Hallöchen!
Tschuldigung, eigentlich sollte das Kapitel schon vor zwei Tagen online gehen, aber nachdem ich in den vergangenen knapp drei Tagen abwechseln WC-Schüssel und Waschbecken umarmte und aufgrund dieser unfreiwilligen Abmagerungskur knapp 1 Kilo verlor (etwas Gutes hat alles), komme ich erst jetzt zum Vollenden dieses Chapis.
Keine vielen Worte, nur: Viel Spaß!
Hannon leh für das Review
Eure Lywhn
24. Kapitel – Die Ruhe vor dem Sturm
Gandalf saß neben dem Kamin, dessen anheimelndes Feuer die feuchte Kälte von draußen fern hielt, denn es war zunehmend wolkig geworden und ein unangenehmer kalt-nasser Wind und wehte durch die Straßen der Weißen Stadt und über die Veste. Der Istar blies einen weiteren Rauchkringel in die Luft, durch welchen er weder Elrond, noch Glorfindel aus den Augen ließ. Die Zwillinge waren bei ihrer Schwester in deren Privaträumen und genossen das Wiedersehen, was für die drei großen Männer Mittelerdes eine gute Möglichkeit bot, die wichtigsten Neuigkeiten auszutauschen, von denen sie alle wussten, dass sie keine guten waren. Die beiden Elben wirkten untypisch angespannt, also musste die Lage mehr als brisant sein, denn normaler Weise vermochte nichts so schnell die Ruhe des Herrschers von Bruchtal und die des ehemaligen Balrogbezwingers zu stören.
„Ich sehe es Euch an, mein Freund, etwas bedrückt Euch", murmelte Mithrandir und der Elbenfürst atmete tief durch. „Aíe, mellon nîn, fürwahr kennst du mich!" Er senkte den Blick. „Nicht immer ist die Begabung, Dinge, wie sie wohl mal sein werden, sehen zu können, doch manchmal ist sie ein Segen." Er richtete den Blick seiner klaren grau-blauen Augen fest auf den Weißen Zauberer. „Ich sah eine Gefahr, die vom Fluss herauf kommt und Verderben mit sich bringt. Ich sah die Königshallen brennen und Verdammnis über Gondor kommen." Die nächsten Worte fielen ihm eindeutig schwer. „Ich… ich sah Estel fallen und…"
Glorfindel beugte sich leicht vor, als Elrond verstummte, und vollendete für seinen Freund den Bericht über das, was er in seinen Zukunftsvisionen gesehen hatte; spürte er doch, wie sehr allein der Gedanke den Heiler quälte. „Er sah das baldige Erlischen des Abendsterns." Er begegnete dem entsetzten Blick des Instar und strich sich eine goldene Strähne hinter das spitz zulaufende Ohr; seine hellen Augen verrieten die Sorge, die sich seiner nicht erst seit kurzem bemächtigt hatte. Sein feines, ebenmäßiges Gesicht war bleicher als für gewöhnlich und die schlanken Finger, die so vielen Feinden den Tod schon brachten, waren ineinander verschränkt, als wollten sie sich gegenseitig halten. Elben hatten ihre Gefühle gut unter Kontrolle, doch bemächtigten sich die zurück gehalten Emotionen ihrer, so waren sie heftiger als ein Mensch sich auch nur vorzustellen vermochte. „Daher verließen wir Imladris so schnell es ging und ritten westlich des Nebelgebirges bis zur Pforte Rohans, wo wir in Edoras nur knapp die Abreise von König Éomer verpassten." Er schüttelte den Kopf. „Mir ist es nicht gegeben die Schleier der noch kommenden Zeit zu lichten, um dahinter blicken zu können wie Elrond, doch auch ich fühle Dunkelheit nahen. So sag uns, Mithrandir, seit wann ist Estel fort und wer begleitet ihn?"
Gandalf legte seine Pfeife beiseite und erzählte in den nächsten Minuten genau, was sich in den vergangenen Tagen zugetragen hatte. Er berichtete von den Zuständen in Lossarnach, die Legolas aufgedeckt hatte, von Aragorns Verdacht gegenüber Ferethon, von dem Überfall auf Grünfeld und der Verschleppung der Bewohner und von Elinha, deren Ziehtochter aus der Zitadelle entführt worden war. Nur über das, was die langsam erwachenden Gefühle des Sindar-Elben und der jungen Menschenfrau betraf, breitete er ein Tuch des Schweigens, denn dies war für die aufziehende Gefahr sekundär und ging nur den Thronerben des Großen Grünwaldes und das Mädchen etwas an.
Nachdem er geendet hatte, schwieg auch Elrond noch einige Zeit; zurück gelehnt in seinem Sessel, einen langen Zeigefinger an die Wange gelehnt, das Kinn auf die anderen Finger gestützt starrte er mit gerunzelter Stirn in die Flammen, deren Schimmer auf seinem dunklen Haar tanzte. „Es passt alles zusammen", murmelte er schließlich. „Aragorn wurde von hier fortgelockt, nur die Hälfte der Wachen ist noch da und Kälte weht durch die Stadt, die nicht nur vom letzten Aufbäumen des Winters herrührt." Er hob wieder den Kopf und blickte Krieger und Istar fest an. „Etwas wird geschehen – sehr bald schon – und wir müssen darauf vorbereitet sein."
„Wir haben zwei Paar gute Ohren und Augen in der Stadt, die für uns nach dem Rechten sehen. Ihnen dürfte so schnell nichts entgehen, hörten und sahen sie doch schon Dinge, wie kaum einer von uns", bemerkte Gandalf und erstmals seit Gesprächsbeginn tanzte ein leichtes Funkeln in seine Augen.
Die beiden Elben bedachten ihn mit einem fragenden Blick, den er beinahe vergnügt erwiderte. „Es ist mal wieder an zwei Auenländern, den Wert eines Hobbits uns begreiflich zu machen!"
Frodo und Sam beobachteten begeistert die kurze Darbietung der Schausteller, die auf dem Marktplatz eine Probe ihrer Kunst gaben. Selbst das unfreundliche Wetter hatte viele der Bevölkerung nicht davon abgehalten, der kleinen Vorführung beizuwohnen. Die Gondorer bogen sich vor Lachen über eine kurze Szene aus einem Theaterstück, die Appetit auf mehr machte; bestaunten die Kräfte eines Mannes der mehr an einen Bär denn an einen Menschen erinnerte; applaudierten überschwänglich dem Feuerschlucker und jubelten einer Tanzdarbietung zu, die von mehreren jüngeren Männern mit Säbeln zum Takt von einigen Trommeln aufgeführt wurde.
