Sonntag, 25. April 2004
Gegen vier Uhr in der Früh weckte sie ein leises Wimmern und nur mit eisernem Willen konnte sie sich dazu überwinden, sich aus dem warmen Bettzeug zu schälen. Dabei bemerkte sie, dass ihr Hals schmerzte und ihre Nase verstopft war.
Mist, sie hatte sich erkältet. Hätte sie sich ja auch gleich denken können, immerhin waren die Aprilabende noch alles andere als sommerlich.
Obwohl in Professor Snapes Büro noch Licht brannte, kam er nicht hervor, so transportierte sie eben kurzerhand Eileens Wiege selbst neben das Sofa und verlegte die Fütterung dorthin. Es gab wirklich eklatante Unterschiede zwischen den beiden Snapes. Keine Frage!
Aber sich weiter über Professor Snapes Wandlung Gedanken zu machen war nicht besonders erquicklich und vor allem wegen ihrer Müdigkeit keine wirkliche Option. Daher war sie mehr als erleichtert, als sie nach einer guten halben Stunde das befreiende Aufstoßen bemerkte und auch Eileen fielen die Augen glücklicherweise zügig wieder zu.
Schnell kroch sie zurück unter ihr warmes Bettzeug, heizte den Kamin nochmals auf und war rasch, ohne einen weiteren störenden Gedanken an diesen grantigen Kerkerherrn, wieder eingeschlafen.
Als sie aber das nächste Mal ein Auge öffnete, blickte sie mitten hinein in ein nachtschwarzes und das erschreckte sie doch ziemlich, was einen ausgewachsenen Hustenanfall zur Folge hatte.
„Professor?", krächzte sie und setzte sich etwas auf, so ging das Husten besser.
„Das Kind ist wach, ich gehe davon aus, dass es bald Hunger bekommt", ließ er sie wissen und richtete sich auf.
„Hm, ist gut", war Hermines näselnde Antwort.
„Ich gehe jetzt zum Frühstück und werde mich dann gezwungenermaßen mit diesen ganzen unerledigten Haufen Schüleraufsätzen herumschlagen", ergänzte er und sah angewidert dabei zu, wie sie sich lautstark die Nase putzte.
„O.K.", nickte Hermine und schlug das Bettzeug zurück.
„Sie sollten einen Erkältungstrank zu sich nehmen", wies er sie mit einem vernichtenden Blick von oben bis unten noch schroff an, bevor er ohne ein weiteres Wort den Kerker verlies.
„Was sie nicht sagen", grummelte Hermine leise und zwängte sich in ihren Morgenmantel, um ausnahmsweise einmal einem Schreianfall zuvorzukommen.
Eileen schien auch ehrlich überrascht von soviel Umsicht, sie juchzte und krähte so begeistert, dass es eine Freude war, als Hermine sehr zerknittert in ihr Zimmer geschlurft kam. Einem solch gut gelaunten Kind konnte man nicht widerstehen, egal wie verschnupft man auch war.
Außerdem hatte sie zunehmend Freude an der Kleinen. Wie sie sie immer wieder mit ihren großen, dunklen Augen anschaute und sie glücklich anlachte, so voller grenzenlosem Vertrauen und ehrlicher Zuneigung, wie nur Kinder es konnten. Sie bekam in diesem Moment eine kleine Ahnung davon, wie sehr die zukünftige Hermine an diesem kleinen, ständig hungrigen Wesen hängen würde. Sicherlich würde sie ihre Tochter sehr vermissen und sie wollte wirklich alles dafür tun, dass wenigstens Eileen ihre Mum nicht zu sehr fehlen würde.
So ging ihr das Wickeln und Stillen trotz ärgerlichem Husten und tränenden Augen ganz leicht von der Hand, vielleicht vergaß sie deswegen auch Professor Snapes Rat einen Erkältungstrank zu nehmen völlig, es gab wirklich wichtigeres zu tun, z.B. mit Eileen zu spielen und dann mit ihr in die Bibliothek zu schlendern, um nach Dokumenten über Zeittränke zu forschen.
