„Wo sind wir hier gelandet?", fragte James, nachdem sie eine ganze Weile mit ungläubigem Blick auf die Lichtung gestarrt hatten. Die gerodete Fläche, die sich vor ihnen auftat, war mindestens so groß, wie das Dorf der Maroons und wurde von zwei hölzernen Baracken eingenommen, von denen die größere an einen länglichen Backsteinbau grenzte. Das Gebäude war ebenso wie das Haus des Gouverneurs im Kolonialstil gehalten und verfügte über eine Veranda, darüber hinaus war jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit einem gewöhnlichen Wohnhaus zu erkennen. Im Untergeschoss schien es nicht ein einziges Fenster zu geben; lediglich im ersten Stock war eine Reihe von quadratischen Öffnungen zu erkennen, die jedoch nicht verglast, sondern mit Gitterstäben versehen waren. Trotz der ungewöhnlichen Stunde brannte Licht, und sogar die Auffahrt wurde von mehreren Fackeln erhellt.

„Ich wette, diese festliche Beleuchtung gilt ganz alleine uns", bemerkte Jack, ohne auf James' Frage einzugehen. „Aber wie ich diese Typen kenne, erwartet uns drinnen bestimmt kein kaltes Buffet."

„Was für Leute sind das, die mitten im Dschungel so was wie das da errichten?"

Jack antwortete nicht. Er hatte bereits eine recht klare Vorstellung davon, was sich in den Baracken verbarg, und der Gedanke bereitete ihm Übelkeit. Er kannte derlei Gebäudekomplexe, hatte sie dutzende Male gesehen, als er in Cape Coast, Bonny und Elmina vor Anker gegangen war. Jene Afrikaner, die von skrupellosen Händlern in die Sklaverei verkauft worden waren, warteten dort auf ihren Abtransport in eine Welt, die die meisten von ihnen noch nicht einmal von Hörensagen her kannten. Was jedoch die armen Seelen erwartete, die hier draußen ihres Schicksals harrten, darüber wollte er noch nicht einmal nachdenken.

„Jack, wieso –", begann James von Neuem, doch der Pirat legte ihm einem plötzlichen Impuls folgend die Hand auf den Arm und gebot ihm, still zu sein. Und tatsächlich: Sein Gehör hatte ihn nicht getäuscht. Schritte knirschten auf dem Kiesweg, und nur wenige Augenblicke später konnte er eine schemenhafte Gestalt ausmachen, die zwei Pferde im Kutschgeschirr über den Vorplatz und außer Sichtweite führte.

„Wie mir scheint, sind wir nicht die einzigen Gäste, die heute Nacht hier erwartet werden", flüsterte James. „Fragt sich nur, wie ein Zweispänner trotz der Sturmschäden bis hierher durchkommen konnte."

„Wahrscheinlich kennen wir den Hauptweg zu dieser Lichtung gar nicht. Würde mich nicht wundern, wenn er ebenfalls versteckt wäre."

„Aber wozu dieser Aufwand? Was ist in diesen Baracken?"

„Ich habe da so eine Ahnung", erklärte Jack mit belegter Stimme. Er konnte James' Gesicht nicht sehen, doch ein deutlich vernehmbarer Atemzug sagte ihm, dass er verstanden hatte.

„Dann ist Sheza also da drin?"

„Um das herauszufinden, werden wir wohl oder übel nach einem Weg suchen müssen, reinzukommen."

James' Silhouette nickte langsam. „Also gut. Dann lass uns von jetzt an ungefähr zehn Minuten warten. Wenn bis dahin alles ruhig bleibt, schleichen wir uns über die linke Seite an." In seiner Stimme klang die Routine eines militärischen Strategen und Jack kam nicht umhin, ihn einmal mehr für diese Fähigkeit zu bewundern. „Einer von uns beiden sucht dann nach einem Weg ins Innere der Baracken, der andere gibt ihm Rückendeckung."

Für ein so halsbrecherisches Unterfangen hörte sich James' Vorhaben ausgesprochen vernünftig an. Jack befand, dass er seinen Ausführungen nichts mehr hinzuzufügen hatte. „Einverstanden. Und da ich über entschieden mehr Erfahrung in Fragen des gepflegten Einbruchs verfüge, werde ich diesen Teil unserer kleinen Aktion übernehmen."

***

Die besprochenen zehn Minuten wurden zu einer halben Ewigkeit, doch James' innere Uhr hielt Jacks Ungeduld mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit stand. Erst als er sie sicher sein konnten, dass dem Kutscher keine weiteren Besucher folgten, nickte er kurz.

