Kapitel 25: Der Anfang vom Ende

„Es ergibt alles keinen Sinn!", beschwerte sich Blaise zum hundertsten Mal während sie im Raum der Wünsche auf und ab ging. Neville hatte sich auf ein bequemes Sofa vor dem Kamin fallen lassen, wo ein wärmendes Feuer prasselte, und sah seiner Freundin bei ihren Bemühungen einen Graben in den Boden zu laufen zu. Sie hatten sich nach Harrys Abschied in den Raum zurückgezogen, nein, sie waren hierhin geflüchtet, um nachzudenken. Jetzt zum Unterricht zu gehen stand außer Frage.

„Es ergibt alles keinen Sinn", wiederholte die Slytherin und Neville seufzte. „Blaise…", begann er in seinem ruhigsten Tonfall, doch wie vom Gnom gebissen fuhr das Mädchen herum und funkelte ihn an. „Sieh es dir doch nur an!", sagte sie so laut, dass es fast ein Schreien war und Neville ließ sich in die Polster zurückfallen. Diese Stürme musste man aussitzen.

„Erst wird Harry von Voldemort besessen, dann erzählt Dumbledore ihm von der Prophezeiung. Plötzlich fängt er an wie ein Verrückter zu trainieren und schreckt nicht vor Methoden zurück, die eindeutig aus der Schwarzen Magie kommen. Dann beginnt er mit Zeitreisen, lernt Schwertkampf, Magie, die Kunst…" „Und Tränkebrauen", warf Neville gelangweilt in das Stakkato, doch seine Freundin ging einfach darüber hinweg. „Bevor wir uns versehen, hat er seine eigene kleine Armee aufgestellt und bildet uns für einen Kampf aus - in den er uns nicht schicken will, wohl gemerkt - nur um uns beiden dann doch sein Vermächtnis aufs Auge zu drücken? Das ergibt keinen Sinn. Er hätte die Sache vor Monaten beenden können!", schloss Blaise ihre Triade.

Der Gryffindor ließ die folgende Stille ein wenig bestehen und versuchte es noch einmal so ruhig wir möglich, „Blaise, ich glaube du vereinfachst die Sache etwas zu sehr." „Tu ich das?", entrüstete sich das Mädchen, begleitet von einem gefährlichen Funkeln in den Augen. „Ja, tust du", entgegnete der Junge gelassen, „nur weil du und ich nicht den Plan erkennen, heißt das noch lange nicht, dass Harry keinen Plan hatte. Er wird seine Gründe gehabt haben, Voldemort nicht anzugreifen. Außerdem ist dein Wissen über Harrys Leben alles andere als fundiert und die Grundlagen deiner Einschätzung kennst du meist nur vom Hörensagen."

„Ja, aber ist dir denn nie aufgefallen wie merkwürdig sein Verhalten in letzter Zeit war?", ließ Blaise nicht locker. Gerade als Neville antworten wollte, merkte er, dass es sich um eine rhetorische Frage handelte, denn seine Freundin fügte nach der geringsten Pause an, „Mal taucht er unerwartet auf, dann ist er wieder nicht da. Am einen Tag zeigt er uns die kalte Schulter, am nächsten macht er einen auf Kumpel. Meistens geht's um Leben und Tod, doch dann und wann hat er Zeit für Quidditch. Erst geht er Voldemort monatelang aus dem Weg, dann wirft er sich auf ihn ohne einer Seele bescheid zu sagen."

„Worauf willst du hinaus?", fragte Neville während er an die Decke starrte. „Ich glaube, dass ganze Trainieren und das Reisen durch die Zeit und so, das hat ihn, nun ja, ein wenig mitgenommen, geistig…" Blaise' Stimme klang aus und Nevilles Kopf schnappte wieder nach vorne. „Willst du andeuten, dass Harry verrückt war?", zischte er mit mehr Aggressivität als beabsichtigt. „Nein", sagte Blaise plötzlich zurückhaltend, dass sie auch ja hätte sagen können, „nicht direkt verrückt, eher … gespalten."

