Als fast dreißig Vampire nacheinander aus dem Schatten des Waldes heraustraten, war es, als würde um mich herum die Welt stehen bleiben.
Voran gingen drei männliche Vampire mit puderiger Haut, die aussah, als würde sie bei der leisesten Berührung zu Staub zerfallen. Der mittlere musste Aro sein. Die zwei Vampire, die zu seinen beiden Seiten standen, waren Marcus und Caius. Hinter ihnen befanden sich weitere Männer, wahrscheinlich Leibwächter, die Zwillinge Jane und Alec und... Victoria!
Ihr triumphierender, hasserfüllter Blick brannte sich in den meinen. Sie hatte gewonnen, ich wusste es und sie wusste es auch.
Es irritierte mich, dass die Volturi mit so vielen Kriegern anrückten. Ein einfaches Todesurteil bedurfte doch wohl keine dreißig Vampire.
"Bella!" Aro trat erfreut ein paar Schritte vor und winkte mich zu sich. Ohne zu Zögern kam ich seiner Bitte nach.
"Wie ich sehe, hat die liebe Victoria dir unsere Nachricht zukommen lassen", bemerkte er mit einem Lächeln, das mir im Betracht der Situation als sehr unpassend erschien.
"Ja, das hat sie." Aros blutrote Augen unterzogen mich einer genauen Musterung.
"Was für eine wunderschöne Vampirdame!", seufzte er verzückt. "Ich kann durchaus nachvollziehen, was Edward an dir findet!" Die zierliche Jane stieß ein schrilles Knurren aus. Ihr hasserfüllter Blick durchbohrte mich.
"Aber, aber, Jane! Wo ist denn dein Benehmen geblieben?", tadelte Aro sie. Sein Blick fand wieder zurück zu mir.
"Wie du weißt, kommen wir mit einer unerfreulichen Aufgabe. Es liegt uns nichts ferner als dir wehzutun." Ich erwiderte nichts, sondern konzentrierte mich darauf meinen emotionslosen Gesichtsausdruck zu bewahren.
"Wo hast du denn die Cullens gelassen?", fragte er. Ich meinte, einen Hauch Wut über sein kantiges Gesicht huschen zu sehen, doch ich war mir nicht sicher.
"Ich bin allein gekommen", erwiderte ich mit fester Stimme. "Zu schade! Ich hätte gerne meinen alten Freund Carlisle wieder gesehen."
Ich war das Vorspiel leid. "Was willst du von mir?" Aro zog überrascht die Augenbrauen hoch. "Nun, ein Schutzschild birgt ein gewisses Risiko für uns, vor allem wenn es seiner Gabe mächtig ist. Solltest du dich den falschen Leuten anschließen und diese unter deinen Schutz nehmen, würde das für uns eine Menge Unannehmlichkeiten bedeuten", erklärte er mit der geduldigen Miene eines Lehrers. Die Volturi hatten Angst vor mir.
"Es gibt keinen Grund, sich vor mir zu fürchten!", sagte ich kalt. "Oh doch, den gibt es! Meine liebe Jane und ihr Zwillingsbruder, Alec, versuchen seit geraumer Zeit ihre Gaben bei dir anzuwenden... mit keinem Ergebnis. Das ist eine Prämiere." Jane stieß ein lautes Fauchen aus. Aro lächelte mich entschuldigend an.
"Du müsstest dich inzwischen vor Schmerzen auf dem Boden krümmen, jeglicher Wahrnehmung beraubt. Doch stattdessen stehst du hier vor mir und unterhältst dich mit mir." Er drehte sich zu seinen Gefährten um. "Ist das nicht erstaunlich? Ein solches Schutzschild ist mir noch nie begegnet!"
Weder Marcus noch Caius wirkte in irgendeiner Weise erstaunt. "Vergiss nicht, warum wir hergekommen sind!", mahnte Marcus, der aus irgendeinem Grund nervös wirkte.
Caius dagegen sah aus, als würde er sich zutiefst langweilen.
"Es tut mir Leid um deine außergewöhnliche Gabe. Du könntest zu wahrer Größe gelangen, Bella. Du muss nicht den Tod wählen."
"Wie bitte?" Ich starrte Aro aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen an.
"Schließe dich uns an und dir wird es an nichts fehlen."
Jane, Alec und Victoria knurrten aufgebracht.
"Bitte nicht, Meister!", bat Jane zuckersüß. Über Aros Angebot brauchte ich nicht nachzudenken. "Ich glaube nicht, das das für mich das richtige wäre", erwiderte ich kalt. Aro seufzte bedauernd. "Schade... Solch eine Verschwendung. Aber wenn du den Tod dem Leben vorziehst..." Jane stieß ebenfalls einen Seufzer aus, allerdings einen erleichterten.
"Dürfte ich einen Moment deinen Hand berühren?", fragte Aro. Ich legte meine Hand ohne zu Zögern in die Seine. Er konnte durch eine Berührung alle Gedanken lesen, die man jemals gedacht hatte. Ein paar Sekunden geschah nichts, dann ließ er meine Hand wieder los. "Ich hatte gehofft... na ja, es war vorauszusehen."