Himmel, es gab wirklich viel Literatur darüber, was kein Wunder war, denn die Zeit zu beherrschen war seit je her ein ganz besonderer Wunsch der Zaubererwelt gewesen, darum gab es in jedem zweiten Tränkebuch auch Verweise und Spekulationen ohne Ende, nur leider wenig Greifbares und nichts, was mit der Zahl acht in direktem Zusammenhang stand. Dass die Zahl aber eine Bedeutung in der ganzen Geschichte spielen könnte, hatte der Professor der Jetztzeit ja bereits vermutet und sie stimmte ihm darin bei, dass es kein Zufall sein konnte, dass sie exakt acht Jahre in die Zukunft bzw. in die Vergangenheit geschleudert worden war.
Als Eileen nach dem Mittagessen ebenfalls satt und trocken eingeschlafen war, beschloss Hermine sie der Aufsicht ihres zukünftigen Vaters zu überlassen, der schon seit einer ganzen Weile undurchsichtige Dinge in seinem Labor betrieb und verbrachte drei sehr intensive Stunden in der verbotenen Abteilung. Es hatte doch auch Vorteile eine erwachsene Hexe zu sein, ging ihr mit leichtem Grinsen durch den Kopf, als Madame Pince ihr ohne weitere Nachfragen die Schlüssel überreichte.
Hier zwischen all den seltsamen und geheimnisvollen Büchern und Kladden, die eine so völlig andere Ausstrahlung hatten, als die Bücher in der übrigen Bibliothek, suchte sie sehr vorsichtig nach Tränken und Theorien, die sich mit der Zahl Acht beschäftigten.
Am Ende hatte sie nicht nur einen riesigen Haufen Taschentücher produziert, sondern auch zwanzig dicht beschriebene Seiten voller interessanter Denkposten, Vermerke und Notizen gefüllt und trotz Fehlens eines konkreten Hinweises, sagte ihr Gefühl ihr, dass sie auf der richtigen Spur war, morgen würde sie wiederkommen!
Der Rest des Tages verlief richtig entspannt, denn der Professor hatte noch Aufsicht und tauchte erst wieder in den Kerkern auf, als sie bereits tief und fest auf ihrer Couch eingeschlafen war. Sie war auch ziemlich erledigt gewesen, was bestimmt an dieser lästigen Erkältung lag, die zwar nicht schlimmer wurde, aber sich blöderweise standhaft weigerte, von alleine wieder weg zu gehen.
Montag, 26. April 2004
War der Sonntag doch alles in allem relativ friedlich verlaufen und hatte zu keiner größeren Auseinandersetzung Anlass gegeben, so begann die neue Woche leider weniger erfreulich, denn der Professor weckte sie am Montagmorgen direkt mit einem saftigen Anschiss.
„Miss Granger, ich verlange, dass sie augenblicklich etwas gegen diesen Husten und dieses Geschniefe tun, Sie schnarchen und stören meinen Schlaf!", beschwerte er sich ärgerlich bei ihr.
„Ja, Professor, es tut mir leid", nickte sie brav und dachte bei sich, dass dieser Kerl ewig nur an sich dachte.
„Ich gehe jetzt Frühstücken und rechnen Sie heute Abend nicht zu früh mit mir, denn ich werde wohl oder übel nach Hogsmeade hinunter gehen müssen, denn die Bücher die ich für meine Unterrichtsvorbereitungen benötige, sind falsch geliefert worden!"
„Oh, die habe ich abgeholt", entschlüpfte es Hermine, was ihr einen sehr vorwurfvollen Blick einbrachte, „Ich kann heute im Laufe des Tages gehen und sie umtauschen, wenn Sie wollen", bot sie darum sogleich an.
„Nein, danke!", schnaubte er, „kümmern Sie sich um das Kind, ich tue das lieber selbst! Da weiß ich wenigstens, dass es ordnungsgemäß erledigt ist. Sie sollten sich sowieso besser hier in den Räumlichkeiten aufhalten, um wegen der Nichteinmischungsregel mit möglichst wenig Personen in Kontakt zu kommen."
‚Na klar, und vor allem Dir nicht in die Quere zu kommen', ging es Hermine nach dieser Rüge durch den Sinn, etwas, das sie ebenfalls durchaus für erstrebenswert hielt. Trotzdem war sie nicht gewillt diesen Fehler auf sich sitzen zu lassen, daher nutzte sie eine Besprechung des Lehrerkollegiums am Montagnachmittag für einen kurzen heimlichen Ausflug nach Hogsmeade.