„Also gut! Ich denke, wir können es jetzt riskieren. "

Jack richtete sich langsam auf und glaubte dabei jeden einzelnen Knochen spüren zu können. Der Schrecken der vergangenen Stunden saß ihm noch immer in den Gliedern, und der nächtliche Ritt hatte seinen körperlichen Zustand nicht eben verbessert. Dennoch zwang er sich, ein Ächzen zu unterdrücken und so leise wie möglich durchs Unterholz zu schleichen. Allerdings war es auch ihm trotz seiner beinahe schon sprichwörtlichen Katzenhaftigkeit nicht gegeben, sich geräuschlos über morsches Holz zu bewegen. So fuhr er jedes Mal zusammen, wenn er das deutliche Knacken eines Astes unter seinen Füßen vernahm. James Norrington schien es kaum besser zu ergehen. Im Gegenteil, es fehlte ihm an Jacks Geschicklichkeit, zudem war er mindestens fünf Zentimeter größer und ein ganzes Stück schwerer, als der Pirat. Schließlich sah sich Jack gezwungen, nach hinten zu blicken und seinem Begleiter mit einer fahrigen Handbewegung zu bedeuten, vorsichtiger zu sein.

Die momentane Ablenkung führte allerdings dazu, dass er einen regennassen Zweig versehentlich direkt in James' Gesicht schnellen ließ und diesem damit einen leisen Schrei des Entsetzens entlockte. Doch damit war die Sache noch nicht ausgestanden. Das Unterholz am Rande der Lichtung war dicht und der Boden mit Schlingpflanzen und hervorstehenden Wurzeln bedeckt, die keinen Augenblick der Unachtsamkeit duldeten. Jack riss den Kopf herum, als er den Widerstand an seinem Knöchel bemerkte. ‚Oh nein, nicht schon wieder!', schoss es ihm durch den Kopf, doch es war bereits zu spät. Er fiel nach vorne und versuchte dabei reflexartig, sich auf den Händen abzustützen. Seine lädierte Schulter war ihm dabei alles andere als eine Hilfe, und so schlug er mit voller Wucht auf den Waldboden auf, begleitet von einem deutlich hörbaren Fluch.

„Verfluchte Scheiße!".

„Jack!", entfuhr es James beinahe im gleichen Moment. Seine Fingerspitzen streiften den Mantelsaum des Piraten, doch er hatte nicht den Hauch einer Chance, den Sturz zu verhindern.

Hätte sich sein Geist nicht im äußersten Alarmzustand befunden, Jack wäre wohl für einige Sekunden benommen gewesen. Wie die Dinge aber nun einmal lagen, war ihm sofort klar, dass er einen fatalen Fehler begangen hatte. Ein heimlicher Beobachter hätte taub sein müssen, um das kleine Spektakel, das sie soeben veranstaltet hatten, zu überhören.

„Jack, verdammt, was ist passiert?", flüsterte James.

„Schlingpflanzen ... an meinem Fuß!", würgte Jack mühsam hervor. Er wollte sich bereits hochrappeln, doch James hielt ihn zurück.

„Warte!" Verwirrt registrierte Jack, wie er zurück auf den Waldboden gedrückt wurde, während sich eine Hand an seinem Knöchel zu schaffen machte. Er konnte James' schwere Atemzüge hinter zusammengebissenen Zähnen hören, stellte sich vor, wie sich die Muskeln in seinen Armen anspannten, als er die verhängnisvolle Liane in Stücke riss. Jack hielt den Atem an, als der Admiral schließlich von ihm abließ. Ohne sich um mögliche Verletzungen zu kümmern rollte er auf die Seite und zog sich an einem nahen Baumstamm in die Hockstellung. James kniete ebenfalls auf dem Boden, angestrengt bemüht, sich dem Blick ihrer unsichtbaren Häscher zu entziehen.

„Wenn wir Glück haben glauben sie, dass es nur ein Tier war", bemerkte er hoffnungsvoll, klang dabei aber nur wenig überzeugt.

„Ein Tier, das fluchen kann?" Jack dachte an Cottons Papagei, fühlte sich jedoch nicht in der Stimmung, eine entsprechende Bemerkung zu machen. Sheza hatte schon genug darunter zu leiden, ausgerechnet auf einen lebensuntauglichen Vollidioten angewiesen zu sein; auf einen lebensuntauglichen Vollidioten mit fragwürdigem Humor in der falschen Situation konnte sie gut und gerne verzichten.

Auf schmerzenden Knien schleppte er sich vorwärts, bis er an James' Seite durch das Blattwerk auf die Lichtung spähen konnte. Unbegreiflicherweise war alles so ruhig und unberührt, wie zuvor. Er lauschte angestrengt in die Nacht hinein, doch außer den schweren Tropfen, die aus den regennassen Baumkronen auf die tiefer liegenden Blätter fielen, war nichts zu hören. Keine Stimmen, keine Schritte auf dem Kies ...

James deutete mit dem Kinn auf ein erleuchtetes Fenster im Obergeschoss des Haupthauses. „Da ist gerade jemand vorbeigegangen, aber er hat nicht hinausgesehen."

„Es ist zu dunkel, er könnte ohnehin nichts erkennen. Aber ich befürchte, er hat uns gehört."

