Hallo, weiter geht's... eigentlich sollten es noch zwei Kapitel werden, aber dies hier hatte plötzlich 24 Seiten, da hab ich gesplittet, das nächste wird das Wörtchen ENDE unter sich stehen haben! Danke für's Lesen! Ich verdiene immer noch kein Geld hiermit, schön wär's! Grüße Susi, P.S. diese Story - und noch einige andere - kann man auch bei fanfiktion.de lesen...

24: Details (Zwei Monate später)

"I hear you calling me
Just like the voices in a dream
I can remember
Daylight dancing in your eyes
And when my mind is still
The memories come alive
The silent space between my thoughts
Is where your soul resides
And when my heart is still
The memories come to life
Memories haunting me
They echo through eternity

I hear you calling me
Just like the voices in a dream
When fear and darkness overcome
I have no need to hide
I only need to call your name
In my heart you are still alive
The silent space between my thoughts
Is where your soul resides
And when my heart is still
The memories come to life
Voices in a dream
Voices in a dream
Memories haunting me
They echo through eternity
I hear you calling me
Just like the voices in a dream"
Echoes of Eternity, Voices In A Dream

Die Einheit der Verhaltensanalyse des FBIs in Quantico - Virginia bearbeitet unter Umständen hunderte von Fällen pro Jahr. Die einzelnen Teams in dieser Abteilung setzen sich aus den kriminalpsychologisch kompetentesten Köpfen des ganzen Landes zusammen. Männer und Frauen mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten, die ihr Leben einer Sache widmen: Mordserien aufzuklären. Sie arbeiten Stunden, Tage, manchmal ohne Pause, um der Polizei einen Serientäter zu liefern, eine Verhaftung herbeizuführen und potentielle Opfer zu verhindern.

Oft ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, der das eingespielte Team bis an die Grenzen der Belastbarkeit bringt, in besonders schwierigen Fällen vielleicht sogar darüber hinaus.

Der Job ist hart, nichts für schwache Nerven, er bringt viele Arbeitsstunden, er bringt Erschöpfung, Alpträume; er treibt einen von denen fort, die einem am liebsten sind, er wird schlecht bezahlt und er ist riskant, unter Umständen kann er lebensbedrohlich sein. Wer in dieser Abteilung arbeitet wird Zeit seines Dienstes einen leichten Schlaf haben, beim kleinsten Geräusch zusammenzucken und instinktiv zum Telefon greifen, als hätte es geklingelt und der Anrufer würde zu einem Einsatz rufen. Der Schlaf wird oberflächlich sein und oft durch Alpträume gestört werden.

Die Mitglieder jedes Teams sind perfekt aufeinander abgestimmt. Jedes Mitglied arbeitet vertrauensvoll mit den anderen zusammen. Die einzelnen Komponenten sind kompetent in den jeweiligen Fachgebieten und ergänzen sich lückenlos so dass die gesamte Arbeit gezielt und detailgetreu ist, zuverlässig und ohne Schwächen.

Die Teams reisen an die verschiedensten Orte der Vereinigten Staaten, wann immer sie von einer völlig ratlosen oder überforderten Polizeibehörde zu Rate gezogen werden. Ständig bemüht Serienkiller, Mörder zu finden und mögliche Personen anhand eines Rasters, durch bestimmte Verhaltensmuster einzugrenzen. Die FBI-Agents wohnen während der Ermittlung zusammen, verbringen die meiste Zeit gemeinsam. Privatsphäre wird zu Luxus.

Die FBI-Akten des Ablagesystems einer Ermittlung sind genormt, jeder Ordner oder Hefter gleicht den anderen. Solange die Ermittlung läuft werden die Schriftstücke und Fotos ständig zu Rate gezogen, Diagramme werden erstellt, geographische Profile sollen den Aufenthaltsort des Killers eingrenzen. Alles wird akribisch genau aufgeschrieben, abgetippt, ausgedruckt und gesammelt, alles kommt in Ordner oder an Pinnwände, um jederzeit eingesehen werden zu können.

Jeder Fall ist anders, die Agents können tausende verstümmelte Mordopfer gesichtet haben, mit tausenden Angehörigen und möglichen Verdächtigen gesprochen haben, doch niemals kann einer von ihnen auf das vorbereitet sein, was sie am Ende vorfinden werden, sobald das Flugzeug zur Landung ansetzt und sie in die Gesichter der verzweifelten Polizeibeamten vor Ort blicken müssen; überarbeitet und mit der Ermittlung in einer Sackgasse.

Diese spezielle Einheit des FBIs, die BAU, macht sich ein Bild über die Opfer, ein Bild über die Vorgehensweise des Täters, um der Behörde in kürzester Zeit ein preziöses Täterprofil zu präsentieren. Sie sehen die schrecklichen Details von Tatorten und lassen doch diese Grausamkeiten außer Acht, sie sehen tiefer, sehen hindurch…

Nach gemeinsamer Beratung setzen die Agents der BAU ein Briefing an und erläutern den ermittelnden Beamten Eigenschaften und Muster des Täters. Jeder trägt seine Eindrücke vor und vervollständigt so ein Profil, zu dem jeder einzelne im Team ein Puzzleteil beigesteuert hat und liefert der Polizei so ein treffendes Gesamtbild.

Sie können Erfolge verbuchen, viele Erfolge und sie versuchen ihre Arbeit positiv zu betrachten, auch wenn die Misserfolge nicht minder sind.

Doch diese Misserfolge würden die Agents zweifeln lassen, ob ihre Arbeit überhaupt einen Sinn ergibt.

Jeder gelöste Fall, hebt die Stimmung, lässt die Gemeinschaft kurz verharren, lässt ihnen Zeit nachzudenken, dass zukünftige Verbrechen verhindert werden. Er führt ihnen vor Augen wie kostbar das Leben ist. Für wenigstens eine Nacht garantiert die Lösung eines Falles friedlichen, alptraumlosen Schlaf, gibt ihnen Gelegenheit in sich zu gehen und gemeinsam zu genießen, dass sie alle zusammen etwas bewirkt haben, dass sich ihre Arbeit lohnt.

Nach der abgeschlossenen Ermittlung werden erneut Berichte mit Ergebnissen angefertigt, Beweismittel werden in neue Tüten verpackt, Fotos mit grausigen Details, medizinische oder forensische Berichte werden abgeheftet. Jede Kleinigkeit wird genauestens beschriftet, akribisch katalogisiert, alles bekommt Daten, Nummern und Ansprechpartner, die diese Details dokumentiert haben; ein komplexes Ordnungssystem. Übersicht, für den Fall, dass das eine oder andere Objekt für eine Gerichtsverhandlung oder eine Vorlesung in Kriminalistik oder forensische Psychologie benötigt wird. Schließlich wird alles aus dieser Ermittlung in einen Karton verpackt; diese Kartons sind ebenfalls genormt. In einer laufenden Ermittlung gibt es nur Aktenordner, wird die Ermittlung zu einem Fass ohne Boden, so werden Kartons angelegt und wichtigere Fälle, die eine Aufklärung garantieren, rücken in den Vordergrund.

Manche Fälle werden schnell gelöst, binnen weniger Tage schafft es das Team sich in den Täter hineinzuversetzen und ihm gefährlich nahe zu kommen. Er wird sich eingeschränkt in der Ausführung seiner Taten fühlen, er wird Fehler machen. Andere Fälle jedoch bleiben unbearbeitete Akten, die über Jahre unversiegelt aufbewahrt werden ohne im Archiv des Federal Bureau zu landen, um dort für die Ewigkeit gelagert zu werden. Vielleicht nimmt aber auch solch ein ungelöster Fall Jahre später eine Wende und die Ermittlung wird wieder aufgenommen, und es wird endlich dafür gesorgt, dass die Angehörigen der Opfer wieder ruhig schlafen können. Ungelöste Fälle bleiben denen im Gedächtnis, die selbst betroffen waren, manche für mehrere Jahre, einige für immer. Jede Kleinigkeit, jedes Detail in einem Fall wird von Anfang an zusammengetragen. Details, die auch noch Jahre später ein vollkommen offensichtliches Bild zeigen in das sich jeder Agent innerhalb von Minuten wieder hineinversetzen kann, als lägen nicht Jahre dazwischen seit diese Akte zuletzt geöffnet worden war, sondern nur ein paar Stunden.

