Kapitel 25
„Master Draco", wisperte eine Hauselfe neben seinem Kopf.
„Hmmm", machte er, denn sein Kopf dröhnte unangenehm laut.
„Aufstehen, Master Draco", flüsterte die Hauselfe wieder.
Er schlug träge die Augen auf. Die Elfe stand am Kopfende und zitterte vor Angst. Sie hieß Lowyn. Er kannte die Elfe. Er verzog den Mund.
„Wie spät?", entfuhr es rau seiner Kehle.
„E…e…elf!", erwiderte sie ängstlich. „Ihr… Ihr Vater schickt nach Ihnen", ergänzte sie und duckte sich zusammen. Draco runzelte die Stirn. Gott, diese Elfen waren nichts als feige und nutzlos.
„Ich komme", murrte er, ohne sich zu bedanken. Die Elfe verschwand hastig, und er war allein. Er fiel erschöpft auf seinen Rücken. Merlin, wie viel hatte er getrunken? Er wusste, er hatte sich noch mit Blaise über Floh gestritten. Und irgendwann war er so betrunken gewesen, dass er nicht mehr wusste, wie er hieß und war nach oben getorkelt.
Und jetzt, scheinbar fünf Minuten später, musste er aufstehen. Ob sie schon wach war, fragte er sich dumpf, aber er nahm es an. Sie war ja scharf auf diesen Müll, nicht er.
Er erhob sich nach einer ganzen Weile. Aber erst, als das Zimmer aufgehört hatte, sich zu drehen. Als sein Blick aus dem Fenster des lächerlich kleinen Gästehauses fiel, stockte ihm der Atem.
Scheinbar hatte es sich seine Mutter es nicht nehmen lassen, den Garten in ein nicht politisch nicht korrektes Winterland verwandeln zu lassen. Männer mit Kapuzen und übertrieben dicken Wintermänteln dienten als Deko und gleichzeitig wohl als Kellner, die hinter einer immens langen Theke ausschenken mussten.
Sie erhielten Anweisungen von seiner Mutter, die die Haare hoch zum Pferdeschwanz trug.
Überall standen Tische und Stühle, Deko und Lampen, und er wandte sich schlecht gelaunt vom Fenster ab.
Wenn er nur diesen Tag überstehen würde konnte er morgen mit Blaise und Gregory in Urlaub fahren. Endlich.
Er musste ins Haupthaus. Sein Vater war kein geduldiger Mann. Nicht, dass es ihn störte oder interessierte, was er wollte.
Er würde jetzt erst mal gemütlich duschen. Am besten den Rest des Tages.
Er hatte ein ziemliches Chaos veranstaltet hier oben, fiel ihm auf. Aber er nahm an, unten hatten die Elfen bereits aufgeräumt. Er hätte wieder weinen können, wenn ihm nicht so schlecht gewesen wäre.
Er wusste nicht, wie er den Tag überleben sollte. Er würde duschen. Mehr wusste er gerade nicht. Er würde runter gehen. Er würde rüber gehen und frühstücken.
Er würde… tun, was alle von ihm wollten, sei es auch unter seiner Würde.
Er würde alles tun müssen, um sein Gold zu behalten.
Und mehr blieb ihm nicht übrig, dachte er bitter, während er die Dusche andrehte. Er würde durch die Hölle gehen, denn nichts anderes blieb ihm übrig.
Es war lange her, dass er vor dieser Tür gewartet hatte. Im Haupthaus herrschte lautes Treiben. Hexen mit Blumengestecken waren an ihm vorbei gerauscht, ein Dutzend Köche, während einige Gäste bereits angekommen waren, deren Stimmen er kannte und vor denen er sich versteckt hielt.
Das letzte Mal hatte er mit Lucius gesprochen, als er im Krankenflügel gelegen hatte.
Er klopfte widerwillig.
„Herein", hörte er die Stimme seines Vaters, gleichgültig und kühl.
Er öffnete die Tür, nachdem er kurz überlegte hatte, zu fliehen. Aber er war gebrochen. Sein Geist, all das, was ihn einst ausgemacht hatte, war nicht mehr da. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Er betrat das fremde Büro. Lucius hob den Blick.
Es lag nichts Freundliches in seinen Augen. Aber das hatte Draco auch nicht erwartet.
