Ein leises, aber beständiges Stöhnen drang durch die Dunkelheit an sein Ohr und setzte sich dort fest. Der Laut klang hohl und gedämpft, als würde er durch Watte dringen und störte seinen Schlaf. Er spürte die Müdigkeit tief in sich und wünschte, das Geräusch würde endlich verstummen, so dass er weiter in Frieden ruhen konnte. Leider wurde ihm dieser Wunsch nicht erfüllt und zu dem Stöhnen gesellte sich ein dumpfes, drückendes Gefühl, das seinen ganzen Körper erfasste und sich nach und nach in pulsierenden Schmerz wandelte.
Irgendwann ertrug er es nicht mehr, schlug die Augen auf und sah nichts als wabernde, graue Schemen. Als er die Blickrichtung wechselte, veränderte sich das Bild nicht und für einen kurzen, panischen Moment glaubte er, er wäre erblindet. Dann ging ihm auf, dass das feine, nasse Gespinnst, das ihn einhüllte, offenbar Nebel war. Nun begriff er auch, dass das unsägliche Stöhnen, das ihn geweckt hatte, von ihm selbst stammte.
Mehrere Minuten lang lag Kíli da, starrte in das graue Nichts und bemühte sich, die Gedanken zu ordnen, die in seinem pochenden Kopf schwirrten. Wo war er? Vage Erinnerungsfetzen jagten hin und her – ein krachendes Geräusch, das Gefühl, tief zu fallen und ein plötzlicher, harter Aufprall. Danach nichts mehr. Was war geschehen? Aus einem Impuls heraus versuchte er sich aufzurichten, merkte aber sofort, dass das nicht einfach werden würde. Seine Glieder fühlten sich schwer an und sobald er versuchte, diese zu bewegen, brandete Schmerz auf. Er hob den Kopf ein wenig und Schwindel erfasste ihn, so dass er ihn gleich wieder zurücksinken ließ. Kíli schloss die Augen und wartete, bis das Gefühl verflogen war, dann begann er damit, vorsichtig die Muskeln in Armen und Beinen anzuspannen. Sie reagierten mit einem unangenehmen Ziehen, aber er schaffte es, alle Körperteile wenigstens ein wenig zu bewegen. Prüfend streckte er den Rücken und wurde erneut mit Schmerz belohnt, aber auch hier schien nichts verletzt oder gebrochen zu sein.
Der Zwerg öffnete die Augen und startete langsam und vorsichtig einen erneuten Versuch. Er hob den Kopf ein wenig an, dann zog er die Arme leicht nach oben und suchte mit den Händen Halt auf dem Untergrund. Seine Finger ertasteten raue Holzsplitter und Bruchstücke und mit einem Mal kehrte die Erinnerung zurück. Die Brücke. Die Wölfe. Das Pony, das knapp vor ihm auskeilte und stürzte. Dann der Fall.
Ruckartig schoss Kíli in die Höhe und sofort dröhnten tausend Schmiedehämmer gegen seine Schläfen. Mit einem Aufstöhnen sank er zurück auf die Ellbogen und wartete keuchend, bis sich das Pochen abermals beruhigt hatte. Sein Rücken protestierte nachträglich, als er den Oberkörper in die Höhe stemmte und sich in eine sitzende Position zwang. Stücke von morschen Brettern, die auf ihm lagen, rutschten herunter und gesellten sich leise polternd zu dem restlichen Schutthaufen, auf dem er lag. Holzstaub rieselte vernehmlich. Wie durch ein Wunder war er nicht unter, sondern auf den Trümmern gelandet - und wie es aussah, verdankte er diesem Umstand sein Leben. Dem und der Tatsache, dass auf dem Boden der Vertiefung dichtes, kniehohes Gebüsch, junge Schösslinge und ein undurchdringlicher Moosteppich wucherten, versteckt vom Nebel und federnd genug, um den Aufprall zu mildern. Kíli konnte die Entfernung zum oberen Rand noch immer nicht abschätzen, da die Nebelbank weiterhin über ihm lag, aber offensichtlich war es nicht ganz so weit hinunter gegangen, wie befürchtet.