"Können wir endlich zur Sache kommen?", fragte Marcus ungeduldig.
"Nur keine Eile, mein Freund. Wir haben genug Zeit", erwiderte Aro lächelnd. Plötzlich blitze die pure Bosheit in seinen Augen auf. Erschrocken wich ich ein paar Schritte zurück. Die Maske der Liebenswürdigkeit fiel mit einem Schlag von ihm ab und offenbarte sein wahres Ich.
Ich hatte mich von seiner gespielten Höflichkeit täuschen lassen.
"Haben die Cullens dich her geschickt, um nicht sterben zu müssen?", fragte er scharf. Jede Spur von Wärme war aus seiner Stimme gewichen.
"Was tut das zur Sache?" Nervös sah ich zwischen den Wachen und Aro hin und her. Auf einen Wink von Aro verringerten sie den Abstand zwischen uns.
"Bella... Hier geht es nicht nur um dich, meine Liebe. Carlisle ist nicht dumm. Er und seine Familie werden verstanden haben, was wir ihnen mitteilen wollen."
"Wie bitte?" Verständnislos sah ich Aro an.
"Nur wegen deiner außergewöhnlichen Gabe würden wir dich nicht töten. Es geht um die Cullens, die mit dir ein weiteres talentiertes Mitglied gewonnen haben. Carlisles Zirkel wird allmählich zu groß." Aro schenkte mir ein bedrohliches Lächeln, bei dem mir ein kalter Schauer über den Rücken lief.
"Was willst du damit sagen?"
Aro seufzte, als hätte er es mit einem begriffsstutzigen Vorschulkind zu tun.
"Die Cullens haben dich ausgenutzt, Bella. Sie haben dich dazu gebracht, dich freiwillig auszuliefern, damit sie uns fern bleiben können."
Ich glaubte ihm kein Wort. Edward würde mir so etwas nie antun.
"Du lügst!", knurrte ich. Aro lachte höhnisch.
"Es tut mir Leid für dich, Bella. Aber du hättest wissen müssen, das für Edward seine Familie an erster Stelle steht. Und du gibst nun mal einen hervorragenden Sündenbock ab." Ich versuchte mit aller Kraft, seine Wort an mir abperln zu lassen, doch ich konnte nicht verhindern, dass sie sich tief in meinem Kopf einnisteten. Die Cullens würden so etwas nicht tun, das verstieß gegen jedes ihrer Prinzipien. Und Edward... er hatte gesagt, dass er mich liebte. Ich sollte ihm vertrauen. Doch ein winziger Restzweifel blieb. "Hast du Angst, Bella?", fragte Aro und trat näher auf mich zu. Er packte mein Kinn, mit einer Kraft, die ich ihm nicht zugetraut hatte und zwang mich, ihm in die Augen zusehen. Unsere Gesichter waren sich so nahe, dass sich unsere Nasen fast berührten.
"Nein!"
"Dann werde ich dafür Sorgen, dass du sie bekommst, Bella!"
Alice
Konnte ein unsterbliches Wesen an Schuldgefühlen umkommen?-Ich wusste es nicht, doch so musste es sich anfühlen.
Ich hatte soeben meine Schwester verraten, hatte sie zu den Volturi geschickt. Die Angst um Bella und schlimme Schuldgefühle trieben mich in den Wahnsinn. Ich musste mich beruhigen. Carlisle hatte mir aufgetragen, Bella das zu sagen. Ich hatte ihm schon gestern von meiner Vision erzählt. Ich wusste nicht genau, wie Carlisles Plan aussah, doch ich zwang mich, seiner Jahrhunderte langen Erfahrung zu vertrauen, auch wenn es mir nicht leicht fiel.
Carlisle hatte doch bis jetzt immer Recht gehabt. Warum sollte er ausgerechnet jetzt falsch liegen? Ich fragte mich, wie die anderen wohl auf die Wahrheit reagieren würden. Edward würde mit hundertprozentiger Sicherheit durchdrehen. Es war nicht einfach gewesen, meine Gedanken vor ihm zu verbergen, doch Carlisle hatte mich darum gebeten.
Mein Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. Was, wenn die Volturi Bella doch umbrachten? Ich wäre Schuld daran! Jasper, Rosalie, Emmett und vor allem Edward würden mich hassen. Verzweifelt verbarg ich den Kopf in den Händen. Ich hörte sie irgendwo nördlich im Wald. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würden nachhause kommen.
Ich würde ihnen nicht unter die Augen treten können. Carlisle hatte Esme, Edward, Rose und Emmett zur Jagd überredet, damit sie nicht zuhause waren, wenn die Volturi eintrafen.
ihre Schritte kamen immer näher und schon hörte ich sie auf den Verandatreppen.
"Alice, was ist los?" Jasper kam außer sich vor Sorge ins Wohnzimmer gestürmt.
