26. Juni 1917
No. 2 Canadian Casualty Clearing Station, Remy Siding bei Lijssenthoek, Belgien
Some beautiful flowers
Es liegt eine beunruhigende Schönheit in den Blüten, die die Gräber bedecken. Rot wie das Blut, das diese Erde wieder und wieder getränkt hat. So fragil, das sie, einmal gepflückt, kaum noch Minuten zu leben haben.
Wenn das Gänseblümchen die unschuldigste Blume auf dieser Welt ist, so ist Klatschmohn sicher die tragischste.
Mit der Hand fahre ich den Stiel einer der Blumen hinauf, lasse meine Finger über die zarten Blütenblätter gleiten. Ich sollte sie nicht pflücken. Der Tod ist hier schon zu oft vorbei gegangen, um jetzt auch noch eine Blume sterben zu lassen, ohne jeden Grund.
Sehr vorsichtig berühre ich mit der Fingerspitze die Kante eines Blütenblatts. Lautlos bewegen sich meine Lippen, formen die berühmten Worte, verfasst von einem kanadischen Arzt, vermutlich nur wenige Meilen entfernt von dem Ort, an dem ich jetzt stehe.
In Flanders fields the poppies blow
Between the crosses, row on row,
That mark our place; and in the sky
The larks, still bravely singing, fly
Scarce heard amid the guns below.
We are the Dead. Short days ago
We lived, felt dawn, saw sunset glow,
Loved and were loved, and now we lie
In Flanders fields.
Take up our quarrel with the foe:
To you from failing hands we throw
The torch; be yours to hold it high.
If ye break faith with us who die
We shall not sleep, though poppies grow
In Flanders fields.
Mit einem Ruck reiße ich die Mohnblume aus, schleudere sie auf das nächste Grab.
Quarrel? Wirklich? Einen Zank nennen wir das hier also jetzt?
Und die Fackel? Gib, dass niemand sie auffängt, dass sie zu Boden fallen und dort verlöschen mag! Vielleicht würde dann diese Welt erlöst werden von Gräbern, Holzkreuzen und Klatschmohn.
Wenn es jemals eine Lerche gab an diesem Ort, so ist auch sie jetzt verstummt. Hat es aufgegeben, ansingen zu wollen, gegen die Geschütze. Es ist nicht einmal mehr Donner. Ich habe kein Wort für das Geräusch, das sie erzeugen.
Es gibt keinen Ort auf dieser Welt wie Flandern.
Möglich, dass es einmal ein friedlicher Ort war, an dem Menschen gelebt, geliebt, gelacht haben. Jetzt jedoch ist Flandern zum Inbegriff des Schlachtenfeuers geworden, das diese Welt einhüllt. Einer der grausamste aller Orte in diesem grausamsten aller Kriege.
An dem Tag, an dem ich angekommen bin, haben die Deutschen Poperinghe bombardiert und einen Zug getroffen. Acht Tote, sagen sie. Ich glaube nicht an Vorsehung, aber ich beginne zu fürchten, dass das tatsächlich ein Omen war.
Vimy Ridge war schrecklich. Niemand, der dort war, wird das je abstreiten. Aber Vimy Ridge ist gar nichts gegen Ypern. Ypern, diese eine Stadt im ansonsten besetzten Belgien, die unsere Truppen noch halten und verteidigen, seit drei Jahren nun. Koste es, was es kosten mag. Ein schmaler Streifen belgisches Land, das einzunehmen die Deutschen wieder und wieder versuchen und wieder und wieder scheitern.
Ypern ist eine eingeschlossene Stadt, von drei Seiten umfangen vom schmalen, tödlichen Streifen der Frontlinie. Die Namen der Dörfer um Ypern herum sind zum Synonym geworden von den Schlachten, die hier geschlagen würden. Gravenstafel, Langemarck, Poelkapelle, St. Eloi, St. Julien. Und ein Blick auf die Landkarte offenbart noch unzählige weitere Dörfer, nach denen sie ihre künftigen Schlachten benennen können.
Es war in Flandern, als sich im Herbst 1914 die Soldaten eingegraben und diesen schrecklichen Stellungskriegs begonnen haben. Es war in Flandern, als im Frühjahr 1915 die ersten Gaswolken unsere Soldaten vergiftet haben. Und es war in Flandern, als Jerry im Sommer 1916 verwundet wurde.
