25.
Der erste September brach an und damit auch das neue Schuljahr, in dem Hermine ihre Lehrtätigkeit aufnehmen würde. Vor zwei Tagen war sie von Snape hinausgeworfen worden und seitdem hatten sie ihn weder gesehen, noch gehört. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Weder zu den Mahlzeiten, noch zu den Besprechungen, die das neue Semester betrafen war er erschienen und so langsam wurde Hermine doch etwas unruhig, wenn ihre Gedanken wieder mal um ihn kreisten. War es doch ein Fehler gewesen, ihm ihre Gefühle zu offenbaren, oder lag es am Zeitpunkt? Energisch schüttelte Hermine den Kopf. Für solche Dinge gab es nie den richtigen Augenblick, sie hatte richtig gehandelt, sie durfte jetzt nur nicht den Kopf bzw. die Geduld verlieren. Wenn er soweit war, würde er auf sie zugehen, da war sie sich sicher, zumindest versuchte sie sich das einzureden.
Es war Zeit für das letzte Mittagessen, bevor die Schüler eintrafen und Hermine saß zwischen Prof. Sprout und Prof. McGonagall, warf hin und wieder einen Blick durch die Große Halle, betrachtete die ihr so vertrauten Gesichter und konnte es nicht fassen, dass sie es tatsächlich geschafft hatte, sie war Lehrerin in Hogwarts. Niemand ihrer Kollegen schloss sie aus, oder behandelte sie wie ein kleines Kind, welches sie seit langem nicht mehr war.
„Essen Sie meine Liebe", sagte Minvera, lächelte ihr gütig zu und deutete auf ihren immer noch vollen Teller. Automatisch begann Hermine ihr Kartoffelgratin zu zerkleinern. Manche Gewohnheiten, z.B. Befehle ihrer alten Hauslehrerin entgegenzunehmen, konnte sie einfach noch nicht ablegen, aber Hermine schwor sich, bei Gelegenheit daran zu arbeiten.
„Sagen Sie mal Minerva, haben Sie Snape in den letzten Tagen gesehen? Göttin Fortuna hat ein wohlwollendes Auge auf mich geworfen und mir eine Begegnung erspart", sagte Sprout und warf Hermine ein verschwörerisches Lächeln zu. Hermine war froh den Mund voll zu haben und sich damit aus dem Gespräch heraushalten konnte. Zwar konnte sie verstehen, warum die Leute immer über Snape herzogen, aber sie musste sich zusammen nehmen, um keine flammende Verteidigungsrede zu halten.
„Nein, habe ich auch nicht, aber jetzt, da Sie es sagen, fällt es mir auch auf. Es war doch auffallend ruhig, die letzten zwei Tage", antwortete Minerva und runzelte die Stirn, während sie ihren Blick über den Lehrertisch schweifen ließ, ohne die gefürchtete Fledermaus zu entdecken.
„Hmm..merkwürdig, normalerweise erspart Snape uns seine Anwesenheit nicht. Entweder er ist krank, was das allererste Mal wäre, selbst die Bakterien und Viren machen einen Bogen um ihn, oder aber er ist möglicherweise tot?!", mutmaßte Sprout und sah dabei fast ein wenig hoffnungsvoll drein. Keiner der drei Damen hatte gesehen, wie sich die Vordertür öffnete und Severus Snape höchstpersönlich eintrat, seinen Platz am Tisch einnahm und die letzten Worte der Hauslehrerin von Hufflepuff gehört hatte. Dementsprechend zuckten sie alle zusammen, als er mit kalter, scharfer Stimme sagte: „Sie glauben wohl doch nicht im Ernst, ich würde Ihnen diesen Gefallen erweisen, oder haben Sie bei Ihren Selbstgesprächen mit dem Grünzeug draußen in den Gewächshäusern etwa den Verstand verloren? Falls er überhaupt je vorhanden war." Keiner der anwesenden Lehrer sprach ein Wort, es war totenstill. Zwar waren diese verbalen Attacken seitens von Snape nichts ungewöhnliches, doch behandelte er seine Kollegen meistens mit Respekt, wenn auch etwas herablassend, aber nie setzte er sein Gift so platziert gegen Sprout ein.
