17. Der brennende Mann

Severus musste seinen Zauberstab sinken lassen. Ja, er wusste, was er fühlte. Er wusste es genau. Wut. Ein nur all zubekanntes Gefühl. Ein Gefühl, das ihn so oft durchfuhr, dass es eine Art Begleiter geworden war. Er holte tief Luft. Leise, so dass sie es nicht hören konnte.

,Wir werden weitermachen, Miss Granger."

Die Gryffindor hob ihren Kopf. Aus ihren Augen sprang ihm der Trotz entgegen. Der Trotz, der sie weitermachen ließ, obwohl ihr abgemagerter Körper, der zusammengesunken auf dem Stuhl saß, etwas anderes erzählte. Davon, dass sie sich schwach und ausgelaugt fühlte.

Severus biss die Zähne zusammen und trat einen Schritt zurück.

Was dachte sie? Dass es für ihn ein Vergnügen war? Dass er sich nicht wünschte, diese lästige Pflicht nicht auferlegt zu bekommen zu haben und seine Abende auf eine andere Weise zu verbringen? Dass es ein Genuss war, in ihren einfältigen Gedanken spazieren zu gehen, deren Inhalt er war?

Er hatte genug zu tun. Genug Aufgaben am Hals, die seine Aufmerksamkeit erforderten.

Severus hob wieder seinen Zauberstab. Er wollte sich nicht sehen. Er wollte dieses Gesicht nicht sehen. Starr, bleich, hässlich und von der Grausamkeit des Lebens durchwirkt.

Er sah, dass Granger die Lippen aufeinander presste. Es schien, als arbeitete es in ihrem Kopf.

,Halten sie sich bereit, Granger." sagte Severus und versuchte alle Schärfe in seine Stimme zu legen, zu der er fähig war. Doch es fiel ihm schwer, denn er fühlte sich ausgelaugt und müde. Und sie - sie hatte es gewagt, ihn mit dem größten aller Monstren zu vergleichen. Nur der Gedanke daran, ließ ihn vor Wut erzittern.

Und nur der Gedanke an Albus hatte ihn davon abgehalten sie zu packen und auf dem Korridor hinaus zu zerren. Albus Dumbledore.

,Professor."

,Ein - zwei- ."

,Verzeihen sie mir." brach es aus ihr heraus. Ihre Hände klammerten sich in ihrer Erregung am Stuhl fest. Der Trotz in ihren Augen verschwand und hinterließ nichts als Bedauern.

,Bitte, verzeihen sie mir- sie- ich habe nicht nachgedacht. I- ich war wütend - ich weiß, dass sie ihr Leben für den Orden riskieren, in dem sie den dunklen Lord-."

,Es reicht, Miss Granger." fuhr Severus sie wütend an. Ihre offene ehrliche Art und die unverhohlene Zuneigung, die ihm aus ihren haselnussbraunen Augen entgegenfunkelte war fast noch unerträglicher, als in ihren Erinnerungen spazieren zu gehen. Wieder sah er die blauen, alles durchdringenden Augen von Albus Dumbledore vor sich, die ihn zu ermahnen schienen.

,Ich lasse keine Diskussion zu. Sie werden tun, was ich sage! Verschließen sie ihren Geist. Konzentrieren sie sich!"

,Bitte, verzeihen sie mir."

,Eins – zwei - drei - LEGILIMENS!" spie er aus.

Verzeihen sie mir, hörte er eine Stimme in seinem Kopf.

Er wurde ein gleißendes helles Licht gezogen, ohne den geringsten Widerstand zu spüren.

Eine von Sonne beschienene Wiese.

Ein Mädchen sitzt unter einem Baum. Ein Junge neben ihr. Das Mädchen mit hat einen Ast in der Hand und schwingt ihn hin und her.

Was machst du da? Denkst immer noch, du bist eine Hexe! Ich will was anderes spielen!

Ich bin eine Hexe, erwidert das Mädchen energisch. Ich gehe bald nach Hogwarts!

