehrlosen – Patienten mit den beiden alleine zu lassen. Nicht, wenn eine Flasche Morphium griffbereit auf dem Verbandwagen steht.

Meine Hand schließt sich fester um den Knoten. Ich kann sehen, wie Zachary das registriert. Er seufzt lautlos. Dann legte er eine Hand auf meine, öffnet mit der anderen Hand meine Finger. Nicht unsanft, aber doch mit so viel Kraft, dass meine Gegenweht nichts nützt.

„Er wird nicht leben", bemerkt er dann behutsam. Ich habe das Gefühl, dass er meinen Namen sagen wollte, aber er fängt sich gerade noch rechtzeitig. Kein Grund, jemandem wie Bright ohne Zwang Munition zu überlassen.

Störrisch schüttele ich den Kopf und versuche, Zachary meine Hand zu entziehen. Er aber hält fest.

Und da ist eine kleine Stimme in mir drinnen, die sagt, dass er Recht hat. Ich konnte es nicht sehen, vorher, – Schock vielleicht? – aber die Routine des Verbindens hat mich ruhiger werden lassen. Und auch wenn ich immer noch fühlen kann, wie das Gehirn des Mannes sich in meiner Hand angefühlt hat, auch wenn ich Zachary nicht Recht geben will, so weiß ich doch, tief in mir drinnen, dass es keinen anderen Weg gibt. Er wird nicht leben, dieser Mann. Nicht, wenn ein Teil seines Gehirns schon auf dem Fußboden gelegen hat. Dass er überhaupt noch lebt, ist wahlweise ein Wunder oder eine perfide Laune der Natur. Aber es wird nicht andauern. Noch mag sein Herz schlagen, aber eigentlich ist er längst tot.

Meine Hand wird schlaff in seiner und jetzt endlich lässt Zachary los.

„Geh raus, erhol dich einen Moment", bittet er, „ich kümmere mich hier um den Rest."

Also gehe ich nicht. Nicht wider besseren Wissens, das nicht, aber doch wider meines Gefühls. Dennoch, ich vertraue Zachary. Ich habe ihn gut genug kennen gelernt, dass er keinen Patienten verloren gibt, wenn der Patient nicht vorher schon längst verloren war.

Draußen nieselt es.

Die schneidende Kälte hat sich gelegt. Schnee und Eisregen haben einem Wetter Platz gemacht, dass in seiner Unberechenbarkeit dem April alle Ehre macht, aber wenigstens nicht mehr gar so kalt ist. Wir hatten sogar ein oder zwei schöne Tage, seit dem großen Angriff.

Ich finde eine Kiste, die unter dem Vordach einer der Hütten steht, und setze mich dorthin. Einige Augenblicke lang beobachte ich den Regen, der in dünnen, feinen Fäden zur Erde fällt, dann lasse ich den Kopf nach hinten sinken, gegen die Hüttenwand. Ich schließe die Augen und versuche, an gar nichts zu denken.

Keine Ahnung, wie lange ich dort sitze, ganz regungslos, mit geschlossenen Augen dem leisen Geräusch des Regens lauschend. Es müssen viele Minuten sein. Irgendwann jedoch übertönt eine Stimme den Regen.

„Alles klar?"

Ich öffne die Augen und beobachte Ken dabei, wie er unter das Hüttenvordach tritt und sich den Regen von den Schultern schüttelt.

„Wie man es nimmt", antworte ich zum zweiten Mal am Tag. Doch wieder scheint meine Antwort nicht ausreichend zu sein, denn mich trifft ein skeptischer Blick.

„Dein Dr. Murray hat mir gesagt, dass du hier irgendwo bist", erklärt er, während er sich neben mich gegen die Wand lehnt und auf mich hinab sieht.

Mir gefällt er Größenunterschied nicht, also stehe ich ebenfalls von der Kiste auf. Auch stehend muss ich zwar noch zu ihm aufsehen, aber wenigstens nicht mehr gar so sehr. „Er ist nicht mein Dr. Murray", stelle ich missmutig klar.

