Kapitel 21
Nachdem der Staub sich gelegt hatte, war nur noch Rieses Gebrüll zu hören. Ease klingelten die Ohren von dem Getöse der Schuttlawine, die sie verursacht hatten, nachdem der Pfeiler von Bonewhite heruntergerollt worden war. Aber nun waren sie alle zusammen in der Vorhalle und würden diese Ruine verlassen können. Die meisten sogar lebendig.
„… und ob mir Guide dafür etwas schuldet… mehr, als er je geträumt hätte! Mehr, als mir im Moment einfallen will", brabbelte Ease vor sich hin. Es war ganz und gar kein gutes Zeichen, dass sein Vorgesetzter ihm nicht den Mund verbot, obwohl er bei Bewusstsein war. Wieder. Noch.
Sie hatten schon Schlimmeres überstanden. Ihre Einheit operierte regelmäßig hinter der Front, spionierte Einrichtungen und Truppen der Lanteaner aus, sabotierte, tötete und hatte bisher alles überstanden, mit recht geringen Verlusten. Nur ein einziges Mal bisher hatte Ease bei Bonewhite dieses Gefühl gehabt, das ihn nun wieder beschlich. Misstrauisch schaute Ease auf seinen Vorgesetzten hinab, den sie unter den Trümmern hervorgezogen hatten. Er blutete nicht mehr, andererseits… wie viel Blut hätte da noch fließen können?
„HEY!", brüllte Ease die hünenhafte Drohne an, „geht das nicht auch ruhiger? Stemm diese Tür auf und sieh zu, dass wir hier heraus kommen!"
Bonewhite stöhnte leise und schüttelte den Kopf. „Er mag nicht, was ich ihm aufgetragen habe", flüsterte er und lachte bitter.
„Was? Mich in Ruhe zu lassen? Wundert dich das etwa?", fragte Ease und setzte sich der Hocke neben seinem Vorgesetzten nieder. „Dieser Mutant ist unheimlich und das weißt du!"
„Nein, ist er gar nicht", wisperte Bonewhite schwach, „er hat nur Angst…"
„Unsinn. Wir werden einen Weg hier hinaus finden, unser Volk benachrichtigen und alle heil nach Haus kommen. Sogar du. Mit beiden Beinen, jawohl. Sieht gar nicht so schlimm aus, weißt du?" Diese Lüge klang sogar in Eases Ohren schal und kraftlos.
Mehr als ein Augenrollen brachte Bonewhite dafür nicht auf. „Was Fever angeht…"
„Oh nein, du wirst mir jetzt nicht wieder den Vortrag halten, dass ich mich um ihn kümmern soll!", wehrte Ease ab, „das kann er ganz vorzüglich allein! Außerdem lasse ich dich hier nicht zurück. Ich habe mir nicht die Mühe gemacht dich von Othos zu holen, nur um dich auf einem namenlosen Felsbrocken am Rande der Galaxie zurück zu lassen!"
Bonewhite bleckte die Zähne mit letzter Kraft. „Eigentlich wollte ich dir verbieten, ihm je wieder etwas über Paarungen zu erzählen", hauchte er und schloss die Augen.
„Aber das habe ich doch gar nicht?" Ease stutzte. „Oder… ach, nein, das… nein, das siehst du falsch, das war… oh, nicht wegtreten, bleib bei mir!" Frustriert schüttelte er den bewusstlosen Körper und fauchte: „Fever bringt mich um, wenn ich dich nicht nach Hause schaffe! Also wage es ja nicht, mir hier wegzusterben!"
Der Blade biss sich auf die staubigen Lippen und beobachtete kurz die Drohnen, die sich mit der Tür zum Aufgang abmühten. Ich habe selbst einiges abbekommen, dachte er, außerdem weiß ich nicht, ob es ihm recht wäre… Unsinn! Jeder will leben!
Kurzentschlossen setzte er seine rechte Hand auf den Brustkorb seines Vorgesetzten und atmete tief durch, als ein wütender Schrei ihn zusammenfahren ließ.
„HÄNDE WEG VON MEINEM BRUDER!", brüllte Fever und sprang über Trümmer und Staub hinweg zu den beiden Blades.
