Hallo an alle Leser,

erstmal Entschuldigung, dass es so lange gedauert hat, aber es war eine recht ereignisreiche Zeit für mich. Erst ein versautes Studium, dann ein Halbtagsstelle und seit März endlich eine erstaunlich gut bezahlte Festanstellung. Nebenbei noch ein Fernstudium um irgendeinen Wisch zu haben für das was ich eh schon mache - aber egal.

Es ist jetzt alles toll, gut, einfach rosarot und somit geht die Geschichte endlich weiter und wird auch einen Abschluss finden. Als kleine Wiedergutmachnung dafür ein Monsterkapitel. ich hoffe es gefällt, denn es stellt den Auftakt zum Showdown dar.

Ermione

Danke für die freundliche Kritik. Wenn ich einen ungläubigen in Sachen eigenen Charaktere überzeugen konnte, freut mich das immer besonders. Bei mir ist es eigentlich genau anders herum, ich habe große Schwierigkeiten mit Fanfiction, die meine Originallieblinge verwenden und dabei völlig umschreiben, sodass sie völlig unkenntlich werden.

Auch das meine Frauenfiguren ankommen freut mich, schließlich können wir Männer da nur an der Oberfläche kratzen. ;-)

KingS

Marie-Ann wird noch einen besonderen Auftritt haben. Mehr will ich aber nicht sagen. Es wird wahrscheinlich der letzte Abschnitt vom Epilog.

Meta Capricorn

Verdächtigungen haben schon einige geäußert. g


So - und jetzt viel Spaß beim neuen Kap. Die nächsten gehen dann hoffentlich wieder fixer.

Tikki


- Kapitel 25 -

Schnipseljagd

Das war ja mal was Neues. Tarsuinn litt unter Schlaflosigkeit und auch wenn dieser Zustand ungefähr vier Stunden der Angst hinauszögerte, so konnte er nicht behaupten, dass er es mochte. Auf- und abgehen, Schäfchen zählen, sich mit Sport auspowern – alles half nicht. Natürlich wusste er was helfen würde, und er hatte schon kurz davor gestanden, aber er konnte den Trunk des Friedens nicht brauen und trinken, ohne Rica zu enttäuschen. Es war ein Ding der Unmöglichkeit. Also hatte er die entsprechende Seite mit dem Rezept aus seinem Buch gerissen und verbrannt. Nicht, dass dies mehr als eine Geste war. Nein! Sein Gehirn erzählte ihm Schritt für Schritt mit Genuss und Penetranz, was er zu tun hatte und dass sämtliche Zutaten in einer kleinen Kiste unter seinem Bett vorrätig waren.

„Nicht noch mal", sagte er laut zu sich und schwang die Füße über den Bettrand. „Und ich werde auch niemals ein Tagebuch schreiben! Kleiner Ausflug gefällig?", fragte er Tikki und musste bei deren Antwort lachen. „Nein, wir gehen nicht nach draußen."

Er zog sich Hose und Kapuzen-Sweatshirt über den Schlafanzug und vergaß auch nicht die Socken. Es war Februar und verdammt kalt im Schloss, da die Gänge ja nicht beheizt waren. Warm war es nur in den Gemeinschaftsräumen und den Klassenzimmern. Selbst die Schlafzimmer waren eher kühl. Deshalb packte er Tikki trotzdem in die Kapuze. Im Winter war sie mindestens einmal erkältet und immer passierte ihm genau dann etwas Unangenehmes. Also war seine Vorsicht auch ein wenig Egoismus.

Natürlich war es wieder einmal ein verbotener Ausflug, aber da Tarsuinn in letzter Zeit nicht erwischt worden war, gab es auch keine Wachen, die ihn von seinen Dummheiten abhalten wollten. War das Leben nicht schön? Man musste nur ein paar Tage und Wochen nichts anstellen und schon ließ die Wachsamkeit der Vertrauensschüler nach.

Ohne sich mit Schleichen aufzuhalten, ging er nach draußen. Seine Schritte waren auch so immer leise und Tikki ein fast unfehlbarer Filch-Vorwarner. Außerdem wollte er heute in einen Teil des Schlosses, in dem sowieso selten etwas los war. Sein Ziel war der Ostturm. Wenn dieser Ort und seine Vergangenheit ihn schon nicht schlafen ließen, dann konnte Tarsuinn auch da wach sein. Außerdem mochte er das Schloss bei Nacht. Es war leise und friedlich – solange man nicht Snape oder Filch über den Weg lief.

Herzhaft gähnend wanderte er die Gänge entlang, was heute keine Herausforderung war. Filch schien der Einzige zu sein, der unterwegs war, war aber gerade dabei, eine von Peeves Schweinereien zu beseitigen. So laut, wie er fluchte, konnte man einfach nicht über ihn stolpern.

Im Ostturm war es so staubig und schmutzig wie immer. Niemand schien sich dafür verantwortlich zu fühlen. Das war ein wenig wie in Tarsuinns neuem Zuhause – in Cutters Bruchbude – die ungenutzten Bereiche wurden ein wenig vernachlässigt. Seltsam war nur, warum hier niemals jemand mit einem Reinigungszauber drüber ging. Für Professor Dumbledore musste es doch nur ein gelangweiltes Zucken seines Zauberstabes sein? Oder er konnte es Snape befehlen…

Bei dem Gedanken lachte er leise in sich hinein. Sollte er jemals einem Irrwicht begegnen, dann würde Snape nicht wie eine Oma aussehen, sondern er würde ein Hausmädchenkleidchen tragen, einen Staubwedel schwingen und nach Rosen duften – und ganz sicher würde er sich eines unterwürfigen Tones befleißigen und nicht so kalt…

Was dauert das so lange?"

…klingen. Konnte man denn in Hogwarts niemals einen unschuldigen Mondspaziergang machen und Regeln brechen, ohne auf unberechenbare Monster zu treffen?

„Das hier ist kein Rührlöffelschwingen, Severus", erwiderte die hochkonzentrierte Stimme von Professor Vaughan. „Das ist Runenmagie, mit einem sehr speziellen Auslöser. Hinzu kommt, dass sie ausgebrannt sind und die Runen der Gründer bei der Rekonstruktion zum Teufel gehen könnten."

„Irrelevant", entgegnete Snape kühl. „Es geht hier nicht um die Vergangenheit."

„Und um was geht es?", fragte Professor Vaughan und gähnte nun herzhaft.

„Das hat Sie nicht zu interessieren."

„Nun, immerhin tue ich Ihnen einen Gefallen, obwohl Sie doch eher mir einen schulden, Severus. Das wären dann schon zwei."

„Ich bin da anderer Ansicht", brummte Snape widerwillig.

„Ach, kommen Sie schon", sagte Professor Vaughan etwas schalkhaft. „Es würde Ihnen kein Zacken aus der Krone brechen, wenn Sie zugeben, dass ich erreicht habe, was Ihnen nicht möglich war."

„Noch ist das Schuljahr nicht vorbei."

„Sie könnten sich meine Sticheleien ersparen, wenn Sie einfach zugeben verloren zu haben", bot Vaughan an.

„Konzentrieren Sie sich auf Ihre Aufgabe, Miss Vaughan!", wies Snape die Lehrerin zurecht. Es klang fast so, als würde er mit einer Schülerin sprechen. Wider Erwarten ließ sich Professor Vaughan dies sogar gefallen. Eine Weile war es bis auf die ungeduldigen Schritte Snapes still und Tarsuinn wollte sich gerade verziehen, als Schritte die Stufen herauf kamen. Es waren feste Schritte von Stiefeln. Ein Erwachsener also, der hierher gehörte.

Und wieder einmal stand Tarsuinn vor dem Problem, dass ein Blinder sich nur schwer vor Sehenden verstecken konnte. Zwar hatte er Tikki…

Eine Hand ergriff Tarsuinn und zog ihn die Treppe weiter hinauf. Er war so erschrocken darüber, dass er beinahe laut geworden wäre. Nur Tikkis erfreute Reaktion und der vertraute Geruch in seiner Nase hinderten ihn daran. Er war so geschockt über seinen Fehler, dass er widerstandslos mitging. Es stellte sich heraus, dass es nach der Tür zum Turmzimmer noch ein Stück die Wendeltreppe hinauf ging und an einer verschlossenen Luke endete.

Alohomora", flüsterte Toireasa kaum hörbar und Sekunden später zog sie ihn aufs Dach.

Da es nachts noch immer ziemlich frostig war, froren sie erbärmlich und Tarsuinn nahm Tikki aus der Kapuze und stopfte sie unter seinen Pullover.

„Was machst du denn hier?", fragte er das Mädchen.

„Ich ahnte, dass du hierher kommen würdest", flüsterte sie zurück. „Du willst wissen, was passiert ist, nicht wahr?"

„Und deshalb bist du auch hier?"

„Mir ging es nur darum, dich vor Schwierigkeiten zu bewahren. Aber jetzt still! Wer zum Teufel ist das?"

„Karkaroff", flüsterte Tarsuinn. „Ich glaub, er hat Stahlkappen an seinen Stiefeln. Weißt du, das klingt so speziell, so als würde er einen Takt vorgeben wollen, damit jeder sieht, dass er da und wichtig ist. Ich persönlich…"

„Tarsuinn! Du plapperst", zischte Toireasa und zerrte ein wenig an seinem Ärmel.

„Ähem, ja", gab er zu. Das gehörte bei ihm ein wenig zum Übermüdet sein.

„Professor Snape, auf ein Wort!", dröhnte Karkaroffs Stimme durch die hölzerne Dachluke.

„Natürlich, Direktor Karkaroff", entgegnete der Zaubertranklehrer höflich, doch Tarsuinn hörte bei ihm den Ton heraus, den der Mann immer an den Tag legte, wenn er etwas tun musste, was er eigentlich gar nicht wollte. Dieses leichte Vibrieren des Genervtseins mit einem Schuss Arroganz. Snape fühlte sich allen so überlegen und machte immer den Eindruck, als müsse er sich manchmal Kakerlaken…

Jetzt plappere ich sogar in Gedanken, unterbrach sich Tarsuinn amüsiert. Diese leichte Übermüdung erzeugte irgendwie ein seltsam angenehmes Schaukeln in seinem Kopf.

„Severus! Ich muss…"

Die Stimme war plötzlich viel näher und Tarsuinn zwang seinen Kopf zur Klarheit. Solche Aussetzer in seiner Wachsamkeit waren im Moment nicht hilfreich. Aber zumindest bestand keine Gefahr, dass er einschlief. Ihm war extrem kalt und Toireasa schien nur deshalb nicht mit den Zähnen zu klappern, weil sie die Lippen dazwischen geschoben hatte.

„Ich habe kein Interesse, es noch einmal zu diskutieren, Igor", unterbrach Snape und keine Höflichkeit war in seiner Stimme. „Es wurde alles gesagt."

„Wir müssen uns auf die Möglichkeit vorbereiten", drängte Karkaroff. „Wir, du und ich, wir haben ihn verraten, als wir ihn tot glaubten. Wir müssen ihn besänftigen können, damit sein Schutz uns vor den anderen bewahrt!"

„Gnade und Verständnis waren noch nie die Stärke des Dunklen Lords!", entgegnete Snape extrem unterkühlt. „Er vergisst niemanden, der Namen genannt hat – genau wie ich."

„Ich verstehe nicht, Severus."

„Ich denke schon, dass du mich verstehst. Der Zaubergamot! Du hast meinen Namen genannt."

„Das ist nicht so, wie du denkst, mein alter Freund", stammelte ein sichtlich erschrockener Karkaroff. „Es war Askaban und außerdem wusste ich, dass du unter Dumbledores Schutz stehst. Die anderen im Gefängnis haben deinen Namen laut verflucht, Severus! Sie haben geschworen dich zu töten – bevor… bevor sie langsam leiser wurden. Ich wollte so nicht enden. Du weißt doch, Severus, dass ich nie wirklich mit Begeisterung…"

„Es reicht, Igor", unterbrach Snape erneut, klang aber diesmal nicht mehr drohend. Eher ein wenig nach Mitleid und verborgener Abscheu. „Wir haben beide keine Gnade zu erwarten. Ich sagte dir bereits an Weihnachten – lauf weg! Ich werde dich decken und dir Zeit verschaffen. Nutze die Zeit, dich zu schützen."

„Und alles aufgeben, was ich mir durch diese zweite Chance erarbeitet habe?"

„Dann sind wir hiermit am selben Ende wie bei unserem letzten Gespräch, Igor", erklärte Snape entschieden. „Ich bin es leid, immer die alten…"

„Sichern wir uns Potter", zischelte Karkaroff hektisch, ängstlich und selbst für Tarsuinn kaum zu hören.

Lange Sekunden war es absolut still und Tarsuinn glaubte schon, dass einer der beiden Männer einen Stillezauber gewirkt hatte, als Snape endlich doch antwortete.

„Potter ist tabu", sagte der Lehrer deutlich, jedoch ohne Empörung über Karkaroffs Anliegen. „Sich seiner zu bemächtigen, bedeutet, sich Dumbledore zum Feind zu machen."

„Aber…"

„Genug, Igor!", zischte Snape jetzt fast wie eine Kobra. „Es reicht, einen der mächtigsten Zauberer unserer Zeit zum Feind zu haben. Ganz zu schweigen, dass ich mich dann mit dir befassen müsste, Igor."

„Severus…", stammelte Karkaroff offensichtlich schockiert.

„Ein Rat in Freundschaft", ließ Snape dies anscheinend kalt. „Was mit Potter geschieht ist meine Sache und ich will nicht, dass ihm etwas geschieht. Haben wir uns da verstanden?"

„Aber Dumbledore hätte keine Chance uns aufzuhalten", versuchte es Karkaroff trotzdem noch einmal.

„Es ist ein Leichtes für Dumbledore, meine Gedanken zu lesen", entgegnete Snape und schien sich nur mühsam zu beherrschen. „Du solltest dich erinnern, dass ich für Okklumentik keine Begabung besitze."

„Dann erfährt Dumbledore, was wir eben besprochen haben?", zitterte Karkaroffs Stimme jetzt noch mehr.

„Dumbledore ist zu nobel, um mir jeden Gedanken zu entreißen", beruhigte Snape nun ein wenig. „Aber ob ich vorhabe Verrat zu begehen oder nicht, das wird er sehen. Zumindest kann ich dir aber versichern, Dumbledore weiß, dass der Dunkle Lord stärker wird."

„Dann soll ich wohl auf diesen greisen Muggelfreund hoffen, Severus?", fragte Karkaroff sarkastisch.

„Es gibt nur zwei Seiten in diesem Konflikt", erwiderte Snape und jetzt klang er fast, als würde er mit einem idiotischen Schüler sprechen, dem er das Offensichtliche zum zehnten Mal erklärte. „Und eine ist dir vollkommen verschlossen, Igor! Oder glaubst du, der Dunkle Lord kennt Vergebung für Verräter? Selbst wenn sie mit Geschenken kommen? Erinnere dich an den alten McNair! Dem wurde…"

„Ich erinnere mich!", unterbrach Karkaroff mit belegter Stimme. „Severus, wenn er wirklich…"

„Noch ist er nicht zurück und wir sollten hoffen, dass es so bleibt."

„Du hast Recht, Severus. Vielleicht machen wir uns umsonst verrückt."

Der Einzige, der verrückt vor Angst klang, schien Karkaroff zu sein, fand Tarsuinn. Snape wirkte wie immer kühl, distanziert und ruhig. Die einzigen Gefühle konnte man nur bemerken, wenn seine Stimme ein wenig über oder unter den Gefrierpunkt rutschte.

Die beiden Männer verabschiedeten sich voneinander und Karkaroffs stählerne Stiefelspitzem hämmerten ihren Takt auf die Stufen nach unten. Snape hingegen ging wieder in das Turmzimmer, in dem Marie-Ann gestorben war.

Eine Gelegenheit, die Tarsuinn und Toireasa nutzten, um aus der Kälte zu kommen. Tikki ging es unter seinem Pullover noch am besten, aber er spürte, wie er selbst zitterte. Toireasa hingegen schien inzwischen mit ihren Zähnen auf der Hand oder etwas Ähnlichem zu klappern. Hätte Tarsuinn sich nicht um Tikki kümmern müssen, hätte er seinen Pullover an sie abgetreten.

„Schleich dich runter und wärm dich auf", flüsterte Tarsuinn ihr ins Ohr.

Sie antwortete nicht, aber da sie nicht ging, war ihre Antwort auch so absolut klar. Er konnte sie gut verstehen. Egal, wie viel sie von dem Gespräch zwischen Snape und Karkaroff mitbekommen hatte – sie war sicher sehr neugierig geworden.

Oder sie hatte genau wie Tarsuinn verdammte Angst bekommen! Was sie eben gehört hatten, war für Karkaroff sicher ein Grund für einen Mord. Immerhin hatte der Durmstrang Snape gerade dies bei Potter vorgeschlagen und da brauchte er sicher keine Zeugen. Es war ein seltsamer Gedanke, dass es nur Snapes zwiespältige, jedoch eindeutige Haltung war, die Tarsuinn ein wenig beruhigte.

„Krach zwischen alten Freunden?", hörte er die leicht spöttische Stimme von Professor Vaughan. „Oder warum brauchte es eine Schallbarriere?"

Das geht Sie nichts an", betonte Snape jedes Wort. „Konzentrieren Sie sich auf Ihre Arbeit."

„Es ist nicht meine Arbeit, Severus", ihre Stimme war jetzt ebenso kühl. „Ich bin müde und für jemanden, der um einen Gefallen bittet, sind Sie mir zu unfreundlich."

Sie…", begann Snape scharf, doch dann schien er es sich anders zu überlegen. „Ich gestehe Ihren Sieg ein, wenn Sie mir sagen, wie Sie McNamara dazu gebracht haben."

„Wie großzügig."

„…und Sie bekommen den Trank den Sie wollten, in der geforderten Menge", fügte Snape hinzu. „Keine Verhandlungen mehr."

„Die vollen zehn Portionen?", vergewisserte sich Vaughan erstaunt.

„Mehr als Sie eigentlich erhofften, nicht wahr?", vermutete Snape überlegen. „Aber ja, die vollen Zehn."

„Gut, dann sind wir uns einig", erwiderte Vaughan. „Aber die Antwort wird Ihnen nicht gefallen, Severus."

„Ich bin nicht in der Stimmung für Ausflüchte, Vaughan!"

„Wenn Sie meinen. Also gut. Was Sie hier sehen, ist ein Kunstwerk. Und zwar von jemandem, der ein Genie in Runen-Scrabble war, aber nur über schwache eigene Magie gebot. Wer immer das war, hat die Macht der Gründerrunen und die des Schlosses benutzt, um zwei komplizierte Stücke…"

„Zwei?", unterbrach Snape, was Vaughan gnadenlos ignorierte.

„…Magie zu erschaffen. Nummer eins – ist irgendeine Sache, die etwas oder einen magisch verschlingt, durchwalkt und auskotzt. Keine Ahnung, wozu das da ist, aber muss höchst unangenehm sein. Und man muss es sich freiwillig antun. Reue und Bedauern – sehen Sie hier – die Runen sind besonders hervorgehoben. Wozu das dient, weiß ich jedoch nicht. Selbstkasteiung, masochistische Spielerei, Selbstverletzung – keine Ahnung. Zum Glück sind die Runen aber ausgebrannt. Keiner – und sicherlich kein Schüler – bekommt das hier jemals kopiert oder wieder zum Laufen. Null Chance.

Die zweite Sache ist noch komplizierter. Sie enthält Runen, die ich bisher nicht kannte und es fehlt der Anfang."

„McNamara", murmelte Snape leise.

„Wie bitte?", fragte Vaughan nach.

„Nichts, nur ein Gedanke", wich Snape aus. „War das alles?"

„Im Grunde schon. Ich habe keine Ahnung, was der zweite Teil genau gemacht hat. Ich habe hier Runen, die man für sichtbare Magie nutzt, Laut-Runen, Schweberunen, Erkennungszirkel und etwas, was wie eine dreidimensionale Runenanordnung aussieht. Das alles zusammen zum Funktionieren zu bringen, muss eine Heidenarbeit gewesen sein."

„Mehr haben Sie nicht herausgefunden?", fragte Snape schneidend.

„Wenn Sie mir nicht vertrauen, können Sie ja noch jemand anderen fragen", erwiderte Vaughan und klang nach verletztem Stolz. „Aber ich garantiere Ihnen, niemand wird Ihnen etwas anderes sagen können. Nicht mal Dumbledore könnte das – und den wollen Sie ja offensichtlich außen vor lassen."

„Der Direktor hat Besseres zu tun."

„Wenn Sie es sagen, Severus. Ich bin für die zehn Portionen auch gern bereit, hier noch mehr zu forschen – ich gebe zu, es interessiert mich auch selbst – aber viel mehr, außer ein paar Feinheiten, kommt dabei nicht mehr hinzu. Vor allem nicht, wenn ich, so wie jetzt, übermüdet bin. Wenn Sie mich also für heute entschuldigen würden… Eine gute Nacht, Professor Snape."

Tarsuinn hörte die typischen Schritte der Lederstiefel von Professor Vaughan als die Frau den Raum verließ…

„Einen Moment noch", hielt Snape die Lehrerin auf. „Sie wollten mir noch mitteilen, wie Sie es geschafft habe."

Professor Vaughan lachte laut auf.

„Das wurmt Sie, nicht wahr, Severus?", fragte sie und klang sehr jung, so schlagartig schien sich ihre Laune zu bessern.

„Wie?!", schnappte Snape ungeduldig.

„Nun, im Gegensatz zu Ihrer Meinung, Severus…", entgegnete Vaughan überlegen, „…ist McNamara ein netter und zuvorkommender Junge und wenn man Ihn aufgrund einer Allergie bittet, sein Haustier nicht mit in den Unterricht zu bringen, dann macht er das auch."