Neville holte tief Luft und erwiderte unter größter Beherrschung, „Harry ist… war weder verrückt noch schizophren." „Schizo-was?", fragte die Slytherin verblüfft. „Schizophren, zwei Seelen in einem Körper", antwortete Neville unwirsch. Jetzt war es an dem Jungen böse Blicke um sich zu werfen und Blaise bemühte sich die emotionale Lage nicht außer Kontrolle geraten zu lassen. „Ich wollte lediglich meine Ansicht zur Geltung bringen, dass Harry nicht mehr vollen Kontakt zur Wirklichkeit von Raum und Zeit hatte", versuchte sie zu beruhigen. „Ich finde, dass hört sich sehr nach einer Umschreibung von verrückt an", ätzte Neville und Blaise' Schultern sackten nach unten.

„Wir sollten uns nicht streiten. Harry hätte es sicher nicht gewollt", sagte das Mädchen leise, doch Nevilles Antwort kam laut und postwendend, „Harry hätte auch sicher nicht gewollt, das wir ihn einen Verrückten nennen!" „Neville, bitte", flehte seine Freundin und setzte sich neben ihn auf das Sofa. Still saßen die Beiden beieinander und jeder hing seinen Gedanken nach. Lange schwiegen sie, während draußen die Sonne ihre Bahn lief.

Schließlich flüsterte Blaise, „Ich habe Angst". Neville legte den Arm um ihre Schultern, zog sie zu sich und sagte, „Ich auch, - ich auch". „Alles scheint so verworren und unübersichtlich. Das ist zu groß für uns; wir sind nur Schüler", hauchte die Slytherin mit brüchiger Stimme, während ihr Freund über ihr Haar strich. „Vielleicht sollten wir Harrys Vorschlag befolgen und Dumbledore um Rat fragen", sagte Neville mehr zu sich selbst und Blaise drehte sich nach oben. Ihr Freund blickte nach unten und sah zuversichtlich lächelnd auf sie herab. Unwillkürlich musste auch Blaise Lächeln. „Natürlich, warum bin ich nicht darauf gekommen?"

„Weil du immer eine misstrauische Muggelfreund-Hasserin bleiben wirst, die Dumbledore als die größte Schande der Zauberwelt sehen wird?", antwortete der Gryffindor scherzhaft und half ihr auf die Beine. Seite an Seite verließ das Paar den Raum der Wünsche und machte sich auf den Weg zum Büro des Schulleiters. Die Wendeltreppe wartete bereits auf sie, als ob ihr Besuch schon erahnt worden war. Auch die Tür wurde geöffnet bevor sie anklopfen konnten, was sie als Aufforderung zum Eintreten verstanden.

In dem geräumigen Büro befanden sich bereits drei Zauberer. Hinter seinem Schreibtisch saß Dumbledore, die Fingerspitzen unter dem Kinn zusammengelegt und eine Tasse Tee vor sich, der die beiden Schüler mit väterlichem Blick bedachte. Snape stand rechts vom Schreibtisch mit vor der Brust verschränkten Armen und zusammengepressten Lippen. Dumbledore gegenüber saß ein Mann, der noch älter zu sein schien. Er war so klein, dass er fast in dem Stuhl verschwand und das zerknitterte Gesicht wurde von einer wilden Mähne aus schlotweißem Haar eingefasst. Er musterte das Paar durch einen Zwicker, der ihm ein leicht deplaziertes Erscheinungsbild gab.

„Ah, Miss Zabini, Mister Longbottom! Dies ist eine schwere Stunde für uns alle. Das Ableben Harry Potters wird lange Schatten auf viele Gemüter werfen. Wie ich sehe, hat Mister Potter auch für sie eine … Nachricht hinterlassen, hm?", erkundete sich Dumbledore mit einem wissenden Funkeln in den Augen. Er war wie sooft ein Ebenbild von Frohsinn und Optimismus und nur Leute, die ihn wirklich kannten, hätten die Schatten tief in den Augen gesehen. „Ja, Sir, eine … Nachricht", sagte Blaise, die sich schneller von Dumbledores offenkundiger Pietätlosigkeit erholte als Neville, zögerlich mit einem flüchtigen Blick Richtung Snape und dem Unbekannten.

