25. Dich kennenzulernen

Molly gab ein kleines begeistertes Quietschen von sich, als sie vorm Restaurant hielten.,, Oh! Ich wollte hier immer schon einmal essen!" sagte sie glücklich. Sie sah ihn an. ,,Woher wussten Sie das?"

Ein kleiner Irrer hat es mir gesagt. ,,Ich wusste es nicht. Ich habe mir nur gedacht, sie würden es mögen." sagte Sherlock. ,,Entgegengesetzt der öffentlichen Meinung weiß ich nicht alles."

Sie senkte schüchtern ihren Blick. ,,Sie kennen mich in mancher Hinsicht ziemlich gut."

Er unterdrückte seinen Drang ihr zu sagen, dass es leicht zu erraten war, dass sie auf solch niedliche Dinge stand. Niedlich. Aber sie war eine Pathologin. Sie führte Autopsien durch. Warum war ihm nie vorher aufgefallen, dass das eine eigenartige Kombination war? Er würde sie später danach fragen.

Er half ihr beim Aussteigen und begleitete sie zur Tür, die er mit einem Lächeln öffnete. Ein perfekter Gentleman.

Er hörte das leise Klicken der Kamera, in einiger Entfernung hinter ihnen, nicht.

,,Prinzessin von Shoreditch" war eine gute Örtlichkeit, hatte Moriarty gesagt. Poliertes dunkles Holz, lackiert in einem modernem Design, Tische und Stühle auf eine Art und Weise arrangiert, die andere Menschen wohl als behaglich empfunden hätten. Der Maitre hatte hatte sie lächelnd zu einem Tisch geführt, der wie Sherlock es gewünscht hatte, in hinteren Teil lag. Molly wusste, dass er sich im allgemeinen nichts aus Menschen machte, und so störte es sie nicht besonders. Sie war ohnehin nicht scharf darauf, inmitten einer Menschenmenge zu essen.

Kaum, da der Kellner sie begrüßt hatte, schlug Sherlock mit einem Schwenker die Weinkarte auf. Er überprüfte die Karte für genau drei Sekunden bevor er sie wieder zuschnappen ließ. ,,Gut, wir nehmen eine Flasche aus Ihrem Jahrgang von 2008, Inniskillin Riesling Eiswein, bitte." bat er den Kellner.

,,Exzellente Wahl, Sir." Der Mann schenkte Ihnen Wasser ein und verließ sie.

Molly schluckte schwer, und sah hinunter auf ihre eigene Weinkarte. Er hatte soeben eine Flasche Wein bestellt, die siebzig Pfund kostete. Sie spürte seinen Blick auf ihr, schloss hastig ihre Weinkarte und griff nach der Speisekarte.

,,Ist das eine akzeptable Wahl, ja?" fragte er und sie sah auf um seinem Blick zu begegnen.

,,Oh, ich liebe Riesling. Er ist nur...bisschen teuer, dieser eine." sagte sie mit einem leicht nervösen Lachen.

Er hob seine Augenbrauen. ,,Und?"

Sie schüttelte den Kopf. ,,Nichts. Es klingt köstlich, danke."

,,Sie sind nicht gewohnt, gut behandelt zu werden, nicht wahr?" fragte er leise. Es war keine Frage.

Molly fühlte, wie ihre Wangen zu brennen begannen und sie wünschte sich, sich unter dem Tisch verstecken zu können. ,,Ich habe tatsächlich nicht gerade dutzende Verehrer." sagte sie, ebenfalls ruhig. ,,Die meisten hatte ich während meiner Uni-Zeit. Ein Großteil der Studenten hat normalerweise nicht soviel Geld. Gut, die Reichen schon, aber ich wollte nie einen von ihnen daten. Sie suchen immer nur nach etwas Hübschem, das sie an ihrem Arm tragen können, wie eine Rolex, und sie werfen dich sofort weg, wenn ein jüngeres Mädchen mit größeren Brüsten ihren Weg kreuzt."

