Kapitel 21 – Überraschende Auskünfte

Hermione lief noch einen Bogen durch die angrenzenden Wege, bevor sie ins Haus des Ordens zurückging. Die kühle Nachtluft half, etwas Abstand zu gewinnen. Ihr blieb jetzt ohnehin nichts weiter übrig, als Severus Snapes Rückkehr abzuwarten. Allerdings musste sie nun damit rechnen, dass er ihr aus dem Weg gehen würde, um seine Souveränität zu wahren.

Da trotz der späten Stunde bei Angelina noch Licht brannte, klopfte Hermione leise. Sie brauchte dringend Ablenkung. Ihre ehemalige Schulkameradin saß auf dem Bett, mit dem Rücken an die Wand gelehnt.

„Kannst du auch nicht schlafen?"

Hermione schüttelte den Kopf.

Angelina stand auf und holte eine Flasche Wein, zog den Korken mit ein paar geübten Handgriffen heraus, schenkte zwei Gläser ein und reichte eins Hermione.

„Auf unser neues altes Leben!"

Hermione fügte hinzu: „Auf ungeahnte Möglichkeiten."

„Genau!" Angelina kippte die Hälfte des Glases in einem Zug hinunter und stellte es auf dem Nachttisch ab. „Weißt du was? In den letzten Tagen kam ich mir noch wie in einem schlechten Film vor, doch seit heute fühle ich mich großartig. Ich kann's kaum erwarten, meinen Zauberstab in den Händen zu halten!"

„Das geht mir ähnlich", bestätigte Hermione. „Wobei ich denke, dass das Gegenmittel wesentlich dazu beitrug."

„Der blanke Horror, dass Harry und du jahrelang dieses Gift in euch hattet. Kein Wunder, dass es Harry immer mieser ging."


„Hast du George jemals so schweigsam erlebt?", fragte Angelina besorgt.

„Nein. Aber Professor Snape meinte, dass es nach der ersten Legilimentikanwendung normal wäre, wenn er sich zurückzieht. Er glaubt, dass es nicht mehr lange dauert, bis George wieder ganz der Alte ist."

„So, sagt er das? Du magst Snape inzwischen, stimmt's? Ich höre es an deinem Ton."

Hermione zuckte die Schultern, während ihr Magen Purzelbäume schlug.

„Und dabei hattest du anfangs so große Bedenken. Doch so übel ist Snape gar nicht", sinnierte Angelina. „Früher hatte ich viel zu viel Schiss vor ihm, um ihn richtig wahrzunehmen."

Hermione sah ihre ehemalige Schulkameradin perplex an.

„Seine Augen sind faszinierend", fuhr Angelina fort. „Findest du nicht? Wobei ich mir Legilimentik ziemlich gruselig vorstelle. George tut mir leid."

„Es ist nicht sonderlich angenehm", bestätigte Hermione. „Aber man merkt, dass er geübt ist. Er spricht danach Heilzauber, ich fand das sehr beruhigend."

„Kann ich mir vorstellen, bei dieser Stimme", fuhr Angelina fort. „Er hätte früher im Unterricht bestimmt mehr erreicht, wenn er nicht gesprochen hätte, als hätte er vorher Eiswasser geschluckt. Mir ist aufgefallen, dass sie besonders samtig klingt, wenn er mit dir redet." Angelina duckte sich.

Hermione hatte das Kopfkissen ergriffen und zielte nach ihr. Nach dem kurzen Geplänkel ging es ihr etwas besser.


Professor Snape kehrte am nächsten Tag nicht ins Haus des Ordens zurück und auch am übernächsten Morgen blieb sein Platz leer. Hermione sehnte sich danach, ihn wiederzusehen.

Nach dem Mittagessen erkundigte sie sich bei Professor McGonagall, ob es schon Neuigkeiten von Harry gab, doch die alte Lehrerin schüttelte den Kopf. „Ich gehe davon aus, dass es länger dauert als bei Ihnen. Da Professor Lupin und Professor Snape damals gemeinsam den Schutzzauber bei Mr. Potter ausführten, wäre es außerdem möglich, dass sie sich noch über das weitere Vorgehen abstimmen."