„Miss Granger, seien Sie doch so nett und geben mir etwas von diesem köstlich aussehenden Gratin.", sprach er nun mit etwas ruhigerer Stimme und hielt Hermine seinen Teller hin, ohne auf die betroffenen Gesichter rings herum zu achten. Pomona sah betreten beiseite, legte Messer und Gabel weg und blickte durch die hohen Fenster hinaus ins Freie. Auf den Mund gefallen war sie nicht, aber ihre Kräfte mit Snape zu messen, käme einer sinnlosen Energievergeudung gleich. Sie war ihm einfach unterlegen und das, was er eben gesagt hatte, musste sie erst mal verdauen, es verletzte sie nicht tief, aber kratzte an ihrem Selbstbewusstsein.
Bei seiner Bitte blieb Hermine der Brocken im Halse stecken. Minerva musste ihr mehrmals auf den Rücken klopfen, bevor sie mit, durch den Hustenreiz verursachten Tränen in den Augen, seinen Teller nahm und ihn befüllte, ohne Snape auch nur anzusehen.
„Wirklich zu liebenswürdig. Sind Sie schon bereit für die Schlachtbank?", fragte er und als Hermine ihm den Teller zurückreichte, strich er mit Absicht mit einem seiner schlanken Finger über ihren Handrücken. Wie von einem Stromschlag getroffen, zuckte Hermine zusammen und hätte beinahe den Teller fallen gelassen, was Severus nur mit einem Hochziehen einer Augenbraue quittierte und ihr ein süffisantes Lächeln zu warf.
„Schlachtbank?", wiederholte McGonagall verständnislos und blickte verwirrt von Severus zu Hermine.
„Ach Minerva, wann hatten Sie noch mal Ihre letzte Vorsorgeuntersuchung wegen der Altersdemenz? Die Schüler, das Bankett zur Eröffnung des nächsten Jahres voller Qualen, wenn das keine Schlachtbank für unsere oberstrebsame Miss Granger ist?!", erklärte Snape mit öliger Stimme und widmete sich anscheinend mit vollem Genuss seinem Essen. Unauffällig warf Hermine ihm einen Blick zu. Er wirkte weder sonderlich übermüdet, noch war er blasser als sonst. Was er auch die letzten Tage getrieben hatte, geschadet schien es ihm nicht zu haben.
„Sie hatten sieben, nein ich korrigiere, fast acht Jahre Zeit um mich zu mustern Miss Granger, ergo müssten Sie eigentlich wissen wie ich aussehe, oder warum starren Sie mich so an?", fragte er beiläufig, aber dennoch laut genug, damit es alle hören konnten. Am liebsten hätte Hermine ihm einfach einen Vogel gezeigt. Es war ihr klar, was er hier für eine Show abzog. Er versuchte sie vorzuführen, sie zu verletzten, um sie damit von sich zu stoßen, aber so leicht würde sie es ihm nicht machen. Sie konnte sich wehren, denn auch in dieser Hinsicht hatte sie viel vom ihm gelernt. So versuchte sie ein lieblich, dümmliches Gesicht zu machen.
„Aber Professor Snape, es ist mir immer eine Freude Sie anzusehen und mir auszurechnen, wie viele Minuten es wohl dauern würde, von dem Augenblick an, in dem Sie einen Raum betreten und mich niedermachen werden und ich gratuliere Ihnen, Sie haben Ihren persönlichen Rekord von drei Minuten gebrochen. Aber der Mensch soll immer danach bestrebt sein besser zu werden, nicht wahr?" Es war ein Bild für die Götter, alle Lehrer sahen nun von Hermine zu Severus, wie bei einem Tennismatch und warteten darauf an, wer den nächsten Punkt machte.