Ein ungelöster Fall kommt in einen Karton, der einen roten Stempel auf dem Deckel erhält, auf dem das Wort Ungelöst als Kennzeichnung vermerkt ist. Die Akten, die Fotos, die Erinnerung, der ganze Alptraum wird darin verstaut, und der Karton findet einen Lagerplatz. Meistens im Büro des Leiters der jeweiligen Ermittlung. Hin und wieder wird er von eifrigen Ermittlern gesichtet, Details werden erneut verglichen, mögliche Parallelen zu anderen Fällen gezogen. Doch in den seltensten Fällen schafft es der Karton in das riesige Archiv des FBIs, um dort endlich Frieden zu erhalten. Die wenigsten als ungelöst gekennzeichneten Kartons kommen irgendwann in die grüne Abteilung, wo sie für die Ewigkeit zugeklebt werden, versiegelt mit grünem Klebeband auf dem Solved steht.

Special Agent Aaron Hotchner stand vor dem runden Tisch im Konferenzraum der Verhaltensanalyse Einheit in Quantico. Er hatte die Hände in die Hüfte gestemmt und ließ seinen Blick über die Akten und Gegenstände schweifen, die er aus dem Karton Ungelöst herausgenommen hatte. Aus dem Karton, den Jason Gideon zwei Jahre lang in seinem Büro aufbewahrt hatte. Spencer Reids Akte sicher in seiner Schreibtischschublade geschlossen, wo niemand sie sichten konnte. Hin und wieder hatte er sie aufgeschlagen und erneut darin gelesen. Und es hatte wehgetan, Hotch konnte ihm ansehen, wenn er an manchen Tagen besonders nachdenklich war, dass er sich die Bilder angesehen hatte, dass er wütend war und immer noch vergeblich nach Hinweisen gesucht hatte. An solchen Tagen waren seine Augen besonders traurig und die beiden Senior-Agents hatten eine Mauer des Schweigens errichtet und den Namen des einen Opfers, das in diesem Fall nicht gestorben war und das sie trotzdem verloren hatten, nicht wieder laut in den Räumen der BAU ausgesprochen… bis vor ein paar Monaten.

Aaron richtete sich gerader auf, streckte die müden Glieder und verschränkte die Hände hinter den Kopf, er schloss einen kurzen Moment lang die Augen, genoss die Ruhe in diesem Maronenfarben gestrichenen Raum, und konnte in seinen Gedanken immer noch den großen Mahagoni Tisch in der Mitte des Raumes sehen, doch jetzt war er leer mit Ausnahme von verschiedenen Utensilien, die die einzelnen Teammitglieder vor sich hatten. Außer Hotch war um diese Zeit niemand mehr in diesen Büroräumen, doch die Phantasie beschwor eine Erinnerung herauf, kurz sah er das Bild seines Teams vor sich aufblitzen, so wie es einst gewesen war. Er fühlte die knisternde Atmosphäre im Raum, als sieben völlig unterschiedliche Menschen sich wie ein zuvor verstreutes Puzzle binnen Sekunden an diesem Tisch zusammensetzten, sich perfekt komplettierten, als würde die Zusammenkunft Funken sprühen.

Er selbst saß zentral, um jeden im Blick zu haben, neben ihm Morgan, der gewöhnlich eine Tasse Tee oder Kaffee vor sich hatte, daneben Gideon, der seine Finger an die Lippen führte oder seine Lesebrille trug und nachdenklich über den Rand der Gläser blickte; daneben Emily und Reid, die sich keines Blickes würdigten, aber ihre ersten Eindrücke immer stimmig verglichen und professionell ergänzten. Wie zwei Magnete, die sich in der einen Sekunde abstießen, um sich in der nächsten anzuziehen. Reid würde mit einem Stift herumspielen, oder den Kopf aufgestützt haben, sich dabei ungeduldig hin und her bewegen, daneben würde Garcia als bunt gekleidetes Highlight sitzen, und ihre Hände würden geduldig über ihrem Laptop verharren, während sie darauf gefasst war den Blick jeder Zeit abzuwenden, wann immer Tatortfotos gezeigt wurden. Sie alle würden JJ zuhören, die ihnen den neuesten Fall erläutern, und ihnen die Bilder auf dem großen Plasma Bildschirm präsentieren würde… Gideon würde förmlich an Reids Lippen kleben und sich Notizen machen, da er meistens derjenige war, der die Details als erstes bemerkte. Er würde Morgan den Ball zuspielen und er würde das bereits erwähnte aufnehmen und nahtlos daran anknüpfen. In der letzten Zeit hatte Emily diese Aufgabe übernommen. Und Hotch selbst würde zuhören, die Bilder betrachten und wieder einmal stolz darauf sein wie gut sein Team zusammengesetzt war. Wie gut sie arbeiteten.

Ein lautes Klicken würde durch den Raum hallen und JJ würde das nächste Foto zeigen, Einzelbilder mehrerer Leichen zusammengefasst in einer übersichtlichen Kollage, eine ungeklärte Mordserie, sieben Junge Frauen und Männer, am Anfang ihres Lebens waren entführt und ermordet worden. Garcia würde wegsehen und ein entrüstetes Geräusch von sich geben, die anderen würden sich auf die Details konzentrieren. Die Magnete würden sich schließlich gegenseitig anziehen.

Aaron öffnete die Augen und fand sich allein in dem Konferenzraum wieder. Das Licht war gedämpft, der große Plasma Bildschirm leer. Der Tisch übersäht mit Dingen, die er aus dem Karton genommen hatte. Er nahm einen Stapel Fotografien vom Tisch und sah sich die verletzten Gesichter der jungen Menschen darauf an. Fortgerissen aus einem Leben, das noch so viel bereit zuhalten hatte. Geschlagen, zu Tode verängstigt, hatten sie nur Stunden nach ihrer Entführung durch Robert Higgers um ihr Leben gebettelt und schließlich hatten sie ihren Peiniger um Erlösung gebeten. Sie waren alle unschuldig gewesen, nur zur falschen Zeit am falschen Ort…

Genau wie Reid…

Aaron blätterte die Hochglanz Fotografien der Gerichtsmedizin und der Tatortbeamten durch. Er sah in die leeren Augen der Opfer. Niemand von ihnen war vergewaltigt worden. Doch hatten sie Folter und Schmerz erfahren und Aaron wusste, dass der Täter die Opfer anfassen musste, und mit jedem Opfer ist er weiter gegangen, je größer seine Erregung wurde, je mehr seine Selbstbeherrschung verschwunden war; je weniger Mensch in ihm verblieben war. Alle Opfer mussten die kranken Phantasien eines noch kränkeren Mannes über sich ergehen lassen und am Ende betteln, betteln darum Gnade zu erhalten und von ihrem Schmerz befreit zu werden. Er war in einem Wahn, er wollte etwas Großes schaffen und er hatte sich eine Behörde der Regierung dafür ausgesucht. Ihnen wollte er es zeigen. Sie verspotten. Er wollte ein Spiel spielen und gegen sie gewinnen, ohne, dass sie die Regeln gekannt hatten.

