Und es geht immer weiter *g* Ich gebe offen zu, diesmal hat es gedauert, weil ich mich an gewisse Szenen nicht so recht rangetraut habe… Und für die, die sich sorgen, ob ich irgendwann abbreche: Nein, habe ich nicht vor^^ Jetzt bin ich soweit gekommen, da will ich das Baby auch beenden – auch, wenn's mal wieder länger dauert ^_~

Vielen Dank für eure lieben Reviews und für eure Geduld :o)

Mimaja: Ich habe für dieses wunderbar ermutigende Review zu danken :o)

Seelentochter: Oh, die Muse war zwar mal wieder länger im Urlaub, aber bis jetzt ist sie immer wieder zurückgekommen ;o) Vielen Dank für dein Lob!

Blub: Danke g Es ist allerdings teilweise sauschwer, das auch zu schreiben, selbst wenn es noch so spannend ist, zerreißt es mich fast selbst ;o)

TheRapture: Vielen Dank für dein Lob :o) Ach ja, der arme Draco, wenn man irgendwie nicht wirklich die Wahl hat, kann eine Entscheidung ganz schön schmerzhaft sein *g*

Lute: Doch, doch, ich habe jetzt einmal entschieden, dass es auch bis zum bitteren Ende geht, also halte ich solange auch durch – sind ja nur noch so ca 5-10 Kapitel ;o)

Zizzy: lol Ich glaube, du bist die einzige Leserin, die nur darauf wartet, dass Draco Harry verrät ;o)

Aidua C. Aksonaj: Ein großes WOW zurück, für dein liebes, aufmunterndes Review und Lob! Vielen Dank! Ein paar Probleme werden gelöst, ein paar kommen hinzu, so ist das immer mit mir, aber noch sind wir ja nicht am Ende der Geschichte angelangt – es kann also noch viel passieren ;o) Uh, es war eher eine allgemeine Schreibunlust, die mich ausgebremst hat. Allerdings war ich auch mit Band 7 nicht unbedingt einverstanden g

Nayina: Vielen Dank, dass du für mich das erste Review geschrieben hast ;o) Und Danke für dein Lob, es freut mich, dass dir die Story so gut gefällt!

Suffer: Vielen Dank für das Lob :o) Nein, einen festen Tag habe ich leider nicht. Wenn ich ein neues Kapitel habe, kommt es online, da ich aber manchmal lange Zeit gar nichts von meiner Muse höre, kann das teilweise dauern drop

So, ich hoffe, ich habe niemanden vergessen und wünsche viel Vergnügen bei:

Die Masken fallen

ooOoo

Harrys Körper fühlte sich steif und seltsam fremd an, als er endlich den Weg zur Scheune einschlug.

Er musste Draco sagen, dass Bellatrix von ihnen wusste – und er schauderte beim Gedanken daran, in welcher Gefahr er schwebte, dass es jetzt Draco war, den Voldemort jagen würde, um an ihn, Harry, heranzukommen. Sie konnten sich nicht ewig hinter den Klostermauern verstecken, konnten die Zukunft nicht für immer mit Schweigen ignorieren. Und Harry konnte sich der dunklen Vorahnungen nicht erwehren, die auf ihn einstürmten.

„Hallo, Potter."

Überrascht blickte Harry auf und erblickte Alastor, der in das fahle Licht des anbrechenden Abends getaucht, an einem Mauernvorsprung lehnte. Instinktive Furcht ergriff von ihm Besitz, als er etwas in Alastors Gesicht zu erkennen glaubte, das an Resignation grenzte. Alastor sah ihn nicht an, betrachtete weiterhin die Hügel jenseits der Klostermauern, als würden allein sie die Antwort auf eine nie gestellte Frage kennen. Widerwillig nährte Harry sich dem alten Mann, er hatte genug von Katastrophen und Moody erweckte den Anschein, als wolle er ihn behutsam auf eine solche vorbereiten.

„Ist etwas passiert?"

Alastor antwortete nicht sofort; schindete einige Sekunden, indem er sich das unrasierte Kinn kratzte.

„Ich bin hier, um mir deine Meinung einzuholen… es gibt da eine Sache, über die sich der Orden uneins ist. Was hältst du von Malfoy, Potter? Würdest du sagen, dass er vertrauenswürdig ist?"

„Ja", antwortete Harry impulsiv. „Ich meine… also er…" Unter Moodys fragendem Blick geriet Harry ins Stottern. „Er hat sich doch immer unauffällig verhalten", schloss er lahm sein Plädoyer für Dracos Unschuld.

„Könnte doch zu seinem Plan gehören, wenn er einen hätte, meinst du nicht auch, Potter?"

In weniger als einer Stunde, war Alastor jetzt schon der zweite, der Draco grundlos eine Verschwörung anhängen wollte, und Harry war es leid. Eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, öffnete er den Mund, doch Moody schnitt ihm mit einer kurzen Handbewegung das Wort ab.

„Wie auch immer, McGonagall ist davon überzeugt, dass wir Malfoy vertrauen können und hat ihm einen Zauberstab in die Hand gedrückt. Ich bin der Ansicht, dass wir ihn vorher ein wenig testen sollten – und jetzt kommst du ins Spiel, Potter."

Nervös von einem Bein auf das andere tretend, wartete Harry ab. Ihm gefiel die Vorstellung ganz und gar nicht, dass Alastor Dracos Loyalität auf die Probe stellen wollte. Schon gar nicht, wenn er selbst den Köder spielen sollte.

„Und wie?", fragte Harry mühsam beherrscht, da Alastor beharrlich schwieg.

„Nur ein kleiner Ausflug." Alastor rieb sich erneut das Kinn. „Bei Sonnenuntergang treffen wir uns am Tor. Ich schätze, Malfoy wird dich ohne viele Fragen zu stellen begleiten." Er warf Harry einen wissenden Blick zu, der ihm die Schamesröte in die Wangen trieb – anscheinend hatten sie kläglich darin versagt, ihre Beziehung geheim zu halten.

„Und Potter… Natürlich wirst du Malfoy gegenüber nichts von unserer kleinen Unterhaltung erwähnen."

„Natürlich nicht", würgte Harry eine fadenscheinige Lüge hervor, wandte sich mit vor Zorn glühenden Wangen ab und stapfte auf die Scheune zu. Er konnte Moodys prüfenden Blick in seinem Nacken spüren und lief schneller, bis er fast rannte. Mit zitternden Fingern stieß er das Scheunentor auf und stickiges Dämmerlicht umhüllte ihn.

