Angst
Am Wochenende hatte Tonks zum ersten Mal seit zwei Wochen keine Nachtschichten mehr.
Ein Umstand, den Mrs. Weasley sofort zum Anlass nahm, sie zu einer aufwändigen Putzaktion im Grimmauldplatz Nr.12 einzuladen. Das Haus quoll immer noch über vor schwarzmagischen Artefakten zweifelhafter Herkunft und der Orden wollte alles entsorgen, bevor Mundungus auf die Idee kam, irgendetwas davon in lukrative Geschäfte umzusetzen.
Tonks hatte sich eigentlich auf ein Wochenende im Bett gefreut, um ein wenig Abstand zu ihrer Arbeit und auch zum Orden zu gewinnen. Sie befürchtete aber gleichzeitig, die freie Zeit nur mit Grübeleien über ihre Gefühle für Remus … und über Voldemorts Pläne zu vergeuden, weshalb sie insgeheim die monotone Arbeit als willkommene Ablenkung empfand.
So kam es, dass sie am Sonntagabend zusammen mit Hermine und Ginny in der Küche des Hauptquartiers saß und Silberbesteck mit einer speziellen Politur einrieb. Ihre Vorfahren hatten es so verhext, dass es bei der Berührung von Muggelhänden glühend heiß wurde und seinen nicht-magischen Besitzer schlimme Verbrennungen zufügte. Was auch der Grund war, weshalb Hermine nur am Tischende saß und ihnen aus ihrem Arithmantik-Lehrbuch vorlas. Sie war natürlich kein Muggel, doch das Besteck versengte ihr dennoch die Hände, die dann noch minutenlang gerötet blieben. Der Zauber war offenbar so stark, dass er sogar muggelstämmige Hexen und Zauberer erkannte.
Für Tonks, deren Vater ein Muggelstämmiger war, fühlte sich das Silber nur unnatürlich warm an, während Ginny nichts Seltsames feststellen konnte. Der Stapel, den sie bereits mit Antifluchpolitur behandelt hatte, war beträchtlich größer als der von Tonks, was auch daran liegen konnte, dass Ginny nicht jede zweite Gabel geräuschvoll unter den Tisch fallen ließ.
Außer ihnen befand sich auch Mrs. Weasley in der Küche, die das Abendbrot vorbereitete. Jedes mal wenn Tonks etwas fallen ließ oder Politur verschüttete, musste sie sich sichtlich Mühe geben nicht die Augen zu verdrehen. Nicht so ihre Tochter, die über Tonks' Ungeschicklichkeit lachte und sie aufforderte, immer neue Grimassen zu schneiden. Während Tonks in voller Konzentration an ihrer Schweineschnauze arbeitete, kullerte ihr Zauberstab vom Tisch, landete klappernd am Boden und ließ im Fall drei spitze Silbermesser in die Wand neben Mrs. Weasleys Kopf einschlagen, die erschrocken aufschrie.
„Oh, tut mir furchtbar Leid, Molly! Das wollte ich nicht –"
Mrs. Weasley atmete tief durch und legte die Messer knallend zurück auf den Tisch. „Warum holst du nicht die anderen zum Abendessen?", sagte sie zerknirscht, während Ginny vor Lachen kaum an sich halten konnte.
Mit schuldbewusst eingezogenen Schultern machte Tonks sich auf den Weg nach oben. Die Jungs waren vermutlich immer noch auf dem Dachboden beschäftigt, wo sie eine Kolonne bösartiger Wichtel entdeckt hatten. Fast schon am Ende der schmalen Treppe angelangt, vernahm Tonks zwei flüsternde Stimmen. Sie klangen angespannt und so gedämpft, als wäre Walburga Black nicht der einzige Grund, sich um eine gemäßigte Lautstärke zu bemühen. Hier waren ganz klar keine Zuhörer erwünscht.