„Warum mussten bei Harry zwei Leute den Zauber anwenden?"

„Mr. Potter sprach nicht auf die Magie von Professor Snape an."

„Wieso nicht?", fragte Hermione verblüfft.

„Wir konnten es uns nicht erklären. Da keine Zeit blieb, griff Remus Lupin ein."

„Vielleicht lag es daran, dass Professor Snape Harry Ablehnung entgegenbrachte?", mutmaßte Hermione. „Vielleicht hätte es gleich jemand anders machen sollen?"

Professor McGonagall betrachtete Hermione über den Rand ihrer Brille. „Severus bestand darauf, dass er Harry übernimmt."


Hermione runzelte erstaunt die Stirn. „Und was ist Ihre Theorie, dass der Schutzzauber nicht funktionierte?"

„Als wir von den Weasleys erfuhren, dass es Harry im Laufe der Jahre zunehmend schlechter ging, vermutete Severus, dass er noch immer unter dem Einfluss einer schädlichen Magie stand. Er konnte bei Mr. Potters Zustand jedoch keine Legilimentik anwenden. Die Sache blieb mysteriös."

„Und wie ging es weiter?"

„Sie waren schließlich der Schlüssel, Hermione. Erst an dem Nachmittag, als es Severus endlich gelang, einen kurzen Blick in Ihre Erinnerungen zu werfen, wurde ihm klar, dass Sie beide von Naginis Gift infiziert sein könnten. Er wusste zwar, dass sich Harry damals in der Heulenden Hütte befand, als er angegriffen wurde, schloss aber aus, dass es zu dem Zeitpunkt geschehen sein konnte, weil Harry kurz danach unversehrt in Hogwarts auftauchte."

„Das sagte mir Professor Snape auch. Deshalb wollte er meine Erinnerungen schnell zurückholen."

„Ihr Erlebnis in Godric's Hollow war uns allen unbekannt und Severus wurde klar, dass die Menge des Gifts, die Mr. Potter abbekommen hatte, seine Magie abprallen ließ."

„Also gab es bei Harry und mir ähnliche Probleme, bedingt durch das Gift und Professor Snapes Immunität", schlussfolgerte Hermione.

Professor McGonagall schenkte Tee ein. „Ja. Wir hatten von Anfang an den Verdacht, dass es eine Verbindung zwischen Ihren Schwierigkeiten und denen von Mr. Potter gab. Denn auch Ihr Leben lief überhaupt nicht so, wie es zu vermuten gewesen wäre. Aber Severus fand während der vergangenen Jahre nie Zugang zu Ihnen."


„Während der vergangenen Jahre?" Hermione hörte, wie belegt ihre Stimme plötzlich klang.

„Er versuchte mehrfach, Ihre Erinnerungen zu lesen."

„Ich habe ihn nie gesehen!"

„Er trat in Verkleidung oder in anderer Gestalt auf. Aber Sie blockten ihn immer unbewusst ab. Das ließ ihm keine Ruhe."

Hermione saß mit weit aufgerissenen Augen da, aber das einzige, was ihr einfiel, war: „Wieso in Verkleidung? Ich hätte ihn während des Schutzzaubers doch sowieso nicht wiedererkannt."

„Er wollte es so." Minerva McGonagall lächelte sie an. „Severus verfolgte Ihren Lebensweg in all den Jahren."

Hermiones Kopf war mit einem Mal wie leergefegt.

„Nachdem Sie eine Absage erhielten, setzte er sich mit Oliver Wood als Verbindungsmann dafür ein, dass Sie an der Universität aufgenommen werden. Er wusste, dass Sie über die Fähigkeit dazu verfügen, auch wenn Ihre schulischen Ergebnisse in der Muggelwelt in krassem Gegensatz zu Ihrer Zeit in Hogwarts standen. Das gab uns ohnehin Rätsel auf. Er instruierte Mr. Wood, ein Auge auf Sie zu haben und Sie zu unterstützen. Aber das war gar nicht nötig, weil Sie in dieser Umgebung sofort aufblühten, als hätten Sie Ihr Leben lang nichts anderes getan, als Chemie zu studieren und in einem Labor zu arbeiten."