„In der Tat. Geh ich Recht in der Annahme, dass mein Namen darin fiel, unter anderem?", fragte der alte Schulleiter freundlich und Blaise nickte bloß. „Wahrscheinlich kennt ihr dann auch Mister Harlow hier, zumindest dem Namen nach", fuhr Dumbledore fort und wies auf den Mann mit der weißen Haarpracht. Neville und Blaise musterten den Mann mit neuem Interesse, der zu Kichern begann. „Ich kenne Sie gut! Die Zukunft ist voll von Ihnen. Mister Potter ist mit weiten Schritten durch die Geschichte geschritten und hat Ihnen eine große Bürde hinterlassen, nun suchen Sie jemanden, der Ihnen entsprechendes Schuhwerk beschaffen kann um Schritt zu halten, nicht?", feixte der Alte, gefolgt von einem weiteren Kichern, wie es Leuten vorbehalten ist, die zuviel von der Welt gesehen haben.

„In gewisser Weise", druckste Neville, der seinen Mund wieder gefunden hatte. „Blödsinn, Longbottom!", bellte Snape aus seiner Ecke, „Sie sind hier, weil Sie nicht wissen wohin Sie sich sonst wenden sollen!" Neville warf dem verhassten Lehrer einen eiskalten Blick zu, den Snape mit einem herablassenden Grinsen beantwortete. Bevor der Gryffindor zu einer Erwiderung ansetzten konnte, hob Dumbledore beschwichtigend die Hand, „Severus, das war unnötig. Selbst du musst anerkennen, dass diese jungen Leute sich formidabel schlagen. Hierher zu kommen und um Rat zu fragen halte ich für völlig legitim, wie du am besten wissen solltest", rügte Dumbledore seinen langjährigen Mitstreiter.

Der Tränkemeister nahm den sanften Verweis mit einem Schnaufen zur Kenntnis und beschränkte sich darauf eisige Blicke in den Raum zu werfen, während Dumbledore ruhig in die Runde blickte. „Harry hat uns einen Wust an Problemen und Fragen hinterlassen, doch jeder von uns kann einen Teil davon entwirren. Theodor, erzähl doch bitte von deiner Begegnung mit Harry", dirigierte der Schulleiter, lehnte sich zurück und nippte an seinem Tee.

Schlagartig wurde das Gesicht des Sehers ernst und hart und verlor die fröhliche Aufgeschlossenheit, die er bis dahin zur Schau gestellt hatte. Rasselnd holte er tief Luft und begann gedankenvoll. „Es fing an mit dem Plan von Du-weist-schon-wem die Prophezeiung über sich und Harry Potter von einem Seher wiederholen zu lassen. Ein genialer Plan, unerwartet, durchtrieben und deswegen erfolgsversprechend, der aber letztendlich an seinem Gelingen gescheitert ist." Der Greis stockte kurz als er die fragenden Blicke auf sich spürte und holte dann weiter aus.

„Der, dessen Name nicht genannt wird, entführte viele von uns und gab uns einen Zaubertrank, der das zweite Gesicht stärkt. Zu unserem zweifelhaften Glück ist dieses Gebräu tödlich in der Kombination mit Veritaserum und löst eine Trance von solcher Tiefe aus, dass man für kurze Zeit vollkommen in der Zukunft versinkt. Das bedeutete für die Todesser erst nach der Trance mit der guten alten Foltermethode Informationen gewinnen zu können, was sie auch mit viel Enthusiasmus taten", berichtete der Seher mit dunklen Schatten in den Augen, doch dann verzog sich sein Gesicht zu einer Fratze bitterer Schadenfreude.