„Unglaublich, was sie alles können – und wie unterschiedlich sie sind!" rief Frodo ins Sams Ohr und dieser nickte. „Ja, aber eines haben sie alle gemein: sie sind braun gebrannt wie im Hochsommer!"
Der jüngere der beiden Hobbits zuckte mit den Schultern. „Sie kommen aus dem Süden, wo der Winter keinen Einzug hält."
Sein Freund schürzte die Lippen. „Selbst in Ithilien herrschte die kalte Pracht und südlich davon liegen nur die Länder der Haradrim und der Korsaren! Mich wundert's, dass diese die Schausteller nicht einfach umgebracht, sondern wohl sogar willkommen geheißen haben. Nirgends sonst hätten sie so viel Sonne in den letzten Monaten abbekommen!"
Frodo zwinkerte ihm zu. „Nun, auch Haradrim und Korsaren schätzen eine gute Ablenkung – vermute ich mal." Er beobachtete die Mimen genauer und ließ seinen Blick dann über deren Karren wandern. Auch diese waren von Sonne und Wind gezeichnet, dennoch wirkten sie auf ihre Art gepflegt. Doch etwas war an ihnen, was den Halbling merkwürdig anmutete. Etwas an ihrem Aussehen hob sie von den anderen Karren ab, die er bisher zu Gesicht bekommen hatte und wie magisch angezogen bahnte er sich behutsam einen Weg durch die Menge.
„Herr Frodo!" rief Sam leise, doch der Angesprochene machte ihm lediglich ein Zeichen, ihm zu folgen und ging mit leicht unbeholfenen Schritten aufgrund der ungewohnten Schuhe weiter. Mit gemischten Gefühlen schloss sich der kleine Hobbitgärtner seinem Chef und Freund an und schürzte dann die Lippen, als Frodo vor einem der Karren stehen blieb und ihn aufmerksam zuerst musterte und dann abtastete. Was sollte…?
„Das… das ist Pech!" raunte der einstige Ringträger nach ein paar Augenblicken verwirrt und schaute zu Sam zurück. „Sie haben ihre Karren mit Pech abgedichtet!"
Der dickliche Hobbit zuckte mit den Schultern. „So bleibt das Innere wenigstens trocken!"
Frodo schüttelte den braunen Lockenschopf, fasste Sam am Arm und zog ihn hinter sich her. Quer durch die Menge, die hier und da etwas murrte, und dann in eine Seitenstraße, in der es etwas ruhiger war. Erst dort verharrte er und wandte sich leise an ihn: „Karren werden in Gondor und Rohan mit Harz abgedichtet – genau wie bei uns im Auenland. Pech wird im Süden verwendet, wo es irgendwie in der Wüste gewonnen wird. Erinnerst du dich als Gandalf uns einmal erzählte, dass Pech nicht wirklich Pech sei, da es Glück bringt wenn man damit seine Boote abdichtet? Boote, Sam! Keine Karren!"
„Sie… sie werden das Pech im Süden bekommen haben, wenn sie schon einmal dort waren", gab Gamdschieh zu bedenken, doch erneut machte sein Freund eine verneinende Geste. „Es ist bereits sehr gehärtet und zudem glitzerten hier und dort kleine weiße Punkte. Salz! Wenn sie nur über den Winter im Süden gewesen wären, würden die Karren nicht so davon befallen sein, wie sie es sind." Er blickte wieder zurück zum Ausgang der Gasse, von woher noch immer die Klänge von Musik und das Lachen und Grölen des Volkes erklang. „Ich sage dir, Sam, hier stimmt etwas nicht! Und ich schätze, Gandalf dürfte das ganze sehr interessieren!"
Der kleine Hobbitgärtner verdrehte die Augen. „Du siehst Gespenster am hellerlichten Tag, Herr Frodo. Es sind Schausteller, die…"
„… die exakt einen Tag nach dem Geburtstag von Aragorn hierher kommen. Wären sie gestern schon in Minas Tirith gewesen, so wären ihre Erträge sicherlich um das Doppelte oder Dreifache höher gewesen. Warum also haben sie sich das entgehen lassen?"
„Die Reise vom Süden bis hierher ist weit und…"
„Das Aragorn gestern, am 1. März, Geburtstag hatte, weiß jeder. Und jeder, der pünktlich hätte hier sein wollen, wäre entsprechend früher losgegangen, um auch ja an diesem Tag in Minas Tirith zu sein!" Er biss sich auf die Lippen und seine großen, hellen Augen blitzten nachdenklich. „Nein, Sam, Streicher meinte wir sollten auf ungewöhnliche Dinge achten und genau so etwas spielt sich jetzt vor unserer Nase ab. Ich gehe zur Zitadelle zurück. Kommst du mit?"
Samweis Gamdschieh seufzte leise. „Du weißt, dass ich dich nicht alleine gehen lassen würde, Herr Frodo!"
Sein Freund schenkte ihm ein stilles, dankbares Lächeln, klopfte ihm auf den Rücken und trat den Rückweg zur Veste an.
Der Nachmittag war noch nicht vorüber, als die Dämmerung sich bereits am Himmel bemerkbar machte, was an den aufgezogenen Wolken lag. Die weißen Schleier vom Mittag hatten im Verlauf des restlichen Tages eine dicke Decke gebildet und Nebel kroch über die Felder und vom Anduin her.
Bergil war todmüde, fror und Hunger quälte ihn, als er in einem kleinen Zelt hockte und mit Argusaugen auf Kaya achtete, die zusammen gerollt neben ihm lag. Doch die Kälte, die der Knabe empfand, lag nicht nur an der Witterung, sondern war vielmehr auf einen kleinen Schock zurück zu führen, den er vor kurzem erlitten hatte. Die Ankunft in diesem Lager spulte sich immer wieder vor seinen inneren Augen ab:
Von Fern hatte er ein Schiff am Ufer des Anduin liegen sehen und davor brannten, am Ufer, mehrere kleine Feuer, um die Gestalten hockten. Der Blick des Jungen war hinüber zu seinem ‚Herrn' geglitten, der die wieder fest schlafende Kaya vor sich im Sattel hielt. Als das kleine Mädchen hysterisch zu schreien begonnen hatte, nachdem es den Mann allem Anschein nach erkannte (Bergil konnte sich keinen anderen Grund für die Panik der Kleinen denken), hatte dieser das Kind aufgehoben, war mit ihm ein paar Schritte davon gegangen, hatte dabei Beregonds Sohn den Rücken zugedreht und kurz darauf ‚schlief' Kaya wieder. Ófnir hatte auf den fragenden Blick seines neuen Knappen hin nur geantwortet: „Ihre Medizin beruhigt sie immer!"
