Weasley.

Severus Magen füllte sich mit Wut. Dieser Idiot.

Severus wusste was er gesehen hatte und es sollte ihn vermutlich mehr überraschen als es das tat. Vielleicht war es seine Eifersucht oder die Vergangenheit, aber Weasley war ihm von anfang an nicht geheuer. Er war schwach, er war zu emotional und impulsiv. Er handelte ohne Rücksicht auf andere und trachtete nur nach seinem eigenen Vorteil.

Von Hermine wusste er, dass der Rotschopf das Trio während ihrer Jagd nach den Horcruxen verlassen hatte. Sicher, dieses verfluchte Medaillon trug seinen Beitrag bei doch weder Potter noch Hermine ließen die Gruppe und das ganze Unterfangen im Stich. Sie machten weiter, selbst als sie alleine waren. Selbst als es keine Hoffnung mehr gab, machten sie einfach weiter und war es um sich gegenseitig bei zu stehen. Weasley ließ seine eigene Eifersucht die Überhand gewinnen und riskierte damit nicht nur das Leben seiner Freunde sondern der gesamten Population Englands. Nun ja das war vielleicht übertrieben aber es war ein Verrat an der ganzen Sache.

Wenn er sie einmal verraten hatte, wer sagte dass er das nicht wieder konnte. Die Umstände waren dieselbe- wenn nicht schlimmer. Für Severus war die Sache klar doch wie sollte er das Hermine mitteilen. Wie konnte er sie überzeugen was er gesehen hatte und ihr erklären, dass das nicht nur auf seine eigenen Gefühle beruhte. Hermines Instinkt würde bereits von vorhinein gegen ihn sein. Einer ihrer besten Freunde, jemanden den sie mit ihrem Leben vertraut hatte, hatte sie verraten. Er hatte etwas mit dem Erbe zu tun, selbst wenn er nur der Laufbursche war- und Severus bezweifelte, dass Weasley mit seiner Einfältigkeit mehr erreicht hatte, Verrat war Verrat.

Sofort verknotete sich seine Magengegend. Was wenn sie ihm nicht glaubte? Was wenn sie ihn dafür verließ und hinter ihrem Freund stand. Sofort forschte Severus seine Gedanken aus und ließ das Gesehene Revue passieren.

Nein.

Es war Ronald Weasley. Daran hatte er keinen Zweifel. Vielleicht hatte Puglesby absichtlich das Bild des Mannes ihm entgegen geworfen, doch Severus verwarf den Gedanken sofort wieder. Die Abwehr des Jungen war derart stümperhaft, dass er sicherlich nicht gewollt Bilder und Geschichten heraufbeschwören konnte, ohne den Trick sofort mit anderen Gedanken zu entlarven. Kurz spürte er die Scham in sich hochsteigen, so stümperhaft die Aktion auch war, so überrascht war Severus. Sein eigener Hochmut hatte ihn beinahe sein Leben gekostet.

Er wusste, er konnte einen solchen Vorwurf nicht ohne Beweise machen.

Es würde nicht nur sein Leben gefährden, sondern konnte auch die Beziehung zu Hermine ruinieren. Und das war etwas, was er nicht leichtfertig riskieren würde. Er brauchte Beweise, und er brauchte sie schnell.

Wenn Puglesby zumindest soviel Können in Okklumentik hatte, um ihn auszuschließen, dann würde Weasley, hätte er etwas damit zu tun, ebenfalls hart zu knacken sein.

Aber wie konnte er sonst an die so dringend benötigten Beweise kommen?

Und in wie weit war Weasley in der Sache verwickelt?

Vielleicht war das alles ein ungewöhnlicher Zufall.

Severus schüttelte den Kopf. Er wusste was er gesehen hatte. Er wünschte sich, dass seine Eifersucht ihn in diese Richtung lenken würde. Dass er sich das alles nur einbilden würde.

Er wünschte sich, dass er Hermine nicht damit konfrontieren musste, dass er es ihr ersparen konnte.

Doch das konnte er nicht.

Und ihm lief die Zeit davon.

Desto länger erwartete, desto mehr konnte sich das Erbe von dem Ausfall Puglesby erholen und einen weiteren Angriff starten.

Und was wenn diesmal nicht nur er das Ziel ist?

Was wenn Hermine bei ihm ist?

Natürlich sind seine Gedanken angesichts seiner Rettung durch sie etwas übertrieben, doch nichts desto trotz würde er ihr Leben nicht leichtfertig riskieren.

Die ganze Sache zeigte ihm, dass er Weasley viel zu wenig kannte um ihn einschätzen zu können. Diesen Fehler durfte er nicht noch einmal machen.

„An was denkst du?"

Severus hatte nicht bemerkt, dass er beobachtet wurde und zuckte unweigerlich zusammen.

Hermine musterte ihn und zog ihre Stirn in Falten. Es war nicht üblich, dass sie ihn erschrecken konnte. Selbst wenn er in einem Buch versunken war, behielt er seine Umgebung stets im Auge.

Als er sie ansah, zog sich sein Herz zusammen. Eine besorgte Hermine war zwar kein seltener Anblick, vor allem nicht in diesen Zeiten, doch dass ihre Sorge ihm galt war noch immer ein ungewohntes Gefühl für ihn. Dass sich überhaupt jemand um ihn sorgt war an sich schon etwas abnormales.

Severus atmete laut aus und nahm ihre Hand.

