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Jedes menschliche Tun ist vom Verlangen ausgelöst…John Ruskin

Selbst die Nacht schien den Atem anzuhalten und mit ihnen Wache zu halten. Es war vollkommen Windstill. Kein Blatt regte sich und auch kein Tier der Nacht wagte sich aus seinem Versteck um auf die Jagd zu gehen. J.J. stand geduckt unter Bäumen und starrte angestrengt in die Dunkelheit, aber nichts war zu sehen. Was, wenn sie sich irrten und Leroy Cook gar nicht vorhatte heute zu zuschlagen?

Angespannt leckte sie sich über die Lippen. Es wäre für einen gestörten Killer wie Leroy Cook eher untypisch, wenn er zögern würde und darum waren sie alle hier. Sie warf einen Blick auf ihre rechte Seite. Dort vermutete sie einen der Männer. Es war zu dunkel um ihn klar sehen zu können, aber bestimmt stand er noch da. Leises Rascheln hinter sich ließ sie schnell herumfahren, aber da war nichts.

Nur Finsternis. Waren ihre Nerven so schlecht, dass selbst das Rascheln einiger Blätter sie in Schrecken zu versetzten vermochte? Geduckt lief sie einige Schritte zurück und blickte angestrengt nach allen Seiten. Immer noch war nichts zu erkennen. Schon tat sie das Geräusch als Nachtgespinst ab, als sie unweit zu ihrer linken Seite erneut etwas hörte.

„Es ist zu still! Das gefällt mir nicht!", sagte Rossi leise, dabei hielt er den Blick starr aus dem Fenster gerichtet.

„Er wird versuchen an uns heranzukommen, ohne selbst dabei gesehen zu werden!", erwiderte Aaron.

Er hatte den Platz am nächsten Fenster gewählt. Hinter ihm lief Maggie unruhig auf und ab. Zu seinen Worten hatte sie sich nicht geäußert. Er wusste nicht, was sie darüber dachte. Er glaubte schon, dass sie seine Gefühle erwiderte, aber würde das für mehr reichen? Würde sie, wenn diese Geschichte zu ende war, bei ihm bleiben?

Ihr Traum war nicht er, sondern das Meer gewesen. Sie suchte die Freiheit. Was hatte er ihr da schon zu bieten? Ein gefühlsmäßig verkümmerter Agent, vielleicht sogar Ex-Agent mit einem kleinen Sohn. Das war bestimmt nicht die Freiheit, die sie sich vorgestellt hatte. Kurz leuchtete eine Taschenlampe in der Ferne und brachte seine Gedanken wieder zurück auf den Grund warum sie hier standen.

Was immer dieses Licht dort draußen zu bedeuten hatte, es war bestimmt nichts Gutes. Er warf einen Blick zu Rossi hinüber und sah in dessen Augen. Ohne das dieser ein Wort sagen musste, wusste er auch so, dass er genau dasselbe dachte wie er. Leroy Cook wartete nicht mehr länger.

Ein Schatten huschte vor ihnen über die Straße. Klein und unbedeutend hatte er gewirkt, aber dennoch scheuchte er die drei im Wagen auf. Derek spürte wie sich Emily neben ihm ebenso wie er kerzengerade aufrichtete. Gleichzeitig griffen sie, jeder an seiner Seite nach dem Türgriff. So lautlos wie möglich öffneten sie die Tür und stiegen aus. Weder er, noch Spencer hinter ihm, und auch Emily schloss sie wieder. Sie lehnten sie lediglich an.

Derek gab ihnen ein Zeichen sich auf die andere Straßenseite zu begeben und sich mit ihm auf gleicher Höhe zum Haus vorzuarbeiten. Emily ging, die Waffe in der Hand, voraus. Spencer blieb ihr dabei dicht auf den Fersen und sicherte ihr den Rücken. Sie blieben im Sichtkontakt. Keiner würde, ohne Bescheid zu geben, etwas auf eigene Faust unternehmen. Diesmal gab es für Leroy Cook kein Entkommen.