Unsicher blieb Tonks einige Stufen unterhalb der Eingangshalle stehen. Auf der gegenüberliegenden Wand sah sie die Schatten zweier Männer, die offenbar irgendwo links neben der Tür standen und sie aus diesem Winkel nicht sehen konnten. Einer von ihnen war eindeutig Remus, was Tonks sofort an Tonfall und Körperhaltung des Schattens erkannte. Auch die zweite Stimme kam ihr bekannt vor, auch wenn sie noch nicht sagen konnte, um wen es sich handelte.
„Remus, ich hab wirklich Angst … Ich wusste nicht, zu wem ich sonst gehen soll.", flüsterte der Schatten eindringlich.
„Und ich bin froh, dass du mir davon erzählt hast. Aber deine Furcht ist unbegründet. Halt dich an den Plan, bleib unter dem Tarnumhang –"
„Lucius Malfoy! Er ahnt was, er schleicht mir schon seit Tagen hinterher. Keinen Schritt kann ich tun, ohne dass er Wind davon bekommt. Er ahnt was, Remus!"
Auf einmal erkannte Tonks den verzweifelten Tonfall des Mannes und auch die unruhig vor und zurück wippende Hutspitze war ihr vertraut. Es war Sturgis Podmore.
„Du wusstest, worauf dich einlässt, als du die Schicht übernommen hast." Remus Stimme klang ungewöhnlich kalt.
Der Schatten des zweiten Mannes wich ein Stück vor ihm zurück. „Kannst du nicht ...", begann er noch einmal, wurde aber sofort von Remus' barscher Stimme unterbrochen: „Du weißt, dass ich das nicht kann. Nicht heute." Tonks sah, wie der zweite Schatten kurz erbebte und dann langsam mit dem Kopf nickte. Schnell wandte er sich von Remus ab. Einen Augenblick später hörte Tonks die Haustür ins Schloss fallen.
Sie hastete die wenigen Stufen zur Eingangshalle hinauf und sah sich nach Remus um. Doch er war nirgends zu sehen. Im fahlen Licht des aufgehenden Vollmonds leisteten Tonks nur die schlafenden Porträts ihrer Vorfahren Gesellschaft. Heute Nacht würde sie Remus sicher nicht mehr zur Rede stellen.
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH
DEN NEUEN VERTRAUENSSCHÜLERN
RON UND HERMINE
„Heute gibt's kein Abendessen am Tisch, hab ich mir gedacht, sondern eine kleine Party!" Mrs. Weasley drückte Tonks eine Flasche Butterbier in die Hand und wirbelte dann freudestrahlend weiter, um die restlichen Gäste zu bedienen. Alle waren in ausgelassener Feierlaune. Morgen würde das neue Schuljahr in Hogwarts beginnen und der Orden hatte eine Eskorte für Harry und seine Freunde aufgestellt, um sie sicher zum Bahnhof King's Cross zu bringen. Auch Tonks sollte dabei sein und war deshalb für die Planung der Mission ohnehin schon im Hauptquartier gewesen, als Ron und Hermine die Briefe mit der frohen Botschaft erhielten. Diese Neuigkeit, verbunden mit Harrys Freispruch im Ministerium nahmen alle gerne als Anlass zum Feiern. „Nun, ich denke ein Toast wäre angebracht!" Mr. Weasley schien zwar nicht ganz so aus dem Häuschen wie seine Frau, doch wenigstens waren die Sorgenfalten, die sonst sein Gesicht durchzogen, heute Abend nicht zu sehen. Tonks hob wie alle anderen ihr Glas und lachte, als Rons Ohren sich scharlachrot verfärbten, eine Erscheinung, die sich zuweilen auch bei Bill zeigte. Der frischgebackene Vertrauensschüler ließ sich gerade ausgiebig über das Geschenk seiner Eltern, ein nagelneuer Besen, aus: „Der Stiel ist aus spanischer Eiche mit eingebauter Vibrationskontrolle ..."