„Warum hat Professor Snape das getan?"

„Wir befanden uns in der Fürsorgepflicht für all jene, bei denen wir gezwungen waren, so stark in ihr Leben einzugreifen. Da Ihre Familie nichtmagisch ist und Ihr Kontakt zu den Weasleys ruhte, wollten wir in Ihrem Fall zumindest dafür sorgen, dass Sie eine gute Basis für Ihr neues Leben bekommen und gegebenenfalls schnell wieder in unsere Welt wechseln können."

„Das gibt's doch alles gar nicht", murmelte sie.


Professor McGonagall sah sie grübelnd an: „Ich würde gern über eine Sache mit Ihnen sprechen, Hermione, bitte Sie allerdings, diese als ein Unter-vier-Augen-Gespräch zu betrachten."

„Worüber?", fragte sie gespannt.

„Ich habe beobachtet, dass Sie sich zu Severus hingezogen fühlen."

Als Hermione den Mund öffnete, wurde sie mit einer Handbewegung gebeten, die alte Dame erst weitersprechen zu lassen. „Ich will Ihnen mit meinen Worten auf keinen Fall zu nahe treten und bitte Sie, es nicht als Verletzung Ihrer Privatsphäre zu werten."

Sie schaute Hermione abwartend an und diese nickte, bevor Professor McGonagall fortfuhr: „Als Sie hier ankamen, äußerten Sie Bedenken, bevor Sie überhaupt wussten, wer Professor Snape ist. Ich vermutete, dass Severus dies durch seine abweisende und unnahbare Haltung forcierte und Sie ihn nicht generell als Person ablehnten."

„Das stimmt", bestätigte Hermione und dachte an die geradezu greifbare Distanz, die er zwischen ihnen aufgebaut hatte, an ihr Unbehagen am Anfang, überhaupt ein Gespräch mit ihm zustande zu kriegen.

Professor McGonagall runzelte nachdenklich die Stirn. „Natürlich konnte ich nie mit ihm darüber sprechen. Aber ich gewann im Laufe der letzten Jahre den Eindruck, dass Severus Zuneigung zu Ihnen fasste und diese seither beständig zunahm. Ich merkte ihm an, wie sehr er den Moment fürchtete, in dem Sie Ihre Erinnerungen zurückerlangen würden."

Minerva McGonagall betrachtete sie besorgt. „Sie sind ganz bleich. Trinken Sie noch eine Tasse Tee."

Hermione schüttelte den Kopf. Ein unbeschreiblicher Aufruhr tobte in ihr. Sie holte tief Luft und berichtete ihrer ehemaligen Hauslehrerin von ihrem gestrigen Eindruck. Es tat gut, sich alles von der Seele zu reden.

Minerva McGonagall hörte aufmerksam zu und stand dann auf. „Kommen Sie, Hermione, lassen Sie uns einen Spaziergang machen."


Die umliegenden kleinen Straßen waren mittlerweile fast komplett von Laub bedeckt. Hermione versuchte, das eben Gehörte zu verdauen. Sie konnte sich nicht erinnern, Professor Snape in den letzten Jahren einmal gesehen zu haben und fragte sich, in welchen Verkleidungen er ihr wohl begegnet war.

„Vielen Dank für Ihr Vertrauen, Hermione", begann Professor McGonagall. „Es muss für Sie schwierig sein, diese Flut an Ereignissen und Emotionen zu verarbeiten. Sie wissen, dass meine Tür jederzeit für Sie offen ist."

Sie nickte.

„Ich halte mich normalerweise aus den Angelegenheiten meiner Mitbewohner heraus", setzte Professor McGonagall fort. „In diesem Fall fand ich es jedoch wichtig, Ihnen die wahren Hintergründe mitzuteilen."

„Weil Sie denken, dass es aussichtslos ist", sagte Hermione und ihr Magen krampfte sich zusammen.