Megans fröhliches Lachen empfing ihn, ließ ihn innehalten und die Szene beobachten, die sich ihm bot. Dracos Gesicht war halb im Schatten verborgen und doch kannte Harry ihn inzwischen gut genug, das gezwungene Lächeln zu entlarven, mit dem er Megan zu täuschen versuchte. Das Kind plapperte ablenkenden Unsinn, ohne auch nur Luft zu holen und als sie Harry ansah, glaubte er, etwas wie Erleichterung in den braunen Augen zu erkennen. Sie strahlte ihn an, ganz arglos, nicht mehr das kleine eifersüchtige Mädchen von einst, und deutete auf die zusammengerollte Katze in ihrem Schoß.

„Draco hat sie mir geschenkt!"

Harry brummte nur vage zustimmend, noch immer Draco beobachtend, der sich nicht mehr die Mühe machte, seine Fassade aufrechtzuerhalten. Das falsche Lächeln starb, als Harry näher trat und sich dicht neben ihm niederließ. Megans Blick war flehend und Harry erbarmte sich.

„Ja, Draco macht tolle Geschenke." Beiläufig griff Harry nach Dracos Hand – kalt und steif in seiner – und verflocht ihre Finger miteinander. „Eine hübsche Katze."

Megan plusterte sich stolz auf und berichtete in allen Einzelheiten, wie Draco eine Tasse in ein Kätzchen verwandelt hatte. Harry hörte kaum hin; er beugte sich zu Draco, registrierte dessen abweisende Haltung und scharfer Schmerz breitete sich in seiner Brust aus. So viele unausgesprochene Worte, die zwischen ihnen standen wie eine undurchdringliche Mauer. Und doch musste das alles warten, es gab es jetzt wichtigere Dinge.

„Wir müssen reden."

Draco sah ihn nicht an, antwortete nicht, fixierte stur den Boden und Harry konnte kaum noch atmen vor Qual.

„Bitte, Draco." Nur noch ein heiseres Flüstern. Draco schenkte ihm keinen einzigen Blick, das Gesicht hart und angespannt, sprang er auf, als könne er Harrys Nähe nicht länger ertragen.

„Dann rede." Keine Bitte. Ein Befehl. Und Dracos Stimme war so kalt wie früher.

Harry bemerkte kaum, dass Megans Redeschwall augenblicklich verstummt war, verletzt blinzelnd starrte er Draco an, der ihn, die Arme vor der Brust verschränkt, kühl ansah. Harry schauderte unwillkürlich. Draco war wieder ganz der Slytherin, der keine Gelegenheit ausließ, ihn seine ganze Abscheu spüren zu lassen. Bloß war es jetzt nicht mehr, wie damals in Hogwarts. Jetzt bedeutete dieser Blick keine Herausforderung, er verhieß puren Schmerz, der sich wie Feuer durch Harrys Eingeweide fraß. Denn jetzt traf er direkt in die Seele, die er Draco offengelegt hatte.

Dann wandelte sich der Schmerz in Zorn.

„Kannst du mir mal verraten, was mit dir los ist, verdammt?" Harry war aufgesprungen und einen Schritt auf Draco zugegangen, bevor er wusste, was er tat. „Ich erkenne dich kaum wieder!"

„Du kennst mich kein Stück, Potter! Du hast doch keine Ahnung, was –"

Es war sein Name, voller Verachtung ausgespieen, der Harrys Herz in seiner Brust splittern und ihn nur noch an Flucht denken ließ.

Und nur seine Liebe zu Draco hielt ihn zurück.

„Moody will deine Loyalität testen." Harrys Stimme klang dunkel und fremd in seinen eigenen Ohren. „Wir treffen uns bei Sonnuntergang am Tor. Du solltest pünktlich sein, damit er nicht misstrauisch wird."

Keine Antwort abwartend, schob Harry Megan zur Seite, stürmte aus der Scheune ins Freie und rannte wie betäubt einfach weiter, noch immer jenen abweisenden Blick Dracos vor Augen.

Ich liebe dich.

Er hatte Draco Stolz und Herz zu Füßen geworfen, hatte die Worte voller Überzeugung, dass es richtig war, dass es keine Zweifel mehr gab, ausgesprochen. Worte, die eisiges Schweigen ausgelöst hatten.

Und Harry rannte, bis er den äußersten Winkel des Friedhofs erreicht hatte. Bis er sich keuchend in trockenes Gras fallen lassen und verborgen vor neugierigen Blicken, dem reißenden Schmerz seiner Seele nachgeben konnte.

ooOoo

Alle Kraft wich aus Dracos Körper, kaum, dass die Scheunentür krachend hinter Harry zugefallen war. Taumelnd lehnte er sich an einen der Balken, das Gesicht in den Händen vergraben, zitternd vor Entsetzen. Entsetzen über sich selbst, weil er Harry solche Qual zugefügt hatte. Weil er selbst diesen verletzten Ausdruck in dessen Augen hervorgerufen hatte. Weil er nur einen Lidschlag davon entfernt war, Harry nachzulaufen und ihm die Wahrheit zu sagen.

„Draco?" Draco hatte das Mädchen vollkommen vergessen, das jetzt dicht neben ihm kauerte. „Du musst nicht traurig sein, Harry verträgt sich bestimmt wieder mit dir." Tröstende Worte, begleitet von kleinen Händen, die ihm ungeschickt das Haar aus der Stirn strichen.

Draco rang sich ein falsches Lächeln ab und schwieg. Harry würde ihm nicht verzeihen.

„Vielleicht solltest du ihm nachgehen?", schlug Megan zögernd vor und Draco hob überrascht den Kopf. Er hatte nur eine vage Vorstellung davon, was es Megans eifersüchtiges Herz kostete, dies zu sagen.

„Ich kann auch später noch mit Harry reden."

Auch wenn er dann nicht mehr zuhören wird.

„Wir sollten deiner Katze eine Mahlzeit besorgen, sie sieht fast so hungrig aus wie du."

Draco hörte Megans zustimmende Antwort kaum, seine Gedanken drifteten ab, zu Harry und er fröstelte, als er daran dachte, dass der Schmerz in den grünen Augen sich schon bald in Hass wandeln würde.

ooOoo

Mit versteinerter Miene betrachtete Severus den tiefen Stand der Sonne. Seine Finger umklammerten kunstvoll geschliffenes Glas. Es war viel Zeit vergangen, seit er dem Drang, seine Ängste mit bernsteinfarbener, scharfer Flüssigkeit zu betäuben, nachgegeben hatte.