Ich rupfe eine weitere Mohnblume von einem der Gräber.
Poperinghe ist ein kleiner Ort im Westen Yperns. Lijssenthoek ist ein noch kleinerer Ort südwestlich von Poperinghe. Und bei Lijssenthoek gibt es einen Flecken Land, der mal ein Bauernhof war, woran aber heute nur noch der Name erinnert. Remy Farm. Vier CCS haben sie hier konzentriert. Unser Lazarett, No. 2 Canadian Casualty Clearing Station, ist das letzte in der Reihe. Neben uns, im Osten, sind die Engländer aus No. 10, daneben ein weiteres kanadisches Lazarett, No. 3 Canadian, und ihnen gegenüber, auf der anderen Seite der Bahnschienen, wieder die Engländer von No. 17. Zusammen ergeben sie eines der größten Feldlazarette in diesem Krieg.
Entsprechend groß ist der Friedhof, der hier in drei Jahren Krieg angewachsen ist. Er liegt direkt neben uns. Wir sehen sie jeden Tag, die Kreuze, die über die Toten wachen.
Holzkreuz neben Holzkreuz. Manche aufwendig gearbeitet, weiß angestrichen, fest in die Erde gestoßen. Andere windschief, verwittert, hastig zusammen gezimmert. Jedes Kreuz wacht über einen toten Soldaten und über allem wächst der Mohn.
Wenn Ypern fällt, ist der Weg zur französischen Küste frei. Wenn Ypern fällt, verlieren wir den Krieg. Es gibt nichts, was wir nicht tun würden, keinen Preis, den wir nicht zahlen würden, um diese paar Meilen blutroten Landes zu halten. So lange dieser Krieg andauern wird, werden sie daher wachsen, die Mohnblumen auf den Gräbern. Einer Decke für die Toten gleich.
Meine Finger verkrampfen sich um den Stiel der Blume in meiner Hand. Die feinen Härchen pieken in meine Haut. Ich schließe die Augen und statt Dunkel sehe ich nur noch rot, rot, rot.
Dann plötzlich, explodiert etwas – Granate? Bombe? – nicht weit – nicht weit genug – entfernt. Der plötzliche Knall, der Nachhall. Ich zucke zusammen, reiße die Augen wieder auf. Es ist immer noch rot. Diese ganze Welt ist rot. Vielleicht werde ich mein Leben lang nie mehr etwas Rotes ansehen können, ohne an Flandern denken zu müssen.
Noch eine Explosion. Der Boden zittert. Ich greife unwillkürlich nach dem nächsten Grabstein. Als könnte er mich halten. Dabei erzittert er genauso wie der Boden, in dem er steht.
Bei Vimy waren wir weit genug weg von der Front, die Granaten zwar zu hören, aber nicht von ihnen bedroht zu werden. Hier ist es anders. Poperinghe, von den Männern auch liebevoll Pop oder Pops genannt, ist der Punkt, an dem alle Wege konzentriert werden, von Soldaten, Waffen, Munition – und, ganz wichtig, von Nahrung. Die Deutschen wissen das natürlich. Sie lassen oft genug ihre Flugzeuge über unseren Köpfen aufsteigen. Wir liegen an der Eisenbahnlinie, die von Poperinghe nach Westen führt. Die Eisenbahn ist die Lebensader dieses Krieges. Können die Eisenbahnen nicht fahren, bleibt der Nachschub aus. Entsprechend groß ist das Interesse der Deutschen, die Schienen, neben denen unser Lazarett liegt, zu zerstören.
Und ich vermute, sie nehmen uns das mit Messines übel. Den Messines Ridge, einen Höhenzug südlich von Ypern, haben die englischen Truppen ihnen abgenommen, als ich im Welten entfernten Nizza auf einer Wiese lag und Colette mir einen Gänseblümchenkranz geflochten hat – was keine drei Wochen her ist und sich doch anfühlt wie eine Ewigkeit. Mit dem Verlust der Gegend um Messines haben die Deutschen einen Aussichtspunkt über Ypern verloren und ich kann mir vorstellen, wie wenig ihnen das gefällt.