„Und was sollen wir nun tun?"

Jack überlegte nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann antwortete er: „Weitermachen."

James nickte.

„Warte hier! Ich glaube, wir sind jetzt nah genug an der Baracke dran, um es auf einen Versuch ankommen zu lassen." Jack war sich seiner eigenen Worte nicht sicher, doch es schien ihm einfacher, den Lichtkegeln auf dem Kiesweg auszuweichen, als noch länger durchs Unterholz zu stolpern.

James ließ den Blick prüfend über die Lichtung schweifen, bevor er sich Jack zuwandte. „Bist du sicher?"

„Natürlich. Ich renne über den Platz, so schnell ich kann, und du erschießt jeden, der sich mir von hinten nähert. Klar und einfach zu verstehen, oder?"

„Was sollte da schiefgehen?", seufzte James und zückte seine Pistole.

„Dann los!"

***

Trotz der Schmerzen in seinen Beinen stand Jack beinahe lautlos auf und schälte sich in geduckter Haltung aus dem Unterholz. Er erwog, sich langsam und bedächtig anzuschleichen. Schließlich entschied er sich aber doch für den kürzesten Weg. Er brauchte nur wenige Sekunden, um die Distanz vom Waldrand bis zum Tor an der Stirnseite der größeren Baracke abzuschätzen. Dann rannte er los. Das Geräusch seiner Schritte auf dem Kies dröhnte in seinen Ohren, doch die erwarteten Pistolenschüsse blieben aus.

Er konnte es kaum glauben, als er das raue Holz der Eingangstür unter seinen Fingern spürte. Seine Knie zitterten, als er innehielt und sich umwandte. Der Dschungel lag in völliger Dunkelheit, nur das Haupthaus zeichnete sich im Fackelschein gegen den weißen Kiesweg ab. Jack versuchte langsam bis zehn zu zählen, doch die Abfolge der Zahlen schien in seinem Kopf durcheinandergeraten zu sein, sodass er es erst im dritten Anlauf schaffte. Es kam ihm so vor, als müssten mindestens fünf Minuten vergangen sein, seit er losgelaufen war; trotzdem war ihm offenbar niemand gefolgt. Konnte es möglich sein, dass Shezas Entführer sie erst am nächsten Morgen erwartet hatten? Ein vages Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und er reckte einen Daumen in die Höhe um James zu signalisieren, dass alles in Ordnung war. Jetzt musste er nur noch einen Weg finden, ins Innere der Baracke zu gelangen.

Vorsichtig lehnte er sich mit seinem Körper gegen die Holztür, um herauszufinden, wie stabil sie war. Er wollte unter allen Umständen vermeiden, das Schloss durch einen gezielten Schuss öffnen zu müssen, denn schließlich –

Jack hatte kaum begonnen, über Alternativen nachzudenken, als ihm die Entscheidung auf unverhoffte Art und Weise abgenommen wurde. Da! Ganz eindeutig, die Tür hatte sich bewegt. Er drückte noch ein wenig fester und bemerkte erstaunt, dass sie ungewöhnlich massiv, nichtsdestoweniger aber unverschlossen war. Er öffnete sie gerade weit genug, um durch den entstandenen Spalt hindurchschlüpfen zu können. Erstaunt stellt er fest, dass der schmale, an einen Pferdestall erinnernde Raum mitnichten vollkommen dunkel, sondern von einem dutzend Fackeln erleuchtet war. Das unerwartet helle Licht blendete ihn und er musste einige Male blinzeln, um besser sehen zu können.

Als er jedoch erkannte, welches Geheimnis die Lichtung barg, wünschte er sich nichts mehr, als für immer blind zu sein. Er verengte die Augen zu Schlitzen, schloss die Lider und öffnete sie erneut, doch das grausige Bild vor ihm änderte sich nicht.

‚Genau wie damals!', schoss es ihm unwillkürlich durch den Kopf.

Sie lagen zusammengepfercht im stickigen Laderaum der Wench, so dicht gedrängt, dass ihre Gliedmaßen ein groteskes Durcheinander zu bilden schienen. Die Männer hatten auf Deck Segel angebracht, die frische Luft durch die geöffneten Ladeluken fächeln sollten, doch es kam ihm so vor, als würde er den fahlen Atem des Teufels auf seinem Gesicht spüren. Die Laterne in seiner Hand schwang im Halbdunkel hin und her, warf unheimliche Schatten über gequälte Körper und enthüllte hervorstehende Knochen und angstverzerrte Züge.

Er war ein Gefangener in einem niemals enden wollenden Albtraum, das erkannte er nun. Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt, hatte die Klauen nach ihm ausgestreckt und ihn zurück in ihre stinkenden Arme gerissen. Er stand noch immer wie versteinert, als ein scharfer Schmerz durch seinen Hinterkopf fuhr.

Die Welt verschwamm vor seinen Augen und löste sich schließlich in Dunkelheit auf. Was blieb, war Stille.