Neidisch wandte sie sich ab und gesellte sich zu Ginny, die etwas verloren am Buffet stand und an ihrem Kürbissaft nippte. Seit einiger Zeit machte Tonks sich einen Spaß daraus, ihre Haare den flammendroten Schöpfen der Weasleys anzupassen. Irgendwie fühlte sie sich der befreundeten Familie so zugehöriger. Außerdem wusste Tonks, dass Ginny es liebte, mit ihr im Partnerlook herumzulaufen, was bestimmt an ihrem tief gehegten Wunsch lag, wenigstens einen ihrer Brüder gegen eine Schwester eintauschen zu können. „Na, wie läufts?" Sie legte der jungen Hexe einen Arm um die Schultern. Ginny lächelte ihr allerdings nur flüchtig zu und zuckte mit den Achseln. Mit gespielter Entrüstung stellte Tonks fest: „Du freust dich also gar nicht auf die Schule. Böses Mädchen!" Ginny lachte beklommen. „Doch … schon. Es ist nur, jetzt wo Du-weißt-schon-wer zurück ist und das Ministerium nichts unternimmt –"
„Könntet ihr nirgends sicherer sein, als unter Dumbledores Schutz.", vollendete Remus, der soeben zu ihnen getreten war, ihren Satz.
Tonks zuckte zusammen, als sie ihn sah. Seit sie das äußerst seltsame Gespräch zwischen ihm und Sturgis mitbekommen hatte, hatte sie nicht mehr mit ihm gesprochen. Sie wusste einfach nicht, wie sie das Thema angehen sollte. Es ging sie ja eigentlich nichts an …
Ginnys entschiedener Widerspruch riss Tonks aus ihren Grübeleien. „Dumbledore hat das ganze Jahr über einen Todesser in Hogwarts übersehen. Harry wäre deshalb fast draufgegangen.", bemerkte sie anklagend. Das war ein Argument, das sich nicht leicht entkräften ließ. Mit Schaudern dachte auch Tonks an das vergangene Jahr zurück, an den Tag, an dem Alastor, mir nichts dir nichts, einfach verschwand. Kurz darauf die Nachricht von Bertha Jorkins, die ebenfalls wie vom Boden verschluckt schien. Der katastrophale Ausgang der Quidditchweltmeisterschaft. Und Barty Crouch, der sich zunehmend merkwürdig aufführte und über Nacht Tratschthema Nr.1 im Ministerium wurde, wovor einzig Minister Fudge beharrlich die Augen verschloss. Gekrönt wurden die Ereignisse schließlich vom Tod eines unschuldigen Schulchampions, wodurch Dumbledores Schulleitung – vor allem im Ausland – in scharfe Kritik geriet.
Tonks linste zu Remus hinüber, gespannt, wie er all diese Ereignisse zugunsten Dumbledores abweisen wollte. Doch er entgegnete nur schlicht: „Wenn wir Dumbledore nicht vertrauen können, können wir niemandem vertrauen."
Enttäuscht ob dieser simplen Floskel, wollte Tonks sich schon abwenden. Doch in diesem Moment wuchs neben ihr Sirius in die Höhe. Er musste sich in Hundegestalt angeschlichen haben, um sie zu erschrecken, was ihm aufgrund von Tonks' umfassender Aurorenausbildung kaum gelang. Vollkommen ruhig, so als wäre es normal einen Großcousin in Hundegestalt zu haben, grinste sie ihm frech ins Gesicht.
Er verstrubbelte ihr die Haare und lachte bellend. „Der gute Moony, ein Abbild von Treue und Gehorsam wie zu Schulzeiten." Er boxte Remus freundschaftlich in die Seite. Doch Tonks fand diesen Scherz keinesfalls komisch. Sie musste an Scrimgeours Worte im Ministerium denken, als er sie für ihre mangelnde Loyalität getadelt hatte. War dies auch hier ihr Problem? Fiel es ihr so schwer, jemandem zu vertrauen, dass sie selbst für eine Gruppe, an die sie wirklich glaubte, niemals alles riskieren könnte? Machte sie das zu einem schlechten Ordensmitglied? Und Remus, mit seinem blinden Vertrauen und vorbildlichen Pflichtbewusstsein, zu einem guten?