Sie hatte sich dick eingemummelt und auch den Kinderwagen mit einem Wärmezauber versehen und so machte ihr der kalte Wind auch erst nichts aus, doch sie musste im Bücherladen einige Zeit lang warten, weil die Aushilfe erst die richtigen Bücher nicht finden konnte und dort war es heiß und stickig und sie begann schnell zu schwitzen. Als sie sich dann zurück auf den Heimweg machte, schien ihr der Wind doppelt kalt und sie war schnell durchfroren bis auf die Haut.
Dass sie dann auch noch Professor McGonagall in die Füße laufen musste war einerseits ganz gut, denn sie versprach Eileen nach der nächsten Mahlzeit für einige Zeit zu nehmen, damit sie sich besser ihrer Recherchearbeit widmen konnte, aber sie ließ sich auch lang und breit über das für April ungewöhnlich sonnige und trockene Wetter aus.
„Nun, der Wind ist aber noch sehr kalt", entgegnete Hermine und musste niesen.
„Ja, ein Wetter das prädestiniert ist, um sich zu erkälten. Du weißt, dass Du auf Dich achten sollst!", stimmte die Schulleiterin zu und gab ihr einige Ratschläge, wie sie ihren Schnupfen wieder loswerden könnte. Eine sehr effektive Lösung wäre es gewesen, sie nicht aufzuhalten, sondern dafür zu sorgen, dass sie schnell aus den verschwitzten Sachen heraus kam und weg von diesem zugigen Flur. Aber na ja, auch Schulleiterinnen waren nicht allwissend.
Der anschließende Tee, den sie sich kochte, machte das alles auch nicht wieder gut, außerdem wollte Eileen gefüttert, gewickelt und dann schlafen gelegt werden. Als all das endlich erledigt war, wäre ein guter Zeitpunkt gewesen kurz auf die Krankenstation zu gehen und tatsächlich nach einem Erkältungstrank zu fragen, aber sie war einfach zu geschafft und sackte erst einmal für eine kleine Pause aufs Sofa. Sie war so schrecklich müde und ihr war wieder so kalt. Nur eine kleine Verschnaufpause und dann würde sie Madame Pomfrey einen Besuch abstatten.
Wahrscheinlich war sie aber wieder eingenickt, denn als dieser miesepetrige Kerkerherr in seine Wohnräume gestürmt kam, fuhr sie erschrocken auf.
„Was tun Sie da?", wollte er mit gerümpfter Nase wissen.
„Nichts!", hustete sie und rieb sich die Augen. Mist, jetzt hatte sie auch noch Kopfschmerzen.
„Waren Sie nun bei Madam Pomfrey?"
„Äh, nein, aber ich geh gleich", schniefte sie ertappt und suchte verzweifelt nach einem Taschentuch.
„Sie werden das augenblicklich tun, die Schulleiterin hat sich schon bei mir über ihre Erkältung ausgelassen."
„Sie übertreibt", wiegelte Hermine ab.
„Natürlich tut sie das", stimmte Professor Snape mitleidslos zu, „aber ich will nicht für Ihre Leichtsinnigkeit verantwortlich gemacht werden, also tun Sie, was ich Ihnen sage!"
Hermine lagen tausend Antworten auf den Lippen, doch sie hatte jetzt einfach keine Kraft, sich mit ihm herumzuzanken, also stand sie seufzend auf und schleppte sich mit einem kurzen, dafür aber sehr finsteren Blick auf ihren zukünftigen Ehemann in den Krankenflügel.
Auf dem Weg nach oben stellte sie verwundert fest, dass er ihr noch nie so lang vorgekommen war. Mit so vielen Treppenstufen, die auch noch alle so steil waren. Sie war schon im ersten Stock völlig außer Puste und im zweiten Stock hätte sie sich gerne einige Augenblicke auf die Stufen gesetzt um auszuruhen, aber wie hätte das vor den Schülerinnen und Schülern des vierten Jahrgangs ausgesehen, die gerade von Wahrsagen zurück kamen und sie eh schon mit mitfühlenden Blicken musterten.