Entsprechend ist kein Tag vergangen, seitdem ich hierangekommen bin, an dem nicht irgendetwas explodiert ist, viel zu nah, beunruhigend nah. Sie sagen, wir sind außerhalb der Reichweite der deutschen Geschütze, aber es fühlt sich nicht so an. Und obwohl die Flugzeuge sich oft auf Luftbeobachtung beschränken, werfen sie ebenso häufig auch Bomben ab. Man lernt daher schnell, auch sie mit Misstrauen zu beobachten, wie sie dort oben über den Himmel schweben. Kleine Moskitos vor der Sonne.
Die nächste Explosion scheint wieder weiter entfernt zu sein. Das Geräusch klingt leiser. Ich drehe mich um, blicke in die Richtung, aus der das Grollen erklingt. Und erst jetzt sehe ich, dass wir nicht alleine sind auf diesem Friedhof, die Toten und ich.
Die so bekannte blaue Uniform erkenne ich sofort und als ich die Augen gegen die Sonne zusammen kneife, meine ich, als ihre Trägerin Miss Inglish zu erkennen. Wir arbeiten zusammen im Resus Ward, wobei ‚resus' die militärische Abkürzung für ‚resusciation' ist. Die Wiederbelebungsstation. Manchmal ist das ganz wörtlich gemeint.
Ich hebe die Hand zum Gruß. Nach einem kurzen Zögern erwidert sie ihn. Dann, noch ein Zögern, länger dieses Mal, in dem wir einander ansehen, über die Kreuzreihen hinweg, bevor sie sich aus ihrer Starre löst und sich ihren Weg um die Gräber hinweg sucht, zu mir hin.
Abwartend bleibe ich stehen. Es überrascht mich, dass sie zu mir kommt. Sie ist einer der am wenigsten gesprächigen Menschen, die ich kenne, und ich bin gemeinsam mit Shirley aufgewachsen.
Als sie nur noch zwei Gräber entfernt ist, bleibt sie ruckartig stehen. Sie macht keine Anstalten, etwas zu sagen, sieht beinahe so aus, als sei sie selbst überrascht, sich hier vorzufinden. Also mache ich die erste Bemerkung, die mir in den Sinn kommt: „Na, auch keine Lust auf Prinzenbesuch?"
Vielleicht soll es eine Ehre sein, dass der Herzog von Connaught und sein Sohn, Prinz Arthur, uns heute mir ihrer Anwesenheit beehren. Ich vermute sogar, es macht Sinn, denn der Herzog war bis von ein paar Monaten der Generalgouverneur Kanadas und als Vertreter des Königs damit auch Oberbefehlshaber über das kanadische Militär. Trotzdem fragt man sich doch, was seine Anwesenheit hier bezwecken soll.
Miss Inglish hebt die Schultern. „Ich komme oft hier her", erklärt sie dann abrupt, „um alleine zu sein."
Ich öffne fast automatisch den Mund, um mich zu entschuldigen, ihre Einsamkeit gestört zu haben. Dann schließe ich ihn wieder. Wer sagt denn, dass sie mehr Recht auf diesen Friedhof hat als ich? Und sind wir nicht eigentlich beide so etwas wie Gäste hier?
Stattdessen nicke ich nur.
Eine Pause entsteht.
„Schlechte Neuigkeiten?", fragt Miss Inglish dann plötzlich. Eine kleine Handbewegung deutet zu den Briefen, die aus der Tasche meiner Schürze ragen.
Aus verengten Augen sehe ich sie an. Ich frage mich, was sie das angeht. Wir haben bisher keine drei Sätze miteinander gewechselt. Aber sie scheint nicht zum neugierigen Schlag Mensch zu gehören. Vielleicht will sie also einfach nur helfen, auf ihre kantige Art und Weise.
„Mein Bruder ist krank", erwidere ich also, „zwei Jahre hat er es drüben am Mittelmeer ausgehalten und jetzt hat ihn doch noch die Malaria erwischt."
Etwas huscht über ihr sonst so ungerührtes Gesicht. „Dr. Blythe ist krank?", hakt sie nach. Ihre Stimme stockt.
Meine Augen werden noch etwas schmaler. „Du kennst ihn?", will ich wissen.
„No. 1 Canadian Stationary Hospital?", gibt sie statt einer Antwort zurück.
Ich nicke. Das ist Jems Einheit.