Ease sprang auf und sah sich um. Im gerade aufgestemmten Türrahmen stritten sich Guide und Nighthunter stumm darum, wem von ihnen der Vortritt gebührte, während die Drohnen Unterstützung von Black Pearls Kriegern bekamen.
Fever hatte sich schützend über Bonewhite gebeugt und fauchte Ease kehlig an.
Fassungslos schüttelte Ease den Kopf. „Was denkst du von mir? Ich wollte… aber…"
‚Lass ihn. Das logische Denken hat schon vor Stunden bei ihm ausgesetzt', meinte Guide mental zu dem Pallax.
„Wie habt ihr uns gefunden? Und warum haben wir eure Ankunft nicht gespürt?", fragte Ease.
„Diese Fremden sind nicht nur uns um Einiges voraus", brummte Guide, „auch den Lanteanern dürften sie überlegen sein. Aber sie scheinen keinen Wert auf direkte Konfrontationen zu legen, sie zerstören sich lieber selbst anstatt zu kämpfen."
„Unsere telepathischen Gedankenmuster waren anscheinend der Auslöser für die Selbstverteidigungsanlage – eine planetare Abwehrwaffe und schlussendlich die Sprengung der Siedlung", erklärte Nighthunter, „ich habe meiner Mannschaft verboten, das mentale Netzwerk aufrechtzuerhalten – was diesen wahnsinnigen Cleverman allerdings nicht im Geringsten beeindruckte." Mit dem Kopf deutete er zu Fever hinüber, der seinem Bruder gerade das Geschenk des Lebens gab. „Er tastete weiter und fand euch… oder zumindest seinen Bruder, danach konnten wir ihn kaum noch halten."
Ease schaute zu den Brüdern hinüber und zuckte mit den Schultern. „Die beiden waren schon immer so."
Nighthunter runzelte die Stirn. Vor langer Zeit hatte es mal einen Punkt gegeben, an dem er sich eine Bruderschaft mit Guide hätte vorstellen können – allerdings niemals eine so derartig symbiotische Beziehung wie die, die Fever und Bonewhite zu verbinden schien. Aber Guide war Guide und eine Teergrube beendete dann endgültig jeglichen Gedanken von Nighthunter in dieser Richtung.
„Normalerweise würde ich Fever jetzt auf Erkundung mitnehmen um zu schauen, was nicht durch die Sprengung von den Fremden zerstört wurde", knurrte Guide, „aber das scheint mir im Moment keinerlei Sinn zu machen. Also wirst du uns begleiten", meinte er zu Ease der daraufhin respektvoll den staubigen Kopf neigte. „Hasten hat euch gezeigt, wie man mit diesen Scannern umgeht, oder nicht?"
In der Gemeinschaftsunterkunft auf der Shark blätterte Fever durch die bruchstückhaften Daten, die Guide aus den Computersystemen der Fremden hatte retten können. Zurück auf dem Hive würde er diese noch bearbeiten können und sie noch mehr erfahren, aber im Moment musste ihnen genügen, was sie jetzt wussten.
Was auch immer die Fremden in der DNA der Herdenmenschen zu finden hofften, in der Erbmasse der Wraith suchten sie nicht danach. Nicht mehr. Anscheinend hatten sie es vor etwas über einem Jahr geschafft, den Hive von Iceneedle aufzubringen. Bisher waren die Wraith davon aufgegangen, dass die Lanteaner für das Verschwinden dieses Basisschiffs und seiner Mannschaft verantwortlich waren. Aber es schienen die Fremden gewesen zu sein, die ihrem Feind die Informationen über die organische Technologie zukommen ließen, die beinahe den Untergang der Wraith begründet hätten.
Als sich etwas neben ihm regte, ließ Fever das Datenpad sinken und lächelte seinem Bruder zu. ‚Endlich ausgeschlafen?'
‚Nein…', gab Bonewhite schmunzelnd zurück. Er hatte immer noch Schmerzen, aber bis sie in einigen Tagen auf ihren Hive treffen würden, konnte er sich noch an Bord des Kreuzers erholen. Seine zerschmetterten Knie waren beinahe verheilt, der enorme Blutverlust ausgeglichen und die zertrümmerten Knochen wuchsen wieder zusammen. Trotzdem schlief der Blade noch viel – und genoss die Gesellschaft seines Bruders, der ihm nicht von der Seite wich. Ebenso wenig wie Riese, der die beiden Brüder sorgsam bewachte – wie Ease es ihm aufgetragen hatte.