Medizin! Bergil wusste genau, um welche Art von Medizin es sich dabei handelte: Betäubungsmittel!
Dann waren sie weiter geritten und Bergil war hin- und her gerissen zwischen dem Bestreben vorsichtig zu sein und gleichzeitig dem kleinen Mädchen schnellstmöglich zu helfen. Doch hier draußen, fernab von Minas Tirith, allein unter skrupellosen Männern, hatte er keine andere Wahl als das begonnene Spiel weiterzuspielen. Er zweifelte nicht daran, dass man ihn – würden seine wahren Absichten heraus kommen – auf der Stelle umbringen würde.
Und jetzt, vor kurzem, hatte der Mann, auf den sie am Mittag gestoßen waren, gesagt: „Wir sind da!" Und Bergil war für einem Moment der Atem gestockt, als er die vielen Gestalten sah, die sich so… nicht-menschlich bewegten. Gesten und Schritte wirkten irgendwie falsch und die Worte, die von Fern an sein Ohr drangen, waren kaum noch als Westron erkennbar. Plötzlich waren zwei Schatten vor ihnen aufgetaucht und ihre Speere hatten sich auf die Reisenden gerichtet. Bergil hatte im letzten Moment einen Aufschrei unterdrückt, als er der Visage eines Orks angesichtig wurde, der aus kleinen, schmalen Augen ihn und die vier Männer musterte.
„Ihr kommt spät!" hatte das widerliche Geschöpf geknurrt, doch Ófnir hatte spöttisch eine Braue angehoben und keinerlei Anstalten gemacht, den Ork anzugreifen. „Das hast du wohl nicht zu bestimmen! Geh und sag meinem Bruder, dass ich ihn zu sprechen wünsche!"
„Ich bin nicht dein Die…"
„Dein Anführer wird von uns bezahlt, also gehorche!" hatte da der Ritter ausgerufen und nach dem Knauf seines Schwertes gegriffen. Der Ork hatte leise gezischt und war davon geeilt; sein Kumpel war ihm gefolgt. „Widerliches Pack!" war des Lossarnachers einzige Reaktion gewesen, bevor er einen Blick mit seinen beiden Kameraden tauschte, wobei er den vierten absichtlich ignorierte, und hatte dann sein Pferd wieder langsam angetrieben, welches nervös schnaubte.
Bergil hatte danach weder Augen noch Ohren getraut. Orks! Diese Kerle hatten sich mit Orks verbündet! Es waren zwei oder drei Dutzend, die hier am Ufer des Anduin lagerten und sie waren nicht allein. Oh nein! Der Knabe hatte seinen Verdacht bestätigt gesehen, was die Tatzenspuren anging, als er mehrere Warge erblickte, die zusammen gerollt abseits der Feuer lagen und leise hechelten und geiferten. Was, bei Eru, war hier los?
„Du wunderst dich über die Orks?"
Ófnirs Frage hatte ihn heftig zusammen zucken lassen und als er dem lauerndem Blick des Ritters begegnete, war ihm klar geworden, dass dies nun die erste Prüfung war, die er zu bestehen hatte, wenn er seine Tarnung nicht auffliegen lassen wollte. Nun, leugnen konnte er seinen Gemütszustand nicht. Er war, gelinde gesagt, entsetzt – und er wusste, dass ihm dies ins Gesicht geschrieben stand – aber er durfte seinem ‚Herrn' nicht das Gefühl geben, dass er dessen Entscheidungen anzweifelte. „Was wollen die von uns?" war die recht neugierige und in seinen Augen auch kluge Frage über seine Lippen gekommen und Ófnir hatte gelächelt.
„Sie spionieren für uns in Mordor und im Weißen Gebirge. Der König begnadigte sie, wenn sie für uns arbeiten und genau dazu sind sie nur zu gerne bereit, nachdem sie keinen anderen Herrn mehr haben. Orks sind dumme Geschöpfe und ohne einen Herrn verloren!"
Die Erklärung hätte plausibel geklungen, wenn Bergil nicht über zwei Tatsachen unterrichtet gewesen wäre. Erstens: König Elessar hatte sein Leben lang gegen Orks gekämpft und daher würde er weder sie verpflichten, noch würden sie jemals für ihn arbeiten. Dafür saß der Hass zu tief. Und zweitens waren Orks längst nicht so unintelligent, wie Ófnir es darstellte. Einige von ihnen waren sicherlich gerissenere, als so mancher Mensch und sie würden sich niemals einem der Zweitgeborenen unterwerfen – höchstens waren sie käuflich, doch König Aragorn würde sich niemals auf eine Geschäft mit ihnen einlassen.
Doch Bergil hatte all diese Gedanken verschwiegen, hatte Verblüffung ob dieser Raffinesse des Königs zum Ausdruck gebracht, seinen ‚Herrn' für dessen Mut, mit diesen gefährlichen Verbündeten zu verhandeln, bewundert und war dann in eines der kleineren Zelte gebracht worden, wo er sich etwas ausruhen konnte und gleichzeitig auf Kaya aufzupassen hatte.
Dies war wahrlich der beste Augenblick, sich mit dem kleinen Entführungsopfer zu verbünden und ihr weiteres gemeinsames Vorgehen zu erörtern. Doch leider machte eine Tatsache ihm einen gewaltigen Strich durch die Rechnung: Kaya war nach wie vor betäubt. Bergil ballte unwillkürlich eine schmale Hand zur Faust, bevor er sie wieder entkrampfte und zwei Finger behutsam auf die kühlen, bleichen Wangen des Kindes legte. Er war entschlossen, dass er Kaya bei ihrem nächsten Erwachen etwas zu trinken einflößte – egal, was der Ritter auch dazu sagen würde! Die Kleine brauchte dringen Nahrung und Flüssigkeit und auch auf die Gefahr hin, dass sein ‚Herr' ärgerlich werden könnte, würde er dafür Sorge tragen, dass diese Grundbedürfnisse Kayas gestillt werden würden.
Das kleine Mädchen regte sich plötzlich und hastig sah Bergil sich um, doch nach wie vor war er alleine im Zelt. Rasch beugte er sich über sie und schüttelte sie zuerst sacht, dann kräftiger an der Schulter. Die Kleine gab ein protestierendes Brummen von sich, schniefte dann und machte eine beinahe zuschlagende Geste in seine Richtung, wobei ein „Will nisch!" über ihre kleinen Lippen kam.
Bergil seufzte – Mädchen! – und versuchte erneut sie zu wecken. Diesmal schlug sie die müden, trüben Augen auf und blinzelte zu ihm hoch. Der Knabe lächelte freundlich und flüsterte eindringlich: „Kaya, weißt du, wer ich bin?"
