Kapitel 25

Die Tür knallte wie ein Donnerschlag, der seinesgleichen suchte, als er hereinkam und in Windeseile zum Pult schritt. Spätestens jetzt glaubte sie, ihr Herz sei stehen geblieben und hob völlig atemlos ihren Kopf.

Da stand er. Nicht an sein Pult gelehnt, wie sonst so oft, sondern davor. Stocksteif und völlig regungslos. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, denn spätestens nach diesem Auftritt hatte sie alle der Schulalltag wieder eingeholt, wobei in diesem Falle Alltag reichlich untertrieben war. Alle, die in der Abschlussklasse noch Zaubertränke auf dem Stundenplan hatten, waren demzufolge UTZ-Schüler, die sich irgendwann besonnen hatten, nicht zuletzt durch die Ereignisse in den letzten Jahren, dass die meisten Kurse wichtig für ihre spätere Berufswahl sein würden. Es war anspruchsvoll, aufregend, entnervend, angsteinflößend, immer eine Gratwanderung und es war Snape – kurz: Die jeweils härtesten Stunden der ganzen Woche, aber erträglich. Das würde sich ändern.

Sein Blick, der sie bis jetzt nicht erreicht hatte, jagte ihr ein Schauer nach dem anderen über den Rücken. Sie hätte nicht gedacht, dass er so auf sie wirken würde. Nach zwei Wochen, in denen sie ihn entweder nur in Muggelkleidung, in seinen Schlafsachen oder...anders gesehen hatte, erschlug sie beinahe der Anblick des hochgeschlossenen Kragens und der weiten, wallenden Robe. Das war nicht er, nein, das war wieder der Professor, vor dem sie nicht selten Angst, oder besser gesagt, zurückhaltenden Respekt gehabt hatte bis vor ein, zwei Jahren. Die Angst war lange verschwunden, noch vor der Schlacht, aber die Hochachtung seines Könnens der Respekt vor ihm hatte sich ins Unermessliche gesteigert.

Dass sie die Luft angehalten hatte, merkte sie erst, als ihr der letzte Atemrest mit einem leisen Keuchen entwich. Kaum merklich war er zusammengezuckt, und wer seine Augen gerade nicht unter sich, sondern wirklich auf ihn gerichtet hatte, hätte sehen können, dass er seine Kiefer fest aufeinander presste und seine Schultern noch weiter gestrafft hatte, als sowieso schon. Ob es eine Reaktion auf sie im Allgemeinen oder auf ihr Keuchen gewesen war, konnte sie nicht bestimmen, doch es war ganz sicherlich eine von beiden Möglichkeiten. Ginny drehte abrupt den Kopf zu ihr um – sie hatte es gehört.

„Was?", flüsterte sie besorgt, denn Hermione sah gerade ganz und gar nicht fröhlich aus.

„MISS WEASLEY!", donnerte er und ging auf sie zu. Er hatte es heute mit dem Gewitter. „Unterrichten sie diese Klasse oder warum ergreifen sie als erste das WORT HIER?"

„Entschuldigung, Sir." Du meine Güte, sie hatte doch nur ein Wort geflüstert.

„Man sollte meinen, sie hätten in den Jahren Manieren und Anstand gelernt, oder ist ihre...schlechte Gesellschaft schuld?"

Hermione sah ihn fassungslos an. Was bitte sollte das denn bedeuten? Oder meinte er wie üblich Harry? Hatte sich das nicht gegeben mit der Zeit?

Unsicher knetete Ginny ihre Finger und wusste nicht, ob sie antworten sollte oder nicht. Sie entschied sich dagegen und Snape kehrte an seinen Ausgangspunkt zurück.

Er fixierte erst Ginny weiterhin und dann jede einzelne Gruppe der Schüler.

Jeweils zwei Tische – hoch genug, dass man bequem im Stehen brauen konnte – mit zumeist vier Plätzen waren gegeneinander gestellt, sodass die Arbeitsfläche vergrößert wurde für die aufwendigen und oft zutatenreichen Tränke, die in der Oberstufe gelehrt wurden. Harry, Ron, Ginny und Hermione bildeten natürlich ein Team, wie sie es nannten, und boten ihm dadurch an sich schon reichlich Angriffsfläche. Nicht, dass er nicht generell immer noch die Gryffindors im Auge hatte...nein, das war immer so gewesen und würde wahrscheinlich in zwanzig Jahren noch so sein – Schlacht hin oder her. Vielleicht war es auch einfach nur Gewohnheit oder ein bisschen Normalität für alle Seiten, wie es Harry einmal formuliert hatte. Zwar hatten alle gemerkt, dass es nicht mehr bis aufs Blut ging, aber die alten Zwistigkeiten hielten sich mehr oder oft eher weniger ernst gemeint – nur dass fast alle damit klar kamen.

Snape ließ mit einem Schwenk seines Zauberstabs das Rezept des heutigen Tranks an der Tafel erscheinen und die meisten trauten ihren Augen nicht. Veritaserum, und zwar das Richtige. Kein Ersatz, keine abgeschwächte Form, nein, das, über dessen Einsatz das Ministerium die Kontrolle hatte – meistens jedenfalls. Wollte er sie testen oder einfach nur versagen sehen? Letzteres war seit fünf Minuten naheliegender.

Leise und nachdrücklich gab er seine Anweisungen.