Bevor sie sich noch weiter in diese trübsinnigen Überlegungen vertiefen konnte, sprach Sirius dankenswerterweise weiter und lenkte das Gespräch in eine andere Richtung: „Keiner hätte mich zum Vertrauensschüler gemacht, ich hab zu viele Strafstunden mit James abgesessen. Lupin war damals der brave Junge, er hat das Abzeichen gekriegt." Er ließ ein weiteres bellendes Lachen hören und nahm einen Schluck Butterbier.
Remus sah betreten zu Boden. „Dumbledore hat anscheinend gehofft, ich könnte meine besten Freunde ein wenig bändigen. Ich muss wohl kaum sagen, dass ich jämmerlich gescheitert bin."
„Aber nicht doch!" Wie aus dem Nichts war Hermine in ihrer Mitte aufgetaucht. „In der Satzung von Hogwarts steht ausdrücklich, dass der Posten des Vertrauensschülers stets Personen mit überdurchschnittlichem Verantwortungsbewusstsein, Teamgeist und Engagement für das Allgemeinwohl anvertraut werden soll. Sympathisches Auftreten ist für den Ansprechpartner der Erstklässler natürlich ebenfalls unabdingbar." Sie machte eine kurze Pause, um Luft zu holen. „Wie es scheint, erfüllst du die Voraussetzungen in jeder Hinsicht.", warf Remus freundlich ein.
Hermine wurde rot und beeilte sich zu widersprechen: „Aber nein, im Punkt soziales Engagement weist mein Lebenslauf noch entscheidende Lücken auf. Seit ich .R. gegründet habe, hat sich praktisch nichts im Bereich Elfenrechte verändert! Ich muss im neuen Schuljahr unbedingt mehr Mitglieder rekrutieren. Als Vertrauensschülerin habe ich endlich die richtige Autorität. Hier, wollt ihr einen Anstecker?" Und sie verteilte, ohne eine Antwort abzuwarten, kleine bunte Knöpfe in der Runde, die sie sich offenbar an die Kleidung heften sollten.
Remus betrachtete das Logo mit gerunzelter Stirn, zuckte dann die Achseln und befestigte den Knopf mithilfe seines Zauberstabs.
Tonks war hingegen nicht gewillt, mit diesem bedeutungslosen Wort auf der Brust herum zu laufen.„Belfer?"
Hermines Miene gefror, während sie langsam buchstabierte: „B-Punkt-Elfe-Punkt-R!"
Tonks zog fragend eine Augenbraue hoch. „Hauselfen! Die Abkürzung bedeutet: Bund für Elfenrechte.", erklärte Hermine so ernst, dass Tonks gar nicht anders konnte, als zu kichern.
„Hauselfen also? Was willst du tun, sie alle befreien?"
Remus warf ihr einen warnenden Blick zu.
„Ich setzte mich für faire Löhne und Arbeitsbedingungen ein, wenn's recht ist!" Hermine schien allmählich vor Wut zu kochen.
Tonks konnte nicht aufhören über die junge, ambitionierte Hexe zu lachen. „Aber es sind Elfen!" Sah Hermine nicht, wie sinnlos es war, für die gerechte Bezahlung einer Rasse zu kämpfen, die hochzufrieden mit ihrem Schicksal schien? Mit Ausnahme von Kreacher vielleicht.
Hermine schnaubte empört und wandte sich hilfesuchend an Remus. „Das ist doch der gleiche Unsinn wie die Ausgrenzung der Werwölfe, oder? Das kommt alles von dieser schrecklichen Neigung der Zauberer zu denken, dass sie anderen Geschöpfen überlegen sind ..."
„Das hab ich so nicht gesagt!", fiel Tonks ihr gereizt ins Wort.
„Das musstest du auch gar nicht." Ungläubig blickte Tonks von Hermine zu Remus und wieder zurück. Als von keinem der beiden ein entschuldigendes Wort kam, drehte sie sich beleidigt auf dem Absatz um und ging zu Bill hinüber, der sich mal wieder mit Mrs. Weasley über seinen Haarschnitt stritt. „ ... kürzer würde dir viel besser stehen, nicht wahr, Harry?" Tonks beobachtete grinsend, wie der Junge ob dieser unerwarteten Frage deutlich ins Rudern geriet und schließlich stammelte: „Oh – weiß nicht -" Bill verdrehte nur genervt die Augen. Seit seinem Streit mit Fleur war er extrem humorlos geworden, wie Tonks fand. Um ihn – und auch sich – ein wenig aufzuheitern, besorgte sie zwei Gläser Feuerwhiskey. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, um noch eine weitere Grundsatzdiskussion zu überstehen, etwas Stärkeres als Butterbier zu brauchen.