„Mir war bisher nicht bekannt, dass sie eine Allergie haben, Vaughan. Haben Sie nicht selbst eine Katze?"

„Tja, was für ein Zufall, dass es gerade McNamaras Tierchen ist, welches mich zum Niesen bringt. Seltsam, nicht wahr?", meinte Vaughan ironisch und verließ das Turmzimmer. Ihre Stiefel knallten auf die Stufen und ihr typischer Geruch nach Leder zog an Tarsuinns Nase vorbei.

„Was für eine hinterhältige Sabberhexe", murmelte Toireasa leise.

„Du sagst es", flüsterte Tarsuinn zurück und konnte nicht umhin, die Lehrerin ein klein wenig zu bewundern. Mit Snape zu wetten war schon krass und auch noch zu gewinnen durchaus bemerkenswert. Natürlich würde sie es bereuen, aber Tarsuinn beschloss, nicht allzu gemein zu sein.

Es dauerte noch elend lange zehn Minuten, bis dann auch Snape endlich genug davon hatte, die Runen oder sonst was anzustieren, und davon ging.

„Na endlich", stöhnte Toireasa erleichtert. „Fovere."

Warme Luft hüllte Tarsuinn ein.

„Viel besser", freute sich das Mädchen, das auch die Wohltat ihres Zaubers genoss. „Ich hatte schon Angst, wir würden die ganze Nacht auf der Treppe frieren."

„Na ja, wir hätten ohne Probleme wegschleichen können, sobald Karkaroff weg war", schränkte Tarsuinn ein.

„Das wäre ein zu großes Risiko gewesen", widersprach Toireasa. „Hast du gehört, was Snape und Karkaroff besprochen haben? Das war unglaublich! Wir müssen das Professor Dumbledore erzählen! Hast du mitbekommen, um wen es überhaupt ging? Wen sie da an Du-weißt-schon-wen verkaufen wollten? Ich hab's leider nicht mitbekommen."

„Es ging um Harry Potter."

„Der Junge, der lebt?", keuchte Toireasa erschrocken auf.

„Dass er lebt ist doch offensichtlich, oder?"

„Du weißt, was ich meine", schimpfte sie mit ihm. „Das ist doch ungeheuerlich. Wir müssen zu Dumbledore."

„Nachher", lehnte Tarsuinn ab. „Morgen früh. Es hat sicher keine Eile. Du hast ja Snape gehört und Harry Potter schläft jetzt wahrscheinlich im sicheren Gryffindor-Turm. Ich will mich erst mal hier umsehen."

„Hast du das denn nicht schon mal?"

„Nein. Nicht so richtig."

„Und jetzt willst du schauen, ob es hier noch mehr von Marie-Ann gibt?"

„Yep."

„Weil sie nicht so planmäßig gestorben ist, wie wir glaubten? Und weil es hier war?! Sie muss hier viel Zeit verbracht haben, bevor sie sich tötete."

„Das vermute ich."

„Gut, dann werde ich die Treppe im Auge behalten, während du hier suchst."

Tarsuinn nickte dankbar. Er holte Tikki unter seinem Pullover hervor und packte sie wieder in die Kapuze.

„Hilfst mir lieber suchen?", bat er. „Etwas Verstecktes muss hier noch sein. Wahrscheinlich magisch."

Tikki stimmte zu. Zunächst sah es aber nicht so aus, als würde es dazu kommen, denn Snape hatte hinter sich die Tür abgeschlossen. Aber, wie schon einmal, zerfloss die Tür für Tarsuinn von ganz allein. Nur dass diesmal der Abwehrzauber im Türrahmen nicht mehr vorhanden war und auch Toireasa mit hineinkommen konnte. Kaum waren sie drin, verschloss sich der Raum wieder von selbst.

„Es ist wirklich ganz cool, was man mit Runen so alles anstellen kann", meinte Toireasa fast neidisch.

„Zauber sind einfacher", zuckte Tarsuinn mit den Schultern. „Wenn man sie beherrscht."

Tarsuinn machte sich daran, mit seinen Fingern die Wände und den Boden abzutasten. Er fand die Runen der Gründer und auch die zwei verschiedenen Runenkreise, von denen Professor Vaughan gesprochen hatte.

„Das ist seltsam!?", murmelte Tarsuinn.

„Was?", fragte Toireasa und kam sofort neugierig zu ihm.

Er verkniff sich, dass sie kaum helfen konnte, sondern deutete auf ein paar Runen.

„Hier!" Er deute auf eine bestimmte Stelle. „Die Runen sind verändert worden."

„Und?"

„Sie sind noch ein wenig warm", erklärte Tarsuinn geduldig. „Es kann nur Minuten her sein."

„Du denkst, dass Snape oder die Ledermaid…?"

„Professor Vaughan, da bin ich ganz sicher. Die Änderungen sind so subtil, dass alles richtig aussieht, aber nichts mehr funktioniert. Würde man die Runen abschreiben, diesen Raum kopieren und die Runen aufladen, würde nicht mal ein feuchter Furz dabei herauskommen. Höchstens ein Wutanfall, wegen des sinnlosen Aufwands."

„Warum sollte Vaughan das wollen und denkst du Snape weiß davon?"

„Ich habe keine Ahnung, aber ich glaube, sie hat das gemacht, als Snape nicht wollte, dass sie ihn und Karkaroff belauscht. Vielleicht macht sie sich einfach Sorgen, dass man die Runen missbrauchen könnte."

„Was sind denn das für zwei Runenzirkel überhaupt", fragte Toireasa. „Ich dachte, es gab nur einen hier? Der mit der Nachricht für dich."

„Offensichtlich nicht", lächelte Tarsuinn. „Schau, der hier ist der, der für mich war. Und der darüber ist wohl für das Reinigungsritual von dem Marie-Ann geschrieben hat. Der geht aber weit über meinen Horizont hinaus."

„Echt jetzt?", staunte Toireasa ironisch.

„Ja, ich kann auch nicht alles", brummte Tarsuinn. „Aber ich hatte bisher auch nur ein paar Minuten, um ihn zu lesen."

„Ich bin ja so was von enttäuscht", ärgerte ihn das Mädchen weiter und nieste herzhaft.

„Dafür kann ich aber sagen, dass der Runenzirkel mit meiner Nachricht richtig hingeschludert ist. Fühl mal hier. Die Runen hier sind richtig exakt gemeißelt, wie im Schulbuch. Die für mich jedoch sind mit dem Zauberstab eingebrannt und, wie beim schnellen Schreiben, auch ein wenig ausgefranst und außerdem dürfte es laut den Regeln gar nicht funktionieren."

„Bedeutet das, Marie-Ann hat das alles improvisiert? Sachen, die selbst ein Lehrer kaum hinbekommt?"

„Na, so schlimm ist es auch nicht", widersprach Tarsuinn, um sie zu ärgern. „Vielleicht reicht auch ein Annehmbar in der ZAG-Prüfung."

„Als ob du eine Ahnung davon hättest, was es dazu braucht", unterstellte ihm Toireasa zu Recht.

„Ich könnte das zumindest nicht", gab er zu. „Ich kann den Kram zwar lesen, aber so was zu schreiben, dass es auch noch funktioniert… Niemals! Oder zumindest nicht gleich. Und ganz sicher wird es sich nicht reimen."

„Nein, das wäre ja auch zu viel des Guten, nicht wahr", spottete Toireasa. „Reimen. Wo kommen wir denn da hin? Da endet man doch noch als knittriger alter Hut, der Kinder in die falschen Häuser steckt."

„Du sagst es", lachte Tarsuinn, aber kam dadurch auf eine Idee. „Heißt es nicht, dass die Gründer, oder zumindest Gryffindor, einen Teil von sich selbst in den Hut gesteckt haben, um in unsere Köpfe sehen zu können?"

„Zumindest sagt das die Legende. Aber was hat das hiermit zu tun?"

„Ich weiß auch nicht genau", gestand Tarsuinn, doch Tikki stupste ihn die ganze Zeit mit der Nase in den Nacken. „Ich hab nur so ein kalt-nasses Gefühl im Genick, als würde das was bedeute… Toireasa, ich brauch mal meine Augen!"

Er hatte die Worte schon gesprochen, bevor sein übermüdetes Großhirn den Anhalten-Befehl geben konnte. Toireasa zuckte zurück, er konnte ihre Verletzung richtiggehend spüren. Sie tat ihm selbst weh und er verfluchte seine Angewohnheit, seine Blindheit nicht ernst zu nehmen. Andere Menschen, und vor allem Toireasa, taten es. Das Tikki ihm als Tadel in die Schulter biss, spürte er kaum.

„Heh", sagte er und wollte sie berühren, doch sie wich noch einen Schritt zurück. „Du weißt doch, dass ich mir darüber keine Gedanken mehr mache."

Er tat einen Schritt nach vorn und diesmal gelang es ihm, ein Stück ihres Pullovers zu erwischen.

„Bitte. Es war nicht so gemeint. Ich wollte doch nur deine Hilfe", bat er. „Es sollte nicht gemein sein oder dir wehtun. Ich brauche deine Augen. Anders sollte und will ich es nie mehr sagen."

„Schon okay", sagte Toireasa endlich.

„Ich versprech…", begann Tarsuinn.

„Nein!", unterbrach seine Freundin. „Versprich es nicht."

„Aber ich würde…"

„Nein, es ist wirklich gut", versicherte sie ihm und schien nicht zu lügen. „Es ist nur…" Sie sagte nicht, was es nur war. Stattdessen ergriff sie plötzlich seine Hand und stellte sich neben ihn und sagte mit ein wenig zitternder Stimme: „Okay, was soll ich denn nun mit deinem Geschenk für dich sehen?"

Innerlich atmete Tarsuinn auf, doch er dachte sich, dass er dies nicht unbedingt jetzt zeigen sollte.

„Zwei Symbole und eine Rune", er versuchte sie in die Luft zu malen. „Ein Symbol sieht aus wie ein V, aber die oberen Striche sind nur innen. Die zweite müsste ein Kreis oder Oval mit einem diagonalen Strich sein, so wie das Symbol für männlich, nur ohne die Pfeilspitze. Und die Rune, na ja, dass sind eigentlich zwei Runen übereinander: Ein Kreis in drei Wellenlinien."

Toireasa schien sich umzusehen. Zumindest drehte sie sich mit Tarsuinn im Kreis."

„Ich seh so was nicht", sagte sie nach einigen Minuten.

„Vielleicht sind sie nicht offensichtlich", vermutete Tarsuinn. „Nicht gemalt, gemeißelt oder graviert. Ich weiß nicht. Ich kann das nicht beschreiben. Etwas, das Professor Vaughan übersehen könnte. Ergibt offensichtlich-versteckt irgendeinen Sinn?"

„Auf eine verdrehte Art und Weise...", murmelte Toireasa. Wieder drehte sie sich und damit auch Tarsuinn im Kreis.

„Das ist wieder mal so eine: Noch nie hat ein X irgendwas markiert Sache", murmelte Tarsuinn und war heimlich ein wenig frustriert, weil er genau wusste, was er suchte, aber keine Chance hatte es zu finden. Er hatte mit seinen Fingern den Boden und die Wände abgesucht ­– aber halt nur so hoch, wie er tasten konnte.

„Sag mal, Tarsuinn, kann man Runen in Handzeichen verstecken?"

„Ähem, keine Ahnung. Ich hab eigentlich gelernt, das die Form sehr genau sein muss."

„Aber Marie-Ann konnte doch auch schludern, oder? Hast du selbst gesagt."

„Ja, aber das waren trotzdem noch geschriebene Runen, nicht irgendwelche Handzeichen. Beschreib mal, was du siehst?"

„Die vier Gründerstatuen, die von der Decke herabschauen. Ich hab sie damals nicht gesehen, weil ja alles dunkel war, aber die halten ihre Hände seltsam. Weißt du, von den Gründern erwartet man irgendwelche erhabene Gesten. Etwas Passendes."

„Was für Zeichen machen sie denn?"

„Schwer zu sagen. Also, die Gründer bilden im Grunde die vier Stützstreben der Kuppel. So als würden sie den Raum tragen. Ihre Köpfe gucken direkt auf uns runter. Ich hab irgendwie das Gefühl, dass sie sich alle vier eigentlich an den Händen halten müssten. Du weißt schon. Gemeinschaft, großes Ziel erreicht und so weiter. Aber nur die Hände von Helga Hufflepuff und Rowena Ravenclaw berühren sich. Hufflepuff streckt drei Finger von sich und Ravenclaw hält mit Zeigefinger und Daumen ein O darüber. Gryffindor hingegen macht keine Handzeichen, aber dafür hat er sein Schild vor die Brust und sein Schwert hält er davor, so dass es deinen Kreis mit der diagonalen Linie bildet. Das Problem ist nur, dein V sehe ich nirgends."

„Was macht denn der alte Slytherin?", fragte Tarsuinn.

„Nichts, was ein V sein könnte."

„Irgendwas anderes? Ich hab mit den vier Zeichen ja nur geraten. Im Grunde ist es schon erstaunlich, dass drei stimmen. Also, fällt dir irgendetwas an dem alten Schlangenbeschwörer auf?"

„Es ist kaum zu übersehen", meinte Toireasa. „Er sieht ein wenig wie ein Trottel aus."

„Nichts, was ich bei einem Slytherin anders erwarten würde – aber warum diesmal?"

Toireasa schnaubte. „Siehst du, solche Witze darfst du machen", kommentierte Toireasa, bevor sie wieder zum Thema zurückkam.

„Sollte mir nicht schwer fallen", lächelte Tarsuinn und war froh, dass sie inzwischen wieder ganz normal klang. „Der alte Slytherin ist ein dankbares Ziel, weil sein Haus genug Anlass bietet."

„Vorsicht. Du hast: Anwesende natürlich ausgenommen, vergessen."

„Ach, hab ich das?", zwinkerte er ihr zu.

„Das klären wir später. Erst mal zu meinem Hausgründer. Willst du noch wissen, was so seltsam bei ihm ist?"

„Klar."

„Okay, also er hat ein Wappen da, wo der körperliche Mittelpunkt liegt. Und in einer ziemlich dämlich-stolzen Geste deutet er darauf, als würde es ihn zum König der Welt machen."

„Ich schätze mal, Marie-Ann hatte auch nicht viel Liebe für ihr Haus über", grinste Tarsuinn breit. „Kannst du mir sagen, was auf diesem Wappen zu sehen ist?"

„Na ja, eine Krone, drei Federn und ein blaues Band, auf dem zwei mir unbekannte Worte stehen. Vielleicht sind es aber auch Abkürzungen. Da steht I-C-H D-I-E-N. Sag dir das was?"

„Nö. Aber kannst du es für mich zeichnen?"

„Sicher, aber ich hab kein Papier mit."

„Bekommst du es aus dem Gedächtnis hin? Wenn nicht, kommst du morgen noch mal mit?"

„Ach, das kann ich sicher. So kompliziert ist das nun auch wieder nicht."

„Danke. Damit bekommen wir sicher heraus, was es bedeutet."

„Erklärst du mir auch, was dir die anderen Zeichen sagen? Was machen sie?"

„Die, im Grunde nichts. Aber ich wette, dass über den Köpfen der Gründer, am höchsten Punkt, eine Halbkugel ist, nicht wahr?"

„Woher weißt du?"

„Und diese Kugel ist mit Runen übersäht, korrekt?"

„Moment. Lumos! Ja, da ist was drauf, aber zu klein, um zu erkennen, ob es Runen sind."

„Es sind Runen", war sich Tarsuinn sicher.

„Und? Was steht da drauf, Mr Runenmeister?"

„Das ist einfach, es ist eine Traumkugel. Das hat man früher benutzt, um jemandem eine Nachricht im Traum zu schicken. Marie-Ann hat es mal kurz beschrieben. Sie hat versucht so La'chee zu steuern. Hat natürlich nicht funktioniert. Ratten träumen anders als Menschen. Aber bei einigen ihrer Slytherin-Quälgeistern hat sie es hinbekommen."

„Und wozu dienen die Zeichen der Gründer?"

„Zur Festlegung, was getan werden soll. Der Mond mit den Wolken steht für den Traum. Der Kreis mit der Diagonalen soll ein Einhorn darstellen. Marie-Ann hat das immer anstatt der Ich-Rune benutzt. Nur das mit dem Wappen versteh ich nicht. Ich dachte eigentlich, es würde stattdessen eine Fallenrune sein. Weil eine Falle ja zuschnappt. To Snape oder to snap, wie man halt will."

„Warum sollte Marie-Ann eine Nachricht an Professor Snape schicken wollen?"

„Hat sie ja nicht. Ich hatte es nur vermutet und wenn, dann wollte sie sicher jemand anderen damit erreichen."

„Ja, aber wen?"

„Wenn wir das nur wüssten…"

Tarsuinn zerbrach sich jede freie Minuten darüber den Kopf. Toireasa, nachdem sie ihre Erkältung überwunden hatte, und Winona durchforsteten die Bibliothek und nichts kam dabei heraus. Dafür durfte er am Freitag wieder einmal Professor Snapes Gesellschaft bei einer Strafstunde genießen würde, denn er hatte leider zu spät herausgefunden, was er am Samstag beim Lesen von Marie-Anns Tagebuch aus Versehen abgefackelt hatte. Snape war zur Höchstform aufgelaufen, als er sich über Tarsuinns Nachlässigkeit, Arroganz und Faulheit ausgelassen hatte. Aber Tarsuinn war dies viel lieber als zuzugeben, dass er die Arbeit aufgrund einer Unbeherrschtheit vernichtet hatte.

„Verflucht. Wir haben nichts gefunden", schimpfte Winona und setzte sich mit Toireasa neben Tarsuinn auf die Bank. „Ich glaube langsam, Toireasas Zeichnung ist etwas… suboptimal."

„Sie ist sehr gut", widersprach Toireasa heftig. „Wir haben sie vorletzte Nacht sogar noch abgepaust, wie es unter Muggeln heißt."

„Ja, aber du hast dabei auf deinem Besen geschwebt und alles ist ein bisschen verrutscht."

„Der Unterschied ist minimal."

„Aber könnte entscheidend sein. Tarsuinn, was denkst du?"

„Ich denke, es ist egal. Wir haben ja nichts gefunden, was auch nur annähernd ähnlich ist. Ich hab sogar Marie-Anns Tagebuch noch mal überflogen. Aber nix."

„Und du denkst trotzdem noch, es hat was mit Snape zu tun, nicht wahr?"

„Ja."

„Warum?"

„Warum sonst sollte er seinen Zinken dort hineinstecken und sogar Professor Vaughan hinzuziehen? Außerdem…"

„Ah, hier steckt ihr", kündigte Merton sein Kommen laut an. „Du warst plötzlich verschwunden, meine Wildrose."

Das Schlimme an Mertons Kosenamen für Winona war, fand Tarsuinn, dass er sie ernst meinte und das Mädchen das toll fand.

„Wir haben uns nur über ein intellektuelles Problem unterhalten, Merton", entgegnete Winona ironisch. „Nichts, was dich also interessieren könnte."

Tarsuinn hörte, wie sie sich kurz küssten.

„Trotzdem hätte ich erwartet, dass Toireasa sich bei Muggelfragen an mich wenden würde", entgegnete Merton, ohne sich an Winonas Worten zu stören.

„Wie kommst du denn darauf, dass es um Muggel geht?", fragte Toireasa verwundert.

„Wegen dem Wappen, das du in der Hand hältst."

„Das hat was mit Muggeln zu tun? Wirklich?"

„Klar. Das ist das Wappen des Prince of Wales. Ich dachte, das wäre selbst bei Zauberern inzwischen angekommen."

„Offensichtlich doch nicht", murmelte Tarsuinn.


Es war nicht so gewesen, dass Mertons Hilfe das Rätsel gelöst hatte, aber es brachte Tarsuinn ein wenig voran. Er hatte zwar noch immer keine Ahnung, wen Marie-Ann mit dem Wappen meinte, auch wenn er glaubte, dass es Jason war.

Doch er arbeitete sich Schritt für Schritt vorwärts. Zuerst war es Professor McGonagall, die ihm weiterhalf. Seine Nachhilfestunde war wie immer kein sonderliches Vergnügen gewesen, wenn man die anfänglichen fünf Minuten als Mungo abzog. Er hatte das vage Gefühl, dass es nicht das Ziel gewesen war, seinen Tisch in ein Holzpony zu verwandeln, das umhergaloppierte und nach der Lehrerin ausschlug.

„Es ist gut für heute, McNamara", sagte die Professorin und klang, als hätte sie Schmerzen. Anscheinend hatte das Pony sie getreten. „Offensichtlich haben Sie langsam den Dreh bei Verwandlungen raus. Jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass Sie aus der Tasse auch wirklich einen Frosch machen. Nicht, dass irgendwann mal ein Drache durch mein Klassenzimmer tobt… ähem… bitte vergessen Sie diesen Gedanken sofort wieder."

„Zu spät, Professor", konnte Tarsuinn sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Aber Sie haben Glück, ich weiß nicht, wie ein Drache aussieht."

„Das macht überhaupt nichts", sagte die Professorin erleichtert und setzte sich ächzend. „Sie dürfen gehen, aber vergessen Sie nicht, dass Sie bis morgen noch Hausaufgaben zu erledigen haben."

„Das hab ich schon", versicherte Tarsuinn.

„Dann lesen Sie sie noch einmal. Nach Ihren Leistungen heute, haben Sie nichts davon wirklich verstanden."

Tarsuinn beschwerte sich nicht. Die Annahme der Lehrerin traf zu sehr ins Schwarze.

„Darf ich Sie etwas fragen, Professor?", sagte Tarsuinn vorsichtig, während er seine Tasche packte.

„Nur zu."

„Ich würde gern wissen, ob es auch unter Zauberern Adelstitel gibt", versuchte Tarsuinn möglichst beiläufig zu erwähnen. „Ich meine, ist Lady Kondagion wirklich eine Lady oder nennt sie sich einfach nur so."