‚Mir ist langweilig', meinte Fever still und schaute zum schlummernden Guide hinüber. Sein Mentor hatte ihm eine ziemliche Strafpredigt gehalten und angekündigt, das Team des Datenspezialisten auf zwei Assistenten einschränken zu werden. Was Fever durchaus recht war, da außer Weaver nur noch ein junger Anwärter namens Pace seinen Ansprüchen genügte, wie er noch vor seiner „Abreise" festgestellt hatte. Sollte Guide noch weitere Sanktionen verhängen wollen, hätte Fever genau das richtige Druckmittel, um dem alten Cleverman den Wind aus den Segeln zu nehmen.
‚Dann schlaf', meinte Bonewhite und streckte sich ein wenig, was ihm seine Beine allerdings nur mit einer Welle brennend heißer Schmerzen dankten. Aber er würde sie behalten und bald wieder diensttauglich sein, insofern beschwerte der Blade sich nicht.
‚Sag mal… hattest du eigentlich diesen Bericht von Hawk schon zu Ende gelesen?', fragte Fever und zog ein anderes Datenpad aus einer Ecke der Schlafnische hervor.
‚Nein…', gab Bonewhite misstrauisch zurück.
‚Dann könnte ich dir doch den Rest vorlesen, oder nicht? Ich kenne das zwar schon, aber…'
‚Das wäre sehr schön, mein Bruder', antwortete Bonewhite und grinste von einem Ohr zum anderen, ‚und wenn du damit durch bist, kannst du ja damit beginnen, mir den zweiten Teil auch noch vorzulesen.'
‚Dein zweiten Teil?'; fragte Fever erstaunt und runzelte die Stirn.
‚Ja… ich hatte kurz nach unserer Ankunft hier mitbekommen, wie sich zwei Piloten darüber unterhielten und dir eine Kopie machen lassen. Ich dachte, das gefällt dir', meinte Bonewhite und schloss wieder die Augen.
‚Damit liegst du vollkommen richtig, mein Bruder', entgegnete Fever und beschloss, Bonewhite nichts davon zu erzählen, dass er sich bereits selbst eine Kopie besorgt hatte.
‚Ach, noch eins, ja?', meinte Bonewhite und öffnete ein Auge, ‚du musst niemandem beweisen, dass du auch ohne uns zurecht kommst. Das wissen wir auch so. Ich besonders. Nur will ich es manchmal einfach nicht wissen. Weil ich mir dann nutzlos vorkomme…'
Fever seufzte und biss sich auf die Lippen. ‚Glaube mir, du bist nicht nutzlos und wirst es für mich auch nie sein. Ich… wir sind Brüder, oder nicht? Daran wird sich nie etwas ändern. Da kann ich genauso stur werden wie du! Mich wirst du so schnell nicht wieder los!'
Bonewhite grinste und rückte sich die Kissen zurecht. ‚Fein. Und jetzt lies mir bitte etwas vor, ja?' Tief im Inneren verspürte er eine wohlige Wärme, die er seinen Bruder spüren ließ, der daraufhin nicht weniger breit grinste.
Am anderen Ende des Raumes erwachte Guide aus seinem leichten Schlaf und tastete vorsichtig mental zu den Brüdern hinüber. Was mache ich nur mit den beiden?, fragte er sich in Gedanken. Wo der eine ist, will der andere auch sein. Sie über längere Zeit zu trennen wird so unmöglich… aber Bonewhite will nicht, dass Fever den Hive verlässt. Oder irgendwer außerhalb unseres Hives von ihm erfährt. Und Fever lässt sich nicht einsperren, wie er bewiesen hat. Er seufzte leise, reckte sich etwas und zog sich die leichte Decke zurecht. Es hilft alles nichts, ich werde Fever wieder mit auf Mission nehmen, wenn ich ihn benötige. Soll Bonewhite dann eben schmollen… meistens tut er das sowieso.