Es dauerte nur einige Momente, bis sie langsam antwortete – Momente, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, denn jeden Augenblick konnte Ófnir zurückkehren. „Du… du bist im Hoppastall gewesen, bei Lelas und… und… bei dem bösen Mann!" Die letzten Worte wurden alarmierend lauter und blitzschnell legte er ihr einen Finger auf den Mund. „Pschscht, leise! Wenn der Kerl erfährt, dass wir uns kennen, bringt er mich um!" Er begegnete ihren größer werdenden Augen und wisperte: „Ich bin dir und den anderen gefolgt, um dir zu helfen. Doch der ‚böse Mann' weiß das nicht und darf es auch nicht wissen. Ich arbeite als sein Bursche jetzt und er hat mir erzählt, dass du seine Tochter wärst, die krank ist. Also tu so, als ob du mich nicht kennst und ich tu so, als wärst du nicht ganz richtig im Kopf. Und dann, wenn die Gelegenheit günstig ist, fliehen wir!"
Nun muss gesagt werden, dass dies alles für Bergil sehr schlüssig und logisch klang, und für Kaya sicherlich unter normalen Umständen ebenfalls, nur waren diese alles andere als gewöhnlich. Erstens hatte das Betäubungsmittel ihren Verstand ein wenig gelähmt, zweitens fühle sie instinktiv die Gefahr, in der sie schwebte, drittens verlangte ihr Körperchen schmerzhaft nach Nahrung, Flüssigkeit und Ruhe und viertens war sie verängstigter als jemals zuvor. Und so tat sie auf Bergils Erklärungsversuch hin nichts weitere, als leise zu weinen.
Der Knabe saß recht hilflos vor ihr und kratzte sich am Kopf. Seinen kleinen Bruder hätte er entweder aufgezogen oder in die Arme genommen, aber was machte man – zum Kuckuck! – in einer solchen Situation bei einem kleinen Mädchen? Schließlich tat er das Einzige, was ihm in den Sinn kam: Er zog sie auf seinen Schoß, wiegte sie und versprach ihr leise, dass alles wieder gut werden würde – auch wenn er das Gefühl hatte, dass dieses Versprechen nicht so leicht zu halten war, wie er anfangs gedacht hatte.
„Bitte WAS?" Avelson starrte seinen Bruder an, als ob dieser den Verstand verloren hätte, und ließ ungläubig den Weinpokal sinken. Er hatte ein Zelt aufschlagen lassen, welches er bewohnte, während die anderen mit dem Schiff vorlieb nehmen mussten, welches hier – über eine Schiffstagesreise von Minas Tirith und somit nur noch wenige Stunden nördlich von Pelagir entfernt – vor Anker lag. „Du hast einen Burschen in deine Dienste gestellt? Jetzt? Ausgerechnet jetzt, in dieser Situation?"
Ófnir zuckte mit den Schultern und ließ sich müde auf ein paar Felle und Decken sinken, während er seinerseits zu einem Becher griff und sich selbst an der Karaffe mit Wein bediente. „Der Knabe folgte uns und im Augenblick sind seine Dienste mir willkommen. Er versteht sich auf die Pflege von Pferden und Waffen und zudem kümmert er sich um das Kind, welches…"
„Kind? Welches Kind?" Selten hatte das Gesicht des ehemaligen Tributeintreibers mehr Verblüffung gezeigt, als momentan, als er sich gegenüber seinem Bruder ebenfalls niederließ und einen großen Schluck des schweren Weines nahm. Verdammt, was gäbe er für ein erhitzte Met, welches die Knochen in Windeseile durchwärmte! Der Wind pfiff seit ein paar Stunden empfindlich scharf und der dünne Nebel, der seit dem Nachmittag beständig stärker geworden war, drang selbst durch die dicke Zeltplane.
„Das kleine Mädchen von diesem Weibsbild, das in Minas Tirith Schutz gesucht und gefunden hat", gab Ófnir Auskunft und leerte seinen Pokal. „Die beiden sind uns anscheinend in Grünfeld entwischt und schnurstracks zum König gerannt. Fere…"
Er kam nicht weiter, als Avelson eine ganze Reihe derber Flüche ausstieß und den Weinbecher quer durch das Zelt schleuderte. Der restliche Wein spritzte auf den Boden und an die Zeltplanenwände, während der Becher weiter rollte und von einer Zeltstange schließlich gebremst wurde. Ónir blieb ruhig – er kannte diese Art von Wutausbrüchen zur Genüge – und trank gelassen weiter. „Dann ist sie also entkommen!" zischte sein Bruder und schüttelte den Kopf. „Blazurgs Orks haben sie tatsächlich entwischen lassen und versagt!"
„Sie war wohl schon am Pelennor, als die Orks sie einholten, und die ‚tapferen' Soldaten des Rammas Echor eilten ihr zur Hilfe. Die Orks sind tot; erschlagen wie die Warge – so hieß es zumindest in der Stadt", klärte Ófnir ihn über den Verlauf des vorigen Tages auf. Er rieb sich das Kinn. „Im Grunde ist es ein Glücksfall, denn so konnte die Kleine und ihr Kind dem König die Ohren voll jammern. Doch nachdem Elessar nicht den Anschein erweckte, sich selbst aus der Weißen Stadt heraus zu bemühen, befand Ferethon es als eine gute Idee, das Balg als Lockvogel zu benutzen, damit Miövitinis heute Abend freie Hand hat – ohne König, Elb, Zwerg und die Stadt- und Turmwache."
„Moment!" Der ältere der beiden Brüder hob eine Hand. „Verstand ich dich richtig? Ferethon hat dich beauftragt, das Kind zu entführen, um den König aus der Stadt zu locken?"
Òfnir nickte. „Ja! Die Situation erforderte, dass wir ein wenig… nachhalfen!"
„Und das hat geklappt?" Avelson konnte es kaum glauben.
„Davon ist auszugehen. Das Mädchen – Elinha, wie wohl ihr Name lautet – genießt seine Gastfreundschaft und steht zudem unter Schutz eines seiner Freunde, was ihn somit ebenfalls in die Pflicht nimmt, ihr zu helfen." Er grinste kurz. „Zugegeben, sie ist ein verdammt hübsches Frauenzimmer, wie ich mit eigenen Augen sah! Seltsam, dass sie mir bei dem Überfall nicht aufgefallen ist. Mit ihrem kastanienfarbenen Haar und dem Gesicht hätte ich sie bestimmt nicht übersehen und hätte direkt nach ihr suchen lassen."