Ich mache mir Sorgen. Um beide."

Auch Severus sorgte sich, schwankte zwischen Euphorie und Entsetzen. Wie damals, als Dumbledore und er jenes sorgfältig gesponnene Netz ausgelegt hatten, in dem sie jetzt alle zappelten.

Severus glitt wie ein Schatten durch die Tür, in den Händen Phiolen, deren Inhalt nutzlos war und fand Albus am Fenster stehend vor, auf den Fersen wippend, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, die gesunden Finger mit den geschwärzten verschlungen.

Noch mehr Salben, die nichts bringen, Severus?", fragte Albus sanft, ohne den Blick von den Ländereien zu nehmen. „Du solltest lernen, wann es Zeit ist aufzugeben."

Meine Kapazitäten sind noch nicht ausgeschöpft", entgegnete Severus gepresst. Die mitgebrachten Phiolen klirrten leise, als er sie auf Dumbledores Schreibtisch abstellte. Er wurde nur ungern an seine Machtlosigkeit erinnert. An das unausweichliche Ende dieses Weges.

Dabei weißt du doch genau, dass sich manche Dinge nicht ändern lassen." Das leise Lachen vermochte nicht, den Worten die Spitze zu nehmen, die sich tief in Severus' Innersten bohrte.

Nur wer aufgibt, verliert endgültig."

Dumbledores Schultern zucken vor unterdrücktem Gelächter.

Wir stehen in einer Sackgasse, Severus. Ich werde sterben und Harry ist noch nicht soweit, es mit Voldemort aufnehmen zu können. Nicht, solange sein Geist einem offenen Buch gleicht."

Severus trat schweigend neben Albus ans Fenster, folgte dessen Blick und sah Potter und das Weasleymädchen, die engumschlungen am Ufer des Sees saßen. Für einen Moment hatte er das seltsame Gefühl des Dèja-vu, als würde er wieder James und Lily hinterher spionieren, von rasender Eifersucht getrieben. Er riss sich von dem Anblick los und betrachtete Albus' Profil. Es gab eine winzige Lücke, über die er sich in schlaflosen Nächten den Kopf zerbrochen hatte. Die zu schrecklich war, sie in Worte zu fassen. Doch diese Lücke war der scheinbar einzige Weg, den Sieg doch noch zu erringen.

Vielleicht muss er es nicht lernen." Die Silben waren wie knorpeliges Fleisch auf seiner Zunge und Severus spuckte seinen Vorschlag aus, bevor ihn die Kraft dazu verließ. „Was, wenn Potter unwissend vor den Dunklen Lord tritt, wenn er denkt, dass er hilflos ist? Würde Voldemort Verdacht schöpfen? Würde er sich nicht viel eher in Sicherheit wähnen?"

Ein Zittern ging durch den todkranken Körper neben ihm; dann senkten sich faltige Lider über stahlblaue Augen.

Du verlangst viel von mir, Severus."

Ich habe lange darüber nachgedacht, und…"

Ja, das habe ich auch."

Der geflüsterte Einwurf versiegelte Severus' Lippen effektiv. Schweigend starrte er in das graue, alte Gesicht des Mannes, von dem er harsche Vorwürfe erwartet hatte. Ein schmales Lächeln verzerrte die trockenen Lippen zu der Parodie eines Lächelns.

Überrascht dich das, Severus? Ich weiß sehr wohl, dass ein solcher Krieg seinen Tribut verlangt. Und Harry wäre nicht der erste, den ich… um des Friedens willen opfern würde."

Das steinerne Fensterbrett machte sich unter Severus' verkrampften Fingern angenehm kühl aus.Ein Teil von ihm wand sich vor Ekel und Entsetzen, weil sie tatsächlich im Begriff waren, Harry zu verraten. Ein anderer Teil lechzte nach Sieg und Rache.

Wir brauchen einen Ort, an dem wir ihn ungestört trainieren können."

Wir brauchen auch einen Köder, Severus. Sowohl für Harry, als auch für Voldemort." Erst jetzt sah Albus ihn an, und Severus taumelte unter der Härte dieses Blickes. „Draco würde alles tun, um seine Eltern zu schützen, nicht wahr?"

Severus sah erneut hinunter zum Seeufer. Dracos schmale Gestalt wurde durch die Zweige der Weiden beinahe vollständig verdeckt, doch Severus konnte von seiner Position aus zu gut erkennen, wie sich dessen Fäuste ballten. Wie Wut und Eifersucht das blasse Gesicht verzerrten.

Wäre Draco seinem Blut, seiner Familie, treu genug, um die Liebe zu verraten?", fragte Albus sanft. „Glaubst du, dass Blut dicker als Wasser ist?"

Potter vergrub seine Nase in rotem Haar, die hasserfüllten, grauen Augen nicht bemerkend, die ihn heimlich beobachteten. Kühle Finger an Severus' Handgelenk ließen ihn aufsehen, in Dumbledores Gesicht, das so blutleer und eingefallen wirkte, als hätte das zerstörerische Gift das alternde Herz bereits erreicht.

Wenn die Verzweiflung groß genug ist, Severus, könnte er dann in der Lage sein, Harry Potter zu verraten?"

Albus' Augen lagen tief in den Höhlen, wirkten wie kalter Stein und Severus' Därme verschlangen sich zu einem glühenden Knoten der Furcht.

Wer sagt, dass er gerade Potter ansieht?" Severus schluckte die Galle auf seiner Zunge herunter.

Albus' Lippen verzogen sich zu einem schmalen Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.

Wir wissen beide, wen er ansieht. So wie wir beide wissen, wen du damals angesehen hast."

Die Worte waren wie ein unerwarteter Schlag in die Magengrube – und doch hatte Severus es geahnt, hatte es in Albus' wissendem Blick lesen können, als er damals zu ihm gekommen war, verzweifelt um Hilfe, um Lilys Leben gebettelt hatte.

Und vielmehr ein anderes Leben gemeint hatte.

Und ich sehe durchaus die Parallelen zwischen damals und heute", fuhr Albus unerbittlich fort. „Mit dem Unterschied, dass Draco vielleicht in der Lage wäre, Harry dem Dunklen Lord auszuliefern, aus Angst um seine Familie…"

Die Tür schloss sich mit einem leisen Klack und riss Severus aus der Erinnerung. Sein Blick suchte und fand Lucius, der wortlos an der Tür lehnte, dessen Züge bar jeder Emotion.