Er blinzelte: ob vor Überraschung über ihre Offenherzigkeit oder wegen der Information an sich, dessen war sie sich nicht sicher.

,,Geld ist kein Grund, Sie nicht ordentlich zu behandeln, Molly." sagte er freundlich.

,,Oh, es gab einen, der es getan hat. Einen ganz speziell, aber offensichtlich hat es nicht funktioniert." sagte sie, und verfluchte sich dafür, wie ein Tölpel klischeehaft mit ihren Beziehungsproblemen aufzufahren.

,,Entschuldigen Sie." sagte sie schnell. ,,Ich weiß ich habe mich gerade wie eine von diesen Frauen angehört, die sie verabscheuen, weil ich von meinem Ex geredet habe. Ich ….habe nur das Gefühl, ich kann Ihnen alles erzählen, weil sie wie ein Freund für mich sind."

Er starrte sie wieder mit diesem Blick an: der Blick, der versuchte, etwas zu verstehen, das ihn überrascht hatte. ,,Sie haben nicht die ganze Zeit darüber geplappert, Molly. Unterschätzen Sie mich nicht, bitte, auch wenn ich Ihnen wohl jeden Grund dazu gegeben habe. Und ich bin froh, dass Sie sich mit mir wohl fühlen."

,,Nun, so weit würde ich nun auch wieder nicht gehen." sagte sie, schlug aber sogleich die Hände über dem Kopf zusammen.

Sherlock starrte sie an und brach in Gelächter aus.

,,Oh mein Gott, entschuldigen Sie...".

,,Keine Entschuldigungen." sagte er, als sein Lachen sich gelegt hatte. ,,Sie sind ehrlich. Ich will Sie lieber ehrlich, als dass Sie sich ihren Weg durch irgendein imaginäres Minenfeld suchen müssen."

Molly konnte nichts anderes tun, als ihren Kopf in Verwunderung zu schütteln. ,,In Ordnung. Ich werde weiterhin einen Narren aus mir machen."

Er lächelte. ,,Bitte, soweit sollten sie es nicht treiben, Molly."sagte er trocken, und plötzlich war sie es, die auflachen musste.

Der Wein wurde serviert, nachdem sie das übliche Korkenschnüffeln* hinter sich gebracht hatten und die Gläser aufgefüllt worden waren, bestellte Sherlock eine Vorspeise (nachdem er Molly konsultiert hatte), wartete darauf, dass der Kellner verschwand und hob sein Glas. ,,Darauf, dass wir wir sind."

Sie lächelte und stieß mit ihm an. ,,Darauf, dass wir wir sind."

Der Riesling war fantastisch, kühl und süß, mit einer Note Vanille und Aprikose. Er glitt wie flüssige Zärtlichkeit ihre Zunge hinunter. Sie sah wieder auf ihre Speisekarte hinunter und er folgte ihrem Beispiel. Dieses Mal für fünf Sekunden. Dann schloss er sie wieder und sah sie an. ,,Gut, haben Sie sich entschieden?"

,,Oh, noch nicht. Es sieht alles so gut aus."

Insgeheim fand Sherlock, dass nur vier Gerichte im Entferntesten gut ausgesehen hatten, aber er gab seine Meinung nicht kund. Er machte sich nicht viel aus Essen, Essen war langweilig und es bremste ihn beim Arbeiten aus, also war es nicht wirklich die Schuld des Restaurants.

Der Kellner kehrte einen Moment später zurück und lächelte. ,,Sie möchten bestellen?"

Sherlock sah Molly an, die sich schnell entschied. ,,Ich hätte gern den Braten vom Devon-Lamm, bitte."

,,Und Sie, Sir?"

,,Dasselbe, bitte."

Der Kellner nickte und sammelte ihre Speisekarten ein. Sherlock sah Molly überrascht an. ,,Ich wusste nicht, dass Sie Lamm mögen, Molly."

Sie sah ebenfalls überrascht aus. ,,Warum hätten sie auch? Wir haben nie zusammen gegessen."