„Sie werden zu zweit arbeiten und nur verbal aktiv werden, wenn sie sich über den Trank verständigen müssen, und zwar leise. Sie werden nur so viele Zutaten entnehmen, wie das Rezept vorgibt und keine einzige mehr. Sollte es jemand doch tun oder sollte jemand eine Zutat unbrauchbar machen, bekommen sie Punkte abgezogen, dass ihnen Hören und Sehen vergeht und natürlich Strafarbeiten, und zwar bei Mr. Filch."

Die meisten begannen zu überlegen, ob es im Moment nicht besser war, Filch abzubekommen als ihn. Eigentlich konnten sie nie genau sagen, wer schlimmer gewesen war, aber Snape war im Prinzip das kleinere Übel gewesen mit Flubberwürmern sortieren oder Kessel schrubben. Filch dagegen war an sich schon eklig genug anzusehen ohne die ganze Strafarbeit. Heute kamen fast alle zu einem anderen Ergebnis.

„HABEN SIE MICH VERSTANDEN?", brüllte er auf einmal und alle zuckten zusammen. Es kam nicht so oft vor, dass er laut wurde. Das sollte sich ändern.

„Ja, Sir.", flüsterten sie und begannen mit der Arbeit.

„Allein die Jobberknollfedern sind ne Menge Galleonen wert. Die sind so schön, die blaue Farbe...ach könnte ich das Vögelchen doch mal in echt sehen."

Lautlos hatte er sich hinter sie gestellt und merkte es erst, als sie seinen Atem im Nacken spürte.

„Was hatte ich ihnen gesagt, Weasley?, giftete er bedrohlich und zog die Augen zu Schlitzen zusammen, während Ginny kurz in sich zusammensank.

„Sir, sie hat nur über den Wert der Federn nachgedacht. Das gehört zum Thema.", versuchte Hermione ihr zu helfen.

Snape ignorierte sie vollkommen.

„Sie werden den Samstag bei Mr. Filch verbringen und nehmen sie ihre...Freunde hier gleich mit. Und jetzt ARBEITEN SIE!"

„Aber Sir, wir...", schritt Harry ein und wollte sich und die anderen verteidigen, da ihm keine Schuld bewusst war.

„Sehen sie, Potter, sie haben schon die gerechte Strafe bekommen, bevor sie etwas dafür getan haben. Bin ich nicht gut? Möchten sie mehr?"

„Nein, Sir."

„Faul wie eh und je."

Harry klappte nur noch den Mund auf und wieder zu und schüttelte innerlich den Kopf. Als Snape sich umgedreht hatte, schaute er nur in die Runde und zuckte mit den Schultern. Keiner konnte sich erklären, was hier ablief.

Stumm arbeiteten sie, bis sich der nächste Vorfall anbahnte. Weil sie sich nicht trauten, ihren Trank aus den Augen zu lassen, konnten sie nur hören, wie ein paar Slytherins eins mit seinem Buch ausgewischt bekamen und dass Malfoy einschritt. Dem ging das eindeutig gegen den Strich und er war sich sicher, dass er immun war, immer noch.

„Sir, ich denke nicht, dass..."

„Sie sollen nicht Unnützes denken, Mr. Malfoy, und schon gar nichts Unnützes von sich geben, oder möchten sie, dass ich ihren Vater davon unterrichte – jetzt, wo er sich gerade erholt hat?"

„Der hat damit nichts..."

„Wagen sie es nicht, meine Methoden anzuzweifeln, sonst wissen sie nicht, wie ihnen geschieht, und jetzt RUHE – ein für allemal."

Noch nie hatte jemand Draco so klein und perplex gesehen. Wäre die Situation nicht so heikel und die Atmosphäre nicht so aggressiv gewesen, hätten die Gryffindors gerne gelacht.


Vielleicht hatte er nur einen schweren Tag gehabt, schließlich gehörte die Lehrerkonferenz und das Unterrichten an sich nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Durch Zufall hatte Hermione mitbekommen, dass die wohl am Montagabend nach dem Essen stattgefunden hatte.

In den Ferien hatten sie auch darüber gesprochen, dass der Schulalltag genauso weitergehen würde wie vor den Ferien und es war für sie und für beide eine Selbstverständlichkeit gewesen. Natürlich würde er sie nicht verschonen, weder bei Hausaufgaben noch im Unterricht und sie wollte es auch gar nicht anders haben. Man musste solche Dinge trennen können, und zwar generell und nicht nur in ihrem Fall.

Deshalb wunderte sie ich auch nicht großartig, dass er nach den Ferien, jetzt und heute, ziemlich streng und unnachsichtig mit der Klasse war. Sie wunderte sich nur über das Ausmaß seiner Reaktionen, die selbst für seine Verhältnisse ziemlich heftig waren. Die meisten Schüler waren mit ihren Gedanken noch in Urlaub, doch gerade im Zaubertränkeunterricht strengten sie sich eigentlich an, weil sie wussten, wie es lief. Sie hatten es alle getan und trotzdem nützte es nichts. Punkte wurden massenhaft abgezogen – sogar für solche Kleinigkeiten, für die er sonst nur ein abfälliges Wort übrig hatte. Gryffindor hatte in den zwei Stunden fast 100 Punkte verloren und sogar Slytherin an die 40. Ob ein solcher Tag in der Vergangenheit schon einmal über sie hereingebrochen war, konnte sich keiner mehr erinnern.

