Die Sommeraffäre
Kapitel 21
Scorpius kehrte auch nach Leos Geburt nicht sofort in den Unterricht zurück, sondern wurde weiterhin von Professor Lupin unterrichtet und von James und Albus bei den Hausaufgaben unterstützt. Alte Runen, war das einzige Fach, in dem ihm keiner von den dreien helfen konnte. Dafür bat er Rose um Hilfe.
Albus fand Gefallen an seiner ‚Strafe' als Babysitter und passte jeden Tag für ein oder zwei Stunden auf Leo auf, in denen James und Scorpius sich ein wenig ausruhen konnten. Victoire kam regelmäßig vorbei um nach Leo zu sehen und den beiden jungen Vätern sämtliche Fragen zu beantworten.
James saß im Gryffindor Gemeinschaftsraum mit seinen Freunden, als Hugo auf ihn zutrat.
„Hey James. Kann ich mal kurz mit dir reden?" bat er.
„Ja, klar", sagte James sofort und sie suchten sich eine abgelegene Ecke im Gemeinschaftsraum. Schnell sprach James einen Muffliato-Zauber, damit niemand sie belauschen konnte.
„Ich nehme mal an, es geht um Lysander?", sprach James seine Vermutung aus.
„Ja. Ich weiß nicht, ob er sich überhaupt für Jungen interessiert und habe keine Ahnung, wie ich das rausfinden soll", gestand Hugo.
„Hm. Es gibt normalerweise drei Möglichkeiten. Erstens, - die einfachste Variante – es ist allgemein bekannt, dass dein Schwarm auf Jungen steht und du brauchst nur irgendjemanden zu fragen. Zweitens, du fragst deinen Schwarm direkt, wenn seine Neigungen nicht allgemein bekannt sind oder Drittens, du gehst volles Risiko, wie ein echter Gryffindor und küsst ihn oder flirtest einfach mit ihm", erklärte James.
„Und wenn er nicht auf Männer steht?", fragte der jüngere unsicher.
„Dann wird er dir das sagen. Du und Lysander seid schon so lange befreundet, er würde es dir bestimmt so freundlich wie möglich beibringen und es sicher auch niemandem erzählen. Eine Abfuhr riskiert man immer, egal ob man einen Jungen oder ein Mädchen küsst oder um ein Date bittet", meinte der ältere mitfühlend.
„Ich glaube nicht, dass ich mich traue ihn einfach so zu küssen oder um ein Date zu bitten und ich habe keine Ahnung, wie man flirtet", sagte Hugo verzagt.
„Dann musst du ihn eben fragen. Warum fängst du nicht einfach damit an, ihm zu sagen, dass du schwul bist, dann kannst du sehen wie er darauf reagiert. Vielleicht gesteht er dir ja dann das Gleiche", schlug James ihm vor.
„Ok, danke James", sagte Hugo. „Also, wie läuft es mit Scorpius?", wechselte er dann das Thema.
„Was meinst du?", fragte James scheinheilig.
„Komm schon, jeder kann sehen, dass ihr immer noch aufeinander steht. Du willst ihn doch zurück, oder?", meinte Hugo.
„Ja, aber ich will nicht, dass er denkt, ich will ihn nur wegen Leo", gestand der Schulsprecher.
Hugo nickte nur verständnisvoll. Er hatte auch keinen Rat für seinen Cousin.
Am 19. Oktober feierte James seinen 18. Geburtstag. Da Leo erst einige Wochen alt war, war es eine ruhige Feier im engsten Kreise der Familie. Eingeladen waren nur die im Schloss, die von Leo wussten. Viele in Hogwarts wunderten sich, warum James nicht wieder eine riesige Party schmiss, wie im Jahr zuvor. James wimmelte jedoch gekonnt alle Fragen danach ab.
Nach Halloween begann Scorpius wieder einige seiner Klassen zu besuchen. Er fing mit Kräuterkunde, Zauberkunst und Zaubertränke an, in denen er in seinen ZAGs jeweils ein E (Erwartungen Übertroffen) bekommen hatte. Während er und James im Unterricht waren, passte Victoire auf Leo auf. Da sie nun wieder im Krankenflügel arbeitete, viel einigen Schülern das neue Baby auf und es kam zu einigen wilden Gerüchten.
Eines der harmloseren Gerüchte war, jemand hätte das Baby vor den Toren von Hogwarts ausgesetzt und die Lupins hätten es adoptiert. Ein anderes Gerücht war, dass es sich bei dem Baby um Professor Lupins Kind aus einer Affäre handle. Einige behaupteten sogar, es sei mit einer Schülerin gewesen. Keines der Gerüchte, kam auch nur im Entferntesten der Wahrheit nahe.
Nachdem die Lehrer von den vielen Fragen der Schüler genervt waren, beschloss Professor McGonagall eine Ansprache beim Abendessen zu halten und einige Dinge klar zu stellen, denn die Gerüchte wurden mit der Zeit immer absurder. Als alle Lehrer und die meisten Schüler in der Großen Halle versammelt waren, stand sie auf und bat um Aufmerksamkeit.
