Tempus fugit (Die Zeit flieht)
„Ally? Hey, Al!"
James lief schneller, als er die Silhouette seiner Cousine in einiger Entfernung von ihm erkennen konnte. Leise fluchend über den lockeren Sand, der ihm das Laufen um einiges erschwerte, näherte er sich ihr.
Ally selber, durch sein Rufen auf ihn aufmerksam geworden, war stehen geblieben und beobachtete mit schief gelegtem Kopf, wie James sich zu ihr heran kämpfte.
„Na, heute schon alte Damen schockiert?", fragte er sie grinsend, als er bei ihr angekommen war und Ally lachte.
„Was kann ich denn dafür, dass hier in Glen niemand Ahnung von Mode hat?", erkundigte sie sich und drehte sich dann, wie zum Beweiß, einmal lachend im Kreis. Der weit ausgestellte Rock, der normalerweise schon das Knie kaum bedeckte, gab in Bewegung noch ein paar mehr Zentimeter der Seidenstrümpfe zu sehen und die in große Wellen gelegten Haare wirbelten etwas, bevor sie sich wieder perfekt in Form legten
James verdrehte etwas die Augen. „Na, komm, du machst das doch absichtlich. Erzähl mir nichts!"
„Natürlich", Ally nickte, als wäre es das selbstverständlichste der Welt, „es ist lustig."
„Lustig?", wiederholte er ungläubig, „das findest aber auch nur du. Selbst Nan war schockiert von deinen Klamotten."
„Na und?", Ally zuckte mit den Schultern und kickte etwas Sand weg, „ich bin 17, ich bin hübsch und ich kann tragen, was ich möchte." Ein weiteres Schulterzucken, dann: „Es steht mir."
„Schon…", begann James, brachte seinen Satz aber nicht zu Ende, weil Ally ihn unterbrach: „In Toronto ist das nichts besonderes. Spätestens seit Lana Turner in diesem komischen Mordfilm trägt da jede zweite solche Pullover. Na und?"
Sie nahm ein Stück des engen Pullovers, den sie unter ihrem offenen Mantel trug, zwischen ihre Fingerspitzen, zog es ein Stückchen von ihrem Körper weg und ließ es wieder zurückschnellen. Noch ein Schulterzucken, dann begann sie zu gehen, mit ihren hochhackigen Pumps dem Sand noch mehr ausgesetzt als James, der leicht mir ihr Schritt hielt.
„Außerdem weiß ich nicht, was es dich angeht, wie ich herumlaufe", fügte Ally dann hinzu, schnippisch, ein bisschen aggressiv.
„Meine Schwestern würde ich so nicht aus dem Haus lassen", erwiderte James, ohne ihre Frage direkt zu beantworten, vielleicht, weil er nicht wollte, vielleicht, weil er keine Antwort hatte.
Ally grinste, beinahe etwas herablassend. „Merry würde so nicht freiwillig aus dem Haus gehen und Joy würde sich nicht darum scheren, was du dazu sagst. Womit sie ganz Recht hat, wenn du mich fragst."
James sagte nichts und für einen Moment gingen sie schweigend nebeneinander den Strand entlang, bevor es aus ihm heraus brach, heftiger als beide erwartet hatten: „Das bist doch nicht du!"
„Dieses Schickimicki, die schönen Kleider, dieses ganze Gehabe, so gekünstelt, das bist doch nicht du, Al", fuhr er fort, „ich verstehe das einfach nicht."
Ally war stehen geblieben, sah ihn an und ließ sich dann seufzend auf den weichen Sand fallen. „Gut, ich auch nämlich nicht", bemerkte sie und stützte das Gesicht in die Hände.
„Was verstehst du nicht", erkundigte ihr Cousin sich, während er sich vorsichtig setzte, nicht sicher, ob es in ihrem Sinne war, aber Ally sah nicht mal zu ihm auf, sondern blickte nur weiter auf das Meer.
„Das hier, das alles. Ich meine, du scheinst du wissen, wer oder was ich bin, aber ich weiß es nicht. Ich wäre dir dankbar, wenn du es mir sagen würdest, aber ich glaube nicht, dass du es kannst, dass irgendwer es kann und deshalb muss ich es herausfinden und ja, die Klamotten sind ein Teil davon, denke ich", stellte sie dann fest, sich endlich zu ihm umdrehend.