„Sie ist eine echte", entgegnete Professor McGonagall kühl.

„Wissen Sie, wie sie das geschafft hat?"

„Sie selbst hat daran keinen Verdienst. Ihr Urururgroßvater ist ganz regulär zum Lord ernannt worden und da ihr Titel erblich ist, ist sie halt auch eine echte Lady."

„Gab es auch schon mal einen Zauberer der ein Prinz war?"

„Nicht, dass ich wüsste. Das ist normalerweise nichts, mit dem man unter Zauberern angeben kann. Wieso interessieren Sie sich dafür?"

„Ich hab mich gewundert, warum Mrs Kondagion früher darauf so stolz war und jetzt ganz normal angesprochen werden will."

„Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen", meinte die Lehrerin mürrisch. „Ich glaube, sie wollte damit unter ihren Mitschülern einfach Eindruck schinden. Ihre Familie war relativ arm und so war es wahrscheinlich das Einzige was ihr ein wenig Ansehen einbrachte."

„Weil es keinen anderen Zauberer oder Hexe mit einem Adeltitel gibt?"

„Soweit mir bekannt ist, ist sie zumindest die Einzige, die es offen zugibt."

„Aber theoretisch könnte es noch andere geben?"

„Theoretisch ist viel möglich. Aber warum interessiert Sie das?"

„Oh", so weit hatte Tarsuinn in Sachen Ausreden nicht gedacht. „Ich hab mich nur gefragt, was passiert, wenn zum Beispiel ein Prinz plötzlich zu zaubern anfängt. Gibt das nicht Verwicklungen mit den Gesetzen? Recht auf Magie, Geheimhaltung der Zauberei…"

„Und so was interessiert Sie?"

McGonagalls Misstrauen war offensichtlich geweckt.

„Irgendwie schon", log Tarsuinn und versuchte schnell zu denken. „Ich frage mich manchmal, ob es legale Gründe gibt, mir das Zaubern zu verbieten. Ich meine, wenn zum Beispiel rauskommt, was ich manchmal in Ihrer Nachhilfestunde so anstelle."

„Was in der Schule geschieht, bleibt in der Schule", stellte die Professorin entschieden fest. „Sie sind vielleicht ein extremer Fall, McNamara, aber Sie sind nicht der einzige Schüler mit Schwierigkeiten. Ich hatte zum Beispiel schon einen Schüler, der das seltsame Talent hat, Dinge in Brand zu stecken. Deswegen liefern wir ihn jedoch nicht im St Mungos ein."

„Geben Sie ihm auch Nachhilfe?"

„Ich denke, das ist nicht nötig", erklärte McGonagall geduldig. „So etwas wächst sich aus und Sie selbst sind ja auch nicht deswegen bei mir, weil Sie ungewöhnliche Dinge anstellen können, sondern weil Sie mit den gewöhnlichen Aufgaben Schwierigkeiten haben."

„Dank Ihrer Hilfe bin ich auch schon besser geworden", hielt Tarsuinn es für angebracht, der Lehrerin mal Anerkennung zu zollen. Doch obwohl es ehrlich gemeint war, stellte sich dies als kleiner Fehler heraus.

„Während der Schulzeit hat mir noch nie ein Schüler für Nachhilfestunden gedankt", sagte Professor McGonagall wieder deutlich misstrauischer. „Das geschieht, wenn überhaupt, erst viel später."

„Ich bin halt ein ungewöhnlicher Junge", versuchte Tarsuinn gewinnend zu lächeln.

„Und was Ungewöhnliches geht im Moment vor?"

„Nichts, Professor", log Tarsuinn. „Ich bin froh, wenn die Welt mich in Ruhe lässt."

„Und Sie selbst? Lassen Sie die Welt in Ruhe?"

„Offensichtlich beglücke ich sie mit Holzponys", lachte Tarsuinn und versuchte weiter abzulenken. „Ich hoffe, es tut nicht mehr so weh, Professor."

„Es ist…", begann McGonagall und zögerte dann. „…nichts."

„Soll ich Madame Pomfrey Bescheid sagen?", war Tarsuinn ein wenig besorgt.

„Nicht nötig", sagte McGonagall freundlich, aber doch in einem sehr entschiedenen Tonfall, der nahe legte, endlich zu gehen.

Noch in derselben Nacht war Tarsuinn mit seinem Besen wieder im Turmzimmer der Gründer. Unterstützt von Toireasa und Winona schwebte er in der Luft und versuchte die Runen auf der Traumkugel zu lesen. Sein Problem war nur, dass dieses Wissen seinen Horizont im Moment noch weit überstieg. Gut, er konnte alles lesen, aber die Struktur und die Systematik dahinter, waren ihm einfach zu hoch. Er konnte die Wirkung einfach nicht abzuschätzen. Da half es nicht, dass Winona sich bemühte mitzulesen und dass Toireasa ein Buch über Runen hielt, das Tarsuinn Madame Pince abgeschwatzt hatte, obwohl er doch eigentlich viel zu jung dafür war.

„Kann das stimmen? Deine Gedanken dürfen fliegen, wenn man meine fängt?", fragte Winona. Tarsuinn reichte ihr seine Hand, damit sie diese zu den Runen führen konnte.

Deine Gedanken werden frei sein, wenn meine gefangen wurden", übersetzte Tarsuinn etwas korrekter.

„Was ist denn das für ein blöder Spruch!?", meinte Winona.

Tarsuinn zuckte nur die Schultern, obwohl er es wusste. Es war ein Zwang, wie eine schwache Form des Imperio. Vielleicht auch der Vorläufer davon. Zumindest diente der Spruch dazu, sicherzustellen, dass das Ziel die ihm aufgetragene Aufgabe erfüllte.

„Ich denke, es geht darum, dass jemand etwas für Marie-Ann erledigen sollte. Sie hat ihm versprochen, dass sie aus seinen Träumen verschwindet, wenn er seinen Auftrag erledigt hat."

„Ist das nicht ein wenig bösartig?", fragte Toireasa und rutschte auf ihrem Besen hin und her. „Beeilt euch mal. Dieses verdammte Buch ist ziemlich schwer."

Tarsuinn verteidigte Marie-Ann nicht. Er wusste aus ihrem Tagebuch heraus, dass sie kein Engel gewesen war. Relativ zu den Beispielen jedoch, die ihr andere gaben, war sie erstaunlich zart, obwohl ihr wahrscheinlich genau dies das Genick gebrochen hatte. Im wahrsten Sinne des Wortes.

„Lasst uns aufhören", bot Tarsuinn nach weiteren fünf Minuten an. Er schwebte nun schon seit gut zwei Stunden hier oben, was ein neuer Rekord für ihn war, trotzdem wurde ihm langsam ein wenig schwummrig.

Die Mädchen waren sofort bereit die Arbeit abzubrechen.

„Es ergibt einfach keinen Sinn", sagte Winona frustriert. „Ich behaupte ja nicht, dass ich alles verstehen würde, aber da sind einige seltsame Fehler drin."

„Seltsam ist genau das richtige Wort", sagte Tarsuinn und dann war plötzlich die Lösung klar. Es war zu einfach.

„Was meinst du?"

„Professor Vaughan", erklärte er überzeugt. „Sie hat auch diese Runen verändert. Damit Snape sie nicht lesen kann."

„Aber warum sollte sie das tun?"

„Offensichtlich misstraut sie Snape", vermutete Toireasa.

„Wer tut das nicht?", fragte Winona sarkastisch.

„Professor Dumbledore", warf Toireasa recht leise ein.

„Warum glaubst du das?", erkundigte sich Winona erstaunt.

„Weil er es mir gesagt hat", erwiderte Toireasa. „An dem Tag, als ich ihm über das Gespräch zwischen Snape und Karkaroff erzählt habe."

„Ach, was ist denn daraus geworden?", erinnerte sich Tarsuinn plötzlich.

„Was ich sagte. Ich hab es Dumbledore erzählt und dann hat er mir gesagt, dass Professor Snape in der Nacht schon bei ihm gewesen war und dass er absolutes Vertrauen zu Professor Snape hat. Ich soll mir keine Sorgen machen und er wäre mir trotzdem dankbar, dass ich ihm davon erzählt habe. Das ist alles."

„Und? Hat Snape dich irgendwie darauf angesprochen", forschte Tarsuinn weiter. „Ich meine, glaubst du, er weiß Bescheid, dass wir hier oben waren?"

„Er hat sich nicht anmerken lassen, dass er sauer auf mich ist, wenn du das meinst", antwortete Toireasa. „Zaubertränke ist wie immer. Professor Snape macht Witze auf Kosten der Gryffindors."

„Wieder was, was nicht überrascht", kommentierte Winona. Dann machten sie sich auf den Weg zu ihren Häusern, wobei Winona und Tarsuinn sich den Spaß machten, um die Wette durch die Gänge zu fliegen. Das Mädchen gewann, aber nur knapp.


Am Freitagnachmittag wartete Professor Snape dann auf ihn zur Strafarbeit. Tarsuinn war sich sicher, dass es wieder um etwas Widerlichen zum Anfassen ging. Wie es bei Snape üblich war – und natürlich wurde er nicht enttäuscht.

Als Höhepunkt snapescher Strafarbeiten ging es heute darum, lebenden Murtlaps die Tentakel abzuernten. Das war nicht nur ekel-, sondern auch noch schmerzhaft. Die rattenähnlichen Tierchen mit den Tentakeln auf dem Rücken, die ein wenig an Quallen erinnerten, hatten ziemlich scharfe Zähne und mochten es ganz und gar nicht, wenn man ihnen ihre Tentakel abschnitt.

„Es wäre vielleicht ratsam, die Murtlaps zu betäuben, bevor man sie anfasst", erklärte Snape sarkastisch, nachdem der fünfte Tarsuinn ein kleines Stück Haut aus der Hand gefetzt hatte.

„Danke für den frühzeitigen Rat", hielt Tarsuinn seine Verärgerung nicht zurück. „Wenn Sie einen Trank dafür hätten?"

„Auch wenn es traurig ist, Sie daran erinnern zu müssen, Mr McNamara, so sind Sie ein Zauberer und sollten entsprechend handeln!"

„Das könnte aber ihre lieben Tierchen verletzen."

„Natürlich werde ich ihrem Haus für jedes tote Murtlap Punkte abziehen."

„Sie sind ein wahrer Tierfreund, Professor", konnte es sich Tarsuinn nicht verkneifen.

„Fünf Punkte Abzug", sagte Snape kurz angebunden.

Daraufhin hielt Tarsuinn lieber die Klappe, jedoch stellte er sich bei jedem Schockzauber vor, er würde ihn auf Snape zielen.

Zumindest wurde es danach etwas weniger schmerzhaft, auch wenn er leichte Schwierigkeiten hatte, die beweglichen kleinen Biester in der großen Kiste zu treffen. Es war zwar immer noch schwierig, ein betäubtes Tier aus der Kiste zu nehmen, es waren ja noch andere drin, und er musste schnell die Tentakel abschneiden, bevor die Biester aufwachten. Trotzdem wurde er jetzt nicht mehr bei lebendigem Leib aufgegessen. Die Bisse, die er noch abbekam, waren schmerzhaft aber harmlos. Seltsam war nur, dass die Murtlaps keine Schmerzen nach der Amputation zu empfinden schienen. Er fühlte nur die Angst, die die unbehandelten Murtlaps in der Kiste hatten, wenn er nach ihnen griff, aber in der anderen Kiste herrschten Ruhe und Zufriedenheit.

Am Ende einer Mehr-als-nur-ne-Stunde, schien Snape wie immer völlig unzufrieden mit seiner Leistung zu sein. Wahrscheinlich, weil Tarsuinn sämtliche Murtlaps am Leben gelassen hatte.

„Sie haben nur äußerst mittelmäßige Arbeit geleistet", sagte Snape kühl. „Sie haben die Hälfte der Tentakel an den Murtlaps gelassen und so hab ich weniger Essenz herstellen können als beabsichtigt. Sie werden also morgen noch einmal hier erscheinen."

„Am Hogsmeade-Wochenende?", fragte Tarsuinn ohne wirklich Überrascht zu sein. Von Snape erwartete er so etwas und er hatte sich eigentlich schon gewundert, warum die Strafarbeit nicht am Samstag stattgefunden hatte.

„Möchten Sie sich beschweren, McNamara?", fragte Snape lauernd.

„Wenn ich glauben würde, es hätte einen Sinn – vielleicht."

„Gut. Dann also bis…"

„Vielleicht überlegen Sie es sich aber noch einmal", überraschte Tarsuinn den Lehrer. „Denn falls ich mich nicht irre, sind Sie ein Prince of Wales und träumen seit einiger Zeit ziemlich schlecht."

Ein Glas zerbrach und Tarsuinn war sich sicher, dass er diesmal nicht schuld war. Seine Gläser explodierten in beeindruckender Art und Weise. Dieses hier war einfach nur runtergefallen. Aber immerhin war es ein Geräusch, zusammen mit dem Knistern, das die Murtlaps im Stroh machten. Davon abgesehen, hätte Tarsuinn auch allein im Raum sein können.

„Sie sind der Prince of Wales?", fragte Tarsuinn nach einer kleinen Weile. „Nicht wahr?"

„Ich bin kein Muggel!", sagte Snape gefährlich leise.

„Will ich ja nicht behaupten", konterte Tarsuinn und entspannte sich ein wenig. „Dafür zaubern sie zu gut. Aber trotzdem trifft der Titel irgendwie auf Sie zu, oder etwa nicht?"

„Das geht Sie nichts an, McNamara!", wurde Snapes Stimme noch eine Spur dunkler und drohender.

„Sicher", entgegnete Tarsuinn und wagte einen Schuss ins Blaue. „Kann mir egal sein. Auch wenn es sicher recht zweifelhaft ist, wenn jemand von kleinen Mädchen in altertümlicher Kleidung träumt."

„Schweigen Sie!", fuhr der Lehrer ihn an.

Tarsuinn hielt sofort die Klappe, rührte sich aber auch keinen Millimeter von der Stelle. Sein Schuss ins Blaue hatte wohl ins Schwarze getroffen. Trotzdem lächelte Tarsuinn. Snape konnte ihm nix tun, denn er hatte Angst, in Tarsuinns Kopf einzusteigen. So hatte man es ihm jedenfalls gesagt und er verließ sich darauf.

„Was wissen Sie?", fragte Snape nach einem relativ kurzen Moment.

„Was erzählen Sie mir?", retournierte Tarsuinn.

„Ich dachte, Sie wissen bereits alles."

„Ich weiß nicht, was Sie genau träumen", erklärte Tarsuinn. „Aber ich weiß, wie es dazu gekommen ist – falls Sie der Prince of Wales sind."

„Und Sie wissen, wie man es beenden kann?"

„Ja, wenn Sie Glück haben."

„Sie werden es mir erzählen! Sofort!"

„Erst, wenn Sie meine Fragen beantwortet haben", widersprach Tarsuinn.

„Sie wagen es…?", drohte Snape.

„Ja", erklärte Tarsuinn laut. „Ich bezweifle ernsthaft, dass Sie mir ansonsten die Wahrheit sagen würden."

Professor Snape antwortete wieder nicht, sondern ging zur Tür und schloss diese ab. Dann wirkte er einen Zauber, der sämtliche Geräusche, die Tarsuinn vom Flur gehört hatte, verschluckte. Jetzt wurde Tarsuinn doch ein wenig nervös, aber er gab sich große Mühe, dies zu unterdrücken. Er musste einfach cool wirken. Snape musste unbedingt glauben, dass Tarsuinn wusste wovon er da sprach.

„Ich hörte, Sie haben selbst unter Veritaserum lügen können?", erkundigte sich Snape.

„Wer behauptet denn so was?", verweigerte Tarsuinn die Aussage.

„Das tut nichts zur Sache", meinte der Lehrer und öffnete einen seiner Schränke. „Wissen Sie, was der Imperio-Fluch ist?"

„Ja, ich habe im Sommer sogar einen gebrochen", entgegnete Tarsuinn und unterschlug dabei bewusst, dass nicht er selbst unter dem Fluch gestanden hatte, sondern Toireasa, und der Gegenfluch ihm geschenkt worden war.

„Ach, wirklich", war Snape kaum interessiert. „Und ich vermute mal, Ihre Freunde wissen, dass Sie mit mir sprechen?"

„Aber natürlich", log Tarsuinn. „Wäre ja sonst dumm."

Snape mixte etwas zusammen.

„Und Sie glauben, das reicht als Vorsichtsmaßnahme?"

„Vielleicht. Ich sehe keinen Grund, warum Sie mir etwas antun sollten."

„Sie haben keine Ahnung, was mit Magie alles möglich ist."

„Och, da könnte ich vielleicht gegenhalten", erwiderte Tarsuinn düster. „Sie wären dann vielleicht überrascht."

„Wie zum Beispiel?", fragte Snape und sein Messer schien etwas schnell und hackend zu zerschneiden.

„Oh, nein!", wehrte Tarsuinn ab. „Heute nicht! Ich hab vielleicht eine Lösung für Ihr Problem und Sie wissen Dinge, die ich auch wissen will, aber nicht unbedingt wissen muss. Diesmal sind Sie dran, Professor."

Snapes Messer flog über das Schneidbrett. Er war nicht übel, musste Tarsuinn zugeben. Ein wenig verkrampft vielleicht, aber doch sehr schnell. Das sagte zwar nichts über die Qualität der Arbeit, aber zumindest schien sich Snape nicht in die Finger zu schneiden.

Tarsuinn glaubte schon, er würde nie eine Antwort bekommen, bevor Snape nicht irgendeinen ultimativen Wahrheitstrank fertig hatte, als der Professor das Messer weglegte, ohne etwas mit dem Zerhackten anzufangen.

„Ich gebe Ihnen den Traum und werde Ihre Fragen beantworten", zischelte Snape widerstrebend. „Aber sollte jemals ein Wort darüber bekannt werden…"

Tarsuinn hielt die Finger zum Vulkaniergruß nach oben.

„Ich schwör", sagte er freundlich lächelnd.

„Dies ist kein Scherz von mir!"

„Von mir auch nicht", versprach Tarsuinn ein wenig ernster und holte seinen Zauberstab heraus. Amüsiert bemerkte er, dass Snape kurz einen Schritt zurücktrat.

Wie Tarsuinn es von der Grauen Lady gelernt hatte, hielt er jedoch seinen Zauberstab über Stirn, Nase, Mund und Kinn. Dann sagte er feierlich: „Ich werde niemandem von meinem heutigen Gespräch mit Severus Snapes erzählen und auch über das Stillschweigen wahren, was er mir sonst noch mitteilt. Zufrieden, Professor?"

„Sie denken ernsthaft, dieser Kinderschwur wäre ausreichend?"

„Es ist der einzige Schwur auf Zaubererart, den ich kenne, und sicher vertrauen Sie dem mehr, als wenn ich Ihnen nur mein Wort gebe."

Tarsuinn genoss es heimlich, Snape dieses eine Mal fast durchgängig in der Defensive zu haben. Der Lehrer war es, der immer Momente zum Nachdenken brauchte und damit Unsicherheit zeigte.

„Setzen Sie sich und trinken Sie das!", befahl Snape plötzlich und vor Tarsuinn wurde etwas abgelegt.

„Was ist das?", erkundigte sich Tarsuinn misstrauisch.

„Der Traum. Sie wollten doch wissen, was ich träume, und wenn Sie nicht gerade ein Denkarium zur Hand haben, müssen Sie die Erinnerung wohl oder übel schlucken."

„So was geht?", staunte Tarsuinn, doch Snape würdigte ihn keiner Antwort. Es war zwar blöd… „Professor Moody wird mich dafür lynchen, sollte er davon erfahren", murmelte er, tastete mit seinen Fingern über den Tisch, fand ein Reagenzglas, entkorkte es und trank, nachdem er sich gesetzt hatte.

Vor ihm stand Marie-Ann in dem Kleid, dass er von ihrem Vermächtnis kannte, jedoch ohne den Strick um den Hals. Sie schaute nicht traurig, wie er es von ihr kannte, sondern herrisch und viel plastischer, als er sie jemals gesehen hatte. Durchscheinende Runen umkreisten ihren Kopf.

Marie-Anns Hand winkte befehlend und Tarsuinn wurde ohne Chance sich zu wehren auf die Knie gezwungen.

Du wirst Nanny Fran im Elsterweg die Sachen geben, die ich dir schickte. Irgendwann wird jemand wie ich dich nach dieser Nacht fragen und du wirst antworten. Ich vertraue dir! Wirst du es tun?"

Die Runen wirbelten immer schneller, hüllten das Mädchen ein.

Wirst du es tun?", hallte ihre Stimme unerträglich laut durch den Raum.

Tarsuinn wollte ja sagen, aber er konnte nicht.

Wirst du es tun?", verursachten erneut ihre Worte Schmerzen.

Erst nach dem fünften Mal konnte Tarsuinn antworten.

Ja", sagte er mit Professor Snapes Stimme.

Tarsuinn kippte fast Stuhl, als die Erinnerung abrupt endete. Es war, als hätte er eben eine saftige Ohrfeige bekommen. Snapes Wesen war ihm unangenehm.

„Haben Sie gesehen, was Sie zu sehen erwarteten, McNamara?", fragte Snape mit einer seltsamen Mischung aus Befriedigung, Sorgen und Neugier – und Tarsuinn verstand plötzlich den Mann. Snape war wie Tarsuinn früher, wenn es um die Kontrolle seines Selbst ging. Er teilte ungern Probleme und verabscheute es, eine Schwäche zu zeigen. Deshalb hasste er Tarsuinn im Moment, doch anscheinend hasste er die Machtlosigkeit in seinem Traum noch mehr. Snape wusste gar nicht, wie gut er es hatte.

„Könnte ich was zu trinken haben?", krächzte Tarsuinn mit seltsam trockener Kehle. „Der Geschmack war… ähem… gewöhnungsbedürftig." Zu seinem noch größeren Erstaunen erfüllte Snape ihm seinen Wunsch mit einer Tasse ungesüßten Schwarzen Tee. „Danke", sagte Tarsuinn, weil er es seltsamerweise für angebracht hielt.