Er senkte seinen Blick. ,,Das ist wahr. Aber darum geht es bei Dates, richtig? Dinge zu lernen?"

Er sah auf und fand ein Lächeln in ihrem Gesicht. ,,Ja."

,,Werden Sie ihre Geschichte zu ende erzählen? Über den Mann von der Uni?"

Molly starrte ihn an. ,,Warum?"

Er zuckte mit den Schultern. ,,Es könnte mir helfen, nicht dieselben Fehler zu machen?"

Sie lächelte abermals. Es verwirrte ihn. ,,Was?"

,,Das war...das war sehr nett, Sherlock."

Oh. Emotionalität. Nun, die gehörte wohl auch zu Dates. Er lächelte. Wieviel man lächeln musste, auf einem Date...

Molly nahm einen tiefen Atemzug. ,,Douglas und ich haben beide Medizin studiert. Er wollte Arzt werden, eine eigene Familienpraxis eröffnen. Wir haben uns ein Jahr lang getroffen und dann fragte er mich, ob ich ihn heiraten will. Kurz danach, begann ich Dinge zu bemerken, Dinge, die - nun- wenn ich Sie gewesen wäre, hätte ich sie vermutlich innerhalb von zwei Minuten, begriffen. Aber Liebe macht blind und ich habe ihn geliebt. Er hatte schon vorher darüber gewitzelt, wie unsere Familie aussehen würde: er wollte, dass ich zu Hause bleibe und die Kinder großziehe, während er arbeiten geht. Das war nicht das, was ich für mich selbst wollte. Ich hatte an der Uni zu lange und zu hart gearbeitet, um das alles einfach aufzugeben. Und so habe ich mit ihm gebrochen."

Sherlock betrachtete sie neugierig. ,,Sie wollen keine Kinder?"

,,Es ist nicht so, dass ich Kinder nicht mag: Ich will nur selbst keine haben. Als ich jünger war, habe ich an die Möglichkeit gedacht, aber ...". Sie sah weg.

Sie erschrak, als er für eine Sekunde sachte die Hand auf ihren Arm legte, bevor er sie wieder zurückzog. ,,Es ist nicht schlimm, dass Sie keine Kinder haben wollen."

Sie schaffte es zu lachen. ,,Sagen Sie das meiner Mum!"

,,Soll ich?" erwiderte er mit ausdruckslosem Gesicht, und sie musste noch lauter auflachen.

,,Wissen Sie was, das ist erstaunlich." sagte sie, nachdem sich ihr Lachen beruhigt hatte.

,,Was ist?"

,,Ich habe nur gerade gemerkt...dass ich Spaß mit Ihnen habe."

Er hob seine Augenbrauen. ,,...Danke?"

,,Nein, ich meinte nur...ich wusste nicht, dass sie so witzig sein können. Brilliant ja und sie haben so eine Präsenz an sich. Etwas, das jeden innehalten lassen möchte, um Sie für einen Moment zu betrachten. Aber sie können auch witzig sein. Die meisten Menschen bekommen das nicht mit. Und sie lassen es sich entgehen."

Ein Blick, den sie nicht entschlüsseln konnte, legte sich über sein Gesicht. ,,Danke, Molly." sagte er, und für einen Moment glaubte sie, einen Ton, eine Nuance rauer als sonst, in seiner Stimme vernommen zu haben.

Sie errötete ein wenig und unterdrückte den Drang ihren Blick zu senken. Sein merkwürdiger Gesichtsausdruck verschwand in einem anderen, beinahe...glücklichem?

Molly wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Sherlock schon.

Es handelte sich um eine kleine, bedeutsame Angelegenheit.

Molly Hooper hatte nicht gestottert.

Tbc...


*eine Art der Weinprobe, man riecht am Korken der Weinflasche (man korrigiere mich, wenn ich mich irre)


Ich bedanke mich für die Resonanz.

Willkommen und viel Spaß, jedem, der sich hierhin verirrt hat und hängengeblieben ist:)

Lg