Derek fühlte wie ihm trotz der kalten Nachtluft der Schweiß ausbrach. Er wusste, dass war das Adrenalin, dass ihm in die Adern schoss. Langsam arbeiteten sie sich vor. Vorbei an dunklen, hohen Bäumen, an anderen Häusern, die unbeleuchtete und verlassen waren und an Vorgärten mit ihren ungestutzten Hecken. Es gab so viele Möglichkeiten für Leroy sich zu verbergen. Zu viele für Dereks Geschmack. Fest umklammerte er den Griff seiner Waffe und ging hochkonzentriert weiter.

Geduckt blieb er hinter einer Hecke stehen. Was ihm verraten hatte, dass sie hinter ihm waren, wusste er nicht so genau, vielleicht war es nur das leise Knirschen einer Sohle auf dem Asphalt, nur plötzlich war ihm klar, er war nicht länger alleine. Das FBI dachte wirklich er würde es ihnen so leicht machen, ihn zu fangen? Zwei Menschen bewegten sich an seinem Versteck vorbei. Er wartete ein paar Minuten, dann blickte er vorsichtig um die Ecke.

Ihre grauen Umrisse waren schon fast nicht mehr zum Ausmachen. Er ließ ihnen noch einen kleinen Vorsprung, dann folgte er ihnen. Geräuschlos zog er sein Messer. Sie würden ihm nicht länger Schwierigkeiten machen, dafür würde er sorgen. Zornig zogen sich seine Augenbrauen zusammen. Sie wollten ihn von seiner Cassandra fernhalten. Er würde sich einen nach dem anderen schnappen und umbringen.

Die Minuten verstrichen zähe. Maggie dachte sie könnte das Ticken der Uhr in ihrem Kopf hören. Sie hatte gedacht, Leroy würde kommen und dann würde er festgenommen werden, aber so war es nicht. Es war totenstill und es passierte überhaupt nichts. Alle schienen einfach nur bewegungslos auszuharren, bis irgendjemand den ersten Schritt tat. Nur sie machte dieses Warten beinahe verrückt. Sie spürte wie in ihr immer mehr die Angst und Sorge wuchs. Leroy plante bestimmt etwas Schreckliches. Diese Menschen, die sie beschützten, würde er bestimmt versuchen alle zu töten.

„Ich liebe dich!"

Unwillkürlich machte ihr Herz einen Sprung, als sie an seine Worte dachte, und ihr Blick blieb an Aarons Rücken haften. Natürlich liebte sie ihn auch, aber sie hatte es ihm nicht gesagt. Vielleicht machte ihr gerade dass so große Angst. In ihrem Leben gab es nicht sehr viele schöne Dinge und falls so etwas vorkam, dann hatte Leroy ihr das mit Sicherheit zerstört.

„Du solltest nicht herumlaufen, sondern dich besser setzten!", schlug Aaron ihr vor.

Erschrocken zuckte sie zusammen. Er hatte sich nicht umgedreht zu ihr und konnte sie gar nicht sehen und dennoch wusste er was sie tat. Vermutlich spiegelte sie sich in der Glasscheibe vor der er stand.

„Ich kann nicht stillsitzen.", widersprach sie und lief noch schneller.

„So aber machst du dich zur Zielscheibe für ihn!" Rossis Worte trieben sie zur Couch. Wenn sie zur Zielscheibe wurde, wurden es die anderen auch. Sie brachte Aaron in Gefahr.

„Ich hasse warten!", kam es tonlos von ihr.

Wie Butter schnitt er durch seine Kehle. Röchelnd ging dieser zu Boden. Er würde sterben. Zufrieden wischte Leroy, nachdem er sich schnell wieder in Deckung begeben hatte, sein Messer an seiner Hose ab. Zu gerne hätte er den gurgelnden Geräuschen, die dieser FBI-Agent bestimmt von sich gab, gelauscht, aber dann hätten sie ihn geschnappt und das konnte er nicht zulassen. Nicht so dicht vor seinem Ziel.

Seine Hände fühlten sich klebrig an. Er konnte es leider nicht sehen, aber sie waren rot vor Blut. Nicht seins, sondern das von seinem Opfer. Ob er schon tot war? Zu gerne hätte er sich an dem Anblick seines Sterbens erfreut, aber es gab noch viel zu tun und noch durfte er sich nicht zeigen.

Zuerst bemerkte sie sein fehlen gar nicht, bis seine leise Stimme zu ihr drang.

„Emily!"