So vorsichtig wie möglich rutschte er zwischen den geborstenen Streben und Holzbrettern in Richtung Boden. Zweimal verhakte sich seine Tunika an herausragenden Teilen und Kíli brauchte jedes Mal eine gefühlte Ewigkeit, bis er den Stoff wieder gelöst hatte, doch endlich berührten seine Füße den Boden. Schwankend blieb er einige Herzschläge lang mit geschlossenen Augen stehen und stützte sich mit einer Hand ab, ehe er es wagte, den ersten Schritt zu tun. Seine Knie zitterten merklich, doch es klappte besser, als erwartet.
Er entfernte sich einige Schritte, dann drehte er sich erneut um und versuchte, das Geschehen gänzlich zu erfassen. Sein Blick irrte über die Trümmer und die große Menge verriet ihm, dass nahezu die gesamte Brücke eingestürzt sein musste. Sofort schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, was wohl aus Dwalin und Ori geworden war? Sie befanden sich vor ihm auf der Brücke – Ori hatte vielleicht noch den Rand erreicht, aber Kíli hatte gesehen, wie Dwalin nach den Zügeln gegriffen hatte, ehe das Pony gestürzt war. Er konnte unmöglich noch zur anderen Seite gelangt sein, also musste er sich ebenfalls hier befinden…
Kíli schluckte schwer – er hatte keine Ahnung, ob die anderen eben so viel Glück hatten und der Gedanke, ihre zerschmetterten Körper bergen zu müssen bereitete ihm Übelkeit. Doch er hatte keine andere Wahl.
Langsam und umständlich begann er, an dem Trümmerwall entlang zu laufen. Der dichte Bewuchs, der seinen Aufprall gemildert hatte, war beim Gehen eher hinderlich. Ständig blieb er mit den Stiefeln im Gestrüpp hängen und kam nur mühsam vorwärts. Seine schmerzenden Gliedmaßen waren dabei ebenfalls nicht hilfreich. Trotzdem arbeitete er sich verbissen voran und erreichte schließlich den Punkt, der ungefähr die Mitte der früheren Brücke gewesen musste. Auf den ersten Blick konnte er allerdings nicht viel erkennen.
„Hallo? Ist hier jemand?", rief er und stellte fest, dass seine Stimme dünn und rau klang.
Staub hatte sich in Nase und Kehle festgesetzt und kratzte bei jedem Atemzug unangenehm. Er räusperte sich und versuchte es noch einmal; diesmal kamen die Worte etwas kräftiger.
Er bekam keine Gegenantwort, doch ein Stück weiter links geriet der Schutt mit einem Mal in Bewegung. Zuerst rieselten nur vereinzelte Splitter, dann rutschte eine ganze Kaskade Bruchstücke herunter, als sich etwas darunter hervorarbeitete und mit einem Ruck erhob. Kíli, der vorsichtshalber ein wenig zurückgewichen war, erkannte auf dem gebeugten Rücken der Silhouetten zwei gekreuzter Äxte.
„Dwalin!", rief er laut und machte zwei schnelle Schritte, die sich mit neuerlichem Schwindel rächten, aber Kíli fing sich schnell und ignorierte das Ziehen und Stechen in seinen Muskeln.
Er war in diesem Moment unendlich froh, den Krieger lebend zu erblicken. Dwalin, der vornübergebeugt auf den Knien hockte und die Hände auf selbigen abstützte, blickte nun auf. Offenbar war er ebenfalls benommen, denn es dauerte einen Moment, bis er den jungen Zwerg erkannte - dann spiegelte auch sein Gesicht Erleichterung wieder.
„Kíli", krächzte er zur Begrüßung und erhob sich langsam, wankte kurz und stand dann sicher.
Der dunkelhaarige Zwerg trat an die Trümmerstücke heran und streckte Dwalin eine Hand entgegen, die dieser dankbar ergriff und umständlich herunter kletterte, ehe er Kílis Schulter packte und drückte.
„Mahal sei Dank", murmelte er und ließ sofort wieder los, als der andere einen unterdrückten Schmerzenslaut ausstieß.
„Verzeih mir Junge, ich war nur so froh, dich lebend zu sehen."