„Zu dem Unglück ihres Herrn kümmerten sie sich sonst sehr ungern um uns und sperrten uns der Einfachheit halber alle in einen Raum, unbewacht versteht sich. Immerhin waren wir schwache Zauberer, die sangen wie die Vögelchen, und nicht die Aufmerksamkeit richtiger Reinblüter wert. Auf den Gedanken, dass wir von Sonnenschein sangen, während wir Regenwolken am Horizont sahen, kamen diese Spatzenhirne natürlich nicht. So erfuhr der dunkle Lord von der Prophezeiung, aber nicht ihre mögliche Auslegung. Denn die Zukunft lässt sich manchmal nur schwer in Worte fasse und ist selbst dann selten wörtlich zu nehmen", erklärte Harlow, der seine Emotionen wieder im Griff hatte, und sah sich einmal um, bevor er zum brisanten Teil seiner Erzählung kam.

„In der Prophezeiung, die jeder von uns kennt, geht es nicht um Leben und Tod im herkömmlichen Sinn. Es ist viel mehr ein Kampf der Ideologien und der Transzendenz. Nicht wer überdauert, gewinnt, sondern was überdauert. Mit dieser Nachricht konnten wir Harry Potter die Leichtigkeit wiedergeben, die er unter der Last der Verantwortung verloren hatte. Er konnte seine eigene Sterblichkeit akzeptieren und loslassen. Er legte die Zukunft in die Hände dieser beiden", endete der Seher mit einem Kopfstoß in die Richtung von Neville und Blaise.

Nach einer Pause, die weder Snape noch Dumbledore zu stören versuchten, fragte Neville unsicher, „Und was sagt die Zukunft über uns?" „Ja, das wollen sie alle wissen", seufzte der alte Seher und ein wenig Heiterkeit kehrte in das ausgemergelte Gesicht zurück, „Die Zukunft ist kein Buch in dem man lesen kann, sie ist eine launische Gönnerin, die gibt wie es ihr gedüngt. Doch der Weg zu Ihren Füßen ist klar, ob Sie ihn beschreiten könnt liegt bei Ihnen."

Enttäuscht von der Antwort sackten die Schultern des Gryffindors nach unten; Harlow hatte ihnen nichts Neues mitzuteilen gehabt. Doch er straffte sich wieder als Dumbledore das Wort an ihn und Blaise richtete. „Wir sollten die Zukunft der Zukunft überlassen und jetzt von dem Jetzt reden", schlug der Schulleiter freundlich vor und sein Bart hüpfte ein wenig auf und ab, „Warum erzählen Sie nicht Ihre Geschichte?" Das Paar sah sich an und trug einen stummen Ringkampf aus, in dem die Slytherin unterlag. Blaise strich sich eine Strähne hinters Ohr, die sofort wieder nach vorne fiel.

„Also, hm, Sie wissen das Harry die DA wieder aufgebaut hat?", erkundigte sich Blaise bei Dumbledore, der unverbindlich lächelte und antwortete, „Tun Sie so als würden wir von nichts wissen." Mit einem kurzen Blick auf Snape, der bei der Nennung der DA die Ohren gespitzt hatte, rang sich Blaise ein Lächeln ab und begann, „Wie schon im letzten Jahr, schien Harry der Meinung zu sein, dass, äh, der Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste nicht, …, ausreichend sei und rief die Schüler zusammen die schon letzten Jahr an seinen … außerschulischen Übungen teilgenommen hatten. Um diesen Kern herum erweiterte er sowohl die DA als auch das Training. Er … militarisierte die DA."

„Zu welchem Zweck?", blaffte Snape, der trotz der umsichtigen Wortwahl der Slytherin, sichtlich erregt war. Komischer Weise machte die Wut ihres Hauslehrers Blaise ruhiger, als wäre der Ausbruch eine Bestätigung, und sie begegnete seinem Blick gelassen. „Über den genauen Zweck hat Harry sich in Schweigen gehüllt, aber die DA soll einmal den Orden des Phönix als Gegenbewegung zu den Todessern ablösen." Dies schien den Spion noch härter zu treffen als die vermeintliche Kritik an seinem Unterricht.