Ken zuckt mit den Schultern. „Alles gut. Kein Grund, zickig zu werden", erwidert er entspannt.

Ich verdrehe die Augen. Ich bin mir zu den besten Zeiten nicht ganz sicher, wie gut ich Kens Anwesenheit ertragen kann, zumal, wenn er so drauf ist, und heute bin ich mir noch einmal etwas weniger sicher als sonst.

„Er hat gesagt, du hättest einen schweren Tag gehabt", fährt Ken im Plauderton fort.

„Zachary?", frage ich nach, etwa eine Sekunde, bevor mir auffällt, dass er natürlich Zachary meint und dass meine Benutzung des Vornamens nicht dazu beiträgt, mein vorheriges Argument zu bekräftigen.

„Falls Zachary der Name des guten Dr. Murray ist, dann ja, Zachary", entgegnet Ken sofort und hebt eine Augenbraue.

Ich drehe den Kopf weg. „Es war nicht schön", gebe ich dann zu, „aber er hat auch einen Hang dazu, mich vor meiner Aufgabe hier beschützen zu wollen."

„Ja, die Art Typ scheint er zu sein", stimmt Ken sofort zu.

Wer hat ihn eigentlich zum Experten ernannt?

„Warst du drüben ihm Zelt?", wechsele ich abrupt das Thema.

Ken sieht mich von der Seite an. „Ja, warum?", fragt er.

Ich schlucke. „Der Patient, den sie dort hatten… ist er tot?", will ich dann wissen. Ich hätte es sowieso nicht mehr länger ausgehalten, das Nichtwissen.

„Er war in einem braunen Leichensack gewickelt", antwortet Ken trocken, „insofern will ich schwer hoffen, dass er tot ist."

Ruckartig stoße ich mich von der Hüttenwand ab. Ohne ihn noch einmal anzusehen, will ich gerade hinaus in den Nieselregen treten, da fängt Ken meinen Arm ein und hält mich fest. Ich verharre, drehe mich jedoch nicht um.

„Tut mir Leid", kommt nach kurzem Zögern seine Stimme, „du darfst mich nicht für herzlos halten. Wir gehen nur alle auf unsere eigene Art damit um."

Ich drehe den Kopf ein wenig, so dass ich ihn aus den Augenwinkeln ansehen kann. Er sieht tatsächlich ein wenig zerknirscht aus. „Wie gehst du damit um?", will ich wissen. Meine Stimme klingt selbst in meinen Ohren etwas barsch.

„Ich rauche zu viel, trinke zu viel und mache unangebrachte Witze", antwortet er sofort, „wäre es mir egal, würde ich wohl nichts davon tun."

Da ist eine Wahrheit in dem, was er sagt, die ich nicht abstreiten kann. Langsam wende ich mich ihm wieder zu.

„Und du?", fragt er, „wie gehst du damit um?"

Ja, wie eigentlich?

„Gar nicht, glaube ich", erwidere ich nach einer kurzen Pause.

Er nickt. „Tut vermutlich niemand von uns, oder? Wir mögen es versuchen, aber…", er lässt den Satz unbeendet.

Wir sind für einige Augenblicke still. Ken lässt sich auf die Kiste fallen und klopft kurz neben sich. Nach kurzem Zögern setze ich mich neben ihn, und sei es nur, weil meine Füße schmerzen. Meine Füße schmerzen eigentlich immer in diesen Tagen.

„Ich hatte eben einen Teil seines Gehirns in der Hand", erzähle ich dann stockend, „von dem toten Mann. Nur dass er da noch nicht tot war. Sein Gehirn ist rausgefallen und ich habe es vom Boden aufgehoben und wieder in den Kopf reingelegt, weil ich nicht wusste, was ich sonst damit machen sollte. Ich habe sogar vorher den Staub abgewischt."