„Ach, interessant. Gut zu wissen, dann werde ich mich bemühen, die Minuten auf Sekunden zu verkürzen", erwiderte Snape und sah sie ernst an.
„Tja Mine, da hast du dir wohl ein Eigentor geschossen", dachte sie, begnügte sich damit ihm einen giftigen Blick zu zuwerfen und widmete sie sich wieder ihrem Essen. Sollte dieses arrogante Arschloch doch machen was er wollte.
Der Rest des Mittagessens verlief in Schweigen, das nur von Geschirrgeklapper unterbrochen wurde. Niemand sprach ein Wort, besser gesagt, niemand wagte es die Stimme zu erheben, aus Angst von Snape niedergebügelt zu werden. Die Tischgesellschaft hob sich schnell auf und jeder versuchte so schnell wie möglich zu flüchten, ohne die typischen Anzeichen einer Flucht z.B. davonrennen aufkommen zu lassen. Professor Flitwick hastete den Gang entlang und rief jedem entgegen: „Power Walking nach dem Essen, gut für die Verdauung wissen Sie?" Einzig Hermine blieb auf ihrem Platz sitzen und wartete bis alle gegangen waren. Minerva warf ihr zwar einen fragenden Blick zu, doch als Hermine den Kopf schüttelte, zuckte sie die Schultern und schloss sich den anderen an. Nun waren sie alleine, aber Snape schien sich fest vorgenommen zu haben, ihre Anwesenheit mit Nichtbeachtung zu bestrafen und so zu tun als sei sie Luft.
„Serverus, was soll das?"
„Was soll was? Und für Sie immer noch Professor Snape!"
„Oh nein, jetzt fang nicht so an! Benimm dich jetzt nicht wie ein trotziges kleines Kind und rede vernünftig mit mir!"
„Das macht zehn Punkte für Respektlosigkeit, die ich dem nächsten Gryffindor abziehen werde, der mir über den Weg läuft", sagte Snape gleichmütig und starrte immer noch auf die Tischplatte.
Wut, rasende Wut machte sich in Hermine breit, sie würde explodieren. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und ihre Zähne knirschten, der Teller, der halbvoll vor ihr stand, flog ihn hohem Bogen durch die Luft und zerschellte auf dem Steinfußboden. Mit einem Ruck sah Snape hoch und ließ seine dunklen Augen schnell zwischen dem Scherbenhaufen und Hermine wandern, der der Dampf schon fast aus den Ohren zu quellen schien.
„Jetzt hör mir mal zu. Wenn du glaubst, mich so von dir fern halten zu können, hast du dich getäuscht. Ich habe dir lediglich gesagt, was ich für dich empfinde, dass heißt aber nicht, ich würde jetzt anfangen dich in Ketten zu legen oder sonst irgendwas in diese Richtung Mister Oberschlau. Warum tust du das also? Um mich zu schützen? Was für ein edelmütiges Motiv und absolut nicht nötig. Ich kann auf mich selbst aufpassen."
Stille.
„Kann es nicht so weiter laufen wie bisher?", fragte Hermine leiser und sah ihn bittend an, ihre Brust hob und senkte sich.
Stille.
„Ich will doch nur mit dir zusammen sein", sagte sie nun mehr fast tonlos und verzweifelt, Tränen des Verlustes schon in den Augen.
„Hermine, was du hören willst kann ich dir nicht sagen", sagte Snape schlicht, stand von seinem Platz auf und berührte sie an der Schulter.
Aufschluchzend warf sie sich in seine Arme, vergrub ihren Kopf in seiner Halsbeuge und atmete seinen zimtigen Geruch ein. Wie sehr sie ihn die letzten Tage vermisst hatte, seine Stimme, seine Hände, seine Wärme.
