Epilog
Sie bewegten sich im Takt der Musik, die leise aus dem antiquierten Radiowecker auf dem Nachttisch kam. Sie atmeten die Luft des jeweils anderen, so nah waren sie sich. Seine Arme um ihre Hüfte, ihre um seinen Hals geschlungen.
"Wenn ich hier irgendetwas zu sagen hätte, dann wäre die Musik besser", erklärte er und klang trotzdem so zufrieden, wie sie es schon lange nicht mehr in seiner Stimme gehört hatte.
"George Michael ist nicht dein Ding?"
"Wenn du mir jetzt sagst, dass George Michael dein Ding ist, dann muss ich augenblicklich das Zimmer verlassen. Es gibt Sachen, die können und dürfen nicht sein." Sein Körper sagte etwas gänzlich anderes.
"Ich liebe George Michael, aber ich habe keinen Zweifel, dass du trotzdem hierbleiben wirst." Sie löste sich ein wenig und sah ihn wissend an. "Oder?"
"Mist", murmelte er.
"Schon gut, du bist nicht der erste." Sie klopfte ihm sanft und tröstend auf die Schulter. "Männer verlieren schon seit Jahrtausenden all ihre Fähigkeiten rationale Entscheidungen zu treffen, wenn es um Frauen geht. Muss was biologisches sein."
"Danke, aber ich habe meine rationalen Entscheidungen sehr gut im Griff." Das einzige, was er im Moment fest im Griff hatte, war sie.
"Du hast gerade einem Typen im Pub deine Faust ins Gesicht gerammt", führte sie als Gegenargument an und versuchte es mit einem empörten Gesichtsausdruck, der nicht lange hielt.
"Er war ziemlich nah an deinem Hintern dran."
"Ja", gab sie zu, "aber er hatte ihn noch nicht angefasst."
"Vorsicht ist besser als Nachsicht."
"Er war ungefähr zweimal so groß wie du."
Jetzt versuchte er es mit dem empörten Gesichtsausdruck, an dem sie schon gescheitert war. "Willst du sagen, dass ich Angst haben sollte, wenn ich deine Ehre verteidige? Außerdem bin ich so winzig nun auch wieder nicht."
"Ein wenig mehr rationales Denken wäre manchmal angebracht. Das ist alles."
Er fing an schief zu grinsen und es war das Grinsen des unmittelbar bevorstehenden Sieges, den er einstreichen wollte. "Gib zu, dass es dir gefallen hat."
Sie entschied sich nichts zu sagen, doch alles in ihrem Gesicht verriet sie. Er war ansteckend, in vielen Bereichen. Wenn es eine Krankheit war, dann hatte sie sie gern.
"Es hat dir gefallen", bestätigte er noch einmal das Offensichtliche und triumphierte leise. Seine Augen ließen sie nicht los und wanderten über ihr Gesicht. Ungeniert und ruhelos.
Sie fragte sich, was er noch alles sah, und war es gleichzeitig irgendwie leid, ihre Wissenschaft und all die ständigen Implikationen nun auch hier in diesem Moment mit sich im Raum zu wissen. Sie wollte es nicht ständig zwischen ihnen haben, aber sie kannte seine Gedanken dazu. Er mochte das, was es mit ihm machte ebenfalls nicht, und trotzdem ließ es sich nicht einfach abschalten.
Sie legte ihre rechte Hand über seine Augen. "Hör auf zu beobachten. Du bist ständig dabei zu beobachten."
Er schüttelte mit dem Kopf. "Ich sehe keine Antworten oder Gefühle", verteidigte er sich und ließ ihre Hand trotzdem auf seinem Gesicht gewähren. "Ich suche nicht mehr danach. Ich sehe nur dich."
Er hatte so etwas ähnliches schon einmal gesagt. Vor ein paar Wochen, als sie zusammen im Krankenhaus saßen und er von den Spuren der Schlägerei gezeichnet war, die den Stein ins Rollen gebracht hatte. Sie hatte dem Satz damals nicht allzu viel Bedeutung geschenkt. Vielleicht hätte sie es sollen.
