Der König und seine Gemahlin gingen wieder hinunter in die Halle und suchten in der Menge nach Alwas Brüdern. Sie fanden sie vor den Toren bei den Windlanzen. Alwas Vater und auch Dan, die sich beide sehr für die Waffen interessierten, ließen sich gerade von Dwalin die Feinheiten der Mechanik zeigen. Kan, Balin, Bilbo und Dwin standen etwas abseits im Schatten des Berges und unterhielten sich mit… Dís.
Thorin, der seine Schwester lieber gemieden hätte, überlegte kurz, ob er wirklich hinübergehen sollte. Doch Dís hatte ihn schon gesehen und Thorin wollte um nichts auf der Welt, dass sie dachte, er würde ihr in seinem eigenen Hause ausweichen. Dís stand dort, schön und strahlend, makellos gekleidet und frisiert. Mit ihrem üblichen leicht überheblichen, spöttischen Lächeln und sich in jeder Sekunde ihrer Wirkung auf die Umstehenden bewusst. Sie sah ihm in die Augen und ihm wurde schmerzhaft klar, dass er die Trennung noch lange nicht wirklich überwunden hatte. Doch der furchtbare Tag ihrer Hochzeit hatte einen sehr tiefen Riss hinterlassen.
Alwa hatte offenbar ein feines Gespür für Stimmungen, denn obwohl Thorin sich, wie er dachte, seine innere Anspannung nicht anmerken ließ, spürte er, wie seine Gemahlin ihm plötzlich nur widerwillig folgte und er sie fast hinüberziehen musste.
Kaum waren sie da, ergriff Dís Alwas Hände und begann überschwänglich auf sie einzureden und sie willkommen zu heißen. Alwa starrte sie stumm an und als Dís ihre Stirn an Alwas legen wollte, wandte diese sich abrupt ab. Das war ein ziemlich heftiger Affront. Alarmiert sah Dís auf.
„Warum bist Du böse auf mich?", fragte Alwa schlicht.
Dís blieb der Mund offen stehen und ihr Gesicht überzog eine glühend heiße Schamröte. Sie warf Thorin einen hilflosen Blick zu und merkte, dass dieser sich nur mit Mühe ein Grinsen verbiss.
Er beugte sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Eiskalt erwischt, Schwesterchen".
Laut sagte er: „Liebste Alwa, Dir ist gelungen, was ich in fast zweihundert Jahren nicht geschafft habe: Meine Schwester einmal sprachlos zu sehen".
Alles lachte und Dís, die sich inzwischen wieder in der Gewalt hatte, stimmte etwas steif mit ein. Die Spannung wich, aber Dís blieb Alwa eine Antwort schuldig.
Bilbo gratulierte Thorin herzlich zu seiner Vermählung und wünschte Alwa mit einer tiefen Verbeugung alles Gute.
„Alwa, dies ist Bilbo Beutlin, ein guter Freund von mir und er kommt von weit her aus dem Auenland. Er ist ein Hobbit", stellte der König ihn vor.
Alwa sah ihn lange an und wiederholte endlich: „Hobbit".
Dwalin kam mit Alwas Vater und Dan aus der Sonne und wischte sich die Stirn. Er zog Dwin zu sich und sagte an Alwa gewandt.
„Das hier ist meine Gemahlin Dwin. Sie ist auch aus den Eisenbergen", brummte er.
Alwa sah von ihm zu Dwin und zurück zu ihm.
„Wie heißt Du?", fragte sie.
„Ich? Dwalin. Und das ist mein Bruder Balin".
„Balin, Fundins Sohn. Zu Euren Diensten, Hoheit", stellte sich Balin noch einmal förmlich vor und verbeugte sich.
„Alwa, Bans Tochter. Zu Diensten", antwortete Alwa hastig und wieder wie einstudiert.
Dann umarmte sie Dwin.
Überrascht erwiderte diese die Umarmung.
Dís hinter ihr dachte zornig: „Wie kann sie es wagen, mich hier bloßzustellen und dann Dwin zu umarmen!".
Als hätte sie diese Worte laut geschrien, fuhr Alwa plötzlich herum und blickte Dís erschrocken an. Den Umstehenden entging das nicht. Thorin sah seine Schwester scharf an und Dís drehte sich um, warf den Kopf in den Nacken und wollte wutentbrannt davongehen. Sie hatte diese fremde Zwergin, diese „verwirrte, kleine Alwa", ganz offenbar unterschätzt. Sie lief direkt in ihren Mann hinein, der mit Gandalf und Thranduil herüberkam. Der hochgewachsene Mann hielt sie an den Schultern fest und sah sie besorgt an.
