21.

Morgen geht's also los. Ich habe meine letzten Tage bei Kerima frei genommen. Das letzte, was ich will, ist, dass sich David so kurz vor meiner Abreise noch mehr aufführt wie ein beleidigtes Kleinkind, dem man sein Spielzeug wegnehmen will. Heute muss ich allerdings doch noch zu Kerima – ich muss meine Papiere abholen, Kündigungsschreiben, Arbeitszeugnis und so. Alles, was B-Style betrifft, ist mit Hannah und Jürgen schon geklärt. Da mache ich mir keine Sorgen.

Richards Büro wird mir immer ein Horror bleiben. Ich weiß gar nicht, warum er sich persönlich um meine Kündigung kümmert, dafür hat er doch normalerweise sein Fußvolk... „So, Frau Plenske, das wäre es dann schon." Er reicht mir die Papiere. „Was wird denn nur aus David, wenn Sie uns jetzt verlassen?" fragt er mich mit diesem fiesen Gesichtsausdruck. „Er wird erwachsen werden und lernen, Verantwortung zu übernehmen." – „Wie wahr, wie wahr." Habe ich Richard da gerade so etwas wie ein Lächeln abgerungen? Tse, scheint so, als geschehen doch noch Zeichen und Wunder…

Bevor ich in den Fahrstuhl steige, drehe ich mich noch einmal um und sehe mir das Foyer an. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich am Empfang stehen: „Entschuldigung, ich habe ein Vorstellungsgespräch." Ich sehe mich nervös auf dem Sofa sitzen, die Präsentation für die Finnen... Viele Momente bei Kerima ziehen an mir vorbei. Es war ein langer und harter Reifeprozess, durch den ich hier gegangen bin. Ich sehe wieder den Tag, an dem plötzlich Rokko auf diesem Sofa saß – das war der Anfang vom Ende. Wenn ich hier raus bin, beginnt ein neuer, aufregender Lebensabschnitt – Seite an Seite mit diesem wundervollen Mann… Aber vorher hab ich noch etwas Dringendes zu erledigen.

Auf die Minute genau pünktlich ist Christian Kowalski am verabredeten Treffpunkt. Ich muss nicht mal lange suchen oder so, die Ähnlichkeit mit Rokko ist frappierend – sie könnten fast Zwillinge sein. Er ist ein bisschen größer als Rokko, aber er ist nicht so bunt gekleidet. Und er freut sich sehr, als ich ihn anspreche. Aber zu meinem Entsetzen ist er allein: „Daraus musst du dir nichts machen. Sie sind halt ein bisschen unterkühlt und ein Vielleicht ist schon mehr als ich von den beiden erwartet hätte. Vielleicht kommen sie ja morgen zum Flughafen." Christian gibt sich große Mühe, mich aufzubauen, aber ich bin wirklich enttäuscht, dass Mama und Papa Kowalski nicht da sind. Ich hätte Rokko gerne die Freude gemacht, sich persönlich von seinen Eltern zu verabschieden. Die Familie ist so wichtig, auch wenn Rokko immer so tut als wäre ihm das egal. Ich spüre doch genau, wie gerne er bei uns in Göberitz ist und wie wohl er sich bei meinen Eltern fühlt.

Rokko ist bei seiner Wohnungsübergabe, direkt danach will er zu mir kommen. Das heißt, die Zeit wird langsam knapp. Christian und ich sind die letzten, die in den Garten meiner Eltern ankommen. Alle unsere Freunde sind schon da: Jürgen, Mark, Timo, Hannah, Yvonne und das immer noch im Bauch verpackte Muckelchen, Max, Hugo, Britta… und nun auch Rokkos Bruder. Geplant ist ein Grillfest, trotz der eher frischen Temperaturen. Rokko schwärmt immer, dass unser Garten genau richtig dafür sei und das soll er jetzt einmal selbst erleben, bevor es uns auf einen anderen Kontinent verschlägt.

„Hallo mein Schatz, das ging aber schneller als gedacht", begrüße ich Rokko und führe ihn zur Hintertür: „Ich muss dir was zeigen." – „Und wa…" Das S bleibt ihm im Halse stecken, als alle „Überraschung!" rufen. Mission erfüllt. Rokko hatte nicht den geringsten Verdacht. Sofort erspäht er seinen Bruder: „Chris!" Überraschung geglückt: „Du glaubst doch nicht, dass ich meinen großen Bruder einfach so gehen lasse, ohne dass er sich ordentlich bei mir verabschiedet hat?"

Nachdem alle Gäste gegangen sind, quartieren wir Chris auf dem Sofa ein. „Wow, das war wirklich eine Überraschung." Rokko und ich ziehen uns in mein Zimmer zurück. „Wie und vor allem wann hast du das vorbereitet?" fragt Rokko mich, als wir eng aneinander gekuschelt in meinem Bett liegen – naja, anders als eng geht es in meinem kleinen Bett ja eh nicht, aber ich könnte mir durchaus unangenehmere Dinge vorstellen, als mit Rokko hier zu liegen... „Das sage ich dir erst, wenn du mir sagt, woher du gewusst hast, auf welchem Bahnsteig ich ankommen würde." Ich habe ihn das schon ein paar Mal gefragt, aber er will es mir partout nicht sagen - so auch heute Abend: „Das wird auf ewig mein Geheimnis bleiben." Wenn ich sein schelmisches Grinsen so sehe, will ich gleich mehr als nur kuscheln. „Gut, hat eben jeder sein Geheimnis." – „Okay." Rokko wird wieder ernst: „Morgen geht's los." – „Hm." – „Hast du irgendwelche Zweifel?" – „Ja. Ich habe Zweifel, ob irgendwas von deinen Sachen heil ankommt, so chaotisch wie du alles eingepackt hast." Ich grinse ihn an und Rokko beginnt mich zu kitzeln. Irgendwann haben wir begonnen uns erst sanft und dann immer leidenschaftlicher zu küssen. Unser scherzhaftes Gespräch endet in einer Nacht voller Emotionen und Leidenschaft...