„Versteckt wird sie sich haben. Sie ist nicht nur hübsch, sondern hat Temperament und ist clever, wie mir schon mehrfach auffiel!" brummte Avelson und warf sich wieder auf sein Lager; in seinen Augen blitzte es wütend und frustriert, bevor er mit der flachen Hand auf das Fell schlug, auf dem er lag. „Verdammt!"
„Sie ist dir also auch aufgefallen?" Ófnir pfiff durch die Zähne, als er den daraufhin folgenden Blick bemerkte. „Oh, darum entging dir nicht, dass uns jemand in Grünfeld entglitt und hast ihr drei Orks hinterher gejagt. Du willst sie für dich!" Er lächelte süffisant. „Nun, dann wirst du doppelten Grund zur Dankbarkeit haben, dass Fürst Ferethon einen Weg fand, Elessar und seine Freunde aus der Stadt zu locken." Er kannte seinen Bruder gut genug um zu erkennen, wie dieser beinahe alarmiert aufmerksam wurde, und gluckste in sich hinein. „Sie hat einen Verehrer!"
„Was? Wen?" Die Ader an Avelsons Stirn trat hervor. Wer wagte es sich an das Mädchen heran zu machen, welches er für sich auserkoren hatte? Die Antwort Ófnirs ließ eine Welle der Rage in ihm erwachen: „Dein spezieller Freund, der Elb!" Er feixte leicht, als er sah, wie die Wangen seines Bruders sich vor Zorn röteten. „Er macht ihr sozusagen den Hof und sie ist alles andere als abgeneigt. Den ganzen Abend bei dem Empfang wich er ihr kaum von der Seite und auch tagsüber war er öfter in ihrer unmittelbaren Nähe, wie ich beobachten konnte."
Die wüsten Beschimpfungen, die daraufhin dem ehemaligen Tributeintreiber entkamen, hätten sogar einen Ork verwundert. Doch Ófnir lachte nur. Ihm war bekannt, welch Schürzenjäger der erstgeborene Sohn ihres gemeinsamen Vaters war und das Avelson bisher jede Frau bekommen hatte, die er begehrte (auch gegen ihren Willen). „Die Kleine gefällt dir wohl sehr, wie?" erkundigte er sich und hob beschwichtigend eine Hand, als Avelson schnappte: „Und sie wird mir gehören. Jetzt erst recht!"
Der Berater Ferethons schmunzelte leicht. „Somit hast du sicherlich einen weiteren Grund, den Elbenprinzen aus dem Weg zu räumen, als nur dich für dessen Einmischung in Grünfeld zu rächen. Und du kannst dich bald bedienen. Er zieht natürlich mit Elessar mit – als großer Retter des kleinen Kindes und edler Held von dem Frauenzimmer." Er lehnte sich bequem zurück. „Und dass keiner von ihnen mehr zurückkehren soll, steht ja außer Frage!"
Avelson starrte an ihm vorbei, als hätte er die letzten Worte nicht vernommen. Verflucht sei dieser Elb! Zuerst pfuschte er ihm ins Handwerk, dann demütigte er ihn vor seinen eigenen Männern und nun war er auch noch hinter dem Mädchen her, welches er selbst im Bett haben wollte! Egal, welches Versprechen er Miövitinis auch gegeben haben mochte, aber Legolas Thranduilion würde er selbst erledigen! Der Erstgeborene stand ihm nun einmal zu oft im Weg!
Ófnir schenkte sich etwas Wein nach und schürzte die Lippen. Er wusste genau, welche Gedanken durch den Kopf seines Bruders schossen. Avelson vertrug es nicht, wenn er verlor – und noch weniger war er bereit, etwas aufzugeben, was er haben wollte. Und er wollte dieses Mädchen. Und Eru möge dem Elb beistehen, wenn er Avelsons Pfade kreuzen würde, was unausweichlich war. Er holte tief Luft und versuchte die Gedanken seines Bruders wieder auf ihre vornehmliche Pflicht zu lenken, bevor dieser in einem Strudel aus Zorn für die nächsten Stunden nicht mehr ansprechbar sein würde. „Ferethon möchte, dass wir Elessar südlich von Pelagir abfangen. Das heißt, wir sollten das Lager abbrechen und noch etwas weiter ziehen; zumindest, bis es dunkel wird. Unser Fürst wird dafür sorgen, dass der König nicht so rasch vorankommt, so dass er uns erst dann einholt, wenn Minas Tirith bereits gefallen ist!"
Avelson, der nach wie vor finster vor sich hinstarrte, hob eine Braue. „Ferethon will Elessar aufhalten? Ist er denn nicht in der Weißen Stadt geblieben?"
Der Berater des lossarnacher Fürsten schnaubte spöttisch. „Elessar ist misstrauisch geworden und hat ihn verhört. Und das Weibsbild hat Ferethon mit Vorwürfen überschüttet, er wäre ein schlechter Landesvater." Er atmete tief durch. „Unser Fürst erhielt den königlichen Befehl, den Suchtrupp zu begleiten."
„Und wer hat jetzt das Kommando in Minas Tirith – von unserer Seite her?" Beunruhigt richtete Avelson sich leicht auf.
„Bjálfi ist nach wie vor auf unserer Seite. Und bei seinem Posten als Türwärter zu den Königssälen ist seine Hilfe in Gold zu wiegen. Schließlich haben wir es ihm zu verdanken, dass Elessar nicht schon vor Wochen von den Tributeintreibungen in Lossarnach durch vorgetragene Beschwerden erfuhr, weil er die Leute wieder fortschickte." Er nahm einen weiteren Schluck aus seinem erneut gefüllten Becher. „Frekíh ist ebenfalls in Minas Tirith geblieben – zumindest wollte Ferethon dafür sorgen, wie er mir nach seinem unliebsamen Gespräch mit deinem Mädchen mitteilte. Er und der Rest von Ferethons Eskorte werden Miövitinis gut unterstützen können!"
„Mein Mädchen!" schnaubte da Avelson und strich sich über die hohe Stirn. „Noch ist sie es nicht! Doch wenn ihr elbischer Beschützer erst einmal in den Hallen seiner Ahnen wandelt und Gondor unter einer neuen Herrschaft steht, wird sie es ich wohl anders überlegen. Zumal wir ihr Kind haben." Er lächelte plötzlich eisig. „Ferethon tat mir fürwahr einen Gefallen, als er dich hieß das Balg als Lockvogel zu benutzen. Es wird nicht nur Elessar, den verfluchten Kerl aus dem Düsterwald und die anderen direkt in unsere Hände führen, sondern dieses hübsche Miststück mir gegenüber gefügig machen!"