Der Zauberer wollte explodieren, doch Dumbledore kam ihm mit seiner unnachahmlichen Autorität zuvor, „Ich glaube, dieses Thema hat sich mit Harrys Ableben erledigt." Blaise suchte Nevilles Blick, der kaum merklich nickte. Die junge Frau nahm ihren ganzen Mut zusammen und sagte, „Um die Wahrheit zu sagen, Sir, ist diese Sache nicht erledigt. Harry hat uns sein gesamtes Lebenswerk hinterlassen – und die DA ist ein wichtiger Teil davon." Ein Gefühl durchzuckte Blaise als sie die Worte sprach. Es war als würde sie…, als würde sie ihren Zauberstab zum Duell ziehen. Ihr wurde bewusst, was es bedeutete Harry zu beerben: Die DA war Schwert und Schild zugleich, ein mächtiges Werkzeug, in ihren Händen…

Sie rief sich selbst zur Ordnung, als sie merkte wie ihre Phantasie mit ihr durchging. „Die DA wird weiterleben", sagte sie mit neuer Entschlossenheit. „So wie Harry", fügte Neville leise, aber deutlich hörbar an. „Wie meinst du das?", zischte Snape und auch Dumbledore schien überrascht von der Aussage. Nur Harlow kicherte vor sich hin. „Sag es ihnen, Blaise", brummte Neville. „Harry ist…, hat die Kammer des Schreckens umgebaut. Er hat … - Denkarien, er hat die ganze verdammte Halle in ein Denkarium umgewandelt!", stotterte die Flammensängerin, bis es aus ihr herausplatzte. Sie erwartete eine Explosion der Überraschung, doch stattdessen machte sich ungläubiges Schweigen breit.

Dann erhob sich Dumbledore mit einem Schwung und schritt auf langen Beinen zur Tür. „Zeigt!", gebot er nur und schob dann die Schüler aus seinem Büro. Gefolgt von Snape und Harlow ging es das kurze Stück bis zur unscheinbaren Tür, die Neville diesmal ohne zu zögern öffnete. Als sie vor die Tür mit Löwe und Phönix traten, hörten sie das anerkennende Pfeifen von Harlow. „Albus, dieser Gang…", hauchte er, doch der Schulleiter war seltsam angespannt und schnappte, „Nicht jetzt, Theodor!" Geräuschlos schwang das Portal auf und die Vier betraten das Innere der Kammer, die immer noch in das unwirkliche Silberlicht getaucht war.

Nur Snape blieb an der Schwelle stehen. Der Löwe und der Phönix schienen ihn anzugucken, sein dunkles Mal um genau zu sein und die Augen wirkten lebendig. Er war nah dran umzukehren als Dumbledore ihn rief, „Severus? Severus, ist alles in Ordnung?" „Ja, natürlich. Ich habe nur die Edelsteine bewundert." Eine durchsichtige Ausrede, aber immerhin kam sie ihm glatt von der Zunge. Den Rücken durchgestreckt und mit versteinertem Gesicht schloss der Tränkemeister zu den Anderen auf.

Dumbledore hatte seinen Zauberstab gezückt und versuchte den Raum zu erhellen aber nichts geschah. Automatisch langte auch Snape nach seinem und versuchte es ebenfalls, doch auch sein Zauber scheiterte. Dann ertönte ein Knirschen aus dem hinteren Teil der Halle und die Zauberstäbe zeigten sofort in diese Richtung. Neville wollte erklären, was es mit dem Geräusch auf sich hatte, doch Snape war schneller. „Ich werde nachsehen", sagte der Lehrer, der im dämmrigen Licht unheimlicher aussah denn je, und ging trotzig ein paar Schritte auf die Dunkelheit zu.