Sie ließ ihre Hand weiter da, wo sie war und kam gleichzeitig noch näher. "Was siehst du jetzt?"
"Immer noch dich."
Sie nahm ihre Hand weg, doch seine Augen blieben geschlossen. Es war eindeutig, dass er auf sie wartete, doch irgendwie konnte nun sie sich nicht von seinem Anblick lösen. Sie sah auch einfach nur ihn und es war großartig. Sie sah den Mann, mit dem sie heute Morgen das vielleicht beste und ehrlichste Gespräch ihres Lebens hatte.
Seine Augen öffneten sich und sie sah noch viel mehr.
Er lächelte wieder. "Du hast es auch gerade gedacht."
"Was?", fragte sie und war sich nicht sicher, ob sie nicht doch wieder in alte Muster verfallen waren.
"Geweitete Pupillen."
Sie lächelte ebenfalls, weil er so falsch nicht lag. Der Fluch konnte auch Segen sein. "Wenig Licht hier drinnen."
"Hm", bestätigte er nur amüsiert.
Er war nah, doch es fehlte ein Stückchen und sie realisierte langsam, dass nur sie es für sie beide überbrücken konnte. Er traute sich nicht—nicht aus Angst, sondern vielmehr aus Respekt und dem Wissen um seine eigenen Fehler.
Doch sie war bereit. Wie immer ihre Geschichte weitergehen würde, sie war bereit dafür.
Als sie näherkam und sie beide gemeinsam die Augen schlossen, nahm sie einen letzten Atemzug, den er nutzte, um sie mit seinen Lippen auf ihren zu überraschen. Es raubte ihr die Luft, doch sie glaubte in dem Moment, dass Ersticken nicht die schlechteste Sache war.
Die Wärme des Kusses breitete sich in ihrem Körper aus und es dauerte und dauerte, bis sie verstand, dass sie immer noch atmete und er immer noch ganz nah war. Seine Zunge machte sie ein wenig benommen, ließ ihren Kopf in luftige Höhen steigen, doch seine Hand in ihrem Nacken hielt sie fest, das dezente Kribbeln seiner Bartstoppel auf ihrer Haut machte es irgendwie real.
Sie wollte nicht, dass es aufhört, aber vielleicht war das Ende ja erst der Anfang von allem.
Er war derjenige, der sich zuerst löste, doch sie merkte, dass es nicht deshalb war, weil er nicht mehr wollte, sondern weil er noch viel mehr von ihr wollte. Er wollte sehen und begreifen. Seine Augen wanderten wieder und er lächelte verschmitzt. "Du bist wunderschön."
"Ja?", fragte sie, doch sie sah es auf seinem Gesicht und es brauchte kein bisschen Training, um zu erkennen, dass er sie ehrfürchtig bewunderte. "Du bist auch nicht so schlecht."
Er grinste ein Weilchen, bevor er sie zu sich heranzog, in den Arm nahm und hin und her wiegte, als hätte er schon vergessen, dass im Hintergrund ein Radiosender kitschige 80er-Jahre-Hits spielte.
ENDE
Das beschützte Lamm – Gotthold Ephraim Lessing
Hylax, aus dem Geschlecht der Wolfshunde, bewachte ein frommes Lamm. Ihn erblickte Lykodes, der gleichfalls an Haar, Schnauze und Ohren einem Wolfe ähnlicher war als einem Hund, und fuhr auf ihn los. "Wolf," schrie er, "was machst du mit diesem Lamm?"
"Wolf selbst!" versetzte Hylax. (Die Hunde verkannten sich beide.) "Geh! Oder du sollst erfahren, dass ich sein Beschützer bin!"
Doch Lykodes will das Lamm dem Hylax mit Gewalt nehmen; Hylax will es mit Gewalt behaupten, und das arme Lamm - treffliche Beschützer! - wird darüber zerrissen.
