Es ist ewig her, seit ich hier war, wofür ich mich entschuldigen möchte.

Auch wenn meine Leser inzwischen fortgelaufen sind, möchte ich Cinderbella doch zu Ende bringen.

Also, falls noch jemand hier ist: viel Spaß! :)


Donner ist gut und eindrucksvoll, aber die Arbeit leistet der Blitz."

Mark Twain


Immer wieder blickte ich von Jacobs Nachricht hin zu dem strahlend weißen Tuch mit seinen mysteriösen Stickereien und zurück. Beide Dinge hatte ich auf meiner Fensterbank abgelegt und nun saß ich vollkommen verwirrt auf meinem Bett, versuchte, irgendeinen Zusammenhang zu erkennen, musste mittlerweile jedoch feststellen, dass ich niemals von allein darauf kommen würde. Natürlich wäre ich sofort zu Johanna gelaufen, wenn ich wüsste, wo ihr Zimmer lag. So war ich jedoch gezwungen, bis zum Morgen zu warten. Ich hoffte nur, dass Jacob sich aus der Sache herausreden und die Nacht nicht im Kerker verbringen würde. Marie und Bastian hatten mir ihre Hilfe angeboten, aber ich hatte sie vorerst ihrer Zweisamkeit überlassen. Es wurde immerhin Zeit, dass Bastian in die Gänge kam.

Frustriert breitete ich die Arme aus und ließ mich nach hinten fallen. Während ich an die Zimmerdecke starrte und an den nun fast vergangenen Sommer dachte, musste ich freudlos auflachen. Das Prinzessin-Spielen reichte nicht aus, natürlich musste ich mir mein Herz gleich mehrmals von Edward brechen lassen, zusehen, wie er nun eine andere Frau umwarb und seinen ehemaligen besten Freund, der mir offensichtlich in irgendeiner Weise einen Gefallen erweisen wollte, in Gefangenschaft bringen. Es erschien mir geradezu lächerlich, wie viel Unsinn und Schwachsinn passierte, sodass ich fast an der Realität zu zweifeln begann. Aber da meine Träume eindeutig angenehmer verliefen, musste es sich zweifelsohne um die Wirklichkeit handeln. Ich fragte mich, wann dieses Chaos endlich sein Ende finden würde. Mutlos löschte ich die Kerze.


Ich trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem abgenutzten Holztisch und wartete darauf, dass Johanna sich endlich blicken ließ. Normalerweise zeigte sie sich noch vor dem Mittag, um sich uns gegenüber erhaben zu fühlen und ein wenig ihre Macht auszuspielen. Meine Mutter untersuchte gerade genauestens die neueste Gemüselieferung, die meiner Meinung nach ziemlich spärlich ausgefallen war und sofort musste ich wieder an den armen Fleischer und seine Familie denken. Ich hoffte sehr, dass er sich noch über Wasser halten konnte, aber allmählich würde es ihm wohl sehr schlecht gehen. Zwar hatten wir ihn von seinen Lieferpflichten befreit, dies hieß jedoch auch, dass er seine besten Kunden verlor. Ich nahm mir fest vor, ihm bald einen Besuch abzustatten und, soweit es mir möglich war, einen Korb mit Brot und Obst mitzunehmen.

„Nun, es ist nicht erstklassig, aber wir nehmen, was wir kriegen!", brummte meine Mutter unzufrieden und bezahlte den Bauern, der sich glücklich bedankte und aus der Küche verschwand. Seufzend drehte sie sich zu mir um. „Hast du schon das von diesem Prinzen gehört? Irgendein Kerl aus dem Orient. Er soll in die Gemächer des Königs eingedrungen sein, um wertvolle Dokumente zu stehlen." Ein Schauer lief über meinen Rücken.

„Wirklich?", fragte ich scheinbar desinteressiert. Dass sich Jacob so schnell einen Ruf im Schloss machen würde, hätte ich nicht gedacht.