Nein, sie hielt tapfer durch, atmete aber erleichtert durch, als sie keuchend die Tür der Krankenstation aufstieß.
„Poppy?" rief sie ächzend.
„Hermine?", Hogwarts Heilerin lugte erstaunt aus ihrem Bereitschaftszimmer heraus, „Was ist mit Dir?"
„Ich habe mich wohl erkältet und brauche einen Heiltrank", erklärte sie und erwähnte lieber nicht, wo und wie sie sich diese Erkältung eingefangen hatte.
„So, so eine Erkältung. Hm. Das sieht aber nach deutlich mehr, als einer einfachen Erkältung aus!", befand Madame Pomfrey nach einem kurzen kritischen Blick und den ersten Diagnosezauber, „Seit wann hast Du das schon?"
„Seit Freitagnacht, aber es ist doch nur etwas Schnupfen und Halsweh", tat Hermine das Ganze ab.
„Ach?", schnaubte Madame Pomfrey, „da bin ich aber anderer Meinung, junge Dame! Und mein Zauberstab ebenfalls!" Sie wiederholte einige Sprüche und schüttelte besorgt den Kopf, „Du gehörst eindeutig ins Bett und zwar sofort, Du kannst Dir nur noch aussuchen, ob das Bett hier auf der Krankenstation stehen soll oder bei Euch in den Kerkern."
„Eileen hat gleich Hunger", führte Hermine erschrocken ins Feld und linste auf ihre Armbanduhr. Grundgütiger, wegen einer Erkältung oder eines grippalen Infektes musste man doch nicht gleich auf die Krankenstation.
„Gut", sah Poppy Pomfrey ein, „dann wirst Du Dich jetzt auf den geraden Weg in Dein Bett machen und ich komme in wenigen Minuten nach, wenn ich die nötigen Tränke zusammengestellt habe!"
„Ist gut", atmete Hermine erleichtert auf und drehte sich schon zur Türe, als ihr einfiel, dass sie gar kein Bett hatte. Verflixt, wie brachte sie das nur Madame Pomfrey oder noch schlimmer, dem Professor bei?
„Kann ich nicht warten und die Tränke selbst mitnehmen, dann hast Du einen Weg gespart", versuchte sie dieser Misere aus dem Weg zu gehen.
„Netter Versuch, Professor Granger!", fegt die Heilerin diesen Vorschlag fort, „aber ich überzeuge mich lieber selbst davon, ob Du meinem Rat nachgekommen bist, ich kenne Dich immerhin lange genug! Außerdem will ich Eileen gleich einen Immunstärkungstrank geben, nicht dass Du sie schon angesteckt hast!"
„Gut", nickte Hermine seufzend, „dann geh ich jetzt mal wieder."
Zurück in den Kerkern war ihr noch kein geschickter Weg eingefallen, wie sie Hogwarts Heilerin plausibel machen konnte, dass die Couch als Schlafplatz viel besser als das Bett wäre, egal wie zögerlich und langsam sie durch die kalten Gänge schlich. Nun, dann musste sie eben in den sauren Apfel beißen und mit ihrem Mitbewohner sprechen.
„Professor?", rief sie darum auch sogleich und sah sich suchend nach ihm um.
„Was?", kam es aus seinem Büro.
„Entschuldigen Sie, Sir, aber ich brauche kurzfristig mal Ihr Bett", bat sie rundheraus, als sie vor seinem Schreibtisch stand. Aber als sie sein ablehnendes Gesicht sah, schob sie schnell hinterher, „nur für die nächste Stunde."
„Und warum?"
„Weil Madam Pomfrey gleich kommt und sehen will, dass ich ihrem Rat nachgekommen bin."
Der Professor nahm gerade tief Luft, um seinen Unmut über ihre Bitte kundzutun, als es auch schon klopfte.
„Herein!", bellte er und schenkte Hermine einen bitterbösen Blick.
„Aha, wusste ich es doch!", schimpfte Madame Pomfrey sofort, als sie Hermine aus dem Büro des Professors kommen sah, „Warum liegst Du immer noch nicht in Deinem Bett? Bist Du eigentlich lebensmüde?"
