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Kapitel 25 – Aufkommender Sturm
Am nächsten Morgen ging Hermine Draco aus dem Weg, der den gesamten Tag damit zubrachte, mit Harry ihre nächsten Schritte zu planen. Hermines einzige Interaktion mit den beiden war, als sie Draco seinen Trank brachte. Sie lächelte Harry strahlend an, plauderte über nebensächliche Dinge und funkelte Draco an. Sie bereitete ihnen etwas zu Essen zu und verzog sich selbst auf ihr Zimmer.
Sie hatte beabsichtigt, über alles nachzudenken, das mit ihr geschah – vor allem die ärgerlichen, nervigen Gefühle für Malfoy – doch den Großteil des Tages verbrachte sie damit, ins Leere zu starren und ihre Gedanken schweifen zu lassen.
Meistens landeten diese bei ihren Eltern. Ihr zweiter Todestag war morgen. Sie bezweifelte, dass Harry sich daran erinnerte. Er war so beschäftigt, dass es ihm entfallen sein würde. Und sie war sich gewiss, dass Draco nicht daran denken würde.
Sie war nicht einmal mehr wütend auf ihn, nur noch furchtbar traurig. Jene Dinge, die sie ihm an den Kopf geworfen hatte, entsprangen der Last des nahenden Todestages, keinesfalls irgendeinem Groll, den sie gegen ihn hegte. Sie dachte, er wüsste das, doch sie konnte sich nicht sicher sein. Sie hoffte es, da sie nicht sicher war, ob sie sich entschuldigen könnte, nicht mit dem, was in ihrem Inneren vorging. Es war zu schwer. Sie würde nur wieder in Tränen ausbrechen und zweimal innerhalb von zwei Tagen vor ihm zu weinen war nicht akzeptabel.
Nach dem Abendessen fand Hermine Harry und Draco über Papieren im Speisezimmer sitzen.
„Malfoy", sagte sie.
Er sah zu ihr auf.
„Ich muss nachsehen, ob deine Wunde geheilt ist."
„Okay… was muss ich dazu tun?"
„Leg dich hin und lass mich einen Blick auf deinen Bauch werfen."
Draco gefiel dieser Gedanke nicht besonders. „Wo?"
„Ist mir ziemlich egal."
„Das Sofa im Salon."
„Okay." Keiner von beiden rührte sich.
„Jetzt?", fragte er.
„Ja. Ich möchte ins Bett gehen."
„So früh, Hermine?", sagte Harry.
„Ich bin müde", erwiderte sie und verließ den Raum. Draco folgte ihr widerwillig in den Salon. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah zu, wie er sich hinlegte.
Ihr ungeduldiges Benehmen ging Draco auf die Nerven und machte ihn nervös. Was ziemlich albern war. Er sah Hermine an und wartete darauf, dass sie zu ihm kam und ihn untersuchte. Er sah sie stirnrunzeln und realisierte, dass sie genauso nervös war wie er, wenn nicht noch mehr. Sie war nicht ungeduldig, sondern nervös vor dem, was sie tun musste. Das letzte Mal, da sie sich seine Verletzungen angesehen hatte, war er bewusstlos gewesen.
Dieses Wissen half ihm über seine eigene Nervosität hinweg.
„Äh, Bauch", sagte sie, immer noch von der Tür aus.
„Oh, richtig." Er setzte sich auf und zog sein Shirt aus. Er hörte sie scharf einatmen und er feixte.
Das letzte Mal, als Hermine so viel von Draco gesehen hatte, war er mit üblen Wunden übersät gewesen. Sie war halb darauf gefasst gewesen, dass sie immer noch da waren, auch wenn sie ihn ganz geheilt hatte. Als sie seine Haut völlig makellos vorfand, ausgenommen der Narbe aus der sechsten Klasse, spürte sie immense Erleichterung.
„Heute noch, Granger", sagte er ungeduldig.