„Du siehst müde aus", stellte sein Vater lediglich nach all den Monaten fest. „Und du hast mich lange warten gelassen. Es wird außerdem Zeit, dass du dich fertig machst, deine Mutter ist bereits in heller Panik", fuhr er fort, ehe er scheinbar einen letzten Satz mit seiner schwarzen Feder schrieb, ehe er sie ganz beiseitelegte. „Setz dich, bitte", sagte er förmlich, als wäre Draco ein Kunde, der ein Stück Land kaufen wollte.
„Wie geht es dir?", schien sein Vater lediglich der Form halber zu fragen, und Draco ruckte mit dem Kopf.
„Fantastisch", griff er die leeren Worte seines Vaters auf, ohne sie zu meinen.
„Gibt es einen Grund, weshalb deine Mutter Miss Granger einen Fruchtbarkeitstrank verbreicht hat, heute Morgen?" Draco runzelte die Stirn. Sein Vater nannte sie Miss Granger. Und was…? Er musste vollkommen ungläubig aussehen.
„Es hätte mich auch gewundert", stellte Lucius schließlich fest, nachdem Draco nicht geantwortet hatte. Er hasste seinen Vater. Er wusste es sicher. Warum seine Mutter Fruchtbarkeitstränke braute? Weil sie verrückt war, deshalb. „Du hast wohl gestern getrunken. Lass den Zauberer bitte dein Gesicht herrichten. Du siehst aus, als hättest du die Nacht durchgemacht", bemerkte er bitter, und Draco ignorierte die Worte stumm.
Er saß also hier, um sich betrachten zu lassen, damit er gemaßregelt und erniedrigt wurde.
Es klopfte erneut. Fast war Draco dankbar, erlöst zu sein. Er hatte nicht vor, mehr als nötig mit diesem Mann zu sprechen.
„Herein", rief Lucius gleichmütig. Es war Granger. Sie blieb wie versteinert in der Tür stehen. „Ah, Miss Granger, da sind Sie", begrüßte Lucius sie durchaus wärmer als ihn. „Kommen Sie rein. Der Vertrag ist aufgesetzt, bereit von beiden unterschrieben zu werden."
Anscheinend waren sie hier aus einem Grund, stellte Draco fest. Granger ignorierte ihn tatsächlich. Sie trug einen seltsamen Hausanzug. Auch sie war wohl noch nicht hergerichtet worden. Er hatte einen Mordshunger, fiel ihm auf.
„Es ist Standard", erläuterte Lucius jetzt. „Sie unterschreiben, eine Malfoy zu werden, mit allen Pflichten. Sie gebären innerhalb eines Jahres einen Erben oder eine Erbin, wir sind da offen", ergänzte er lächelnd, während Draco übel wurde, „und sollten sie sich trennen, erhalten sie eine fünf prozentige Abfindung. Das ist verhandelbar, wenn Ihnen das zu wenig-"
„-perfekt", unterbrach sie ihn mit einem Kopfschütteln. „Von mir aus auch weniger. Ich habe nicht vor, mich scheiden zu lassen. Und wenn, will ich nichts haben", erklärte sie. Lucius sah sie an. Auch Draco konnte es nicht verhindern. War sie… verrückt?
„Sie wollen gar nichts haben, wenn es zur Trennung kommt?", fragte Lucius erneut, aber Granger nickte, ohne ihn überhaupt anzusehen.
„Gar nichts, Mr Malfoy", bestätigte sie, und sie meinte es wirklich ernst. Draco hätte am liebsten den Kopf geschüttelt. Sie könnte fünfzig Mal so viel verlangen – und sie wollte gar nichts? Wie sicher war sie sich, bitteschön?! Oder besser, wie dumm war sie eigentlich?!
„Wir können es so regeln, Miss Granger", sagte er schließlich gedehnt. „Dass Sie… gar nichts bekommen", fuhr er gedehnt fort, während er sie beobachtete, aber sie zuckte nicht mit der Wimper, sie… schien es wirklich ernst zu meinen.
„Ich bitte darum", sagte sie tatsächlich. Lucius hob probehalber den Zauberstab.
„Sind Sie sich da völlig sicher?", fragte er, als wäre es ein Spiel. Er ließ sie nicht aus den Augen, sie ließ ihn nicht aus den Augen. Draco sah von einem zum anderen. „Sie wissen, das wäre äußerst töricht, Miss Granger", schien Lucius sie erinnern zu wollen. Was unterstellte ihr Lucius? Dass sie… vorhatte sich zu trennen?