Müde schloss er wieder die Augen und rief sich das Bild seiner kleinen Tochter vor Augen. Wie sie auf dem Schoß ihrer Mutter saß, die ihr Haar für ihn hochgesteckt hatte… nur für ihn. Damit er ihren schneeweißen Nacken berühren konnte… beinahe konnte er ihren Geruch wahrnehmen und er biss sich auf die Lippen. Snow würde für immer seine wahre Königin bleiben, egal, was da noch kommen möge. Vielleicht war das Gerede von Liebe, das Ease oft von sich gab, doch nicht ganz so abwegig. Andererseits… Ease war ein junger Narr, oder nicht? Auch er würde noch dazulernen.
Just in diesem Moment lernte Ease gerade im Quartier des Kreuzerkommandanten einiges über Guide – und langsam schmerzte ihn das Lachen. „Nein! So dumm kann er doch gar nicht gewesen sein!", rief er aus und schüttelte den Kopf.
„Hast du eine Ahnung", meinte Nighthunter grinsend, „er hat noch viel dümmere Sachen angestellt, damals! Oder glaubst du etwa, er war schon immer dieser abgeklärte alte Knochen, der er vorgibt zu sein?"
„Abgeklärt? Guide wird seine Neugierde noch einmal zum Verhängnis werden", knurrte Ease und ließ die Würfel über die Tischplatte rollen, „er kann von Glück sagen, wenn immer jemand in der Nähe ist, der ihm den Kopf aus der Schlinge zieht, die er für sich selbst knüpft."
„So jung und schon so weise?", frotzelte Nighthunter und bleckte die Zähne, als er das gute Ergebnis seines Spielpartners sah, „andererseits gilt für Guide wahrscheinlich wie für alle, die nach vorn schauen, das Gleiche: irgendwann wird der Tag kommen, an dem es nicht mehr weiter geht und man sich geschlagen geben muss."
„Ja… nur Guide wird auch dann noch der festen Überzeugung sein, doch noch einen Weg zu finden", seufzte Ease.
Nighthunter brummte zustimmend und griff seinerseits nach den Würfeln. „An Selbstvertrauen hat es ihm noch nie gemangelt."
Eine Weile würfelten sie schweigend weiter, dann fragte Nighthunter: „Wunderst du dich nicht, dass deine Mutter und ich darauf bestanden haben, dass du Guide auf dieser Mission begleitest?"
Ease rümpfte die Nase. Ihm war längst bewusst, dass Black Pearl und sein vermutlicher Vater darauf gesetzt hatten, dass er Guide im Zweifelsfall verraten würde. Wenn sich bestätigen würde, dass es Snows und Guides Schuld war, dass die Lanteaner diesen tödlichen Virus vor einigen Monaten hatten entwickeln können. Dass ihr Feind so viel über die Wraith wusste – als Gegenleistung dafür, nach dem Krieg Snow zur Primary ernennen zu können und einen falschen Frieden schließen zu können. Guides Ehrgeiz besaß keine Grenzen und er würde nicht zögern, jeden, wahrscheinlich sogar auch Snow, auf seinem Weg zu opfern. „Sehnsucht? Ich will es gar nicht wissen", entgegnete er fest. „Ich bin froh, dass wir uns versöhnt haben, aber alles Weitere interessiert mich nicht."
Nighthunter nickte. „Wie du meinst. Wahrscheinlich werden wir uns jetzt häufiger treffen… Black Pearl liegt viel an einer Zusammenarbeit mit deiner Königin. Das könnte für beide Seiten Vorteile bringen…"
„Hmmmm", brummte Ease, „Politik war noch nie mein Gebiet. Könnten wir weiterspielen? Ich glaube, du verlierst gerade, da möchte ich doch nicht deine Pechsträhne unterbrechen…"
„… und du wunderst dich, dass man deine Sachen aus einer Luftschleuse entsorgt hat?", knurrte Nighthunter, „mich wundert eher, dass man dich nicht gleich hinterher geworfen hat, bei diesem losen Mundwerk!"
ENDE
A/N: So, das war Teil Sieben dieses unendlichen Zyklus. Der nächste Teil wird ca. Siebentausend Jahre später spielen und Blueface wieder mit dabei sein – auf der Suche nach Fever. Wann diese Geschichte erscheint, kann ich noch nicht sagen. Ich bin nur froh, dass ich diese noch in 2011 beendet habe *Schweiß von der Stirn wisch* - ich wünsche euch allen einen Guten Rutsch ins nächste Jahr, wir lesen uns!
Eure Silberkugel ;)