Kíli rieb sich die Schulter und grinste ihn schief an.
„Das bin ich ebenso, nichts für ungut."
Entweder war Dwalins Konsistenz besser oder er hatte weniger abbekommen, jedenfalls bewegte er sich weit sicherer.
„Wo ist Ori?", wollte er sogleich wissen und Kíli antwortete: „Ich habe ihn noch nicht gefunden."
Dwalin kniff die Augen zusammen.
„Er war vor uns, also müsste er noch ein Stückchen…"
„Da!", unterbrach ihn Kíli in diesem Moment. Seine scharfen Augen hatten, als er in die Richtung blickte, etwas Helles entdeckt, das zwischen den Trümmerstücken herausragte und sich bewegte.
Die beiden Zwerge kämpften sich durch das Gebüsch und erkannten, dass es eine Hand war, die hektisch winkte. Offenbar hatte Ori ihre Stimmen gehört und keine andere Möglichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen.
„Halte durch, wir kommen!", rief Kíli und beschleunigte seinen Schritt noch ein wenig. Dwalin war ihm dicht auf den Fersen und sie erreichten die Stelle gleichauf. Sofort packte der Krieger den querliegenden Stützbalken, unter dem die Hand hervorlugte.
„Hoch damit!", rief er und zu zweit stemmten sie die schwere Strebe in die Höhe und drückten sie zur Seite. Mit einem Krachen kam diese auf und barst in mehrere Stücke.
Oris brauner Haarschopf kam zum Vorschein und Kíli packte seine Hand, während Dwalin das nächste Bruchstück anhob. Mit einem kräftigen Zug, der ihn selbst aus dem Gleichgewicht brachte und nach hinten taumeln ließ, befreite er den Jüngeren aus seiner misslichen Lage.
Hustend und spuckend kam Ori aus den Trümmern gekrochen und schnappte nach Luft, ehe er keuchte: „Danke – ich dachte schon, ich müsste darunter ersticken."
Kíli, der unweit auf dem Boden lag und sich eben wieder aufrappeln wollte, stieß ein Kichern aus, das sich bald in einen ausgewachsenen Lachanfall steigerte und ihn am Aufstehen hinderte. So lag er zwischen den Pflanzen, hochrot im Gesicht und nach Luft ringend, während ihm Tränen aus den Augen quollen und er sich gar nicht mehr beruhigen konnte.
Die beiden anderen Zwerge sahen ihn an, als hätte er den Verstand verloren, dann stimmten sie umgehend in das Gelächter mit ein. Es war ein unnatürliches Geräusch, das dort zwischen den Felswänden wiederhallte, aber sie waren so erleichtert über den Umstand, unversehrt und lebendig zu sein, dass sie nicht anders konnten.
Minuten später ebbte das Gelächter endlich ab und man hörte nur das Keuchen und Japsen, als die drei versuchten, wieder zu Atem zu kommen. Endlich stemmte Kíli sich in die Höhe, stand auf und blickte die Kameraden an.
„Seid ihr verletzt?", kam ihm nun endlich die Wichtigste aller Fragen in den Sinn.
Sowohl Dwalin als auch Ori schüttelten die Köpfe; sie alle hatten Schürfwunden davongetragen und würden in Kürze von blauen Flecken übersäht sein, aber niemand hatte Brüche oder ernstere Verletzungen davongetragen. Es grenzte an ein Wunder, aber anscheinend hatten die Götter ein Auge auf sie gehabt.
Die Zwerge hoben die Köpfe, starrten in den Nebel und Ori fragte schließlich: „Ob die anderen drei noch da sind?"
„Lasst es uns herausfinden." Kíli holte tief Luft, dann rief er so laut er konnte: „He! Ist da jemand? Fíli? Bofur?"
Seine Stimme hallte von den Felswänden wieder und wurde verstärkt zurückgeworfen, ehe sie schließlich leiser wurde und sich verlor. Sie hielten den Atem an und lauschten, aber alles blieb still.
Nach mehr als einer Minute stieß Kíli die Luft zwischen den Zähnen aus und meinte: „Sieht so aus, als wären sie weitergezogen."
„Aber sie können uns doch hier nicht zurücklassen!", stieß Ori erschrocken aus.