„Dann ist er es", bestätigt sie, „ich bin mit der gleichen Einheit nach Europa gekommen. Ich war mit ihnen auf Limnos und in Salonika."
„Warum bist du dann jetzt hier?", frage ich.
„Ich war auch krank", antwortet sie, „und jetzt bin ich hier." Ihre Stimme klingt mit einem Mal abweisend. Ich belasse es dabei. Es scheint keine schöne Erinnerung zu sein.
Als sie erkennt, dass ich nicht vorhabe, zu bohren, wird ihre Miene wieder zugänglicher. „Es tut mir Leid. Mit deinem Bruder", bemerkt sie dann.
Mit einem Nicken nehme ich die Aussage entgegen. Miss Inglish jedoch ist noch nicht fertig.
„Es wird schlimm sein für alle dort unten, dass er krank ist", fährt sie fort, „ich erinnere mich, wie viel er dort zusammen gehalten hat. Er hat ein Talent, auch in schwierigen Situationen die Stimmung oben zu halten."
Damit hat sie in der Tat Recht. Es ist ein Talent, das er mit keinem von uns anderen teilt. Nur Faith hat es auch. Vielleicht waren die zwei auch deswegen füreinander bestimmt.
„Er war ein großer Liebling der Krankenschwestern", bemerkt Miss Inglish und ein kleines Lächeln huscht über ihr Gesicht.
„Er ist verheiratet", stelle ich klar. Jetzt ist es an mir, abweisend zu klingen.
Ihr Blick richtet sich auf mich. Sie hat intelligente Augen.
„Das weiß ich", erwidert sie, „das wussten wir alle. Jedes Mal, wenn er neue Bilder seiner Kinder aus Kanada bekommen hat, hat er sie jedem im Krankenhaus unter die Nase gehalten. Wir haben immer gesagt, wenn wir jemals einen Mann finden, der uns halb so sehr liebt wie Dr. Blythe seine Faith, können wir uns glücklich schätzen."
Langsam nicke ich. Es stimmt, was sie sagt. Das ist etwas Besonderes zwischen Jem und Faith, das ich in dieser Form sonst nur bei meinen Eltern gesehen habe.
„Das hat natürlich die Hälfte der Krankenschwester trotzdem nicht von ihrer Schwärmerei für ihn abgehalten", vervollständigt Miss Inglish. Wieder schwebt die Ahnung eines Lächelns auf ihrem Gesicht.
„Dich auch nicht?", frage ich. Ich gebe mir Mühe, meine Stimme freundlich klingen zu lassen. Ich meine es nicht böse, ich bin bloß… neugierig, vermutlich. Es ist interessant, etwas über Jems Leben im fernen Griechenland zu hören. Und es ist beruhigend, zu erkennen, dass er trotz allem immer noch Jem ist.
Miss Inglish zuckt mit den Achseln. „Nur insoweit wie jede kleine Krankenschwester irgendwann einmal für einen gutaussehenden Arzt schwärmt", antwortet sie.
Unwillkürlich verziehe ich das Gesicht. Es entgeht Miss Inglish nicht. Fragend hebt sie eine Augenbraue.
„Keine schöne Geschichte", wehre ich ab. Wie ich eben belässt auch sie es dabei, aber ich sehe so etwas wie Mitgefühl auf ihrem Gesicht. Vermutlich denkt sie, ich war in einen Arzt verliebt und bin abgewiesen worden. Natürlich irrt sie, aber ich korrigiere ihre Annahme nicht. Kein Grund, in schmerzhaften Erinnerungen zu stochern, nicht wahr?
„Kannst du Dr. Blythe Grüße ausrichten, wenn du ihm schreibst?", bittet Miss Inglish dann, „von Laura Inglish? Sag ihm, ich war die Krankenschwester, die während dem Sturm auf Limnos von ihrem Zelt begraben wurde. Vielleicht erinnert er sich an mich."
Für einen Augenblick glaube ich, in ihren Augen so etwas wie Wehmut zu erkennen und frage mich, ob es wirklich nur die übliche Schwärmerei einer kleinen Krankenschwester für einen gutaussehenden Arzt war. Dann lasse ich den Gedanken ziehen. Ich bin mir wenigen Dingen auf dieser Welt so sicher wie der Liebe zwischen Jem und Faith und wenn Miss Inglish ihn aus sicherer Entfernung vielleicht ein wenig zu sehr bewundert hat, dann geht mich das nichts an.
