Tear me apart - Fortsetzung
Kapitel 25
The Dark Side
Snape schlug die Augen auf. Sofort wusste er, dass etwas nicht in Ordnung war. Sein linker Arm pochte höllisch.
Verdammt! Es war soweit.
Seit den Tagen, seitdem er Schulleiter von Hogwarts war, war es verdächtig ruhig um ihn geworden. Doch jetzt, es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sein Meister nach ihm rufen würde, schien sich die Lage dem Höhepunkt zu nähern. Das Ministerium war von den Anhängern des Dunklen Lords infiltriert und die Nachricht vom plötzlichen Rücktritt Dumbledores hatte bestimmt für Verwirrung auf allen Seiten gesorgt.
Er hatte sein Bestes getan, um sich und das goldene Trio auf das vorzubereiten, was sie erwarten würde. Jetzt würde sich zeigen, ob es genug gewesen war.
„Hermine", rief er alarmiert, schon längst dazu versucht, aus dem Bett zu springen. Seine Stimme klang rau und müde. „Wach auf."
Sie seufzte im Schlaf und räkelte sich an seiner Seite, unschuldig und verletzlich. Dann drehte sie sich um und atmete ruhig weiter. Er schüttelte den Kopf. Sie sah wunderschön aus, wenn sie so friedlich neben ihm lag.
Snape streckte die Hand nach ihr aus und rüttelte an ihrer Schulter. „Es ist Zeit zum Aufwachen", sagte er hart, ohne es zu beabsichtigen. Seine Stimmung wechselte automatisch in das altbewährte Muster eines Todessers; Leben und überleben.
Endlich blinzelte sie und gähnte verschlafen. „Was – was ist los? Wie spät ist es?"
Mit der Hand strich sie ihm die schwarzen Strähnen aus dem Gesicht, um ihn besser sehen zu können. Sofort erkannte sie, dass etwas nicht stimmte und setzte sich neben ihm auf.
Die Muskeln seiner Kiefer zuckten, als er zu sprechen begann. „Sie wissen, dass etwas faul ist", sagte er schlicht, seine glühenden Augen auf ihr Gesicht gerichtet.
Hermine schluckte. „Und was jetzt?"
Ehe er antworten konnte, hörten sie den Kamin aufflammen, der im Büro auf der anderen Ebene ihres neuen Domizils zum Leben erwachte.
Beide starrten sich an.
„Severus!", rief eine vertraute Stimme. Schnelle, klackernde Schritte kamen näher. „Severus … bist du hier?"
Er räusperte sich und war mit einem Satz aus dem Bett. „Minerva!"
Die Schritte verstummten vor der Tür. „Ich fürchte, ich muss dir etwas sehr Unerfreuliches mitteilen", sagte sie aufgebracht.
Während Snape in seine Hose schlüpfte, hüllte sich Hermine in die Bettdecke ein. Ihr Herz pochte bis zum Hals. Binnen Sekunden war er an der Tür und öffnete.
„Was ist los?", fragte er und lehnte sich ungeduldig an den Türrahmen.
McGonagall starrte ihn mit offenem Mund an und suchte nach Worten. Sein nackter, blasser Oberkörper glänzte der Hexe im Schein dutzender Kerzen entgegen, die sie vorsorglich in seinem Büro entzündet hatte.
Hermine lugte um ihn herum und erhaschte einen Blick auf ihre Hauslehrerin, die ein Haarnetz auf dem Kopf trug und in einen dunkelgrauen, grobgestrickten Morgenmantel gehüllt war. Sie wirkte, als hätte jemand sie durch das Schloss gehetzt und wusste offenbar nicht so recht, wo sie hinblicken sollte, als sie ihren ehemaligen Schüler, der jetzt der Leiter von Hogwarts war, halbnackt vor sich erblickte.
„Das Dunkle Mal wurde über dem Verbotenen Wald gesichtet", keuchte sie außer Atem. „Hagrid kam völlig aufgelöst zu mir, nachdem die Zentauren wutentbrannt seine Hütte gestürmt haben."
Hermine legte die Stirn in Falten. „Die Zentauren?", fragte sie verblüfft.
McGonagall, die ihre Anwesenheit ganz vergessen hatte, reckte den Hals und starrte sie an. „Guten Morgen, Miss Granger."
Hermine lächelte verlegen und nickte ihr zu. „Guten Morgen, Professor."
Snape wischte sich die widerspenstigen Haarsträhnen aus dem Gesicht und blickte ernst auf McGonagall hinab, während er aus dem Türrahmen glitt und die Tür hinter sich zuzog.
„Ist er verletzt?", fragte er mit gesenkter Stimme.