„Oh, halt die Klappe", keifte sie. Sie ging durch den Raum und blieb am Sofa stehen. Sie schluckte schwer und hörte ihn glucksen. Das machte sie wütend und ein Teil von ihr, ein großer Teil, war versucht, ihn mit ihrem Zauberstab hart zu pieken. Er würde sich niemals sicher sein können, was sie tun sollte.
Stattdessen ließ sie ihren Zauberstab über die Stelle fahren, wo seine Milz lag, und murmelte einen Zauber. Ein blaues Licht blitzte auf.
„Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Junge", sagte sie und verließ dann das Zimmer. Draco starrte ihr verwirrt hinterher. „Alles in Ordnung mit dir", rief sie endlich und Draco hörte, wie sie die Treppe zu ihrem Zimmer hochstieg und die Tür zuschlug.
*
Als Hermine am nächsten Morgen aufwachte, wusste sie, dass etwas nicht stimmte. Sie fühlte sich furchtbar, obwohl sie voll ausgeschlafen war. Langsam öffnete sie die Augen und sah sich in ihrem Zimmer um. Nichts erschien ungewöhnlich oder anders als sie es in Erinnerung hatte. Es lag eine Schwere auf ihrem Herzen und ihrem Geist und sie versuchte den Kopf zu heben. Doch sie stellte fest, dass sie sich aus irgendeinem Grund nicht rühren konnte. Sie geriet in Panik und ihr Blick raste durch den Raum, bis er endlich auf ihrem Zauberstab liegen blieb, der gerade außerhalb ihrer Reichweite auf dem Nachttisch lag. Daneben stand ein kleiner Monatskalender mit Bildern von berühmten Zaubertränken und der Brauanleitung dazu. Ihre Augen wurden zu einem Kästchen gezogen, die keine besondere Markierung aufwies, keine Worte, nur ein sehr leerer, weißer Raum.
Heute vor zwei Jahren hatte Draco ihre Eltern getötet. Das Gewicht schien sich zu verstärken und sie rollte sich zusammen, während ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie weinte eine Weile lang und fiel schließlich in einen unruhigen Halbtiefschlaf.
Als sie wieder erwachte, konnte Hermine die Sonne durch die Ritzen ihrer Tapete strahlen sehen. Und dem Winkel des Sonnenlichts nach zu urteilen war es um die Mittagszeit herum. Frische, heiße Tränen füllten ihre Augen, doch als sie sich im Zimmer umsah, bemerkte sie etwas Neues. Eine grüne Karte war auf ihrem Nachttisch aufgestellt. Sie runzelte die Stirn und zwang sich aus dem Bett, um sie in Augenschein zu nehmen.
Die Karte war ein tiefes Smaragdgrün mit einem silbernen „M" auf der Vorderseite. Hermine holte tief Luft und nahm sie in die Hand.
„Es tut mir immer noch leid" war alles, was drauf stand. Abermals begann die Tränen zu fließen und sie stützte sich auf den Nachttisch. Diese Tränen waren anders als die von vorhin. Es waren Tränen der Erlösung anstatt der Trauer. Während sie weinte, fühlte sie sich etwas besser. Ein leises Klopfen an ihrer Tür unterbrach ihre Gedanken.
„Granger", ertönte eine leise Stimme. Es war Malfoy.
Sie wischte sich mit einem Taschentuch die Augen und öffnete die Tür. Draco stand allein da, umhüllt von seinem Reiseumhang.
„Wir brechen auf", sagte sie.
Hermines Herz sank und sie ließ ohne Scham ihren Tränen freien Lauf. Ihre Schultern bebten mit stummen Schluchzern. Draco öffnete die Tür ganz und zog sie in seine Arme. Er hielt sie fest, als würde er sie nie mehr loslassen, als könnte er allen Schmerz vertreiben. Sie konnte seinen Herzschlag spüren und der gleichmäßige Rhythmus beruhigte sie, ebenso wie das leichte Heben und Senken seiner Brust. Allmählich hörten ihre Schluchzer auf. Sie löste sich von ihm und wischte sich die Augen.