Aber Granger lächelte. „Mr Malfoy, ich möchte Ihren Sohn heiraten. Und ganz bestimmt nicht, wegen seines Goldes", schloss sie mit demselben Lächeln. Und Draco hätte wirklich gerne gefragt, weshalb sonst, aber er verkniff es sich, denn er heiratete sie nur wegen seines Goldes. Und wenn sie gar nichts wollte, dann war er froh und dankbar. Er musste sie nur dazu bringen, sich von ihm so schnell wie möglich scheiden zu lassen.
„So soll es sein", erklärte Lucius, schwang stumm den Zauberstab und Draco sah, wie sich der Vertrag änderte. Granger würde nichts bekommen. Nicht mal die kleinste Abfindung. Und sie lächelte! Sie war vollkommen übergeschnappt. Das wusste er natürlich, aber jetzt hatte er es Schwarz auf Weiß. Lucius schien nicht minder beeindruckt zu sein.
„Wunderbar. Wo kann ich unterschreiben?", fragte sie munter.
„Auf der Linie", sagte Lucius neugierig, gespannt, ob sie doch noch einen Rückzieher machen würde. Aber sie unterschrieb. Einfach so. Und dann war es vorbei.
„Dann bis später", sagte sie in keine bestimmte Richtung und verließ das Büro wieder. Er starrte wie gebannt auf ihren Namenszug, der klar auf der Linie zu lesen war. Die schwarze Tinte sickerte in das Pergament, trocknete und verwandelte den Vertrag somit in ein legal bindendes Stück Papier.
„Bitte", sagte sein Vater, und reichte ihm weniger zufrieden die Feder. „Sie ist verrückt", ergänzte er kopfschüttelnd. Draco sagte nichts, unterschrieb ebenfalls, und besiegelte sein Schicksal. Er unterschrieb sein Todesurteil, und sein Vater reichte ihm auch noch die Feder dazu.
Er hatte gedacht, sein Vermögen wäre Grangers wunder Punkt.
Aber… er hatte sich geirrt.
„Das war alles, du kannst gehen", bemerkte sein Vater spitz und desinteressiert an seiner Erscheinung. Draco ging, schluckte das bittere Gefühl hinunter und verließ nur zu gerne die Nähe seines Vaters.
Auf dem Flur traf er auf Blaise. Er trug bereits einen Anzug. Schick und schwarz.
„Malfoy!", rief er entsetzt. „Du siehst abscheulich aus! Lass uns anfangen!", wandte er sich nach hinten, zu einem Haufen Hexen und Zauberer, mit reichlich viel Equipment, um ihn wohl herzurichten, wie sein Vater es nannte.
Er gähnte.
„Elfe!", rief er in das Haus, und keine Sekunde später erschien die Elfe vor ihm. „Bring mir was zu essen nach oben", befahl er befehlsgewohnt und die Elfe verschwand mit einer Verbeugung.
Er war froh, seine ganze Verwandtschaft nicht begrüßen zu müssen. Blaise bugsierte ihn direkt nach oben in sein Zimmer. Dort wartete sein grauenhafter Anzug.
Es kam ihm vor wie seine eigene Beerdigung.
Pansy, Ginny, Millicent, Lavender und Parvati standen um sie herum, während eine Schneiderin ihr das Kleid anhexte.
Sie stand seit einer Stunde auf dem Podest, aber irgendwann war ihre Müdigkeit verschwunden. Wahrscheinlich als das Kleid angefangen zu leuchten. In allen Farben aller Eiskristalle, die sie jemals gesehen hatte. Narzissa hatte Recht. Es wirkte sehr offen, aber wie eine zweite Haut, hatte sich Magie auf ihre bloße Haut, ihr Dekolleté, gelegt und wärmte sie ganz allein.
Das Kleid schimmerte weiß und blau und manchmal erfassten ihre Augen einen roten Funken, als würde sich die untergehende Sonne im Kleid spiegeln.
„Hermine…", sagte Ginny, aber sie schüttelte nur den Kopf, vollkommen bezaubernd. „Du siehst aus wie eine Eisprinzessin."
Die Stylisten zauberte winzige Kristalle in Hermines Haar, keiner glich dem anderen, und das Blau des Kleides passte perfekt mit der glitzernden blauen Magie zusammen, die auf ihrer Haut schimmerte.