„Willst du wirklich mit jemanden wie mir zusammen sein, der kaum fähig ist Gefühle zu zeigen, der dir nicht das geben kann, was du verdienst?"
„Ja, ich will nur dich."
„Nun gut, dann werden wir alles so belassen wie es war, aber denk dran…"
„Ja, ich weiß, kein Geklammere, niemand darf etwas erfahren", antwortete Hermine und als Severus mit seinen Händen über ihren Rücken streichelte war sie endlich fähig wieder ruhig zu atmen.
„Genau", antwortete er bestätigend, legte einen Finger unter ihr Kinn, hob ihren Kopf an und sah ihr tief in die Augen. „aber nur weil ich für die Freiheit bin, heißt das nicht, ich wäre bereit zu teilen."
„Ich auch nicht", erwiderte Hermine schlicht und ertrank beinahe in diesen dunklen Augen, die ihr bis auf den Grund ihrer Seele blickten.
„Dann hätten wir alles geklärt", murmelte Snape und strich ihr mit dem Daumen über die Unterlippe.
„Du solltest besser gehen, bevor sie einen Suchtrupp nach dir schicken oder anfangen die Länderein von Hogwarts umzugraben, weil sie glauben, ich hätte dich verbuddelt", wisperte er und drehte Hermine Richtung Ausgang. Sie nickte ihm zu und huschte ins Lehrerzimmer, um bei den letzten Vorbereitungen zu helfen, während Snape mit einem „Reparo" den Teller wieder in seinen alten Zustand brachte und damit die Spuren ihrer Auseinandersetzung beseitigte. Wieder mal war es nicht so gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte, aber zum Donnerwetter noch mal, er warnte sie ständig und immer wieder zeigte sie ihm, wie sehr sie mit ihm zusammen sein wollte, ohne Ansprüche zu stellen. „Du bist ein Egoist Snape", dachte er lakonisch und er vermeinte eine Stimme zu hören, die wohl von Dumbledore hätte sein können. „Nein, du bist gern in ihrer Nähe und so sehr du versuchst dir das Gegenteil einzureden, sie ist dir nicht egal."
„Und nicht mal tot kannst du die Klappe halten", schnauzte Snape unwirsch und verließ nun auch mit wehendem schwarzem Umhang die Halle.
Es wurde dunkel und damit Zeit die Schüler zu begrüßen. Die Kutschen mit den Thestralen rollten langsam heran, die jungen Leute stiegen schwatzend die Treppen empor, suchten ihre Haustische auf und warteten geduldig auf die Ankunft der Erstklässler. Die Lehrer saßen vollzählig am Lehrertisch, der Stuhl und der Sprechende Hut standen schon bereit. Die großen Flügeltüren schwangen auf und Miss Schottenrock-McGonagall betrat mit den etwas verschüchtert drein blickenden neuen Schülern die Halle. Sie erklärte die Zeremonie und verlas den ersten Namen auf ihrer kurzen Liste. Die älteren Schüler, die diese Prozedur schon in- und auswendig kannten, blickten mal hier hin, mal dahin, winkten sich gegenseitig zu und warfen auch mal einen Blick auf den Lehrertisch. Einige erkannten Hermine sofort wieder, Ginny natürlich auch, bemühte sich aber, sich nicht den Arm auszurenken und laut nach ihr zu rufen. Extra für diesen Anlass hatte sich Hermine ihre Haare zu einem festen Zopf geflochten, die neutrale schwarze Robe, ohne Hausabzeichen und das leichte Make-up ließen sie sehr viel strenger aussehen, als es die meisten gewohnt waren und erzielte genau den Effekt, den Hermine hatte bewirken wollen. Die Schüler sollten in ihr eine Respektsperson sehen und nicht die gute alte Herms, der man kameradschaftlich auf die Schulter klopfen konnten. Die wenigsten wagten es noch einen zweiten Blick nach vorne zu werfen, da Severus Snape seinen Todesblick durch die Menge schweifen ließ und nur darauf zu warten schien, ob ein Schüler sich den Fehler erlauben würde ihn zu mustern und da er den Platz neben Hermine einnahm, war ein Beobachten oder Mustern, so unauffällig es auch sein mochte, absolut unmöglich. Die Auswahlzeremonie war beendet und Direktor Slughorn erhob sich um eine kleine Ansprache zu halten.