„Wow, Tonks ich muss heute noch apparieren!" Lachend schob Bill ihr seinen Kelch hin.
Tonks schüttelte nur energisch den Kopf und schenkte nach. „Wir torkeln zusammen heim, einverstanden?"
Es ging auf Mitternacht zu, als Kingsley das Hauptquartier verließ, nicht ohne Tonks, die mit sichtbar geröteten Wangen am Tisch saß und schallend über Mundungus' Bemerkung über Tentakelsamen lachte, einen befremdeten Blick zuzuwerfen.
„Du hast den Zwillingen dafür zehn Galleonen abgezogen? Das ist Halsabschneiderei! Und ein bisschen witzig."
„Na hör' mal, das sind immerhin unverkäufliche Güter der Klasse C.", rechtfertigte sich Mundungus. „War ganz schön schwer, die ins Land zu schmuggeln. Hat mich 'n hübsches Sümmchen gekostet."
„Du solltest die Kleinkriminalität aufgeben und dich lieber dem Orden als nützlich erweisen." Alastor, der ebenfalls aufbrach, sah streng auf Mundungus hinunter.
Er ermahnte auch Tonks, am nächsten Tag pünktlich zur Eskorte zu erscheinen, worauf sie etwas lallend verkündete: „Kein Problem, ich werde da sein! Stimmt doch, Bill? Ich werde da sein!"
Ihr Freund zuckte nur die Achseln und lehnte sich in seinem Stuhl so weit zurück, dass er beinahe hinten über gefallen wäre, ein weiterer Anlass für Tonks, loszuprusten.
„Gute Nacht, Harry!", rief Bill träge und klopfte dem Jungen, der sich gerade an ihm vorbei zur Tür schlich auf die Schulter. Der nickte nur stumm. Auf Tonks machte er keinen besonders glücklichen Eindruck. Kein Wunder, schließlich ging für ihn und die anderen am nächsten Tag die Schule los. Sollten die Kinder nicht alle schon längst im Bett sein? Sie kannte sich da ja nicht so gut aus, aber sie selbst fing schon an zu gähnen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass ein weiterer Becher Feuerwhiskey ihr nur gut tun würde.
Bill hatte seit seinem vierten Glas Whiskey nicht mehr aufgehört, von seiner Sehnsucht nach Fleur zu sprechen und Tonks hatte das zum Anlass genommen, ebenfalls weiter zu trinken – schon, um ihrem besten Freund das Maß an Verständnis und Zuwendung gewähren zu können, das er gerade brauchte –. Als Bill seinen Redefluss einen Augenblick unterbrach, um sich ausgiebig die Nase zu putzen, ließ Remus sich an der gegenüberliegenden Tischseite nieder.
„Und was wird das, wenn's fertig ist?", fragte er in dem amüsierten Tonfall, von dem Tonks nie so recht wusste, ob er sich tatsächlich über sie lustig machte oder nur so tat, um sie zu ärgern. Aber kam das nicht aufs Selbe heraus? Tonks fiel es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Also begnügte sie sich, als Erwiderung auf Remus' Frage nur kryptisch die Brauen hochzuziehen, anstatt sich einen durchdachten Schlagabtausch zu liefern.
„Auch 'n Schluck?", fragte sie sehr einfallsreich und schob ihm ihren Becher unter die Nase.
„Du klingst wie Mundungus." Tonks schüttelte sich und fauchte gereizt. Remus' Passivität und sein amüsierter Blick machten sie wütend. Entschieden hielt sie ihm den Feuerwhisky hin. „Trink!"