„Willst du, dass wir bleiben?", fragte er leise. Sie schüttelte den Kopf und er hob ihr Kinn an, so dass ihre Blicke sich trafen. „Hermine, kommst du heute zurecht? Sag mir die Wahrheit. Ich hasse es, dass wir dich heute alleinlassen."
Sie blickte ihm in die Augen und sah tiefe Besorgnis. „Ja", sagte sie matt. „Danke."
Draco schlang wieder die Arme um sie. Dann ließ er sie los, beugte sich herunter und küsste sie auf die Stirn. „Bis bald." Er drehte sich um und ließ sie zurück, bevor er die Entschlossenheit zum Aufbruch verlor.
Hermine lehnte sich gegen den Türrahmen, da die Berührung seiner Lippen sie taumeln ließ. Den Rest des Tages dachte Hermine an ihre Eltern, doch sie weinte nicht mehr. Wann immer sie den Tränen nahe war, rief sie sich in Erinnerung, wie Draco sie gehalten hatte oder was er auf die Karte geschrieben hatte oder die Freundlichkeit in seiner Stimme, und sie lächelte. Er hatte tatsächlich daran gedacht. Sie stellte fest, dass sie wirklich traurig war, dass er heute nicht hier sein konnte. Die relativ kleine Mühe, die er ihretwegen auf sich genommen hatte, füllte ihr Herz mit Hoffnung, sie bemerkte, dass sie sehr gerne mehr in seiner Nähe sein wollte.
Sie weinte an diesem Tag nicht mehr.
*
Hermine erhielt eine Eule von Seamus, der ihr sagte, dass er ihr einen Besuch von Narzissa arrangiert hatte. Am Morgen ihrer Verabredung stand Hermine früh auf und wappnete sich innerlich.
Sie hatte keine Ahnung, was sie erwartete, und sie hatte leicht Angst. Würde Narzissa merken, dass sie bei Draco gewesen war? Würde sie sie beschimpfen und versetzen? Würde sie überhaupt mit ihr sprechen?
Als sie im Ministerium ankam, traf sie sich mit Seamus im untersten Geschoss des Gebäudes, wo sie die langen, unterirdischen Tunnel entlanggingen, um zu Azkaban zu apparieren.
„Danke, dass du gekommen bist", sagte Seamus mit einem grimmigen Lächeln. „Wir hatten absolut kein Glück bei ihr, was der Grund dafür ist, dass Taylor damit einverstanden war, es dich versuchen zu lassen. Du warst die einzige, mit der Andromeda geredet hat. Vielleicht ist es bei Narzissa genauso."
Hermine nickte und sie machten sich auf den Weg. Sie konnte nicht anders als sich zu fragen, warum Andromeda sich ihr geöffnet hatte und niemand anderem sonst. Hatte Draco Recht? Hatte sie spüren können, dass sie regelmäßig miteinander arbeiteten, und Hermine deshalb vertraut? Wieder fluteten ihr Ängste und Fragen bezüglich des Treffens mit Dracos Mutter ihre Gedanken und Seamus musste sie dreimal rufen, bevor sie ihn hörte.
„Wir sind da", sagte er und deutete auf den kleinen Kontrollraum, wo sie manuell nach Azkaban appariert wurden.
Hermine wurde in denselben Raum geführt, in dem sie Draco im August getroffen hatte. Narzissa war schon dort und saß mit geradem Rücken da, den Blick starr nach vorn gerichtet. Ihr Haar war perfekt frisiert und sie schaffte es sogar, dass die graue Gefängniskluft an ihr gut aussah.
Hermine setzte sich ihr gegenüber. Narzissa starrte auf einen Punkt irgendwo über Hermines Schulter.
„Guten Tag, Mrs. Malfoy."
Narzissa antwortete nicht und zeigte ihr mit keiner Reaktion, dass sie sie gehört hatte.
Hermine holte tief Luft. „Mein Name ist Hermine Granger."
Narzissa richtete ihre Augen langsam auf Hermine und als ihre Blicke sich trafen, hob sie eine Augenbraue. „Das Schlammblut?"