„Komm nur rein, alter Freund, mach es dir bequem." Severus' Zunge war schwer, stolperte ungeschickt über die sarkastischen Silben.

„Du bist betrunken?"

„Offensichtlich ja."

„Es ist lange her, dass ich dich so gesehen habe. Das muss jetzt knapp…"

„Ich weiß, wann das war!", unterbrach Severus ihn schneidend. Er hatte es nicht nötig, von Lucius an jene Nacht erinnert zu werden, in der James ums Leben gekommen war und Severus jenen Schmerz zu betäuben versucht hatte, der sich beißend durch seine Brust gekämpft, ihn als wimmerndes Bündel zurückgelassen hatte. Severus drehte sich erneut dem Fenster zu, presste die Lippen zusammen. Auch die Erinnerung schmerzte.

„Ich schulde dir meinen Dank."

„Du schuldest mir nichts, Lucius." Severus wandte sich nicht um, spürte zu deutlich die grauen Augen, die seinen Nacken, seine verkrampften Schultern fixierten. Er erlaubte sich eine Spur von Ironie: „Im Gegenteil, ich schätze, ich habe im Namen des Ordens zu danken, dass du Ginny Weasley nicht getötet hast."

„Diese Entscheidung lag nicht in meinen Händen."

Der nahende Sonnenuntergang tauchte die Baumwipfel des Waldes in Schlieren von Rot, als stünden sie in Flammen. Severus starrte schweigend aus dem Fenster, war sich der wachsenden Anspannung im Raum nur zu bewusst. Lucius hatte sich seit seinem Eintreten nicht von der Tür fortbewegt, als wolle jede Konfrontation vermeiden, Severus nicht in die Augen sehen. Als könne er es nicht.

„Rabastan hat mich davon abgehalten."

„Rabastan…" Der Name fühlte sich fremd an, als spräche Severus ihn das erste Mal aus. „Warum sollte Rabastan den Dunklen Lord verraten?"

„Bellatrix", antwortete Lucius schlicht und Severus verstand.

Jetzt war also ein weiterer Spieler aufgetaucht. Eine neue, unberechenbare Figur auf dem Labyrinth des Schachbretts.

„Was weiß er?"

„Über unsere Pläne? Genug, schätze ich."

„Vertraust du ihm?"

Lucius durchquerte nun doch den Raum, schweigend, ließ sich in einen Sessel Severus gegenüber fallen. Jede Faser seines Körpers schien angespannt, wie bei einem fluchtbereiten Tier.

„Nein. Aber er verfügt über Informationen, von denen wir nicht einmal etwas geahnt haben." Lucius beugte sich vor, die grauen Augen wachsam auf Severus gerichtet.

„Hast du deine Rache genossen, Severus?"

Die unerwartete Frage ließ ihn zusammenzucken; Peters Schreie klangen in seinem Geist wider und der Triumph schmeckte bitter wie die Lüge, die er heiser über die Lippen brachte:

„Ja."

„Könntest du dir vorstellen, es dabei zu belassen?"

Das Glas entglitt seinen bebenden Fingern, zerbrach klirrend auf unebenem Steinboden. Severus' Glieder agierten, als würden sie gar nicht zu ihm gehören, als er sich aus dem Sessel erhob und einen Schritt auf Lucius zuging.

„Was willst du damit sagen, Lucius?"

„Ich glaube nicht, dass wir diesen Kampf gewinnen können, Severus. Ich glaube vielmehr, dass der Orden dem Dunklen Lord unbewusst genau in die Hände gespielt hat. Ich bin hier, um dir eine Alternative zum Tod oder etwas Schlimmeren anzubieten."

„Seit wann nennst du Feigheit eine Alternative?"

Lucius verzog die schmalen Lippen zu einem spöttischen Lächeln.

„Und seit wann hast du deinen Heldenmut entdeckt, alter Freund? Seit wann ist dir das Schicksal von Fremden wichtiger als dein eigenes?"

„Wir haben alles für diesen Plan, diesen Weg riskiert", erwiderte Severus, den Zorn nur mühsam im Zaum haltend. „Sag mir, Lucius, warum du plötzlich einen Rückzieher machen willst."

Lucius schwieg. Das Tageslicht wich zurück, ließ die hochaufgerichtete Gestalt im Schatten zurück, die sich schließlich mit zitternden Fingern über die Augen rieb.

„Es gibt beunruhigende Neuigkeiten, Severus. Und ich glaube, dass Dracos Leben in Gefahr ist."

Severus' Innerstes zog sich zusammen, als hielte ihn eine eiskalte Klaue umfangen. „Welche Neuigkeiten?", verlangte er mit tauben Lippen zu wissen.

Und Lucius berichtete von den Dingen, die Rabastan ihm anvertraut hatte. Von Chaos, Macht und –

Ich mache mir Sorgen. Ich mache mir Sorgen um beide.

Draco schwebte womöglich in größter Gefahr, wenn –

Wie ähnlich ist Potter seinem Vater wirklich?

Wenn Harry ihm nicht nur vertraute, wenn da mehr war, viel mehr, dann –

Ich weiß, was ich von dir verlange, Draco.

Wenn der Dunkle Lord Draco dazu benutzen wollte, Harrys Hass zu schüren, dann –

Für unsere Pläne ist es essentiell, dass Potter Draco vertraut, Severus.

Ein weiteres Puzzlestück fügte sich in das Bild ein und das grausige Motiv jagte Severus kalte Schauer über den Rücken. Der schmale Grat, auf dem sie sich vorwärtsgetastet hatten, schien zu bröckeln und offenbarte einen tückischen Abgrund. Die Kälte breitete sich in Severus aus wie ein schnellwirkendes Gift, als er aus dem Fenster sah. Der Horizont glühte grellrot unter den letzten Strahlen der Sonne.

Wenn in dieser Legende auch nur ein winziger Funken Wahrheit steckte, gab es keine Rettung. Dann hatten sie einen tödlichen Fehler begangen.

Und es gab kein Zurück mehr. Untergang oder Sieg standen bevor. Und das Schicksal lag nicht länger in ihren Händen.

„Es ist zu spät", brachte Severus tonlos hervor.

ooOoo

Unruhig lief Remus in dem Raum umher, der plötzlich viel kleiner als sonst erschein.