„Oh, ja. Die Königin war außer sich vor Zorn. Ich habe sie heute Morgen bis in die Küche toben gehört. In dieser Angelegenheit zumindest verständlich.", erzählte sie weiter, während sie das Obst ein wenig appetitlicher herrichtete.

„Weshalb verständlich?", meldete ich mich wieder zu Wort. „Möglicherweise hat er sich nur verlaufen."

„Verlaufen!", schnaubte sie. „Die gesamten Papiere sollen im Raum verteilt gewesen sein." Ich verdrehte die Augen, als ich daran dachte, wie achtlos Jacob mit den Hinterlassenschaften von Charles umgegangen war. Meine Mutter fuhr fort: „Sie haben mehr als Grund zur Annahme, dass dieser Mann ein Spion ist. Unglaublich, findest du nicht? Kaum ist der König tot, formieren sich die Feinde."

„Ja, wirklich unglaublich.", murmelte ich und hörte nicht weiter zu. Wenn sie Jacob wirklich für einen Spion hielten, stand es mehr als schlecht für ihn. Ich hatte zwar erwartet, dass ich Mühe haben würde, ihn aus der Sache herauszuwinden, doch das hier wurde langsam zu groß für mich. Ob ich Bastians und Maries Ratschlag annehmen und Edward fragen sollte? Doch die nächste Schwierigkeit bestand wohl darin, Edward alleine anzutreffen und dann wieder darin, dass ich ihn nicht alleine antreffen wollte. Das durften wir nicht mehr und allmählich sollte ich mich daran halten. Ich war beunruhigt, was passieren, was ich tun würde, wenn ich ihn vor mir sah. Seine schönen Augen waren mir schließlich schon oft genug zum Verhängnis geworden. Genervt von mir selbst entschloss ich, diese Sache erst einmal zu vergessen. Erstens hatte Jacob offensichtlich bereits einen Plan, als er mir das Tuch zusteckte und zweitens hasste Edward Jacob sowieso mit Haut und Haaren. Diese Option sollte ich mir also für den Notfall aufsparen.

„Ich brauche dringend einen Schluck Wein!", unterbrach eine bekannte schrille Stimme meine Gedanken.

Erleichtert, aber auch mit einem durchaus flauen Gefühl in der Magengegend erhob ich mich und wartete, bis Johanna vor mir stand, mich abwartend ansah und die Augenbraue in die Höhe hob.
„Weißt du, ich warte nicht ewig!", herrschte sie mich an. Mir wurde bewusst, dass ich sie letztens nicht so stark hätte beleidigen dürfen. Aber wer hätte gedacht, dass ich je etwas von ihr benötigte? Was auch immer das sein mochte.

„Ich muss mit dir reden.", sagte ich mit fester Stimme. Johanna stutzte, lachte dann jedoch.

„Wie bitte?"

„Reden.", wiederholte ich langsam. „Mit dir sprechen. Am besten ohne deinen Anhang." Mit einem Nicken wies ich in Helenes Richtung, deren Mund sich empört öffnete.

„Und wieso sollte ich mich darauf einlassen?", fragte Johanna mit verengten Augen, verschränkte die Arme. „Falls du dich entschuldigen möchtest, kannst du das sofort - "

„Oh, ich möchte mich gar nicht entschuldigen.", stellte ich dann doch lieber klar. „Einfach reden. Ein Gespräch unter vier Augen. Denkst du, du bist dazu fähig?"

„Ob ich dazu - ?" Sie holte tief Luft. „Was glaubst du, wer du bist? Ich stehe der Königin unglaublich nahe und habe es nicht nötig, mit dir zu sprechen! Was kann für eine Küchenmagd schon so wichtig sein, dass sie das Privileg bekommen sollte, sich an mich wenden zu dürfen?"

„Das ist wohl wahr.", war Helenes Beitrag zur Diskussion. Angestrengt rieb ich mir kurz die Augen und sah Johanna dann feste in die Augen.