„Alles in Ordnung, meine Liebe?", fragte er leise.
Dís beruhigte sich in seiner Gegenwart, lehnte sich einen Moment an ihn und atmete durch.
Gandalf gratulierte derweil Thorin und verbeugte sich höflich vor Alwa.
Auch Thranduil beglückwünschte den Zwergenkönig und wandte sich dann ebenfalls Alwa zu.
„Du hast schöne Haare", sagte sie da versonnen.
Balin drehte sich mit einem merkwürdigen Krächzen um, aber Dís konnte sich ein lautes Lachen nicht verkneifen. Thorin hätte in diesem Moment seinen rechten Arm gegeben, um auf der Stelle im Stein unter ihm zu versinken. Er funkelte Dís wütend an, die seine Schmach mit ihrem Lachen vervielfacht hatte. Ban und Dan waren blass geworden und Kan stand kopfschüttelnd da und fuhr sich durch den Bart. Dwin, Dwalin und Bilbo standen entgeistert daneben.
Thranduil aber überraschte alle.
Kein Spott, kein Lachen. Nicht einmal ein hämisches Grinsen. Er ging in die Hocke, um auf Augenhöhe mit Alwa zu sein, neigte höflich den Kopf, als hätte sie ihm ein angemessenes, nettes Kompliment gemacht und erwiderte lächelnd mit einem kurzen Seitenblick auf Dís:
„Und Ihr habt schöne Augen, Hoheit. Ich habe Eure Großmutter gut gekannt. Sie war bemerkenswert. Ich ...".
Doch hier brach er ab, sah verlegen in die Runde und fuhr schließlich beherrscht fort:
„Ich freue mich, Eure Bekanntschaft zu machen".
Alwa lächelte ihn an.
Thranduil stand wieder auf, reckte sich und kehrte zu seinem üblichen Gebaren zurück.
„Schön, dass ich wenigstens noch einmal einen Blick auf die Steine werfen durfte, Hoheit", wandte er sich spöttisch noch einmal an Thorin.
Thorin hatte sich noch nicht recht von seinem Schrecken eben erholt und es dauerte einen Moment, bis er verstanden hatte, worauf Thranduil anspielte. Ihm wurde klar, dass dieser die Schatulle mit den weißen Sternenlichtsteinen meinte, die Teil der Ausstellung im kleinen Saal war. Um diese Kostbarkeit hatte es schon zu Thrors Zeiten Streit zwischen Zwergen und Elben gegeben und es war mindestens zweihundert Jahre her, dass der Elbenkönig sie gesehen hatte.
„Wunderschön, nicht wahr?", erwiderte Thorin.
„Ja, in der Tat", antwortete der Elb seufzend.
„Ich soll Euch übrigens von Beorn Grüße bestellen. Ich habe auf dem Weg hierher bei ihm einige Tage Rast gemacht. Er dankt für die Einladung, meinte aber, nicht recht in diese illustre Gesellschaft zu passen. Er hat Euch Honig geschickt", versuchte Gandalf das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.
„Rührend", sagte Thranduil.
„Zumindest hat er nicht etwas verschenkt, das Thorin sowieso schon gehört", mischte sich jetzt Dáin ein, der dazugekommen war, „Thorin, er hat Dir Orkrist auf den Tisch gelegt!".
„Jetzt darf er es auch behalten", fauchte Thranduil Dáin an.
Ein Wort gab das andere und obwohl Gandalf, Bard und Balin versuchten, die Wogen zu glätten, waren bald ein Dutzend Zwerge um Dáin und Veri herum in ein lautstarkes Streitgespräch mit den anwesenden Elben, allen voran natürlich Thranduil, verstrickt.
Thorin als Gastgeber oblag es, hier einzuschreiten, bevor die Situation ausuferte. Er sah zu Dís hinüber, die die Lage wahrscheinlich ohne Mühe mit ein paar wohl gewählten Worten hätte klären können. Doch sie stand da, die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihn herausfordernd an. Ihr Blick sagte ihm deutlich, dass von ihrer Seite keine Hilfe zu erwarten war. Zumindest nicht, ohne dass er zu Kreuze kroch und um ihre Unterstützung bat. So gut kannte er seine Schwester immerhin.
