Fallen from grace
Kapitel 25
Partystimmung
Es war zermürbend für Hermine. Seit Dumbledores unerwartetem Auftritt im Schlafzimmer des Professors hatte sich die ohnehin schon angespannte Stimmung zwischen ihr und ihrem Professor noch einmal dramatisch verändert. Doch das war noch längst nicht alles. Was außerdem auf ihr lastete, war die Gewissheit, dass ihr Schulleiter nun über alles Bescheid wusste, was es ihr fast unmöglich machte, ihm vor die Augen zu treten. Bei den nächsten gemeinsamen Mahlzeiten in der Großen Halle versuchte sie also ihr Bestes, seine Anwesenheit zu ignorieren, obwohl sie nicht widerstehen konnte, hin und wieder einen Blick in seine Richtung zu werfen.
Als wären die neuesten Entwicklungen nicht schon dramatisch genug gewesen, geriet sie obendrein wieder einmal in eine heftige Diskussion mit den Jungs, da Harry offenbar große Freude daran hatte, die in seinem geheimnisvollen Zaubertrankbuch enthaltenen Sprüche an seinem besten Freund auszuprobieren.
Fast bekam Hermine ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Kopf mit der Sorge um Severus so voll hatte, dass sie darüber hinaus einmal mehr ihre Freunde vernachlässigt hatte.
„Ist euch denn nicht bewusst, wie gefährlich das sein kann, wenn ihr einfach so mit diesen Sprüchen experimentiert?"
Die beiden sahen sich an und zuckten wie gleichgültig die Schultern.
„Was soll da schon groß passieren, Mione? Außerdem, wenn Harry Blödsinn macht, bin ich für gewöhnlich dabei. Das ist doch nichts Neues, oder?"
Sie verdrehte die Augen. „Natürlich nicht. Aber genau das macht mir Angst. Dieses Verhalten ist wirklich sehr unvorsichtig von dir, Ronald. Und du, Harry, du solltest endlich dieses Buch abgeben. Ich möchte gar nicht wissen, was dort noch so drin steht, aber alleine dass du es wagst, diese Sprüche an deinem besten Freund auszuprobieren, finde ich sehr unverantwortlich. Wir wissen schließlich nicht, wer sie erfunden hat, geschweige denn, wer sie dort hineingeschrieben hat." Sie rieb sich angestrengt die Schläfen. „Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, was ihr tun wollt, wenn sich einer dieser Sprüche als richtig gefährlich erweist? Oder wenn ihr auf die Schnelle keinen passenden Gegenzauber dafür findet?"
Harry schnaubte leise vor sich hin. „Das ist wieder einmal typisch von dir, nicht wahr? Du kannst es nicht ertragen, wenn wir unseren Spaß haben. Aber weißt du was? Vielleicht solltest du auch mal was anstellen, anstatt ständig nur in der Bibliothek herumzulungern."
Entrüstet klappte ihr die Kinnlade runter. Wenn er nur wüsste...
„Ich hab mich wohl verhört!"
Harry schüttelte den Kopf. „Nein, hast du nicht. Es liegt mir wirklich fern, dich kränken zu wollen, aber ich glaube, es würde dir gut tun, wenn du nicht immer versuchen würdest, so erwachsen zu sein, Mione. Wir sind Teenager. Und wenn wir uns jetzt nicht austoben, wann dann?"
Hermine war sprachlos. Das hatte sie am allerwenigsten erwartet. Noch dazu von Harry.
„Weißt du was? Seit du dieses Buch hast, verhältst du dich wirklich eigenartig."
Ron beugte sich nach vorne. „Er hat Recht, Mione. Du solltest etwas mehr aus dir herausgehen. Geh unter die Leute."
„Pah!", schnaubte sie aufgebracht. „Sag du mir nicht so etwas!"
Harry räusperte sich verhalten. „Das ist doch nichts Schlimmes. Aber es wäre die Gelegenheit für dich, etwas Ablenkung zum tristen Alltag in der Bibliothek zu erhalten. Du weißt ja, bald ist Slughorns nächstes Treffen angesagt und Dumbledore hat gemeint, dass es extrem wichtig für mich ist, Eindruck bei ihm zu schinden. Das heißt, wir zählen auch auf dich."
Ihre Augen blitzten gefährlich auf. Wunderbar! Dumbledore hatte ihr gerade noch gefehlt. Zuerst musste er sie mit Severus erwischen, was wirklich mehr als unangenehm gewesen war, ganz zu schweigen davon, dass er irgendetwas mit ihm vorhatte, das all ihre Sinne in Alarmbereitschaft versetzte. Und jetzt noch das!
Ziemlich steif reckte sie ihr Kinn in die Höhe.