Bill legte ihr beschwichtigend einen Arm um die Schultern. „Lass ihn doch, Tonks. Er muss ja nicht."
Trotzig schob sie die Unterlippe vor und lehnte sich an ihn. „Na gut.", nuschelte sie undeutlich. „Wir haben jede Menge Spaß ohne dich." Sie schenkte Remus einen, wie sie hoffte, äußerst hochmütigen und vor allem nüchternen Blick. „Und, bist du hier, um über Elfenrechte zu diskutieren? Oder hast du jetzt auch meine dunkle, elfenverachtende Seite erkannt?", fragte sie herausfordernd. Hermines Bemerkung von vorher und vor allem Remus' Reaktion – vielmehr Nicht-Reaktion – gingen ihr nach wie vor gegen den Strich. „Vielleicht willst du mir auch erklären, wieso du dich ständig wie ein Moralapostel aufspielen musst.", setzte sie unvorsichtigerweise noch hinzu.
Remus stutzte überrascht. „Wie bitte?"
„Mit Sturgis, was war da los?", wollte Tonks mit erhobener Stimme wissen. Es ärgerte sie, dass Remus so tat, als wüsste er nicht, wovon sie sprach.
Bill kniff ihr sanft in die Schulter. „Hey, du bist unfreundlich." An Remus gewandt fügte er hinzu: „Sorry, so ist sie, wenn sie betrunken ist."
Remus, dem sein dämliches Grinsen nun endlich vergangen war, antwortete: „Offensichtlich.", bevor er sich kopfschüttelnd erhob und dabei versehentlich Mundungus anstieß, der neben ihm am Tisch saß und den Kopf auf den Armen abgelegt hatte. „Was'n los?", murrte er.
„Entschuldigt mich.", sagte Remus begleitet von einem förmlichen Kopfnicken, das in seiner doch schon recht angeheiterten Umgebung mehr als fehl am Platz wirkte. Tonks musste sich beherrschen, nicht über seinen verwirrten Gesichtsausdruck zu lachen. Als die Tür hinter Remus ins Schloss gefallen war, konnte sie allerdings nicht mehr an sich halten. „Das ist zu gut! Er denkt doch nicht wirklich, ich hätte was gegen ihn oder Elfen oder ..." Nach Luft schnappend wischte sie sich eine Lachträne vom Gesicht. „Ich meine, ist er jetzt ernsthaft sauer?"
Bill presste beklommen die Lippen aufeinander. „Sieht ganz so aus." Er löste sich von ihr und streckte sich ausgiebig. „Du solltest dich entschuldigen."
„Nein, das ist nicht nötig! Er übertreibt!", sagte Tonks kategorisch und verschränkte trotzig die Arme.
Bill zog eine Augenbraue hoch. „Ich dachte, ihr seid Freunde?"
„Er ist schon in Ordnung." Tonks errötete leicht.
„Du weißt, dass du sehr taktlos wirst, wenn du betrunken bist?" Bill ließ nicht locker.
Tonks schnaubte und erhob sich so schwungvoll, dass sie für einen Moment ins Wanken geriet. Ohne die Augen von Bills Gesicht abzuwenden, stürzte sie den letzten Schluck Whiskey hinunter und wischte sich trotzig mit dem Ärmel den Mund ab. „Na schön! Ich entschuldige mich. Ich bin nämlich sehr einsichtig und -", sie wurde von einem kleinen Hickser unterbrochen, „- nicht betrunken!", schloss sie errötend.
Bill grinste zu ihr hinauf. „Wir wissen beide, dass nichts davon wahr ist."
„Wir werden's herausfinden!" Nun schien Bill doch besorgt, denn er stand ebenfalls auf und ergriff Tonks bei den Schultern. „Du kannst da jetzt nicht rauf gehen. In deinem Zustand machst du noch mehr Lärm als sonst. Komm, lass uns nach Hause gehen." Er wirkte auf einmal fast nüchtern, so ernst war es ihm.