Hermine kniff die Lippen zusammen, weigerte sich aber, sich von dem Wort verletzen zu lassen. „Ja", sagte sie schließlich.
Narzissa blinzelte. „Nun? Warum sind Sie hier?"
„Ich wollte mit Ihnen sprechen."
„Und sie machen Ihre Arbeit großartig. Bitte fahren Sie fort."
„Ich habe mit Ihrer Schwester gesprochen, als sie eingeliefert wurde, und ich habe ein paar Fragen an Sie."
„Ah, ich verstehe. Sie wollen mich also in Wirklichkeit verhören, nicht mit mir sprechen." Die ältere Frau feixte. „Ehrlich, Sie sollten Worte wählen, die Ihre Absichten besser darlegen. Das lässt die Kommunikation glatter ablaufen."
„Sie haben natürlich Recht", gab Hermine missmutig zu.
„Mir ist nicht begreiflich, warum meine Schwester mit Ihnen gesprochen hat und mit niemandem sonst."
„Sie sagte, es habe an der Art gelegen, wie ich Ihren Namen ausgesprochen hatte."
Narzissa musterte sie einen Augenblick lang. Dann gab sie einen Wink mit der Hand. „Stellen Sie Ihre Fragen."
„Andromeda wurde hierhergebracht, weil sie unter Verdacht stand, Dunkle Künste mit Ihnen praktiziert zu haben. Sie hat darauf beharrt, dass nichts in der Art geschehen sei. Was ist die Wahrheit?"
„Miss Granger. Meine Schwester ist niemals, in keiner Weise, mit den Dunklen Künsten in Kontakt gekommen. Solch eine Idee ist lächerlich."
„Dessen bin ich mir bewusst, was auch der Grund ist, weshalb ich sehr neugierig über den wahren Grund hinter der plötzlichen Wiederaufnahme Ihrer Beziehung bin. Ich habe Grund, die Erklärung von Andromeda anzuzweifeln."
„Was lässt Sie denken, ich würde Ihnen die Wahrheit sagen? Ich könnte genauso leicht lügen wie sie."
„Sie erzählte mir, dass es wegen Ihres Sohnes war."
Narzissa versteifte sich schlagartig bei der Erwähnung von Draco und sah Hermine mit solcher Intensität an, dass sie sich durchsichtig vorkam. Sie hatte das Gefühl, als versuchte Narzissa, ihr Gehirn zu durchschauen, doch sie spürte keine Wirkung von Magie. Dann entspannte Narzissa sich wieder, als hätte sie etwas herausgefunden.
„Bitte erzählen Sie mir, was meine Schwester ihnen sonst noch gesagt hat."
„Sie sagte, Sie hätten ihre Anwesenheit erbeten, weil Sie sich Sorgen um Ihren Sohn gemacht hatten. Dass Sie jemanden brauchten, dem Sie Ihre Ängste anvertrauen könnten. Lucius würde Ihnen nicht zuhören und Ihre andere Schwester interessiere es nicht. Deshalb haben Sie sich an sie gewandt."
Narzissa holte tief Luft. „Was sie Ihnen erzählt hat, entspricht der Wahrheit."
Im Stillen jubelte Hermine. Sie hatte Recht gehabt, als sie Draco versichert hatte, dass seine Mutter sich aufrichtig um ihn sorgte. „Mrs. Malfoy. Ich hatte immer den Eindruck, dass Sie und Ihr Sohn sich nicht nahestehen."
„Nein, wir stehen uns nicht nahe. Aber ich bin immer noch seine Mutter. Und ich beobachte meinen Sohn. Ich habe ihn beobachtet, seit er sehr klein war. Ich weiß viel über ihn aus seiner Verhaltensweise, wie er in einen Raum tritt, wie er Lucius und mich begrüßt. Vor zwei Jahren ist etwas geschehen, das ihn verändert hat."
Hermine stockte der Atem. „Was ist passiert?"