Als sie eine Probe ihres fertigen Tranks vorne bei ihm aufs Pult stelle, formte sie tonlos die Frage ‚Alles ok?', woraufhin sie nur durchdringend von ihm angesehen wurde, ohne dass er sich regte. Nicht einmal seine Augenbraue zog er hoch. Durchdringend war mehr doppel- als eindeutig. Für ein Bruchteil einer Sekunde hatte es sich so angefühlt, als hätte er regelrecht durch sie durch gesehen.

‚Dann eben nicht.', dachte sie und zuckte leicht mit den Schultern. Wahrscheinlich war es ihm zu gefährlich und würde sie nach der Stunde ansprechen. Leise ging sie wieder auf ihren Platz und wartete, bis die anderen fertig waren, während sie vorgab, sich etwas zu notieren und ihn so unauffällig wie möglich versuchte zu beobachten. Kein einziges mal sah er in ihre Richtung und dies änderte sich auch nicht bis zum Ende der Stunde.

‚Ignorieren kann er wirklich gut. Ein bisschen zuviel des Guten, wenn man mich fragt. Fragt man aber nicht.'


„Hey, alles klar?", fragte Ginny, als sie draußen im Flur waren.

„Jaaa."

„Warum glaube ich das nicht?"

„Es ist nichts, Ginny."

„Hast recht, außer einer miesen Doppelstunde Zaubertränke. Mies? Was rede ich da. Katastrophe, mega-mies, unerträglich und vor allem ungerecht. Meine Güte, da meint man, er müsste auch Ferien gehabt haben, aber Pustetorte. Als wenn er die ganzen zwei Wochen mit seinen Flubberwürmern eingesperrt gewesen wäre!", regte sich Ginny auf. „Da ist es schon fast ein Jahr her, alles ist gut, aber nein, es geht so weiter und er setzt noch einen obendrauf. Der muss sich mal dringend entspannen – egal wie."

Hermione grinste in sich hinein, obwohl ihr eigentlich nicht danach war. Und wie er sich entspannt hatte in den Ferien, und nicht nur einmal. Entspannt war gar kein Ausdruck, manchmal waren sie regelrecht erschöpft vor Entspannung gewesen. Der Gedanke führte dazu, dass sie kurz auflachen musste.

Die Aufregung ging weiter. Sonst war sie gar nicht so, doch heute hatte sie, warum auch immer, mehr abbekommen als sonst. Hermione hatte zwar so eine Ahnung – vielleicht weil sie nebeneinander saßen – doch die konnte sie keineswegs bestätigen.

„Was gibt's denn da zu lachen, Süße? Ist doch wahr! Oder ist dir was Passendes für den eingefallen?" Oh ja, war ihr.

„Vielleicht ist sein Kragen immer zu eng oder vielleicht hat er seine Socken nicht gefunden, was weiß ich…muss man da so überreagieren und alles an uns auslassen? Nein, nicht, aber MAN – denk dir ein zweites n bei man – muss. Vielleicht haben die Jungs doch recht und er muss nur mal ordentlich…ach ne, so tief lass ich mich nicht sinken. Die sind ja alle gleich, Jungs oder Mann, hin oder her.

„Was faselst du da?"

„Ich fasel nicht, ich denke."

„Vielleicht war für ihn der Anfang genauso schwer oder lästig wie für uns, hast du daran mal gedacht?"

„Du nimmst ihn in Schutz nach dieser Stunde?"

„Ich will nur rational darüber denken."

Nach einiger Zeit des Schweigens stimmte Ginny zu, wenn auch noch recht widerwillig.

„Komm, lass uns die anderen Stunden hinter uns bringen. Und Ginny, es heißt Pustekuchen."

„Da geht wohl kein Weg dran vorbei.", kicherte sie zurück.

Sie beeilten sich, zu Professor Binns zu gelangen und machten innerlich drei Kreuze, dass die Geschichte der Zauberei direkt nach Zaubertränke auf dem Stundenplan stand. Das bedeutete zwar zwei Stunden Langeweile, aber genauso zwei Stunden Ruhe oder Tagträume.

In dieser Zeit ließ sich Hermione noch einmal die Unterrichtszeit mit Severus durch den Kopf gehen und kam zu demselben Ergebnis wie vorher. Wahrscheinlich war er einfach müde und genervt, dass der Alltag ihn eingeholt hatte. Die Angst, von der sie wusste, dass sie ab diesem Tag allgegenwärtig war, spielte auch eine nicht kleine Rolle. Aber sie war davon überzeugt, dass es sich bald einspielen würde. Dass er sie nicht nach dem Unterricht angesprochen hatte, passte zu ihren zurechtgelegten Erklärungen und sie kam damit klar – oder bildete sich ein, damit klarzukommen.


Nach dem Mittagessen, bevor der Unterricht weiterging, erinnerte sie sich daran, dass sie ihren Eltern noch keine Nachricht geschickt hatte, dass sie gut angekommen war. Um das nun schnell nachholen, kritzelte ein paar Worte und ein paar Herzchen auf ein Stück Pergament und lief in die Eulerei, die in einem der Türme untergebracht war. Meistens suchte sie eine Waldohreule aus, die in Großbritannien weit verbreitet war.

Als sie sich umsah, fiel ihr ein kleiner Steinkauz auf, der etwas dunklere Federn hatte als sonst und sie sehr aufmerksam betrachtete.

„Hallo, du bist aber süß. Bist du neu?" Sie hatte den kleinen Kauz entweder noch nie bemerkt oder er war wirklich neu. „Magst du meinen Brief nehmen?"