„Äh,… wie? Nein… ich geh ja schon", stammelte Hermine ertappt und versicherte sich mit einem schnellen Blick, ob das denn jetzt für den Professor auch in Ordnung sei. Doch dieser hatte gerade ganz andere Sorgen.
„Severus Snape!", begann Hogwarts Heilern nämlich in einem Ton, der jedem Schlossbewohner sogleich alle Sünden ins Gedächtnis rief, „Warum achtest Du nicht besser auf sie? Du hättest sie bereits gestern oder spätestens heute Morgen zu mir schicken sollen!"
„Entschuldigung", mischte sich Hermine ein, „das hat er getan, aber ich habe es vergessen."
„Natürlich hast Du das!", wischte Madame Pomfrey ihre Erklärung vom Tisch und stemmte ihre Hände auf die Hüften, „Wie gesagt, wir kennen Dich lange genug, um zu wissen, dass Du nie auf Dich achtest! Egal wie oft ich Dir versucht habe zu erklären, dass stillende Mütter so was Ähnliches wie Hochleistungssportler sind und genauso sehr auf sich, wie auf ihr Kind zu achten haben! Und nun sieh zu, dass Du endlich ins Bett kommst, bei Circe!"
„Es tut mir leid!", murmelte Hermine zerknirscht und beeilte sich der Anweisung der Heilerin Folge zu leisten.
„Ja, ja, das tut es Dir immer, aber leider immer erst hinterher!", hatte Madame Pomfrey kein Erbarmen mit ihr, „Aber das Du", sie drehte sich wieder Professor Snape zu, „schon genau so nachlässig bist, ist unmöglich!"
„Sie ist immerhin eine erwachsene Person!", wies der Professor jede Verantwortung von sich und überkreuzte die Arme vor der Brust.
„Quatsch!", bügelte sie diese Entschuldigung kategorisch ab, „Du weißt ganz genau, dass sie das in diesem Punkt absolut nicht ist, egal wie schlau und vernünftig sie sonst so sein mag, egal wie viele Lehrstühle sie auch immer innehat und egal wie oft sie Zaubereiminister berät! Immer gibt es irgendwas unglaublich Wichtiges zu forschen, zu recherchieren und zu klären! Und darum hast Du die Verantwortung für sie, darüber waren wir uns doch schon lange einig, oder?"
Hermine bekam leider nicht mit, was der Professor darauf antwortete, aber als sie sich nach einem kleinen Zauber ins Bett kuschelte, das sehr ansprechend nach einer interessanten Mischung aus wilden Kräutern und Aftershave roch, konnte sie ihre Neugierde nicht bezwingen und sprach zusätzlich noch einen kleinen Türöffnungsspruch.
„Ich weiß ja nicht was bei Euch los ist, Severus", hörte sie Poppy leise und eindringlich auf den Professor einreden, „junge Eltern sind immer ziemlich angespannt, auch wenn ich den Eindruck hatte, dass ihr zwei das bisher sehr gut hinbekommt. Aber das hier darfst Du nicht auf die leichte Schulter nehmen, Du weißt, wie das nach Eileens Geburt war und dann erst nach dem Lebertranktonikum und wie lange es gedauert hat, ihre Reserven wieder aufzufüllen! Ich hatte mich doch damals klar ausgedrückt, oder? Das war außerordentlich bedenklich, auch wenn sie selbst das so nicht wahrgenommen haben mag."
„Schon gut, ich habe verstanden", grollte der Professor, anscheinend wollte er die Diskussion nicht vertiefen.
„Sehr schön", antwortete Madame Pomfrey mit einem grimmigen Unterton, „dann wirst Du die nächsten Tage dafür nutzen sie ausgiebig zu pflegen und genau darauf achten, dass sie sich schont."
„Ich habe Unterricht!"
„Pah! Unterricht! Das kläre ich mit Minerva, Du bleibst nämlich hier, mein Lieber! Und das werde ich in unregelmäßigen Abständen kontrollieren! Diese Frau ist das Beste was Dir und der Zaubererwelt seit langer Zeit passiert ist und ich lasse es nicht zu, dass sie Schaden nimmt. So", sie machte eine kurze Pause und verkündete in beißendem Ton, „Jetzt gebe ich Hermine ihre Tränke und das hier gibst Du Eileen, wenn sie wieder wach wird, nicht dass sie auch noch einen Schnupfen bekommt!"