Die Sonne stand bereits erschreckend tief am malvenfarbenen Himmel und der bevorstehende Vollmond zerrte schlimmer denn je an seinen Nerven. Das wilde, unberechenbare Tier in ihm verlangte mit jeder Sekunde, die verstrich, lauter nach dem pulsierenden Blut der Klosterbebewohner, von dem er glaubte, es durch dicke Steinwände hinweg wittern zu können. Leises Klopfen ließ ihn herumwirbeln und die Erleichterung, dass er den Kampf gegen sich selbst wieder gewonnen hatte, überwog die Überraschung, Minerva an Alastors statt zu sehen. Die Hände fahrig knetend, blickte sie ihm nicht in die Augen.

„Es ist soweit, Remus."

Dumpf dröhnte Remus' Blut in seinen Ohren, übertönte fast Minervas Worte, seine geschärften Sinne nahmen Minervas Geruch als verlockendes Potpourri wahr – das süßsauere Aroma unterschwelliger Angst ließ das Monster in ihm vor Gier aufschreien.

„Wir müssen uns beeilen."

Über die eigenen Gedanken erschüttert, schob Remus sich an Minerva vorbei zur Tür hinaus, hastete die vertrauten Gänge entlang, hinunter in modrig-feuchte Dunkelheit. Minervas Geruch begleitete ihn so lautlos wie ihre Schritte und war doch allgegenwärtig. Remus schlug die schwere Gittertür hinter sich zu, kaum dass er sein Gefängnis betreten hatte; endlich eingesperrt, endlich in Sicherheit vor sich selbst. Erleichtert umklammerte Remus die Gitterstäbe mit beiden Händen und warf Minerva ein schwaches Lächeln zu; der Puls an ihrem Hals raste.

„Verzeih die Eile, aber du hast dir heute viel Zeit gelassen." Mit versteinerter Mine beobachtete er, wie Minerva den schweren Riegel mit einem Zauber sicherte und atmete auf. „Es war schon beinahe zu spät."

„Ich weiß. Doch es war notwendig."

Erst jetzt sah Minerva ihn an und Remus erkannte die stumme Bitte in ihren Augen. Seine Intuition schlug an, bemerkte den bitteren Geruch der Lüge, der von Minerva ausging, die verlockende Furcht überlagernd. Eine Ahnung stieg in ihm auf, erschreckend klar.

„Wo ist Alastor?" Nur noch dunkles Knurren, kaum mehr menschlich. Die Zeit lief ihm davon. In Remus brach eiskalte Panik aus, verzweifelt zerrte er an den Gitterstäben.

„Wir hatten keine andere Wahl, Remus", flüsterte Minerva erstickt. „Es gab niemals einen anderen Weg als diesen, wir können nicht mehr zurück."

Und Remus verstand.

„Nein!" Mit einem Brüllen, tief und kehlig, warf er sich gegen die Gitter des Käfigs. „Es ist der falsche Weg! Du hast es versprochen! Das könnt ihr nicht…" Nur noch gutturale Laute, die Remus' Lippen hervorbrachten. Seine Knochen bogen sich, als die Metamorphose einsetzte, taub gegenüber dem Schmerz warf er sich wieder und wieder gegen die Eisenstäbe.

Minervas Gestalt verschwand hinter einem roten Schleier aus Wut und Blutdurst. Die Frau wich zurück, die Hände flehentlich ausgestreckt.

„Wir hatten doch keine Wahl, Remus!"

Das Wesen, das einmal Remus Lupin gewesen war, hörte sie nicht, es fixierte sie mit rotgeäderten Augen und brüllte, als es, vom Jagdfieber besessen, erneut zum Sprung ansetzte.

ooOoo

Draco hatte Megan letztendlich in der Küche abschütteln können, eine fadenscheinige Ausrede und das unerschütterliche Vertrauen des Kindes in ihn hatten ausgereicht, sie zu überzeugen, dort auf ihn zu warten. Megan war ein schmerzlicher Verlust, doch nicht so schmerzlich, wie das, was ihm noch bevorstand.

Er schluckte schwer, als Alastor Moody humpelnd aus den Schatten trat; er konnte die unausgesprochene Frage, ob er bereit war, in dessen gesundem Auge erkennen. Er war nicht bereit, würde es niemals sein, dennoch zwang er sich zu einem Nicken. Alastor presste einen Lidschlag lang die Lippen zusammen, bevor er entschlossen auf ihn zukam.

„Wo ist Potter?"

„Ich bin hier."

Dracos Herz zog sich grausam zusammen, als Harry, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, an ihm vorbei marschierte. Draco folgte. Mit schwerfälligen Schritten und wehem Herzen, ging er neben Harry, so dicht, dass er die Hitze seines Körpers spüren konnte. Der ehemalige Auror führte sie schweigend an. Erst als sie die schützenden Mauern des Klosters verlassen hatten, drehte er sich zu ihnen um, das zerfurchte Gesicht grau und eingefallen.

„Angeblich hat sich hier in der Nähe eine verdächtige Gestalt herumgedrückt." Bei dieser offensichtlichen Lüge wurden Dracos Lippen schmal vor Hohn, rundherum gab es nichts als Heidekraut und vereinzelte Bäume – nicht der beste Ort, sich zu verstecken. „Wir trennen uns und sehen uns um; wenn ihr jemanden entdeckt, schockt ihr ihn erst und stellt dann Fragen, kapiert?" Das klang schon mehr nach dem Mad Eye Moody, den Draco kannte, auch wenn Alastors Stimme gezwungen barsch klang.

Harry nickte nur stumm und schlug den Weg nach links ein; die Hände in den Hosentaschen vergraben, die Stirn gerunzelt, zeigte er deutlich, was er von dieser Farce hielt. Draco sah ihm nach, bis er eine schwere Hand auf seiner Schulter spürte. Überrascht sah er in Alastors zerstörte Gesichtzüge, die plötzlich seltsam weich schienen.

„Passt auf euch auch."

Jähe Wut schoss in Draco hoch, wortlos riss er sich los und folgte Harry. Er wollte kein Mitgefühl von Alastor, oder Minerva oder – Ich weiß, was ich von dir verlange – von Snape. Sie alle waren nur zu bereit, Harry zu opfern, ihn blind in die Falle rennen zu lassen, in der Draco als Köder auf ihn wartete.

„Ich bin froh, dass Moody Auror geworden ist, als Schauspieler wäre er verhungert", murmelte Harry zornig. „Eine dämlichere Lüge hätte er sich echt nicht einfallen lassen können!"