Dwalin legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Wer sagt denn, dass sie freiwillig gegangen sind? Ihr habt die Wölfe heulen hören – vielleicht wurden sie gezwungen, zu fliehen."
Oder in einen Kampf verwickelt, sagte sein stummer Blick, aber er wollte diesen Gedanken nicht zu ausführlich verfolgen.
„Wir sollten das Beste daraus machen und ebenfalls zusehen, dass wir hier wegkommen."
Sie stellten kurze Zeit später fest, dass das Pony verschwunden war. Entweder war das Tier ebenfalls glimpflich davon gekommen und hatte sich aus dem Staub gemacht, oder es war verendet und die sterbliche Hülle war von Wildtieren davongeschleift worden. Sie konnten es nicht mit Sicherheit sagen, da das Unterholz keine eindeutigen Spuren preisgab.
„Damit wäre die Ausrüstung wohl auch dahin", merkte Kíli an, doch Dwalin brummte: „Lasst uns sehen, was wir noch finden."
So stocherten sie in den Überresten herum und bargen tatsächlich noch das ein oder andere. Ori fand unter einem der Balken seine Umhängetasche, deren Riemen zerrissen war und stellte zu seiner großen Freude fest, dass sowohl das Buch, als auch seine Schreibutensilien unbeschädigt waren, ebenso wie die Karte aus Calenbâr und seine geliebte Schleuder. Dwalin barg einen ehemaligen Proviantbeutel, in dessen Inneren sich Feuersteine, Zunder, ein kleiner Topf und zwei zusammengerollte Decken befanden. Kíli fand seinen Bogen, stellte aber fest, dass dieser den Aufprall nicht überstanden hatte und in der Mitte zerbrochen war. Trotzdem schob er die Bruchstücke wehmütig in den Köcher zu den wenigen, verbliebenen Pfeilen, die nun nutzlos waren und beschloss bei Gelegenheit einen genaueren Blick darauf zu werfen – vielleicht war er ja doch noch reparabel.
Die meisten Waffen waren den Zwergen erhalten geblieben, da sie diese direkt am Körper trugen, ebenso ein guter Teil der Ausrüstung. Die Wollumhänge hatten ebenfalls arg gelitten, aber sie hatten keine Alternativen also behielten sie sie an. Besser als nichts waren sie allemal. Dwalin schulterte den improvisierten Rucksack, dann warf er einen Blick in die Runde.
„Was tun wir jetzt – versuchen wir, zu klettern oder sehen wir zu, dass wir das Ende der Schlucht erreichen?"
Kílis und Oris Blicke glitten über die Felswand und auf ihren Gesichtern war deutlich der Zweifel zu lesen. Die Felsen waren, soweit man sie sah, nahezu fugenlos glatt. Sie brauchten schon Glück um eine Stelle zu finden, die sie ohne größere Schwierigkeiten erklimmen konnten. Außerdem verhinderte der Nebel eine Einschätzung, wie lange sie klettern würden und erschwerte dies obendrein erheblich.
Beide schüttelten gleichzeitig die Köpfe.
„Dann der Weg durch die Schlucht", entschied Dwalin und deutete nach rechts. „Wenn ich mich nicht täusche, dürften wir hier nach Südwesten weiterkommen, dann wären wir nicht ganz von der ursprünglichen Route entfernt."
„Woher wissen wir, dass das die richtige Richtung ist?", warf Kíli skeptisch ein.
„Wir sehen nichts und könnten auch von der anderen Seite gekommen sein."
„Ganz einfach", erklärte Dwalin und deutete auf die Bruchstücke.
„Ab der Mitte waren einige Planken ausgetauscht. Hier hinten liegen ein paar davon, während sich auf der anderen Seite nur altes Holz befindet. Das heißt, wir haben die Brücke von dort aus überquert."
Kíli schwieg und gab sich einverstanden – diese Erklärung war einleuchtend.