„Dann sind wir schon mal zwei", erwiderte James trocken und ließ sich nun seinerseits nach hinten fallen, so dass er lang gestreckt im Sand zum Liegen kam. Ally lachte leise und piekste ihn in einer Fortsetzung eines alten Kinderspiels von ihnen mit dem Finger in die Seite.
James langte träge nach ihrer Hand, um sie daran zu hindern, aber Ally hatte längst beide Hände in Sicherheit gebracht, verschränkte sie jetzt in ihrem Schoß und wandte den Blick wieder dem grauen Meer zu, während James zum ebenso grauen Himmel aufsah.
„Denkst du manchmal an die Zukunft?", fragte Ally plötzlich, sich zu ihm umwendend.
„Oft", erwiderte James nachdenklich, „nur bin ich meistens hinterher genauso schlau wie am Anfang. Im Sommer bin ich mit der Schule fertig und… naja, ich habe nicht die leiseste Ahnung, was danach kommt. Von allem anderen mal ganz zu schweigen."
„Allem anderen?", erkundigte Ally sich, wohl ahnend, was er damit meinte, aber nicht sicher genug.
James zuckte mit den Schultern oder versuchte es zumindest in seiner liegenden Position: „Du weißt schon… heiraten, Kinder und so."
Seine Cousine lachte und ließ sich dann neben ihn fallen, mit einem Mal nicht mehr interessiert daran, dass der Sand unweigerlich ihre Frisur zerstören würde. Sich zu ihm drehend, bemerkte sie, immer noch grinsend: „Na und? Du bist noch nicht einmal 18, du musst noch nicht deine Traumfrau gefunden haben. Von Kindern ganz zu schweigen, sonst wärst nämlich du der jenige, der die Damen von Glen schockiert und ich mit meinen etwas provokanten Röckchen nur ein Nebenthema."
„Was du natürlich nicht zulassen kannst", neckte James sie, hob eine ihrer jetzt sandigen Locken hoch und zog sanft daran.
„Ich habe einen Ruf zu verlieren", bestätigte Ally, sich um ein ernstes Gesicht bemühend, bevor sie es aufgab und lachte.
„Aber mal ehrlich", fand James kurz darauf wieder zum eigentlich Thema zurück, „du scheinst so ziemlich die einzige zu sein, die der Meinung ist, ich habe noch Zeit, bevor ich mich verlobe, heirate, was auch immer. Jeder sonst will wenigstens eine feste Freundin mit Perspektiven von mir sehen."
Ally rollte sich auf den Rücken, bevor sie nachdenklich antwortete: „Naja, du bist der Älteste, der ‚Stammhalter' sozusagen. Deshalb konzentrieren sich alle Hoffnungen auf eine Hochzeit natürlich auf dich. Und Walt und ich, die altersmäßig etwas von den Erwartungen auf uns nehmen könnten, sind einfach zu weit weg. Cece ja auch."
„Cece ist noch keine 16!", warf James ein und verzog das Gesicht.
Ally lachte: „Und? Meine Mutter war auch nicht älter, als sie meinem Vater versprochen hat, auf ihn zu warten."
„Das war… eine andere Zeit, andere Umstände", stellte James klar und warf seiner grinsenden Cousine einen bösen Blick zu, „abgesehen mal davon, wie geht es Cece eigentlich. Hat sie sich mittlerweile mal in ihrer eigenen Familie eingewöhnt?"
„Sei nicht gemein", wehrte Ally sofort ab, die die etwas böse Betonung auf ‚eigene Familie' durchaus mitbekommen hatte, „sie hat es nicht einfach. Ich meine, es geht mittlerweile wohl ganz gut, aber naja. Es ist nicht leicht für sie."
James versuchte sich an einem Nicken, erreichte aber bloß, dass noch mehr Sand in seine Haar gelangte, weshalb er sich entschied, verbal zuzustimmen: „Bestimmt nicht. Ich meine, ich könnte es mir nicht vorstellen, jahrelang von meinen Eltern und Geschwistern getrennt leben zu müssen. Aber… naja, es ist doch schon so lange her, oder nicht?"
„Ich weiß ja", Ally seufzte, „aber Cece ist nun mal so."
