Burden of impurity

Kapitel 25

Auf der Flucht

Der einzig sichere Ort, der Hermine und ihren Freunden geblieben war, war der Grimmauldplatz. Doch auch der Aufenthalt dort hinterließ einen faden Nachgeschmack in ihrer ohnehin schon gespaltenen Gefühlswelt. Zum einen lag das daran, dass Harry und Ron jeden nur erdenklichen Grund suchten, Snape etwas anzuhängen, wofür er vielleicht gar nichts konnte. Zum anderen wurde sie erneut zur Zielscheibe ihrer Herkunft, denn sowohl Kreacher als auch die ehemalige Hausherrin scheuten nicht davor zurück, sie mit üblen Schimpfwörtern zu belegen.

Auch dann, wenn die Beleidigungen nur in Form eines Portraits geäußert wurden, machten Hermine diese Zwischenfälle seelisch schwer zu schaffen. Der einzige Lichtblick, der sie während dieser Zeit aufgrund ihrer Nachforschungen ereilte, waren Neuigkeiten über einen der Horkruxe.

Gemeinsam tüftelten sie einen Plan aus, wie sie das von Mundungus Fletcher gestohlene Medaillon aus Umbridges Besitz zurückgewinnen konnten. Leider ging auch diesmal zum Ende hin alles schief. Die Flucht aus dem Ministerium gelang nur knapp. Einer der Todesser heftete sich beharrlich an ihre Fersen, womit die Benutzung ihres sicheren Verstecks fortan hinfällig geworden war. Dass Ron obendrein beim Apparieren verletzt worden war, erwies sich als herber Rückschlag für das gesamte Trio. Ohne so recht weiter zu wissen, kampierten sie irgendwo in der Einöde und mussten dort ausharren, bis er wieder zu Kräften kam. Zwar hatten sie das Medaillon in ihren Besitz gebracht, doch wie sich herausstellte, sollten die Bücher Recht behalten: es wollte sich einfach nicht zerstören lassen.

Schon bald musste Hermine feststellen, dass die Kräfte, die es in sich barg, einen negativen Einfluss auf sie und ihre Begleiter ausübte. Die Jungs wurden aufgrund der ausbleibenden Fortschritte immer ungeduldiger und kabbelten sich immer häufiger.

Während Ron damit zu kämpfen hatte, dass er nach wie vor angeschlagen und so gut wie nutzlos war, kam es mehrmals zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Sogar Dumbledore geriet ins Visier ihrer Streitereien, schließlich war er es gewesen, der sie ohne brauchbare Hinweise auf diese aussichtslose Suche geschickt hatte.

Hermine war mit ihren Nerven am Ende. All ihre Bemühungen, Frieden zwischen den Jungs zu stiften, scheiterten, woraufhin Ron sich aus dem Staub machte und sie mit Harry alleine zurückließ.

Enttäuscht und wütend zugleich klammerte sie sich an dem Gedanken fest, dass sie all das über sich ergehen ließ, um eines Tages Severus wiederzusehen. Es war irrsinnig, schließlich standen die Chancen, heil aus dieser Situation herauszukommen, mehr als schlecht. Und doch wollte sie daran glauben.

In ihrer Verzweiflung entschied sie gemeinsam mit Harry, seinem Geburtsort Godric's Hollow einen Besuch abzustatten, in der Hoffnung, dort Anhaltspunkte über einen weiteren Horkrux zu finden. Doch auch dort verlief alles anders als erwartet, obwohl sie insgeheim damit gerechnet hatten, in eine Falle zu tappen, schließlich war Voldemort damals beinahe an diesem Ort gestorben, als er versucht hatte, Harry zu töten. Nur mit Mühe und Not entkamen sie einem hinterhältigen Angriff von Nagini und Hermine musste einmal mehr ihr Können unter Beweis stellen, in einer aussichtslosen Situation richtig zu handeln. Abgesehen von Harrys zerbrochenem Zauberstab, der einen großen Verlust für ihn darstellte, schafften sie es aber gerade noch, unbeschadet davonzukommen.