Der Steinkauz neigte sich ein wenig zur Seite, nahm ihr das Pergament jedoch weder ab noch hielt er seinen kleinen Fuß hin.

„Hm, dann gehörst du wohl jemandem. Darf ich dich kraulen?"

Die bestechenden gelben Augen weiteten sich und so wurde sein Blick noch intensiver. Vorsichtig näherte sich Hermione ihm und strich sanft mit einem Finger über seinen Bauch, was der Kauz tatsächlich geschehen ließ, nachdem er zuvor zurückgewichen war und ein paar Augenblicke gezögert hatte.

„Danke...du bist wirklich...besonders." Daraufhin stieß er seinen Ruf aus und flog elegant hinaus ins Freie. Hermione lief schnell zu einer der Öffnungen, konnte aber nur noch sehen, dass er sich im Wind abwärts treiben ließ. Schon lange hatte sie überlegt, sich auch eine Eule anzuschaffen, weil sie sie wirklich gern hatte, sie war aber davon überzeugt, dass Krummbein etwas dagegen hätte. ‚Toller Freund', dachte sie, ‚hat sich bisher nicht blicken lassen.'

Der restliche Schultag ging schnell herum. Beim Abendessen hörten sie nebenbei, wie sich einige aus den anderen Jahrgängen über den Unterricht bei Snape beschwerten, darunter auch Hufflepuffs und Ravenclaws aus dem zweiten und dem fünften Jahr, und für Hermione war es wie eine kleine Erleichterung, dann hatte es nicht an den Gryffindors gelegen, sondern an der Allgemeinheit – und schon gar nicht an ihr.


„Du glaubst doch nicht, dass du da lernst!"

„Was mache ich denn?", fragte Hermione ganz verwirrt und legte ein Zaubertrankbuch auf den Schoß, in dem sie gerade ein paar Einzelheiten über den Trank der vergangenen Stunde nachgeschlagen hatte. Ginny krabbelte zu ihr aufs Bett, nahm das Buch und legte es auf den Boden.

„Du beantwortest mir gerade Fragen."

„Tue ich das?", fragte sie, während sie an ihrem Nachthemd zupfte.

„In etwa zehn Sekunden, ja! Es geht heute weiter."

„Wie kann ich Fragen beant..."

„Wie heißt er?"

„Was?"

„Na er, ich weiß nicht mal, wie er heißt! Das gibt's doch gar nicht."

Eigentlich hätte Hermione die Frage gestern schon kommen sehen müssen, doch sie war heute so abgelenkt gewesen – nicht nur durch ihn – sondern auch durch den so ganz anderen, neuen Alltag, dass sie sich nicht einmal etwas zurechtgelegt hatte. Böser Fehler. Ginny würde ihr Zögern sofort merken. Die Bruchteile von Sekunden gingen so schnell vorbei...da konnte nichts Gutes bei rauskommen.

„Äh...Verus."

„Verus?" Die Fragezeichen standen Ginny nur so ins Gesicht geschrieben, während sie sich eine Haarsträhne packte und sie immer wieder zwischen den Fingern zwirbelte. Auf einmal fing sie an zu grinsen und Hermione fühlte, wie ihre Hände schwitzig wurden.

„Haben wir nicht einen Verus auf der Schule?"

Ein Hustenanfall war die Folge, während ihr Kopf nur noch ‚oh nein oh nein oh nein' denken konnte.

„Ah jetzt fällt es mir wieder ein. Der Klassensprecher der Fünften...ich weiß nur gerade nicht mehr, ob Hufflepuff oder Ravenclaw...ist ja auch egal. Aber das ist der doch nicht... Nein, kann ja nicht. Muss ja ein Muggel sein."

„Nein.", platzte es aus Hermione heraus.

„Hätte ich auch nicht gedacht, der ist doch zu jung für dich.", stellte Ginny fest und Hermione wischte sich die Hände an der Bettdecke ab. Eine Feststellung, eine ehrliche Antwort und – eine falsche Schlussfolgerung. Besser hätte es nicht kommen können. Bis dahin.

„Haben die Muggel auch so altmodische Namen?"

„Kommt schon vor. Verus ist Latein...die Sprache gibt's in beiden Welten."

„Da kann man doch gar keinen Spitznamen draus machen...aber mir fällt schon noch was ein... Egal, kommen wir zum nächsten wichtigen Punkt."

„Was denn noch?"

„Wir haben gerade erst angefangen!"

Hermione stöhnte auf und bückte sich nach dem Buch.

„Pfui! Hände weg. Jetzt sind wichtige Dinge dran. Wie alt ist er?"

Jetzt hatte sie sie. Da käme sie nicht mehr raus, ohne zu lügen. Es ging kein Weg daran vorbei. Ihr Gehirn fuhr Achterbahn...wie konnte man nur möglichst nahe an der Wahrheit bleiben? Sie machten einen Zahlendreher und dann wäre er 93 Jahre alt, die Quersumme grenzte an den guten Geschmack und sein Geburtsjahr half ihr auch nicht weiter. Die Katastrophe war in Sicht.

„Halloooo? Du weißt sein Alter nicht? Sag mal..."

Die Lösung war auch nicht schlecht...etwas abwegig, aber nicht schlecht. „Ähm..." Wie oft hatte sie schon mit Ähm geantwortet, um Zeit zu schinden? Sie wusste es nicht mehr.

„...vielleicht ungefähr so alt wie mein..."

„Das ist doch nicht schlecht.", fiel ihr Ginny direkt ins Wort. „Passt perfekt. Dein Cousin ist doch 25 oder so? Stimmt's?"