Ihre Locken waren gebändigt, hinten halb zusammengefasst, und sie fielen in anmutigen Wellen ihren Nacken hinab. Ihre Nägel waren lackiert, durchsichtig wie Kristalle, und sie schimmerten Perlmutt, je nachdem, wie Hermine ihre Hände bewegte.
Sie hatte sogar den Ring aufgesteckt, denn die Saphire passten so perfekt.
Und sie hatte schon vollkommen vergessen, was passieren würde, denn dieses Kleid war ein wahres Kunstwerk. Wie Millionen feinste Schichten aus Eis, und es war nicht kalt.
Aber die Schuhe waren wohl die Krönung.
Denn sie waren aus Kristallglas. Sie schmiegten sich an ihre Füße als wären sie aus Seide. Sie wirkten so zerbrechlich, sie waren sehr hoch, und Hermine hatte Angst, dass sie stolpern würde und dann bräche ihr Absatz buchstäblich in tausend Sterben, auch wenn die Stylisten ihr versichert hatte, dass das niemals passieren konnte.
„Du bist wunderschön", flüsterte Pansy kopfschüttelnd. „So werde ich niemals aussehen", ergänzte sie mit Tränen in den Augen.
„So ein Unsinn, Pansy", sagte sie nur, denn Pansy war selber so wunderschön, ohne jedes Kleid.
„Deine Haare", ignorierte Pansy ihre Worte. „Sie passen so perfekt, und deine Haut…" Scheinbar entging Hermine, was Pansy in ihre sah. Sie betrachtete sich erneut in dem riesigen Spiegel. So hatte sie sich noch nie gesehen, und sie erkannte sich nicht mal.
Das Makeup war so perfekt. Würde sie sich jeden Tag so einen Aufwand machen, vielleicht würde sie sich an dieses fremde, markante, königliche Gesicht gewöhnen, was nicht ihres sein konnte. Sie wusste, Mädchen konnte wahre Schönheitsoperationen mit Makeup vollbringen, aber sie konnte das nicht.
Sie würde es niemals so hinbekommen.
„Du darfst nur nicht weinen", schlug ihr Lavender vor, die Hermine eine Weile lang nur mit offenem Mund angesehen hatte.
„Komm vom Podest, wir stoßen an", sagte Ginny jetzt fröhlich. Vorsichtig stieg Hermine mit den Schuhen, auf denen sie zu schweben schien vom Podest. Und sie flog tatsächlich. Sie bewegte sich, wie sie es niemals für möglich gehalten hatte.
Weich, wie Schichten aus Schnee wogte sich das Kleid um ihre Hüften, schmiegte sich an jede ihrer Körperbewegung, und sie konnte nicht glauben, dass es ein Kleid war. Es war eher ein eigenes Lebewesen, was sie, Hermine, lediglich zu erdulden schien, wie sie unbedarft in seinen Wogen aus Seide und Diamanten verschwand und als schöner Schwan auferstanden war.
Sie wusste nicht, wie teuer dieses Kleid war, aber alleine die tausende von Diamanten reichten aus, um sie annehmen zu lassen, dass man ein kleines Land hiervon würde ernähren können.
Sie nahm das Glas entgegen, und die Mädchen starrten sie wieder an.
„Wow", sagte Parvati nur. „Ich wünschte, ich würde so aussehen", flüsterte sie fassungslos.
Hermine nahm an, die Magie auf dem Kleid ließ sie anmutiger aussehen, als sie es war.
„Warte ab, bis du mich tanzen siehst", erwiderte Hermine jetzt lächelnd. „Das ist dann nicht mehr schön."
Die Mädchen stießen mit ihr an. Die teuren Kristallgläser klirrten verheißungsvoll, und Hermine war fast entspannt. Würde sie doch nur nicht heiraten müssen.
Aber das Kleid entschädigte sie für einiges.
Sie hatte über eine Stunde ein magisches Schönheitsbad nehmen müssen, um ihre Poren zu reinigen, ihre Haare mit speziellen Kuren zu behandeln, um dann noch eine goldene Milch und Honigkur zu machen. Und sie musste gestehen, sie hatte sich noch nie sauber, so rein, so ausgewogen und wohl gefühlt.
Es war, als wäre ihr Körper mit einer neuen seltsamen Magie und Kraft und Stärke aufgetankt worden. Sie bewegte sich ganz anders als vorher, kam es ihr vor.
Schade, dass es nicht für immer so sein würde, dachte sie lächelnd.