Er wog seine Optionen ab und befand unvernünftigerweise, dass sie zumindest diesen einen Abend noch Zeit hatten. Morgen würde er Weasley konfrontieren und er konnte nur hoffen, dass dieser unter dem Druck einknickte. Aber bis dahin, würde er die letzten ungestörten Stunden noch genießen. Dieses für Severus untypische Handeln zeigte ganz deutlich, wie sehr Hermine ihn geändert hatte. Er konnte nur hoffen, dass er das nicht bereuen würde.

Doch als sich Hermine fest an ihn drückte und ihn das gewohnte Glücksgefühl erfasste, konnte er nicht an seiner Entscheidung zweifeln. Als Hermine dann noch ihre Hüfte gegen seine drückte, waren ihm die Folgen seiner Entscheidung vollends egal.

Wie konnte man so süchtig nach einem Menschen sein, wie konnte der Duft und die Berührung einer Person ausreichen, um derartige Gefühle auslösen zu können. Severus war nie ein Spezialist gewesen, wenn es um diese Dinge ging. Seine Erfahrung war auch dementpsrechend beschränkt. Über ein Jahrzehnt benutzte er seine Liebe zu Lily um sich gegen alle möglichen amourösen Gefühle zu schützen. Er nutzte ihn wie einen Panzer, eine Mauer die er stets hochzog sobald jemand zu Nahe kam. Seine Disziplin und sein Pflichtgefühl- und auch sein schlechtes Gewissen, hatten dafür gesorgt, dass Severus alleine blieb und erst gar nicht den Kontakt zu anderen suchte. Und so lebte er Tag ein und Tag aus, ungestört in seiner Einsamkeit, bis sie kam. Er würde es niemals zugeben, aber ihre Wortgefechte, ihr schneller Verstand und scharfe Zunge waren für ihn derart belebend, dass er jeden Tag danach trachtete, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Sein Verhalten wurde ihm selbst zum Rätsel, Lily war er nachgelaufen und hatte sie von der Ferne geliebt. Er hatte gehofft und stets nachgegeben, nie hätte er diese Dinge zu ihr gesagt, die er Hermine an den Kopf warf. Seine Angst , dass sie ihn verlassen könnte war stets zu groß. Und im Endeffekt auch berechtigt.

Severus wusste, dass Hermines Annäherungsversuche diesmal nicht von Liebe oder Begehren herrühren. Hermine war am Ende und sie brauchte etwas, um sich lebendig zu fühlen. Um den Schmerz und das Trauma zu vergessen. Severus war natürlich kein Unmensch und gewährte ihr diese Flucht.

Am nächsten Morgen wartete Severus ungeduldig vor der schweren Eingangstüre des Hauses am Grimmauldplatz.

Hermine beobachtete ihn belustigt von der Seite.

Severus hatte es nie, absolut niemals eilig zu den Treffen.

Niemals.

Im Gegenteil, sie kamen regelmäßig zu spät weil er absichtlich trödelte. Was für den Mann absolut unüblich war. Severus trödelte nicht.

Der Tod von Puglesby nagte noch etwas an ihr. Als sie Severus am Vorabend überfallen hatte, sie fand kein besseres Wort, hatte sie kurz Ruhe vor ihren Gedanken, doch die Ruhe währte nicht lange.

Aber eigentlich war es seltsam, wie sich Menschen ändern konnten.

Die Flucht, der Krieg und das Leid was sie erleben musste, hatten sie abgehärtet.

Natürlich bereute sie seinen Tod und natürlich tat es ihr leid und sie würde diesen Moment niemals vergessen.

Doch alles in allem war sie genug gefasst um die Tatsache zu akzeptieren, dass es ein Unfall war. Sie wollte es nicht, und es war auch kein Versehen. Es war schlicht und einfach Pech. Es gab Dinge, die ließen sich nicht ändern.

Und nur weil sie Schuldgefühle hatte, hieß das nicht, dass sie schuldig war.

Es hatte keinen Sinn sich für eine Sache verantwortlich zu fühlen, die nicht in ihrer Hand lag.

Sicher sie hatte ihn angegriffen, aber er hatte Severus angegriffen. Und nicht mit einem Schockzauber. So hart es auch klang, der einzige der Schuld an seinem Tod war, war Puglesby selbst.

Er hatte sich in diese Sache verwickeln lassen, er hatte den Auftrag angenomen, er hatte Severus aufgelauert und er hatte ihn angegriffen.

Dies war nun die Konsequenz.

Das Schicksal meinte es scheinbar nicht gut mit dem Jungen.

Hermine graute vor dem Gespräch mit seinen Eltern. Zum Glück übernahm Professor Sprout diese schwierige Aufgabe und kontaktierte die Eltern um sie über den Unfall zu informieren.

Über den genauen Hergang mussten sie noch nicht Bescheid wissen.

Es waren sich alle einig, dass Eltern die ihr Kind verloren haben vorerst mit dem Verlust beschäftigt sein sollten. Ausserdem war davon auszugehen, dass egal in was der Junge verwickelt war, seine Eltern nichts davon wussten.

Die Tür öffnete und Harry bat sie schnell hinein.

Seine Augen wirkten ernst und seine Haut wirkte fahl. Man konnte ihm sofort ansehen, dass diese ganze Sache ihn langsam auslaugte.

Severus konnte auch verstehen warum.

Es war seine Aufgabe für die Sicherheit zu sorgen, seine einzige Aufgabe.

Und genau das misslang ihm.

Er hatte kaum Hinweise, er tappte im dunklen und die Ereignisse überschlugen sich.

Der Druck stieg zusehends und alle wollten von ihm Antworten, die er aber nicht hatte.

Der Junge der Voldemort besiegte musste auch so einer Organisation gewachsen sein.

Und genau das war er nicht.