„Ich bin nicht sicher. Draco war auf eine Mission geschickt worden und er hat sie nicht erfüllt. Aber nach der Mission war er verändert. Es hatte klein angefangen, ist aber gewachsen. Das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte, war Mitte Juli und seine Augen – seine Augen – waren ganz anders als ich sie je gesehen hatte. Und die Veränderung hatte nach dieser Mission begonnen.
Davor hatte kein Leben in ihnen gesteckt. Tatsächlich habe ich bis zu jener Nacht um sein Leben gefürchtet, dass er etwas Unüberlegtes tun und mit seinem Leben dafür bezahlen würde. An dem Morgen nach der teilweise gescheiterten Mission jedoch stellte ich fest, dass der Nebel sich gelichtet hatte, nur ein wenig. Aber es war genug, dass ich es sehen konnte.
Über die letzten zwei Jahre habe ich zugesehen, wie seine Augen immer klarer und fokussierter wurde, während er gerader saß, wenn er zum Tee zu mir kam, während das Selbstvertrauen in seine Bewegungen zurückkehrte. Ich war begeistert zu sehen, dass etwas geschehen war, das ihm ins Leben zurückgeholfen hatte, doch ich fürchtete mich davor, was es bedeuten könnte."
„Warum? Was denken Sie, was es bedeutet?"
Narzissa sah Hermine aufmerksam an, bevor sie fortfuhr: „Ich glaube, dass Draco in den Spiegel geschaut und endlich gehasst hat, was er sah. Und dass er eine Entscheidung getroffen hat, die seine Umstände änderte."
Es konnte kein Zufall sein, dass der Tod ihrer Eltern auf dieselbe Zeit fiel wie Dracos plötzliche, aber zarte Veränderung. Ihr Herz hämmerte, als sie realisierte, abermals, doch heftiger diesmal, dass es eine Verbindung zwischen den beiden Dingen geben musste.
„Sprechen Sie bitte weiter", sagte Hermine. „Erklären Sie mir, warum Sie Angst hatten."
„Wenn er tatsächlich sozusagen einen Sinneswandel durchlaufen haben sollte, war er in großer Gefahr vor dem Dunklen Lord. Ich habe nicht von ihm gehört, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, und Lucius erzählt mir, dass er in Indien oder irgendwo anders ist, aber ich kann nicht anders als mir vorzustellen, dass er verletzt ist. Oder – oder sogar tot."
„Sicherlich hätte jemand es Ihnen berichtet, wenn er getötet worden wäre."
Narzissa schüttelte den Kopf. „Ich stand zu sehr unter Verdacht vonseiten Lucius und Bellatrix. Sie glauben, ich habe nur wegen Draco mit dem Dunklen Lord kooperiert. Sie würden seinen Tod vor mir geheim halten, damit ich nicht gegen meinen Meister rebelliere und getötet werde."
Narzissas Augen schimmerten mit Tränen. „Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn."
Hermine sah einen Augenblick lang weg. „Ich glaube Ihnen", sagte sie. „Aber was hat das mit Andromeda zu tun?"
„Meda war die einzige, mit der ich reden konnte. Und sie hat versucht, über ihre Verbindungen Wind von ihm zu bekommen, aber sie hatte kein Glück."
„Andromeda wurde am selben Tag entlassen, an dem sie Sie verhaftet hatten. Finden Sie das überhaupt nicht merkwürdig?"
Narzissa hatte sich schon vom Beinaheweinen erholt und ihr Gesicht war wieder hart. „Nicht wirklich, nein."
„Ihre Schwester wurde festgehalten, weil sie von ihr Informationen über Sie oder Lucius haben wollten, die ihnen in ihren Bemühungen gegen die Dunkle Seite helfen würde. Machen Sie sich keine Sorgen, dass Andromeda sich doch gegen Sie gewandt hat?"
Narzissa feixte. „Nein. Andromeda hat ihnen exakt das gegeben, was ich ihr aufgetragen hatte."
Hermine öffnete den Mund. „Ich – ich verstehe nicht."