Nach Hogwarts? Hermine, du bist ganz schon blöd im Kopf! Der Junge gibt ihr eine Kopfnuss und lacht. Das Mädchen sieht ihn wütend an und wendet sich trotzig ab. Du wirst schon sehen. Bald kommt eine Eule und bringt mir den Brief, der mir sagt, dass ich dorthin gehen kann.

Der Junge lacht und gibt ihr wieder eine Kopfnuss. Du denkst immer, du bist was besseres.

Ein gleißendes Licht.

Das Mädchen sitzt in einem Zimmer. Draußen prasselt der Regen gegen das Fenster. Sie sitzt auf ihren Bett und blättert in einem Buch, während sie einen Stab in der Luft schwingt. Hogwarts. Hoggi- hoggi- Hogwarts. singt sie leise vor sich hin.

Ein strubbelhaarige Junge geht neben einem hochgewachsenen braunhaarigen Mädchen her. In Gesicht des Jungen zeigt sich deutliche Anspannung, während er redet.

Was soll das überhaupt, dass Dumbledore ihn Verteidigung lehren lässt? Hast du gehört, wie er über die dunklen Künste gesprochen hat? Er liebt sie!

Nun ja, erwidert das Mädchen mit den braunen Locken Ich dachte, er klingt ein bisschen wie Du! Wie du, als du uns erzählt hast, wie es ist, Voldemort die Stirn zu bie-

Severus ließ den Zauberstab sinken und trat erregt einen Schritt zurück. Er wollte Potter nicht sehen. Nicht in der Wirklichkeit und nicht in ihren Erinnerungen.

Er wollte ihn nie mehr sehen. Und er wollte nicht dieses Wesen neben ihm sehen, dass das genaue Gegenteil von ihm war und dass er trotzdem hasste. Er hasste es, wie sie ihn ansah. Es war keine Missgunst in ihrem Blick. Doch genau daran hatte er sich gewöhnt. Hass. Missgunst.

Severus, ich weiß es genau.

Was, Schulleiter?

Ich weiß, dass du kein schlechter Mensch sein kannst. Du magst Himbeermarmelade. Ich bin noch nie einem Menschen begegnet der Himbeermarmelade mag und ein schlechter Mensch ist -

Severus umklammerte seinen Zauberstab, während Albus Lächeln vor ihm verblasste.

Granger erholte sich noch immer von der Leglimentikattacke. Er hörte sie laut nach Luft ringen. Anscheinend fiel es ihr der Unterricht wirklich schwerer, als er gedacht hatte. Ihr Körper war vielleicht zu geschwächt, um seinen Attacken widerstehen zu können.

Sie hob ihren Kopf.

Schon im nächsten Moment war er wieder in ihre haselnussbraunen Augen eingetaucht.

Ein Mann, auf einer Tribüne. Er hat schwarzes langes Haar und trägt über seiner Robe einen Umhang gegen die herbstliche Kälte. Seine schwarzen Augen sind konzentriert auf etwas gerichtet.

Das Bild verschwand.

Expelliarmus! schreit eine Stimme. Es ist ein Mädchen mit braunen Locken. Sie hält ihren Zauberstab von sich gestreckt und weicht zurück. Hinter ihr ein dunkler schmaler Korridor. Eine dunkle Gestalt nähert sich. Mach dich nicht lächerlich, Mädchen! Ihr habt keine Chance, schnarrt es ihr arrogant entgegen.

Das Mädchen weicht weiter zurück. ,STUPOR!" schreit sie hinterher. Die Gestalt wird von einem hellen Strahl getroffen und niedergerissen. Mit vor Panik geweiteten Augen läuft das braunhaarige Mädchen den Gang hinunter, während die dunkle maskierte Gestalt fällt.