Edward, Emmett, Rose und Esme folgten ihm unsicher.
"Was ist passiert?", fragte Rose sanft. Ich beachtete sie nicht, sondern sah Carlisle an, der soeben herein gekommen war.
"Ist alles nach Plan verlaufen?" Ich nickte.
"Was für ein Plan?", fragte Emmett und blickte irritiert zwischen uns hin und her.
"Wo ist Bella?", fauchte Edward plötzlich. Seine Augen durchbohrten mich förmlich. In Gedanken übersetzte ich mein Lieblingsbuch ins japanische, um Edward ja nichts zu verraten.
"Jetzt sag schon wo sie ist, Alice!" Jas starrte mich ungeduldig an.
"Sag du es ihnen, Carlisle!", schluchzte ich. "Ich musste sie gehen lassen..."
"Gehen lassen?", brüllte Edward.
"Wir müssen etwas tun, Carlisle!", schrie er panisch. "Edward...", begann Carlisle besorgt. Plötzlich biss Edward sich mit aller Kraft in die geballte Faust. "Nein!" Er hatte in Carlisles Gedanken die Antwort auf seine Fragen gefunden.
"Beruhige dich Edward. Ich wusste von Anfang an, dass es bei der Drohung der Volturi nicht ausschließlich um Bella ging. Ihre Gabe ist etwas sehr mächtiges, doch das allein würde sie nie dazu bringen, Bella umzubringen. Sie würden alles dafür geben, um jemanden wie sie in ihren Reihen begrüßen zu können." Carlisles Gesicht war von Sorgenfalten überzogen.
"Was soll das heißen?" Jasper trat unruhig von einem Bein auf das andere. Edward stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ich konnte gut nachvollziehen, wie es ihm gerade gehen musste. Wenn ich daran dacht, das Jasper etwas zustoßen könnte...
"Den Volturi geht es um unsere Familie! Sie haben Angst, weil wir ihnen inzwischen fast ebenbürtig sind. Bellas besondere Gabe war nur ein Vorwand, um unsere gesamte Familie auslöschen zu können. Die Volturi werden Bella kein Haar krümmen, solange sie tut, was sie sagen. Denn eine Gabe wie die ihre, begehren sie um ein vielfaches mehr als Alices oder deine, Edward. Die einzige Möglichkeit, um uns alle zu retten, besteht darin, es Bella zu ermöglichen sich den Volturi auszuliefern. Als letzten Ausweg wird sie sich ihnen anschließen. Nur so können wir Bellas Leben und auch die unseren retten."
Edward starrte Carlisle an. "Du hast sie zu den Volturi geschickt?", keuchte er. "Es war die einzige Möglichkeit. Wären wir mit ihr gegangen, hätten die Volturi uns angegriffen und du glaubst doch wohl nicht, dass Bella nur zugesehen hätte, wie wir nach und nach vor ihren Augen getötet werden? Sie hätte uns verteidigt und damit ihren eigenen Tod besiegelt."
Esme schluchzte auf und auch Rose weinte ohne eine einzige Träne zu vergießen. Emmett und Jasper waren wie vor den Kopf gestoßen.
"Warum hast du das vor uns geheim gehalten?", fragte Edward. Er schien nicht recht zu wissen, ob die Verzweiflung, der Schmerz oder die Wut die Überhand gewann. Carlisle presste fest die Lippen aufeinander. "Du hättest sie nicht gehen lassen, Edward..."
"Natürlich hätte ich das nicht! Bella bedeutet euch nicht das, was sie mir bedeutet. Ich hätte mich lieber mit ihr den Volturi angeschlossen, als sie alleine zu lassen! Ihr habt sie verraten!", brüllte er und schlug mit solch einer Wucht auf den Esstisch, das dieser krachend in sich zusammenbrach. "Edward, bitte! Bella ist uns genauso wichtig wie dir! Sie wird nicht ewig bei den Volturi bleiben, sondern nur für drei oder vier Jahre. Wir werden sie dort gemeinsam wieder rausholen und dabei die Volturi zerstören, aber um das zu schaffen brauche ich Zeit, genug Leute und eine Menge Glück." Edward ließ sich verzweifelt auf einen Stuhl fallen und verbarg das Gesicht in den Händen. "Wir können dich nicht entbehren, Junge!"
"Es tut mir so Leid!", schluchzte ich.
"Du hättest wenigstens uns einweihen können!", rief Emmett wütend.
"Es war schon so schwer genug, es vor Edward geheim zu halten", antwortete Carlisle müde.
"Was passiert, wenn Bella nach ein paar Jahren gar nicht mehr weg von de Volturi will? Sie ist ein junger Vampir und noch sehr formbar", warf Jasper ein. Er schien in den wenigen Minuten um Jahre gealtert zu sein.
"Oder, wenn Bella sich weigert, sich den Volturi anzuschließen, habt ihr schon mal darüber nachgedacht? -Sie werden sie umbringen!", sagte Edward bitter. Seine Worte trafen mich mit der Wucht von Faustschlägen.