Er sah sie finster an und überlegte ärgerlich, was zu tun war.
Da wurde er plötzlich gewahr, dass es ganz still geworden war. Die Streitenden waren verstummt und alle starrten Alwa an. Sie stand da, beide Hände auf die Ohren gepresst und war zusammengekrümmt, als hätte sie körperliche Schmerzen.
„Ach je", murmelte Veri mitleidig.
Dan wollte zu ihr stürzen, aber Thorin hatte schon den Arm um Alwa gelegt und Kan hielt seinen Bruder zurück. Der seufzte und blieb stehen.
„Alwa! Es ist alles gut! Hörst Du mich?", flüsterte der König seiner Gemahlin besorgt zu.
Sie zitterte am ganzen Leib und reagierte nicht. Thorin sah sich hilfesuchend nach Dan um. Der schüttelte Kans Hand ab und kniete sich vor Alwa auf den Boden.
„Sie sollte sich hinlegen. Irgendwo, wo es ruhig ist", sagte er zu Thorin.
Thorin hob sie auf und trug sie hinüber zu einer der Stuben der Torwachen. Er spürte die Wärme ihres bebenden, angespannten Körpers durch den dünnen Stoff ihres Kleides und hielt sie unwillkürlich fester umfasst. In der Wachstube legte er sie vorsichtig auf eine Pritsche und Dan deckte sie mit einer der rauen Decken zu, die den Wachen dort zur Verfügung standen. Die vier anwesenden Wachen lugten neugierig herüber, bis sie vor Thorins zornigem Blick zurückwichen und in der Halle warteten.
Dan zog Alwas Hände von ihren Ohren, begann ein Kinderlied zu summen und seiner Schwester über ihre Wange zu streicheln.
Als er merkte, dass Alwa sich langsam entspannte, schüttelte er unglücklich den Kopf und warf Thorin einen besorgten Blick zu.
„Mahal! Vielleicht haben wir sie doch zu sehr vor allem beschützt in all den Jahren. Sie ist so etwas einfach nicht gewöhnt. Streit macht ihr schwer zu schaffen", murmelte er.
„Keine Sorge. Dáin und Thranduil treffen für gewöhnlich höchstens alle hundert Jahre hier aufeinander und ansonsten haben nur meine liebe Schwester und ich nennenswert Streit im Erebor. Und seit sie in Thal lebt, ist es in der Regel herrlich ruhig hier", meinte Thorin trocken.
Dan lag eine Frage nach seiner Schwester und dem Vorfall nach der Rentierjagd auf der Zunge. Aber er wagte es dann doch nicht, den König daraufhin anzusprechen. Alwa erholte sich rasch, setzte sich auf und und sah sich verwundert um.
„Ich habe Hunger", sagte sie.
Dan sah auf den Zeitmesser in der Stube und sagte:
„Es wird noch etwas dauern, bis es etwas zu essen gibt, Liebes".
„Wenn die Königin jetzt Hunger hat, bekommt sie jetzt etwas zu essen. Ich lasse gerne eine Kleinigkeit hierher bringen. Was isst sie denn gerne", fragte Thorin Dan.
„Blutwurst", antworteten Dan und Alwa wie aus einem Mund.
Thorin lachte.
„Das hatte ich irgendwie nicht vermutet", sagte er immer noch lachend.
„Ihr werdet Euch noch oft wundern, glaubt mir", erwiderte Dan mit einem schiefen Grinsen.
Thorin verließ die Wache mit einem Lächeln auf den Lippen und hielt nach einem Diener Ausschau, den er in die Küchen schicken konnte. Die Streitenden hatten sich zerstreut. Nur Dwin stand da und wartete offenbar auf ihn.
„Wie geht es ihr?", fragte sie besorgt.
„Schon besser. Geh zu ihr, Dwin. Ich hätte gerne, dass sie sich sobald wie möglich hier zuhause fühlt. Und ich wäre Dir dankbar, wenn Du Dich ein wenig um sie kümmerst. Sie scheint Dich zu mögen", sagte der König nachdenklich.
Dwin nickte, verbeugte sich und ging. Sie betrat die Wachstube und verbeugte sich vor Dan.
„Dwin, Tochter von Rim und Faren, Steinmetzgesellin", stellte sie sich ihm noch einmal förmlich vor.
„Dwin", sagte Alwa.
„Rim und Faren? Dann seid Ihr aus unserem Winkel?", fragte Dan überrascht.