Draco antwortete nicht, er gierte nach ein paar letzten Sekunden trügerischen Friedens, bevor er dieses dünne Band, das ihn mit Harry verband unwiederbringlich zerstören würde. Harry sollte ihm verzeihen, wenn auch nur für den Augenblick.

„Harry…"

Harry blieb stehen, mit hängenden Schultern und Draco konnte sehen, dass er die Zähne in die Unterlippe grub, bevor er den Kopf wegdrehte.

„Ja?"

Es war Draco egal, ob Moody sie noch beobachtete, es spielte keine Rolle, jetzt nicht mehr. Die Arme um Harrys Hüften schlingend, presste er seine Lippen auf dessen Nacken, presste sich eng an den vertrauten Körper.

„Es tut mir Leid."

Für einen Moment wurde Harry ganz starr, dann entspannte er sich, lehnte sich in die Umarmung.

„Dass ich das noch erleben darf", antwortete Harry neckend. „Und ich hab immer gedacht, der Tag, an dem sich Draco Malfoy entschuldigt, läutet den Weltuntergang ein."

Oh, aber das tut es.

Draco lächelte bitter gegen Harrys weiche Haut, vergrub seine Nase dicht in weichem, schwarzem Haar, die Realität noch ein paar wertvolle Sekunden verdrängend. Es wäre so einfach, hier stehen zu bleiben, so einfach, zu apparieren, so einfach, zu fliehen.

Und seine Eltern würden für sein Versagen sterben.

Dracos Herz zog sich zusammen, der Schmerz ließ seine Augen brennen – es gab kein Entrinnen. Da war noch soviel, was Draco Harry sagen wollte, doch nur ein Frage kam ihm über die blutleeren Lippen, die Wichtigste, die von der alles abhing:

„Vertraust du mir?"

Für einen Augenblick hing das Schweigen zwischen ihnen, schien feste Substanz zu gewinnen. Dracos Finger verkrampften sich um den Zauberstab in seinen Händen.

„Ja."

Die Lider fest zusammengepresst, drückte Draco seine Lippen ein letztes Mal auf Harrys Nacken.

„Was auch passiert, vergiss deine Antwort nicht."

„Draco, was…?" Harry wirbelte herum, starrte Draco an, der die zitternde Spitze des Zauberstabes auf ihn richtete. Und Entsetzen färbte seine Augen dunkel.

Stupor!"

Draco fing den fallenden Körper auf. Die flammende Pein in seiner Brust riss ihm die Beine weg, und er sank zusammen mit Harry zu Boden. Das Gesicht in Harrys Halsbeuge vergraben, konnte er dessen regelmäßigen Atem an seiner Wange spüren, als würde er nur schlafen. Doch der Portschlüssel in seiner Hosentasche ließ nicht zu, dass Draco sich in trügerische Traumwelten flüchtete, scharf schnitt das Metall in seine Haut, erinnerte ihn an die schreckliche Aufgabe, die er angenommen hatte.

Mit bebenden Händen zog Draco die Schlange, die sich um einen Zauberstab wand, hervor. Lähmende Furcht bemächtigte sich seiner; er stand im Begriff, Harry dem sicheren Tod auszuliefern. Seine Finger zitterten jetzt so stark, dass er den Portschlüssel beinahe fallen ließ; tief durchatmend umfasste er ihn fester, presste sich an Harrys Körper und drehte den kleinen Kopf der Schlange.

Ihre Zeit war unwiderruflich abgelaufen.

Er warf einen letzten Blick zum Kloster, zu erleuchteten Fenstern, die Sicherheit und Wärme ausstrahlten. Dann spürte er den Ruck in seinem Bauch, der ihn und Harry einer dunklen Zukunft entgegenschleuderte.

ooOoo

Narzissa sah auf, als sich die Tür öffnete und Lucius den Raum betrat; das Gesicht blass, die Augen voll dunkler Sorgen. Das Buch, in dem sie lustlos geblättert hatte, entglitt ihren plötzlich eiskalten Fingern, als sie aufstand, eine Hand an Lucius' Wange legte.

„Was ist passiert?"

Lucius lächelte sie an, legte seine Finger über die ihren – und schürte die flatternde Panik nur, statt sie zu besänftigen.

„Ich habe mit Severus geredet…"

Die Erinnerung an ihr Gespräch in den frühen Morgenstunden stieg in Narzissa hoch und ließ sie erstarren.

Er hat über das Hosghaj gesprochen?

Ist es wichtig?

Nein. Es ist nur ein Mythos und Rabastan ist offensichtlich verrückt.

Und sie wusste, dass Lucius sie belogen hatte.

„Es geht um Draco, nicht wahr?" Ihre tauben Lippen weigerten sich beinahe, die Silben zu formen.

Lucius schwieg, sah sie nur an und ihre Hand rutschte von seiner Wange, krallte sich in seidigen Roben fest, weil er ihre verzehrenden Ängste nicht mit einem beruhigenden Lächeln zerstreute. Weil er sie nicht länger belog.

„Ich denke, der Dunkle Lord glaubt die Legende vom Hosghaj…"

„Und du denkst, dass Draco der Schlüssel ist, der das Machtgefüge zerstört", vollendete Narzissa tonlos den Satz.

„Es spielt keine Rolle, was ich denke – doch wenn der Dunkle Lord es denkt, daran glaubt, ist es völlig egal, ob an dieser Legende etwas Wahres dran ist, denn dann wird er Draco töten."

Lucius' Finger gruben sich in ihre Oberarme, als Narzissa die Beine wegzusacken drohten. Für einen Augenblick lehnte sie die schmerzende Stirn gegen seine Brust, ließ sich halten und gab sich der süßen Illusion hin, dass sie es noch aufhalten konnte.

Doch dass sie es nicht konnte, hatte sie deutlich in Lucius' verzweifelten Augen gesehen. Nach Luft ringend, stellte sie die Frage dennoch:

„Können wir es verhindern?"

Das bittere Nein, mit dem ihr Mann jede Hoffung zerschlug vermischte sich mit dem Klopfen an der Tür.

Und Narzissa erkannte, dass es zu spät war, dass sie alles verlieren würden.

ooOoo

Hart schlug Draco auf, seine Last noch immer mit beiden Armen umfangend. Er wusste trotz seiner geschlossenen Augen sofort, wo er sich befand: Das ungleichmäßige Tropfen von Wasser auf Stein jagte ihm ebenso kalte Schauder der Erinnerung über den Rücken wie der dumpfe Geruch nach Angst, Blut und Exkrementen.

Die Kerker.