Eisen schabte auf Stein, dann knirschte es und begleitet von einem dreifachen, ohrenbetäubenden Krachen stürmte Harrys Statue aus dem Dunkeln, das gewaltige Schwert vor sich gestreckt. Vor Snape kam sie zum Stehen, die Klinge an der Kehle des Spions. Snape, völlig überrumpelt, hatte keine Zeit einen Zauber zu sprechen oder auch nur einen Finger zu rühren. Sein Blick glitt über das Blatt des Schwertes zum Gesicht der Statue. Er musste schlucken und das Metall schnitt in seine Haut. Ein Blutstropfen perlte an der Schneide entlang und fiel dann mit einem Pling zu Boden. Trotz des plötzlichen Brennens blieb der Mann vollkommen erstarrt.

Die steinernen, toten Augen schienen ihn zu mustern und am liebsten wäre er um sein Leben gelaufen. Nicht einmal der dunkle Lord hatte ihm je so viel Angst eingeflösst. Dann öffnete die Statue auch noch ihren Mund und verkündete mit grollender Stimme. „Ich spüre das dunkle Mal auf dir, doch dein Gesicht kommt mir bekannt vor. Bist du Severus Snape? Sprich schnell und sprich wahr!" „Ja", krächzte der Tränkemeister und trotz seiner größten Anstrengung ritzte die Klinge wieder seine Haut.

Ohne ein weiteres Wort senkte das versteinerte Ebenbild Harrys das Schwert, drehte sich um und ging wieder in die Dunkelheit. Erleichtert sackte Snape ein und betastete seinen Hals, doch die Schnitte waren verheilt. Harlow und Dumbledore, die das Geschehen mit einer Mischung aus Schrecken und Begeisterung mitverfolgt hatten, folgten der Statue mit ihren Blicken. „Albus… Albus! Das ist unglaublich, ganz und gar unglaublich", wisperte der alte Seher mit runden Augen. „In der Tat", war Dumbledores einziger Kommentar, den Blaise und Neville, leicht geschockt, zum ersten Mal ratlos sahen.

Doch dann erhellte sich die Miene des Schulleiters. „Dobby!", rief er in die leere Luft und der kleine Hauself erschien. Unter einem Stapel schwarzer Hüte guckten zwei verheulte Augen aus einem aufgedunsenen Gesicht und die Nase triefte. „Ja, Meister Dumbeldore, ihr habt Dobby gerufen?" Der Anblick ging dem gutmütigen Zauberer sicherlich nah, aber er ließ sich nicht davon beirren. „Dobby, du kennst sicherlich einen Weg Licht in diesen Raum zu bringen", stellte Dumbledore fest und der Hauself schlackerte traurig mit den Ohren und klatschte in die Hände. Sofort begann es rundherum zu glühen und das Glühen steigerte sich bis die ganze Halle von hellem Licht erfüllt war.

Endlich konnte man die Decke sehen, die gar nicht so hoch war und das Ende des Raumes. Harry saß auf seinem Thron, vor sich das Denkarium. Die Becken verströmten immer noch ihr kaltes Licht, aber es wurde schnell vom hellen erstickt. „Danke, Dobby. Du nimmst dir den Rest des Tages frei", entließ Dumbledore den niedergeschlagenen Diener, dessen Abschiedsgruß in einem Schniefen unterging. Nachdem Dobby gegangen war, nahmen sich die Erwachsenen die Zeit den Raum zu studieren und auch Blaise und Neville betrachteten den Raum im neuen Licht.

„Severus, erzähl bitte was du heute morgen vorgefunden hast", brach der Schulleiter schließlich die staunende Stille und alle sammelten sich vor dem Steinthron unter den wachsamen Augen der Statue. Der Spion räusperte sich und warf verstohlen angstvolle Blicke auf den Wächter, während er sprach, „Das Versteck des dunkeln Lord ist vollkommen zerstört und ich habe viel Blut gesehen, also sind vermutlich viele Todesser umgekommen. Pettigrew schlich durch die Ruine und hat sich fast in die Hose gemacht, als ich ihn rief. Als er mich erkannte, brabbelte er etwas davon, dass Potter unseren Meister getötet hatte."