Halb erwarte ich, dass er mich bemitleiden würde, aber er tut es nicht und irgendwie bin ich ihm dankbar dafür.

„Es sind komische Dinger, oder? Gehirne. So wie sie aussehen, so matschig und schleimig, würde man nicht denken, dass sie für unser ganzes Denken und Handeln verantwortlich sind. Dass sie eigentlich sogar unsere ganze Person ausmachen", bemerkt er stattdessen nachdenklich.

„Es gibt Menschen, die würden sagen, es ist unsere Seele, die uns ausmacht", wende ich ein.

Spöttisch hebt Ken eine Augenbraue. „Dann sollen die mir mal eine Seele zeigen", erwidert er.

Stimmt auch wieder.

Ken nestelt an seiner Uniformjacke herum, zieht die mir mittlerweile wohlbekannte Zigarettenpackung heraus und hält sie mir hin. Dieses Mal nehme ich mir eine. Falls es ihn überrascht, kommentiert er es wenigstens nicht. Vielleicht versteht er es ja. Stattdessen gibt er mir schweigend Feuer und steckt sich dann eine eigene Zigarette an.

Vorsichtig nehme ich einen Zug. Es ist nicht das erste Mal, das ich rauche, auch wenn es meine Mutter sicher schockieren würde, wenn sie es wüsste. Normalerweise mache ich mir auch nichts daraus, aus dem Geruch und dem Geschmack, aber wenn man vor nicht einmal einer Stunde ein Gehirn in den Händen gehalten hat, ist es vielleicht auch kein normaler Tag.

„Was bringt dich eigentlich hierher?", frage ich dann und blase den Rauch in die feuchte Luft.

Ken grinst. „Vielleicht hatte ich einfach Sehnsucht nach dir?", schlägt er vor.

Ein ungläubiges Schnauben entkommt mir: „Wohl kaum."

„Wenigstens nicht nur", schränkt Ken mit einem Lächeln ein. Dann verstummt er und das Lächeln verschwindet von seinem Gesicht.

Fragend sehe ich ihn an. Er zieht an seiner Zigarette, seufzt.

„Sie haben euch vor einigen Tagen Young gebracht. Ich wollte nach ihm sehen", erklärt er dann. Seine Stimme klingt plötzlich resigniert.

Nachdenklich runzele ich die Stirn. „Ich kann mich nicht an ihn erinnern", gebe ich zu, „aber wir kriegen die Verwundeten meistens in Wellen, da erinnert man sich nicht an jeden. War er denn noch da? Im Moment versuchen wir, sie alle so schnell wie möglich weiterzuschicken, um die Betten frei zu kriegen."

„Oh, er war da. Er ist bloß heute Morgen gestorben", entgegnet Ken bitter.

Armer Bartlos.

Ich nehme einen langen Zug an der Zigarette.

„Das tut mir Leid", murmele ich dann und berühre kurz seine Schulter, „was ist denn mit den anderen beiden?"

„Moles ist direkt am ersten Tag des Angriffes verwundet worden. Er ist irgendwo an der Küste in einem Krankenhaus. Smith ist in Ordnung – soweit man an seiner Stelle noch in Ordnung sein kann", antwortet Ken. Er sieht mich nicht an, hat den Blick starr geradeaus auf den fallenden Regen gerichtet. Er raucht so hastig, dass seine Zigarette schon ein gutes Stück weiter heruntergebrannt ist als meine.

Er geht so was von nicht damit um.

„War es schlimm, für euch? Der Angriff?", frage ich. Vielleicht ist es falsch, danach zu fragen, aber es sind düstere Gedanken, die ich über sein Gesicht huschen sehe, und wenn ich ihn dazu kriegen kann, darüber zu reden, dann finden die Gedanken vielleicht einen Weg nach draußen?