„Ja, meine Familie hat ihre Werkstatt da. Ich bin ursprünglich dort aufgewachsen", antwortete Dwin erfreut und fuhr fort:
„Der König bat mich, nach Alwa zu sehen und ihr beim Einleben nach Kräften zu helfen".
„Das freut mich, Dwin. Meinen Dank dafür", sagte Dan mit einer Verbeugung.
Alwa lächelte und ließ die Beine von der Pritsche baumeln.
Dan wollte wissen, wie sie in den Erebor gekommen war und wie lange sie hier schon lebte und Dwin begann zu erzählen. Ein Diener kam und brachte eine Platte mit hübsch angerichteten Wurstaufschnitten in verschiedenen Sorten, Apfelspalten, eingelegten Gurken und Radieschen. Alwa aß langsam und genussvoll mit den Fingern und ließ das auf Hochglanz polierte Silberbesteck unberührt. Dwin und Dan unterhielten sich weiter.
„Ihr kennt also den König und seine Schwester gut?", fragte Dan sie und Dwin spürte, dass ihm eine ganz andere Frage unter den Nägeln brannte.
„Eigentlich mehr die Prinzessin. Aber seit sie in Thal lebt, sehe ich sie nur noch selten", antwortete Dwin zögerlich.
„Dwin, ich muss wissen, ob meine Schwester hier in Sicherheit ist! Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass etwas geschieht, wie auf dem Abend des Jagdfestes! Wenn er Alwa schlagen würde, wie er seine Schwester geschlagen hat! Wie konnte das geschehen? Er macht gar nicht so den Eindruck...", brach es endlich aus ihm hervor.
„Ich habe großen Respekt vor Eurer Familie und ich kann Eure Sorge verstehen, deshalb will ich Euch nicht anlügen. Ich weiß seit einiger Zeit, was passiert sein muss. Aber es ist mir nicht erlaubt, darüber zu sprechen".
Dan seufzte schwer.
„Mein König", sagte Alwa versonnen.
Dan und Dwin sahen auf. Thorin stand in der Tür und sah ärgerlich auf Dan herab.
Dan erhob sich.
„Verzeiht, Hoheit. Ich hatte kein Recht, Dwin mit dieser Frage zu bedrängen. Ich weiß, dass Ihr die Zusage meines Vaters habt und dass ich ihm und auch König Dáin verpflichtet bin, aber ...", begann er gesenkten Hauptes.
„Schon gut", winkte Thorin ab, „Ihr habt alles Recht der Welt, diese Frage zu stellen. Aber stellt sie mir. Dwin, lass uns allein".
Eine halbe Stunde später rief der Gong die Gäste in den großen Saal zum Bankett. Thorin führte Alwa inmitten der vielen Zwerge, Elben und Menschen in den Saal und hinüber an den Gabentisch. Er waren tatsächlich drei übereinander stehende runde Tische unterschiedlicher Größe mit weißem Leinen bedeckt, die sich unter der Last fast bogen. Ein Erebor aus exquisiten Geschenken aus ganz Mittelerde türmte sich vor ihnen auf. Alwa betrachtete die erlesenen Dinge geistesabwesend.
Thorins Blick aber suchte das Schwert. Orkrist! Da lag es. Er freute sich ehrlich, die prächtige Waffe zurück zu haben. Und er sah auch, dass Dáin nicht erwähnt hatte, dass Thranduil eine kostbare neue Scheide für das Schwert hatte anfertigen lassen, die das Geschenk vervollständigte.
Thorin wunderte sich über den Elbenkönig. Er hatte sich nicht über Alwas unangebrachte Bemerkung lustig gemacht, sondern war im Andenken an Alwas Großmutter überaus rücksichtsvoll und höflich gewesen.
Thorin selber hatte nur von Wala reden hören. Sie war schon vor seiner Geburt gestorben. Aber wenn selbst Thranduil von ihr beeindruckt war, musste sie wahrlich bemerkenswert gewesen sein. Er sah sich nach Walas Enkelin um. Sie stand immer noch völlig still da und ließ den Blick über den Stapel der Geschenke schweifen. Und sie war schon wieder barfuß. Wann zum Balrog hatte sie sich die Schuhe ausgezogen? Thorin lächelte in sich hinein. Dies war sicherlich auch irgendwie bemerkenswert, wenn auch nicht wirklich eindrucksvoll. Er würde auf sie aufpassen müssen, aber er würde es gerne tun, dachte er.