So ist es richtig! Ein strubbelhaariger grossgewachener Junge geht zwischen mehreren gestalten umher. Er tritt neben das braunhaarige Mädchen aus dessen Zauberstabspitze sich eine helle Lichtgestalt ergießt. Der Otter dreht eine Runde über ihrem Kopf, bevor mit einem Satz das Haar des Jungen streift und zur Decke verschwindet. Ein freudiges Lachen auf dem Gesicht des Mädchens, das ihrem Patronus hinterher schaut. Gut gemacht Hermine! lobt sie der Junge Das ist wirklich klasse! Vielleicht kannst du den unteren Jahrgängen helfen...

Das Mädchen, nicht älter als zwölf, steht auf einer Tribüne. Sie beobachtet es etwas. Es ist Snape! sagt eine Stimme neben ihr. Ein gleißendes Flackern. Sie rennt über eine Tribüne und streift dabei eine Gestalt, die strauchelt. Plötzlich bückt sie sich und schleicht weiter. Sie zieht ihren Zauberstab und nimmt ein Glas unter ihrem Umhang hervor.

Mit murmelnden Worten hält sie den Zauberstab an den schwarzen Stoff, der unter der Bank hervor guckt, bis die blauen Flammen darüber züngeln. Nur wenig später vernimmt sie seinen Schmerzensschrei zieht die Flamme mit zusammengebissenen Zähnen zurück, um sie in ihr Glas zurück zu tun. Sie erhebt sich hastig und rennt davon.

Ein Flackern.

Sie, Miss Granger, sind die lästigste MUGGELHEXE, die mir je vor die Nase getreten ist! Hüten sie ihre Zunge, oder Gryffindor wird wegen ihnen schon am Anfang des Schuljahrs in die roten Zahlen geraten.

Ein bleiches, teigiges Gesicht, mit vor Verächtlichkeit funkelnden schwarzen Augen sieht auf das Mädchen hinab.

Das Mädchen presst die Lippen aufeinander.

Die Dunkelheit einer Bibliothek. Das Mädchen ist zu Boden gesackt. Über ihre Wangen laufen Tränen. Keines deiner Worte, hörst du, Severus Snape! flüstert sie einem Stück Zeitung entgegen.

Severus Snape.

Kaum da sich Severus wieder des Kerkers gewahr wurde, sah er, dass Granger fast vom Stuhl rutschte. Er packte sie am Arm. ,SIE!" spie er ihr entgegen ,SIE haben Glück, das niemand von diesen Stunden erfährt. Aber ICH hätte nichts dagegen, Gryffindor ein paar Punkte ab zu ziehen, für diese UNVERSCHÄMTHEIT! Sie waren es - ."

,Sir." erwiderte Hermine mit schwacher Stimme. ,Das ist über fünf Jahre her. I- ich habe es nicht-:"

Severus ließ angewidert von ihrem Arm ab. ,Was sind sie? Potters Handlanger?"

,Nein, Sir. Seine beste Freundin, ob es ihnen passt oder nicht. Und es war meine eigene Idee. Ich wollte ihn retten."

Plötzlich wurde es still.

Severus ging zu seinem Schreibtisch und setzte sich. Fetzen dessen, was er in ihrem Kopf gesehen hatte, vermengte sich mit seinen eigenen Erinnerungen. Er war voller Wut. Die Wut- sein ständiger Begleiter.

,Der Unterricht ist für heute beendet." sagte er.

Hermine Granger erhob sich wankend.

,Aber, Sir, wir haben -."

,Es nützt nichts, Granger. Sie müssen ihre Übungen machen. Das ist ihre Aufgabe. Sie wissen doch, was eine Aufgabe ist, oder?" Severus griff zur Feder und Aufsatzheft. Er schenkte ihr ein kurzes Blinzeln seiner Augen in der Gewissheit ihr damit das Herz schneller schlagen zu lassen. ,Etwas woran sie niemand hindern sollte."

,Sir." erklang es herrlich reuevoll.

,Gehen, Granger. Und sorgen sie dafür, dass sie nächste Woche nicht vom Stuhl fallen."

Ohne auf zu blicken, wartete er bis sie gegangen war. Die Genugtuung, sie in der Hand zu haben, hielt nicht lange an.

Sie war nicht Potter.