Nach diesem Ereignis wurde Hermine wieder einmal deutlich bewusst, wie weit sie tatsächlich von ihrem Ziel, die Horkruxe zu finden und zu zerstören, entfernt waren. Hinzu kam erschwerend, dass sie sich Vorwürfe machte, Harrys Zauberstab zerbrochen zu haben, obwohl er sich bemühte, sich nichts anmerken zu lassen.

Spät in der Nacht saß sie betrübt im Inneren des schützenden Kreises, den sie um den Lagerplatz gezogen hatte, um nicht von Greifern oder Todessern entdeckt zu werden und grübelte in friedfertiger Stille über die vergangenen Stunden nach. Die Mischung aus Kälte und Dunkelheit, die sie in dieser Einsamkeit umgab, hatte etwas Ehrfurchtsvolles an sich. Selten hatte Hermine so empfunden. Umso mehr überraschte es sie, als sie plötzlich ein schwaches Leuchten zwischen den Bäumen entdeckte. Verschreckt zuckte sie zusammen und ließ den Zauberstab fallen.

Verdammt! Im Stillen in sich hinein fluchend kauerte sie sich auf den Boden und tastete mit der Hand in der Dunkelheit umher. Wie konnte das nur passieren?

Tränen stoben in ihre Augen. Doch eigentlich war es nach all diesen verstörenden Erlebnissen in den vergangenen Monaten kein Wunder, dass ihre Nerven blank lagen. Sie war erschöpft und mit ihrem Latein am Ende. Als sie ihn dann endlich gefunden hatte, schlang sie fest die Finger darum und blickte auf. Das Leuchten aber war längst verschwunden. Irritiert rappelte sie sich auf die Beine und rieb sich die müden Augen. Ein Blick auf das abgedunkelte Zelt in ihrem Rücken verriet ihr, dass Harry eingeschlafen sein musste. Fröstelnd zog sie die Enden ihrer Decke fest um die Schultern zusammen. Was auch immer dieses Leuchten ausgelöst hatte, musste menschlichen Ursprungs sein; ein Grund mehr, auf der Hut zu sein.

Nachdem sie für etliche Minuten danach Ausschau gehalten hatte, legte sich erneut eine friedfertige Aura um Hermine. Sie wollte schon fast kehrtmachen, um endlich schlafen zu gehen, da sah sie es wieder. Diesmal noch deutlicher. Das Leuchten wurde zu einem Lichtkegel in Form eines Tieres, der sich zwischen den Bäumen umher bewegte.

Hermine kniff angestrengt die Augen zusammen. Wenn sie es richtig entzifferte, handelte es sich bei der geheimnisvollen Erscheinung um einen Patronus. Doch wer sollte sich mitten in der Nacht hier draußen herumtreiben?

Ein kleiner Hoffnungsschimmer erwachte in ihr. Wer auch immer dort umherirrte, konnte keine Gefahr darstellen, denn für gewöhnlich gelang es Todessern nicht, einen gestaltlichen Patronus heraufzubeschwören; und ein Patronus war immerhin kein todbringendes Omen, sondern ein gutes Zeichen.

Der Wunsch in Hermine, endlich etwas Positives zu erfahren, war so stark, dass sie mit dem Gedanken liebäugelte, dass vielleicht Ron dahinterstecken könnte, obwohl die Chancen, dass er sie an diesem Ort finden würde, sehr gering waren.

Mit klopfendem Herzen setzte sie einen Fuß vor den anderen und folgte dem Licht, das sie durch die Dunkelheit führte.

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Hermine wollte lachen und weinen zugleich. Vor ihr in einem zugefrorenen Tümpel lag das Schwert von Gryffindor. Doch wie hatte es nur zu ihnen gefunden? Die Lichtquelle des vermeintlichen Patronus war auf ebenso geheimnisvolle Weise wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Rons Terrier war es nicht gewesen, soviel stand fest, doch es war ihr gleich. Die Botschaft, die dahinter steckte, war so befreiend, dass sie es selbst kaum fassen konnte: endlich – endlich hatten sie etwas, womit sie die Horkruxe zerstören konnten!