„Nun?", fragte Snape schon nach dem ersten Schluck.

„Ich denke, auf die eine oder andere Weise sind Sie ein Prinz, Professor. Ich bin mir sicher, der Traum sollte gar nicht Sie treffen."

„Und Sie wissen, wie man das beendet?"

„Es kann sein", sagte Tarsuinn vorsichtig und beschloss nicht alles zu sagen. „Die Runen sagen, dass der Zauber endet, wenn eine Information weitergegeben wurde. Wenn Sie also nicht wissen, was es ist, kann nur derjenige sie beantworten, der eigentlich gemeint war. Das Problem ist, dass er oder sie wahrscheinlich tot ist. Die Runen waren gut hundert Jahre alt."

Mit dieser Antwort schien Snape nicht sonderlich zufrieden zu sein.

„Warum ändern Sie nicht einfach die Runen, McNamara?", schlug er säuerlich vor.

„Weil man einen fertigen, sehr komplizierten Zaubertrank nicht einfach in einen anderen umwandeln kann, nur weil man ein paar Zutaten hineinschmeißt."

„Ein simples: Es geht nicht, hätte völlig gereicht, McNamara!", fuhr Snape ihn an.

„Wenn Sie es so möchten, Professor", erwiderte Tarsuinn. „Es geht einfach nicht."

„Sie sagen nicht alles."

„Sie auch nicht."

„Ich bin der Lehrer!", fauchte Snape.

„Sie sind der Bittsteller", fauchte Tarsuinn zurück.

„Das…"

„Ich will Ihnen verdammt noch mal helfen!", verlor Tarsuinn plötzlich die Beherrschung. Er wusste nicht, woher dieser plötzliche emotionale Schub kam und er hatte sogar für einen Moment den Drang den Zorn herauszulassen, doch das wäre wohl in Richtung Selbstmord gegangen. Snape wusste sich zu verteidigen und hier im Raum gab es so viel, was einen umbringen konnte, wenn es aus den Probe- und Vorratsgefäßen frei gesprengt wurde. So zwang er alles zurück. Seine Hände brannten vor Schmerz, so als würden tausend Nadeln sich von ihnen nach außen bohren und dann spürte er Blut auf den Tisch tropfen. Er wollte gerade in Panik aufspringen und aus dem Raum rennen, als seine Hände hochgerissen und in eine kühle, lindernde Flüssigkeit getaucht wurden. Es fehlte nur noch ein lautes Zischen und es wäre wie in einem Zeichentrickfilm gewesen.

„Beherrschen Sie sich!", befahl Snape und schien unfähig zu begreifen, dass seine Stimme nicht sonderlich hilfreich dabei war. „Sie bleiben hier und lassen ihre Hände in der Murtlap-Essenz. Sobald der Schmerz nachgelassen hat, gehen Sie in Ihren Turm und sofort schlafen. Sie meiden jeden Kontakt, nehmen diesen Trank vor dem Schlafengehen und Sie werden nächste Woche noch einmal hier vorbeikommen und die Essenz ersetzen, die Sie eben verunreinigt haben. Und wagen Sie es nie wieder, mich mit einem Muggeltitel zu bezeichnen."

Dann rauschte der Lehrer eilends davon und ließ einen reichlich verwirrten Tarsuinn zurück. Konnte es denn sein, dass Snape doch ein Mensch war? Oder zumindest ab und an?


„Ein Familienname!" Toireasa schien sich sicher zu sein. „Prinz! Prince ist kein Titel, sondern ein Familiennamen. Ein Slytherinname!"

„Woher willst du denn das wissen?", fragte Winona.

Tarsuinn, der keine von Snapes Anweisungen befolgt hatte, außer der, den Raum zu verlassen, hörte den beiden Mädchen interessiert zu. In seinem Kopf summte und brummte es, weshalb er nicht richtig mitdenken konnte. Seine Hände kribbelten noch immer unangenehm, aber wenigstens hatte Snapes Murtlap-Essenz die Schnitte geschlossen. Eigentlich nicht übel das Zeug.

„Ich hab den Namen in einen Bettpfosten geritzt gefunden", erklärte Toireasa. „Da gibt es hunderte von, aber der schien relativ neu zu sein. Laut William gibt es den Namen auch in den Jungenschlafräumen."

„Na ja, es würde schon passen", gab Winona zu. „Und ist sicher gar nicht so weit hergeholt wie ein echter Prinz. Aber der Name ist mir völlig unbekannt. Ich meine, die Zahl der Zaubererfamilien – Slytherinfamilien – ist ziemlich übersichtlich."

„Es wäre nicht die erste ausgestorbene Familie", meinte Toireasa. „Keine Kinder oder nur Mädchen und schon ist der Name tot. Mit mir stirbt ja auch Keary aus."

„Lass dir einfach nicht deinen Namen nehmen", sagte Winona entschlossen. „Ich zumindest gebe meinen nicht her. Diese altertümlichen Riten…"

„Ich weiß", lachte Toireasa. „Meine Mum hat sich ja auch durchgesetzt, genau wie deine."

„Jason Prince", murmelte Tarsuinn, der Schwierigkeiten hatte, den beiden zuzuhören. „Klingt nicht so falsch. Nur leider wissen wir das hundert Jahre zu spät."

„Wie kommst du denn darauf?", fragte Toireasa.

„Er wird doch wohl tot sein, oder?", vermutete Tarsuinn. „Das ist so ewig her."

„Nicht unbedingt", korrigierte Toireasa. „Hundert Jahre sind für einen Zauberer keine ungewöhnliche Sache. Professor McGonagall ist schon nah dran und Dumbledore sicher schon drüber."

„McGonagall ist schon alt geboren", unterstellte Winona.

„Aber hundert Jahre?", zweifelte Tarsuinn. „Das ist doch trotzdem ziemlich selten, oder?"

„Nicht so selten, wie du vielleicht denkst. Unsere Medizin ist in den meisten Fällen einfach besser und es gibt viele wie Winona, die sich das Beste aus beiden Welten zusammenraffen."

„Wir raffen nicht! Wir Darkclouds nutzen nur intelligent die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen."

„Und welche Ressource verkörpert Merton?"

„Merton ist mein williger Sklave und außerdem hat eine Göttin das Recht, sich von jemandem anbeten zu lassen."

„Oh vergib mir, oh du unser Sonnenschein", lästerte Toireasa. „Wir sind unwürdig in deinen Strahlen zu wandeln, doch gewähre uns die Gnade, in deinem Schatten existieren zu dürfen."

„Aber natürlich, meine Dienerin", erklärte Winona hoheitsvoll. „Du darfst sogar rechts zu meinen Füßen sitzen, wenn ich meinen Thron wieder besteige."

„Nein, was bist du heute gütig. Aber da du gerade dabei bist Geschenke zu verteilen, vielleicht kannst du ja deinen göttlichen Einfluss nutzen und Tarsuinn bei seinem Problem helfen? Wir suchen noch immer Jason Prince – oder was von ihm übrig ist."

„Seltsam, dass du das erwähnst, Ungläubige", lachte Winona laut und fröhlich. „Ich hatte eben überlegt, dass er es wirklich verdient hat und ich ihm diese Gunst erweisen sollte."

„Ach, und wie?"

„Ganz einfach. Bring mir was von diesem Jason – etwas Persönliches oder von ihm Angefertigtes – und ich finde ihn. Vorausgesetzt, er hat keine Anti-Aufspürzauber auf sich oder seinem Zuhause gesprochen."

„Und wo sollen wir etwas Persönliches herzaubern?", fragte Toireasa, die ein wenig unsicher schien, wie ernst es Winona eben gemeint hatte. „Ein Accio wird wohl kaum…"

„Nabundus!", unterbrach Tarsuinn die Mädchen.

„Was?", fragten Winona und Toireasa synchron.

„Nabundus", wiederholte Tarsuinn. „Der Archivar. Ihr erinnert euch? Wenn du, Winona, wirklich nur etwas Persönliches brauchst und es kein Scherz war, dann holen wir uns einfach eine alte Prüfung, oder so. Außerdem bekommen wir dann raus, ob mit Prince wirklich Jason gemeint war."

„Glaubst du wirklich, der Kobold wird uns eine Prüfung rausrücken?", zweifelte Toireasa. „Denk nur dran, wie er sich bei der Arbeit meiner Mutter angestellt hat."

„Billig wird es sicher nicht", pflichtete Tarsuinn mit zusammengebissenen Zähnen bei. „Ein Koboldessen wird es auf jeden Fall. Will mir jemand von euch bei der Zubereitung helfen?"

„Ähem, ja, würde ich ja gerne", log Winona und schien sich ein Lachen zu verkneifen. „Aber gerade eben fällt mir ein, dass ich mich ja mit meinem Sklaven verabredet habe und ich ihn besser nicht warten lassen sollte, damit er sich keine andere Göttin zum Anbeten sucht."

„Ja und ich…", gab Toireasa sich keine Mühe ihre Schadenfreude zu verbergen, „…muss mich ganz dringend auf den morgigen Hogsmeade-Einkauf vorbereiten. Ohne eine klare Liste bin ich völlig hilflos. Tut mir wirklich furchtbar leid, dir nicht helfen zu können. Meld dich einfach, wenn du fertig bist, okay?"


„Wahre Freunde erkennt man erst, wenn sie mit dir Koboldessen kochen", sagte Tarsuinn zu Tikki. Er ging gerade mit einer Klammer auf der Nase und einem Tablett in den Händen durch das schier unendlich scheinende Archiv von Hogwarts. Tikki lief mit gehörigem Abstand voraus. „Sollte ich jemals Kinder haben, hab ich so wenigstens schon mal eine Weisheit, die ich an sie weitergeben kann."

Tikki fand, dass er sogar eine wirksame Bestrafung für böse Kinder erfunden hatte. Und für arme, kleine Mungos auch.

Sie waren beide absichtlich so laut, damit Nabundus, der Archivar, sie kommen hörte. Dank Bill Weasley, seinen Besuchen bei Tante Glenn und den Geschichtsbüchern wusste er inzwischen noch besser, wie gefährlich Kobolde sein konnten. Lieber nicht überraschen, auch – oder besonders – wenn man mit Geschenken kam. Einer der Koboldkriege hatte damit angefangen.

Doch seine Sorge war umsonst. Sein Krach verfehlte seine Wirkung nicht und entsprechend fiel die Begrüßung aus, als er das Zentrum des Archivs endlich erreichte.

„Was willst du, kleiner Mensch?", fragte Nabundus misstrauisch.

„Nichts Schlimmes", versicherte Tarsuinn so freundlich es mit einer zugeklammerten Nase ging.

„Du bringst gutes Essen mit", entgegnete der Kobold unfreundlich. „Du willst also keinen kleinen Gefallen."

„Also ich würde ihn nicht groß nennen", korrigierte Tarsuinn vorsichtig. „Aber ich schätze, für einen Archivar ist es doch schon ein wenig anders."

„Wieder eine Recherche in der Vergangenheit?"

„Nicht unbedingt", tat Tarsuinn sich ein wenig schwer. Sein früheres Erlebnis mit Nabundus hatte ihm mehr als klar gemacht, wie ungern sich dieser von irgendetwas trennen würde, was einmal hier unten gelandet war. „Ich brauche ein Dokument einer bestimmten Person. Keine Abschrift, das Original."

„Ach, und möchtest du auch gleich den Schlüssel zu meinem Gringotts-Verlies?", spottete der Kobold. „Kein Problem. Nimm nur. Ich bin ja die Koboldwohlfahrt."

Tarsuinn streckte die Hand aus und balancierte das Tablett mit der anderen aus.

„Was?", fragte Nabundus verwirrt.

„Den Schlüssel zu Gringotts", erkläre Tarsuinn. „Sie sagten, Sie geben ihn mir."

„Das sollte ein Witz sein!"

„Bei solchen Dingen machen Kobolde keine Witze", sagte Tarsuinn überzeugt. „Sprechen Kobolde über Gringotts oder Schätze, so meinen sie jedes Wort wie sie es meinen und Witze werden nur auf Kosten der Idioten gemacht, die so dumm sind, Gringotts und seine Kobolde herauszufordern."

Tarsuinn fand, dass es sich doch lohnte, bei Professor Binns und seinen Büchern aufzupassen.

„Ich bin aber kein Gringotts-Kobold", brummte Nabundus mies gelaunt. „Und ich lasse mir nicht von einem Menschen die Worte im Munde umdrehen."

„Es war nicht nötig, die Worte zu verdrehen", betonte Tarsuinn und ein kleiner, dunkler Teil seines Selbst genoss es, den unfreundlichen Kobold am Haken zu haben. Doch dann ließ er ihn wieder von der Angel. „Aber vergessen wir das. Ich wollte ja gar nicht Ihren Schlüssel. Ich will wirklich nur ein Schriftstück einer bestimmten Person. Egal was. Meinetwegen auch ein konfiszierter Spickzettel. Hauptsache handgeschrieben."

„Du hast doch nicht etwa vor, jemanden zu verfluchen oder zu verhexen?", fragte Nabundus ohne tadelnd zu klingen.

„Nein."

„Gut, dann gib mir das Essen!"

Tarsuinn stellte das Tablett auf den Tisch und beneidete Tikki, die sofort davonlief. Er selbst konnte nur tatenlos daneben stehen und versuchen die Tränen zu unterdrücken, die der Gestank hervorrief, als der Kobold den Deckel öffnete.

„Koboldhaggis", staunte Nabundus und Tarsuinn genoss seine Überraschung. Allein Haggis zuzubereiten war eine widerliche Erfahrung, aber der spezielle Koboldtouch war, mit all dem halbvergammelten Gemüse und der nicht abgeschabten Mageninnenwand, der angesäuerten Leber und zur Krönung einem Hauch Rotzwurz, die er Snape geklaut hatte, ein wahrer Kotzgarant. Auf der anderen Seite war es auch schon wieder recht befriedigend, denn er war sich sicher, Snape hasste es extrem, was er aus der sehr seltenen Zutat gemacht hatte. Aber Tarsuinn alleine in der Nähe eines Vorratsschrankes zu lassen, war geradezu kriminell nachlässig.

Nabundus war inzwischen ohne Umschweife zum Essen übergegangen. Auf eine sehr geräuschvolle Art und Weise. Mit geschlossenem Mund zu kauen schien nicht die gute, alte Koboldart zu sein und wenn man schon rülpsen musste, dann auch bitte schön laut, lang und ins Gesicht des Kochs.

„Gerade mal annehmbar", nuschelte Nabundus und Speisebrocken und Spucke landeten auf Tarsuinn Händen, erst dann würgte der Archivar, gut hörbar, den letzten Bissen fast am Stück hinunter. „Und dann auch noch viel zu wenig."

„Ich kann mehr machen", versicherte Tarsuinn. „Wenn ich habe, weshalb ich hier bin!"

„Es war nichts ausgemacht!", lachte der Kobold hämisch.

„Das ist mir bewusst."

„Dann ist dir auch bewusst, dass du von mir gar nichts bekommen wirst, Menschenbalg. Nimm dein abartig hässliches Wesen und verschwinde! Aus meinem Archiv verschwindet nichts. Niemals!"

„Sie sind wirklich furchtbar ausrechenbar", lächelte Tarsuinn und versuchte grausam wie ein Slytherin zu wirken. „Haben Sie denn überhaupt nicht daran gedacht, was Sie da essen?"

„Wie meinst du das?", war Nabundus irritiert.

„Nun", dehnte Tarsuinn das Wort bedeutungsvoll. „Wäre es bei Verhandlungen nicht sehr hilfreich, wenn man dem sturen Gegenüber erst mal ein wenig Gift verabreicht, damit er seinen Standpunkt ein wenig unvoreingenommener definiert?"

Tarsuinn war stolz auf diesen Satz. Doch in derselben Sekunde fiel ihm ein, was er bei Professors Binns Büchern über Kobolde gelernt hatte, wenn diese gereizt wurden.

Protego", rief Tarsuinn, wich zurück und duckte sich halb zur Seite. Doch das war nicht nötig. Professor Moody wäre vielleicht sogar stolz auf seinen Schutzzauber gewesen. Nicht nur der Zauber des Koboldes prallte ab, sondern er warf auch Nabundus nach hinten. Ein wenig war Tarsuinn entsetzt über den Kobold – und vor allem über sich selbst. Doch jetzt war es zu spät, um das alles gütlich zu regeln.

„Lassen Sie das", fauchte Tarsuinn und richtete den Zauberstab grob Richtung Nabundus. „Da war nichts vergiftet. Das war nur die Rache für das gestohlene Essen."

„Bedrohe nie einen Kobold", giftete Nabundus. „Und jetzt hau ab!"

„Das werde ich nicht. Sie werden mir noch etwas geben."

„Ich sagte: Nein! Und erst recht nicht, wenn mich mal wieder ein Zauberer mit seinem Holzstück bedroht. Na los, ist es nicht Zeit für einen Crucio?"

„Sowas hab ich nicht nötig", sagte Tarsuinn kühl, aber senkte den Zauberstab nicht. Regel Nummer eins im Umgang mit gereizten Kobolden: Niemals den Rücken zukehren. Regel Nummer zwei, wenn die Feindseligkeiten schon eröffnet sind, niemals die Deckung sinken lassen. „Ich wollte mit etwas anderem drohen."

„Es gibt nichts…"

„Miraluka spukt nur wenige Meilen von hier entfernt."

„Was geht mich das an?", fragte der Archivar abwertend, doch Tarsuinn empfindliches Gehör hörte ein verräterisches Zittern.

„Alles. Sie ist ein Geist, der nicht zur Ruhe kommt, weil er sich etwas vorgenommen hat und ihre Aufgabe hat sie in die Nähe von Hogwarts gezogen. Sie sucht hier seit Jahren nach einem Kobold und es gibt nur einen, der immer in der Nähe war."

„Das kann alles bedeuten!" Nabundus Lüge war nun offensichtlich.

„Mag sein, aber warum gibt es hier im Archiv nie Gespenster? Warum macht Peeves hier keinen Unsinn? Ganz einfach, kein Geist kann hier hinein und so ist es das perfekte Versteck, wenn man von einem Geist verfolgt wird."

„Alles nur Vermutungen!"

Wir sind gern bereit das zu testen", drohte Tarsuinn ruhig. „Es sei denn…" Er machte eine bedeutungsvolle Pause.

„Der Direktor wird davon erfahren. Er hat mir Sicherheit garantiert."

„Professor Dumbledore ist ein netter Mann", zuckte Tarsuinn die Schultern. „Aber auch er würde sich sicher dafür interessieren, wie Miraluka gestorben ist." Tarsuinn hob gebieterisch seine freie Hand, um den unweigerlichen Widerspruch zu unterdrücken. „Ich weiß, dass Sie ihr nur zuvorgekommen sind", versicherte er ehrlich. „Aber ich weiß auch, dass bei Kobolden eine Scheidung per Mord nicht legal ist!"

„Das ist eine infame…"

„…Unterstellung. Ich weiß. Ich weiß. Aber so ganz wie offiziell behauptet ist es wohl nicht gelaufen. Oder warum sonst ist Miraluka als Geist wieder erschienen? Schon mal aufgefallen? Ich zumindest kenne keinen Geist, der ruhig im Bett gestorben ist – wenn wir mal alle im Schlaf Erstickten oder Vergifteten außen vor lassen."

„Das ändert nichts an der Tatsache…"

„…dass meine Bitte nur eine Kleinigkeit ist. Relativ zu dem Ärger, den es gibt, wenn ich mit jemandem rede – oder plötzlich verschwinden sollte."

„Ich denke, letztere Möglichkeit ist durchaus einen Gedanken wert", schimpfte Nabundus, doch Tarsuinn hörte, dass er schon gewonnen hatte. Zumindest im Moment.

„Sicherlich verführerisch", gab Tarsuinn zu. „Und ich bin mir sicher, auf ewig könnte ich Ihre Magie nicht blocken. Aber lohnt sich das wirklich? Es geht doch nur um irgendeinen handschriftlichen Zettel. Hundert Jahre alt auch noch."

„Du hast keine Ahnung, Junge! Aus der hier gesammelten Vergangenheit kann man unendlich viel lernen."

„Und? Wie viele kommen hier herunter, um zu lernen? Und wie viele von denen bekommen die Erlaubnis?"

„Das ist hier nicht die Frage", beharrte der Archivar. „Ein Archiv muss komplett sein."

„Wozu, wenn keiner darin nachliest? Hier gibt es doch nur alte Prüfungen. Unbekanntes Wissen gibt es darin wohl kaum. Höchstens kann man nachschauen, ob jemand bei seinen Zeugnissen ein wenig kreativ Hand oder Zauberstab angelegt hat. Das ist aber schon alles."

„Meine Arbeit hier ist wichtig."

Tarsuinn spürte, dass er gerade kurz davor war, seinen Fuß auf eine Mine zu setzen.

„Natürlich ist das wichtig", stimmte er darum schnell zu. „Man braucht die Drohung eines gut geführten Archivs, damit niemand sich mit Magie besser machen kann, als er wirklich ist."

„Und es gibt immer welche, die es versuchen", erwähnte Nabundus mit einer sehr bösartigen Freude.

„Deshalb bin ich aber nicht hier", versicherte Tarsuinn.

„Sehr schade", bedauerte der Kobold ehrlich.

„Also geben Sie mir…?!"

„Nein."

„Nein?" Tarsuinn war erstaunt.

„Nein!", bestätigte Nabundus entschieden. „Ich hab eben festgestellt, dass mir langweilig ist. Seit Jahren bist du neben dem Direktor der Einzige, der es wagt hier regelmäßig vorbeizukommen. Ich bin hier unten quasi begraben. Also, erzähl es ruhig rum, Junge, oder versuch zu stehlen, was immer du hier suchst. Es ist mir egal. Ich werde es genießen mal wieder zu leben."

