ONKEL:

Ich sah sie an. Langsam, wie in Zeitlupe wurde ihr Gesicht weiß. Ein großer roter Fleck breitete sich auf ihrem Kleid dort aus, wo ich sie getroffen hatte.

Sie öffnete den Mund, schnappte noch einmal nach Luft, ehe sie auf die Knie sank und umfiel.

Der Wind spielte mit dem Saum ihres Kleides und ließ sie wie einen Engel aussehen.

Erst jetzt spürte ich das Gewicht in meiner Hand.

Ich sah mir herunter und entdeckte das Gewehr. Wie einen Fremdkörper warf ich es angewidert von mir.

„Ema", ich lief zu ihr und warf mich vor sie. „Ich wollte es doch nicht!" rief ich, doch als ich sie in meine Arme nahm, blieb sie bewegungslos und schlaff.

Du hast sie getötet! schrie es in meinem Kopf. Ich hatte diese Stimme schon einmal gehört, damals, als Marta ihre letzten Atemzug getan hatte.

Mir liefen die Tränen über die Wangen.

„Ich wollte es nicht! Ich wollte es doch wirklich nicht!" rief ich in den stillen Wald, doch niemand schien mich zu hören.

Ich hatte das Einzige zerstört, was mir im Leben ein wenig Freude bereitet hatte.

Ich wich einige Schritte zurück, bis ich gegen einen Baum stieß, an dem ich langsam heruntersank.

Es gab kein Leben für mich!

Ich holte langsam den Revolver aus meiner Tasche. Ich hatte ihn aus Boston mitgenommen, in der Hoffnung, er würde meine geliebte Großnichte überzeugen, was das Beste für sie wäre.

Jetzt würde er mir dienen!

Langsam hob er den Revolver gegen seine Schläfe, schloß die Augen und drückte ab.

Blut und Gehirnmasse spritzen auf den Waldboden, ehe er zur Seite umfiel und dort liegen blieb.

MAGKENZIE:

Ich erwachte wie aus einem schrecklichen Alptraum. Ich öffnete die Augen und wie durch einen Schleier offenbarte sich mir nicht mein Zimmer, sondern der Wald.

Ich blieb kurz liegen, schloß die Augen erneut, doch das Bild änderte sich nicht. Ich spürte den leichten Frühlingswind auf meiner Haut und bemerkte meine Gänsehaut.

Unter Schmerzen stemmte ich mich hoch und setzte mich auf.

Mir wurde schwindelig und übel, doch ich wußte nicht, wie ich hierher gekommen war.

Mein Bauch schmerzte, als hätte ich zuviel gegessen, doch dieser Schmerz zog sich weiter, durch meinen ganzen Körper.

Ich sah nach unten und entdeckte den großen roten Fleck an meiner linken Seite.

Ungläubig faßte ich es an und erschrak, als das rote, warme Blut meine Hand berührte. Mein Blick wanderte weiter, suchte die Lichtung ab, auf der ich mich befand und sah ihn.

Unfähig mich zu bewegen, starrte ich ihn an. Ich sah in seine leeren Augen, sah das Blut an seinem Kopf und daß nicht mehr viel davon übrig war. Ich entdeckte den Revolver neben ihn und Übelkeit stieg in mir auf, als mir klar wurde, was ich getan hatte.

Ich drehte mich zur Seite und übergab mich.

Kraftlos wischte ich mir den Mund. Mir wurde schwarz vor den Augen und ich viel nach hinten und hoffte nie wieder aufzuwachen.

BAUER:

Ich horchte auf. Der Wind stand günstig, ich hatte eindeutig einen Schuß gehört. Aber zur Zeit war keine Jagdsaison.

Ich fuhr langsam mit meinem Wagen weiter. Es machte mich stutzig, daß zu dieser Zeit geschossen wurde, vor allem, weil Sonntag war.

Ich hing jedoch weiter meinen Gedanken nach, bis ein weiterer Schuß die einsame Stille zerstörte.

Ich fuhr weiter, in die Richtung, aus der ich meinte wäre der Schuß gekommen.

Ich kam auf eine Lichtung und sah sie schon von weitem.

Ein junges Mädchen, in einem schönen, weißen Kleid, auf dem sich ein unnatürlicher roter Fleck ausbreitete und an einen Baum gelehnt ein älterer Mann mit einer Kopfwunde.

Ich sah sofort, daß der Mann tot war, sein halber Kopf war nicht mehr da, doch als ich auf das Mädchen zukam, sah ich, wie ihr Bauch sich langsam, kaum merklich noch hob und senkte.

Sofort hob ich sie hoch und legte sie vorsichtig auf den Wagen.

Als wir in die Stadt fuhren, stöhnte sie bei jeder Bodenwelle auf und ich freute mich innerlich, da ich hörte, daß sie noch lebte.

Den Mann hatte ich liegengelassen. Man könnte ihn später holen, doch jetzt zählte nur das Leben des Mädchens.