„Meda hat ihnen genau genug erzählt, um sich selbst frei zu bekommen und mich ins Gefängnis zu bringen."
„Aber warum wollten Sie das?"
Narzissa wirkte wieder den Tränen nahe und ihre Hand zitterte, als sie eine Haarsträhne hinters Ohr strich.
„Lucius."
*
Als Hermine in dieser Nacht im Bett lag, dachte sie darüber nach, was Narzissa gesagt hatte. Sie konnte nur zu einem Schluss kommen, als sie es mit dem verband, das Harry ihr erzählt hatte. Sie fürchtete sich davor, es Draco zu berichten, doch sie wusste, dass es unvermeidlich war. Und das bald. Er wusste noch nicht einmal, dass sie verhaftet worden war, und Hermine fühlte sich furchtbar dafür. Sie würde es ihm bald sagen, aber das Timing musste stimmen. Er musste in guter Stimmung sein. Denn was sie ihm erzählen musste, würde ihn in eine schlechte befördern.
*
Sie kehrten nach dem Mittagessen am siebten Tag nach ihrem Aufbruch zurück. Hermine war gerade fertig, als sie sie hereinkommen hörte.
Sie klangen, als wären sie in Hochstimmung, da sie lachten, während sie die Tür schlossen.
„Hey, Hermine!", sagte Harry strahlend. Er schloss sie fest in die Arme. „Wie geht's dir?"
„Gut. Obwohl ich vor ein paar Tagen bei meiner Aufgabe in einer Sackgasse gelandet bin", sagte sie grinsend. Draco schaute sie beinahe schüchtern an. „Mir war so langweilig, dass ich ernsthaft erwogen habe, Dracos Besen zu nehmen."
Harrys Augen weiteten sich.
„Wofür?", fragte Draco.
„Zum Fliegen", sagte sie.
Draco blickte von Hermine zu Harry und dann zurück zu Hermine. „Na und?"
„Ich hasse es zu fliegen. Ich wusste, dass es ein Albtraum geworden wäre, aber es hat angefangen, ansprechend zu klingen."
„Naja, ich bin froh, dass wir zurück sind und dir die Langeweile vertreiben können", sagte Harry.
„Du hast dir eine Auszeit genommen?", erkundigte Draco sich.
„Ja", sagte sie. „Ich habe eine Pause gebraucht. Ich habe versucht, andere Tätigkeiten zu finden, aber wenn man das Haus nicht verlassen kann…" Sie warf Draco einen bedeutsamen, spielerisch entnervten Blick zu. „… hatte ich nicht viele Optionen."
„Tja, es sollte dich freuen zu hören, dass wir fast am Ende von unserer Arbeit sind", sagte Harry.
Sie atmete scharf ein. „Ihr habt den Horkrux gefunden?" Sie warf einen Blick zu Draco, der nicht allzu besorgt erschien. Sie konnte es ihm nicht jetzt sagen, da sie gerade von einer langen Mission zurückgekommen waren und er etwas Entspannung verdient hatte. Aber bald…
„Fast", sagte Harry. „Wir rücken näher an Voldemorts Niedergang."
„Und an eurem unausweichlichen Kampf, der grauenhaft werden könnte", fügte sie hinzu.
„Wir haben jetzt sechseinhalb Monate lang dafür gearbeitet, dass der Ausgang vielmehr günstig ist", sagte Draco.
„Das weiß ich", sagte sie. „Aber könnt ihr euch wirklich auf so etwas vorbereiten?"
Draco zuckte die Achseln. „Man kann sicherlich unvorbereitet sein, was Harry nicht sein wird."
„Ich dachte, du würdest ihn töten, Malfoy."
„Nö. Hab vom Töten abgeschworen, weißt du noch?"
Hermine runzelte die Stirn und schaute zu Harry. „Aber Bellatrix – "
„Es ist okay, Hermine", sagte Harry. „Sie wird bekommen, was sie verdient. Mir ist Dracos Entscheidung recht."