„Das ist mir nicht entgangen", sagte sie schnippisch. „So wie du dich Slughorn gegenüber verhältst, ist offensichtlich, dass du alles tun würdest, um dich bei ihm einzuschleimen."
„Ich will mich nicht einschleimen", bemerkte Harry leicht verunsichert.
„Ach nein? Dann solltest du versuchen, auf ehrliche Weise Eindruck zu schinden, anstatt auf ein Buch zu setzen, das dir früher oder später Ärger einbringen kann. Wenn Snape noch Zaubertränke unterrichten würde, würde er nicht zögern, den Grund für deine plötzlichen Geistesblitze zu erforschen."
Er rollte mit den Augen. „Snape hat mir doch nie eine Chance gegeben, mich vor ihm zu beweisen. Er hatte mich von Anfang an im Visier."
„Vielleicht ist das sogar so. Umso mehr erschreckt es mich, dass du Slughorn für seine Gutgläubigkeit ausnutzt."
„Das ist nicht wahr! Du bist ja nur sauer, weil du noch keinen Begleiter für die Party hast."
Sie schüttelte ihre Lockenmähne, wild entschlossen, das Thema zu wechseln. „Ich kann ja verstehen, dass Dumbledore auf dich setzt. Immerhin steht Slughorn auf Berühmtheiten, die ihm allabendlich Unterhaltung bieten. Trotzdem ist es nicht richtig, für seinen Ruhm zu schummeln."
„Er ist eben ein Genießer, der das Beste aus seinen Tagen macht", warf er zu Slughorns Verteidigung ein, als würde das sein eigenes Fehlverhalten entschuldigen. „Immerhin musste er sich eine Zeit lang vor den Todessern verstecken, um zu verhindern, dass sie ihn in die Finger bekommen."
„Dann sollte er sich etwas mehr im Hintergrund halten, finde ich. Mit berühmten Gästen auf seiner Party erregt er doch nur unnötige Aufmerksamkeit."
„Also, wenn du damit Harry meinst ...", begann Ron wie beiläufig, ehe er sich einen wütenden Blick ihrerseits einfing und wieder verstummte.
„Nein, ich rede nicht von Harry. Ich rede von Gästen, die von außerhalb ins Schloss kommen. Er hat eine Neigung dazu, sich Menschen zu angeln, um seinem Club eine interessante Note zu verpassen."
Ron rümpfte wenig begeistert die Nase. „Kein Wunder, dass er mich nicht eingeladen hat. Meine Familie ist ihm wohl nicht gut genug."
„Das tut jetzt nichts zur Sache, Ron. Mich hat er auch nur aufgenommen, weil ich gute Noten habe. Im Grunde genommen hält er nämlich nicht allzu viel von Muggelstämmigen."
„Du verrennst dich in was", bemerkte Harry ernst.
„Möglich. Zur Zeit ist mir einfach alles zu viel. Da kommt die Einladung nicht gerade sehr gelegen."
„Dann vergiss doch mal für eine Weile die Bücher und hab etwas Spaß mit uns." Er lehnte sich zu ihr rüber und flüsterte ihr leise ins Ohr: „Vielleicht triffst du auf der Party ja den geheimnisvollen Unbekannten."
Entrüstet starrte sie ihn an. „Das war wieder mal sehr taktvoll, Harry. Genau das hat mir jetzt noch gefehlt."
Auf seinem Gesicht tauchte ein großes Fragezeichen auf. „Was hab ich den jetzt wieder gemacht?"
Hermine zog betreten die Nase hoch. „Nichts. Das ist es ja gerade! Nichts, was du oder irgendwer sonst sagt, hat etwas zu bedeuten, habe ich Recht?"
Die Jungs warfen sich eigenartige Blicke zu. Erst dabei dämmerte ihr, dass sie kurz vor dem Durchdrehen stand. Wütend über sich selbst und den Rest der Welt senkte sie den Blick auf ihre zittrigen Hände, die eng ineinander verschlungen auf ihrem Schoß lagen.
„Ob ihr es glaubt oder nicht, von euch werde ich so schnell keinen auf meine Liste der möglichen Begleiter setzen. Da könnt ihr Gift drauf nehmen! Du, Harry, bist der Auserwählte. Bestimmt reißen sich die Mädchen nur darum, von dir eingeladen zu werden. Nimm auf mich also bloß keine Rücksicht. Und du, Ronald, bist ja ohnehin vergeben."
Nach diesen Worten wirbelte sie herum und rauschte mit Tränen in den Augen davon.
Was würde wohl Severus dazu sagen, wenn er sie mit jemand anderem auf Slughorns Party sehen würde, auf der sie ohnehin nicht aufkreuzen wollte?