‚Na toll!', ging es Hermine durch den Sinn, als sie die Türe schnell und leise wieder schloss, jetzt hatte sie den Professor auch noch die ganze Zeit über am Hals. Mist.
Allerdings war das Bett wirklich wesentlich bequemer als die Couch und nachdem sie alle Tränke, verbunden mit vielen weiteren heftigen Ermahnungen der Heilerin brav geschluckt hatte, schlief sie fast auf der Stelle ein.
Sie träumte wirre Dinge, voller schwarzer Augen und Uhren, die verschiedene Zeiten anzeigten und über und unter und neben und dahinter tauchten immer Achten auf, die mal stärker und mal schwächer wurden. Ziemlich verwirrend, aber warum sollten ihre Träume klarer als ihr Leben sein!
Durch all das Chaos drang irgendwann eine dunkle Stimme, die mehrmals ihren Namen rief.
„Hier… ich bin hier", nuschelte sie und öffnete verwirrt ein Auge. Verflixt, der schon wieder. Ihr Professor stand mit verschränkten Armen vor ihrem Bett. „Hermine, wach auf!"
„Schon wach, Sir", grummelte sie heiser und wunderte sich gerade, warum er sie mit Vornamen ansprach, aber bevor sie ihn das fragen konnte, musste sie mal wieder husten, etwas, dass ihrem Kopf gar nicht gut tat.
„Minerva hat Eileen vorbeigebracht, sie hat Hunger", er deutete hinter sich, wo Hogwarts Schulleiterin mit der Kleinen stand. Aha, darum die Vertrautheit und die Freundlichkeit. Sie hatte sich schon gewundert.
„Meine Liebe", erkundigte sich die Direktorin besorgt und trat näher ans Bett, „wie fühlst Du Dich denn?"
„Geht so", legte sie sich nicht fest und rieb sich die brennenden Augen.
„Meinst Du denn, Du bist in der Lage Eileen zu stillen?", fragte Professor McGonagall weiter, „Oder sollen wir besser Poppy holen, damit Sie die Milch abpumpen kann?"
Abpumpen? Grundgütiger, das hörte sich nicht besonders nett an. Aber der Druck in ihrer Brust war schon wieder unangenehm genug, „Es wird schon gehen, mach Dir bitte keine Sorgen", war daher ihre Antwort und sie lächelte Eileen matt an, die nur zu gerne zu ihr wollte.
„Machen wir uns aber", entgegnete Minerva McGonagall mit tief gefurchter Stirn bestimmt, „Severus hat Dir übrigens einen speziellen Tee gekocht und wird Dir sicherlich helfen wo er kann", sie schaute ihren Kollegen auffordernd an, der ihr daraufhin mit undurchsichtiger Mine dabei behilflich war sich aufzurichten und das Kopfkissen höher zu ziehen, „ich weiß Dich bei ihm in guten Händen. Ich warte im Wohnzimmer, bis Du fertig bist", kündigte Professor McGonagall an und reicht ihr Eileen vorsichtig herüber, während sie ihr noch kurz liebevoll über das Köpfchen strich, „Bis gleich mein Schatz", verabschiedete sie sich zärtlich von der Professorentochter und winkte Hermine und dem Professor nochmals kurz zu.
Der stand mit überkreuzten Armen weiterhin vor ihrem Bett herum, „Sie waren in Hogsmeade!", stellte er vorwurfvoll fest.
„Ja", krächzte Hermine und angelte nach dem zweiten Kopfkissen, um es unter Eileen zu schieben.
„Gegen meine ausdrückliche Anweisung!", ergänzte er finster.
„Richtig", nickte Hermine und sah ihm fest in die Augen, „ich stehe für meine Fehler ein!"
„So! Tun Sie das! Ganz großartig!", höhnte er, „Und jetzt habe ich den Ärger!"
„Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen Umstände mache, Sir", hustete sie, „Das liegt nicht in meiner Absicht!"
„Das wäre ja auch noch schöner!", schnaubte er.