Aarons Blick wurde verschwommen, doch er kämpfte die Tränen fort und in ihm schwoll Wut an, als er das Foto des vorletzten Opfers schließlich anblickte. Mit einer zitternden Hand nahm er die Fotos vom Stapel, die kurz nach Reids Einlieferung im Krankenhaus aufgenommen worden waren, noch bevor die Verletzungen des Jungen behandelt wurden. Haut und Blut waren in vergrößerten Nahaufnahmen auf mehreren Bildern für die Ewigkeit festgehalten worden. Er war nicht dabei gewesen, aber in seiner Phantasie sah er vor sich wie das Blitzlicht aufleuchtete und den Behandlungsraum kurz mit Licht durchflutete, wie Spencer Reid unter dem Geräusch zusammenzucken musste, wie er sich erniedrigt fühlte, während der Arzt ihn bat, den Kopf in diese Richtung zu drehen oder in jene. Er sah wie der Junge beinahe umkam vor Erschöpfung und ihm einfach keine Ruhe gegönnt wurde. Hotch sah vor sich wie Reid sich auf die Anweisungen hin umdrehen musste, und seine Hände vermutlich verzweifelt irgendwo festkrallte; wie er die Augen fest zusammenkniff, während er berührt wurde. Es schmerzte, und sein Mund wurde trocken, wenn er sich vorstellte, dass sie ihn vorher nicht von Schmutz und Blut befreiten und ihm etwas gegen die Schmerzen verabreichten. Reids Gesicht war blass auf diesem Foto, jegliche Farbe aus den zarten Zügen gewichen. Er hatte einige Hämatome im Gesicht, die sich deutlich von der blassen Haut absetzten. Und seine Haut war schmutzig, helle Striemen schimmerten durch den Dreck wo viel zu viele Tränen über die Wangen geflossen waren und den Schmutz an diesen Stellen fortgewischt hatten.

Hotch räusperte sich und fixierte ein Foto auf dem eine Großaufnahme von Reids Gesicht zu sehen war. Er sah es an, konzentrierte sich darauf und entlud seine Wut, in dem er die anderen Fotos aggressiv mit der Oberfläche auf den Tisch drehte. Das Geräusch schallte durch den Raum. Er hatte die Bilder nur aus dem Augenwinkel gesehen, doch es waren die Bilder, die Spencers Rücken zeigten; auf diesen Fotos war er unbekleidet, blutend. Und Hotch drehte die Fotos grob um, die im Detail die Verletzungen zeigten, die viel tiefer lagen und die genäht werden mussten. Er wollte das nicht sehen. Noch immer wurde ihm übel, wenn er sie sehen musste, nur daran denken musste. Und doch wusste er, dass er sich davon lösen würde, seine ganze Gedankenwelt war bereit dazu. Er kämpfte wieder gegen die Tränen an und schluckte laut. Er hatte den Gedanken an Reid aus diesen Räumen verbannt, doch in diesem Augenblick war die Präsenz des Jungen so intensiv, beinahe konnte er ihn atmen hören. Doch die Fotos beschworen intime Bilder aus diesen schweren Stunden langsam herauf. Und eine Erinnerung noch blass wie Nebel suchte sich einen Weg in den Vordergrund seiner Gedanken, eine Erinnerung aus dem Krankenhaus, doch noch war sie nur ein grauer Dunst; nicht fassbar für ihn.

Hotch blinzelte und schüttelte leicht den Kopf, um das Gefühl wieder loszuwerden. Er musste plötzlich an die Bewegung der Hände denken, als er Robert Anthony Higgers gegenübergesessen hatte und dieser die Finger langsam aneinander gerieben hatte. Diese Hände hatten das auf einen unschuldigen Körper verursacht, was in solch grausamen Einzelheiten auf diesen Fotos verewigt worden war.

Hotch löste den Blick und sah auf den schwarzen Balken, der nachträglich über die Augen retuschiert worden war.

Reids Augen waren unkenntlich gemacht worden. Doch das spielte keine Rolle, Hotch hatte diese Augen gesehen, gleich nach der Operation im Krankenhaus, als die Verletzungen, die man von Außen nicht sehen konnte vernäht worden waren. Reids dunkle, lebhafte Augen waren leer und trübe gewesen. Der intelligente Mann, der Dinge verstehen konnte, bei denen Aaron als erfahrender Senior-Agent nicht mithalten konnte, war zum ersten Mal in seinem Leben etwas widerfahren, das die Grenzen seiner Vorstellungskraft gesprengt hatte. Ein Gedächtnis wie ein Computer und einen IQ wie er ihn besaß musste ein Segen sein, eine Gabe; Hotch bezweifelte es in diesem Moment, als er sich vorstellte wie klar Reid diese Erinnerungen mit sich tragen würde. Bilder, Eindrücke und Erinnerungen auf ewig in seinem Kopf gefangen. Sämtliche Bilder, die ihm immer wieder jedes noch so kleine Detail vor Augen führen würden. Schonungslos.

Und Hotch sah das Bild lange an, ließ es auf sich wirken und dachte an Momente, die so schmerzlich zwischen ihm und Reid standen, Details, die er selbst verdrängt hatte. Momente, für die Reid sich bei ihm bedankt hatte und die er dennoch vergessen wollte. Bilder, die ihm ein Opfer zeigten, aber nicht länger den jungen FBI Agenten, der einst für ihn gearbeitet hatte. Die undeutlichen Schemen im Nebel wurden klarer, fügten sich zusammen. Und er erlaubte seiner Gedankenwelt diese schwere Zeit in den Vordergrund zu schieben, die Schemen mehr Gestalt annehmen zu lassen. Er nahm einen Hefter in die Hand in dem die erste psychologische Sitzung im Krankenhaus dokumentiert worden war. Es hatte lange gedauert und ihm selbst viel Kraft abverlangt, Reid dazu überreden zu können. Plötzlich erinnerte er sich an diesem Tag, und an den Zustand in dem Reid sich befunden hatte. Er überflog die Seiten und schloss die Augen, atmete tief durch und beinahe konnte er den sterilen Krankenhausgeruch riechen, der unangenehme Erinnerungen an viel zu schmerzliche Stunden vor seinem geistigen Auge entstehen ließ. Er konnte Gideons Aftershave riechen, als dieser an ihm vorbei schritt und auf das Krankenbett zuging, in dem Reid lag…

Und in diesem Moment fühlte sich Aaron Hotchner genau so hilflos und verzweifelt wie zwei Jahre zuvor. Damals hatte er zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass es etwas gab, das er nicht durchstehen konnte; etwas, das ihn an seine eigenen Grenzen als Leiter dieser Abteilung und als Freund des Betroffenen führen würde. Der Nebel formierte sich, die Figuren zeichneten sich jetzt viel klarer ab, sie wurden kräftiger und bauten die Erinnerung auf, machten sie fassbar. Und er erinnerte sich mit allen Sinnen und in jedem Detail an diese Augenblicke, er ließ die Erinnerungen schließlich zu und er fühlte den Schmerz genau wie damals…

Krankenhaus, zwei Jahre zuvor

„Reid, Sie müssen aufstehen. In Ordnung?"

Sagte Jason Gideon erschöpft, seine Stimme klang ungeduldig. Er wollte endlich etwas unternehmen, er hatte neben Hotch am Fenster in dem kleinen Krankenzimmer gestanden und gemeinsam hatten sie auf Spencer Reid eingeredet. Doch er reagierte nicht, seine Gedanken schienen sich in ihrer eigenen Welt verschlossen zu haben und er blieb stur. Gideon ging zu seinem jungen Kollegen herüber. Reid lag in seinem Bett, die Decke fast bis zum Kinn hochgezogen, als würde er frieren, dabei war es warm im Zimmer. Ein unangenehmer Geruch nach Schweiß lag im Raum. Hotch öffnete das Fenster, sein Blick ruhte ausdruckslos auf die Gestalt, die sich unter der Decke verborgen hielt.

Reid drehte sich langsam zur Seite, wand sich von Gideon ab, dabei verzog er das Gesicht vor Schmerz. Schließlich blieb er wieder still liegen und ließ seine Augen geschlossen.

Gideon, der neben dem Bett in die Knie gegangen war, um mit Reid auf Augenhöhe zu sein, stand aus der Hocke auf, als Reid sich weggedreht hatte. Gideon hob schließlich abwehrend die Arme und trat vom Bett weg. Kopfschüttelnd ging er zurück zum Fenster und zog die Jalousien hoch. Warmes Licht durchflutete den Raum. Erfüllte ihn mit Sonne.

Hotch stand regungslos vor dem Fenster und betrachtete das Geschehen aus sicherer Distanz. Innerlich war er aufgewühlt, äußerlich sah er aus wie ein Felsbrocken, den nichts aus der Ruhe bringen konnte. Er fragte sich nicht zum ersten Mal, wie lange er diese Fassade vor Reid oder vor dem Rest des Teams noch aufrechterhalten konnte.