Doch Tonks war nicht gewillt, aufzugeben. Ein Teil von ihr hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen wegen Remus, ein anderer wollte sich lediglich einen Spaß daraus machen, Bill zu ärgern. Ohne weiter nachzudenken, tat sie etwas sehr Unüberlegtes. Sie entwand sich Bills Griff, grinste schief und drehte sich auf der Stelle.
Kaum berührten ihre Füße den Dielenboden, wusste Tonks, dass sie einen riesigen Fehler gemacht hatte. Betrunkenes Apparieren war nicht nur äußerst gefährlich, es verursachte auch unerträglichen Schwindel. Tonks wurde fast schwarz vor Augen und sie war so darauf konzentriert, sich nicht zu übergeben, dass sie nur undeutlich wahrnahm, wohin sie sich manövriert hatte. Erst als sie sich an einer Wand abstützte und langsam zu Boden glitt, hörte ihre Umgebung auf zu schwanken und der stechende Kopfschmerz ebbte ab. Sie kniff die Augen zusammen, um durch die scheinbar undurchdringliche Schwärze etwas zu erkennen. Sie befand sich auf dem Flur vor dem Schlafzimmer Orion Blacks, das zur Zeit von Remus bewohnt wurde.
Hinter der Zimmertür war es mucksmäuschenstill. Wahrscheinlich schlief Remus bereits und wollte keine Gesellschaft mehr. Schon gar nicht von der Frau, die ihn belauscht, beleidigt und bloßgestellt hatte. Auf einmal hielt Tonks ihr Vorhaben, sich noch heute bei Remus zu entschuldigen, doch nicht mehr für so eine gute Idee. Sie sollte lieber zusehen, dass sie nach Hause kam, dort ausnüchtern und vor allem schlafen, bevor sie morgen die Kinder zum Bahnhof brachte.
Gerade als sie diesen Entschluss gefasst hatte, hörte sie Schritte auf der Treppe. Zu ihrer Überraschung war es Remus, der am Absatz erschien und nicht, wie vermutet, in seinem Zimmer war. Bedacht richtete Tonks sich auf und schwankte ihm entgegen.
Remus fuhr heftig zusammen, als er sie bemerkte. „Tonks! Du hast mich erschreckt … Wartest du auf mich?" Sein Tonfall klang fast entschuldigend, wozu er ja wirklich keinen Grund hatte. Überhaupt kam er Tonks ungewöhnlich blass und ziemlich verstört vor. Ihr schlechtes Gewissen potenzierte sich sofort um ein Vielfaches.
„Naja … ich wollte nur … aber ich komm später wieder, ich glaube …", bevor sie sich für eine Weise, diesen Satz zu einem guten Ende zu bringen, entschieden hatte, öffnete Remus mithilfe seines Zauberstabs die Tür und winkte sie hinein. Ohne nachzudenken folgte Tonks ihm in das spärlich möblierte Zimmer, das sie schon kannte. Nur war Remus bei ihrem letzten Besuch hier, halb bewusstlos und kurz vor seiner Werwolfsverwandlung gewesen. Unwillkürlich warf Tonks einen prüfenden Blick auf den wolkenverhangenen Nachthimmel vor dem Fenster. Ein milchig weißer Neumond blitzte unschuldig durch das Glas.
Remus lehnte inzwischen mit verschränkten Armen an der Kante eines, mit Papierstapeln und Büchern überhäuften, Sekretärs. „Du bist betrunken disappariert." In seiner Stimme lagen weder Tadel noch Besorgnis. Er wirkte eher etwas geistesabwesend. „Warum?"
Errötend fiel Tonks wieder ein, weshalb sie hier war. „Ich –" Sie brach ab, unsicher, wie sie fortfahren sollte. „Bill meinte, ich muss mich entschuldigen.", murmelte sie schließlich, bemüht nicht zu maulen.
„Entschuldigen? Wofür denn?", fragte er ehrlich verwirrt.
Tonks runzelte die Stirn. „Ich war vorhin in der Küche nicht besonders nett zu dir.", gestand sie ein.