Die alte Lehrerin blieb stehen. „Nein. Aber ich teile Ihre Vermutung, dass er sich zurückziehen könnte, nachdem er Ihnen unbeabsichtigt Empfindungen preisgab." Sie hob ein buntes Ahornblatt auf und betrachtete es, bevor sie weitersprach. „Severus ist kein Mensch, der anderen erlaubt, ihm näher zu kommen."

Hermione starrte auf das Kopfsteinpflaster. „Ich weiß."

Professor McGonagall legte ihr plötzlich eine Hand auf die Schulter. „Sie haben vor längerer Zeit etwas in ihm ausgelöst, mit dem er nicht rechnete und das er nur schwer kontrollieren kann. Außerdem ging er davon aus, dass Sie ihm nach der Rückerlangung Ihrer Erinnerungen ablehnend gegenüberstehen werden."

„Was eine Fehleinschätzung war", murmelte Hermione.

Minerva McGonagall betrachtete sie nachdenklich. „Entscheidend ist auch, was Sie wollen, Hermione. Sie befinden sich momentan in einer sehr unruhigen Phase, Ihr ganzes Leben ist im Umbruch begriffen…"

„Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich schon lange nicht mehr so … für einen anderen Menschen empfunden habe", entgegnete Hermione und Wärme durchflutete sie, als sie sich selbst zum ersten Mal ihre Gefühle so deutlich eingestand.

Ein herzliches Lächeln verjüngte das Gesicht der Älteren. „Ja, das war auch mein Eindruck in den vergangenen Tagen. Deshalb habe ich das Thema angeschnitten. Ich glaube nämlich, dass Sie über die Beharrlichkeit und das Fingerspitzengefühl verfügen, um Severus aus seiner mittlerweile selbstgewählten Dunkelheit herauszuführen."

Professor McGonagalls ermutigende Worte beflügelten Hermione so, dass ihr der Herbsttag plötzlich nicht mehr grau erschien.


Als sie an Professor Trelawneys Häuschen vorbeikamen, war ihre ehemalige Lehrerin gerade damit beschäftigt, ihre Riesenblumen hochzubinden und dabei leise vor sich hinzuschimpfen. Ihre Haare standen noch mehr zu Berge als beim letzten Mal und die unzähligen Armbänder an ihren Gelenken klimperten bei jeder Bewegung.

„Guten Tag, Sybil", grüßte Professor McGonagall. „Ms. Granger kennst du noch von früher."

„Schlechte Energie, schlechte Energie", murmelte diese vor sich hin, ohne aufzublicken. „Könnten Sie so freundlich sein und weitergehen, Ms. Granger? Die Aura der Seelenblume ist in dieser Phase des Mondes sehr empfänglich für negative Schwingungen. Sie sehen ja selbst, dass ich sie nicht mehr gebändigt bekomme."

Professor McGonagall runzelte die Stirn. „Vielleicht solltest du deinen Zauberstab nehmen statt des Astes?", schlug sie trocken vor.

Professor Trelawney starrte auf das Stück Holz in ihrer Hand. „Kommt übermorgen wieder, dann sind die Langellenblätter reif für den Tee", sagte sie mit träumerischer Stimme.

Die beiden Frauen wechselten einen raschen Blick und setzten ihren Weg fort.

„Kann es sein, dass sie nun völlig übergeschnappt ist?", fragte Hermione.

„Die Zurückgezogenheit der letzten Jahre war ihrer zwischenmenschlichen Kompetenz auf jeden Fall abträglich", entgegnete Professor McGonagall.

Als sie das Haus des Ordens erreichten, glaubte Hermione, hinter den Scheiben im Souterrain eine Bewegung zu erkennen.


Je näher die Zeit zum Abendessen rückte, desto mehr Unruhe ergriff sie und sie saß schon zehn Minuten zu früh am Tisch im Esszimmer. Doch nur wenige Sekunden später hörte sie ein leises „Guten Abend", der Stuhl gegenüber wurde zurückgezogen und als sie aufsah, waren die vertrauten dunklen Augen auf sie gerichtet.