„Ähm...ist er." Sie hatte eigentlich sagen wollen, dass er zwar nicht so alt wie ihr Vater oder ihr Onkel wäre, aber... Nein, wenn man es recht überlegte – rückwärts oder vorwärts gedacht – waren immer zehn oder fünfzehn Jahre dazwischen.

„Du hast nicht zuuuufällig ein Bild von ihm? Ich möchte ihn so gerne sehen..."

Oh bei Merlin, wenn Ginny wüsste, was für ein perfektes, nein, eher deutliches Bild von ihm längst in ihrem Kopf war. Dabei fiel Hermione ein, dass sie wirklich Fotos hätte machen sollen, aber irgendetwas in ihr sagte ihr, dass er es nicht hätte zugelassen. Nun, ihr Kopfkino funktionierte ja einwandfrei. Echtes, großes Kino wäre ihr natürlich lieber gewesen, aber sie traute sich nicht, zu ihm hinunterzugehen, nicht heute nach diesen Stunden.

„Nein, ich habe keine Fotos gemacht."

„WO hattest du denn nur deine Gedanken? ...Äh, ich weiß schon. Ok...was will ich noch wissen...was sollte ich noch wissen...hmm...ich muss mir ja jetzt mein eigenes Bild machen. Dunkle Haare, dunkle Augen...wie der Arzt, ok. Auch so groß?"

„Ja. Das weißt du noch von damals, als ich es dir erzählt habe?"

„Glaub mir, Süße, in solchen Dingen habe ich ein Gedächtnis wie ein Elefant!", lachte Ginny. „Wie sind denn die Haare? Sag jetzt nicht auch so ähnlich."

„Doch, irgendwie schon, aber doch ein anderer...Schnitt."

„Also doch ähnlich. Ist er es doch? Ach ne, das Alter passt ja nicht. Dein Geschmack hat sich wohl auf ein Typ festgelegt, was?"

„So langsam...scheint so."

Wann hörte die erneute Inquisition bloß auf?

„Wir sollten wirklich noch etwas lernen, Ginny."

„Sagt die, die es im Schlaf kann." Sie legte sich quer aufs Bett und schlug sich auf einmal die Hand auf die Stirn. „Wie konnte ich das denn vergessen? Was macht er denn so?"

Leichte Frage. So weit, so gut. „Er...ist Lehrer."

„Sag bloß...na hoffentlich nicht so einer wie die Fledermaus da unten. Der hat sich ja heute was geleistet." Sie war immer noch sauer auf ihn – heute war es aber auch entnervend gewesen. „Vergessen wir das. Jetzt rede ich auch schon in meiner Freizeit über den...", stöhnte Ginny. Sonst war sie eigentlich nicht so, aber sonst hatte sie auch eher selten etwas abbekommen, was nicht zu den üblichen Maßnahmen seines Unterrichts gehörte.

„Und welche Fächer?"

„Chemie, Biologie und noch so etwas Ähnliches."

„Was ist das?"

„Naturwissenschaften."

„Aha...ist ja auch nicht weiter wichtig."

„Sag, wie läuft es mit Harry. Eigentlich gut, oder?"

„Netter Versuch, Süße. Ich bin noch nicht fertig."

Sie hatte doch nun wirklich alles gefragt. Nein, aber nicht Ginny.

„Hmm, magst du nicht noch ein bisschen...was verraten...vielleicht ein paar...Ideen, die ich dann irgendwie an Harry...weitergeben kann, hm?"

„Was meinst du damit?"

„Ach du weißt schon..."

Hermione stand Severus' Gesichtsausdruck in nichts nach in dem Moment.

„Ist nicht dein Ernst jetzt, oder?" Das musste sie dauernd fragen.

„Najaaa...ok, ein anderes mal?"

„Vielleicht.", wich Hermione aus und lächelte schief.


Der Mittwoch verging ziemlich ereignislos und ohne dass sie ihn ein einziges mal zu Gesicht bekommen hatte. Zu keiner der Mahlzeiten war er erschienen und hatte ihr auch keine Nachricht zukommen lassen. Nichts.

Hermione wurde langsam unruhig und legte ihre ganze Hoffnung auf den heutigen Donnerstag, wenn sie die letzten beiden Stunden vor dem Abendessen Zaubertrank-Unterricht hatten. Sie erinnerte sich an den Donnertagnachmittag vor den Ferien, als sie unten im Labor ihren Portschlüssel gesucht hatte und auf ihn getroffen war. Im Prinzip hatte damit alles begonnen und sie würde es nie mehr vergessen.

Als sie durch die vielen Treppen Richtung Kerker gingen, kamen ihnen etliche Schüler entgegen und man konnte hier und da ein paar Wortfetzen, die vor allem aus verbalen Flüchen oder aufgeregten Stimmen bestanden, auffangen.

„Ich hätt's ja noch verstanden, aber jetzt fangen schon die anderen Slytherins an, sich über ihre Oberschlange zu beschweren – nicht nur unser Jahrgang. Nach vier Tagen schon! Was hat den bloß geritten in den Ferien? Boah, ich kann's kaum erwarten, den jetzt zwei Stunden zu ertragen.", zeterte Ron.

„Was meinst du? Alle Slytherins beschweren sich über ihr eigen…Fleisch und Blut? Ist nicht wahr, oder? Wo hast du das denn gehört? Oder hast du dir mal wieder nicht die Ohren gewaschen?", ärgerte Ginny ihren Bruder.