„Liebe Schüler. Willkommen in Hogwarts. Auf ein Neues und ich hoffe erfolgreiches Jahr. Wie Ihr bereits entdeckt haben werdet, wird Miss Granger, nun mehr Professor Granger, den Posten für Professor Lupin in Verteidigung gegen die dunklen Künste übernehmen. Ich gehe davon aus, dass Ihr euch alle angemessen verhalten werdet. Einen guten Appetit, gute Nacht und bis morgen". Mit einem Schnaufen, als wäre er Marathon gelaufen, setzte er sich wieder hin und alle begannen zu essen, wobei Hermine den Eindruck hatte, irgendetwas hätte Snape den Appetit verdorben.
„Alles ok?", wisperte sie leise zwischen zwei Bissen, blickte flüchtig nach links und rechts, weil sie nicht ertappt werden wollte, wie sie mit Snape tuschelte.
„Mir geht es blendend, so gut wie schon lange nicht mehr", sagte Snape mit sarkastischer Stimme und schob sein Steak auf dem Teller hin und her.
„Und warum siehst du aus, als hätte dir jemand dein Lieblingsgift weggenommen?", fragte Hermine nun und runzelte leicht die Stirn.
„Da musst du dich irren, ich freue mich wirklich auf die Schüler. Endlich kann ich wieder offen meinen Launen fröhnen, Punkte abziehen, Strafarbeiten verteilen. Das ist der Himmel auf Erden und da ich heute auch noch durch die Gänge patroulieren darf, ist das wie Geburtstag und Weihnachten zusammen", erklärte Snape ebenso leise wie Hermine und warf einem Erstklässer aus Hufflepuff, der ihn gerade angestarrt hatte, einen bösen Blick zu und fletschte die Zähne wie ein Hund, der kurz davor war seine Beute zu erlegen.
„Da bin ich aber beruhigt", sagte Hermine trocken und trank einen Schluck Saft um nicht laut lachen zu müssen.
„Ich muss heute Nacht auch Dienst schieben", ergänzte sie, als sie das Glas absetze und scheinbar hoch konzentiert die Serviette auf ihrem Schoß zurechtrückte.
„Na wunderbar, da kann ich dir gleich eine Lektion erteilen, wie man Schüler bestraft, die nachts durch die Flure schleichen", sagte Severus nun hämisch und so laut, dass die Professoren McGonagall und Sprout ihm einen empörten Blick zu warfen, aber schnell wieder beiseite blickten, als er sie so lange anstarrte, dass Hermine schon befürchtete, ihm würden die Augen aus den Höhlen quellen.
„Um elf in der Eingangshalle", kommandierte Snape nun in Richtung Hermine und als sie mit: „Jawohl Sir, ganz wie Sie befehlen Sir", antwortete, nickte er leicht verdrießlich und schien sich nun mit mehr Appetit auf sein Essen zu stürzen.
Es war kalt und zügig als Hermine um Punkt Elf Uhr in der Eingangshalle stand und auf Severus wartete. Unruhig trat sie von einem Bein auf das andere. Das konnte heiter werden, mit Snape durch die Gänge streifen und sich dabei den Hintern abfrieren. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und Hermine erschrak zu Tode, ihr Herzschlag setzte eine Sekunde aus und ihr Mund öffnete sich, um einen markerschütternden Schrei los zu werden, als sich eine zweite Hand auf ihren Mund legte und den Schrei damit im Keim erstickte.