Dass sie ausgerechnet hier landen würden, war so nicht geplant gewesen. Zumindest nicht vom Orden oder Snape. Die Nase tief in nachtschwarzem Haar vergraben, ballte Draco vor Wut die Fäuste. Er war in ihre Falle getappt, blind wie ein neugeborener Welpe.

„Es tut mir Leid, Harry", flüsterte er, obwohl Harry ihn nicht hören konnte. „Ich hätte es dir sagen sollen, dich nicht hierher bringen dürfen…"

Schritte ertönten und das spöttisch nachlässige Klatschen ließ Draco innerlich zu Eis erstarren. Den Kopf hebend, drückte er Harry instinktiv schützend näher an sich heran. Auf der anderen Seite der Gitterstäbe stand einem wahr gewordenen Albtraum gleich Lord Voldemort, mit vor Triumph leuchtenden Augen.

„Eine geradezu herzzerreißende Vorstellung, nicht wahr, Bellatrix?"

„Ein wenig zu melodramatisch für meinen Geschmack, Mylord." Bellatrix trat aus den Schatten an die Zelle heran, in die Harry und Draco transportiert worden waren, und verzog die Lippen zu einem höhnischen Lächeln. „Expelliarmus!"

Draco machte nicht einmal den Versuch, seinen Zauberstab zu halten, als er und Harry entwaffnet wurden – er wusste, dass sie verloren hatten, verloren waren. Wusste, dass sie sterben würden, dass alles, was er getan hatte, vergebens gewesen war. Er hatte erneut versagt, hatte Harry umsonst verraten – und nichts konnte grausamer sein, als diese Erkenntnis.

„Du verurteilst das Stück, bevor du den zweiten Akt gesehen hast", antwortete der Dunkle Lord gespielt tadelnd. „Wir sollten abwarten, für welche Rolle sich der nächste Akteur entscheidet."

Draco konnte spüren, wie sich saurer Speichel in seinem Mund sammelte, als Voldemort seinen Zauberstab auf Harry richtete.

Enervate!"

Harrys Augenlider flatterten, öffneten sich und Draco konnte sehen, wie die Erinnerung Harry überkam; die vertrauten (geliebten) Augen wurden dunkel vor Schmerz und Zorn. Mit einem Ruck riss er sich von Draco los, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst, brachte er rutschend Abstand zwischen sie beide.

Und ließ Dracos Herz als blutende Ruine zurück.

Harry schien gar nicht wahrzunehmen, dass sie nicht allein waren, sein zornentbrannter Blick fixierte allein Draco, der sich verzweifelt dagegen wehrte, die Hände nach Harry auszustrecken, diese unheilvolle Spannung zwischen ihnen zu durchbrechen, ihm die Dinge zu sagen, die ihm schon so lange die Kehle zuschnürten…

„Ah, das enttäuschte Opfer. Ich hätte auch nichts anderes erwartet. Wie fühlt es sich an, von jemandem verraten zu werden, dem man vertraut?"

Schon beim Klang der ersten Silbe, sprang Harry auf die Füße, ganz mutiger Gryffindor, der selbst in dieser ausweglosen Situation nicht aufgab. Er tastete nach seinem Zauberstab, nur um frustriert die Fäuste zu ballen, als Bellatrix ihn lächelnd in die Höhe hielt.

„Das schmerzt, nicht wahr, Potter?", fuhr Voldemort fort und errang damit Harrys volle Aufmerksamkeit. „Verraten wie Dumbledore, von einem Slytherin, dem du dummerweise vertraut hast…"

Dracos Brust schien durch glühende Ringe eingeschnürt zu werden, keuchend rang er nach Atem, als ihn Harrys Blick traf – ein Blick voller Verachtung.

„Und den Gerüchten nach, die mir zu Ohren gekommen sind, hast du ihm mehr als nur vertraut."

Harry ging langsam auf das Gitter zu, umfasste die Stäbe so fest, bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten.

„Deswegen wird es dir wohl nicht allzu viel ausmachen, deine Zelle mit ihm zu teilen – wie du dein Bett mit ihm geteilt hast."

Jedes einzelne Wort ein präziser Dolchstoß.

Und Draco drehte es den Magen um.

Er weiß es!

„Warum gibst du mir nicht meinen Zauberstab zurück und wir beenden es fair?", fragte Harry zischend, ohne auf die Provokation einzugehen. Nur die zusammengezogenen Schultern verrieten seine Anspannung.

Voldemort lachte, es klang wie knirschendes Eis, bedeutete Bellatrix, ihm zu folgen und wandte der Zelle den Rücken zu.

„Alles zu seiner Zeit, Potter. Wann du stirbst, bestimme nur ich allein, also genieße die Tage, die euch bleiben…"

Bellatrix warf den beiden Jungen einen letzten überlegenen Blick zu und dann waren sie allein, von tanzendem Fackellicht und Stille eingehüllt.

Und von der vibrierenden Wut, die von Harry ausging.

ooOoo

Einatmen.

Narzissa unterdrückte den Drang, ihre schweißnassen Finger an ihrem Rock abzuwischen.

Ausatmen.

Endlos lang schienen die Flure zu sein, durch die sie an der Seite ihre Mannes Crabbe Senior folgte.

Es wird alles in Ordnung sein. Es muss einfach!

Doch ihr Gefühl sang ein ganz anderes Lied und Narzissa musste sich zwingen, einen Schritt nach dem anderen zu tun, Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen und nicht daran zu denken, dass Draco sich vielleicht in diesem Augenblick allein mit dem Dunklen Lord konfrontiert sah. Die Panik bekämpfend, die in ihr wütete, verzog Narzissa keine Miene, als sie die Gemächer des Dunklen Lord erreichten.

Entsetzen und Erleichterung fluteten gleichermaßen ihren Verstand, als sie sich nur Voldemort und Bellatrix gegenübersah; das zufriedene Leuchten in den ungleichen Augenpaaren jagte ihr dennoch kalte Schauer über den Nacken.

„Ihr habt uns rufen lassen, Mylord?" Lucius verbeugte sich leicht und Narzissa zwang ein demütiges Lächeln auf ihre Lippen.

„Ich dachte, es interessiert euch, dass sich euer Sohn im Schloss befindet." Voldemorts Lippen verzogen sich triumphierend, als Narzissa ein erschrockenes Keuchen nicht mehr unterdrücken konnte.