„Frag dich das mal selber, Schwesterherz, dann hättest du das auch längst mitbekommen. Du hast richtig gehört, eben kamen die Slytherins aus der Sechsten aus dem Kerker und stöhnten lauthals über den Unterricht bei ihrem ach so netten Hauslehrer. Frag sie doch. Und die waren nicht die einzigsten. Der Vierten von denen ging's genauso, obwohl die Ravenclaws dabei waren. Was sagst du jetzt?"

Ginny schüttelte nur mit dem Kopf, Seamus, Dean und die anderen pflichteten Ron bei und Hermione schwieg beharrlich und in Gedanken versunken. Was war das dann am Dienstag gewesen? Keine einmalige Katastrophenstunde? Nun war ihr mulmig zumute, als sie sich an den Tisch setzten.

Es stellte sich heraus, dass all die anderen nicht übertrieben hatten. Die Stunden waren beinahe noch schlimmer gewesen als am Dienstag. Snape hatte gedroht und gebrüllt, Punkte en masse abgezogen und Strafarbeiten verhängt, die sich gewaschen hatten – und das für solche Kleinigkeiten, für die er sonst oft nur einen kleinen, eindringlichen und leisen Vortrag gehalten hatte.

Hermione wurde weiterhin von ihm ignoriert, aber nicht vor Strafen verschont. Er schaffte es immer wieder, sie mit reinzuziehen, ohne dass er sie ein einziges mal ansah oder mit ihr sprach. Sonst hätte sie sich gewehrt, aber nicht heute. Kleine, kalte Stiche machten sich in ihrem Herz bemerkbar und sie beschloss, dass sie unbedingt mit ihm reden müsse – Laune hin oder her.

Als die Stunde zu Ende war und sich alle bereitmachten, regelrecht aus dem Kerker zu fliehen, raunte Hermione Ginny zu, dass sie mit Professor Snape sprechen wollte.

„Bist du verrückt geworden?", zischte sie. „Oder lebensmüde?"

„Ich habe nur noch eine Frage bezüglich..."

„Das ist doch völlig egal, Mine, lass es. Es gibt nichts, was du nicht selbst rausfinden könntest!"

„Ich kann nicht alles allein herausfinden."

„Aber doch nicht heute!"

„Doch, es muss sein, und zwar jetzt."

„Tu was du nicht lassen kannst. Nur denk an die nächsten Stunden, ich bitte dich!"

„Die sind erst nächste Woche. Bis dahin ist er bestimmt wieder normal schlecht gelaunt."

Sie hoffte inständig darauf, mit ihm reden zu können, weil sie sich Sorgen machte – um ihn, und ganz tief innen auch um sie beide. Was war bloß los?

„Dein Wort in Merlins Ohr!", mahnte ihre Freundin und drehte sich nochmal um, als Hermione schon wieder in den Klassenraum ging...oder mehr schlich – so ganz anders als sonst.

Keiner war mehr auf dem Flur, nicht einmal freiwillig. Jeder hatte der erste sein wollen, ihm endlich entkommen zu können. Vor den Ferien war das lange nicht mehr so extrem gewesen.

Sorgfältig schaute sie sich um, obwohl sie wusste, dass keiner mehr in der Nähe war. Wahrscheinlich war im gesamten Kerkerbereich weit und breit keiner mehr zu finden.

Er saß noch am Pult und sortierte akribisch die kleinen Phiolen, die sie alle hatten abgeben müssen.

„Severus?"

Da war es wieder – dieses kaum sichtbare Zusammenpressen seines Kiefers und die minimale Bewegung seines Oberkörpers – als wenn er einen Holzklotz im Rücken hätte, so steif saß er auf dem Hocker.

Hätte sie das nicht gesehen, hätte sie sich gefragt, ob er sie überhaupt gehört hätte. Sie wusste es besser.

„Ist alles in Ordnung bei dir?"

Wieder keine Antwort.

„Bitte, sprich doch mit mir."

Schweigen.

„Bitte!", flüsterte sie nur noch und machte den letzten Schritt, mit dem sie nun direkt vor ihm stand. War er vielleicht sauer, dass sie ihn hier mit seinem Vornamen ansprach? Aber das machte kein Unterschied – er war vorgestern schon extrem gereizt gewesen.

Hermione wartete ab und als sich nichts tat – kein einziges mal ein Kopfanheben, kein einziger Blick und nicht einmal eine Bewegung seiner Augen in ihre Richtung – sprach sie vorsichtig weiter.

„Geht es dir nicht gut? Ist irgendetwas passiert auf dem Rückweg am Sonntag, dass es dir wieder schlechter geht?"

Das war zermürbend. Wenn er wieder einen Rückfall haben würde und seine Lunge wieder angegriffen wäre, sähe er anders aus und hätte weder so viel reden, rumschreien noch die Dämpfe einatmen können. Das konnte es eigentlich nicht sein.

Sie schreckte regelrecht aus ihren Gedanken auf, als er plötzlich „Verschwinden sie" sagte, dass sie es kaum hören geschweige denn begreifen konnte. Richtig Angst machte ihr der Tonfall, dessen Mischung nicht unbedingt zu seinem Standard-Repertoire gehörte. Leise, aggressiv, aber irgendwie unendlich müde.

Wie versteinert stand sie vor ihm und konnte sich nicht bewegen. Hatte er solche Angst, dass es jemand mitbekam? Es war keine Menschenseele in der Nähe. Er hätte einfach nur gehen sie sagen oder ihr ein Zettel geben können.