Sie schlugen den Weg ein, den Dwalin deutete und liefen langsam und dicht an der Felswand gehend tiefer in die Schlucht hinein. Anfangs war das Vorankommen mühsam und sie kämpften sich mehr durch das Gestrüpp, als dass sie gingen, doch nach einiger Zeit wurde die Vegetation etwas lichter und das Voranschreiten erleichterte sich spürbar. Auch der Nebel verflüchtigte sich ganz langsam und nach ungefähr zwei Stunden der Wanderung konnten sie allmählich den scharfen Rand erkennen, der über ihren Köpfen verlief. Die Entfernung zum Grund betrug geschätzte fünfzehn bis zwanzig Schritte und fiel damit tatsächlich geringer aus, als vermutet.
Erst jetzt bemerkten sie, dass der Regen aufgehört hatte und der Himmel blass und dunstig, aber wolkenlos über ihnen lag. Die Sonne, nur ein verwaschener, heller Fleck am Firmament, war zu schwach um Wärme zu spenden, aber wenigstens konnten sie sich an deren Stand orientieren und sicher sein, dass sie gen Süden wanderten. Die Zwerge stapften schweigend voran, rasteten nur kurz und stillten den schlimmsten Hunger mit einigen Früchten, die sie als Waldhimbeeren erkannten. Sie waren fest und schmeckten sauer, aber es war besser als nichts. Zu jagen gab es hier unten bestimmt nichts. Überhaupt war die Stille auffällig – normalerweise war ein Wald von Leben erfüllt und es raschelte, knisterte oder zwitscherte immer irgendwo. Nicht aber in dem Teil, den sie durchschritten; hier war nicht einmal das Summen von Insekten zu hören. Die Bepflanzung wurde zusehends magerer und immer öfter trat der blanke Fels zum Vorschein, zwischen dem sich höchstens hartes, drahtiges Gras oder kleine, verkrüppelte Kurzstämme hielten.
Stunden später, es musste gegen Spätnachmittag sein, weitete sich der felsige Einschnitt zum Wald hin und zeigte an, dass sie das Ende der Schlucht erreicht hatten. Erleichtert und erfreut, endlich den bedrückenden Felswänden entkommen zu sein, liefen sie schneller – um gleich darauf stehen zu bleiben und sich verblüfft umzusehen.
Der Anblick, der sich ihnen bot, war der eines todkranken, sterbenden Gehölzes. Einst mächtige Bäume, wie sie sie im Herzen des Düsterwaldes zur Genüge gesehen hatten, waren zusammengesunken und reckten blattlose, dürre Äste in den fahlen Himmel. Das Holz war so dunkel, dass es beinahe schwarz wirkte und dort, wo die Wurzeln aus dem Boden ragten, wucherte leichenblasser, schwammiger Baumpilz. Die Rinde war blätterig und als Kíli an einen der Stämme herantrat, kam unter einem losen Stück ein großer, schwarzschillernder Käfer mit kräftigen Beißwerkzeugen hervorgekrochen, der sofort damit begann, sich an einer anderen Stelle unter die Rinde zu graben und der Pflanze noch mehr Schaden zuzufügen. Angeekelt wandte sich der Zwerg ab und ging ein paar Schritte rückwärts, bis er wieder neben Ori stand.
„Ich glaube das war es, was der verrückte Zauberer meinte als er davon sprach, dass der Wald krank ist", bemerkte dieser schaudernd und fasziniert zugleich.
Er versuchte, sich die Details so gut wie möglich einzuprägen: Das welke, rottende Gras; die faustgroßen Knollenblätterpilze, die weiß schimmernd zwischen den kahlen Sträuchern wuchsen; das raschelnde, tote Laub, das den Boden auf jedem Quadratzentimeter knöchelhoch bedeckte und mit Flechten und Dornenranken durchsetzt war. Über allem lag der süßliche, unangenehme Geruch der Verwesung.
Dwalins Brauen stießen über der Nasenwurzel fast zusammen, so sehr missbilligte ihm, was er hier sah. Er kramte in dem Gepäckstück, das er trug und förderte die dünnere der beiden Decken hervor. Mit einem Dolch schnitt er zwei Streifen ab und reichte einen davon an Kíli weiter.
„Bindet euch etwas vor Mund und Nase – wer weiß, wie gefährlich die Luft hier ist, wenn wir sie ungefiltert atmen", empfahl er.