Er lässt die Zigarette fallen und dreht den Kopf zu mir. „Nicht sehr schlimm", antwortet er, aber er klingt merkwürdig monoton, „wir waren in der zweiten Welle, die anderen haben deutlich mehr abgekriegt. In den beiden Tagen des Angriffs hatten wir etwa dreißig Tote, zwanzig Vermisste, achtzig Verwundete. Das sind nicht allzu viele, wir hatten schon weit schlimmere Tage. Aber wenn man jeden der Männer kennt, dann sind es nicht nur Zahlen, verstehst du?"

Ich nicke langsam. Es mag schlimm klingen, aber auch mir geht der Tod eines namenlosen Mannes, der kurz nach der Einlieferung stirbt, normalerweise nicht so nahe wie der eines Patienten, um den ich mich Tage oder gar Wochen gekümmert habe. Aber für Ken ist das noch mal etwas ganz anderes, oder? Er kennt einige dieser Männer seit Jahren, hat mit ihnen gelebt und gekämpft. Ich kann bloß erahnen, was ihr Tod für sie bedeutet.

„War auch für euch kein einfacher Tag, oder?", erkundigt Ken sich plötzlich und ich erkenne, dass er bloß nicht mehr länger über sich selbst reden möchte.

„Fast Dreizehnhundert Patienten bis zum Abend des 10. April", entgegne ich sachlich, „es war… nun, eine Herausforderung. Aber wir haben nur sechsundzwanzig Patienten verloren, wenn man die nicht zählt, die auf dem Weg gestorben sind."

Ken nickt anerkennend. „Gute Quote", bemerkt er.

Etwa ein Zehntel der Patienten an diesem Tag waren deutsche Kriegsgefangene, aber das sage ich nicht. Auch nicht, dass auf dem Weg zu uns so viele gestorben sind, dass unser Leichenzelt überfüllt war und sie die Toten in Reihen draußen vor dem Zelt ausgelegt haben. Es scheint, als würde auch ich nicht gerne über diesen Tag sprechen.

„Was waren das für Tage?", wechsele ich also das Thema, „die, die schlimmer waren?"

„Der letzte Oktober kommt den Sinn", antwortet Ken nach kurzem Zögern, „drüben an der Somme. Schlacht von Ancre Heights, nennen es die Chronographen, glaube ich. Wir haben angegriffen und dafür haben sie uns abgeschlachtet."

Er lacht freudlos. Ich wage nicht, etwas zu sagen. Aber ich wollte es wissen, oder?

„Am Ende waren von fast fünfhundert Männern keine neunzig mehr übrig. Außer mir noch ein anderer Offizier und den hatten sie durch beide Beine geschossen", fährt er fort, „und wir haben den Tag in den gleichen Gräben beendet, in denen wir ihn begonnen haben. Kein Meter Geländegewinn, aber über achtzig Prozent Verluste. Vimy Ridge haben wir wenigstens eingenommen, aber das… das war einfach nur sinnloses Sterben."

Da ist etwas Dunkles in seinem Blick, etwas Gequältes, Gejagtes. Es sind die Augen von jemandem, der zu viel gesehen hat.

Ich nehme einen letzten Zug an der Zigarette und lasse den Stummel dann zu Boden fallen. Mir fällt nichts ein, was ich sagen könnte.

Ken sieht mich von der Seite an. „Tut mir Leid", entschuldigt er sich, „hätte ich das nicht sagen sollen?"

Vehement schüttele ich den Kopf. „Nein, ich habe ja gefragt, oder?", versichere ich, „es ist bloß… manchmal ist es schwer zu ertragen."

„Na, da sagst du was", bemerkt er trocken. Sein Blick wandert wieder hinüber zum Regen. Einige Sekunden verstreichen.

„Hast du manchmal Angst? Zu sterben?", frage ich dann. Unser Gespräch hat die Grenzen höflicher Konversation schließlich schon lange verlassen. Ich frage mich, wann das passiert ist.