Das war nicht nur einfach ein Wort, sondern ein Hilferuf. Hastig wandte sie sich um und rannte zu Spencer zurück. Er lag zusammengekrümmt am Boden und hatte die Hände auf seinen Hals gepresst.

„Reid?" Besorgt beugte sie sich über ihn und drehte ihn zu sich herum. Dabei fühlte sie, wie ihr etwas warmes, Feuchtes über die Finger floss. Blut!

„Derek!", rief sie halblaut. Egal was Spencer fehlte, er brauchte dringend Hilfe. Da er kaum sprechen konnte, ahnte sie bereits was ihm passiert war.

„Halt durch, Reid! Mach jetzt keinen Blödsinn!", redete sie beschwörend auf ihn ein und schloss ihn fest in die Arme.

„Was ist los?", hörte sie zu ihrer Erleichterung in diesem Moment Derek neben sich fragen.

„Spencer ist verletzt! Wir brauchen so schnell wie möglich einen Krankenwagen!", befahl sie leise.

Dort draußen saß irgendwo im Verborgenen Leroy Cook. Er war hier und hatte versucht Spencer zu töten. Sie sah wie Derek sein Handy zückte. Während er leise in den Hörer sprach, behielt er zugleich seine Umgebung genau im Auge. Schlimm genug, dass Cook es geschafft hatte sich ihnen unbemerkt zu nähern.

J.J. drehte sich um und sah suchend zwischen den Bäumen hindurch auf die Straße, doch außer Schatten konnte sie nichts sehen. Aber sie wusste, dass irgendetwas passiert sein musste. Sie hatte leise Stimmen gehört. Unweit neben sich vernahm sie ein schmerzvolles Stöhnen. Als sie diesem Laut folgte, fand sie einen sterbenden Agenten. Sie kannte ihn nur flüchtig, wusste aber das er Familie hatte.

Eine Frau und zwei Kinder. Beide waren noch zu klein um sagen zu können, sie wären aus dem Gröbsten heraus und nun würde ihnen jemand sagen müssen, dass ihr Vater nie wieder nach Hause kommen würden. Sie kniete sich zu ihm und hielt seine Hand. Schon bald spürte sie das das Leben ihn verlassen hatte. Mit den Fingerspitzen tastete sie über ihn hinweg.

Blut.

Überall war Blut. Jemand hatte ihn übel mit dem Messer zugerichtet.

„Kann mich irgendjemand hören? Ich brauche Hilfe!", flüsterte sie in ihr Headset.

Wo waren die anderen Agenten? Schon bald strömten von allen Seiten die anderen Männer herbei. Sie konnte ihr Entsetzten mehr fühlen, als tatsächlich sehen. Es brauchte schon eine gewisse Kaltblütigkeit sich hier anzuschleichen und einfach einen Menschen zu töten. Leroy Cook war ein gewissenloser Bastard.

Sie spürten die Aufregung bis ins Haus. Außerdem konnten sie die Gespräche über ihr Headset mitverfolgen.

„Spencer …", begann Dave.

„Ich weiß!" Aaron biss fest die Zähne aufeinander.

Er fühlte sich schuldig. Spencer Reid war der Jüngste in ihrem Team gewesen und war er verletzte. Vielleicht sogar so schlimm, dass er sterben könnte und sie konnten nicht zu ihm um ihm zu helfen. Außerdem war noch jemand anderes verletzt worden.

„Er ist hier!" Dave zog mehr aus Reflex seine Waffe.

„Ich werde nach hinten gehen.", schlug er ruhig vor und machte sich, nachdem Aaron zustimmend genickt hatte, auf den Weg.

Sie konnten nicht zulassen, dass Cook hier eindrang. Aaron sah zu Maggie. Zusammengekauert saß die auf der Couch und hatte die Finger so fest ineinander verschlungen, sodass die Fingerspitzen weiß geworden waren. Er ging zu ihr und legte seine Hand auf ihre Hände.

„Er wird dir nichts tun. Das werde ich nicht zulassen!", versprach er ihr fest und spürte wie sich ihr Griff lockerte.