Reid klammerte sich an die Decke und vergrub den Kopf in das Kissen, als das helle Licht des sonnigen Tages in den Raum schien. Es war unbegreiflich für ihn, wie die Welt sich weiter drehen konnte, wie trotz der Grausamkeiten Licht in dieser für ihn dunklen Welt existieren konnte. Er begann zu zittern, räusperte sich angestrengt.

„Ich bin müde."

Murmelte er schließlich tonlos, als würde er zu sich selbst sprechen und die beiden Männer im Raum völlig ignorieren.

Die beiden Agents tauschten einen verzweifelten Blick, und Gideon ging zur Tür, Hotch folgte ihm jetzt langsam, unschlüssig wie sie Reid helfen konnten.

Seit Reid drei Tage zuvor endlich wieder aufgewacht war, hatte er sein Bett kaum noch verlassen. Erst lag er stundenlang wach und starrte mit leeren Augen in die Dunkelheit. Nachts hatte er Alpträume und versuchte krampfhaft wach zubleiben, wenn er es doch schaffte in den Schlaf zu sinken, so wachte er kurze Zeit später wieder schreiend und panisch auf. Dann schlief er den ganzen Tag und beteiligte sich nicht an den Gesprächen. Hin und wieder fragte er ob es etwas Neues über den Täter gab und irgendwann gab er auch das auf, als ihre Gesichter Bände sprachen. Wenn Hotch und Gideon annahmen er würde schlafen, und mit einander flüsterten, konnte er einige Fragmente ihrer Gespräche aufschnappen. Sie würden den Täter nicht finden und er hatte Angst auch nur darüber nach zudenken, was das für ihn bedeutete. Er zog sich zurück und flüchtete sich in Depression und Selbstmitleid. Er kapselte sich ab und versuchte sich nicht damit auseinander zu setzten, was seinem Körper widerfahren war. Er schottete den Verstand ab und versuchte zu vergessen. Teilnahmslos beobachtete er wie die Zeit verging, als wenn er auf etwas warten, ja sogar hoffen würde.

„Ich geh' etwas Essen. Ich muss den Kopf frei kriegen."

Entgegnete Gideon angespannt und öffnete die Tür. Auch er war wütend über den Verlauf der Ermittlung. Es schmerzte ihn den intelligenten Doktor Reid so verändert zu sehen. Ebenso wütend war er über den Umstand, dass jeder Agent in der BAU von der internen Abteilung befragt wurde, das Wort Verfahrensfehler kursierte schwer in der Behörde.

„Hotch?"

Wand er sich fragend an seinen Kollegen und rieb sich müde über die Stirn.

„Einen Kaffe, Jason. Ich muss gleich ins Büro, ich möchte sehen, ob wir neue Ergebnisse haben."

Erwiderte er mutlos und senkte die Stimme. Doch Reid schien ihnen nicht zu zuhören. Gideon nickte und seufzte traurig als er zu Reid sah, der völlig still da lag nur sein schmerzerfülltes, lautes Atmen verriet, dass er wach war.

Als Gideon weg war ging Hotch auf ihn zu, setzte sich zu ihm. Langsam griff er nach seiner Hand und schloss seine Finger um sie. Sanft löste er Spencers Finger von der Decke, in die sie sich förmlich gekrallt hatten. Hotch bekam seine Hand schließlich zu fassen und er hielt sie, als Spencer keine Anstalten machte sie wegziehen zu wollen. Sie schwiegen einige Minuten. Reids Atmung wurde entspannter und er seufzte laut. Er versuchte die Augen zu öffnen und sich an das helle Licht im Raum zu gewöhnen. Hin und wieder schaffte er es durch die dicke Nebelwand, die in seinem Kopf herrschte zu blicken und wieder nach vorne zu sehen. Doch meistens befand sich sein Verstand auf eine Reise, zurück an den Ort, an dem er beinahe sein Leben verloren hatte.

„Es tut weh…"

Flüsterte er schließlich und wand den Blick von Hotch ab, er starrte irgendwo hin, für Hotch war es nicht auszumachen, was er sah. Doch er konnte es erahnen, als Reids Griff fester wurde, als er bemerkte wie er auf seine Unterlippe biss und plötzlich erinnerte ihn die Situation an den Tag, als er ihn gefunden und befreit hatte.

„Ich weiß, Junge."

Sagte Hotch einfühlsam und die Worte der Ärztin, die Reid versorgt hatte, hämmerten schmerzhaft durch seine Schläfen; pochten unter der Oberfläche und verursachten ihm Kopfschmerzen.

Die Fäden können in etwa einer Woche gezogen werden, wenn alles gut verheilt. Er wird viel Ruhe brauchen, es wird dauern und nicht sehr angenehm sein…"

Und er strich rhythmisch mit dem Daumen über seinen Handrücken. Die Fäden waren erst vor ein paar Stunden gezogen worden. Die Verletzungen waren gut verheilt aber die Ärzte konnten nicht mit Sicherheit sagen wie viel Schmerz sich rein psychologisch nur in Reids Kopf abspielte. Tatsache war, dass er sich körperlich schnell erholt hatte, dass es seine Seele war, die Hotch Sorgen machte. Seelisch erholte er sich nicht, er verdrängte und war deprimiert. Die Sache wurde nicht besser, wenn der Täter sich nach wie vor auf freien Fuß befand.

Reid war niemand, der körperlichen Kontakt leicht akzeptierte und Hotch konnte den Widerspruch beinahe in der Luft fühlen, als er seine Hand hielt. Reid war hin und her gerissen, seine Hand wegzuziehen - denn die Nähe schnürte ihm die Luft weg - oder Trost in dieser Berührung zu suchen. Er hielt den Griff um Hotchs Hand auch wenn dieser die Distanz und das mangelnde Vertrauen schmerzlich in dieser Geste spüren konnte.

Hotch beobachtete ihn einige Sekunden und als er die Augen wieder schließen wollte beschloss er noch nicht so leicht aufzugeben.

„Die Ärzte meinen, dass du jetzt duschen gehen kannst. Deine Wunden sind gut verheilt. Was meinst du? Dir geht's danach bestimmt besser."

Versuchte es Hotch, sie hatten ihm gesagt, dass er versuchen sollte, Reid aus dieser Passivität herauszulocken und dass es nicht schaden konnte ihn ein wenig zu drängen. Er sollte versuchen ihn ganz normal zu behandeln, einen Weg in den Alltag zu zeigen, doch es fiel ihm sichtlich schwer, weil er stets vor Augen hatte, was mit ihm passiert war. Statt eine Antwort zu geben, ließ Reid Hotchs Hand schnell los und rückte weiter von ihm weg. Er vergrub den Kopf erneut in das Kissen.

„Ich bin müde."

Hotch seufzte laut. Er wusste, dass es schwierig für ihn sein würde für Reid da zu sein, nach dem was passiert war. Sie hatten ihn lebend zurückbekommen, doch zu Hause war er noch lange nicht, auf Erleichterung war Ernüchterung gefolgt, weil die Probleme gerade erst begannen. Seit Reid wieder aufgewacht war weigerte er sich irgendwelche Schmerz- oder Beruhigungsmittel verabreicht zu bekommen. Daraus resultierte, dass er ununterbrochen Schmerzen haben musste, gegen die er schwer ankam. Schmerzen, die vermutlich noch nicht einmal real waren. Und doch fühlte er sich leblos und matt. Er suchte Trost bei Hotch, der ihm beistand und trotzdem hielt er seinen Vorgesetzten auf Distanz. Er nahm sich immer noch mehr zusammen, als gut für ihn war. Er erlaubte Hotch bei ihm zu sein, ihm gut zuzusprechen und ihn festzuhalten, wenn er glaubte nicht stark genug sein zu können. Doch wann immer er weinen musste, wann immer er laut auf seine Schmerzen reagierte, verkrampfte er sich und zog sich zurück. Es war ihm peinlich vor Hotch so aus dem Gleichgewicht geraten zu sein und sich zu verhalten wie ein Opfer. Irgendetwas beschwor Wut in ihm herauf und verhinderte bedingungsloses Vertrauen so wie vorher aufzubauen.