Kíli kam der Anweisung nach und wickelte sich den Stoffstreifen um die untere Gesichtshälfte. Sie roch stark nach Pony, aber es war allemal erträglicher als der faulige Todesgestank. Ori tat es ihm nach und zog den Schal, den er nach wie vor trug, höher. Dwalin verdeckte sein Gesicht ebenso, dann machten sie sich daran, ihre Wanderung wieder aufzunehmen. Diesmal jedoch waren sie weit angespannter als auf dem vorherigen Weg durch die Schlucht. War es dort schon ruhig gewesen, herrschte in diesem Teil des Waldes eine nahezu vollkommene Stille, die nur durch das Rauschen des Windes in den kahlen Zweigen und gefallenen Blättern gestört wurde.
Wachsam blickten sich die Zwerge alle paar Schritte weit um und hielten die Hände in der Nähe der Waffen. Der alternde Krieger war sogar so weit gegangen, eine der Äxte zu ziehen und locker in der rechten Faust zu tragen, bereit, jederzeit zuzupacken und zum Schlag auszuholen. Diese Umgebung war ihm alles andere als geheuer – es roch nach Magie, sei sie von den Elben oder von anderen, verderbteren Wesen. Er schätzte die Klarheit der Seiten und einen ehrlichen Kampf, Mann gegen Mann und nicht die Tricks der Zauberer, die die Sinne verwirrten.
Ori hingegen schien die bizarre Umgebung ganz in seinen Bann geschlagen zu haben. Da sie langsam gingen, erlaubte er es sich, das Buch heraus zu holen, dort aufzuschlagen, wo seine Aufzeichnungen endeten und mit raschen Strichen einige Skizzen anzufertigen und Stichpunkte aufzuschreiben. Kíli blickte ihm neugierig über die Schulter und staunte, wie schnell und kunstfertig der junge Zwerg die düstere Atmosphäre auf das Papier bannte. Zwischendrin blickte Ori prüfend auf den Wald und seufzte schließlich.
„Ich wünschte, wir hätten die Möglichkeit herauszufinden, wo wir sind. Wir haben nicht einmal Kartenmaterial, das uns Aufschluss geben könnte."
„Ich fürchte, das brauchen wir auch nicht", erklang Dwalins Stimme, gedämpft durch das Tuch, vor ihnen.
Sie sahen auf und erblickten den Krieger, der eine kleine Anhöhe erklommen hatte, um einen besseren Blick über die Landschaft zu haben. Nun streckte er den Arm aus und deutete nach Süden. Da er offenbar keine Erklärung abgeben würde, blieb den anderen Gefährten nichts anderes übrig, als dem Veteranen zu folgen und so bestiegen sie mit langen Schritten den Hügel und gesellten sich zu ihm.
Ori gab einen verblüfften Laut von sich und Kíli sog scharf die Luft ein. Etliche Meilen entfernt, aber trotzdem gut sichtbar, erhob sich inmitten der sterbenden Vegetation die Ruine einer Festung. Scharfkantig und spitz schmiegte sich das Steingebilde an einen felsigen, schroffen Hügel, der die höchste Stelle inmitten des Waldes markierte und ragte an einigen Stellen bedrohlich über dessen Kuppe hinaus. Große Teile er Außenmauer schienen bereits weggebrochen zu sein – überall konnte man Durchgänge und Treppen erkennen, die über die gesamte Höhe zogen und dem Korpus etwas Skeletthaftes verliehen. Alles schien gänzlich aus schwarzem Stein erbaut zu sein, der jegliches Licht schluckte und die Bastion noch düsterer und bedrohlicher wirken ließ. Winzige Punkte kreisten um ihre Zinnen und die Kameraden glaubten darin Vögel oder Fledermäuse zu erkennen – vielleicht handelte es sich sogar um die Tiere, denen sie am Anfang ihrer Reise begegnet waren.
Keiner der Zwerge wagte auszusprechen, was sich da vor ihnen erhob, aber sie alle wussten, worum es sich handelte.
Vor ihren Augen erstreckte sich nichts anderes als die berüchtigte Festung des Nekromanten, das Reich der Finsternis – Dol Guldur.