Oh Merlin, er st in Gefahr… er hat einen Fehler gemacht, einen schrecklichen Fehler…

„Dann hat er… seinen Auftrag also zu Eurer Zufriedenheit erledigt?" Lucius würgte an den Worten, wie an einem Stück knorpeligen Fleisch und Narzissa spürte die Furcht wie schwarzes Gift durch ihren Körper schießen.

„Wie man es nimmt, Lucius, wie man es nimmt…" Über seine gefalteten Hände hinweg, fixierte der Dunkle Lord die besorgten Menschen vor sich. „Er hat Potter hergebracht, das schon, allerdings sind mir Gerüchte zu Ohren gekommen, die mich ein wenig an seiner Loyalität zweifeln lassen…"

Nein!

„Lügen!" Narzissa trat vor, konnte kaum einen klaren Gedanken fassen vor Furcht. „Draco ist Euch treu ergeben, so wie Lucius und ich!"

„Dann ist es vielleicht besser, wenn Draco dort bleibt, wo er jetzt ist – in meinem Verlies."

Voldemort schenkte Narzissa ein Lächeln, das ihr eisige Angst in die Glieder jagte, doch noch hielt sie die Fassade aufrecht, gab dem flackernden Grauen nicht nach. Sie öffnete den Mund zum Protest, um ihre Loyalität zu beteuern, als Lucius zwischen sie und den Lord trat.

„Zweifelt Ihr etwa an unserer Treue, Mylord?"

„Habe ich denn Grund dazu, Lucius?", fragte Voldemort mit einer Stimme wie Samt und Seide. „Auch über euch gibt es Gerüchte… sollten sie sich als Lügen herausstellen, hat deine Familie nicht zu befürchten."

Die Drohung schwang so klar in den Worten mit, als hätte der Dunkle Lord sie laut ausgesprochen. Narzissa atmete gegen den flatternden Vogel namens Panik in ihrer Brust an und flüchtete sich in gerechten Zorn.

„Ich will ihn sehen! Ich verlange, meinen Sohn zu sehen!"

„Natürlich, meine Liebe. Ich werde veranlassen, dass man euch morgen zu ihm bringt."

Vor Sorge blind gegenüber der Gefahr, ballte Narzissa die Fäuste, konnte den schrillen Unterton in ihrer Stimme nicht länger verdrängen.

„Nein! Ich will ihn jetzt sehen!"

Voldemorts Augen wurden ganz schmal, fixierten Narzissa, die unwillig die besänftigende Hand ihres Mannes abschüttelte.

„Du wirst dich mit meiner Großzügigkeit zufrieden geben und deinen Sohn morgen sehen, Narzissa."

Narzissa öffnete den Mund – zum Protest, um Luft in ihre zu enge Kehle zu saugen und ihr eigenes Todesurteil zu unterschreiben

„Natürlich wird sie das, Mylord."

Lucius' Stimme klang ganz eben, als hätte er grade einen lächerlich leichten Auftrag angenommen – und seine Finger schlossen sich wie ein Schraubstock um Narzissas Handgelenk, drückten warnend zu.

Durch das laute Rauschen in ihren Ohren konnte sie kaum noch verstehen, was gesagt wurde; sie spürte nur Lucius' warme Hand an ihrem Rücken, die sie sanft aus dem Raum schob, dessen Boden plötzlich an Konsistenz zu verlieren schien.

Sie hörte, wie die schwere Tür hinter ihr ins Schloss fiel, ging noch einen Schritt, einen zweiten und dann bröckelte die Maske wie alter Lehm. Nach Atem ringend, barg sie das Gesicht an Lucius' Brust, hörte ihn fluchen, als sie sich an die Kehle griff, keine Luft mehr bekam und eine dunkle Flut des Vergessens über ihr zusammenschlug.

OoOoo

Über die dröhnende Stille hinweg, konnte er Draco hinter sich atmen hören; leise, kaum wahrnehmbar – und mit jedem zittrigen Luftholen umspülte ihn schmerzhaft brennende Wut, vermischte sich mit den Wellen der bitterkalten Enttäuschung.

Manchmal geriet das Geräusch des Atems ins Stocken, als wolle Draco zum Sprechen ansetzen, zu einer Erklärung, einer Entschuldigung – all das, was er so dringend hören wollte. Und gleichzeitig auch nicht. Es würde keinen Unterschied machen. Jetzt nicht mehr. Nicht, nachdem Draco sein wahres Gesicht gezeigt hatte.

Nachdem er ihn an Voldemort verkauft hatte.

Die Bitterkeit fraß sich tief in seine Seele. In sein Herz. Seinen Verstand.

Er hatte seine Freunde belogen, sie beinahe verloren. Er hatte Ginny in Gefahr gebracht. Er hatte seine Aufgabe vernachlässigt. Er hatte Draco vertraut. Bedingungslos.

Ich liebe dich.

Dumpf hallten die Worte in seinem Geist wider, schürten die dunkle Wut in ihm.

„H-harry…"

Dracos Stimme durchschnitt die Stille wie eine Sense und er schloss die Augen, klammerte sich mit aller Kraft an den Gitterstäben fest, damit er sich nicht zu Draco umdrehte.

Damit er dem drängenden Wunsch, Draco zu verletzen nicht nachgab.

„Harry, ich…"

Eine Hand an seiner Schulter, unendlich vertraut, färbte seine Sicht grellrot. Wie Flammen züngelte rasender Zorn in ihm hoch, jede Vernunft und Selbstbeherrschung verbrennend.

„Lass es mich erklären… bitte…"

Wie im Traum drehte er sich um, konnte nicht in den grauen Schatten lesen, mit denen Draco ihn anstarrte.

„Was? Wie du alles geplant hast?"

Dracos Hand, mit der er ihn berührt hatte, die noch immer wie flehend erhoben war, fiel kraftlos herab.

„Ich habe das nicht geplant, Harry."

Die Lüge weckte einen kreischenden Dämon, tief in ihm. Seine Finger krallten sich in weißen Hemdstoff.

„Bastard!"

Er hatte Draco seinen Stolz, sich selbst zu Füßen geworfen und es war ihm nicht genug.

„Verdammter, verlogener Bastard!"

Draco versuchte nicht einmal, sich zu schützen, als er zuschlug.

Wieder.

Und wieder.

Bis seine schmerzenden Knöchel mit klebriger Feuchtigkeit benetzt waren. Bis er keine Kraft mehr fand, seine Arme zu heben. Bis dunkles Blut von Dracos Kinn tropfte.

Und Harry hilflos schluchzend auf Dracos schmalem Körper zusammenbrach.

Tbc…