Hotch konnte nur tatenlos zusehen, wie Reid sich abmühte, wie er verzweifelt kämpfte, bis er in einen erlösenden Schlaf sank oder bis er den Schmerz unter Kontrolle halten konnte. Sie hatten immer ein enges Verhältnis zueinander gehabt, sie konnten sich blind vertrauen und sich immer auf den anderen verlassen, umso schwerer war es für Hotch diese Mauer, die Reid um sich errichtet hatte zu verstehen. Er veränderte sich und Hotch musste dem verzweifelt und machtlos zusehen. Er erkannte ihn in den letzten Tagen kaum wieder.

„Es wird besser, Reid. Du musst aufstehen, du musst dich bewegen… na komm. Du musst endlich aus dieser Lähmung heraus!"

Die Ruhe verließ Hotchs Stimme und sein Ton wurde autoritär. Doch seine Worte prallten an Reid ab und er reagierte laut, als würde Hotch nichts Gutes im Sinn haben, er blinzelte gegen das helle Licht.

„Sag mir nicht was ich tun muss, geh weg!"

Die Worte trafen ihn hart. Es klang einfach nicht nach Reid und Hotch trat vom Bett weg und lief ungeduldig und wütend durch den Raum. Am liebsten hätte er Reid gepackt und grob aus dem Bett gezerrt, er wollte ihn bestrafen weil er solch eine Wut empfand. Doch er wusste, dass gerade Reid der Beteiligte war, der an allem die wenigste Schuld trug.

„Okay… bitte."

Gab Hotch nach und wurde wieder ruhiger, als er gegen die Wut ankämpfte. Er rief sich Gideons Worte ins Gedächtnis.

Wir müssen ihm helfen, es darf uns nicht entgleiten."

Es tat weh mit anzusehen wie Reid in seiner Depression versank. Reid schluchzte leise und Hotch riss sich zusammen. Er straffte die Schultern und ging langsam zurück zum Bett, er beugte sich zu ihm herunter, legte eine Hand leicht auf seine bebende Schulter. Er sprach wieder mit der sanften Stimme zu ihm, die Stimme, die ihn tröstete und ihm das Vertrauen entgegen brachte, das er eigentlich empfinden sollte.

„Spencer, der Psychologe wollte gleich mit dir sprechen, nur eine Stunde. Es ist wichtig für dich, das weißt du doch. Meinst du, du schaffst das?"

Ein widerwilliges Nicken kam zur Antwort, und er spürte wie er sich unter dem Griff anspannte.

„Hey, ich werde dabei sein, wenn das okay für dich ist. Was meinst du? Wir können das Gespräch jeder Zeit abbrechen."

Er sprach mit der ruhigen Stimme zu ihm wie mit einem Kind. Beinahe flüsternd verließen die Worte seinen Mund während er langsam und rhythmisch über Reids Oberarm strich, eine Antwort abwartete. Mitfühlend lächelte er Reid zuversichtlich an, und hoffte, dass der Junge nicht merkte, wie aufgesetzt das Lächeln war.

„In Ordnung."

Flüsterte Reid emotionslos, doch die Haltung entspannte sich wieder. Er wischte sich verlegen die Tränen von den Wangen und atmete laut aus. Er konnte es nicht kontrollieren, doch es passierte immer wieder, dass die Tränen einfach so in seine Augen schossen. Er fühlte sich verletzt und verloren, vielleicht lag es daran. Und es war ihm peinlich vor Hotch. Er war der Jüngste im Team, gerade er musste sich bei allem durchsetzen. Seinen Vorgesetzen zeigen, dass er etwas draufhatte. Er wollte ihm nicht zeigen wie schlecht es ihm ging und er wollte nicht zugegeben, dass er selbst nicht verstand warum er sich so verhielt, doch dass er zu schwach war dagegen anzukämpfen.

Hotch nickte zufrieden.

Wenigstens etwas… er ist kooperativ

„Gut. Wie wär's, wenn du duschen gehst… Mhh? Dann fühlst du dich besser. Bestimmt."

Überraschender Weise nickte Reid schließlich zur Antwort. Er konnte sich nicht erinnern wann er sich das letzte Mal wirklich gewaschen hatte… allein. In den ersten Tagen im Krankenhaus hatte er nicht aufstehen können, drei Tage Gefangenschaft und Misshandlungen hatten ihren Tribut gefordert. Also hatten ihn die Krankenschwestern helfen müssen, sich notdürftig zu reinigen. Er gierte förmlich danach sich unter die verlockend heiße Dusche zu stellen. Das Wasser würde alles von ihm abwaschen, es würde ihm helfen, endlich sauber zu werden und den Dreck und alles was ihn an die Entführung erinnerte in den Abfluss zu spülen. Fort aus seinen Leben.

„Okay. Ich werd's versuchen."

Gab er schließlich nach. Hotch nickte zuversichtlich und schlug die Decke zurück, bevor er es sich anders überlegen konnte. Einen Augenblick lang stockte ihm der Atem, als sein Blick auf die vielen blauen Flecken an Spencers Beinen fiel. Sie hatten sich in der vergangenen Woche verfärbt und sahen jetzt schlimmer aus als vorher. Reid fing seinen Blick auf, und als er schließlich am Bettrand saß verschränkte er die Arme schützend vor den Bauch und kniff die Augen fest zusammen, so dass wieder Tränen liefen. Der schockierte Ausdruck in Hotchs Augen schmerzte ihn und er atmete laut ein und aus, um die Fassung nicht zu verlieren. Seine Wangen röteten sich vor Scham.

Er schluchzte leise und wischte sich erneut die Tränen fort.

„Langsam, Spencer, nimm dir Zeit."

Sagte Hotch und versuchte das Zittern in der Stimme zu unterdrücken, sein Mund war trocken geworden, er konnte kaum schlucken. Reid senkte den Kopf und strähniges Haar fiel ihm in die Stirn. Er sah schließlich auf und begegnete Hotchs mitleidigen Blick, er konnte den Ekel in seinen Gesichtszügen lesen. Es gab Einiges, das Hotch ihm verheimlichte und er fühlte sich aus der normalen Welt ausgeschlossen, weil er sie einfach nicht länger verstehen konnte. Die Worte, die Hotch ihm vor ein paar Tagen gesagt hatte, glühten so heiß in seinen Gedanken, dass sich sein Magen verkrampfte.

In diesem Fall bist du kein Profiler. Jetzt hier und heute in diesem Krankenzimmer bist du ein Überlebender, ein Opfer, das schlimme Verletzungen hat. Du kannst nichts tun, außer wieder gesund zu werden. Und das wird nicht von Heute auf Morgen passieren."

„Mir ist schlecht."

Flüsterte Reid schließlich und der Raum begann vor seinen Augen zu verschwimmen, als ihm schwindelig wurde. Es rauschte laut in seinen Ohren.

Im Bruchteil einer Sekunde löste sich Hotch von der Ablenkung und wand den Blick ab, instinktiv griff er nach der Metallschale, die auf dem Nachttisch stand ohne den Blick von Reids blassen Gesicht zu nehmen. Er musste die Kontrolle behalten, er musste für Reid da sein, ihn in Sicherheit wägen. Egal wie schwer es für ihn war es zu tun.

„Musst du dich übergeben?"

Fragte Hotch überflüssiger Weise, als ein heftiges Nicken bereits als Antwort kam.

Er hielt ihm die Haare aus der Stirn, als er sich schließlich übergab. Sein Körper bebte und Hotch strich ihm beruhigend und vorsichtig über den geschundenen Rücken während er sich die Schale an den Mund hielt und laut ausspukte. Viel war nicht in seinem Magen gewesen.

„Scchhhhh, alles gut."

Reid lehnte sich etwas zurück und Hotch hielt ihm eine Hand auf die Schulter, während er die Schale außer Reichweite stellte.

„Besser?"

Fragte er schließlich, als Reid nur noch laut atmete und die Augen geschlossen hielt. Das Schwindelgefühl verschwand wieder und er fühlte sich tatsächlich etwas besser.