„Sie wollen das wirklich riskieren?", fragte Tarsuinn. „Na, wenn Sie unbedingt…"

„Als ob du den Schneid hättest, Kleiner", lachte Nabundus plötzlich. „Ich gebe zu, deine kleine Show hat mich zunächst getäuscht und ich hab für einen Moment vergessen, dass du nur ein Mensch bist und dich beinahe wie einen Kobold behandelt. Gut, gut. Deiner Slytherin-Freundin hätte ich es vielleicht abgenommen, aber die wäre sicher nicht mit einem Essen gekommen oder hätte von Anfang an verhandelt, ohne erst etwas kostenlos zu geben. Du bist zu weich, um einem Kobold zu drohen, kleiner Ravenclaw. Und dann auch noch ein Schutzzauber ohne einen Konterfluch. Ich bitte dich. Eine solche Gelegenheit darf man sich nicht entgehen lassen, wenn man es ernst meint. Vor allem wenn man ein Mensch…", das Wort klang wie Müll bei Nabundus, „…und ein Krüppel wie du ist."

Es war seltsam zu hören, dass Mensch eine schlimmere Beleidigung als Krüppel war. Tarsuinn verspürte den deutlichen Drang, dem Archivar dafür eine auf den Pelz zu brennen.

„Herzlichen Dank für den Hinweis", beherrschte er sich mühsam.

„Keine Ursache. Herzlichen Dank für das Essen."

„Ich wünschte, ich hätte es vergiftet", gestand Tarsuinn. „Aber das merk ich mir für das nächste Mal. Wir sehen uns, Mr Nabundus."

„Ich freue mich darauf."

„Wir werden sehen", gestand Tarsuinn ein und log dann noch nicht einmal. „Hier haben Sie diesmal gewonnen."

„Ich weiß, ich bin böse", amüsierte sich der Archivar. „Aber darin bin ich gut."

Tarsuinn gönnte ihm ein abfälliges Geräusch. Nabundus war alles andere, nur nicht böse. Oder wenn doch, dann nur ein kleines Licht. Er drehte sich ohne ein weiteres Wort um und ging mit betont hängenden Schultern davon. Ein wenig war er erstaunt über sich selbst, denn er war viel weiter gegangen, als er es jemals geplant hatte. Mit dem Gedanken gespielt – ja. So extrem zu drohen – nein. Zum Glück hatte Nabundus den einen Bluff durchschaut.

Tarsuinn erreichte die Ausgangstür und traf dort auf Tikki. Da er Nabundus und die zurückliegende Kobold-Mahlzeit riechen konnte, sagte er kein Wort, sondern passierte erst die Tür. Als kleine Gemeinheit schmierte er möglich unauffällig selbstgemixten Zauberkleber ins Schloss.

„Hast du was gefunden?", fragte er Tikki und hoffte fast, dass der Kobold an der Tür lauschte.

Die Antwort zauberte ein breites Grinsen auf Tarsuinns Gesicht. Hatte sich die Ablenkung von Nabundus und das damit verbundene Risiko also doch gelohnt. Er nahm Tikki auf den Arm und hüpfte dann fröhlich davon.

Fünfzehn Minuten später hatte er Winona aus dem Bett geworfen, indem er Tikki in ihren Schlafraum schickte.

„Muss dass denn unbedingt jetzt sein?", nörgelte das Mädchen. „Ich hab gerade so schön geträumt."

Sie saßen in Tarsuinns Raum auf dem Boden und Winona brannte irgendwelche unangenehm riechenden Kräuter ab.

„Du hast gesagt, ich könnte zu dir kommen, wenn ich was von Jason habe", erinnerte Tarsuinn sie.

„Ja, aber doch nicht gleich und mitten in der Nacht", beschwerte sie sich.

„Warum? Schlafen und Träumen ist eindeutig überbewertet", lächelte Tarsuinn und versuchte nicht zu heftig zu drängeln. „Komm schon. Du hast gesagt, du kannst ihn finden."

„Solange er nicht hinter irgendeinem Verschleierungszauber oder so was ist."

„Du hast gesagt, bei deiner Art von Magie würde das nicht viel helfen."

„Ja, das hab ich gesagt. Aber das war vielleicht ein wenig überoptimistisch."

„Ich weiß, dass du es schaffst!"

„Versuchst du es gerade mit so was wie positiver Bestärkung oder so einem Mist?"

„Natürlich nicht!", tat Tarsuinn unschuldig. „Funktioniert es?"

„Nein, du alter Slytherin", lachte Winona. „Aber da ich hier eh gerade drei Galeonen an Kräutern und importierem Büffelmist abgebrannt habe – keine Ahnung warum überhaupt – sollte ich es versuchen."

„Ich geb dir das Geld nach..."

„Halt die Klappe! Du kannst mich nicht sehen und ich will dich im Moment nicht hören. Ich bin hundemüde und muss mich konzentrieren. Ich hab nämlich nicht wirklich aufgepasst, als Ma mir das erklärt hat, und mein Akzent wird die Sache auch nicht besser machen."

„Dein Akz..."

„Klappe, hab ich gesagt!"

Tarsuinn verkniff sich die Frage und Sekunden später erübrigte sich dies auch. Winona begann in einer ihm unbekannten Sprache zu singen. Es klang sehr ursprünglich, fast kehlig und hatte einen seltsamen Rhythmus. Zusammen mit dem leicht schwindelig machenden Rauch der Kräuter hatte man das Gefühl zu schwanken. Er hatte einmal Alkohol getrunken und das hatte sich ähnlich angefühlt – nur war das mit dem Rauch viel angenehmer. Nur leider war der Erfolg nicht unbedingt unmittelbar. Was immer auch Winona versuchte, es war keine sonderlich fixe Sache.

Dafür aber eine sehr interessante für Tarsuinn. Der Gesang des Mädchens, der Rauch und die Magie lockten Geister an, die Winona umschwirrten wie Motten das Licht. Tarsuinn gefielen diese sehr, denn bisher hatte er fast nie Tiere mit den Augen gesehen. Doch hier gaben sich unzählige davon ein Stelldichein. Zum ersten Mal verstand Tarsuinn, warum Rica sich vor Würmern ekelte. Es mochte zwar sein, dass Gott sich bei deren Erschaffung etwas gedacht hatte, aber ästhetisch hatte er einen ganz schlechten Tag gehabt.

Trotzdem konnte er sich nicht an all diesen Formen satt sehen und so störte es ihn nicht im Geringsten, dass sich die ganze Sache stundenlang in die Länge zog. Es war wie Kino oder Halloween. Ob er Winona überzeugen konnte, die Show auch mal zum Spaß abzuziehen? Einmal im Monat vielleicht?

„Hab ihn!", keuchte Winona. Rings um sie herum lösten sich die Geister in kleinen silbernen Staubwolken auf.

„Und wo ist er?", fragte Tarsuinn und fühlte Enttäuschung darüber, wieder im Dunkeln zu stehen.

„Erst Wasser!", verlangte Winona krächzend.

Tarsuinn brachte ihr ein Glas mit der gewünschten Flüssigkeit und das Mädchen trank es gierig aus. Erst jetzt bemerkte er, wie sehr sie nach Schweiß roch.

„St. Mungos. Entweder im Hospital oder auf dem Friedhof daneben. Da war sich die Gruftschnecke nicht so sicher. Hatte ´nen ganz miesen Dialekt drauf die alte Schleimerin."

„Ich hab nix gehört."

„Ist ja auch kein Wunder. Was glaubst du, wofür die Stunden Singsang nötig waren. Damit bringt man sich auf dieselbe Wellenlänge und kann dann die Schwingungen verstehen, weil Tiergeister nur selten die Sprache von uns Menschen drauf haben – oder sie hassen. Kommt dann aufs Selbe raus."

„Und dann bist du dir sicher, dass du die Schwingungen richtig verstanden hast?", fragte Tarsuinn.

„Bezweifle ich, dass du hörst, was du behauptest zu hören?", murrte Winona verletzt und gähnte dann herzhaft. „Manchmal bist du richtig undankbar."

„Du bist dir doch selbst nicht sicher…"

„Das musst du aber nicht betonen", brummte Winona. „Du Holzklotz. Das ist genau wie bei Toireasa. Wenn ich es weiß und du es weißt, musst du es auch nicht aussprechen. Sie hat geheult, weil du irgendeinen doofen Gag gemacht hast."

„Ich hab mich doch schon lange bei ihr dafür entschuldigt", verteidigte sich Tarsuinn. „Gleich nachdem ich den Mist gesagt hatte."

„Das weiß ich ja. Aber es gibt Dinge, die tun trotz einer Entschuldigung weh."

„Aber was soll ich denn sonst noch machen?"

„Keine Ahnung. Vielleicht solltest du ihr sagen, dass du sie gern hast?!"

„Natürlich hab ich sie gern, das weiß sie doch."

„Nein! Sag ihr, dass du sie richtig gern hast."

„Ich versteh den Unterschied nicht", gestand er. „Kann man denn jemanden unrichtig gern haben?"

„So meinte ich das nicht. Ich…"

Es klopfte laut an der Tür. Tarsuinn öffnete sie einen Spalt, weil er nicht wollte, dass jemand hineinsah, solange er nicht wusste wer es war.

„Heh, Tarsuinn", fragte Merton. „Alles okay? Es stinkt verbrannt und irgendwie seltsam aus deinem Raum. Ist doch hoffentlich kein Trank hochgegangen, oder?"

„Alles in Ordnung", antwortete Tarsuinn, „Wir sind hier fertig."

Merton war okay und so öffnete Tarsuinn die Tür etwas weiter.

„Wir?", fragte Merton beim Eintreten und fügte dann erstaunt hinzu. „Winona, was machst du denn hier?"

Der Junge hatte dabei einen ganz seltsamen Ton in seiner Stimme.

„Ich hab Tarsuinn nur bei einem kleinen magischen Problem geholfen", erklärte Winona. „Echt!"

„Na sicher doch", fand jetzt auch Merton munter. „Was denn sonst?" Es wurde mal wieder rumgeknutscht. „Aber für deinen Ruf ist es ganz schlimm, wenn du am Morgen aus Tarsuinns stiller Kammer kommst, meine kleine Tigerkatze."

„Wenn ich meinen Ruf versaue, dann nur mit dir", säuselte Winona. „Komm, mein strahlender Held. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir ein romantisches Date in Hogsmeade heute. Du hast mir ein Essen bei Elfenschein versprochen."

„Und was ich versprochen hab…"

Tarsuinn zwang sich wegzuhören. Es war Zeit zum Aufstehen und so verabschiedete er sich in seinen Waschraum. Den Schlaf musste er morgen nachholen. Heute hatte er zu viel zu tun.

Zum Glück hatte Snape gestern die Strafstunde verschoben, weshalb er problemlos nach Hogsmeade konnte – auch wenn es Tarsuinn heute sowieso ignoriert hätte.

Das Frühstück unten in der Großen Halle schlang er so schnell er konnte hinunter. Nicht, dass er sich dabei sehr von den anderen Schülern unterschied. Es gab sogar einige, die das Frühstück ausließen, nur um ein paar Minuten zu sparen. Tarsuinn empfand das als Geldverschwendung. Die Küche von Hogwarts konnte sich mit allem messen, was man in Hogsmeade teuer kaufen musste.

Dann, schon auf dem Weg ins Dorf, gab er sich Mühe unauffällig ein wenig Abstand zu Winona und Merton aufzubauen. Zum Glück half ihm Toireasa tatkräftig dabei. Tarsuinn musste nur eine kleine Andeutung darüber machen, dass es Neuigkeiten gab, und schon sorgte das Mädchen dafür, dass auf dem Weg ins Dorf niemand nah genug zum Zuhören war.

Toireasa führte ihn, Tarsuinn erzählte und Tikki nutzte die ersten warmen Sonnenstrahlen des Tages, um endlich mal wieder herumzutoben.

„Und was hast du jetzt vor?", fragte das Mädchen, als er mit der Erkenntnis des Morgens endete.

„Einen kleinen Ausflug nach St. Mungos", entgegnete Tarsuinn.

„Eigentlich logisch", fand Toireasa. „Ich kann ja mal sehen, ob wir da vielleicht die Hilfe von Williams Onkel bekommen. Dann können wir im Sommer..."

„Ich dachte eigentlich an heute", korrigierte er leise, damit Winona nichts hörte.

„Du bist irre!", urteilte Toireasa. „Uns aus Hogsmeade zu entfernen ist keine unserer üblichen Kleinigkeiten. Dafür verbieten sie uns Hogsmeade auf ewig und drei Tage oder wir fliegen von der Schule!"

„Ich zwinge dich nicht mitzukommen", bot Tarsuinn an, obwohl er gar nicht wusste, wie er ohne Hilfe etwas bewirken sollte. Es war nicht einfach sich durch eine unbekannte Gegend zu navigieren, vor allem, wenn man nicht auffallen wollte.

„Als ob ich eine Wahl hätte", murrte Toireasa. „Ich muss doch auf dich aufpassen – wenn ich dich schon nicht verpetzen kann. Es sei denn, dir fällt noch eine dritte Lösung ein."

„Keine, die unser beider Willen durchsetzt", erklärte er ernst.

„Und einfach Medir um Hilfe bitten kommt nicht in Frage?"

„Nein. Ich muss das einfach selbst machen." Davon war Tarsuinn ehrlich überzeugt.

Toireasa schien mit dieser Antwort nicht sonderlich zufrieden zu sein. Zumindest sagte sie eine Weile nichts.

„Wie kommen wir hin?", fragte sie dann schließlich. „Tante Glenns Kamin?"

„Lieber nicht. Ich bezweifle, dass Tantchen begeistert wäre, wenn ich durch die Weltgeschichte herumstrolche."

„Aber deinen Anhänger hast du bei dir?", vergewisserte sich das Mädchen. „Du weißt schon, den von Professor Dumbledore!"

„Ich wäre doof, wenn nicht", versicherte Tarsuinn, überprüfte das aber noch einmal mit einem kurzen Griff zu dem kleinen magischen Stein. Er hatte sich so sehr daran gewöhnt, dass er die Halskette schon völlig unbewusst jeden Morgen anlegte.

„Weiß Winona schon Bescheid?", fragte Toireasa weiter.

„Nein. Sie und Merton sollen ihr Date haben. Ist sicher besser so."

„Warum?"

„Einfach so", log Tarsuinn ein wenig. „Sie hat den ganzen Tag mit Merton verplant. Das will ich den beiden nicht nehmen. Und es wäre noch schlimmer, wenn sie zusammen mitkommen."

„Ich glaub, ich weiß was du meinst", lachte Toireasa. „Aber auf der anderen Seite könnten wir sie in St. Mungos als unzurechnungsfähig einweisen lassen und hätten so eine gute Ausrede, warum wir uns da rumtreiben."

„Ich bin mir sicher, es würde funktionieren", musste auch Tarsuinn lächeln. „Nur wie bekommen wir sie danach wieder frei?"

„Wäre das denn wirklich nötig?", Toireasas Stimme hatte einen verschwörerischen Tonfall angenommen. „Weißt du, manchmal glaube ich, die beiden haben ihr Hirn in Zuckerwatte getaucht. Sei froh, dass du das nur hören und nicht sehen musst."

Tarsuinn versuchte sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Zuerst ging sie an die Decke, wenn er ein paar kleine, zynische Witze machte, und dann machte sie es auch nicht besser. Der Unterschied war nur, ihm tat es wirklich nicht weh.

„Glaub mir, das tue ich", versicherte er ernst. „Allein das Geräusch, wenn sie rumknutschen, brrrr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies besser aussieht."

„Je nach dem Grad der Öffentlichkeit variiert das."

„Also nehmen wir sie doch mit?", fragte Tarsuinn schelmisch. „Und liefern sie bei der Gelegenheit ein?"

„Verführerisch, aber nein. Lassen wir sie allein und machen uns lieber keine Gedanken darüber."

„Genau. Sonst endet einer von uns mal genauso. Es ist also abgemacht! Wir warten bist die beiden sich von selbst absetzen, und schleichen uns dann davon."

„Abgemacht."

„Dann lass uns unauffällig sein."

Sie schlossen wieder zu Merton und Winona auf und zogen dann zunächst die übliche Hogsmeade-Tour durch. Zonkos, den Honigtopf und so weiter und so fort. Das war immer wieder interessant . Die Läden gaben sich immer viel Mühe den Schülern etwas Neues zu bieten, damit die Ausflüge niemals langweilig wurden und das Taschengeld locker saß. Zwar war Tarsuinn ein wenig häufiger in Hogsmeade als der regeltreue Durchschnittsschüler, aber da war er lieber bei Tante Glenn und die meisten Läden hatten um diese Urzeit sowieso zu.

Es machte so viel Spaß, dass Tarsuinn es beinahe bedauerte, als Winona und Merton sich zu ihrem Mittagessen verabschiedeten.

„Okay, die wären wir los", kommentierte Toireasa locker. „Wo, glaubst du, finden wir jetzt einen freien Kamin?"

„Ich denke, wir nehmen denselben, den auch Mertons kleine Schwester genommen hat."

„Und der wäre?"

„Der im Eberkopf. Anscheinend hat der Wirt nicht sonderlich viele Skrupel, wenn er dafür eine kleine Zuwendung erhält."

„Wir könnten aber auch einen kleinen Notfall initiieren", schlug Toireasa vor. „Und da St. Mungos dank Flohnetzwerk näher liegt als Hogwarts, hätten wir sogar eine klasse Ausrede, wenn sie uns erwischen."

„Stimmt eigentlich", fand Tarsuinn die Idee gut. „Und falls das nicht klappt, greifen wir halt doch zur guten alten Bestechung."

„Ist nur die Frage, was für einen Notfall faken wir?", dachte Toireasa laut nach.

„Wer spricht denn hier von faken?", meinte Tarsuinn ernst. „Ich denke, wir nehmen einfach deinen Trick von damals."

„Ähem. Das war kein Trick, das war eine Dummheit", schien Toireasa weniger begeistert.

„Deshalb ist das diesmal mein Part", sagte Tarsuinn. „Komm schon, dass ist doch nichts Schlimmes. Ich blute doch zwei-, dreimal die Woche."

„Das kannst du nicht ernsthaft vergleichen, oder? Für St. Mungos brauchen wir mehr als nur ein paar Schürfwunden."

„Das lass mal meine Sorge sein", versprach Tarsuinn. „Ich hab ziemlich viel aus Medirs Büchern gelernt."

Tarsuinn hoffte, dass Ricas Freund niemals erfuhr, was Tarsuinn mit diesem Wissen alles anfing. Zum Beispiel jetzt.

Toireasa suchte ihnen eine kleine, versteckte Ecke in der Nähe des Eberkopfes, damit der Weg nicht so lang wurde.

„Können wir nicht einfach einen Fluch benutzen?", fragte Toireasa unsicher, als Tarsuinn sein Messer zog. „Das wäre doch auch eine gute Erklärung."

„Eine gute Erklärung sicher", schüttelte Tarsuinn den Kopf. „Aber kennst du einen Fluch, den nicht jeder halbwegs talentierte Erwachsene aufheben kann?"

„Nicht im Moment", gestand Toireasa. „Aber muss das..."

Tarsuinn zog die Klinge über seine Hand. Das Mädchen und Tikki gaben zeitgleich einen erschrockenen Laut von sich. Es tat ziemlich weh, aber um die beiden nicht zu sehr zu beunruhigen, zwang er sein Gesicht zu absoluter Ruhe. Er holte sein bis dahin völlig sauberes Taschentuch aus der Tasche und wickelte es um seine Hand.

„Mann, das blutet aber", sagte Toireasa und Tarsuinn hörte sie dabei schwer schlucken.

„Na das will ich doch hoffen", entgegnete er ruhig. „Schließlich war das Messer mit einem Gerinnungshemmer überzogen."

„Mit was?", schnappte Toireasa erschrocken.

„Ein Gerinnungshemmer!", erklärte er ruhig. „Ist eigentlich dazu gedacht die Wirkung eines zu hoch dosierten Gerinnungsmittels umzukehren. Es gibt auch Flüche, die man damit..."

„Wie zum Teufel kommst du eigentlich auf den Gedanken, so was auf dein Messer zu schmieren?", fuhr Toireasa ihn an.

„Wie viele Gründe brauchst du?", stellte Tarsuinn kühl die Gegenfrage. „Und keine Sorge, ich hab das Gerinnungsmittel bei mir."

„Aber..."

„Ich will jetzt nicht darüber diskutieren", betonte er. „Es sei denn, du willst, dass ich verblute."

„Nein, du Spinner!", fauchte sie. „Du wirst jetzt dieses Gerinnungszeug auf deine Hand tun und dafür sorgen, dass es aufhört."

„Nun hab dich nicht...", versuchte Tarsuinn zu beschwichtigen.

„Ich will mich aber so haben! Und wenn du das jetzt nicht gleich rückgängig machst, dann mache ich hier und jetzt einen Aufstand!"

„Heb dir das doch für den Eberkopf auf", schlug Tarsuinn eigensinnig vor. „Du bist wirklich überzeugend."

„Ich werde gleich noch überzeugender und trete dir in den Hintern."

„Was ist nur los mit dir?", fragte Tarsuinn verwundert. Der Schnitt in seiner Hand tat ziemlich weh und ihm wurde ein wenig schwummrig. „Der Plan ist doch gut."

„Er ist beknackt", urteilte Toireasa zornig. „Es kann doch nicht sein, dass dir nix Besseres einfällt, als dich selbst zu verletzen."

„Ich hab mich von deiner Kreativität anstecken lassen."

„Nun, wie es aussieht, bin ich mit den Jahren schlauer und du dümmer geworden. Und deshalb sag ich, heil endlich die Wunde! Solange du das nicht gemacht hast, wirst du heute St. Mungos ganz sicher nicht besuchen."