Hermine bekam nun Angst. Harry würde Voldemort schlussendlich doch gegenübertreten. Das entsetzte sie, doch zur selben Zeit war sie erleichtert, dass es nicht Draco sein würde. Als ihr dieser Gedanke aufging, fühlte sie sich furchtbar. Harry war einer ihrer besten Freunde und Draco war nur – naja, er war es nicht. Aber er war etwas für sie.
Harry setzte sich und nahm ihre Hand. „Hermine", begann er. Sie sah ihm in die Augen. „Uns ist das seit der fünften Klasse klar gewesen. Ich habe mich damit abgefunden, was von mir verlangt wird – ich muss es versuchen. Ich kann nicht einfach – es nicht versuchen."
Hermine blickte auf ihren Schoß hinunter, während sie mit den Tränen kämpfte. „Ich weiß, Harry, ich weiß." Sie sah zu ihm auf, Entschlossenheit auf ihrem Gesicht. „Und du weißt, dass ich alles in der Welt tun werde, um zu helfen. Sogar – " Sie schluckte. „ – sogar dich gehen lassen."
Harry traten Tränen in die Augen und er umarmte sie. „Ich hab dich lieb, Hermine. Danke."
„Ich hab dich auch lieb, Harry." Sie hielten einander einige Minuten lang eng umschlungen. Als sie sich lösten, war Draco verschwunden.
Harry reichte Hermine ein Taschentuch. „Nur damit du es weißt, Hermine. Ich habe das Gefühl, mehr denn je, dass ich es probieren muss. Dank Malfoy. Er ist – nicht derselbe, weißt du. Er ist nicht das Monster, das er einmal war."
„Ich weiß", sagte sie und nickte.
„Ich vertraue ihm tatsächlich. Kannst du es fassen?" Er gluckste. „Ich, Harry Potter, vertraue Draco Malfoy. Manchmal verblüfft es mich immer noch."
„Harry, wie weit vertraust du ihm wirklich? Ich meine, wie sehr?"
„Ich würde ihm mein Leben anvertrauen. Das habe ich schon." Er sah sie an. „Ich würde ihm dich anvertrauen."
„Harry!"
„Das meine ich ernst." Er stand auf. „Wenn mir etwas zustößt, weiß ich, dass auf dich aufgepasst werden wird, und das bedeutet mir sehr viel. Aber keine Sorge, ich habe ihm nichts gesagt. Ich will nicht, dass sein Kopf noch mehr anschwillt als ohnehin schon. Er ist gedrückter als früher, aber immer noch ein bisschen eingebildet."
Sie lächelte. „Ja, das zeigt sich manchmal."
„Naja, wir haben Arbeit zu erledigen."
„Okay. Ich gehe heute Abend Ginny besuchen."
„Oh? Wirklich?"
„Ja. Nur für den Abend. Ihr beide seid allein zum Abendessen."
„Warum?", sagte Draco, der wieder in den Raum trat.
„Ich gehe aus."
„Mit wem?", fragte er steif.
Sie warf ihm einen Blick zu und hob eine Augenbraue. „Mit Ginny und ich gehe nur zum Fuchsbau."
Draco widerstand dem Drang zu protestieren. Er wollte Hermine nicht wirklich gehen lassen, doch ihm fiel kein guter Grund ein, um sie dazubehalten. „Na schön, du kannst gehen", sagte er.
Sie lächelte ihn an. „Ich habe gar nicht um Erlaubnis gefragt. Mittagessen", sagte sie und deutete auf die Sandwich- Materialien auf dem Tresen. Dann ging sie auf ihr Zimmer.
Hermine kam nach ein paar Minuten herunter, mit einfacher Muggle- Kleidung – Jeans und einem T- Shirt. Draco konnte nicht anders, als ein wenig zu lächeln.
„Bye, Jungs! Bis später!"
„Bye, Hermine. Ich bin ganz neidisch, dass du den ganzen Abend mit meiner Frau verbringen wirst!", sagte Harry, während er sie zur Tür brachte.