„Ja, danke. Ich hab' mich wohl zu schnell bewegt."

Murmelte Reid abweisend und rieb sich den kalten Schweiß von der Stirn.

Es war ihm mehr als unangenehm, dass er so behandelt werden musste. Hotch reichte ihm ein Glas Wasser und beobachtete wie er es langsam leerte. Etwas Farbe kehrte in sein Gesicht zurück wie er erleichtert feststellte.

Reid hatte Schmerzmittel und ein Präventionsmedikament verabreicht bekommen, das sein Immunsystem vor einer möglichen HIV Infektion schützen sollte. Beides schlug ihm auf den Magen. Die Schmerzmittel waren abgesetzt worden, aber das Präventionsmedikament wurde nur langsam vom Körper abgebaut.

„Das kommt von den Medikamenten und du musst etwas essen."

„Ich hab' keinen Hunger. Es geht schon wieder… am besten ich steh' auf."

Hotch verdrehte die Augen, mittlerweile war er die abweisenden Antworten bereits von Reid gewöhnt. Sein ganzer Charakter veränderte sich wie er beunruhigt feststellte. Er ignorierte Reids Antwort und er folgte seinem Blick, der sich auf die Badezimmertür gerichtet hatte. Er verstand sofort und half ihm schweigend dabei aufzustehen, gab ihn Zeit sich an die neue Position zu gewöhnen und er begleitete ihn schließlich in das kleine Badezimmer.

„Es ist alles da, Seife, Handtücher… ein neues Hemd. Brauchst du Hilfe?"

Reid begutachtete die kleine Duschkabine, sein Herz hämmerte schnell, als er wusste, dass er gleich in der engen Kabine allein sein würde, doch bei Hotchs Worten fuhr er herum und sah ihn beinahe entrüstet an. Er verkrampfte die Arme vor den Bauch, als ihm wieder leicht übel wurde.

„Was? Nein!"

Er schüttelte heftig den Kopf und wieder schossen Tränen in seine Augen. Seine Pupillen wurden weit vor Panik. Hotch wurde es unangenehm bewusst, dass Reid Angst vor ihm hatte, sein ganzer Körper versteifte sich, und er machte Hotch deutlich, dass er überhaupt nicht verstand, dass er ihm nur helfen wollte, dass es nichts gab, was ihm peinlich sein musste. Erst als er die Angst in seinen Augen las, wurde für ihn offensichtlich, was sie beide verdrängen wollten, und es traf ihn schmerzhaft zu wissen, was Reid durchgemacht hatte. Was der Täter körperlich und psychisch mit ihm angestellt hatte.

„Tut mir leid… wirklich. Ich warte draußen… aber Reid, wenn irgendwas ist, wenn du Hilfe brauchst, ruf mich, in Ordnung?"

Reid sah ihn unglücklich an, er lächelte nicht, er nickte nicht einmal, er flüchtete mit den Gedanken an einen anderen Ort. Doch er sah Hotch mit verzweifelten Augen an. Alles in diesem Blick schrie um Hilfe, und Hotch wusste, dass er sie trotzdem nicht annehmen konnte. Etwas blockierte ihn, auch wenn er es so verzweifelt wünschte, er blockte alles ab, was vertraut für ihn war. Reid würde die Wand, die er sich zum Schutz gebaut hatte nicht einreißen lassen. Er würde keinen von den Menschen, denen er eigentlich vertraute nahe an sich heranlassen. Seine Augen schimmerten trübe, beinahe leer, als wäre alles Leben aus ihnen ausgelöscht worden. Und Hotch sah trotzdem Hass und Vorwürfe in ihnen aufflackern. Es würde nicht einfacher werden. Sie verloren ihn und Hotch musste plötzlich über das nachdenken, was Reid ihm ein paar Tage zu vor vorgeworfen hatte.

Ich kann dem nicht standhalten… ich kann nicht ertragen wie Ihr mich anseht… ich… kann es nicht. Die krampfhafte Suche nach dem Täter, an die ich mich nicht beteiligen darf. Es ist was Persönliches und das dürfte es in diesem Job nicht sein, das ist zu gefährlich… es behindert unsere Arbeit… verdammt... ich will nicht ausgeschlossen werden."

Und schließlich war Hotch es, dem sich der Magen unangenehm verkrampfte. Er verließ schnell den Raum und ließ Reid allein. Als er die Tür hinter sich schloss hörte er wie die Dusche angestellt wurde, er blieb vor der Türe stehen und hörte ein verzweifeltes Stöhnen aus dem Inneren des Raumes. Das Rauschen des Wassers übertönte das leise Schluchzen schließlich. Doch sein Herz klopfte schnell und unruhig, wenn er an den Schmerz dachte, den Reid empfinden musste. Ein Schmerz, der immer mehr anschwoll anstatt gelindert zu werden.

Es klopfte und Hotch wurde aus den Gedanken gerissen.

Jason Gideon betrat den Raum und reichte Hotch einen Becher Kaffee. Er nahm ihn dankend entgegen und bemerkte ungläubig, wie Gideon binnen Minuten wieder weniger angespannt und erschöpft aussah.

„Ich bin beeindruckt, Hotch, sie haben ihn aus dem Bett bekommen. Das ist gut."

Sie tauschten ein trauriges Lächeln und Gideon wurde schnell wieder ernst. Er kannte Hotch und er las in seinem Gesicht, dass ihn etwas beschäftigte.

„Alles in Ordnung? Was ist los?"

Hotch zögerte noch, er setzte sich auf das Bett und seine Augen glitten automatisch über das Laken, unbewusst suchte er nach Blut auf dem weißen Leinen. Er drehte den Becher Kaffee in den Händen und suchte nach den richtigen Worten.

„Ich steh' das nicht durch, Jason. Ich will für ihn da sein, aber es… er entgleitet mir."

Gideon sah ihn an, er sah seine Verzweiflung in den sonst so beherrschten Gesichtszügen.

„Hotch, wir haben darum gebetet ihn zurückzubekommen. Wir haben nicht aufgegeben. Wir dürfen auch jetzt nicht aufgeben. Ich habe Ihnen schon vor ein paar Tagen gesagt, dass der Weg lang und steinig sein wird. Und ich kann das was er durchlebt auch nicht so leicht wegstecken. Aber er braucht uns… Sie sind der Einzige, der ihn wenigstens erreicht. Sie wissen doch wie so was psychologisch funktioniert. Er läuft verschiedene Phasen durch…"

„Ja, aber er hat ein Verhaltensmuster, das ich nicht durchschaue, es ist als springt er in den Phasen hin und her."

Hotch rieb sich die Schläfen, der Kopfschmerz, der ihn seit Tagen plagte wurde nicht besser, verzweifelt sah er zu der Badezimmertüre, als könnte er Reid durch die Wand hindurch sehen, als würde er sich vergewissern, dass der Junge das Gespräch nicht mithören konnte.

„Jason, er zerbricht an dem, was passiert ist. Ein Teil von ihm blockt ab, er löst sich davon ohne daran zu arbeiten und das ist gefährlich. Er ist launisch, aufbrausend, er will seine Freunde nicht sehen, er hat Depressionen… ich erkenne ihn nicht wieder. Er entgleitet mir und ich werde ihn nicht halten können. Was sollen wir tun? Was können wir tun, das ist nicht mehr Reid."

Sie zuckten zusammen, als die Badezimmertür einen kleinen Spalt geöffnet wurde. Reid zog sich laut die Nase hoch. Dampf kam aus dem Raum.

„Hotch?"

Fragte er mit leiser, brüchiger Stimme in den Raum. Es war offensichtlich, dass er aufgebracht war, seine Stimme vibrierte belegt. In der nächsten Sekunde war Hotch vom Bett aufgestanden und eilte zur Tür.

„Was ist, Junge?"

Fragte er unsicher, doch als Reid ihn in den Raum ließ konnte er sehen was passiert war. Ein Handtuch lag mit Blutflecken besudelt auf dem Boden, Reid zitterte, er hatte es geschafft sich ein anderes Handtuch um die Hüfte zu wickeln. Einige der Schnitte auf seinem Rücken bluteten leicht.