Tarsuinn spürte nun langsam Zorn in sich aufsteigen. Sein Plan war gut – und überzeugend. Es hätte ganz sicher funktioniert. Aber nein. Plötzlich benahm Toireasa sich wie ein verweichlichtes Mädchen. Doch ihm fiel nichts ein, wie er seinen Plan jetzt noch durchziehen konnte. Toireasa zu schocken, war nur ein kurzer Gedanke, denn Rica hätte ihm das nie durchgehen lassen.

„Na gut", gab er nach der Prüfung seiner Möglichkeiten mürrisch nach. „Aber damit du es weißt, du hast einen Plan auf dem Gewissen, der schon einmal funktioniert hat und es sicher wieder getan hätte."

Sie antwortete nicht. Stattdessen beaufsichtigte sie sehr genau, dass er keinen Fehler machte, als er das Gerinnungsmittel auftrug. Nach dem ersten Heilzauber nahm sie sich sogar seine Hand, begutachtete sie und verlangte, dass er nachbesserte. Als dann, nach dem vierten Versuch, endlich nichts mehr zum Meckern da war, musste er auch noch das Blut abwaschen. Dazu erzeugte Toireasa mit ihrem Zauberstab einen eiskalten Wasserstrahl und Tarsuinn vermutete ganz stark, dass dies Absicht war.

„Gib mir dein Taschentuch!", befahl Toireasa. „Du bekommst meins, das ist noch sauber."

Sie wartete nicht auf seine Erlaubnis. So fest, wie sie ihr eigenes Tuch um seine Hand knotete, hatte sie sich noch nicht beruhigt. Er unterdrückte jedes Anzeichen von Schmerz, weil er ihr nicht Recht geben wollte. Wenn er doch nur ein wenig besser mit diesen Heilzaubern wäre, dann hätte er Toireasa beweisen können, wie gut sein Plan gewesen war. Jetzt konnte er nicht mal eine Faust machen und der ganze Aufwand war für die Katz gewesen.

„So – und jetzt folgst du mir und lässt mich machen", sagte Toireasa. „Ich bring dich nach St. Mungos – und zwar gesund."

Toireasa führte ihn nicht einmal, als sie zum Eberkopf gingen. Stattdessen saß Tikki auf Tarsuinns Schulter und seit langer Zeit gab sie mal wieder die Richtung vor. Sie schien es zu genießen und im Gegensatz zu Toireasa war sie überhaupt nicht sauer. Vielleicht ein wenig besorgt, aber vor allem sehr lieb zu ihm. Wann immer es der Weg zuließ, schmuste sie mit seiner Wange.

Oft hatte sie nicht Gelegenheit dazu, denn es war nicht sonderlich weit und Toireasa war nicht gerade langsam unterwegs und mehrere Meter voraus. Sie war schnurstracks zu dem Ort marschiert von dem eine interessante Geruchsmischung aus Bier, Schnaps, ungewaschenen Menschen, Knoblauch – und einer Ziege ausging.

„Sir!", sprach Toireasa jemanden relativ leise an. „Was kostet bei Ihnen die Benutzung Ihres Kamins für einen kleinen Ausflug?"

„Wie bitte?", fragte eine tiefe, sehr verblüffte Stimme.

„Ich möchte Sie bitten, mir und meinem Freund hier einen Ausflug durch Ihren Kamin zu gestatten, damit wir jemanden in St. Mungos besuchen können", erklärte Toireasa leise, aber sehr deutlich artikuliert. „Ich wollte deshalb wissen, wie hoch die Aufwandsentschädigung dafür ist?"

„Habt ihr dafür die Erlaubnis des Schulleiters?"

Tarsuinn konnte deutlich die Ablehnung des Mannes hören.

„Sir?!", sagte Toireasa verschwörerisch. „Wenn wir die hätten müssten, wir wohl kaum zu Ihnen kommen, oder? Es heißt, Sie hätten schon ein- oder zweimal die Augen zugedrückt. Wir wollen doch nur einen alten Mann besuchen."

„Ihr Kinder erzählt immer viel, wenn ihr was wollt."

„Vertrauen Sie uns", senkte Toireasa noch weiter die Stimme. „Wir gehören nicht zu denen, die viel erzählen. Außerdem ist es doch überhaupt nicht einsehbar, warum wir selbst an Wochenenden nicht mal unsere Verwandten sehen dürfen. Sie dürfen nicht hierher und wir dürfen nicht weg. Das sind doch extrem antiquierte Schulregeln und es ist überhaupt nicht einsehbar, warum das heute noch immer geht."

Tarsuinn spitzte interessiert die Ohren. Die Emotionen, die er von dem Mann auffing, passten irgendwie nicht richtig. Der Mann war bei Toireasas Worten zornig geworden, aber weder auf Toireasa, noch auf Tarsuinn.

„Na gut", sagte der Mann schließlich und in seiner Stimme war wirklich ein wenig alter Zorn zu hören, zusammen mit ein wenig bösartiger Befriedigung. „Aber seid vor dem Abend zurück! Nur zwischen siebzehn und achtzehn Uhr wird der Kamin kalt sein."

„Danke sehr, Sir. Das ist sehr nett von Ihnen", sülzte Toireasa.

„Ja, ja klar. Hier rüber", murmelte der Mann unfreundlich. „Und ich bekomme eine Galleone – von jedem von euch beiden."

„Natürlich, Sir!", meinte Toireasa sofort und schlug leicht mit ihrer Hand gegen Tarsuinns. „Lass Geld rüberwachsen", flüsterte sie leise. „Ich hab nicht so viel."

Er gab ihr die geforderte Summe, konnte sich aber einen Kommentar nicht verkneifen.

„Meine Lösung wäre billiger gewesen."

„Also für mich ist sie sogar kostenlos." Die Schadenfreude war ihr deutlich anzuhören. „Und außerdem wette ich, du hast Flohpulver dabei, richtig?"

„Richtig."

„Selbst gemacht?"

„Nee. Ich hab Merton die Reste abgekauft."

„Fein. Gib mir was! Aber du gehst trotzdem zuerst."

Sie schob ihn in einen noch warmen Kamin. Was für ein Mangel an Vertrauen!

„Sollte ich einen anderen Ort als St. Mungos hören…", sagte der Mann aus dem Eberkopf. „…dann finde ich euch schneller als ihr Kunkulúmbahija sagen könnt."

„Das könnte ich auch nach Stunden nicht", fand Tarsuinn und warf dann das Flohpulver vor seine Füße. „St. Mungos Hospital."

Sekunden später stolperte er vorwärts und ihn empfing ein verhasster Geruch. Ob Zaubererhospital oder normales Krankenhaus, seine Nase empfang kaum einen Unterschied – wenn man von der hohen Dosis Schwefel und Verbranntem hier absah.

Hinter ihm loderte das magische Feuer auf und Toireasa erschien hustend. Ihre Schritte aus dem Kamin waren aber absolut sicher. Kein Stolpern, kein Schwanken oder abstützen – man konnte richtig neidisch auf sie werden.

„Siehst du", sagte sie überlegen. „Es geht auch ohne Selbstverstümmlung."

„Und wie wollen wir hier dann weitermachen?", wollte er sich noch nicht geschlagen geben.

„Ganz einfach", tat Toireasa selbstsicher. „Komm einfach mit."

„Wir wäre es…", begann Tarsuinn, doch Toireasa war schon wieder ein Stück weg. „…mit einer helfenden Hand", vollendete er von ihr ungehört.

„Was ist nur mit ihr?", fragte er Tikki.

Die Antwort hatte was mit einer Vermutung über den Frühling und sich zieren zu tun – nichts woran Tarsuinn einen Gedanken verschwenden wollte. Hilfreicher war da eher Tikkis sanfter Trost, dass alles nur halb so schlimm war.

„Mrs?!", ertönte Toireasas Stimme laut vor ihm und er orientierte sich daran.

„Ja?", fragte eine Frau geschäftig. „Ah, ich sehe schon. Fluchblindheit. Keine Sorge, das haben wir…"

„Nein, Mrs", unterbrach Toireasa. „Das ist nicht heilbar. Wir sind eigentlich hier um unseren Ururgroßvater zu besuchen. Ma sagte, er wäre hier."

„Name?"

„Wir sind Merlin und Morgan Prince."

„Nein, ich meinte den Namen deines Ururur… waren es zwei oder drei…?"

„Es waren nur zwei Ur! Und er heißt Jason Prince."

„Oh deeeerrr", die Schwester klang nicht sonderlich verheißungsvoll. „Seid ihr sicher, dass ihr zu deeeemmm wollt? Dürft ihr das überhaupt?"

„Also meine Ma war dagegen, aber wir wollten ihn unbedingt mal kennenlernen. Wer hat denm schon einen Ururgroßvater, nicht wahr?"

„Wenn die alle so sind wie eurer, dann können die anderen sich glücklich schätzen", stellte die Frau sarkastisch fest. „Was macht ihr denn überhaupt hier? Solltet ihr nicht in Hogwarts sein?"

„Nein, wir haben Heimunterricht", stellte Toireasa erschreckend überheblich fest. „Unsere Eltern lassen nicht zu, dass unsere Ansichten durch diese Muggelfreunde da versaut werden."

Es vergingen keine zwei Sekunden, dann war die Stimme der Frau auf Gefrierschranktemperatur abgesunken.

„Ah ja", sagte sie. „Na, ich denke, so schlimm ist das nun für zwei solch starke Persönlichkeiten, wie ihr es seid, auch nicht, obwohl…", ihre Stimme wurde einen kurzen Moment wieder weicher, „…was sagt denn der junge Mann dazu?"

„Der ist nicht nur blind, sondern auch stumm", warf Toireasa arrogant klingend ein, noch bevor Tarsuinn auch nur den Mund öffnen konnte. Ihm blieb nichts anderes übrig als zu lächeln und die Retourkutsche hinzunehmen. Aber dass ihm Toireasa nach so langer Zeit diesen kleinen Spaß noch heimzahlte war schon gemein.

„Aber taub ist er nicht, oder?"

„Nein, ist er nicht", erklärte Toireasa.

„Nun, dann kann er ja doch antworten. Junge… Merlin, nicht wahr? Willst du auch zu deinem Großvater?"

Tarsuinn nickte deutlich.

„Na dann. Vierter Stock, Abteilung hab ich vergessen."

„Danke sehr. Komm, Merlin!"

Diesmal fasste Toireasa Tarsuinn bei der Hand und zog ihn mit sich.

„Das macht richtig Spaß", wisperte ihm Toireasa zu. „Gib es zu, ich bin gut."

Tarsuinn wagte es nicht zu antworten, solange er den Blick der Empfangsschwester in seinem Rücken spürte. Im Stillen musste er aber zugeben, dass Toireasa durchaus Recht hatte. Ihn hätte sie zwar nie im Leben mit dieser Vorstellung getäuscht, aber für Nichtlehrer reichte es lang und schmutzig.

Das Mädchen blieb bei einer Gruppe Leute stehen, es roch ein wenig nach verbranntem Fleisch und jemand schien kaum Luft zu bekommen. Dann schloss sich hinter ihnen scheppernd eine Art Gitter, wie es antiquierte Fahrstühle hatten.

„Un woin wolld ihr beid?", fragte eine schwer nuschelnde und gelangweilte weibliche Stimme.

„Stock vier, Abteilung hab ich vergessen."

„Alls kla!"

Mit einem heftigen Ruck bewegte sich der Fahrstuhl. Jedoch nicht nach oben oder unten, wie man es normalerweise erwartete, sondern erst mal nach hinten, dann nach unten, wieder zurück und dann doch endlich aufwärts.

„Erstr Stogg!", verkündete die Fahrstuhlbedienung und zeigte dann, dass sie doch deutlich sprechen konnte, wenn sie es nur wollte. „Tierkram. Sie, Sir. Sie mit der offensichtlichen Bisswunde eines Grups müssen hier raus. Sie, ja, Sie mit dem festgewachsenen Pfau auf dem Kopf. Auch Sie sind hier richtig."

„Nicht in diesem Ton, junge Dame", schimpfte eine alt klingende Hexe. „Ich kenne deine Mutter."

„Schön für Sie, ich versuche sie zu vergessen. Also raus mit Ihnen, bevor das verängstige Federvieh sich in meinen sauberen Fahrstuhl entleert. Nächstr Halt im drittn."

Armes Federvieh", hörte Tarsuinn sie dann noch flüstern, während Toireasa ganz leise kicherte.

Im dritten Stock wurden alle Kranken mit Vergiftungen beziehungsweise ihre Besucher rausgekehrt. Ein paar seltsame Richtungswechsel später erreichten sie den vierten Stock.

„Okay, alle raus hier. Wer vergessen hat, was er hier eigentlich macht, ist auch richtig. Schildern Sie genau das der Schwester rechts neben dem Fahrstuhl und man wird sich in passender Weise um Sie kümmern. Einen schönen Tag noch."

Toireasa zog ihn hinaus.

„Also, man sollte jeden, der denkt gute Zensuren sind nicht wichtig, zu der bringen", sagte Toireasa abfällig. „Wie kann man nur freiwillig so einen Job machen?"

„Es muss auch Jobs für Leute geben, die nicht so klug sind wie du", entgegnete Tarsuinn ernst.

„Ja, aber einen Fahrstuhl zu fahren und deshalb Patienten anzuöden, das ist unterste Schublade."

„Vielleicht hat sie bemerkt, dass du auf sie herabblickst?"

„Quatsch, ich würde mir so was nicht anmerken lassen und tu du nicht so, als hättest du nicht genau dasselbe gedacht."

Tarsuinn antwortete nicht darauf. Sie hatte durchaus ins Schwarze getroffen. Aber ob man so etwas sagte oder nur für einen Augenblick dachte, das waren zwei unterschiedliche Sachen.

„Und wohin müssen wir jetzt?", lenkte Tarsuinn vom Thema ab. „Weißt du, wo du mich hinführst oder gehst du nur auf gut Glück hier rum? Du weißt doch gar nicht, zu welcher Station wir müssen."

Als Toireasa antwortete, konnte Tarsuinn ihr Grinsen richtig fühlen.

„Wir gehen zur Station: Hab ich vergessen", sagte sie. „Das hat doch die Empfangsschwester gesagt."

„Aber, sie meinte doch damit...", Tarsuinn stutzte. „Das soll der Stationsname sein?"

„Genau! Station Hab-ich-vergessen. Ist hier überall ausgeschildert."

„Müssen ziemlich große Schilder sein. Nummern hätten nicht gereicht, oder?"

Warum mussten die Zauberer immer alles ein wenig anders machen.

„Nummern für Menschen, die alles vergessen? Wer kommt denn auf so dumme Ideen?"

„Muggel und ich!", gab Tarsuinn zu.

„Dafür musst du dich nicht schämen", ärgerte ihn Toireasa. „Du weißt es einfach nicht besser."

„Sagt das Mädchen, welches Star Trek nicht von Star Wars unterscheiden kann."

„Na und? Da sehe ich keinen Unterschied – und jetzt halt wieder die Klappe. Wir müssen bei ner Schwester nach dem richtigen Raum fragen und..."

Tarsuinn wurde zurückgerissen.

„Psst", flüsterte Toireasa leise, doch das war unnötig. Tikki und Tarsuinns Ohren waren genauso schnell wie seine Augen.

„Nicht doch, nicht doch, Gilderoy", sagte ein Mann und schnelle Schritte waren zu hören. „Wir haben doch versprochen, keine Ausflüge mehr zu machen?!"

„Aber ich wollte doch... Ich weiß... meine Fans erwarten doch... ich glaub... Blub?"

„Ach, Gilderoy", mischte sich eine matronenhafte Stimme ein. „Wir wollten doch ein lieber Junge sein. Wir mögen doch den feinen Pudding, wenn wir artig waren? Ist schon gut, Satorius. Ich bring unseren Gilderoy in sein Zimmer zurück. Wir wollen doch sicher etwas lesen?"

„Etwas über mich?", fragte der ehemalige Professor wie ein wissbegieriges Kleinkind. „Ich bin toll, nicht wahr?"

„Aber ganz sicher doch, Gilderoy. Komm, mein Lieber."

„Mann, dem hat Potter aber heftig im Gehirn rumgewurschtelt", flüsterte Toireasa ein wenig entsetzt.

„Also, ich hab gehört, dass Lockhart sich das mit einem Amnesiezauber und einem kaputten Zauberstab selbst angetan hat."

„Wie soll das gehen?", zweifelte Toireasa. „Der hat doch noch nie einen Zauber hinbekommen. Schon gar nicht so was Kompliziertes. Aber egal, das ist unsere Chance überhaupt nicht aufzufallen. Warte hier kurz."

Sie rannte dahin, wo er die matronenhafte Stimme gehört hatte, blieb da einige Sekunden stehen und kam dann zurück.

„Ich weiß jetzt, wo wir hin müssen. Scheint ein Einzelzimmer ganz am Ende des Flures zu sein. Komm!"

Sie schlichen, so schnell es leise ging durch den Gang und um zwei Ecken. Es war Tikki, die zuerst eine Warnung ausstieß.

„Moment", hielt Tarsuinn Toireasa zurück. Wenn die Wand nicht aus Glas war, hinter die er sie zog, dann hatte er sogar ein gutes Versteck gefunden.

Im Gang vor ihnen wurde eine Tür aufgerissen und ein Fluch zischte an ihrer Ecke vorbei.

„Raus hier!", drohte eine schwache Stimme, die nicht in der Lage war den Zorn zu transportieren, den Tarsuinn fühlte.

„Überleg es dir, Großva...", entgegnete eine recht ängstliche Männerstimme.

„Raus! Sonst verwandle ich euch in die Geier, die ihr seid!"

Drei Personen rannten aus dem Zimmer.

„Der ist total verrückt, Schatz", beschwerte sich eine Frau. „Nicht mal..."

Die Leute kamen um die Ecke und stießen beinahe mit Tarsuinn und Toireasa zusammen.

„Lass mich raten", fragte Tarsuinn leise, nachdem es wieder ruhig war. „Wir müssen genau in das Zimmer, wo es gerade gescheppert hat."

„Muss ich erst schauen... yep, du hast Recht."

„Da stellt sich aber Freude ein."

„Willst du die Sache jetzt abblasen?"

„Quatsch. Wir kommen mit Mad Eye Moody klar. Viel schlimmer kann es nicht sein."
„Auch wieder richtig", lachte Toireasa. „Am besten du redest und ich halt dir den Rücken frei."

„Gute Idee", fand auch Tarsuinn. „Was denkst du, Tikki? Irgendwelche Tipps oder Warnungen?"

Tikki pfiff in sein Ohr.

„Was sagt sie?", fragte Toireasa neugierig.

„Sie merkt an, dass wir uns ja nicht als Anverwandte ausgeben sollen. Dies könnte ein schlechtes Licht auf uns werfen."

„Hattest du das denn vor?"

„Ich hielt es eigentlich für eine gute Idee bei jemandem der sehr alt und anscheinend vergesslich ist."

„Heh, hast du vergessen, dass die Familie manchmal der größte Feind ist?"

„Wie könnte ich!"

„Ich wollt nur sicher gehen, dass diese Umgebung nicht dein Gedächtnis beeinflusst."

„Halt die Klappe oder du bist wieder die Stumme."

„Stört mich nicht", entgegnete Toireasa. „Ist doch ein toller Trick, um zu verhindern, dass man sich widerspricht."

„Meine Erfindung", sicherte sich Tarsuinn das Patent darauf.

„Dass du stolz auf so was bist, wundert mich nicht", meinte Toireasa abfällig. „Bist du bereit?"

„Nein."

„Na dann los!"

Sie zog ihn zur Tür und klopfte.

„Haut ab!", ertönte es von drinnen, doch noch während dieser Worte öffnete Toireasa die Tür.

„Mr Prince?", fragte Tarsuinn möglichst ruhig. „Hätten Sie eventuell einen Moment Zeit?"

„Zeit? Ich bin weit über hundert Jahre alt. Ich habe alles, nur keine Zeit mehr! Also, was wollt ihr?"

„Wir wollen Sie nur besuchen", versicherte Tarsuinn und fragte sich, ob er gleich von Anfang an offen sein sollte. „Das ist ein neues Schulprojekt. Man besucht ältere Leute, unterhält sie und profitiert von ihrer Lebenserfahrung, indem man zuhört."

„Und ihr seid keine dieser Plagen die sich Enkel, Urenkel nennen oder sonstwie mit mir verwandt sein wollen?"

„Nein!", sagte Tarsuinn fest.

„Soweit wir wissen, Sir!", mischte sich Toireasa ein. „Das kann man ja nie so genau sagen."

„Und ihr wollt auch nicht in mein Testament?"

„Zu erben ist immer nur mit Unglück verbunden, Sir!"

„Hey, Mädchen. Du scheinst den Durchblick zu haben. Und ich muss zugeben, ihr seht beide nicht aus wie meine bucklige Verwandtschaft. Ihr tragt die Nase nicht hoch genug und der Junge schaut viel zu intelligent. Hehe, meinst du nicht auch?"

„Ähem, ich bin blind, Sir!?", merkte Tarsuinn an.

„Ja, ich bin auch dieser Ansicht", fuhr der alte Mr Prince fort.

„Er spricht nicht mit dir!", flüsterte Toireasa Tarsuinn zu.

„Ich denke auch, es könnte eine angenehme Abwechslung sein", murmelte der Alte und langsam bekam Tarsuinn eine Vorstellung davon, warum der Mann hier war.

„Mit wem redet er dann?", flüsterte Tarsuinn zurück.

„Mit der Wand – oder der Luft. Schwer zu sagen."

„Gut, gut, gut", sagte Mr Prince. „Ihr dürft fragen, was ihr wollt. Selbst wenn ihr doch aus meiner Familie seid, so seid ihr doch um Längen kreativer als meine üblichen Ableger. Also?Was wollt ihr hören?"

„Worüber wollen Sie erzählen?", ging Tarsuinn die Sache langsam an.