„Versuchen Sie es doch positiv zu sehen, Professor", zuckte sie mit den Schultern, „Sie wollten, dass ich mich aus allem raus halte, also", sie musste kurz niesen, „besser bekommen Sie es nicht, ich geh hier bestimmt nicht weg!"
„Sie sind unmöglich!"
„Dito und jetzt will Eileen etwas zu essen", beendete sie die Unterhaltung. Schon dieser kleine Disput hatte sie erschöpft. Sie wollte schon die Knöpfe ihres Pyjamas öffnen, als sie sich an die Anwesenheit des Professors erinnerte.
„Äh, würden Sie sich bitte umdrehen, Professor?", sie wurde etwas rot und er zu ihrer stillen Belustigung ebenfalls, denn er hatte sie zwar ernst, aber immerhin nicht allzu böse gemustert.
„Natürlich", brummte er und wollte schon aus dem Schlafzimmer stürmen, als er sich an die Schulleiterin erinnerte, die dort saß. Darum drehte er den Sessel neben dem Bett in die entgegengesetzte Richtung und wartete dort solange, bis Eileen satt war.
Hermine stand der Schweiß auf der Stirne und sie fühlte sich nach dem Stillen, wie nach einem Marathonlauf. Dankbar reichte sie Professor Snape die Kleine, damit sie ein Bäuerchen machen konnte und sie sich wieder tief in das weiche, warme Bettzeug kuscheln durfte.
„Ihr Bett ist wirklich klasse, Sir!", nuschelte sie erleichtert, was bei ihrem Professor zu einem unterirdischen Grollen führte. Hm, ging es ihr durch den Sinn, manchmal machte es richtig Spaß ihn ein klein wenig zu ärgern.
Dienstag, 27. April 2004
So ging das auch den Rest des Tages und auch für den Dienstag galt das Gleiche, sie schlief die meiste Zeit, richtig wach wurde sie immer nur, wenn der Professor oder die Direktorin sie weckten, weil Eileen Hunger hatte und sie sich danach zwang einige Heiltränke zusammen mit einer Tasse Tee und einer Schreibe Toast zu sich zu nehmen.
Madam Pomfrey war regelmäßiger Gast in den Kerkern und ihr ernstes Gesicht hellte sich erst am Dienstagabend auf. „So, ich denke, jetzt geht es bergauf!", atmete sie erleichtert durch, „außerdem ist sie garantiert nicht mehr ansteckend, Du kannst also zurück in Dein Bett", sie warf Professor Snape einen schnellen, frechen Blick zu, „Etwas, das Dir sicherlich sehr gelegen kommt", setzte sie hinzu und bekam einen Lachanfall, als sie sein entsetztes Gesicht sah.
Hermine musste sich sehr anstrengen, ihr breites Grinsen zu verbergen, aber der Professor hatte es wohl bemerkt, denn er baute sich vor ihrem Bett auf und verlangte mit rotem Kopf, „Sie sollten sich Ihre schmutzigen Gedanken sofort aus dem Kopf schlagen!"
„Ich hatte gar keine schmutzigen Gedanken, Professor", versicherte Hermine mit treuem Blick, „immerhin sind Sie mein Lehrer und haben doch schon mehr als deutlich kundgetan, dass Sie mich als Frau völlig uninteressant finden, also, was befürchten Sie?"
„Ich befürchte gar nichts! Trinken Sie lieber das hier!", würgte er das Gespräch ab und hielt ihr eine Tasse Tee unter die Nase.
„Danke, Sir!", gluckste Hermine leise, er sah interessiert die Unsicherheit ihres Professors, daher wechselte sie auch tatsächlich das Thema, ihr ging da nämlich schon seit zwei Tagen etwas durch den Sinn, das sie nicht richtig verstand.
„Warum schaut Madame Pomfrey mich immer so besorgt an", fragte sie und reichte ihm die Tasse zurück.
„Weil sie sich Sorgen um Sie gemacht hat", antwortete er knapp.
„Es war doch nur ein grippaler Infekt", hielt Hermine dagegen und sah dabei zu, wie er die Tasse abstellte und dabei einige Tränke austauschte, „Oder etwa nicht?", hakte sie nach, als er nicht auf ihren Einwand einging.