Aber sie würde wohl noch Angst vor sich selber bekommen.
Ihre Haut schimmerte als wäre sie ein fremdes Wesen. Und sie wollte nicht wissen, wie teuer eine solche Spa-Behandlung in der echten Welt war.
Draußen hatten sich so viele Gäste angesammelt, dass Hermine tausend Flugzeuge im Bauch hatte. Sie hatte Angst und war aufgeregt.
Ginny ergriff plötzlich ihre Hand.
„Ich freue mich für dich, Hermine", sagte sie aufrichtig. „Wenn es das ist, was du dir immer erträumt hast, dann… wünsche ich euch von Herzen alles Gute", sagte sie, mit Tränen in den Augen. Hermine schüttelte heftig den Kopf.
„Nicht weinen, Ginny!", rief sie aus, denn sie befürchtete, selber weinen zu müssen. Und nein. Sie war nicht glücklich. Sie hatte einen anderen Traum. Und sie wusste nicht, ob sie ihn jemals erreichen würde.
Die Tür öffnete sich lautlos. „Ladys, es wird Zeit", verkündete Narzissa zwinkernd, und sie sah atemberaubend aus. Ihr Blick fiel auf Hermine, und sie blinzelte zweimal.
Sie hatte Smokey Eyes, trug ein dunkles Chiffon-Kleid und wirkte so jung, nicht älter als die Mädchen hier, dachte Hermine. Narzissas Schuhe waren schwarz und endlos hoch.
„Hermine", rief Narzissa aus. „Du bist perfekt!", entfuhr es ihr. „Merlin…" Sie drückte Hermine kurz an sich, nachdem sie den Abstand geschlossen hatte.
Hermine erfasste Angst. Narzissa drückte ihre Hand fest. „Komm", sagte sie. „Die Gäste sind draußen, die Sonne geht gleich unter, und du musst die Eisfläche noch sehen, eh die Dunkelheit alle Lichteffekte raubt", sagte sie, aufgeregt, wie ein Kind.
Und sie war die einzige, die Hermine leid tat. Narzissa war die einzige, der sie nicht wehtun wollte. Narzissa war die einzige, die sich wirklich für sie interessiert hatte.
Sie war die einzige, die Hermine nicht enttäuschen wollte.
Aber sie musste. Und sie wollte das Vertrauen der Frau nicht missbrauchen, aber sie musste. Und sie wünschte sich, danach könnten sie Freunde sein, aber Hermine wusste, das ging nicht.
Wie könnte sie noch mit Narzissa befreundet sein? Wie könnte Narzissa ihr vergeben, wenn sie erst einmal wusste, weshalb Hermine ihre Freundlichkeit und Gastfreundschaft und Zutraulichkeit ausgenutzt hatte?
Sie schluckte diese Ängste hinunter, schenkte Narzissa ein tapferes Lächeln und verließ mit ihr den Salon, in dem sie zurecht gemacht worden war, gefolgt von den Mädchen.
Das Haus lag vor ihr wie ausgestorben. Alle mussten bereits draußen sein.
Sie hörte Klavierklänge von draußen. Es klang wie Blues, irgendetwas Romantisches. Sie atmete langsam aus, als sie unten angekommen waren, nur noch durch das Wohnzimmer mussten und durch die Verandatüren nach draußen.
Hermine sah das Schimmern der Deko auch von drinnen.
„Keine Angst", flüsterte Narzissa.
Eigentlich wollte Hermine sie noch fragen, ob sie sicher war, dass Draco nicht abgehauen war, aber Hermine verkniff es sich. Sie sammelte all ihren Mut, streckte den Rücken durch, und Narzissa und die Mädchen gingen vor. Sie trugen alle so schöne Kleider. Es war so eine Verschwendung. Und niemand wusste, was sie tat.
Außer vielleicht Dumbledore.
Kurz betete sie zu allen Göttern, die ihr vertraut waren, dass sie es schaffen würde. Und dass sie am Ende etwas zum Guten verändern würde. Und nicht zum Schlechten. Dass aus der bösen Asche vielleicht doch ein wunderschöner Phönix steigen würde, der all das Leid wettmachte, was sie vielleicht über die Familie bringen würde.
Und dann trat sie nach draußen in das Wunderland aus Eis, was Narzissa Malfoy für sie geschaffen hatte. Und es übertraf alles, was Hermine sich jemals ausgemalt hatte.