„Ich weiß. Ich werde versuchen, sie dazu zu bringen, ein wenig über dich zu sprechen." Hermine zwinkerte ihm zu und verließ das Haus.
Harry kehrte in die Küche zurück, wo Draco sich ein Sandwich machte.
„Warum will sie nicht einfach hier bleiben?", brummte er, während er Butter auf sein Brot schmierte.
„Weil sie Hermine ist. Du würdest sie nicht mögen, wenn sie anders wäre. Ihr ist langweilig und sie lebt im Augenblick mit zwei Männern zusammen. Und weißt du, was morgen ist?"
Draco runzelte die Stirn. „Nein… Sonntag?"
„Der berüchtigte, unerträgliche, rote und pinke Tag."
„Was? Oh – oh. Wirklich? Morgen?"
„Ich fürchte, ja."
„Und was hat das mit mir zu tun?"
„Egal was auf der Welt vor sich geht – dieser Krieg, unsere Arbeit hier, Kraftstoffknappheit –alle Mädchen ehren diesen Tag, entweder mit ihrem Freund oder mit anderen Single- Mädchen. Dürftige Nahrung und schlechte Romantik- Filme, zumindest in der Muggle- Welt. In der Zaubererwelt stelle ich mir vor, dass da auch dürftige Nahrung herrscht, aber vielleicht verbrennen Mädchen Bilder von Jungen, mit denen sie zusammen sein wollen, statt nur mit ihnen befreundet zu sein."
Draco sah so aus, als hätte er gerade einen Knallrümpfigen Kröter als Haustier geschenkt bekommen.
„Oh, und Malfoy, ich verbringe morgen mit Ginny. Es wird von mir verlangt."
„Okay."
Harry sah Draco hart an. "Weißt du, du wirst morgen mit Hermine allein sein."
Draco funkelte ihn an. „Und was genau willst du damit sagen?"
„Schone sie einfach ein wenig. Versuch, ihr eine Pause zu gönnen."
„Ich? Sie ist genauso streitlustig wie ich, wenn nicht noch mehr."
„Trotzdem. Sie wird emotional sein, also provoziere sie nicht."
„Potter, ich werde noch eins drauf setzen. Ich werde sie morgen nicht einmal sehen. Ich werde mich von ihr fernhalten und sie wird mich nicht einmal zu Gesicht bekommen müssen. Wie findest du das?"
Harry verdrehte die Augen. „Das ist bisschen extrem, meinst du nicht?"
„Nein, nicht wenn du eine Garantie willst, dass wir uns nicht in die Haare kriegen."
„Das ist nicht gerade, was ich im Sinn hatte."
„Oh nein? Was dann?"
Harry sah ihn nachdenklich an. Er entschied sich dagegen, seine Meinung mit Draco zu teilen. „Egal."
„Nein, inakzeptabel. Was?"
Harry seufzte. „Es wäre nett, wenn du etwas, naja, Nettes für sie tun würdest."
Draco ging ein Licht auf. „Oh! Du hast gehofft, dass ich ihr Blumen kaufen würde? Oder Pralinen? Ihr meine unsterbliche Liebe gestehe?", fragte er sarkastisch.
„Irgendetwas. Nicht ganz so extrem wie unsterbliche Liebe, aber etwas", murmelte Harry.
„Na, das kannst du vergessen. Das wird nicht passieren. Haben wir das nicht schon besprochen?"
„Nein, du hast dich geweigert."
„Weil es nichts zu besprechen gibt!" Draco wurde langsam wütend. „Ich bin fertig damit. Wir haben zu arbeiten."
*
Als Draco an diesem Abend im Bett lag und auf Hermines Rückkehr wartete, war er nervös. Er hatte gehört, dass an Tagen wie dem morgigen merkwürdige Dinge geschehen konnten, Dinge, die nicht jeden Tag geschahen. Deshalb entschloss Draco, dass er Hermine wirklich aus dem Weg gehen würde. Nur um sicher zu gehen.
AN: Review bitte! Danke^^