Er zog die Augenbrauen zusammen und schien mit sich zu ringen, ob und wie er ihr auf ihre Frage antworten sollte.
„Professor?!", bat sie leise.
„Nun", begann er und überkreuzte die Arme vor der Brust, „Madam Pomfrey will nicht, dass ich mit Ihnen darüber rede."
„Ich will es aber wissen! Immerhin geht es hier doch um mich", verlangte Hermine und vergaß sogar ihre immer noch tropfende Nase.
„Da ich nicht alle Fakten kenne, kann ich nur das sagen, was ich verstanden habe", schnarrte er, „Sie scheinen eine Dysfunktion ihres Immunsystems zu haben, das bei gewissen Belastungen, wie jetzt bei einer leichtfertig eingefangenen, aber eher harmlosen Erkältung in der Stillzeit, viel zu schnell auf Großalarm springt und sofort die tiefer gelegenen Kraftreserven ihres Körpers freisetzt. So fühlen sie sich zwar kurzfristig besser, aber mittelfristig ist das fatal, denn wenn dann noch eine Verschlechterung oder ein weiterer Erreger dazu kommt, kollabiert ihr gesamtes Abwehrsystem und sie werden ernstlich krank."
„Aber das hatte ich doch früher nicht!", argumentierte Hermine erschrocken, die sich nie viel aus einem Schnupfen oder ähnlichem gemacht hatte.
„Madam Pomfrey erklärte das damit, dass dies wohl durch die Geburt ausgelöst worden sein könnte und Sie es durch das Stillen und die Umstellungen ihres Körpers noch nicht geschafft haben Ihre Reserven wieder vollständig aufzufüllen."
„Oh je, meinen Sie, dass die Hermine dieser Zeit das weiß?"
„Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, dass sich ihr Mann darüber sehr bewusst ist."
„Darum wollte er nicht, dass ich hinausgehe und darum will er auch nicht, dass Professor Carter immer Arbeit mitbringt", überlegte sie nachdenklich.
„Das könnte sein", zog er gnädig in betracht, „Professor Carter war übrigens gestern Morgen hier und hat sich nach dem Trank erkundigt. Haben Sie etwas darüber in Erfahrung bringen können?"
„Nein und Ja", antwortete sie und zog die Bettdecke höher, in diesen Kerkern war es ständig kalt, „ich bin noch auf nichts Konkretes gestoßen, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin und es nur noch eine Frage der Zeit ist, dass ich etwas finde."
„Ah ja, ihr Gefühl also…", war Professor Snapes ungläubiger Kommentar.
„Jawohl!", nickte Hermine völlig ungerührt, „Ich war in der Verbotenen Abteilung und bin bis ‚S' gekommen. Wenn Sie Zeit und Lust haben, können Sie ja weiter machen, meine Unterlagen liegen auf meinem Schreibtisch."
„Wenn Sie bei ‚S' sind, bleibt ja nicht mehr sehr viel", überlegte er.
„Doch leider, ich habe nämlich hinten anfangen müssen, weil Professor Trelawney in den vorderen Reihen des Alphabets nach irgendwas suchte und ich auf keinen Fall das Ziel einer weiteren düsteren Weissagung werden wollte", erklärte Hermine.
„Gut, das ist ein Grund", entschlüpfte es dem Professor, was Hermine ein kleines Lachen entlockte. Ein Fehler, denn sie bekam sofort wieder einen Hustenanfall.
„Sie merken, Miss Granger", kommentierte dies der Professor leicht hämisch und reichte ihr wieder die Tasse, „dass einem gute Laune in den Kerkern nicht bekommt!"
„Wie konnte ich das nur vergessen, Sir!", schmunzelte Hermine heiser, als sie sich wieder beruhigt hatte und ließ sich erschöpft in die Kissen fallen.
„Aber", ergänzte sie und drehte sich für ein kleines Vorabendnickerchen auf die Seite, „das hatte mir an dem Professor dieser Zeit am besten gefallen."
„Was meinen Sie?", fragte Professor Snape verwundert.
„Sein Humor", lächelte Hermine und ergänzte in Gedanken ‚das und ihn in seiner Badehose', aber das würde sie ihm garantiert nicht erzählen!