„Mir ist zu Ohren gekommen, dass Madam Lupin und einige andere Lehrer in den letzten Tagen vermehrt auf das Baby angesprochen wurden, das Madam Lupin seit kurzem betreut. Da es zu einigen – teilweise absurden – Gerüchten gekommen ist, möchte ich gerne einige Dinge richtigstellen", begann die Schulleiterin.
„Bei dem Kind handelt es sich um den sieben Wochen alten Sohn zweier unserer Schüler, deren Identität wir nicht preisgeben werden", verkündete sie.
„Das bedeutet jedoch nicht, dass wir an dieser Schule Schwangerschaften billigen oder gar unterstützten. Dies ist ein Einzelfall mit besonderen Umständen und ich möchte Sie bitten, dass das so bleibt", ermahnte Professor McGonagall ihre Schüler mit einem strengen Blick.
„Bitte verzichten Sie in Zukunft darauf Madam Lupin und die anderen Lehrer mit Fragen zu belästigen. Sie werden keine weiteren Antworten auf ihre Fragen bekommen", beendete sie ihre Ansprache und setzte sich wieder auf ihren Platz in der Mitte des Lehrertisches.
Sofort brach die große Halle in wildes Geflüster aus. An allen vier Haustischen wurde gerätselt, wer diese zwei Schüler waren. Sämtliche bekannten Paare wurden von ihren Mitschülern prüfend angesehen.
Glücklicherweise kam niemand auf die Idee Scorpius angebliche Krankheit mit einer Schwangerschaft in Verbindung zu bringen. Sowohl James als auch Scorpius waren in der Großen Halle anwesend. Albus hatte angeboten auf Leo aufzupassen, während sie zu Abend aßen.
„Wusstet ihr, dass McGonagall das vorhatte?", flüsterte Fred seinem besten Freund und Cousin zu.
„Ja, sie hat mich heute Morgen nach Verwandlung um Erlaubnis gebeten", antwortete James ebenso leise. Sie waren zwar von ihrer Familie umringt, die alle Bescheid wussten, aber man konnte nie vorsichtig genug sein in Hogwarts.
„Die Gerüchte wurden wirklich langsam lächerlich", kommentierte Roxanne.
„Wer wohl die Eltern sind?", überlegte ihr Freund, Alexander Wood laut, der nicht in das Geheimnis eingeweiht war. „Meint ihr, es ist jemand aus Gryffindor?"
„Keine Ahnung", meinte Alison Jordan, Freds Freundin. „Aber wozu die ganze Geheimhaltung?"
James, Fred und Roxanne zuckten einfach nur mit den Schultern, unsicher was sie dazu sagen sollten.
„Ihr seid so ungewöhnlich ruhig", meinte Alison. „Wisst ihr etwa mehr als wir? Professor Lupin ist schließlich sowas wie James großer Bruder und Madam Lupin ist eure Cousine."
„Ja, wir wissen wer es ist, aber wir dürfen es niemandem verraten", gestand James. „Ich kann aber mal fragen, ob ich es euch sagen darf", bot er an. Er hatte ein schlechtes Gewissen, dass Fred und Roxanne wegen ihm etwas vor ihren Partnern verheimlichen mussten.
„Ok, danke James. Die Geschichte muss wirklich gut sein, wenn die Lehrer bereit sind dicht zu halten", sagte Alex.
„Wenn ich die Erlaubnis bekomme es euch zu erzählen, dann aber nur mit dem Versprechen niemandem – und ich meine wirklich niemandem – etwas davon zu erzählen", ermahnte James ihn. Wood war bekannt dafür, dass er seine große Klappe oft nicht halten konnte und unabsichtlich Geheimnisse ausplauderte – seine und die von anderen.
„Wie haben die Gryffindors reagiert? Ist irgendjemand auch nur nah dran an der Wahrheit?", fragte Scorpius, als sie nach dem Abendessen wieder in ihren Räumen waren.
„Nein, soweit ich weiß nicht, aber Alex und Alison wissen, dass ich und meine Familie es wissen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil Fred und Roxanne es ihnen nicht erzählen dürfen, obwohl sie mit ihnen zusammen sind", antwortete James.
„Du willst es ihnen erzählen?", rief Scorpius aufgebracht.
„Ja. Nein. Wäre es in Ordnung, wenn ich ihnen erzähle, dass es mein Kind ist, aber ihnen nicht verrate mit wem?", fragte der Gryffindor nervös.
„Du willst wirklich riskieren, dass jemand es ausplaudert oder überhört und es im Tagespropheten landet?", fragte der Slytherin ungläubig.
„Alex und Alison sind meine Freunde, ich will sie nicht belügen, Scorpius", sagte James verzweifelt.
Er wusste, je mehr Leute die Wahrheiten kannten, desto wahrscheinlicher war es, dass der Rest der Schule es herausfand. Und dann würde es sicher Schlagzeilen im Tagespropheten geben. Der Tagesprophet veröffentlichte immer noch regelmäßig Artikel über den Retter der Zaubererwelt und seine Familie. Die Geschichte von James Sohn wäre ein gefundenes Fressen für sie. Trotzdem konnte und wollte er seine Freunde nicht länger belügen, aber er würde versuchen wenigstens Scorpius vor dem Skandal zu schützen.
