4.6 Glück im Unglück (Teil 1)
Eine rasiermesserscharfe Haarnadel mit einem sofort tödlichen Gift im Haar zu tragen, war äußerst riskant, aber in diesem Fall notwendig. Und es würde nicht auffällig sein, wenn sich der junge Elf in einem Moment höchster Extase ins eigene Haar griff. Dann kam es nur noch darauf an, die Nadel so schnell und geschickt an der richtigen Stelle im Hals zu versenken, dass dem Opfer für einen Schmerzensschrei keine Gelegenheit mehr blieb...
Trinibelli streichelte das Gesicht des hübschen Elfen. Plötzlich wurden unter dem Make Up dunkle Linien sichtbar. Der Handelsprinz stutzte und hob den Kopf vom Kissen: "Moment mal, du bist tätowiert?"
Zevran blieb äußerlich völlig gelassen. Aber da er nackt auf dem Bauch seines Opfers lag, war es schwer möglich, sein schnell pochendes Herz zu verbergen: "In der Tat, ich habe mir das Gesicht verschönern lassen. Olinda war sich nicht sicher, ob es den Kunden gefällt, darum sollte ich es verdecken. Mögt Ihr es? Ich könnte mich abschminken, wenn Euch das lieber ist."
Doch Trinibelli ließ sich durch die hübsch vorgebrachte Lüge nicht beruhigen, er wirkte äußerst skeptisch. Würde er die Wache rufen? Zevran blieb keine Zeit, lange zu überlegen. Er griff sich ins Haar, doch die Geste wirkte in diesem Moment alles andere als "natürlich". Der Kaufmann versuchte aufzustehen, seine Lippen öffneten sich zum Schrei. Blitzschnell verschloss Zevran den Mund mit der linken Hand. Der Kaufmann wehrte sich mit Händen und Füßen. Er war kein geübter Kämpfer, aber er war stark! Keine Chance für Zevran, mit seiner Nadel den Hals zu erreichen. Im Gegenteil, er musste aufpassen, sich nicht selbst zu berühren. Er schaffte es, die Nadel in den linken Arm des Kaufmanns zu stechen, der seine Hand behindert hatte. Trinibelli zog erschrocken den Arm weg, was dem Assassin die Gelegenheit bot, in dessen Hals zu stechen. Doch er traf nicht den richtigen Punkt, der Kaufmann war deutlich geschwächt, aber er wehrte sich immer noch, versuchte, die Hand auf dem Mund loszuwerden, biss hinein. (Gut, dass die Krähe gelernt hatte, Schmerz stumm zu ertragen.) Der Assassin zog die Nadel aus dem Hals und versenkte sie noch einmal direkt im Herz des Handelsprinzen. Endlich ließ der Mann von ihm ab. Das Zucken ließ nach, er war tot.
Zevran schwitzte und war völlig außer Atem. Er schüttelte die schmerzende linke Hand, sie blutete sogar von Trinibellis Bissen. Und er hatte Angst - hatte man vor der Tür etwas mitbekommen? Würde jeden Moment eine Wache hereinstürmen? Er schloss die Augen, konzentrierte sich, zwang sich zur Ruhe. Im Vorraum blieb es still, aber viel Zeit würde ihm nicht bleiben. Es war ausgemacht, dass die Wachen nach spätestens einer halben Stunde anklopften und nachfragten, ob alles in Ordnung sei. Wie viele Minuten waren vergangen, seit er das Zimmer betreten hatte?
Der Assassin entfernte die nun blutige Haarnadel aus der Brust seines Opfers und steckte sie vorsichtig in die eigenen Haare zurück. Sein Blick fiel auf den Ohrring, den der Kaufmann trug. Eine kleine goldene Kreole mit einem winzigen Saphir. Sicherlich nicht teuer, aber raffiniert, ein Liebhaberstück. Zevran nahm ihn an sich. Er hatte keine Erinnerung an Sergio, so würde er wenigstens eine an dessen Mörder haben.
Der Fluchtweg war sorgfältig geplant, aber äußerst gefährlich: So lautlos wie möglich musste das Fenster geöffnet werden. Der nackte Elf musste der einzelnen Wache unter dem Fenster so auf den Kopf springen, dass dieser möglichst sofort tot, oder wenigstens ohnmächtig zusammenbrach. Er hätte nicht gedacht, dass es so weh tun würde, mit nackten Füßen auf einem Stahlhelm zu landen. Aber der Sprung schien gelungen, der Wächter kippte stumm vorwärts. Zevran fiel im selben Moment nach hinten mit dem Rücken gegen die Hauswand. Das gab ein paar fiese, blutige Schleifspuren, und wieder galt es, den Schmerz wegzubeißen. Nun musste der nackte Assassine über den Hof schleichen bis zu dem Strauch an der Mauer, in dem ein Paket mit Kleidung, Schuhen und zwei Dolchen für ihn versteckt war. Am Hinterausgang griffen ihn vier Wachen an. Sie hatten gegen die Krähenscharfschützen, die auf den Dächern und im gegenüber liegenden Gebäude postiert waren, keine Chance. Zevran konnte entkommen.
Der alte Heiler, der ihn schon während seiner Krankheit betreut hatte, versorgte seine Hand, seinen Rücken und ein paar Schnittwunden, die Zevran beim Kampf gegen die Wachen hatte einstecken müssen. Der junge Elf nutzte die Gelegenheit, um sich von fachkundiger Hand ein hübsches Ohrloch stechen zu lassen und legte seine neue Eroberung gleich an.
Taliesen, Antonio und - so hieß es - auch Arainai selbst waren mit dem Ausgang von Zevrans erster eigener Mordmission mehr als zufrieden. Nachdem der junge Elf die Hauptperson erledigt hatte, griffen mehrere Krähengruppen Trinibellis Anwesen an. Nach dem Tod ihres Dienstherrn flohen viele seiner Wachen. Nur seine ergebensten Diener verschanzten sich im Haus und boten sich mit den angreifenden Krähen einen erbitterten Kampf. Es soll ein großes Gemetzel gegeben haben, doch die Verluste waren vergleichsweise gering. Die meisten der geflohenen Wachen wurden von weiteren Krähen-Gruppen in den Straßen und am Hafen abgefangen. Sonderprämien gab es für jeden erledigten Verräter.
Zevran wurde aus dem großen Kampf herausgehalten, er sollte sich ausruhen - es gab einen neuen Fall, um den er sich baldmöglichst kümmern sollte. Für Taliesen bedeutete der von seiner Gruppe arragierte Erfolg einen bedeutenden Aufstieg innerhalb der Zelle.
