Gedanklich plante Severus bereits in aller Ausführlichkeit, sich selbst für das Gefühl von Genugtuung zu bestrafen, das ihn in dem Moment durchfuhr, als Lucius in diesem zufriedenen, gönnerhaften Ton mit ihm sprach. War es wirklich so einfach, ihn auf nichts als seine Triebe zu reduzieren? Mens sana in corpore sano, das war ein Ziel, das anzustreben sich lohnte. Momentan jedoch schien der junge Todesser über keines der beiden zu verfügen, weder den gesunden Körper, noch den gesunden Geist.

Gerade, als er kurz davor gewesen wäre, an diesem Umstand etwas ändern zu wollen, erinnerte Lucius ihn geschickt daran, dass es durchaus in seinem Sinne war, jetzt nicht zu widersprechen; die plötzliche Berührung mit seinem unnachgiebigen Körper und das neuerliche Zusammentreffen ihrer Lippen beförderte ihn von seiner Charakterstudie zurück in die Realität, und an diesem grausamen Ort galt sein einziges Interesse seiner schmerzenden, pulsierenden Erregung, die den älteren Zauberer und seine Erfahrung jetzt zweifellos brauchte.

Und bemerkenswerter Weise schien er nicht in der Lage, dieses Gefühl seinem Willen zu unterstellen. In der Tat zögerte er nicht eine Sekunde, als Lucius ihm den nächsten Schritt ankündigte, und führte seinen Gast ohne Umschweife in das Schlafzimmer seiner Eltern.

Es war erst der Anblick des Bettes, der ihn stocken ließ. Ein Teil von ihm hatte gehofft, sie würden das Zimmer nehmen wie es war – dunkel, kalt und unpersönlich. Er hätte sich einbilden können, irgendwo anders zu sein, vielleicht in Hogwarts, vielleicht auch nur in einem heruntergekommenen Gasthaus. Doch selbstverständlich hatte er die Rechnung ohne Lucius Malfoy gemacht, der vermutlich um keinen Preis den Kontrast verpassen wollte, den sein gesunder, höchstens vornehm blasser Hautton zu Severus' papierenem Teint bildete, und sogleich für die passende Beleuchtung sorgte.

Allmählich stieg Panik in dem Schwarzhaarigen auf, und für den guten Teil einer Minute war er sich sicher, dass er einfach nicht in der Lage sein würde, diese Umgebung auszublenden. Der Anblick eines mit einem einfachen Handtuch bekleideten, gut gebauten Mannes wie Lucius, der sich einladend auf den Laken niederließ, hätte seine Zweifel tilgen müssen (vor allem nach der erleuchtenden Feststellung, dass der Körper in Wahrheit den Geist dirigierte) doch zunächst konnte er an nichts anderes denken als seinen Vater, und wie er vielleicht an eben dieser Stelle gelegen hatte. Er trat unbehaglich von einem Bein auf das andere, und versuchte, die Vorstellung in den hintersten Winkel seines Kopfes zu verbannen. Lucius musste nichts von alledem wissen, oder seine Abscheu ihm gegenüber würde vielleicht letztlich so groß werden, dass die Nacht ein äußerst abruptes und unzufrieden stellendes Ende in eben diesem Zimmer nehmen müsste. Und diesen Triumph wollte Severus seinem verhassten Erzeuger nicht gönnen, und wenn er noch so sehr gegen die Übelkeit ankämpfen musste. Es mochte nicht so aussehen; immerhin war er gänzlich nackt und wartete wie ein verirrter Schuljunge auf weitere Anweisungen des Älteren – doch tatsächlich hatte auch er seinen Stolz. Und so verquer dieses Denken auch sein mochte, es half ihm, sich nun auf das zu konzentrieren, was Lucius sagte. Unglücklicherweise lenkten die Worte sein Unwohlsein schlicht in eine andere Richtung.

Während er nur wortlos genickt hatte, was die ersten beiden Regeln anging – er hatte mittlerweile gefolgert, dass diese Dinge alle ein Teil der eigentlichen Sache waren – ließ die letzte Aufforderung, so scheinbar freundlich sie auch ausgesprochen wurde, ihn zu einer regelrechten Salzsäule erstarren. Urplötzlich schien die Raumtemperatur von frostig-kühl zu tropisch-schwül zu klettern, und er konnte förmlich fühlen, wie er erneut errötete, diesmal jedoch aus anderem Grund.

Um die eigentliche Antwort hinauszuzögern, beschäftigte er sich zunächst damit, umständlich zu Lucius auf die Matratze zu steigen, wobei er sich noch immer die Lippen beinahe blutig beißen musste, um seinen sichtlich verzweifelten Zustand nicht zusätzlich durch beschämende Laute zu untermalen. Letztlich lag er neben dem Blonden, mühsam auf seine Ellenbogen aufgestützt, und fixierte einen Punkt an der Decke, wo träge eine Spinne ihre Fäden spann. Wie sehr er sich wünschte, in diesem Moment mit ihr zu tauschen. Stattdessen fand er sich jedoch selbst in einem Netz gefangen - dem seines eigenen Verlangens.

„Keine", sagte er schließlich knapp, aber wahrheitsgemäß, und bemühte sich, nicht aus dem Augenwinkel Lucius' Reaktion zu beobachten. „Ich habe keine Erfahrung."