Der Zeitpunkt war gekommen, um Klartext mit ihr zu reden. Nach Möglichkeit unter vier Augen. Kaum dass er ihre Stimmen mit einem Zauber abgeschirmt hatte, erhielt er auch schon die ungeteilte Aufmerksamkeit der alten Frau zurück.
Ihr faltiger Mund kräuselte sich. „Nein. Er hat zwar etwas zu viel Feuerwhisky im Blut, aber abgesehen davon ist er unversehrt."
Snape hob seine Braue, als würde er auf eine Erklärung warten.
„Du musst verstehen, Severus, der Abschied von Albus ist ihm nicht leicht gefallen. Hagrid hat ihn immer sehr geschätzt. Albus ist als Einziger für ihn eingestanden, nachdem er bezichtigt wurde, die Kammer des Schreckens geöffnet zu haben ..."
Snape zog die Brauen zusammen. Albus, der Wohltäter. Hagrid hätte nie die Kammer öffnen können. Er war zu einfältig und zu gutmütig, um einer Fliege etwas zu Leide zu tun. Voldemort hingegen war schon immer verschlagen gewesen.
Wie das Leben doch spielte! Dass das Ministerium Fehler machte, war eine Sache. Doch dass Dumbledore nicht erkannt hatte, wozu Tom in der Lage war, war ihm ein Rätsel. Schritt für Schritt hatten sie gemeinsam, und ohne es zu beabsichtigen, dem Dunklen Lord zu seiner Macht verholfen.
Er grinste süffisant, besann sich aber schnell eines Besseren. Noch vor wenigen Monaten hätte er sich unter diesen Umständen einen Dreck für den Verbleib des bärtigen Mannes interessiert. Jetzt war alles komplizierter geworden. Durch Hermine hatte er gelernt, sich auf andere Dinge zu besinnen.
„Was sollen wir tun?", fragte Minerva am Rande der Hilflosigkeit.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie in die Jahre gekommen war. Ihre Gestalt wirkte dürr, beinahe zerbrechlich, wenn sie nicht diese unbändige Energie und ihre spitze Stimme besessen hätte, die allen Schülern Respekt lehrte.
„Severus?"
Er seufzte. Das Dunkle Mal in der Nähe des Schlosses und ein betrunkener Halbriese dazu waren im Moment nicht gerade Dinge, die er brauchen konnte, doch er wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, wenn man nicht weiter wusste und somit hatte er Nachsicht mit Hagrid. Es gab dringendere Probleme als ihn.
„Ich muss mit Potter reden", dröhnte er.
Sie nickte knapp.
„Informiere die anderen Hauslehrer. Beginnt mit der Evakuierung aller minderjährigen Schüler. Der Orden soll sich darum kümmern, dass sie so schnell wie möglich von hier verschwinden. Die anderen sind alt genug, um selbst zu entscheiden, was sie tun wollen."
Er holte tief Luft und seufzte. Ganz so einfach war es natürlich nicht, das wusste er nur allzu gut. Im Augenblick jedoch blieb keine Zeit für Diskussionen.
„Und jemand sollte dem Riesen einige Eimer Wasser einflößen. Er ist kräftig und wir können es uns nicht leisten, auf ihn zu verzichten."
McGonagall riss die Augen auf und starrte ihn an. „Wird er uns angreifen?"
Er zuckte mit den Schultern. Sein Gesicht wirkte starr, sein zitternder Arm jedoch verriet deutlich, dass die Situation keineswegs harmlos war.
„Er hatte schon immer Interesse an der Schule. Doch wir werden sie nicht einfach so in seine Hände übergeben. Die Folgen für die Schüler wären fatal. Wir müssen eine Verteidigungslinie aufstellen. Alles Weitere ergibt sich."
Benommen nickte sie. Die Sorge stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Was wird mit den Eltern von Miss Granger geschehen? Bestimmt wird er seine Häscher nach ihnen schicken."
Einen Moment lang war es unangenehm still zwischen ihnen. Zugegeben, die lieben Schwiegereltern hatte er ganz vergessen. Aber Hermine würde es ihm nie verzeihen, wenn er sie einfach ungeschützt den Todessern überlassen würde.
„Schaff sie irgendwie her, Minerva. Und versteckt sie", zischte seine Stimme mit mangelnder Begeisterung. „Sie können nicht schlimmer zu hüten sein, als die Teenager."
„Aber sie sind Muggel", gab sie zu bedenken.
Er seufzte. „Richtig." Seine Kiefer prallten aufeinander, als ihm bewusst wurde, dass das nicht sein einziges Problem mit den beiden war. „Übrigens, es wäre besser, wenn du das mit der Schwangerschaft nicht erwähnst, Minerva."