„Ach das … Ja, du warst nicht sehr charmant." Remus dachte kurz nach, schüttelte den Kopf, trat mit dem Rücken zu ihr ans Fenster und begann dann völlig zusammenhanglos zu erzählen: „Ich hab gerade einen Irrwicht im Schreibpult des Salons beseitigt. Molly hat es versucht, aber sie hat zur Zeit so viel um die Ohren mit dem Orden und … fast ihre ganze Familie hängt in dieser Sache mit drin … Sie hat so wahnsinnig viel zu verlieren." Remus schluckte. „Sie hat Angst und das kann ich gut verstehen."
Tonks nickte überrascht. „Klar. Sicher, ich hab auch Angst. Aber das sollte uns nicht daran hindern, mit allem, was wir sind, gegen Voldemort –"
„Nein, Tonks." Remus drehte sich zu ihr um. Im Gegenlicht des Fensters konnte Tonks sein Gesicht kaum erkennen. „Ich rede nicht von der gewöhnlichen Angst vor der Dunkelheit, die sich mit ein paar schönen Worten unterdrücken lässt. Ich meine … was ich sagen will -", Remus geriet erneut ins Stocken.
Tonks fühlte sich plötzlich entsetzlich nüchtern, als er mit wenigen Schritten die Distanz zwischen ihnen überbrückte und sie mit ernster Miene an den Schultern ergriff. „Was ich sagen will, ist ... du brauchst dich bei mir für nichts zu entschuldigen. Niemals, Tonks."
Für einen Moment blieb sie völlig stumm und versuchte sich klar darüber zu werden, was Remus' Worte bedeuteten. Für sie und für ihn. Doch bevor ihr träger Verstand zu seinem Schluss kommen konnte, platzte sie schon mit ihrer brennenden Frage heraus: „Wie meinst du das?"
„Ich glaube, das weißt du.", antwortete er schlicht und ließ die Arme wieder sinken. Ein unsicheres Lächeln voller Erwartung verwandelte seine Züge und ließ ihn Jahre jünger aussehen.
Tonks' Atem stockte. Sie hatte in der Tat eine Vermutung, was das bedeuten könnte. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch auf und stieg ihr kribbelnd den Hals hinauf. Vermutlich war ihr Gesicht mittlerweile so rot wie ihr Haar an diesem Abend – sollte es sich nicht aus Versehen in ein betrunkenes grelles Orange gekippt sein. Während Tonks darüber abschweifte und verstohlen zu ihren Haarspitzen hinunter schielte, wurde ihr klar, dass Remus ihr immer noch in die Augen sah und auf so etwas wie eine Reaktion wartete.
In diesem Augenblick klopfte es laut an der Tür und ein ziemlich düster drein blickender Bill stapfte unaufgefordert ins Zimmer. Er sah viel nüchterner aus als noch vor ein paar Minuten unten in der Küche. „Verzeihung, Remus. Tonks, was soll das? Ich hab dich überall gesucht. Mom ist völlig durch den Wind und ich kann mich nur um eine von euch beiden kümmern! Komm jetzt, wir müssen nach Hause." Er schien nicht zu merken, in was für einem ungünstigen Augenblick er erschienen war.
Oder war er das vielleicht gar nicht? Tonks war nach wie vor betrunken, ihr Kopf brummte vom Apparieren und Remus und sie hatten den Abend nicht unbedingt in vollkommener Harmonie verbracht. Und jetzt diese Bemerkung, ja dieses Geständnis, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Oder hatte sie das vielleicht doch? Insgeheim sogar darauf gehofft? Die Fragen rasten nur so durch Tonks' müden Schädel und im Moment wusste sie einfach auf keine davon eine Antwort. Unsicher tat sie einen Schritt zurück, von Remus weg. „Ich … es tut mir Leid. Remus, können wir morgen … ich muss nach Hause –„
„Verdammt richtig!", setzte Bill hinzu und entschuldigte sich abermals bei Remus. Der nickte verständnisvoll, schluckte, schüttelte den Kopf und lächelte müde.
„Ja, Tonks, das hat Zeit. Wir reden morgen … oder wir … werden sehen. Ich … gute Nacht. Gute Nacht, Bill."