„Schön.", sagte ich leise und kramte in meiner Schürzentasche. „Prinz Jacob wollte, dass ich dir etwas gebe." In der Hoffnung, irgendeinen Effekt zu erzielen und mich nicht komplett zum Idioten zu machen, zog ich das Tuch hervor und hielt es vor ihr Gesicht. Es dauerte einige Sekunden, doch zu meiner Überraschung erstarrte Johannas spöttisches, hochmütiges Gesicht. Der Schock stand in ihren Augen.

„Woher... ?", hauchte sie, riss dann das Tuch an sich und stopfte es hastig irgendwo in die Nähe ihrer Brüste. Sie schluckte schwer, schien nachzudenken. Schließlich hob sie ihren Blick wieder und sah mich finster an. „Fein.", presste sie hervor. „In einer Stunde in meinem Zimmer." Damit rauschte sie aus der Küche, vergaß sogar ihren Wein. Helene stolperte ihr verwirrt nach. Tief atmete ich durch und war froh, dass ich es auf eine zwar seltsame, jedoch wirksame Art weitergebracht hatte. So lange Johanna nicht bemerkte, dass ich keinen Schimmer hatte, worum es bei der ganzen Angelegenheit überhaupt ging, würde vielleicht alles gut verlaufen. Vielleicht konnte ich Jacob heute noch erlösen.


Nachdem ich Helene nochmal über den Weg gelaufen war, wusste ich glücklicherweise nun, wo sich Johannas Gemächer befanden. Mehr als leise schlich ich über den Flur im dritten Stock. Eigentlich war meine Vorsicht überflüssig, da sich zur Mittagsstunde nicht viele Menschen hier aufhielten, doch sicher war sicher. Einmal zu viel war etwas schief gelaufen, wenn ich unachtsam geworden war.

Schnell fand ich die richtige Tür und klopfte leise an. Niemand antwortete. Ich runzelte die Stirn und blickte mich um. Niemand außer mir war zu sehen, also hämmerte ich lauter gegen das Holz. Noch immer vernahm ich keine Stimme. Wütend drehte ich mich weg und überlegte, was ich tun sollte. Hatte sie mich etwa nur loswerden wollen? Ich war kurz davor, davonzustürmen und sie zu suchen, als hinter mir die Tür klackerte und ich ins Zimmer gerissen wurde. Sofort schloss Johanna das Zimmer wieder und drehte sich zu mir um, musterte mich aufmerksam, jedoch ohne eine Spur von Spott. Offensichtlich fürchtete sie sich vor etwas.

„So", begann sie leise, faltete die Hände vor ihrem Bauch. „du wolltest mit mir reden."

„Ähm. Ja.", erwiderte ich und versuchte, nicht allzu nervös zu wirken.

„Ich höre.", sprach sie wieder, als ich nicht antwortete.

Mist, Mist, Mist, und nun? Ich hatte keine Ahnung, wie, geschweige denn womit ich anfangen sollte. Ich räusperte mich, um mir ein wenig Zeit zu verschaffen, doch es half nichts gegen ihren stechenden Blick.

„Ich gehe eigentlich davon aus, dass du mir etwas sagen möchtest.", startete ich einen Versuch. Ihr rechtes Auge zuckte kurz, ansonsten behielt sie jedoch ihre Fassung. Ich beschloss, weiterhin so vorzugehen. „Jacob legt zumindest sehr viel Wert darauf, dass du dies tust." Plötzlich zog sie missmutig ihre Augenbrauen zusammen und blickte an mir vorbei, wippte ein wenig nervös auf ihren Füßen, sagte jedoch noch immer nichts. „Und ich denke, dass ihn seine derzeitige Situation darin bekräftigen wird.", fügte ich noch hinzu, da mir klar war, dass seine Verhaftung auch Johanna bekannt sein musste. Zu meiner Überraschung hatten meine Worte Wirkung. Johanna stöhnte frustriert auf und schlug sich die Hände vor ihr Gesicht, schüttelte immer wieder den Kopf. Mental klopfte ich mir auf die Schulter.