Er stand wieder auf. „Wir sollen noch etwas südlich ziehen? Gern! Das Schiff ist auslaufbereit, die Gefangenen sind sicher aufbewahrt unter Deck. Wir müssen nur noch die Orks wieder dazu bewegen, den festen Grund zu verlassen." Er verharrte mitten in der Bewegung; wie schon so oft schlug seine Stimmung von einem Moment zum anderen um. „Hast du schon mal einen seekranken Ork gesehen?" Auf Ófnirs ungläubigen Blick hin musste er lachen. „Dann komm mit, Brüderchen! Es ist wahrlich ein lustiger Anblick!"
Immer wieder glitt Frodos Blick hinüber zu Elrond, der schräg gegenüber von ihm an der Abendbrottafel zwischen Glorfindel und Arwen saß, und sich darum bemühte, beherrscht und würdevoll sein Mahl zu sich zu nehmen. Elben waren genügsamer als Menschen, vermochten ihre Bedürfnisse besser zu kontrollieren und verdrängten körperliche Unliebsamkeiten bis in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins. Doch auch für die Erstgeborenen kamen Momente, in denen die Natur ihren Tribut verlangte, und dass weder Elrond und seine Söhne, noch Glorfindel in den letzten Tagen ausreichend Nahrung zu sich genommen, noch sich anderweitig irgendwie geschont hatten, erkannte der junge Hobbit sofort. Der Elbenfürst aß ungewöhnlich schnell und hatte bereits den zweiten Nachschlag genommen, wenn dies auch ruhig und mit einem nahezu unglaublichen Geschick, durch ein anregendes Gespräch die anderen von seinem verborgenen Heißhunger abzulenken. Ja, sie hatten am Nachmittag eine Vesper zu sich genommen, doch diese war klein ausgefallen; nicht zuletzt aufgrund des langen Gesprächs mit Gandalf, dem Beziehen der Gemächer und den Unterhaltungen mit Arwen und dem Fürsten von Ithilien, der Aragorn in dessen Abwesenheit vertrat.
Elrond mochte man seinen Appetit nur auf den dritten Blick ansehen, seine Söhne Elrohir und Elladan jedoch stempelten derweil die allgemeinen Ansichten, dass Elben wenig Nahrung bedurften, fast der Lüge. Die beiden Männer, die – wenn nötig – sich in gefürchtete Krieger verwandelten, und genauso schnell und tödlich wie ein Blitz zuzuschlagen vermochten, langten kräftig zu, was Pippin und Merry zu den einen oder anderen Neckereien veranlassten, die die Brüder mit der typischen Fröhlichkeit des erstgeborenen Volkes kommentierten. Viele Menschen hielten Elben für entrückt und unnahbar, andere wiederum, die in den Genuss ihrer wahren Gastfreundschaft gekommen waren, wussten, dass die ‚Kinder der Valar' mitunter sogar albern werden konnten, zu Späßen und Scherzen aufgelegt waren und das Leben in vollen Zügen genossen. Und dass selbst erfahrene Krieger, die über dreitausend Jahre alt waren, ein fröhliches Gemüt haben konnten, bewiesen die Zwillinge immer wieder. Und so machte es ihnen nichts aus, dass die beiden Hobbitvetter sie wegen ihres Appetits neckten, denn umgekehrt taten sie das Gleiche.
Auch Glorfindel, der in seinem ersten und auch zweiten Leben unendlichen Entbehrungen durchlitten und somit gelernt hatte, das eigene Wohl hinten an zu stellen, genoss augenscheinlich das üppige Mahl und beteiligte sich so gut wie gar nicht an dem Gespräch, sondern genoss die leckeren Speisen und den Umstand, mal keinen kalten Wind um die Nase wehen zu spüren. Der mächtige Elbenkrieger erinnerte nun wirklich beinahe an einen Jüngling, was durch die legerere und dennoch so schmeichelnde Kleidung, die er und seine drei Begleiter neben einem Festgewand mitgenommen hatten, noch betont wurde. Und wenn er an die Blicke der Bediensteten in der Zitadelle dachte, als er vorhin von seinem Gemach zum Speisesaal ging, so fragte er sich, wie die Zwillinge und Legolas dies aushielten. Sicher, Elladan und Elrohir waren keine Kinder von Traurigkeit und machten sich einen Spaß daraus, jungen Menschenmädchen die Köpfe nur durch ein Zuzwinkern zu verdrehen – oder genossen einfach die bewundernden Blicke, derer sie in Bruchtal nicht mehr so häufig begegneten. Doch Legolas waren solche Dinge unangenehm wie ihm. Und wie der Sohn Thranduils mit den manchmal peinlichen Reaktionen der weiblichen Bevölkerung umging, war etwas, wonach er ihn bei Gelegenheit einmal fragen würde. Glorfindel verließ Imladris in den letzten Jahrhunderten nur noch selten, und wenn, so wurden ihm die Reaktionen der Menschen auf ihn und seinesgleichen immer rätselhafter. Vielleicht würden ihm die Ansichten eines, für ihn jungen Elben wie Legolas hilfreich sein.
Gandalf beobachtete die seinen alten Freund, dessen Söhne und den einstigen Balrogbezwinger, und lächelte unsichtbar. Wenn er richtig gerechnet hatte, dann mussten die vier Elben seit einer Woche so gut wie nicht geschlafen und sich kaum Zeit zum Essen genommen haben, anderenfalls wären sie noch nicht hier in Minas Tirith, wenn er daran dachte, dass sie vor knapp drei Wochen erst aus Bruchtal abgereist waren. Der alte Spruch stimmte immer wieder: Liebe verleiht Flügel, denn es waren nicht nur die Sorgen das Geschick Gondors gewesen, die die vier Elben zur Höchstleistung getrieben hatten, sondern vor allem ihre Liebe zu Estel und zu Arwen, die zu behüten sie gekommen waren.
Faramir, der neben seiner Verlobten Platz genommen hatte, beobachtete den großen Appetit der vier Erstgeborenen ebenfalls mit vergnügten Mitgefühl; gleichzeitig wuchs die Spannung in ihm. Frodos Bericht über die Ankunft von Schaustellern hätte ihn normaler Weise nicht beunruhigt, doch das, was der Halbling ihm an Details meldete, hatte ihn ihm Wachsamkeit geweckt. Und nicht nur in ihm. Auch Mithrandir hatte leise vor sich hin gebrummt und etwas von „… seltsam…" gemurmelt. Schausteller, die aus dem Süden nach Gondor kamen, waren selten; vor allem zu diesem Zeitpunkt. Allerdings standen die Tore der Weißen Stadt für fahrendes Volk offen und die Bewohner liebten die Abwechslung, die die Besuche der Mimen mit sich brachten.