Nachdenklich legt Ken den Kopf schief, bevor er antwortet: „An der Front hat jeder Angst. Glaub nicht, was sie in ihren Propagandablättchen schreiben. Alle haben Angst. Jedes Mal, wenn sie uns in die Gräben schicken, will ein Teil von mir einfach weglaufen. Weglaufen würde heißen, meine Männer im Stich zu lassen, deswegen bleibe ich, aber das heißt nicht, dass ich nicht gerne laufen würde."

Sein forschender Blick trifft auf meinen. „Nicht sehr heldenhaft, oder?", fragt er mit einem zynischen kleinen Lächeln.

Ich zucke mit den Schultern. „Ich weiß nicht, ob es heldenhaft ist, keine Angst zu haben", erwidere ich, „aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es dumm wäre."

Ein Lächeln zuckt über sein Gesicht, so schnell verschwunden wie es gekommen ist. „Schön gesagt", bemerkt er dann. Er zieht eine weitere Zigarette aus der Schachtel, aber als es sie mir dieses Mal anbietet, lehne ich ab.

„Wenn ich ehrlich bin", fährt er fort, nachdem er den ersten Zug genommen hat, „ist es gar nicht mal so sehr der Tod, vor dem ich Angst habe. Am Anfang war es das, ja. Am Anfang war mir schlecht vor Angst bei dem Gedanken, dass ich sterben könnte. Jetzt allerdings…"

„Jetzt?", hake ich nach, als er verstummt.

Er scheint einige Sekunden nachzudenken, sieht mit gerunzelter Stirn auf einen Punkt irgendwo links von meinem Kopf, bevor sein Blick sich wieder auf mich richtet und er antwortet: „Jetzt habe ich mehr Angst davor, wie ich überleben könnte. Ich muss dir nicht erzählen, wie manche Männer aus diesem Krieg herauskommen. Verstümmelt, blind, ohne Beine, ohne Gesicht. Manchmal denke ich, ich wäre lieber tot, als so zu leben. Manchmal denke ich sogar, ich würde dafür sorgen, tot zu sein, ehe ich so lebe."

Ich würde gerne sagen, dass seine Worte mich schockieren. Aber er hat Recht – ich habe gesehen, was dieser Krieg aus Menschen macht. Und ich habe mich nicht nur einmal gefragt, was ich tun würde, wenn ich an Stelle einiger dieser Männer wäre. Ich weiß, was er meint.

„Weiß du", fährt Ken nachdenklich fort, „in den ersten Monaten hatte ich immer das Gefühl, das hinter mir eine Uhr ist, die tickt. Tick tock. Bis eines Tages das Ticken aufgehört hat, ganz plötzlich. Das hat mich zuerst irritiert, aber irgendwann habe ich erkannt, dass meine Zeit eh schon abgelaufen ist. Ich vermute, ich wäre schon längst dran gewesen, aber der gute alte Tod einfach im Moment so viel zu tun, dass er mich bisher vergessen hat. Deswegen bin ich nicht gerne in Anwesenheit Sterbender – ich denke dann immer, wenn er vorbeikommt, um sie zu holen, erinnert er sich vielleicht an mich und nimmt mich mit."

Er lächelt kurz und es ist nicht einmal ein besonders bitteres Lächeln, aber trotzdem spüre ich einen kalten Schauer über meinen Rücken laufen.

Es gibt das alte Sprichwort, das besagt, dass man dieses Schaudern fühlt, wenn irgendwo auf der Welt jemand über den Flecken Erde geht, der einmal das eigene Grab werden wird. Vielleicht ist es das. Vielleicht ist es aber auch, dass der Tod selbst an uns beiden schon viel zu oft vorbeigegangen ist. Denn wer sagt denn, dass Ken nicht Recht hat? Dass der Tod nicht eines Tages vorbeigehen und sich daran erinnern wird, wen er noch mitnehmen wollte?


Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „Pack up your troubles in your old kit-bag" aus dem Jahr 1915 entnommen (Text von George Henry Powell, Musik von Felix Powell).