„Ich bin es nur", hauchte Snape ganz nah an ihrem Ohr, sie konnte seinen warmen Atem spüren, der über ihren Hals strich. Langsam ließ er sie los und als Hermine sich umdrehte um ihn zurechtzuweisen, konnte sie sehen, wie er ihr ein boshaftes Lächeln zu warf.
„Warum so schreckhaft Kollegin, etwa ein schlechtes Gewissen?", fragte er wobei er scheinbar interessiert seine Fingernägel betrachtete.
„Können wir?", war Hermines einzige Antwort. Sie hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, Stellung zu nehmen, aber so rethorisch wie er die Frage gestellt hatte, wollte sie sich eine weitere Diskussion ersparen.
Gemeinsam liefen sie durch die Gänge, warfen hier und da einen Blick ins Klassenzimmer, ohne jemanden zu erwischen. Nach einer Stunde wurde es Hermine langweilig und sie versuchte ein Gespräch mit Snape anzufangen, was dieser mit den Worten: „Kannst du mir einen Gefallen tun und deinen Schnabel halten? Da wäre ich dir sehr zu Dank verpflichtet, wir wollen doch den lieben Kleinen unsere Anwesenheit nicht verraten und uns den Spaß entgehen lassen sie zu bestrafen?!", quittierte. Daraufhin hielt Hermine es für ratsamer den Mund zu halten, erstens weil sie ihn nicht verärgern wollte und zweitens weil sie ihre Pflicht so gut wie möglich erledigen wollte. Eine weitere ereignislose Stunde verstrich.
Plötzlich hörten sie aus dem Klassenzimmer für Verwandlung Stimmen. Snape blieb so abrupt stehen, dass Hermine, die ihm auf den Fersen war, in ihn hineinlief.
„Sorry", murmelte sie leise. Unwirsch winkte Snape ab und legte einen Finger auf die Lippen.
Schritt für Schritt näherten sie sich der Tür und konnten jetzt zwei Stimmen hören, eine männliche und eine weibliche, die leise kicherten. Ein grimmiger Ausdruck stahl sich auf Snapes Gesicht. Mit einem Ruck öffnete er die Tür, ließ sie gegen die Wand knallen, was Hermine an ihre erste Unterrichtsstunde bei ihm erinnerte, verschränkte die Arme vor der Brust und spießte die frisch Ertappten mit seinem Blick auf.
„So so, wen haben wir denn da. George Aberdeen. Es hätte mich gewundert, hier jemanden anderes anzutreffen, der soviel Dummheit besitzt, gleich am ersten Tag bei einer Regelverletzung erwischt zu werden. Und Sie Miss Jones sind auch nicht viel besser, der Sprechende Hut muss einen Fehler begangen haben, als er Sie nach Ravenclaw gesteckt hat. Nun, was meinen Sie Professor Granger, was sollten wir mit den Beiden machen?", sagte er barsch und warf Hermine einen herausfordernden Blick zu. Es war offensichtlich, er wollte sie testen.
„Nun Professor Snape, ich denke, da wir noch keine Punkte abziehen können, wäre es angebracht Mister Aberdeen morgen bei seiner Hauslehrerin zu melden, ebenso Miss Jones. Dort werden sie ihre Strafe erhalten", versuchte Hermine so diplomatisch wie möglich zu sein. Oft genug war sie nachts aus dem Bett geschlichen und die Beiden schienen ein Liebespaar zu sein, wenn sie die ineinander verschlungen Hände betrachtete, was aber einen Regelverstoß nicht ungeschehen machte. Ellen Jones Lippen bibberten und ihre Angst vor Snape stand ihr buchstäblich auf der Stirn geschrieben. Aberdeen sah aus wie ein gehetztes Tier und sein Blick blieb ständig am Fenster zu seiner Rechten hängen, was Snapes Aufmerksamkeit natürlich nicht entging.