„Alles ist voller Blut, so viel Blut… ich hab Panik bekommen… ich kann es riechen…"

Reid sprach aufgeregt, die Worte überschlugen sich beinahe, nervös kaute er auf seiner Unterlippe herum und sie blutete wieder.

„Spencer, beruhige dich! Was hast du gemacht?"

Fragte Hotch geschockt und drehte ihn hektisch um, so, dass er seinen Rücken begutachten konnte. Schnell hob er das Handtuch vom Boden auf und drückte es auf die Wunden, Reid zuckte panisch zusammen.

„Verdammt, Junge, deine Haut ist ganz rot, was hast du gemacht?"

Seine Stimme war voller Zorn, als er die Frage laut wiederholte, Doch er wurde nicht nur vor Wut lauter, sondern auch vor Schmerz über das was er sehen musste.

Reid antwortete nicht. Er senkte den Kopf, schüttelte ihn panisch so, dass ihm die nassen Haare ins Gesicht fielen und er begann leise vor Anspannung zu weinen.

Gedankenversunken redete er vor sich hin, die Worte gingen in den Schluchzern beinahe unter.

„Bitte… bitte nicht, komm nicht näher!"

Er umklammerte das Handtuch mit dem er sich eigentlich die Haare abtrocknen wollte so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Er hielt es sich so verkrampft vor den Körper, wie er auch das T-Shirt gehalten hatte, dass er vor dem Täter hatte ausziehen müssen. Er wollte sich vor Blicken schützen, er wollte sich wärmen. Auch wenn der Raum voller Dampf war, weil er viel zu heiß geduscht hatte. Er zitterte vor Kälte, umklammerte das Handtuch und hatte Angst, dass Hotch es ihm grob wegnehmen würde, seine laute Stimme machte ihn Angst und er versuchte nur daran zu denken, dass er mit Hotch alleine in diesem Raum war. Es war Hotch… es war in Ordnung, er hatte ihn doch in Sicherheit gebracht.

Hotch verlor die Geduld über sein Verhalten. Und ging näher an ihn heran.

„Reid! Sprich mit mir! Es ist alles in Ordnung, was hast du gemacht?"

Ein kurzes Zögern, die Schluchzer verebbten wieder, doch das Zittern blieb, als Hotch versuchte die Blutungen der aufgekratzten Wunden an seinem Rücken zu stillen. Reid begann es widerwillig über sich ergehen zu lassen, auch wenn Hotchs Berührungen unangenehm auf seiner Haut brannten. Es war nicht wirklich schlimm, Reid hatte sich lediglich ein paar der Krusten aufgekratzt. Beim Abtrocknen war etwas Blut auf das Handtuch gekommen, weil es nass war sahen die Flecken nur größer aus.

Hotch wiederholte die Frage, drehte Reid zu sich und sah ihn fest an, doch seine Augen schienen etwas anderes zu sehen, seine Gedanken waren in einer ganz anderen Welt. Verzweifelt sah er an Hotch vorbei, versuchte seinen vorwurfsvollen Blick auszuweichen. Hotch wollte ihm das Handtuch aus den Händen nehmen und ihm die Haare abtrocknen, da immer noch Wasser auf dem Boden tropfte, doch er hielt es so fest, dass Hotch es nicht zu fassen bekam.

„Bitte… geh weg von mir…"

Flüsterte Reid schmerzerfüllt und Hotch konnte nicht sagen, ob er ihn gemeint hatte oder jemand anderes, jemand, der mit ihnen hier in diesem Raum war, nur in Reids Kopf. Eine Erinnerung, die ihn panisch werden ließ, weil ein Schnitt ein bisschen blutete; etwas, das ihn völlig grundlos aus dem Gleichgewicht brachte.

„Rede mit mir! Spencer! Hey!"

Rief Hotch jetzt und schnippte mit den Fingern laut vor seinem Gesicht. Reid löste sich aus der Erstarrung. Er sah Hotch irritiert an, blinzelte verwirrt. Als hätte er nie eine Panikattacke gehabt, lockerte sich völlig automatisch der Griff um das Handtuch und er gab es aus der Hand, auch wenn er einen Schritt nach hinten machte und den Abstand zu Hotch vergrößern wollte. Er sprach ganz leise und ruhig, das Zittern stoppte plötzlich, als er über Hotchs Frage nachdachte.

„Ich… ich hab mich gewaschen… aber der Dreck… er ging nicht ab. Er ging einfach nicht ab. Also hab ich fester geschrubbt, aber er ging immer noch nicht ab!"

Er wurde wütend und wand sich von ihm ab, vergrub den Kopf in den Händen. Hotch wollte ihn zu sich ziehen, doch Reid verkrampfte sich immer mehr.

„Er ging nicht ab… und dann war da überall Blut… mit ist schwindelig."

Flüsterte er immer wieder. Und sank schließlich auf die Knie, bevor Hotch nach ihm greifen konnte. Dabei wog er sich selbst hin und her und versuchte sich zu beruhigen. Mit der Erinnerung fertig zu werden. Und doch hatte er das Gefühl auf dem Boden neben dem alten Eisenbett knien zu müssen. Misshandelt und erniedrigt zu werden.

Hotch sah ihn irritiert an, schüttelte betroffen den Kopf und ermahnte sich, stark zu bleiben, um für ihn da zu sein.

Was hat er durchgemacht, dass er so reagiert, es bricht ihn... was soll ich nur tun?

Hotch verscheuchte den Schmerz und ging in die Hocke, näherte sich dem Jungen langsam.

„Spencer, es ist alles gut. Es ist nicht schlimm… Es hat doch schon aufgehört zu bluten."

Hotch redete ruhig, ohne den Blick von ihm nehmen zu können. Er wusste, dass er ihn nicht erreichen konnte. Fassungslos starrte er Reid an, während sein Herz so schmerzhaft in seiner Brust schlug, dass er dachte es würde vor Vorwürfen zerspringen.

„Warum lässt du mich nicht allein!? Du hast mich angelogen… du hast nicht gesagt, dass es Worte sind auf meinen Rücken. Wann wolltest du es mir sagen?"

Brüllte er wütend als er begriff, dass er sich nicht in diesem Kellerraum befand, er war im Krankenhaus, er war in Sicherheit und doch war er es nicht. Seine Gedanken überschlugen sich beinahe, alles war plötzlich zu viel für ihn. Er wollte Hotch wehtun, er wollte ihn bestrafen. Er war so unglaublich wütend, dass es tief in seinem inneren brannte. Hotch blieb nichts anderes übrig, als aufzustehen, ein paar Schritte zurückzugehen und zu warten, bis Reid sich wieder beruhigt hatte. Am liebsten wäre er aus dem Raum gestürzt, alles zog ihn fort von hier doch er ermahnte sich, nicht aufzugeben… wir stehen das durch, wir müssen das durchstehen. Es wird aufwärts gehen, irgendwann…

Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, Hotch unterdrückte seine eigenen Tränen, als er sah wie gebrochen die Gestalt vor ihm am Boden war.

Ich kann nicht für ihn da sein…

Ich stehe das nicht durch…

„Reid, es tut mir leid, ich wollte es dir sagen. Ehrlich…"

Versuchte er sich mit belegter Stimme zur rechtfertigen, doch Reid ignorierte ihn. Und er musste voller Verachtung an den Täter denken. Er dachte an das Schwein, das es geschafft hatte einen aus seinem Team zu isolieren, sie alle auseinander zu reißen; Vertrauen zu zerstören. Hotch sah ihn lange mitleidig an, bis seine Stimmung wieder umschlug, Wut verschwand aus seinen Gesichtszügen und er richtete seinen Blick Hilfe suchend auf Hotch. Er zögerte nicht, ihm hoch zu helfen und ihm das Hemd in einer geschickten Bewegung überzustreifen. Für einen kurzen Moment klammerte er sich an Hotchs Arm, während er das Gleichgewicht wiedererlangte, und suchte Trost, er tat es rein mechanisch und Hotch zweifelte, dass er auch Trost fand.