Trotz dieser Euphorie wurde ihr bald bewusst, dass sie etwas tun musste, um das Schwert aus dem Tümpel zu bergen. Ironischerweise aber half keiner der ihr bekannten Zaubersprüche, es aus dem eisigen Grab zu befreien, womit ihr nur die Option blieb, sich selbst in die Fluten zu stürzen, wenn sie es haben wollte. Über ihre törichte Handlung den Kopf schüttelnd legte sie die warme Decke ab und zog sich die Sachen aus. Es wäre nicht gerade hilfreich gewesen, mit voller Montur in das eiskalte Wasser zu hüpfen; es sei denn, sie hatte vor, sich das Leben zu nehmen, was aufgrund des Gewichts von nasser Kleidung unweigerlich zum Ertrinken führen würde.

Mit all ihrem gesammelten Mut stakste sie barfuß über die Eisfläche, jagte mithilfe ihres Zauberstabs ein Loch hinein und ließ sich in die dunklen Tiefen hinab gleiten. Hätte sie gekonnt, hätte sie lauthals drauflos geflucht. Die Tatsache aber, dass sie die Luft in ihren Lungen für wichtigere Dinge benötigte, hielt sie davon ab. Jeder Muskel ihres Körpers schmerzte schon nach kürzester Zeit, während sie sich krampfhaft vorwärts zwang, Meter für Meter dem Schwert entgegen zu tauchen.

Zuerst fühlte es sich an, als würde ihr jemand tausende glühend-heißer Nadeln unter die Haut jagen. Ihr Gehirn spürte nichts als Schmerz, was es ihr fast unmöglich machte, weiter an das Schwert zu denken. Als sie dann endlich die Finger um den Griff schlang, spürte sie, dass sie die Kraft verließ. Der Schmerz ließ nach und ging in etwas anderes über, das sie sich selbst nicht erklären konnte. Sie fühlte sich plötzlich leicht und frei, irgendwo zwischen Tod und Leben gefangen. Die Anstrengungen der letzten Wochen hatten über sie gesiegt und so schloss sie vor Erschöpfung die Augen und gab sich ihrem Schicksal hin.

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„Wolltest du mich umbringen? Warum hast du das blöde Schwert nur in diesem Tümpel versteckt?"

Snape rollte mit den Augen. „Ist das alles, was du mir zur Begrüßung sagen willst?"

Hermine holte tief Luft. Beinahe erschien es ihr unwirklicher, seinen Sarkasmus nach all dieser Zeit wieder zu hören, als die Tatsache, dass er wahrhaftig hier war.

Ermattet schüttelte sie den Kopf, während sie Mühe hatte, die Tränen aus ihren Augen fort zu blinzeln.

Snape schnaubte indes leise vor sich hin und richtete den Zauberstab auf den Boden, um ein Feuer zu entfachen. „Eigentlich wollte ich vermeiden, dass so etwas passiert, Hermine", sagte er abwesend. „Aus genau diesem Grund habe ich es dort versteckt. Ich wollte keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen, verstehst du? Woher hätte ich denn wissen sollen, dass du es warst und nicht Potter? Außerdem hätte ich nicht gedacht, dass derjenige, wer auch immer es finden würde, gleich ertrinken würde."

Sie zuckte ungläubig mit den Schultern und kuschelte sich zitternd in seinen schwarzen Umhang, in den er sie eingewickelt hatte, nachdem er sie aus dem Wasser gezogen hatte.

„Um ehrlich zu sein, verstehe ich es nicht, Severus. Weißt du eigentlich, wie kalt dieses Wasser war? Außerdem habe ich wochenlang … nein, monatelang auf ein Zeichen von dir gewartet und jetzt sagst du mir das?"

Er fuhr sich seufzend mit der Hand durch die Haare und setzte sich zu ihr auf einen alten Baumstamm. „Dachtest du, es ist mir leicht gefallen, dich damals so stehenzulassen? Die ganze Welt ist hinter mir her. Und ihr seid auf der Flucht. Jeden Tag hoffe ich darauf, keine schlechten Nachrichten zu hören ..."