Faramirs Blick glitt erneut zwischen Frodo und Elrond hin und her und innerlich schmunzelte er, als er an die Begrüßung des Hobbits dachte, als dieser mit seinem Freund Sam in die Zitadelle zurückkehrte, das Kaminzimmer aufsuchte, dort den Elbenfürst sah und ihn mit einer tiefen Verbeugung grüßte – nur um einen Moment später auf ihn zuzueilen und beide Arme um seine Taille zu schlingen. Und bei dem Gedanken daran, wie Sam erneut versucht hatte auf Sindarin zu grüßen, wobei er sich hoffnungslos verhaspelte, stieg Belustigung in ihm auf. Durch das Auftauchen Elinhas hatte Legolas anscheinend noch keine Zeit gefunden, dem freundlichen Hobbitgärtner seine Sprache etwas näher zu bringen.
Éowyn beugte sich zu ihm hinüber. „Hast du etwas wegen den Schaustellern unternommen?" fragte sie leise und Faramir entging nicht, wie sowohl Lady Arwen, als auch deren Brüder, ihr Vater und Glorfindel ihm ihre Aufmerksamkeit schenkten.
„Ich lasse sie überprüfen, auch wenn es sicherlich nicht viel bringt. Schausteller schließen sich aus ganz Mittelerde zusammen und bilden Truppen. Dennoch habe ich angeordnet, dass man auf sie achtet."
„Sie verpassten Estels Geburtstag um einen Tag", ließ Arwen sich vernehmen und ihr Vater nickte langsam, während er sich mit der Serviette den Mund abtupfte, bevor er sie wieder auf seinen in Samt gekleideten Schoß legte und den Weinbecher ergriff. „In der Tat ist dies ein unglückseliger Umstand für sie oder es steckt mehr dahinter!" Er lehnte dankend ab, als Merry ihm die Platte mit den Kartoffeln anbot. Nein, er war wahrhaftig satt – so satt, wie lange nicht mehr. Und die Tatsache, rechtzeitig in Minas Tirith eingetroffen zu sein, seine Tochter unversehrt vorzufinden und die tagenlangen Ritte durch Kälte und anfangs Schnee, Eis und Sturm ließen ihn nun doch etwas müde werden. Doch er spürte genau, dass es ein schwerwiegender Fehler wäre, jetzt bereits sein Gemach aufzusuchen. Trotz einsetzender Schläfrigkeit verspürte er ein merkwürdiges Prickeln in der Luft, welches sich immer mehr und mehr verdichtete. Sein Augenmerk fand Gandalf, der eine dicke, weiße Braue hob und dann langsam nickte. Ja, die Schatten waren heran! Und es war an ihnen beiden, diese von jenen zu unterscheiden, die das Kerzen- und Kaminlicht an die Wände warf.
Und ohne ihr Wissen fand draußen auf der Veste eine kleine Vorstellung der Schausteller statt, die von dem Türwächter Bjálfi nach der hoffnungsvollen Anfrage der Wache genehmigt worden war. Der Mann, der darüber Entscheidung trug, wer zum König vorgelassen wurde oder nicht und somit ein hohes Ansehen genoss, beobachtete mit gespielter Langweile das Treiben unweit des Weißen Baumes. Offiziell erlaubte er dies ungewöhnliche Spektakel, um sich ein Urteil darüber zu bilden, ob diese Mimen am nächsten Tag vor der Königin und dem anderen Hofvolk auftreten dürfte, und niemand stellte seine Absichten diesbezüglich in Frage. Und so ging auch das leichte Nicken seines Kopfes unter, welches er dem Anführer der Schaustellertruppe gab, welcher ihn aus stechend schwarzen Augen unverwandt ansah und seinen langen dünnen Schnurbart zwirbelte.
Und Bjálfi wusste, dass beim nächsten Tagesanbruch die Sonnenstrahlen ein anderes Minas Tirith bescheinen würden, als jetzt…
Aragorn schaute sich wachsam um, begriff, dass ihnen auf diesem ebenen Platz am Ufer des Anduin ein Lagerplatz förmlich angeboten wurde, hob eine Hand und rief ein lautes „HALT!" Dies war ein Befehl, den jeder gerne nachkam; besonders, weil sie seit ihrem Aufbruch von der Weißen Stadt nicht eine Pause eingelegt hatten. Die Dunkelheit war bereits herein gebrochen und es wurde für Pferd und Reiter langsam gefährlich, weiter zu ziehen, zumal sie keine Fackeln entzünden durften, die den Weg etwas beschienen hätten. Nichts durchdrang eine feuchte, nebelige Luft mehr als der Schein von Feuer, und wenn sie die Verfolgten überraschen wollten, deren Spur unermüdlich neben dem Fluss verlief, so durften sie sie nicht durch Lichter warnen.
„Wir schlagen hier unser Lager auf!" beschloss Estel und schwang sich geschmeidig aus dem Sattel. Éomer tat es ihm gleich und klopfte seinem Reittier dankend den Hals. Auch die anderen Reiter kamen dem Befehl nach, nur zwei bildeten die Ausnahme: Elinha und Gimli.
Die junge Frau wusste beim besten Willen nicht mehr, wie sie sich rühren sollte. Rücken, Hüften, Oberschenkel und Waden schmerzten und waren beinahe steif von der verkrampften Haltung, in der sie nun seit Stunden gefangen war. Elinha wusste, dass sie nur ein Bein über den Hals ihrer Stute schwingen und hinab springen musste, um endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, doch ihre Glieder waren aus Blei. Sie spürte die Blicke einiger der Männer auf sich gerichtet und trotz ihrer Müdigkeit erwachte Trotz und Ehrgeiz in ihr. Nein! Sie würde sich nicht zum Gespött machen, noch die ‚Herren der Schöpfung' in ihrer Meinung bekräftigen, Frauen wären schwach.
Die Zähne zusammen beißend hob sie ihr rechtes Bein an, schwang es mit Hilfe ihrer Hände über den Hals der Stute, stemmte sich im Sattel hoch und sprang zu Boden – und wären nicht zwei starke Arme gewesen, die sie auffingen und aufrecht hielten, so wäre sie im Schnee gelandet, als ihre Knie sofort nachgaben. Gerade noch vermochte sie es, den Aufschrei zu unterdrücken, als winzige, scharfe Dolche durch ihre Beine fuhren, während der inzwischen fast schon vertraute Duft von Wald und Wiesen sie umhüllte.