„Der Fluch vorhin sah interessant aus", setzte Toireasa andere Prioritäten und spielte damit ihre Rolle wohl viel besser als er.

„Hihi. Ja, der Fluch. Die Mädchen haben sich seit meiner Zeit kaum verändert. Naja, vielleicht sind sie ein wenig hübscher geworden. Auch wenn sie damals besser wussten sich zu kleiden. Ja, du warst eh die Hübscheste. Weißt du noch, wie hübsch dein Kleid war?"

„Wieder mit der Luft?", wisperte Tarsuinn.

„Diesmal eindeutig die Wand."

„Sag mal, liegt er im Bett?"

„Yep. Er ist wirklich alt – aber seinen Zauberstab hält er noch immer perfekt in der Hand!"

Tarsuinn war danach eine doppeldeutige Bemerkung zu machen, er wusste jedoch einfach nicht welche. Aber er hatte ganz eindeutig das Gefühl, dass es sie gab.

„Ein hübsches Kleid würde dir auch stehen, kleine Lady. Dafür solltest du dich interessieren, nicht für Flüche. Es sei denn, du hast ein paar gierige Erben auf dem Hals, dann natürlich..."

„Nein, Sir", versicherte Toireasa. „Da fehlen mir hoffentlich noch viele Jahre."

„Na, allzu viele sollten es aber auch nicht werden, glaubt mir. Und außerdem muss es dir ja nicht wie mir gehen und für so viele missratene Enkel verantwortlich zeichnen. Hehe, diese Idioten. Wir haben sie alle reingelegt."

„Vorsicht, Sir", sagte Tarsuinn. „Nicht das Sie das Falsche verraten."

„Ach, Quatsch. Weiß doch eh jeder von diesen Geiern und ich find es gut, wenn der Rest der Welt es auch erfährt. Ich kann euch sagen, am Anfang waren sie alle sooo nett zu mir. Vor allem mein ältester Enkel, der natürlich ein komplettes Produkt meines Schwiegersohns ist. Er hat sich mit seiner eigenen Familie so rührend um mich gekümmert. Mich zu sich geholt, ich durfte in ihrem Haus leben – bis sie glaubten, ich hätte mein Testament für sie geändert. Als ich einige Wochen später wegen einer kleinen Grippe in St Mungos war, haben sie meinen Geisteszustand untersuchen lassen, mich entmündigt und zum Sterben hier abgeladen. Hehe, aber die kriegen nix. Meine Gloria hat alles schön wasserdicht gemacht..."

„Gloria Kondagion?", fragte Tarsuinn überrascht.

„Du kennst sie, Junge?"

„Ähem, ja. Irgendwie ist sie unsere Familienanwältin geworden", erklärte Tarsuinn. „Komplizierte Geschichte."

„Ist ne clevere Frau", urteilte Mr Prince leicht hustend. „Aber ein wenig gefühlskalt und berechnend. Doch genau so was braucht man als Hilfe, wenn man eine Bande von Essenz-Egeln daran hindern will an seinen Knochen zu nagen."

Eigentlich hätte Tarsuinn jetzt etwas zu Gloria Kondagions Verteidigung sagen müssen, doch da er noch immer etwas nachtragend war, unterließ er es. Schließlich konnte es ja sein, dass sie jetzt im Testament stand, was eigentlich eine gute Frage war, wenn er richtig darüber nachdachte.

„Steht Gloria in Ihrem Testament?", fragte er darum neugierig.

„Aber nein", war der alte Mann kurz empört. „Dann wäre sie nie meine Anwältin geworden. Außerdem war sie, glaub ich, ein wenig mau bei Kasse und noch keine richtige Anwältin wie jetzt. Sie hat mich im Grunde kostenlos beraten und erst als sie wirklich keine Gegenleistung forderte, hab ich sie meinem Freund Janos empfohlen und ihr eine kleine Starthilfe verpasst. Das, Kinder, müsst ihr euch merken. Leute, die etwas für euch ohne Gegenleistung tun, zu denen müsst ihr genauso großzügig sein. Während alle anderen nur das bekommen dürfen, was ihnen zusteht – und das kann auch mal der eine oder andere Fluch sein. Ja, das ist ein guter Tipp von uns. Die Weisheit meines Lebens sozusagen. Das hat sie mich gelehrt."

„Sie meinen Marie-Ann, nicht wahr?", nutze Tarsuinn den Moment. Zehn Sekunden später fürchtete er, dass er den alten Mann damit umgebracht hatte. Dem erschrockenen Keuchen des ersten Augenblickes folgte ein immer schwächer werdender Atemrhythmus.

„Soll ich einen Heiler holen?", fragte Toireasa besorgt.

„Nein, nein", hustete Jason Prince schwach. „Ich kann nicht sterben. Ihr Wille verhindert das, obwohl dies eben ein guter Versuch war."

„Es tut mir sehr leid, Mr Prince", sagte Tarsuinn beunruhigt. „Ich wollte Ihnen sicher nicht das Licht auspusten."

„Nicht, dass meine Brut nicht schon einmal etwas Ähnliches versucht hätte", entgegnete Mr Prince. „Aber so nahe war bisher noch keiner. Woher kennst du Marie-Anns Name, Junge?"

„Sie hat ihn uns gesagt", erklärte Tarsuinn.

„Das ist un...!"

„Genau genommen hat ihr Geist sich so vorgestellt...", unterbrach Tarsuinn schnell, damit keine Missverständnisse aufkamen. „...und ihr Vermächtnis an mich auch."

„Ihr Vermächtnis...? An dich...?", der Unglaube war deutlich in Mr Princes Stimme hörbar. Aber auch so etwas wie Hoffnung.

„Ja, sie hat es im Ostturm für mich hinterlassen. Hier, ich besitze sogar ihr Tagebuch."

Tarsuinn holte das traurige Buch hervor und hielt es dem alten Mann als Beweis hin. Doch das reichte diesem nicht.

„Das könnte jeder an sich gebracht haben. Wir sind nicht überzeugt!"

Tarsuinn brauchte nur einen kleinen Moment, um dieses erneute wir zu verkraften.

„Ich habe Marie-Anns Zauberstab. Den, den Sie zu Ihrer Nanny Fran im Elsterweg gebracht haben, sobald diese aus Askaban entlassen wurde."

„Zeig ihn mir."

Tarsuinn zog sehr vorsichtig seinen Zauberstab.

„Das ist nicht der Richtige!", sagte Mr Prince enttäuscht. „Wäre..."

„Moment bitte!", sagte Toireasa hastig und ein wenig laut. „Du hast die Farbe vergessen, Tarsuinn. Ich kümmere mich darum. Halt mal kurz still. Tergeo!"

Er konnte spüren wie der Feinreinigungszauber – in Medirs Buch wurde er empfohlen, um offene Wunden zu reinigen – die Farbe von seinem Zauberstab schälte.

„Ich erkennen ihn", sagte Jason Prince aufgeregt atmend.

„Nicht berühren", bat Tarsuinn. „Das könnte Sie wirklich umbringen und ich hätte ein Riesenproblem das zu erklären."

„Oh, ich weiß das", kicherte der Mann diesmal. „Ich hab ihre Anweisungen in dem Punkt einmal nicht befolgt und wachte einige Stunden später auf dem Boden liegend und völlig unterkühlt auf. Damals hätte ich beinahe aufgegeben. Aber nur beinahe."

„Weil Marie-Anns Zauber es nicht zuließ", erkannte Tarsuinn. „Ich bin mir sicher, sie hat es nicht so beabsichtigt."

„Oh, ich denke, genau das hat sie", antwortete Mr Prince, ohne einen Vorwurf. „Aber ich bin ihr deshalb nicht böse. Um ehrlich zu sein, ich hätte ihre Erinnerung schon vor Jahrzehnten aus mir herauszaubern können, aber als ich es endlich konnte, hatte ich mich zu sehr an ihre Gegenwart gewöhnt."

„Sie können sie sehen?", fragte Tarsuinn. „Jetzt?"

„Natürlich. Aber nur ich kann es. Am Anfang war sie nur in meinen Träumen, aber inzwischen ist sie immer bei mir und so bin ich nie allein. Aber du bist sicher nicht hier, nur um einem alten Mann seinen Frieden wiederzugeben, nicht wahr, Junge?"

„Ja", gestand Tarsuinn leise und fürchtete sich vor seiner nächsten Frage. „Ich will... Nein, ich muss wissen, was in der Nacht von Marie-Anns Tod passiert ist! Sie sagt, Sie sollen es mir erzählen!"

„Bist du dir sicher, dass du das wissen willst?"

„Ja", bat Tarsuinn. „Ich muss verstehen, warum sie sich umgebracht hat. Sie hatte doch eigentlich etwas ganz anderes vor. Sie wollte leben, nicht sterben."

„Ich kann nicht sagen, was sie wollte", erklärte der alte Mann schwach. „Ich kann dir nur sagen, was ich damals selbst erlebt habe. Aber ich kann dir versprechen, ich bin zu alt, um zu lügen."

„Um ehrlich zu sein, hoffe ich mehr darauf, dass Sie noch jung genug sind, um sich zu erinnern", konnte Tarsuinn sich die Bemerkung nicht verkneifen.

„Da habe ich vorgesorgt", lachte Mr Prince. „Mädchen, geh mal zu dem Bild da drüben und hol mir das Papier auf der Rückseite."

„Da hängt kein Bild, Sir!", merkte Toireasa verwundert an.

„Versuch es einfach, Mädchen. Dein blinder Freund würde es finden."

Toireasa ging ein paar Schritte um das Bett herum, ihre Hände glitten über die Wand und stießen dann gegen etwas.

„Ah, ein Versteckmich-Rahmen", sagte sie schließlich.

„Ja, gib bitte her, Mädchen – danke. Gut, das ist es. Mal schauen was ich alles schon wieder vergessen hatte. Aber keine Sorge, richtig senil bin ich nur, wenn mich meine Geier besuchen."

„Sind die denn alle so schlimm?", fragte Toireasa. Tarsuinn hätte ihr am liebsten auf den Fuß getreten, weil er endlich die Geschichte hören wollte, aber sie war zu weit weg.

„Nicht alle, nicht alle. Von den Snapes habe ich nie was gehört. Aber das ist kein Wunder, die kleine Prince hatte ja auch diesen Muggel geheiratet. Wenn die sich um mein Erbe beworben hätten, dann hätte es sicher Mord- und Fluchschäden gegen sie gegeben. Und mein Urenkel Joseph. Der ist auch so einer. Ist doch ernsthaft Priester in einer Muggel-/Zauberergemeinde geworden. Aber im Großen und Ganzen gibt es mehr Kakerlaken als Juwelen. Außer natürlich..."

„Ähem...", räusperte sich Tarsuinn ein wenig genervt. „Nachher vielleicht?"

„Wieso? Hast du Angst, ich könnte hier und jetzt sterben?"

„Nein. Ich fürchte nur, dass wir beide viel Ärger bekommen, wenn wir nicht pünktlich wieder in Hogwarts sind."

„Ihr seid abgehauen, nicht wahr?", fragte der alte Mann mit dunkler Stimme. „Nur um mich zu besuchen!"

„Ja", gab Tarsuinn zu.

„Dir ist das so wichtig, dass du riskierst von der Schule zu fliegen?"

„Er riskiert damit noch viel Schlimmeres", ergänzte Toireasa murmelnd, aber zum Glück schien das Gehör des Alten nicht mehr das Beste zu sein.

„Heh, ihr seid ja richtige kleine Draufgänger. Irgendwie gefällt mir das. Ich war auch so. Habt ihr den Geheimgang hinter der alten Buckelhexe auch schon entdeckt? Man muss nur…"

„Sir, bitte", unterbrach Tarsuinn, während Toireasa ein enttäuschtes Seufzen nicht unterdrücken konnte. „Marie-Ann!"

„Du bist aber ein echt seltsamer Verbrecher", lachte Jason Prince und begann danach heftig zu husten, so als würde er gleich wirklich den Staffelstab weitergeben. Seiner Nase und Tikki folgend ging Tarsuinn zu einem kleinen Beistelltisch, tastete sich über eine Unmengen Tränke und Salben, auch Rentnerparfüm genannt, und fand ein kleines Fläschchen, das laut seiner Erfahrung ein Beruhigungsmittel für die Lunge enthielt. Er hatte genau dies damals für Rica hergestellt und so war er sich seiner Wahl ziemlich sicher, als er es dem alten Mann reichte. Ein paar Sekunden später war der Hustenanfall vorbei.

„Danke, Junge", atmete Mr Prince schwer. „Man merkt, dass du nicht zu meiner Familie gehören kannst."

Tarsuinn schämte sich ein wenig, denn seine Gründe, dem Mann zu helfen, waren nicht besonders mitfühlend. Er hoffte inständig, dass sich dafür zu schämen ihn trotzdem einen Hauch besser machte. Deshalb wartete er auch geduldig und drängelte nicht noch einmal.

„Also", räusperte sich Mr Prince schließlich. „Bevor ich euch alles erzähle, möchte ich, dass ihr wisst, dass alles nur meine persönliche Sicht ist. Es muss nicht die Wahrheit sein, denn es ist nur die Wahrheit, die ich gesehen habe. Vielleicht wisst ihr schon durch das Tagebuch viel mehr, als ich jemals in Erfahrung bringen konnte."

„Es fehlt nur die letzte Nacht", erklärte Tarsuinn. „Sie hat nur geschrieben, es wäre vorbei."

„Oh, das hat nicht sie geschrieben", widersprach der alte Mann. „Das war ich. Sie war da schon tot."

„Sie haben das geschrieben?"

„Ja natürlich. Denkst du, sie hat das Tagebuch die ganze Zeit mit sich herumgeschleppt? Aber besser ich fange am Anfang an, nicht wahr? Gut! Also, die letzte Nacht. Wisst ihr, Marie-Ann hat mir ganz schön zugesetzt damals. Mehr als sie vielleicht ahnte. Ihr wisst doch sicher, dass sie mich für meine Gemeinheiten bestraft hat…?

Tarsuinn nickte stumm, aber sehr deutlich.

„Nun, das hat bis heute Auswirkungen und ich beende den Fluch nur deshalb nicht, weil ich ihn inzwischen sehr praktisch finde. Damals aber war es die Hölle. Ich habe plötzlich in die Seelen meiner Feinde schauen können – und noch schlimmer, die Wahrheit über meine Freunde erfahren. Meine damalige Freundin, ein intrigantes Miststück, war nur mit mir beisammen, weil sie das Geld unserer Familie anziehend fand. Ich selbst jedoch hab sie immer abgestoßen, weil mein Lachen zu schrill und mein Adamsapfel zu groß war. Außerdem mochte sie eher Muskeln und keine Streber. Aber ich hatte den Vorteil beliebt zu sein. Zumindest bildete ich mir das ein. Ich war nicht beliebt. Respektiert? Von einigen. Gefürchtet? Von vielen. Beneidet? Von jedem Slytherin. Ich stolperte wie in einem Alptraum durch die Schule. Ein Gryffindor – gerechtfertigte Verachtung. Eine Ravenclaw – panische Angst, weil ich sie mal verflucht hatte. Mira, ein Hufflepuff-Mädchen – hab sie später geheiratet – herablassendes Mitleid und Bedauern. Ich hatte mich wirklich immer für einen tollen Hecht gehalten. Und ich glaubte, jeder würde mich genauso toll finden. Die Erkenntnis, dass jeder, aber wirklich jeder, mich auf die eine oder andere Art verachtete, verstörte mich fast. Es gab nur zwei Personen, die wirklich ehrlich zu mir waren: Mira, die ich ja schon erwähnt habe, ach sie war eine tolle Frau, ein Glück, dass sie ihre Enkel nicht mehr erleben muss… Wo war ich?"

„Die zweite Person, die ehrlich zu Ihnen war", half Toireasa aus.

„Oh ja. Die zweite war natürlich Marie-Ann. Nicht, dass ihre Gefühle angenehm für mich waren, aber sie waren klar, präzise und absolut ehrlich. Wisst ihr, in ihr tobten die Gefühle auf eine sehr wilde Art und Weise und gleichzeitig kontrollierte sie sich mit einer eisigen Disziplin, dass einem ganz anders wurde. Trotzdem fühlte ich mich wohl, wenn sie in der Nähe war. Ich begann also, meine Freunde zu meiden und ihre Nähe zu suchen. Keine Ahnung, ob sie es je bemerkt hat. Zumindest wurde ich ein Außenseiter, genau wie sie. Ich versuchte nett zu ihr zu sein, weil ich damals noch hoffte, sie würde diesen Fluch von mir nehmen, aber sie blieb lieber für sich allein. Außerdem hatte ich damals schon den Eindruck, dass sie des Nachts irgendetwas anstellte. Sie bekam ständig Punktabzüge, weil sie im Unterricht einschlief und Hausaufgaben vergaß. Ich schätze, deshalb bekam sie auch nicht mit, wie sich das Unwetter über ihr zusammenbraute. Mehrmals hab ich versucht sie subtil zu warnen – doch ich war immer noch zu dumm, um es ihr direkt zu sagen. Ich bildete mir ein, es könnte mit meinen Freunden wieder so werden wie früher, wenn ich nur keine Kristallkugel zerschlug und mich nicht zu offen zu Marie-Ann bekannte. Was war ich nur für ein Naivling! Ich konnte einfach nicht glauben…

Nun ja, Logan… ihr wisst, wer Logan ist?"

Wieder nickte Tarsuinn.

„Hab ich mir gedacht. Also Logan McNair, dieser sadistische Mistkerl, wollte seine Macht beweisen und vor allem mir eins auswischen, weil ich ihm angedeutet hatte, er solle Marie-Ann in Ruhe lassen. Nur aus diesem Grund zog er dieses Tribunal ab und ich hatte nicht den Schneid, um ihm in den Arm zu fallen. Ich kann euch sagen, wir alle verfielen ziemlich in Panik, als Marie-Ann plötzlich nicht mehr da war. Alle Slytherins suchten nach ihr. Nicht, weil man sich um sie sorgte, sondern weil alle Angst hatten, dass man sie dafür verantwortlich machen würde. Als Marie-Ann ein paar Stunden später immer noch nicht aufgetaucht war, hatte ich in meinem Leben vielleicht wirklich zum ersten Mal Mut – und ging heimlich zum Direktor. Der fand sie dann auch und wischte das blöde Grinsen aus Logan McNairs Gesicht."

„Was trotzdem nicht sonderlich hilfreich war", murmelte Tarsuinn ein wenig zornig bei dem Gedanken, was jetzt kommen musste.

„Oh, es war sicher noch schlimmer, als du jetzt denkst. Logan McNair war und ist ein Sadist allererster Güte und Niederlagen kann er nicht vertragen. Ihm sein Vertrauensschülerabzeichen zu nehmen, war damals das Schlimmste, was ihm der Direktor als Strafe hatte antun können. Natürlich wollte er sich rächen und genauso natürlich wagte sich der feige Hund dabei nicht an den Direktor. Fast einen Monat lang versuchte ich herauszufinden, was er vorhatte – bis ich die Geduld verlor und ein wenig nachhalf. Heute würde ich dafür in Askaban landen, aber damals war man da ein wenig differenzierter. Kaum wusste ich, was passieren würde, rannte ich…"

„Was hatten Sie denn erfahren?", platzte es aus Tarsuinn heraus.

„Heh, ich erzähl die Geschichte, Junge. Also lass mich die Reihenfolge bestimmen. Ich rannte also, um in Marie-Anns Schlafsaal zu gelangen – zumindest versuchte ich es. Ihr zwei wisst ja vielleicht, was passiert, wenn man das als Junge versucht. Dieser blöde Orkan erfasste mich, schleuderte mich die Treppe wieder rauf und gegen die Wand. Wie der Zufall es so wollte, kam mir aber Marie-Ann entgegen. Wisst ihr, eigentlich war Schlafenszeit, aber sie war angezogen wie für einen langen Ausflug, genau wie Logan es erwartete. Ich warnte sie, ich bettelte sie geradezu an, nicht nach draußen zu gehen, doch sie sagte nur, sie müsste gehen. Ich bot ihr an, sie zu begleiten, doch noch während ich das tat, schockte sie mich und lief davon.

Sobald ich mich wieder bewegen konnte, rannte ich ihr nach. Ich fand sie nicht mehr, aber ich sah Logan, wie er zwei unbekannte Erwachsene, einen Mann und eine Frau, durch das Schloss führte. Weil ich nicht wusste, was ich anderes machen sollte, folgte ich denen. Sie gingen, nein, genauer gesagt sie schlichen zum Ostturm. Oben angekommen blieben sie vor einer verschlossenen Tür stehen, die sich auch mit Zaubern nicht öffnen ließ. Jedoch hörte man von drinnen Marie-Anns Stimme in einer seltsamen Sprache murmeln und ab und an auch etwas, was wie ein schmerzvolles Stöhnen klang. Das endete irgendwann und Logan, sein bester Freund und die zwei Erwachsenen postierten sich leise um die Tür herum. Es war offensichtlich was sie vorhatten und ich beschloss dazwischenzufunken. Als Marie-Ann die Tür von innen öffnete, griff ich ein und es gelang mir sogar, Logan, seinen Freund und einen der beiden Erwachsenen zu schocken. Doch die Frau duckte sich rechtzeitig und ihr Konter brachte mich fast um.

Aber zumindest hatte ich dafür gesorgt, dass Marie-Ann die Tür wieder hatte verschließen können. Ich selbst war noch bei Bewusstsein, aber entwaffnet, und Sekunden später auch noch geknebelt und gefesselt. Trotzdem bekam ich alles mit, was dann passierte.