„Falls Sie sich mit dem Gedanken tragen aus dem Fenster zu stürzen, so kann ich diesen wirklich schlauen Einfall von Ihnen nur unterstützen. Tun Sie sich keinen Zwang an", ätze Snape und ein erfreutes Lächeln ließ sein Gesicht für einen kurzen Moment etwas weniger scharf erscheinen. Zu seinem Bedauern schüttelte Aberdeen den Kopf und schluckte hart.
„Nein, wie schade, aber das hatte ich erwartet. Ab mit Ihnen und wie Professor Granger schon sagte, Sie erhalten Ihre Bestrafung morgen."
Mit hängenden Köpfen verließen George und Ellen das Klassenzimmer, sahen nicht nach links und nicht nach rechts.
„Musst du den Leuten immer so viel Angst machen?", fragte Hermine mit einem Seufzen in der Stimme.
„Ja, muss ich. Das ist wie Zwang, den ich nicht ablegen kann und will", erwiderte Snape lakonisch.
„Was haben die Beiden den schon gemacht? Es ist nichts kaputt und gezaubert haben sie anscheinend auch nicht. Lediglich ein wenig herumgeknutscht!"
„Das entschuldigt nichts. Du warst oft genug nachts unterwegs. Da wir gerade beim Thema sind…..Hast du dich auch nachts aus dem Bett gestohlen um sich heimlich mit jemanden zu treffen und Erfahrungen zu sammeln, zu knutschen, wie du es nennst?", wollte Snape jetzt wissen und seine Stimme nahm einen einschmeichelnden Ton an.
„Nein, war ich nicht", fauchte sie zurück und als sie sein leises Lachen hörte, ärgerte sie sich, weil sie ihm wieder mal auf den Leim gegangen war.
„Und du?", forderte sie ihn heraus, neugierig geworden und um eine Retourkutsche nie verlegen.
„Weil ich dir das sagen werde?", entgegnete Snape und sah sie dabei mit einem Funkeln in den Augen an.
„Hmmm…du warst sicher immer nur in der Bibliothek", mutmaßte Hermine und versuchte ihn so aus der Reserve zu locken.
„Ach Hermine, es ist köstlich mit anzusehen, wie du dich abstrampelst um etwas aus mir herauszubekommen. Ich werde dir soviel verraten, auch wenn ich ein Einzelgänger war und immer noch bin, heißt das nicht, ich würde mit Scheuklappen durch die Gegend rennen. Heute nicht, damals nicht, was du daraus schließt, überlasse ich deiner Phantasie. Man wird doch wohl noch Geheimnisse haben dürfen?!", sagte er, entzog sich damit geschickt ihrer Frage und trat näher an sie heran, legte ihr die Hand in den Nacken und seine kräftigen Finger massierten kurz die Muskulatur. Da sie nichts sagte, beschloss er noch einen drauf zu setzten.
„Da du anscheinend noch nie nachts in einem Klassenzimmer geküsst worden bist, will ich dir diese Erfahrung nicht vorenthalten", murmelte er leise, zog Hermine immer näher zu sich heran, sah auf sie hinab und presste seine Lippen kurz und heftig auf ihre. Wie von selbst umschlang sie seinen Hals und erwiderte den Kuss, doch er ließ sie los und trat einen Schritt zurück.
„Aber aber Professor, wie unsittlich. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen", schalt er sie, und bedeutete ihr mit der Hand den Vortritt. Hermine hielt es für klüger ihre Nachtwache zu beenden ohne ein weiteres Wort an ihn zu richten, ab und an spürte sie seinen Blick und als er auch noch die Frechheit besaß sein leises, spöttisches und schadenfrohes Lächeln von sich zu geben, überhäufte sie ihn in Gedanken mit Muggelschimpfwörtern, was Severus nur mit einem „Tztztzt, noch so jung und schon so verdorben, wohl zu viele Priatenmuggelfilme geschaut." quittierte, der ihr wohl angesehen haben musste, was ihr gerade durch den Kopf ging.