„Ich glaub', ich möchte doch wieder Schmerzmittel."

Sagte er ruhig, beinahe flehend. In seiner Stimme lag keinerlei Aggression und Hotch nickte zustimmend, er hatte das Gefühl, dass Reid sich im Moment selbst nicht wieder erkannte. Und stellte wieder beunruhigt fest, wie seine Emotionen wechselten wie eine Ampel. Vermutlich dachte er über die Worte nach, als er sie im Spiegel begutachtet hatte, vermutlich dachte er an hunderte von Dingen, die alle nicht fassbar für sein rationales Denken waren.

„Ich kümmere mich darum, Junge."

Versicherte Hotch einfühlsam und fügte in Gedanken hinzu, dass er mit den Ärzten über Antidepressiva reden musste. Er hielt ihn fest während der zitternde Körper versuchte sich zusammenzureißen. Dabei hämmerte der gleiche Gedanke durch Hotchs Kopf, wie schon einige Tage zu vor. Er wollte dem Schwein, das Reid das angetan hat in die Augen sehen, sie mussten ihn verhaften…

Wir werden uns gegenübertreten… verlass dich drauf!

Hotch schlug mit beiden Handflächen auf die Tischplatte, so wie er es auch getan hatte, als er Higgers verhört hatte, er atmete laut und seufzend aus, als die Wut ihn zurück in den Konferenzsaal zog. Er löste sich aus der Erinnerung, von den grausamen Details. Er kehrte ins Hier und Jetzt zurück. Sah sich um und erkannte schließlich wo er sich befand. Er hatte ein Foto von Robert Anthony Higgers vor sich liegen, er hatte nichts als Hass in den Augen, als er es ansah.

Wir haben dich verhaftet, du Scheißkerl…

Ich habe dir in die Augen gesehen…

Er legte das Foto zusammen mit den anderen in den Karton. Die Worte des Täters, der seinem jungen Kollegen so viel Grausamkeiten angetan hatte, vermischt mit denen der Berichte, die er gerade gelesen hatte lasteten schwer in seinen Gedanken, sie wirbelten in seinem Kopf wie ein Strudel, der sich nicht mehr beruhigen konnte. Doch Trauer und Wut lagen hinter ihm. Heute war der Tag, den er sich ausgesucht hatte um endlich mit allem abzuschließen. Ein einziges Mal, bevor die Akte geschlossen wurde.

Es war schwer, aber er löste sich aus seinen Gedanken, aus der Erinnerung, die immer noch schmerzte, auch wenn dieser Alptraum endlich vorbei war.

Das Schwein ist tot und der Junge lebt, das ist was zählt…

Und er bemühte sich eine gute Erinnerung aus dem Strudel zu fangen und festzuhalten. Die Erinnerung an einen Jungen Mann, der in der frühen Mittagssonne in Nevada in einem Park unter einem Baum saß. Es war der gleiche Mann wie zuvor in diesem Krankenzimmer, doch er war genesen. Körperlich und wie er hoffte auch seelisch. Er hatte ihn angelächelt, aufrichtig und ihn angesehen, mit Augen, die aufgeweckt und freundlich waren.

Ich habe mich immer gefragt, wann unsere Wege sich kreuzen werden. Ich wusste, dass es sein würde, aber ich wusste nicht wann."

Der verspielte Tonfall war in Reids Stimme zurückgekehrt, etwas, dass Hotch nach der Entführung für verloren geglaubt hatte.

Die meisten Tage sind gut, andere sind… schwierig… manchmal möchte ich zurückkommen."

Er hörte seine Stimme wie einen Geist in seinem Kopf, während er alles was ausgebreitet auf diesem Tisch vor ihm lag in den Karton packte, langsam beinahe wie in Zeitlupe. Er bemühte sich nur Reids Lächeln vor sich zu sehen, nicht an das Blut zu denken, nicht an den Schmerz… nicht an die Zeit im Krankenhaus. Und schließlich schaffte er es selbst zu lächeln. Bedächtig nahm er jeden medizinischen Bericht in die Hand, sah wann wo welche Schmerzmittel verabreicht wurden, was die Opfer getragen hatten, als sie verschwunden sind, was sie getragen haben als sie gefunden wurden. Was sich in ihrem Magen befunden hatte. Er nahm die kleinen Beweismitteltüten vom Tisch und legte sie ganz oben in dem Karton. Plötzlich musste er lächeln und er fühlte sich aufgeregt. Er dachte an die verschiedensten Ermittlungen zurück, dachte an das Team und was dieser eine Fall in ihnen allen verändert hatte und doch war auch dieser endgültig gelöst worden.

Robert Anthony Higgers war tot…

Wenn Sie tot sind und in der Hölle schmoren

Spencer Reid war am Leben, er war schwer verletzt worden, seine Emotionen waren nach seiner Befreiung Achterbahn gefahren und er hatte alles durchgemacht, Wut, Selbstmitleid, Trauer, Scham… aber er hatte einen Weg da durch gefunden und er hatte sich - sich wie es schien - erholt. Auch wenn es für ihn hieß wegzulaufen. Das Leben ging weiter, sie hatten endlich den erhofften Erfolg verbucht. Die Ermittlung abgeschlossen. Es war vorbei, dieser Alptraum war es; die Jagd war es. Aaron Hotchner schloss den Deckel auf dem Karton und nahm das grüne Klebeband, das er sich am Mittag aus dem Archiv geholt hatte. Er klebte es einmal Quer über den Deckel, verdeckte den roten Stempel darauf und versiegelte den Karton mit einem Behördenaufkleber, der mit dem heutigen Datum gestempelt war. Er unterschrieb mit seinem Kürzel auf dem Logo. Er nahm den Aktenkarton in die Hand; trug ihn und damit auch die Erinnerung durch die langen Korridore. Trug ihn fort, trug ihn dort hin, wo er sich schon die letzten zwei Jahre hätte befinden sollen. Er brachte ihn in die grüne Abteilung; in das Archiv.

Dort schritt er langsam durch die engen Gänge, seine Schritte hallten durch die im Keller gelegene Halle und in seinen Gedanken hörte er Laub unter seinen Schuhen knistern, eine letzte Erinnerung an einen längst vergangenen Tag. Er verstaute den Karton in einer abgelegenen Ecke, schob ihn ganz weit nach hinten auf dem Metallregal und schob damit auch alle Erinnerungen, alles was er aus dieser finsteren Zeit behalten hatte, weit weg. Er schloss die Augen und ließ los.

Er drängte diese Zeit fort, weg von sich und damit weg aus seinen Gedanken, löste sich davon und vertraute, dass es irgendwann nicht mehr schmerzen würde. Dass die Schuld, die ständig an ihm nagte irgendwann aufhören würde so schmerzhaft in seinem Inneren zu pochen. Irgendwann würde die Erinnerung an diesen Fall nichts weiter als eine Mahnung sein, sie forderte sie auf vorsichtig zu sein und den Job gewissenhaft und niemals leichtsinnig auszuüben. Er hoffte, dass es Spencer gut ging, und er wusste, dass es Zeit war die Personalakten zu studieren, die ihm Sektionsleiterin Erin Strauss demonstrativ auf seinen Schreibtisch gelegt hatte. Sie hatten die freie Stelle in der BAU zwei Jahre lang nicht nach besetzt, weil er sich als Supervisor geweigert hatte. Doch jetzt war es Zeit über einen Ersatz - eine Ergänzung - im Team nachzudenken.

Seine Augen hafteten auf dem Karton, sahen ihn durchdringend an mit der Gewissheit, dass es das Letzte Mal gewesen war, dass diese Akten gesichtet worden waren. Das letzte Mal, dass er Details heraufbeschworen hatte. Die Fotos lagen verschlossen in der Dunkelheit. Geister, die endlich aufhören mussten durch die leeren Korridore der BAU zu spuken. Hotch atmete angestrengt aus. Fixierte seinen Blick einige Sekunden auf das grüne Solved. Dann senkte er den Blick und drehte sich um, er verließ das Archiv mit schnellen Schritten, er sah nicht wieder zurück.

TBC