„Ok, es ist deine Entscheidung. Erzähle es ihnen, wenn du musst, solange du mich da raushältst. Ich bin noch nicht bereit mir die Beleidigungen und schiefen Blicke anzutun, mit denen ich bestimmt bombardiert werde, sobald das hier herauskommt", meinte Scorpius.
„Du weißt schon, dass wir Leo nicht ewig verstecken können, oder?", wies James ihn vorsichtig darauf hin.
„Ja, ich weiß, aber jetzt noch nicht, bitte", bettelte der Blonde.
„Ok, ich werde es niemandem erzählen, solange du es nicht willst", versprach James.
„Danke, James", sagte Scorpius erleichtert.
Am nächsten Tag, nach der letzten Unterrichtsstunde, machten sich James, Fred, Alison, Roxanne und Alex zusammen auf den Weg in den Gryffindor-Turm. Sie suchten sich einen freien Tisch in einer ruhigen Ecke und begannen mit ihrem riesigen Berg an Hausaufgaben. Nachdem sie jeweils zwei Aufsätze für verschiedene Fächer geschrieben hatten, beschlossen sie es für den Moment gut sein zu lassen und sich eine Pause zu gönnen. Fred schlug vor zum Abendessen in die Große Halle zu gehen.
„Geht ihr schon mal vor", sagte James. „Was dagegen, wenn ich mir Alex und Alison mal kurz ausleihe?"
„Nein, wir warten dann in der Großen Halle auf euch", antwortete Fred.
Fred und Roxanne gingen gemeinsam zum Abendessen, während James die anderen beiden in einen unbenutzten Klassenraum führte.
„Warum hast du uns hier her geschleift?", fragte Alex.
„Ihr wolltet doch wissen, zu wem das Baby gehört, oder?", gab James zurück.
„Ja. Heißt das, du darfst es uns erzählen?", wollte Alison wissen.
„Ja, aber ich kann euch nur einen Namen nennen", schränkte James sofort ein.
„Warum?", fragte Alex.
„Weil ich es versprochen habe", antwortete James.
„Ok, dann schieß los. Schock uns!", forderte Alison ihn auf.
„Oh, schocken werde ich euch ganz bestimmt, aber zuerst müsst ihr schwören niemandem zu erzählen, was euch jetzt erzähle", verlangte James.
„Ich schwöre", sagten beide ungeduldig.
„Ok, Leo gehört zu mir. Er ist mein Sohn", eröffnete er ihnen und genoss ihre geschockten Gesichter.
„Du?!", riefen die beiden schließlich überrascht.
„Du verarscht uns doch", meinte Alison skeptisch.
„Ich dachte, Mädchen wären nichts für dich", meinte Alex verwirrt.
„Ich wusste nicht mal, dass du eine festen Beziehung hast", beschwerte sich dagegen Alison.
„Wenn ihr mich ausreden lassen würdet, erkläre ich es euch", sagte James halb amüsiert und halb genervt.
„Es war ein Zaubertrankunfall - an dem ich übrigens völlig unschuldig bin. Ironischer Weise, haben wir genau an dem Tag Schluss gemacht, an dem es passiert ist. Wir sind also schon lange nicht mehr zusammen", erzählte er ihnen die Kurzversion, vorsichtig alle Hinweise auf Scorpius vermeidend.
„Ok, also nur nochmal um alles zusammenzufassen, du hast einen zwei Monate alten Sohn namens Leo zusammen mit – einem anderen Jungen? - aus Hogwarts, mit dem du aber schon seit fast einem Jahr nicht mehr zusammen bist", fasste Alison die Situation zusammen.
„Ja, so ungefähr", bestätigte James.
„Ein Wunder, dass die Presse davon noch nichts mitbekommen hat. Das wäre eine Schlagzeile für die Titelseite, mindestens", kommentierte Alison.
„Ich weiß, deshalb müsst ihr mir ja auch versprechen niemandem davon zu erzählen. Niemand außer meiner und seiner Familie weiß davon", betonte James noch einmal.
„James, wir sind deine Freunde, du kannst dich auf uns verlassen", versicherte ihm Alex.
„Ich bin gerade am überlegen, mit wem du Anfang des letzten Schuljahres zusammen warst, aber mir fällt niemand ein", bemerkte Alison verwirrt.
„Wir haben unsere Affäre damals geheim gehalten", gestand James.
„Warum? Du warst sonst auch nie so diskret", meinte Alex.
„Kommt, Fred und Roxanne warten sicher schon in der Großen Halle auf uns", sagte James um sie vom Thema abzulenken.
Widerstrebend folgten die zwei anderen Gryffindors ihm hinunter in die Große Halle. Ihnen war klar, dass sie keine weiteren Antworten bekommen würden, dabei waren sie jetzt noch neugieriger als vorher. Als sie mit Fred und Roxanne zu Abend aßen, sprachen sie jedoch über andere Dinge.
Nach dem Abendessen kehrte James zu Leo und Scorpius in ihre Räume zurück.