„Ich wollte das gar nicht, weißt du?", begann sie auf einmal und sah mich ganz verzweifelt an. Die ersten Tränen sammelten sich in ihren Augen. „Edward hat mich so oft zurückgewiesen! Seine Mutter wollte, dass er mich nimmt, aber dieses kleine Miststück musste sich ihm natürlich an den Hals werfen! Morgen wird er gekrönt und natürlich ist uns allen bekannt, wen er heiraten wird – Sophia!" Hysterisch lachte sie auf. Ich trat sicherheitshalber ein paar Schritte zurück.

„Das hätte dir aber schon ein wenig früher klar sein müssen.", warf ich ein und erntete einen vernichtenden Blick.

„Was weißt du schon?", fuhr sie mich an. „Du hast tausende mittellose Bürger und dreckige Bauern zur Auswahl. Frauen wie ich müssen jedoch hart dafür arbeiten, einen standesgemäßen Mann dazu zu bringen, Interesse zu zeigen. Man muss sie sozusagen verführen, ohne vor der Hochzeitsnacht das Bett mit ihnen zu teilen!"

„Das muss wirklich grauenhaft sein.", murmelte ich halbherzig.

„Das kannst du laut sagen.", seufzte sie und atmete tief durch. „Da ich meine gesamte Aufmerksamkeit also auf Wunsch der Königin widmete, kam ich nie auf den Gedanken, mich anderen Männern zu präsentieren. Oh, diese Demütigung!" Während ich mich noch immer fragte, weshalb ich hier war und warum sie mir dies alles erzählte, lief sie zu ihrem Bett, setzte sich und fuhr mit gesenktem Kopf fort: „Was hätte ich denn machen sollen? Ich werde nicht jünger. Die Königin darum bitten, irgendeinen Mann zu zwingen, mich zu wählen, wäre der Todesstoß für meinen Stolz gewesen. Also versuchte ich eben, auf jede mögliche Art und Weise, einen passablen Partner zu reizen." Sie hob den Kopf und musterte mich. „An meiner Stelle hättest du das gleiche getan."

„Vermutlich, ja.", stimmte ich zu, ohne zu wissen, was sie getan hatte und versuchte angestrengt, alle Einzelheiten miteinander zu verknüpfen, doch in der letzten Zeit erhielt ich einfach zu viele Informationen. Mein Kopf schwirrte.

„Vermutlich hätte er dich sogar vor mir gewählt, wenn du keine Küchenmagd wärest!", zischte sie eifersüchtig. „Du siehst dieser Sophia irgendwie ähnlich. Er lief ihr auch eine Weile nach. Aber natürlich hat sie sich für Edward entschieden, sein Königreich ist einfach größer. Ich meine, er ist nicht mal der Erstgeborene."

„Er?", fragte ich verwirrt.

„Jacob.", antwortete Johanna verwirrt. „Was dachtest du, von wem ich rede?"

„Ach. Ich dachte... " Und endlich machte es Klick. Meine Augen wurden riesig, als ich begriff, um was es hier ging – Johanna hatte eine Nacht in Jacobs Bett verbracht. Und eindeutig hatte sie dort nicht nur geschlafen. „Oh mein Gott!", entfloh es mir. Johanna sah mich misstrauisch an.

„Was?", fragte sie sofort.

„Nichts.", sagte ich schnell und suchte eine Ausrede. „Mir ist eingefallen, dass ich noch einige Kartoffeln schälen muss. Aber das ist jetzt nicht wichtig." Endlich konnte ich Johannas Angst verstehen. Nicht nur, dass sie nun entehrt war – sie hatte sich auch noch von einem scheinbaren Feind des Schlosses entehren lassen!