Seine schwarzen Augen blitzten unmissverständlich auf und McGonagall schlug die Hand vor den Mund.
„Severus! Ihr habt es ihnen nicht gesagt?"
Er schüttelte den Kopf. „Sie haben keine Ahnung. Und das sollte vorerst auch so bleiben. Wir können es uns nicht erlauben, noch mehr Leute einzuweihen."
„Verstehe … Ich werde mich um sie kümmern."
Nachdenklich machte sie auf dem Absatz kehrt und stakste etwas durcheinander auf den Kamin zu.
Snape blickte ihr hinterher. Erst kurz bevor sie ihr Ziel erreicht hatte, rief er ihr nach. „Minerva!"
„Ja?"
„Hab ein Auge auf sie!"
Sie nickte. Auch dann, wenn er seine Schwierigkeiten mit der alten Frau gehabt hatte, verstand sie nur zu gut, was er meinte. „Natürlich. Miss Granger hat oberste Priorität."
Er atmete erleichtert aus. „Danke."
Ein gequältes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Sei vorsichtig, Severus."
„Das bin ich doch immer."
„Deswegen sollst du es ja sein. Die Routine ist unser größter Feind."
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Sie sah nicht mehr den Moment, in dem er seinen Arm gegen die Brust schlug und mit der anderen Hand umklammerte. McGonagall war verschwunden und Severus wusste nicht, wann und ob er sie wieder sehen würde. Doch es schien kaum noch eine Rolle zu spielen. Spätestens jetzt vertraute er ihr. Und er hatte keinen Grund mehr, es nicht zu tun. Der Rest in ihm war auf ein Minimum an Menschlichkeit zusammengeschrumpft, er funktionierte einfach. Rationell und automatisiert, so wie er es sein ganzes Leben lang getan hatte. Niemand hatte ihm je etwas geschenkt. Seine Kindheit war ein einziger Albtraum gewesen, seine Jugend geprägt von Schmerz und Verlust. Lange Zeit hatte er nicht gewusst, wo er hingehörte, bis ihn seine Feinde in die Arme des Bösen getrieben hatten.
Er war ein Gefangener, der an die Gunst seines Lords gebunden war, solange dieser lebte. Doch er würde nicht kampflos aufgeben. Selbst dann nicht, wenn es ihn sein Leben kosten würde. Und es gab keinen Ausweg für ihn, er musste Voldemort aufsuchen.
Für Snape war es ein weiterer schmerzvoller Abschied, den er von Hermine nehmen musste. Er hatte sein Bestes gegeben, um die Situation nicht zu dramatisch werden zu lassen, obwohl er wusste, dass sie ihn durchschaut hatte.
Mit tiefen Sorgenfalten auf dem Gesicht eilte er durch das Schloss, gefolgt vom Luftstrom seines aufgeblähten Umhangs. Sein Arm brannte höllisch, doch das war nichts Neues. Ohne weiter darüber nachzudenken (er durfte sich jetzt nicht ablenken lassen) stürmte er in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors.
Ein lautes Raunen ging durch die versammelten Schüler, die verschreckt und um die Sitzgruppe zusammengepfercht darauf warteten, dass McGonagall ihnen weitere Anweisungen geben würde.
Er beachtete sie nicht weiter, seine schwarzen Rabenaugen hatten bereits gefunden, wonach er gesucht hatte.
„Miss Weasley", rief er forsch zu Ginny. „Holen Sie Potter und seinen ungleichen Zwilling."
Sie nickte und eilte zu den Schlafräumen der Jungs.
Snape stellte sich mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor das Fenster. Seine linke Hand zitterte noch immer, doch er ignorierte es, so gut er konnte.
Die aufrechte schwarze Gestalt sorgte für Verwirrung unter den sonst so mutigen Gryffindors. Wie er es hasste, wenn sie über ihn tuschelten! Nicht einmal jetzt hatten sie Respekt vor ihm.
Sein Blick glitt weit hinaus, in die Tiefen des Verbotenen Waldes. Seine Kiefermuskeln arbeiteten, er fröstelte. Irgendwo dort draußen stand sein Meister und verlangte nach ihm. Doch der sollte nur warten.
Endlich hörte er Schritte, die die Treppe hinunter eilten.
„Professor", keuchte Harry.
Er drehte sich um und starrte ihn an, direkt in seine leuchtenden und vertrauten Augen, die so schmerzhafte Erinnerungen in ihm wach riefen, ohne Weasley weiter zu beachten, der neben ihm war.
„Potter!", hallte seine tiefe Stimme durch den Raum. „Wir müssen reden!"