„Ich begab mich in die unterste Ebene und fand Bellatrix, wie sie sich die Augen über etwas ausheulte, was tatsächlich einmal der Körper des Lords gewesen sein könnte. Ich führte sie nach oben und versuchte ihr einen genaueren Hergang der Ereignisse zu entlocken, aber ihr Aussagen wie auch ihre Gedanken waren wirr und wenig ergiebig. Wir hatten fast die Treppe zum Erdgeschoß erreicht, als wir einen Schrei hörten. Nagini hatte sich in Pettigrews Brustkorb verbissen, was Bellatrix mit unbändiger Freude zu erfüllen schien", sagte Snape und verzog die ganze Zeit das Gesicht, als wäre ihm die Sache zutiefst zuwider.

Wenig gerührt berichtete er weiter, „Grade als der Wurm seinen letzten Atem ausröchelte, kam Voldemort vom Himmel herab und landete neben seiner Schlange. Er sagte etwas zu Pettigrew, aber ich konnte nicht verstehen was. Dann streichelte er Nagini und das Vieh machte sich daran Pettigrew zu verspeisen. Ich vermute, es war die Strafe für die Feigheit von Pettigrew im Kampf gegen Potter. Lestrange hatte sich mittlerweile in einen Zustand hysterischer Euphorie gesteigert und vollständig die Beherrschung verloren. Sie sprang den dunklen Lord an, der sie mit einer bloßen Geste aufhielt und fortschleuderte."

An dieser Stelle schlich sich ein wenig Bewunderung in die Stimme des Tränkemeisters, „Er hat wieder sein menschliches Aussehen und ist mächtiger als je zuvor. Und er weiß, dass ich ihn verraten habe. Ich konnte nur mit viel Glück erkennen, dass ich durchschaut war und fliehen." Dumbledore schob seine Brille zu Recht und nickte gewichtig, „In der Tat. Wir haben großes Glück, dass du uns diese letzte Nachricht bringen konntest. Wir werden keine Ruhepause haben, wenn Voldemort sich so schnell von einer Niederlage erholt. Nur der Verlust seiner Todesser wird uns ein wenig Zeit verschaffen, bis er Neue findet, deren Herz schwarz und Willen schwach ist. Ja, Theodor?"

„Ich finde die unbekannten Fähigkeiten des dunklen Lords sehr bedenklich. Wie mir scheint, hatte Mister Potters Ableben vielleicht nur mehr Folgen als wir zunächst dachten. Ich rate ihnen zur Vorsicht", sagte er an Blaise und Neville gewandt. „Ja, Harry scheint in der Tat viel Chaos hinterlassen zu haben, aber Tom muss sich genauso umgucken wie wir", beruhigte Dumbledore und sah versonnen zu den Denkarien. „Dank Harry halten wir alle Schlüssel in der Hand. Wir müssen nur noch die Schlösser suchen und aufschließen. Miss Zabini, Mister Longbottom, ich denke, die DA sollte sich dieser Sache annehmen, meinen sie nicht? Severus, ruf bitte den Orden zusammen. Wir müssen Voldemort wieder finden – schnell. Theodor, würdest du mich wieder in mein Büro begleiten, mir sind ein paar Ideen gekommen und ich würde gerne deine Meinung dazu hören", delegierte der Schulleiter und verabschiedete sich mit einem Kopfnicken, dem Seher im Schlepptau.

Snape warf den beiden Schülern einen kalten Blick zu und zischte mit einem flüchtigem Blick zum Wächter, „Wir sehen uns zur nächsten Stunde und wagen Sie es nicht zu spät zu erscheinen." Damit verschwand der Tränkemeister mit wehendem Umhang durch das Portal, das hinter ihm zu schwang.

Und wieder standen Blaise und Neville alleine da, gefangen zwischen ihren Rollen als Kriegsherren und Schülern…