„Ich kann mir schon denken, was er nun von mir haben will. Er hat mir erzählt, dass er danach suchen wird. Vermutlich wusste er deshalb, dass nur ich es haben konnte.", murmelte sie nun und griff unter ihr Kopfkissen, zog ein altes Buch hervor. „Ich weiß zwar nicht, was daran so besonders sein soll. Aber ich wollte nicht, dass man ihn damit erwischt und einsperrt, damit wären meine Chancen ruiniert gewesen. Nun, jetzt sieht es natürlich auch nicht viel besser aus." Sie hielt es mir entgegen. „Hier, nimm es nur."

Ich nahm das Buch an mich und schlug die erste Seite auf. Mir verschlug es den Atem, als ich erkannte, dass es das Tagebuch von Charles war, nach dem Jacob gesucht hatte.

„Ich hoffe, du findest irgendeinen Weg, Jacob mitzuteilen, dass ich dir gegeben habe, was er wollte.", sagte Johanna leise, fuhr sich mit den Händen über ihr Gesicht und sah auf einmal schrecklich müde aus. Ein wenig Mitleid empfand ich schon mit ihr, doch ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

„In Ordnung.", wisperte ich also bloß und ging auf die Tür zu.

„Ach, Bella?", rief sie mir nach.

Ich blickte über die Schulter und sah ihr flehendes Gesicht.

„Behalte das bitte für dich."

Einen Moment lang betrachtete ich ihre gar nicht mehr so überheblich wirkende Gestalt. Dann schluckte ich schwer, nickte und verschwand aus ihrem Gemach.


Endlich war es Nacht geworden. Nach einem anstrengenden Tag im Dienste des Schlosses und vielen sich endlos in die Länge ziehenden Stunden, saß ich endlich auf meinem Bett und blätterte in den vergilbten Seiten. Viel Nützliches fand ich auf den ersten Blick nicht, jediglich eine Menge Eigenlob und Selbstverherrlichung. Wie viel hätte ich darum gegeben, Jacob nun an meiner Seite zu haben? Immerhin wusste er bereits einiges darüber, was sich hier drin befinden sollte. Natürlich hatte er es mir zeigen statt erzählen wollen, da er wusste, dass mein Vertrauen sich größtenteils von ihm verabschiedet hatte. Dennoch wäre vieles einfacher, wenn er neben mir säße.

Endlich kamen die interessanteren Daten. Der Name meines Vaters tauchte öfters auf. Anscheinend hatte Charles seine Ratschläge sehr geschätzt. Konzentriert starrte ich auf die geschwungenen Buchstaben.

11. Dezember
Endlich habe ich Philipp davon überzeugt, dass das Mätressenwesen durchaus seinen Reiz haben kann. Er trifft sich immer seltener mit Renée und es wird nicht mehr lange dauern, bis ich ihn ganz von der Idee abbringe, eine Frau wie sie zu wählen...

Mir wurde schlecht. Charles hatte gewusst, dass sich mein Vater in meine Mutter verliebt hatte. Natürlich war ihm das ein Dorn im Auge gewesen. Sein engster Vertrauter als Ehemann der Schlossköchin? Nicht auszudenken. Und knapp zwanzig Jahre später hatte sich diese Geschichte beinahe mit seinem Sohn wiederholt. Frustriert blätterte ich einige Seiten vorwärts.

17. Januar
… Prinzessin Elena spielt ihre gesamten Reize aus, kleidet sich so verführerisch, dass ich sie am liebsten selbst zu mir einladen würde, und doch erweckt sie bei Philipp kein Interesse. Ich vermute, dass er sich nachts noch immer in die Küche schleicht. Hier muss ich wohl erneut meinen Großmut walten lassen und ihn ohne sein Wissen vor diesem Unheil bewahren. Interessante, fremdartige Kräuter sind aus Asien eingetroffen...

Obwohl mein Ekel mit jeder Zeile stieg, fühlte ich auch eine große Erleichterung. Mein Vater hatte sich also nicht so einfach von Charles beeinflussen lassen, wie es mir der König an seinem Sterbebett einreden wollte.
Der nächste Eintrag über meinen Vater war bereits drei Tage nach dem letzten verfasst worden.