„Langsam, iëll alag nîn (mein stürmisches Mädchen). Wenn man so lange von anderen Beinen getragen wurde, so sind die eigenen oft beleidigt!" Legolas zwinkerte ihr zu; wohl wissend, welche Probleme sie hatte. Schon geraume Zeit hatte er beobachtet, wie sie blasser und verkrampfter wurde, wohl aber auch stolzer und ehrgeiziger. Sie wollte nicht zurück stehen und die anderen aufhalten, sondern ertrug tapfer die schmerzlicher werden Krämpfe in ihren Muskeln, für die diese Art der Belastung etwas Fremdes war, und kam nicht umhin ihrem Durchhaltevermögen Respekt zu zollen. Ja, sie war wahrlich eine Dúnedain und zudem eine starke Persönlichkeit – auch wenn sie sich soeben stöhnend an ihm festhielt, leise fluchte, ihre Bewegungen steif wie gefrorenes Geäst waren und sie sich kaum auf den Beinen halten konnte. Sie atmete tief durch, straffte mit einer Grimasse ihre Schultern und murmelte ein „Hannon leh!"
„Probleme?" Aragorn trat zu ihnen und musterte die junge Frau genau. Beinahe augenblicklich wuchs deren schmale Gestalt ein wenig, während sie mit einem gezwungenen Lächeln erwiderte: „Nein, mein König. Ich danke für Eure Fürsorge!"
Natürlich entgingen den gut geschulten Augen eines Heilers wie Aragorn nicht, wie es tatsächlich um Elinha stand, doch ihr Stolz imponierte ihm. Außerdem, so wusste er, würde Legolas sich um ihr Wohl kümmern und dem wollte er nicht im Wege stehen. „Gern geschehen!" erwiderte er freundlich, blinzelte seinem elbischen Freund kurz zu und ging dann hinüber zu den Männer, die begannen, das Lager aufzuschlagen.
„Du solltest dich ausruhen und deine Beine massieren", riet ihr der Sohn Thranduils und wurde mit einem schrägen Blick bedacht. „Sicher, der schneebedeckte Stein da drüben sieht sehr gemütlich aus – oder dieses Schneefeld da oberhalb des Wassers. Und erst die Massage! Die Männer hier werden begeistert sein!" brummte sie und machte eine weitschweifende Handbewegung, während sie ihrer Stute über die Nüstern strich.
Legolas hob beide Brauen. „Die Zelte werden in Kürze aufgestellt sein und…"
Ein ungeduldiges Räuspern unterbrach die beiden. „Ich störe äußerst ungern, aber wäre der Herr Elb vielleicht so gütig, mir von diesem hochbeinigen Biest herunter zu helfen?"
Erstaunt blickten die junge Dúnedain und der Elbenprinz sich um und entdeckten Gimli, der nach wie vor auf Arod hockte und ein recht missmutiges Gesicht machte. Der Thronerbe des Großen Grünwaldes sah ihn belustigt an. „Spring doch einfach runter! Ich dachte immer, Zwerge scheuen keine Hindernisse!"
„Das ist kein Hindernis, sondern eine Höhe!" korrigierte ihn der Naugrim und in den Mundwinkeln Legolas' zuckte es amüsiert. „Ein Zwerg, der Furcht vor der Höhe hat! Wie hast du es nur geschafft, Moira zu durchqueren?" Während er sprach, trat er auf sein Pferd und Gimli zu, der ihn aus aufgerissenen Augen anstarrte. „Oi! Wer von uns beiden fällt denn die Decke auf dem Kopf unter der Erde? Mir nicht!"
„Ich rede nicht von der Decke, sondern von den Abgründen!" korrigierte ihn sein elbischer Freund, während er Arod sacht streichelte, dann Gimli ohne Vorwarnung um die Hüften packte und von dem Schimmel herunter hob.
„Hey, ich bin doch kein Kleinkind!" erklang sofort der laute Protest, der von einem breiten Grinsen beantwortet wurde. „Ja, der Bart spricht vom Gegenteil!" Damit führte Legolas sein Pferd von ihm fort und der Zwerg sah ihm verblüfft nach, runzelte die Stirn, überlegte einen Moment, sperrte dann Augen und Mund auf und rief aus: „Als ob das der einzige Grund wäre, Spitzohr!"
Elinha musste lächeln, so müde und voller Sorge sie auch war. Es war schon beinahe unheimlich, wie die Scherze der beiden so unterschiedlichen Freunde sie immer wieder auf andere Gedanken zu bringen vermochten. Sich etwas streckend rollte sie die Schultern – Eru, ihr tat jeder Knochen weh! – und führte dann die goldfarbene Stute hinter Legolas her und klopfte im Vorübergehen Gimli auf die Schultern. „Ärgert Euch nicht, Herr Gimli! Für Legolas müssen wir alle wie Kinder wirken!"
„Hmpf!" machte da der Naugrim. „Dabei ist er unter seinesgleichen selbst ein junger Hüpfer!"
Schmunzelnd setzte Elinha ihren Weg vor und tastete verstohlen nach den Verschlüssen ihres Reitmantels, die… an die sie nicht heran kam! Sie stöhnte lautlos auf, als ihr klar wurde, was das bedeutete! Sie würde tatsächlich… ‚Das hat Königin Arwen mit Absicht gemacht!' durchfuhr es sie und bei der Vorstellung, den Elbenprinzen um Hilfe zu bitten die Schnüre ihres Obergewandes zu lösen, bekam sie bereits jetzt rote Wangen.
Sie bemerkte nicht Aragorns Blick, der ihr folgte, und durch und durch amüsiert war. Erst jetzt erinnerte er sich, dass Arwen diesen Reitmantel niemals ohne Hilfe an- oder ablegte und… ‚Du bist schlimmer als jede Füchsin, Liebste, auch wenn ich nie gedacht hätte, dass du das Kuppelspiel so perfekt beherrschst!' dachte er vergnügt und sehnte er sich für einen Moment nach der Nähe seiner Gemahlin. Jetzt in der Wärme ihrer Arme zu versinken würde ihm die Kraft und den Frieden geben, den er benötigte.
Er konnte nicht ahnen, dass in diesem Moment der Kreis des Verrats in Minas Tirith sich schloss, als aus Säbeltanz, Feuerschlucken und Seilakrobatik bitterer Ernst wurde…
TBC…
Yupp, wieder ein Cliffhanger von der gemeinen Sorte – und auch, wenn ich eigentlich in diesem Kapitel die Action schon einbringen wollte, so dachte ich es wäre nicht gut, wenn ich damit anfange und dann mitten drin aufhöre, denn die ganze Sache ist nicht mit ein paar Schwerthieben abgetan.
Entsprechend geht es im nächsten Chapt (endgültig) rund und Merry und Pippin werden sich beweisen müssen, so wie einige andere.
Ich beeile mich (wie immer)
Alles Liebe
Lywhn