„Warum?"

Wieder keine Antwort.

„Severus, bitte..."

Nach weiteren Sekunden beharrlichen Schweigens stand er auf und verschwand mit schnellen Schritten aus dem Klassenraum. Ohne ein Wort, ohne ein Blick ließ er sie einfach stehen und sie wusste nichts. Nicht einmal denken konnte sie, sondern ging wie in Trance die endlosen Treppen zum Gryffindorturm hinauf. Das Abendessen hatte sie völlig vergessen und hatte auch keinen Hunger mehr. Automatisch griff sie eines ihrer Schulbücher, setzte sich aufs Bett und begann zu lesen.

Als Ginny reingestürmt kam, ließ sie vor Schreck ihr Buch fallen.

„Was ist passiert, Mine, wo warst du die ganze Zeit?"

„Hier."

„Warum? Willst du nichts essen?"

„Keinen Hunger."

„Oh nein...war es so schlimm bei Snape? Ich hab dich gewarnt!"

„Es war...nichts."

„Wie nichts? Warst du nicht drin? Ich hab dich reingehen sehen."

„Doch...es...hat nichts genützt."

„Hast du eine Strafarbeit bekommen?"

„Nein, er hat mich nur rausgeworfen...ohne eine Antwort...ohne irgendeine Antwort."

„Ach mach dir doch nichts draus, besser hätte es im Prinzip nicht laufen können. Keine Strafe, kein Schreien...ist doch gut."

Ginny sah, dass Hermione mehr oder weniger abwesend war und wollte sie gerne aufmuntern. Sie sollte nicht alles so streng nehmen, jetzt, wo sie es doch alle eigentlich so schön haben konnten.

„Komm, ich helfe dir beim Suchen. Wollen wir in die Bibliothek?

„Du? Nein, lieb von dir. Ich bin müde und leg mich jetzt hin."

„Ok, dann mach ich den Vorhang heute zu, oder?"

„Mach was du möchtest."

„Gute Nacht, Hermione. Schlaf gut."


Am Freitag endete der Unterricht wie immer bereits mittags. Während sie alle beim Nachtisch saßen, kamen die Posteulen reingeflogen und Hermione erkannte die Waldohreule, mit der sie ihren Brief abgeschickt hatte. Sie trug ein Päckchen und ließ es genau neben ihren Teller fallen.

„Hey, Mine, du hast ein Paket...wer schickt dir denn was? Sonst bringst du doch alles von deinen Eltern mit...", rief Ron und schaute neugierig auf die viereckige Schachtel.

Ginny stupste Hermione an und zwinkerte mit einem Auge. „Ist es von ihm?"

„Oh, nein, auf keinen Fall. Die Handschrift gehört meiner Mum."

„Schade. Sag mal, hat er sich eigentlich gemeldet?"

„Nein."

„Wie jetzt?"

„Ach, wir haben nichts ausgemacht. Ich kann es ja selbst nicht fassen."

„Hast du denn nicht seine Adresse?"

„Doch, aber das nützt wohl nichts."

„Stimmt." Hermione hatte es zwar anders gemeint, aber natürlich zog Ginny die allgemein richtigen Schlüsse. Sie konnte ja keinem Muggel eine Eule schicken.

„Was schickt denn deine Mum...komm, mach schon auf."

„Ich hab keinen Schimmer."

Langsam zog sie die Bänder auf und öffnete das Paket. Obenauf lag ein Brief und darunter eine Plastiktüte. Schnell überflog Hermione die Zeilen und strahlte zuerst wegen der lieben Worte. Ein wenig später verschwand das Lächeln und sie brachte nur noch „Ach du Scheiße" aus sich raus.

„Mine, so etwas aus deinem Mund?", lachte Harry und wurde auch neugierig. „Was ist passiert?"

„Äh, nichts weiter...nur eine...Familiengeschichte."

„Erzähl."

„Nein...kümmert euch um euren Nachtisch, Jungs.", kommandierte Ginny, griff nach der Plastiktüte und spähte hinein.

„Was ist das denn?" fragte sie, während sie schon die Sachen auspackte.

„Lass es, Ginny."

„Ist doch nichts dabei...hast du neue Klamotten bekommen?... Eine Jeans? Ist wohl ein bisschen groß für dich wie mir scheint. Hey, und eine weiße Blu...nein, ein HEMD?"

„Pscht, Ginny, müssen das alle mitkriegen?"

„Ist doch nur ein Hemd...oh, und was für eins! Mögen Muggel solche Farbkleckse?", wunderte sie sich und hielt das Hemd in die Höhe.

Hermiones Mutter hatte in dem Brief mit deutlichen Worten gefragt, was das denn wohl für Sachen wären, die sie in der Waschküche gefunden hatte.

Sie hatte schon ihrem Mann Vorwürfe gemacht, so etwas liegengelassen zu haben und hatte ihm das Hemd an den Kopf geschmissen – aus Spaß natürlich – und sich gleichzeitig gefragt, wo er die ganze bunte Farbe verwendet hatte. Anschließend hatte sie ihm wohl die Hose gezeigt und er hatte sie nicht erkannt. Hermione konnte sich richtig vorstellen, wie ihre Mutter ihm einen Vortrag hielt. Letztendlich hatte er sie sich vor die Beine gehalten und festgestellt, dass sie ihm fast zehn Zentimeter zu lang war. Endergebnis war, dass nur ihre Tochter etwas damit zu tun haben könnte und nun fragten sie sie eindrücklich, wem wohl die Sachen gehörten.