20. Januar
Ich werde eine große Bestellung nach Asien schicken lassen. Diese seltsamen Kräuter sind wahre Wunder. Nur drei zerriebene Blätter habe ich in Philipps Wein gegeben und eine halbe Stunde später war er kaum noch er selbst – oder auch viel mehr er selbst als er es je zuvor gewesen ist...

Sofort versteifte sich mein Körper. Ich wollte nicht glauben, was ich las. Charles hatte meinen Vater beeinflusst, ihn mit irgendwelchen Pflanzen gefügig gemacht. Schwer atmend legte ich mich auf den Bauch und zwang mich geradezu dazu, weiterzulesen.

8. Februar
Es ist ein Freudentag! Von meiner Frau habe ich erfahren, dass Elenas Blutung ausgesetzt hat. Ich werde Philipp morgen die frohe Botschaft übermitteln und hege nicht einen Zweifel daran, dass er sie ehelichen wird. Was bleibt ihm anderes übrig? Endlich wird alles so sein, wie es sein sollte.

Keuchend richtete ich mich wieder auf, hockte schwitzend auf meinem Bett und las die gleichen Sätze wieder und wieder, versuchte zu begreifen, was das alles zu bedeuten hatte. Beinahe panisch schlug ich die Seiten um, auf der Suche nach dem Tag, der mir alles erklären sollte. Den genauen Tag fand ich zwar nicht, dafür einen Eintrag, der nur wenige Tage später hinzugefügt wurde.

16. September
So ein Unglück! Elena verstarb bei der Geburt des Kindes. Philipp macht sich große Vorwürfe, jedoch aus der falschen Ansicht heraus. Ich werde ihn von seinem Beraterposten entlassen! So eine Respektlosigkeit, Dreistigkeit und Rebellion ist mir noch nie begegnet! Tatsächlich gab er zu, selbst während Elenas Schwangerschaft nur an dieses Küchenweib gedacht zu haben – obwohl ich ihm eine wunderschöne Frau an seiner Seite verschafft hatte! Er hat behauptet, den größten Fehler seines Lebens begangen zu haben, als er sich verführen ließ und nun wolle er nicht wieder seine Chance verpassen. Ist das zu glauben? Diese Renée ist auch noch bereit, ihn trotz seines Kindes zu akzeptieren. Ich muss dringend dafür sorgen, dass nicht noch mehr Leute davon erfahren, also wird es wohl nahezu unmöglich sein, ihn aus dem Schloss zu entfernen. Vielleicht sollte ich seine Hure zwingen, zu behaupten, das Kind sei ihres. Die Menschen, die diesen Tag bezeugen können, werde ich wohl bestechen müssen und dann halten sie hoffentlich ihren Mund. Ansonsten...

Mir fiel das Buch aus den Händen. Kein Wort konnte ich mehr lesen. Starr hockte ich in der Nacht, starrte an die Wand. Meine Mutter war eindeutig nicht meine Mutter. Mein Vater hatte eine Nacht mit dieser Elena verbracht. Elena war bei meiner Geburt gestorben. Die Frau, die ich viele Jahre Mutter genannt hatte, hatte mich aufgenommen und als ihre eigene Tochter groß gezogen.

Mein Kopf schwirrte und mir wurde ganz schwindelig. Langsam legte ich mich hin, zog die Decke an mich, wickelte sie um meinen Körper, klammerte mich daran fest. Der Himmel wurde bereits heller. In wenigen Stunden begann der nächste Tag, der Edwards Krönungszeremonie mit sich bringen sollte, doch das interessierte mich nicht mehr.

Edward würde bald Sophia heiraten, Jacob drohte meinetwegen der Tod und ich stellte in diesem Augenblick fest, dass ich der wohl größte Fehler im Leben meines Vaters war.