„Wusstest du übrigens, dass Cece eines der Mädchen ist, mit denen man mich verkuppeln will? Direkt nach Kit Douglas und noch vor deiner Freundin Ruby", wechselte James das Thema, wiewohl er, nach seinem gequälten Gesichtsausdruck zu urteilen, über dieses selbst gewählte Thema nicht glücklicher war als über das letzte.
Ally lachte: „Und, wen hast du vor, zum Altar zu führen?"
„Du bist herzlos!", beschwerte sich ihr Cousin sofort und kickte leicht mit einem Fuß in Richtung ihres Beines, dass Ally jedoch schnell anzog.
„Natürlich", bestätigte sie grinsend, „aber mal was anderes: gibt es denn jemanden in deinem Leben? Keine zukünftige Ehefrau, nur… naja, eine Freundin, nehme ich an."
James zögerte einige Sekunden, was für Ally natürlich Antwort genug war, aber schließlich gab er ihr tatsächlich eine wahrheitsgemäße Antwort: „Ein Mädchen aus meiner Schule… vielleicht… ich weiß nicht. Sie heißt Beth."
„Beth", wiederholte Ally nachdenklich und nickte dann, offensichtlich ein Urteil fällend, „ist sie nett? Hübsch?"
„Ja, beides", James nickte, fügte dann aber ausweichend hinzu, „aber naja, egal, mir ist gerade aufgefallen, dass Bruce und Yvette im Moment genug Kinder ausbrüten, insofern brauche ich mir keinen Stress zu machen. Wie heißt das Neuste noch mal?"
„Wer ist jetzt herzlos?" fragte Ally lachend, bevor sie antwortete, „sie heißt Katie, nach Catherine, Yvettes Mutter. Und sie ist blond!"
James warf ihr einen überraschten Blick zu: „Was ist so schlimm daran?"
„Ach, nur, dass ich vor Marcels Geburt mal gesagt habe, Yvette und Bruce könnten nur dunkle Kinder haben, weil sie doch beide schwarzhaarige sind und Walt war anderer Meinung…", Ally brach ab und schob etwas die Unterlippe vor.
„…und jetzt zieht er dich natürlich damit auf", vervollständigte James und lachte, „geschieht dir recht!"
Ally wollte etwas erwidern, er jedoch ließ sie nicht und fuhr direkt fort: „Übrigens, ich glaube ja eh immer noch, dass von uns Jungen Olli zuerst heiratet. Von euch Mädchen… ich weiß nicht, entweder kommt dein Traumprinz früh genug, ansonsten… Cece oder Annie, würde ich meinen."
„Kein Traumprinz in Sicht", wiegelte Ally sofort ab, „aber apropos Olli, auf dem Weg hierher haben wir in Ottawa halt gemacht und das neue Haus besichtigt. Sieht aus wie ein Hexenhaus, richtig toll. Und dann hat Persis es auch noch ‚Whisperwind' genannt."
„Klingt nett", James nickte, wirkte aber eher uninteressiert an dem Thema, „sag mal, warum sind sie noch mal umgezogen? Irgendwie ist das halb an mir vorbei gegangen."
„Shirley hat eine Stelle an der Universität in Ottawa angeboten bekommen und weil er ja nicht sein ganzes Leben in Kingsport bleiben kann und will, hat er sie angenommen", erklärte Ally etwas ungeduldig.
James nickte nachdenklich: „Richtig, ich erinnere mich, da war irgendetwas…"
„Du kriegst aber auch gar nichts mit", beschwerte seine Cousine sich, sich halb aufsetzend, um ihm einen anklagenden Blick zuzuwerfen, „mal wieder typisch!"
„Sehr richtig", erwiderte James nur friedlich, nicht auf einen Streit oder auch nur eine Kabbelei aus, und langte träge mit einem Arm nach ihr, um sie wieder herunterzuziehen. Ally ließ es geschehen, streckte sich wieder neben ihm aus und für einige Momente sahen beide schweigend zu den tief hängenden Wolken auf, vor denen zwei Möwen ihre Kreise zogen.
Nach einer Weile seufzte Ally und wandte den Blick ab. „Fliegen müsste man können", bemerkte sie leise und James nickte.
Ja, fliegen müsste man können.