Schöne Schei...benkleisterdose.

Ginny sah Hermiones rotierende Gedanken, nahm ihr den Brief aus der Hand und verstand augenblicklich.

„Süße, wo hattest du nur die Gedanken in den Ferien? Ach, lass mal, ich weiß schon.", kicherte sie. „Na dann will ich mir das hier mal genau angucken."

„Muss das jetzt sein – und hier?"

„Klar, die gehen doch schon alle und die anderen machen Hausaufgaben...bei dem Gewusel kriegt keiner was mit. So...Hemd. Hm, Hemd?! Oh, da war er aber schick! Größe? Du hast ihn ja beschrieben. Hose ist interessanter."

Ginny drehte und wendete die Hose und hielt sie zu allem Überfluss noch an Hermione dran.

„Ha! Passt super zu dir…äh, nicht die Hose an sich. Dass er groß ist, hattest du ja gesagt. Sieht mir ganz nach ner knackigen Jeans aus, coole Form. Eng, oder?"

„Jaaah."

Der Blick von Ginny verhieß nichts Gutes. „So wie das hier aussieht war da auch ein knackiger Hintern drin."

„Ginny!"

„Was, darf man das nicht sagen? So ein Quatsch. Wenn's so ist! Ist doch so? Ich täusche mich nicht!"

„Jaaah."

„Ha, wusste ich's doch. Den würd' ich ja gerne mal sehen."

„Das..."

„Den Hintern meine ich...guck nicht so entsetzt...den Rest natürlich auch."

Sie sprach hier über den Hintern von Snape – wenn sie das wüsste, würde sie entweder freiwillig ins St. Mungos gehen oder tot umfallen, denn sie würde vermutlich Snape und knackig in einem Satz nicht verkraften.

Hermione schrieb schnell eine Antwort auf den Brief, indem sie erklärte, dass sie ein bisschen zaubern geübt hätte an ihren alten Sachen, und übergab ihn an die geduldig wartende Eule.


*Reamonn: „Colder"*


Plötzlich sah Hermione aus dem Augenwinkel eine schwarze Gestalt im Flur vor der Großen Halle. Sie rannte los und wurde gegen Ende langsamer, dass es nicht so auffiel. Er hatte kurz mit Flitwick gesprochen und wandte sich zur Treppe, die zur großen Schlosstür führte.

„Professor Snape, entschuldigen sie. Nur eine Frage."

Er lief einfach weiter und beachtete sie gar nicht.

„Professor, bitte, einen Moment."

Kaum waren ihre Worte verklungen, beschleunigte er seine Schritte und drehte sich ganz kurz um, bevor er den Ausgang erreichte. Sein Blick, der sie das erstemal seit Sonntag direkt traf, war eiskalt und ohne irgendeine Emotion.

Durch die offene Tür sah sie noch, dass er Richtung Verbotenen Wald eilte.

Sie hätte nicht hinterher laufen können, ohne dass es komisch ausgesehen hätte. So ging sie langsam wieder hinein und traf im Eingangsbereich auf Ginny, die das Päckchen in der Hand hielt und die Anziehsachen über ihren Arm gehängt hatte.

„Warst du schnell weg. Wegen dem da? Immer noch die Frage, die dir zu schaffen macht?"

„Ja."

„Und?"

„Nichts."

„Nicht mal ein abfälliges Wort hat er mehr? Das ist schon seltsam, dabei sagt er so was doch ganz gerne."

„Nicht einmal das.", sagte sie traurig, bevor sie sich besann und sich ein Lächeln aufzwang.

Das Wochenende verging mit der samstäglichen Strafarbeit, die sie von Snape hatten aufgebrummt bekommen und einer kollektiven sonntäglichen Müdigkeit. Wie schon in der Woche war Severus zu keiner Mahlzeit in der Großen Halle erschienen und Hermione hatte ihn auch sonst nirgendwo gesehen.

Langsam musste sie begreifen, dass da mehr dahinter steckte als nur der Unmut über die wiederbegonnene Schulzeit. Ganz spät am Sonntagabend schlich sie sich hinunter in den Kerker und klopfte an seine Bürotür. Entweder war er wirklich nicht da oder machte einfach nicht auf. Sie war ein paar Umwege gelaufen, doch scheinbar war er auch nicht auf einem nächtlichen Kontrollgang, denn irgendwo hatte sie Professor Sprout umhergehen sehen. Langsam ging sie wieder in ihren Turm und fröstelte, obwohl sich die recht warmen Temperaturen seit dem Wochenende nicht geändert hatten

Sonntagnacht war die erste Nacht, in der sie sich nach endlosen, zermürbenden Gedanken in den Schlaf weinte. Ganz leise.

tbc


A/N:

Ihr Lieben!

Vermisst ihr Severus genauso wie Hermione mittlerweile? Wir können uns vielleicht vorstellen, was in ihm vorgeht, aber selbst die Autorin hat ihn nicht zu fassen bekommen und weiß nicht, ob selbst er seine Gefühle von 100, oder sagen wir 90, auf 0 herunterfahren kann...

Entweder lässt sich Hermione jetzt von ihm zermürben oder es knallt gewaltig... wir werden sehen.

Danke, dass ihr dabei seid und ich würde mich freuen, wenn ihr mich wissen lasst, wie es euch so geht!

VLG KeyMagic