Zuerst versuchten die Holts – ja, es waren Marie-Anns Eltern, sie waren wirklich da und nicht ahnungslos zu Hause – sie versuchten Marie-Ann zu schmeicheln, dass sie sich Sorgen machten und so weiter. Dass sie von Marie-Anns Fortschritten gehört hätten und das sie denken, dass alles gut werden würde. Also ich wäre darauf nicht reingefallen, doch Marie-Ann wurde nach einer Weile weich. Ich glaub, sie hat sich nie was anderes gewünscht, als eine Familie. Von ihren Eltern und später von uns Slytherins. Trotzdem war wohl die Vorstellung für sie zu verführerisch. Sie bestand nur darauf, noch einmal, ein einziges Mal in den Wald zu dürfen. Ihre Eltern versprachen ihr das, doch in diesem Moment gelang es mir, mich von meinem Knebel zu befreien und Marie-Ann zu warnen…" Hier schniefte der alte Mann laut und obwohl Tarsuinn ihn nicht sah, konnte er die Tränen spüren. „Bevor mich irgendwer unterbrechen konnte, schrie ich ihr zu, dass man sie in ein Irrenhaus bringen wollte. Glaubt mir, die Kombination aus einem Stillezauber und einem Cruciatus-Fluch ist eines der schlimmsten Dinge, die man einem Menschen antun kann. Man hat nicht einmal die Hoffnung, dass irgendjemand einen hören und retten könnte.

Als sie mit mir fertig waren, legten die Holts ihre Masken ab. Mit einer bösartigen Genugtuung erzählten sie Marie-Ann von den Babys die in Mrs Holt heranwuchsen, und von der Schande, die Marie-Anns Existenz für sie war. Sie lachten halb wahnsinnig, als Marie-Ann sagte, dass sie sterben würde, wenn sie nicht noch vor Mitternacht in den Wald käme. Die Holts boten ihr ihre Hilfe an, für den Fall, dass sie die Welt von ihrer Anwesenheit befreien wollte, und schlugen den Strick als humane Lösung vor. Logan setzte noch einen drauf und beschrieb was er noch… was er noch… ich kann nicht…"

Die Stimme von Mr Prince versagte.

„Mehr ist nicht nötig", sagte Tarsuinn leise. Einem inneren Impuls folgend, streckte er seine Hand aus, suchte das Gesicht des alten Mannes und strich dann zärtlich die Tränen von den Wangen. „Es ist okay. Marie-Ann ist jetzt zufrieden."

„Nein, ist sie noch nicht", fing sich der Alte wieder etwas. „Ich muss noch… noch gestehen."

„Was denn gestehen?", wollte Toireasa wissen. Sie hörte sich auch ein wenig mitgenommen an. Ihm war klar, dass sie sich für ihre Vorfahren schämte, auch wenn er nicht verstehen konnte, was sie denn dafür konnte.

„Als alles vorbei war, nach Stunden, bearbeiteten Logan und die Holts mich. Sie drohten, mich zu töten und meine Familie gleich mit. Ich hatte so viel Angst, weil ich dank Marie-Ann spüren konnte, dass sie es ernst meinten. Ich wollte nicht sterben und da ja alles sowieso zu spät war, habe ich schließlich nachgegeben. Den Holts schwor ich bei meinem Leben nichts zu erzählen. Sie brachten mich danach in die Gemeinschaftsräume und schärften mir ein, ja unauffällig zu sein, wenn am nächsten Morgen Marie-Ann vermisst werden würde.

Die ganze Nacht lag ich wach und hasste mich für meine Angst zu sterben. Am Morgen ging ich dann nicht zum Essen, sondern nach draußen, weil ich keinen Bissen herunterbekommen hätte. Außerdem glaubte ich, jeder würde mir meine Schuld ansehen. Was natürlich daran lag, dass ich schuldig war. Ich wollte nie wieder unter Menschen sein.

Aber natürlich hatte Marie-Ann andere Pläne. Kaum war ich draußen, schwebte ihre Eule zu mir und gab mir ihren letzten Brief mit Anweisungen, was ich zu tun hatte. Ich hab sie alle erfüllt – bis auf eine. Ich hab ihre persönlichen Sachen gestohlen und durch anderen Kram ersetzt. Dann habe ich die nach oben in den Ostturm gebracht und in einer Kiste verschlossen. Dort fand ich auch ihren Zauberstab in dem Versteck, welches sie mir beschrieben hatte und den brachte ich Jahre später der Frau namens Fran, als sie aus Askaban entlassen worden war. Ich tat alles, worum sie mich in dem Brief bat – nur die Wahrheit erzählte ich niemandem. Sie hatte mich darum gebeten. Sie hatte gewollt, dass ich ihre Eltern nach Askaban bringe, sodass sie sich dort an ihnen rächen konnte – ich muss zugeben, das habe ich bis heute nicht verstanden, wie sie das meinte. Doch ich wollte nicht sterben und so blieben ihre Eltern zunächst ungestraft."

„Zunächst?", fragte Toireasa leise.

„Ja, zunächst", sagte Jason Prince und klang jetzt ein wenig fröhlicher. „Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und ich begann heimlich die Holts zu ruinieren. Das war sicher nicht das, was Marie-Ann gewollt hätte, aber vielleicht war es noch schlimmer. Ich machte sie arm, ich entfremdete sie von ihren Kindern, die sie nach Marie-Ann bekamen, und ich sorgte dafür, dass sie glaubten, dass Logan McNair dafür verantwortlich war. Möglich, dass ich darüber meine Familie ein wenig vernachlässigt habe, aber es hat mir und Marie-Ann unheimlich viel Freude gemacht. Am Ende war sie auch fast zufrieden mit mir und hat mich nicht mehr einen Feigling geschimpft. Inzwischen kommen wir ganz gut miteinander aus, nicht wahr, Marie-Ann? Ja, ich finde es auch gut, dass ich es endlich den Richtigen erzählen konnte. Und jetzt bin ich bereit für das Ende."

Einige stille Sekunden vergingen.

„Ich wäre jetzt bereit für das Ende!", sagte der alte Mann etwas lauter. „Hallo?! He ihr, Mächte der Magie. Ich hab meinen Schwur gebrochen, meine Aufgabe erfüllt. Wird langsam Zeit, dass ihr den Sensenheini vorbei schickt. Kommt schon, worauf wartet ihr?"

„Ähem, Sir", sagte Tarsuinn leise. „Kann es nicht sein, dass ihr Schwur nicht mehr gilt, weil die Holts tot sind?"

„Was? Das kann doch nicht wahr sein!", beschwerte sich der alte Mann, als hätte man ihn eben beim Nachtisch betrogen. „Ich will meine Ruhe haben – endlich. Ich bin über hundert Jahre alt. Ich denke, das hab ich mir verdammt noch mal verdient! Jetzt wäre es genau richtig."

„Weil Sie jetzt nicht mehr befürchten müssen als Geist dazubleiben, nicht wahr?", vermutete Tarsuinn. „Jetzt, wo alles erledigt ist."

„Und wenn es so wäre? Ist das denn so unverständlich, dass ich endlich in Frieden abkratzen will?"

„Aber Ihre Zeit ist es anscheinend noch gar nicht", murmelte Toireasa.

„Und was soll ich denn machen? Heh!", fuhr Mr Prince sie an. „Hier erwartet mich doch nur Langeweile und meine Familie. Was lohnt sich denn da schon?"

„Müssen Sie denn überhaupt hierbleiben?", fragte Tarsuinn. „Okay, man hat Sie entmündigt, aber wer hat denn das Sorgerecht bekommen? Ihr Schwiegersohn?"

„Der Enkel meines Schwiegersohns. Wieso?"

„Na ja", dachte Tarsuinn laut nach. „Sie kennen Gloria und anscheinend ein hohes Tier im Ministerium. Sie haben Geld und sicherlich hat sich Ihr Vormund nicht wirklich um Sie gekümmert. Es sei denn, in dem Versuch Sie zu erpressen."

„Und?"

„Na überlegen Sie doch. Sie haben es doch geschafft Marie-Anns Erbe zu sichern, warum sollten Sie das für sich selbst nicht schaffen können?"

„Aber ich weiß überhaupt nicht wie. Mein Enkel ist doch mein Vormund."

„Dann tun Sie einfach so, als würden Sie langsam weich werden. Deuten Sie an, dass Sie ja gern das Testament ändern würden, aber das ja gar nicht mehr können. Wenn nur die Hälfte vom dem stimmt, was Sie von Ihrem Enkel sagen, dann werden Sie in Nullkommanichts wieder Ihr eigener Herr sein und mit Mrs Kondagions Hilfe wird Ihnen das niemand mehr streitig machen können. Dann leben Sie die Zeit, die Ihnen noch bleibt, in Saus und Braus, ziehen noch mal alles durch, was Sie schon immer noch machen wollten, verschenken Geld an Leute, die es besser brauchen, und besorgen sich ein paar Nu… Begleiterinnen, die Ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen. Baden Sie, lassen Sie sich rasieren, kaufen Sie sich eine Audienz beim Erzbischof, leben Sie einfach noch mal und dann, wenn Ihre Familie wegen Ihrer Verschwendungssucht völlig am Abdrehen ist, dann legen Sie sich ins Bett und schlafen mit einem fetten, breiten Grinsen ein. So würde ich es zumindest machen."

„Und ich würde das in Atlantis machen", fügte Toireasa hinzu. „Ich hab gehört, die sind da sehr sorgfältig, was die Sicherheit ihrer Gäste und der unerlaubten Zauberei von Ausländern angeht."

Eine kleine, atemlose Pause folgte.

„Wisst ihr was, Marie-Ann und ich haben beschlossen euch zu mögen", sagte der alte Mann schließlich. „Ihr seid echt okay."

Angebracht wäre hier vielleicht gewesen, dieses Kompliment zurückzugeben, aber das wäre unehrlich gewesen. Tarsuinn glaubte, dass der Mann einen echten Sockenschuss weg hatte und niemand war, den man verärgern sollte. Trotzdem fand Tarsuinn ihn ganz sympathisch, aber sein Geschmack an Erwachsenen war doch manchmal recht abnorm.

„Ich denken, wir würden Sie auch okay finden, wenn wir Sie näher kennen würden, Sir", sagte Toireasa diplomatisch. „Aber ich denke, es ist an der Zeit, dass wir uns zurück schleichen. Nach Hogwarts, damit wir keinen Ärger bekommen. Es ist schon ziemlich spät geworden."

„Müsst ihr wirklich schon gehen?", erkundigte sich Mr Prince traurig. „Ihr habt eine echt fiese Veranlagung. Ihr könntet mir sicher helfen, meine Familie noch ein wenig mehr zu quälen. Das macht sicher viel Spaß und ich könnte euch sicher einiges beibringen."

„Das Angebot ehrt uns, Sir", versicherte Toireasa. „Aber wir haben wirklich keine Zeit und ich bin mir sicher, sie werden viel Freude haben, sich das alles auszudenken."

„Oh ja. Das werde ich sicher haben. Aber ich will auch nicht, dass ihr Ärger bekommt. Also, wenn sie euch erwischen, dann geht zu Professor Slughorn. Sagt ihm, dass ich euch für begabt halte, dann wird das schon."

„Wer...?", wollte Tarsuinn fragen, doch Toireasa ergriff fest seine Hand. „Ach ja, Sluggy", versuchte er deshalb die Kurve zu bekommen. „Entschuldigung. Wir benutzen den richtigen Namen so selten."

„Na, lasst ihn das nicht hören. Horace ist sehr stolz auf seinen guten Namen."

„Mit Sicherheit nicht, Sir", versprach Toireasa. „Ein wunderschönes Leben noch."

„Ja, das wünsch ich Ihnen auch", fügte Tarsuinn hinzu. „Ach, und wenn Sie Ihre Zurechnungsfähigkeit beweisen, dann verheimlichen sie dem Gutachter am besten, dass sie Marie-Ann existiert. Glauben Sie mir, die habe kein Verständnis für unsichtbare Freunde."

„Ich werde dran denken. Aber eins noch, bevor ihr geht. Wie heißt ihr überhaupt?"

Tarsuinn musste lachen.

„Nein, Sir. Wir wollen wirklich nicht in Ihr Testament. Machen Sie sich einfach ein schönes Leben. Alles Gute, Mr Prince."

Sie verließen den alten Mann und machten sich auf den Rückweg. Noch im Weggehen hörte Tarsuinn, wie Mr Prince angeregt mit seiner eingebildeten Marie-Ann sprach. Er tat Tarsuinn ein wenig leid, denn es war ihm sonnenklar, dass Marie-Anns Zauber und ihr Tod sein Leben gründlich versaut hatten. Welchen anderen Grund sollte es sonst haben, wenn die Kinder und Enkel eines ansonsten ganz netten Mannes so missraten waren? Falls sie es überhaupt waren und Mr Prince nicht auch noch unter Verfolgungswahn litt.

Von daher war es vielleicht nicht nett gewesen, in der Erbschaftssache auch noch mit ein paar Ideen nachzuhelfen, doch in Tarsuinns Welt kam die Einweisung ins St. Mungos gleich nach dem Einsperren in Askaban.

So in Gedanken merkte er kaum, wie Toireasa und Tikki ihn zu einem Kamin lotsten, und erst der unangenehme Vorgang des Reisens mit dem Flohnetzwerk brachte ihn wieder in die richtige Welt zurück – plus ein paar recht heiße Sohlen, da im Kamin des Eberkopfes noch ein wenig Kohle glühte.

Sie bedankten sich trotzdem höflich beim Wirt. Man konnte schließlich nie wissen, wann man mal wieder einen Gefallen brauchte.

Danach mischten sie sich unauffällig unter die letzten Schüler, die Hogsmeade Richtung Schloss verließen.

„Alles okay mit dir?", fragte Tarsuinn leise seine Freundin. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass etwas in seiner Umgebung nicht stimmte, doch er konnte nicht feststellen, aus welcher Richtung es kam. „Bist du sauer, weil Mr Prince deine Familie ruiniert hat?"

„Hat er nicht!", entgegnete Toireasa überzeugt. „Wir haben unser Geld anderweitig ausgegeben. Aber wie kommst du darauf mich zu fragen, wie es mir geht? Eigentlich gebührt mir diese Frage – an dich! Ist dir übrigens aufgefallen, dass jeder dir was vererben will?"

„Jeder? Das war doch erst der Zweite", verteidigte sich Tarsuinn, weil es ihm selbst unangenehm war. „Und du hättest auch absahnen können, oder?"

„Ja genau", nörgelte Toireasa sarkastisch. „Inklusive Klagen, Hass und Feinde auf Lebenszeit, Schuldgefühle und so weiter. Nein danke! Außerdem weiß man nie, was man beim Erben bekommt."

„Geld, Schmuck, Edelsteine…"

„Gefährliche Bestien, verfluchte Kloschlüsseln, Wahnvorstellungen von toten Mädchen…"

„Wir haben Marie-Ann schon gesehen. Sie existiert", erinnerte er sie.

„Und zwar in einer Art Hölle. Entschuldige, Tarsuinn, aber je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr glaube ich, dass Marie-Ann einen Ausweg aus dem Ostturm hätte finden können. Sie war viel begabter als wir beide zusammen!"

„Was willst du damit sagen?", verstand Tarsuinn nicht, worauf sie hinaus wollte.

„Ich glaube ernsthaft, sie hat sich umgebracht, um es ihren Eltern mal so richtig zu zeigen."

„Das ist doch total abwegig!"

„Ist es nicht!"

„Ist es doch. Warum sollte jemand so etwas Schwachsinniges tun?! Sich umzubringen nur um es anderen zu zeigen… wer würde so was nur machen?"

„Das liegt daran, dass Rica dich immer geliebt hat und deine Eltern dir nicht viel bedeuten. Und bevor du was Dummes sagst, ich weiß genau, wie das ist, wenn man alles für die Anerkennung und die Liebe seiner Eltern tut. Du kannst nicht begreifen, wie sehr man sich nach einem Lob sehnt, nach einer liebevollen Geste, nach irgendwas, das einem beweist, dass man wichtig ist für die anderen. Ich war doch damals nur so sauer auf dich, weil ich mir eingeredet hatte, du wärst schuld daran, dass ich nicht Hüter für Slytherin geworden bin. Wäre ich das geworden, dann wäre zumindest mein Stiefvater stolz auf mich gewesen."

„Warum hast du dann aber mich fertig machen wollen? Ich hatte doch gar nichts damit zu tun! Es war Malfoys Schuld."

„Ja, aber es war doch viel einfacher dir die Schuld zu geben. Hätte ich innerhalb von Slytherin Stunk gemacht, dann wären meine Stiefeltern von mir enttäuscht gewesen. Also hab ich mir ein anderes Opfer gesucht – na ja, und den Rest kennst du ja. Ich weiß, ich war blöd, aber in der Zeit, als ich eine von allen Ausgestoßene war, da hab ich oft gewisse Gedanken gehabt…"

„Was für Gedanken denn?", begriff Tarsuinn nicht, wofür er von Tikki einen unsanften Denkanstoß ins Ohr bekam.

„Mich umzubringen", erklärte Toireasa genervt über seine Begriffsstutzigkeit. „Das war mir natürlich nicht wirklich ernst, aber wenn du gerade dabei bist dich in den Schlaf zu heulen, dann denkst du manchmal dran, wie es allen leid tun würde, wenn du plötzlich tot wärst. Wenn sie begreifen, dass es dich nicht mehr gibt und sie mit Schuld daran sind."

„Mit dem Gedanken zu spielen und es zu tun, sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge."

„Wenn du nicht mein Freund geworden wärst, dann wäre ich vielleicht auch nach einem Jahr soweit gewesen, es ernsthaft ins Auge zu fassen", gestand Toireasa in einem Ton ein, der Tarsuinn deutlich sagte, dass er jetzt bitte schön die Klappe zu halten habe. Aber irgendwie war er nicht bereit darauf zu hören.

„Ich verstehe das nicht", sagte er. „Deine Stiefeltern haben dich wie Abfall behandelt, warum solltest du so verzweifelt wollen, dass sie dich lieben?"

„Weil jeder Mensch von seinen Eltern geliebt werden will. Du bist da vielleicht ein wenig die Ausnahme von der Regel, aber stell dir einfach mal vor, dir würde es mit Rica so gehen. Denk nur mal dran, wie es dich trifft, wenn sie enttäuscht von dir ist…"

Wahrscheinlich wäre hier der Moment gewesen zu protestieren, weil Tarsuinn seine Eltern inzwischen nicht mehr egal waren. Aber die Vorstellung, die Toireasa ihm eben eingegeben hatte, beschäftigte ihn über alle Maßen. Rica war doch nicht enttäuscht von ihm, oder?

Schweigend erreichten sie Hogwarts, was in der schnatternden Schülerschar der Nachzügler sicher aufgefallen wäre, wenn jemand darauf geachtet hätte.

Statt sich zu trennen, um in ihre jeweiligen Häuser zu gehen, steigen Toireasa und Tarsuinn die Treppen hinauf in den Ravenclaw-Turm.

„Falsche Richtung", murmelte er, ohne ihre Hand loszulassen.

„Ich komme mit rauf", meinte Toireasa und klang sehr besorgt.

„Warum?"

„Weil du bleich wie ein Leichnam bist."

„Meine Hand tut nur weh", antwortete er. Verwundert stellte er fest, dass dies sogar stimmte.

„Wollen wir nicht lieber zu Madame Pomfrey?", fragte Toireasa.

„Nein, bloß nicht", schüttelte Tarsuinn entschieden den Kopf und schubste dabei fast Tikki von seiner Schulter. „Wenn sie das sieht, stellt sie sicher Fragen. Ist doch nur ein Kratzer. Oben habe ich genug Zeug gegen die Schmerzen."

„Wenn du meinst", gab Toireasa ohne großen Kampf nach. „Aber ich bringe dich bis zur Tür."

„Das ist doch nicht…", wollte er sich dagegen wehren, weil es wie der Abschluss eines Dates klang, aber ein extrem besorgter Laut Tikkis ließ ihn nachgeben. Erst jetzt bemerkte er, dass sie ihm die ganze Zeit im Schloss Anweisungen gegeben und dass er ihr instinktiv gehorcht hatte. Das war völlig untypisch für ihn in Hogwarts. Erstaunt lauschte er auf die Stimme Hogwarts – doch nur Stille antwortete ihm. Eine Stille, die verlangte zu lauschen.

Erinnere dich, wisperte Ricas Stimme wie ein Windhauch durch den Gang und an ihm vorbei.

Ein seltsames Gefühl stieg in Tarsuinn auf. Eine Verweigerung, die ihn zu schwächen schien.

Erinnere dich, rauschte es erneut und er fuhr erschrocken herum. Es war ihre alte, verkratzte Stimme gewesen. Die aus der Vergangenheit, die er heimlich viel lieber hatte als die Neue.

Nein!, schrie der Narr plötzlich in seinem Kopf. Die Wut knickte Tarsuinns Knie. In ihm tobte ein brennendes Feuer, attackierte mit aller Macht seine Selbstkontrolle – und gewann langsam die Oberhand.

Erinnere…

Ricas Stimme verging in einem Wispern, doch endlich erinnerte sich Tarsuinn an das Lied. Tief aus seiner frühesten Erinnerungen heraus erhob es sich… treibend… fordernd…


Hier wird noch ein Liedtext eingefügt - falls ich es schaffe, was vernünftiges zu schreiben


„Ich will nicht!", keuchte Tarsuinn und versuchte gegen den Narren und das Lied anzukämpfen.

„Was hast du, Tarsuinn?", hörte er Toireasa besorgt rufen, doch ihre Stimme war nur ein leises Flüstern in der Mitte eines brennenden Tornados.


Hier wird noch ein Liedtext eingefügt - falls ich es schaffe, was vernünftiges zu schreiben


„Lauft!", stöhnte Tarsuinn.

„Tarsuinn, was…?!"

„Lauft weg", brüllte er sie und Tikki an.

Er bekam nicht mehr mit, ob sie es taten. Dann kam der Moment an dem Tarsuinn verlor und als letzte Rettung einfach aufgab.

Das Letzte, was er hörte, war, wie Stein krachte und er explodierte…


www.storyteller-homepage.de 04/05/2008