Bei Zachary mögen die Dinge anders herum gelegen haben, aber ich kenne das Gefühl einer hoffnungslosen Schwärmerei. Das war lange bevor dieser Krieg auch nur eine Ahnung in den Gedanken der Menschen war und ich wusste zu jeder Zeit, damals wie heute, dass daraus niemals etwas werden würde. Gerade deswegen jedoch war es so harmlos. Der einzige Mensch, den man mit solchen Gefühlen verletzen kann, ist man bloß selbst.
„Klar, ich richte es ihm aus", verspreche ich, stocke dann jedoch, „das heißt, wenn…"
Wenn er meinen nächsten Brief überhaupt lesen wird. Ich weiß nicht viel über Malaria, es ist eine exotische, ferne Krankheit, aber ich weiß, dass es nichts Gutes ist. Malaria kann töten, so effektiv wie eine deutsche Kugel es tut.
Miss Inglish scheint meinen Stimmungswechsel zu bemerken. Erst tritt sie einen Schritt näher, verharrt dann. Sie öffnet den Mund, schließt ihn wieder, beißt sich auf die Unterlippe, bevor sie schließlich doch spricht. „Ich weiß nicht, ob es hilft", beginnt sie zögernd, „aber ich glaube nicht, dass die Malaria Dr. Blythe etwas anhaben kann. Er würde das nicht zulassen."
Ich lasse ihre Worte auf mich wirken. Und dann, ganz unerwartet, muss ich lächeln. „Er ist ziemlich stur", stimme ich zu, „wir sind alle stur."
Denn Sturheit, daran kann niemand rütteln, ist bei uns eine Familieneigenschaft. Das musste sie vielleicht sein, immerhin haben wir Kinder sie von beiden Eltern mitbekommen. Sie kann als lauter, kaum zu verkennender Charakterzug auftreten, wie bei Nan und Jem, oder leise und standhaft wie bei Shirley und sogar Walter, aber welche Form auch immer sie annimmt, Sturheit zeichnet jeden von uns aus.
Vielleicht wird es also wirklich Sturheit sein, die es Jem verbietet, gegen etwas wie Malaria zu verlieren.
Es ist vermutlich irrational, aber der Gedanke ist für einen Moment tatsächlich beruhigend. Und das möchte einiges heißen, denn es gibt nicht viel, was mich in den letzten Tagen zuversichtlich stimmen konnte. Walter mag in Sicherheit in England sein, aber wie sieht es denn mit dem Rest aus? Jem ist krank. Shirley ist zurück in den Gräben. Jerry ist seit Anfang des Monats bei der Officers Casualty Company in Bexhill, wo sie Offiziere nach Krankheit oder Verwundung wieder auf den Einsatz vorbereiten. Von vier Wochen Aufenthalt sind drei bereits vergangen, er wird Shirley somit Anfang Juli in die Gräben folgen. Und nur Gott und Lord Jellicoe wissen, in welchem Meer Carls Sardinenbüchse gerade herumschwimmt.
Wenn ich ehrlich bin, wünsche ich mir manchmal den März zurück. Da war es zwar kalt, aber wenigstens wusste ich alle unsere Jungs in Sicherheit. Walter, Shirley und Jerry in England und Jem zwar in Griechenland, aber wenigstens gesund. Irgendwie habe ich das Gefühl, seitdem ist es nur bergab gegangen. Der einzige mögliche Lichtblick ist, dass sie sagen, es würde Jerry wieder besser gehen, aber wie überzeugt ich davon sein soll, weiß ich noch nicht. Ich habe gelernt, den Aussagen der Armee mit einem gewissen Misstrauen zu begegnen.
Ich sehe zu Miss Inglish hinüber. Stille ist zwischen uns gefallen. Sie blickt in die Ferne, nach Osten. Mein Blick dagegen fällt auf eines der Gräber, das zwischen uns liegt. Der Erdhügel ist noch frisch, noch bedeckt ihn kein Mohn. Das Kreuz ist aus rauem Holz gezimmert, der Name ist in das Holz geritzt worden.