Sie schluchzte auf und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. „Wie hast du uns hier überhaupt gefunden?"

„Das ist eine lange Geschichte", murmelte er in tiefen Tönen.

„Dann erzähl sie mir."

Er rollte plötzlich wie von Schmerz durchzogen die Mundwinkel zurück. „Ich kann nicht lange bleiben, wenn ich mich nicht verdächtig machen will, Hermine. Du hast keine Ahnung, wie es jetzt in Hogwarts zugeht."

„Doch, habe ich. Ich habe im Radio gehört, was die Menschen über dich sagen, Severus. Du wurdest sogar im Tagespropheten erwähnt, als du Schulleiter geworden bist."

Er nickte stillschweigend vor sich hin. „Und?", fragte er nach einer Weile. „Glaubst du, was sie über mich sagen?"

Sie betrachtete von der Seite her sein vertrautes Profil, während er ins Feuer hinein starrte. Erst jetzt erkannte sie, wie abgeschlagen er wirkte.

„Ich weiß es selbst nicht", erklärte sie unbeholfen. Aber ich hatte nicht das Gefühl, als seist du ein kaltblütiger Mörder, was mich in dem Glauben ließ, dass mehr dahinterstecken muss."

Erst jetzt wagte er es wider, den Blick auf ihr Gesicht zu heften. Für etliche Sekunden sahen sie sich an, bis Hermine das Wort ergriff: „Die Carrows machen dir bestimmt zu schaffen, nicht wahr?"

„Du hast ja keine Vorstellung davon, wie sehr", knurrte er missmutig. „Sie überwachen fast jeden meiner Schritte."

Hermine biss sich auf die Lippe. Snape aber legte den Arm um sie und zog sie zu sich. Kaum spürte sie die Nähe zu ihm, konnte sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten und prallte ungehalten gegen seine Brust. Ihre Finger streckten sich nach seinen Knöpfen und krallten sich daran fest.

„Was passiert nur mit uns?", wimmerte sie traurig in den schwarzen Stoff hinein.

„Ich wünschte, ich könnte es dir sagen. Aber ich kann nicht. Es steht für uns beide zu viel auf dem Spiel."

„Dann werden wir also weiterhin getrennter Wege gehen?"

Er antwortete nicht. Stattdessen umfasste er mit seinen warmen Händen ihr Gesicht und lehnte seinen Kopf an ihre Stirn. „Mir gefällt diese Vorstellung genauso wenig wie dir, Hermine", raspelte er leise hervor.

Sie schloss die Augen und nahm seine Gegenwart innig in sich auf. Jeder seiner tiefen, ruhigen Atemzüge wirkte vertraut auf sie.

„Ich habe dich so unendlich vermisst, Severus."

„Und ich dich."

Sie schluckte. Es war schwer, damit umzugehen, dass er plötzlich hier bei ihr war und gemeinsam mit ihr umgeben von Bäumen und etlichen Schutzzaubern unter dem Sternenhimmel saß.

„Das ist das erste Mal, dass wir so abgeschieden von allem sind, weißt du das?"

Er nickte kaum merklich und Hermine fühlte einen wohligen Schauder durch ihren Körper jagen, als sie seinen markanten Duft tief in sich einsog.

„Küss mich, Severus", flüsterte sie verträumt. „So wie damals, als du mir das Gefühl gegeben hast, nicht allein zu sein."

Er zögerte. „Es wird alles nur noch schwerer für uns machen, wenn wir das tun, Hermine."

Sie lachte bitter auf. „Ich weiß. Aber ich möchte sichergehen, dass das real ist. Außerdem schuldest du mir was, immerhin wäre ich deinetwegen fast ertrunken."

Kaum hatte sie ausgesprochen, löste er sich vorsichtig von ihr los. Dann schüttelte er den Kopf und drückte seine Lippen auf ihre.