Noch war Leben in ihm. Er hatte eine Chance, solange er nicht tot war. Wo, zur Hölle, blieb der verdammte Rettungswagen? Prentiss presste verzweifelt ihre Hände auf Spencers Wunde. Er verlor zu viel Blut. Sie konnte es fühlen wie es über ihre Finger rann. Wie lange konnte er das noch durchhalten? Derek war bei ihnen geblieben und gab ihnen Schutz. Emily hatte ihre Waffe direkt neben ihren Händen auf den Boden gelegt, bezweifelte aber das sie, falls Cook noch einmal zurückkäme, schnell genug wäre.

Sieben Meter. Wenn er es schaffte sich ihr auf sieben Metern, ohne das sie es bemerkte, zu nähern, dann wäre sie tot, bevor sie ihre Waffe gegen ihn richten konnte. Reid und sie wären ihm ausgeliefert. Sie war schon einmal in den Genuss seiner Nähe gekommen und das genügte ihr vollauf. Außerdem würde er sich diesmal nicht damit begnügen sie als Geisel zu nehmen.

Diesmal versuchte er sie alle zu töten um endlich an sein Ziel zu gelangen – Maggie, die er immer noch als sein Eigentum betrachtete. Spencer einziges Glück war, dass Cook seinen Anschlag schnell ausführen musste und so schnitt er mit dem Messer, statt mitten durch seine Kehle, ein gutes Stück tiefer.

Das Schlüsselbein hatte die erste Wucht des Schnittes abgefangen, aber dennoch glitt die Klinge tief in das Fleisch des Halses. Vielleicht auch zu tief. Emily schloss kurz die Augen und sprach lautlos ein Gebet. Sie hatte vor Jahren aufgehört an Gott zu glauben, doch in diesem Moment flehte sie ohne nachzudenken um seine Hilfe.

Irgendwie war sie von den Männern an den äußersten Rand der Gruppe gedrängt worden. Sie alle umringten den toten Agenten. Sie war nicht die Einzige, die über die Brutalität der Tat entsetzt war, auch den anderen erging es nicht anders. Plötzlich spürte sie etwas Kaltes an ihrem Hals. Sie brauchte nicht lange um zu erkennen was es war. Cook hielt ihr ein Messer an die Kehle und drängte sie Rückwärts mit sich.

„Ein Wort und du bist tot!", zischte er ihr flüsternd ins Ohr und riss ihr zugleich das Headset vom Kopf. Die andere Hand hatte er fest auf ihren Mund gepresst. Kaum waren sie zwischen den Bäumen außer Sichtweise, lockerte er etwas den Griff.

„Du wirst mich jetzt ins Haus bringen. Falls du auch nur einen Laut von dir gibst, schlitze ich dir die Kehle auf!"

Das war nicht bloß eine leere Drohung, sondern er meinte jedes Wort todernst. J.J. hatte ihre Hände gehoben und ging in kleinen Schritten voraus.

„Siehst du was?"

Dave war zurückgekommen und sah angespannt in die Nacht hinaus. Es war ungewöhnlich still geworden. Aaron schüttelte statt einer Antwort nur den Kopf. Seine Nerven waren bis aufs äußerste gespannt.

Es war nur noch eine Frage der Zeit bis Cook kam. Sie mussten nur herausfinden von welcher Seite er versuchte hier einzudringen um ihn aufhalten zu können bevor er Maggie erreichte. Die ganze Sache lief gerade nicht wirklich gut. Zwei Männer waren verletzt, vielleicht sogar tot und keiner von ihnen wusste wo Cook steckte.

„Maggie mach das Licht aus!", befahl er ihr.

Sie kannten das Haus, Leroy Cook nicht. Schnell löschte Maggie alle Lichter und nahm wieder gehorsam auf der Couch Platz. Es war bestimmt nicht gut als mögliches Hindernis im Raum herumzustehen. Ängstlich kauerte sie im Dunklen auf der Kante der Couch. Seit fünf Jahren hatte sie ihn nicht mehr gesehen.

Das letzte Bild, das sie von ihm hatte, war wie er mit einer vor Blut triefenden Klinge über ihr kniete. Das war ihr Blut auf der Klinge. Würde sich das alles nun wiederholen? Nur diesmal würde sie bestimmt nicht überleben und vermutlich Aaron auch nicht. Sie starrte mit ihren Augen in die Richtung in der sie ihn vermutete.

„Ich liebe dich!", flüsterte sie lautlos, dann erhob sie sich und tastete sich in Richtung Tür vor.