Private William Warner
1896 – 1917
Royal Northumberland Fusiliers
Manchmal, wenn ich die Namen auf den Kreuzen lese, frage ich mich, was das wohl für ein Mensch war, dem Name und Kreuz verbergen. Was für ein Leben er gelebt hat. Wie er gestorben ist. Wen er zurückgelassen hat.
Aber das werde ich niemals erfahren, oder? Er ist nur ein weiterer Name auf einem der unzähligen Holzkreuze, die sie aufstellen. Ob sie wirklich glauben, dass man sich dieser Männer erinnern wird, wenn der Totentanz vorüber ist? An jeden einzelnen?
Sicher, seine Eltern werden sich an William Warner erinnern, vielleicht seine Geschwister, wenn er welche hatte, oder sein Mädchen. Aber was ist danach? Wenn alle die tot sind, die ihn kannten, wird er dann nicht einfach ein weiterer gesichtsloser Toter sein? Ein Unbekannter, der gestorben ist für etwas, von dem ich nicht weiß, ob diejenigen, die nach uns kommen, es verstehen werden? Was bleibt dann noch von diesem toten Jungen, außer noch ein weiteres Holzkreuz, das in der Reihe steht und verwittert?
Erneut eine Explosion, irgendwo links von mir. Erst Knall, dann Grollen. Ich zucke zusammen.
„Na komm, wir sollten gehen", bemerkt Miss Inglish mit einem leichten Kopfschütteln, „dieser Ort ist gut, wenn man alleine sein möchte, aber er fördert auch düstere Gedanken. Vermutlich ist man deswegen hier so oft allein."
Ich nicke, wenn auch etwas zögerlich. Ich glaube, sie sagt die Wahrheit. Es ist ein Ort für düstere Gedanken, vielleicht umso mehr durch das intensive Rot, das ihn bedeckt. Da ist etwas Verstörendes an dem Kontrast der schönen, leuchtenden Mohnblumen und dem Tod, der sich unter ihnen verbirgt. Mit einem Mal fühle ich mich Unwohl. Ein Frösteln läuft meinen Rücken hinab. Ich mag nicht länger hier sein.
Statt jedoch loszugehen, den Friedhof zu verlassen, verharrt Miss Inglish auf der Stelle. „Wusstest du, dass roter Mohn in der Sprache der Blumen für Vergnügen und Freude steht?", fragt sie nachdenklich.
Mehr sagt sie nicht. Ich folge ihrem Blick, sehe hinab. Die Mohnblume in meiner Hand ist verwelkt.
Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „The Rose of No Man's Land" aus dem Jahr 1918 entnommen (Text von Jack Caddigan und Musik von James Alexander Brennan).
Das Gedicht ‚In Flanders Fields' wurde im Jahr 1915 vom kanadischen Arzt John McCrae (1872 – 1918) verfasst und ist bis heute eines der bekanntesten Gedichte zum Ersten Weltkrieg.
Der Herzog von Connaught ist Prinz Arthur, 1. Herzog von Connaught und Strathearn, (1850 – 1942), der dritte Sohn von Königin Victoria des Vereinigten Königreichs. Von 1911 bis 1916 diente er seinem Neffen, König George V., als 10. Generalgouverneur von Kanada. Über seine ältere Tochter, Prinzessin Margaret, ist er der Urgroßvater des aktuellen schwedischen Königs, Carl XVI. Gustaf.
Prinz Arthur ist Prinz Arthur von Connaught (1883 – 1938), der einzige Sohn des Herzogs von Connaught. Er diente von 1920 bis 1924 als 3. Generalgouverneur von Südafrika und war mit Prinzessin Alexandra, 2. Herzogin von Fife, verheiratet, einer Enkelin von König Edward VII. durch dessen Tochter Prinzessin Louise, Princess Royal.
Lord Jellicoe ist John Rushworth Jellicoe, 1. Graf Jellicoe, (1859 – 1935), ein hoher Offizier der britischen Royal Navy. Von Dezember 1916 bis Juli 1917 amtierte er als First Sea Lord, davor war er als Oberkommandierender der britischen Grand Fleet unter anderem für deren Führung während der Schlacht am Skagerrak (englisch: Battle of Jutland) zuständig. Von 1920 bis 1924 diente er als 2. Generalgouverneur von Neuseeland.
