Am späten Vormittag war Elizabeth dann in der Lage, wieder aufzustehen und sich ausgehfertig zu machen. Das Wetter war viel zu schön, um sich im Wohnmobil zu vergraben, fand sie, auch wenn ein Kuscheltag im Bett mit William sehr verlockend war. Aber das konnten sie sich genauso gut für einen Regentag aufheben. Sie mußte zugeben, daß es sehr gemütlich gewesen war heute nacht und freute sich auf viele Wiederholungen. Aber für heute hatte sie erst einmal andere Pläne.
Elizabeth hatte sich im Vorfeld viele Gedanken darüber gemacht, was sie so alles anstellen konnten während der nächsten Wochen. Sie hatten keinen festen Zeitplan gemacht und würden jeden Tag spontan neu entscheiden, was sie machen wollten. Sie war sehr sicher, auch der ein oder andere Kuscheltag würde hin und wieder eingelegt werden! Allein der Gedanke daran verursachte ihr weiche Knie. Aber heute stand Elizabeth der Sinn nach Ausreiten. Sie mußte nur William davon überzeugen, daß er sie in ihrem Zustand aufs Pferd ließ.
Elizabeth kannte eine Pferderanch in der Nähe, die Reittouren organisierte – geführt und ungeführt, ganz nach Wunsch und persönlichem Können. Mit dem Sohn des Eigentümers war sie seit langem befreundet – die Familie hatte bereits viele Pferde auf Sherwood Oak gekauft – und sie hatte ihn gebeten, ihr zwei Pferde für einen kleinen Ausritt zu reservieren. William wußte nicht, was Elizabeth sich für heute ausgedacht hatte und ließ sich überraschen. Er steuerte den Audi nach ihren Angaben aus dem Ort hinaus in Richtung Lake Minnewanka und etwa einen Kilometer vom See entfernt, ein bißchen abgeschieden am Waldrand aber sehr idyllisch, lag die Ranch der Olsens.
Elizabeth war schon ewig nicht mehr hiergewesen und sprang aufgeregt aus dem Auto, noch bevor William den Motor abstellen konnte. Sie konnte sich an jedes einzelne Pferd erinnern, das sie den Olsens verkauft hatten und war begierig darauf, die Tiere zu begutachten. Ein junger Mann in Elizabeths Alter entdeckte das Paar, winkte ihnen einen Gruß zu und schlenderte gemächlich heran. „Na wenn das nicht Lizzy Bennet ist!" grinste der hochgewachsene, kräftige Bursche über alle Backen, zog Elizabeth kurzerhand mit seinen bärenstarken Arme an seine breite Brust und drückte ihr zwei feuchte Schmatzer auf die Wange. William schmeckte diese intime Art der Begrüßung überhaupt nicht und sein grimmiger Blick sprach Bände. Es brodelte und kochte in ihm, doch noch hielt er sich zurück.
Elizabeth lachte bloß und machte sich schließlich los. „Davy, das ist William Darcy, seit drei Tagen mein Ehemann." Sie wurde tatsächlich ein wenig rot bei dem Wort „Ehemann". „William, David Olsen, ein uralter Freund und guter Kunde von Sherwood Oak." William reichte dem vermeintlichen Rivalen kühl die Hand und nickte bloß knapp. Dieser baumlange Kerl sollte bloß seine Finger von seiner Frau lassen! Der gutmütige Hüne konnte es nicht fassen. „Die kleine Lizzy und verheiratet! Nein, oder? Du willst mich auf den Arm nehmen!" „Würde mir nie in den Sinn kommen, Großer!" lachte Elizabeth und schüttelte amüsiert den Kopf über den ungläubigen Blick ihres alten Freundes.
Dieser wandte seinen Blick William zu, grinste ihn an und ehe er es sich versah, fiel eine schwere Pranke auf seine Schulter. William unterdrückte den Impuls, sich die schmerzende Stelle zu reiben und funkelte David nur finster an. „Hey, herzlichen Glückwunsch, Mann!" rief dieser und ein weiterer freundschaftlicher, wenn auch etwas wuchtiger Schlag, diesmal auf den Arm, erschütterte den armen William, der nur mühsam das Gleichgewicht halten konnte. „Lizzy ist eine tolle Frau, ey? Ich hoffe, du machst sie glücklich!" William wollte ihm gerade freundlich mitteilen, daß ihn das einen Scheißdreck anging und er seine verdammten Griffel von seiner Frau lassen sollte, als David jemanden entdeckte und quer über den Hof brüllte.
„He, Jenny, sieh mal, wer hier ist!" rief er und William, der sich mittlerweile wirklich um seine und Elizabeths Gesundheit sorgte, wollte nur noch weg von hier. Würde er sich jetzt auch noch einen Hörsturz einfangen, nachdem der Kerl ihm fast die Schulter und den Arm gebrochen hatte? Eine junge, zierliche blonde Frau, etwa halb so groß und ein Viertel so breit wie David Olsen, blickte auf und kam lächelnd näher. „Lizzy! Was für eine Überraschung! Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen!" Die beiden Frauen lachten und umarmten sich herzlich. „Jenny, das ist William, mein Mann. William, Davids Frau Jenny!"
Jenny Olsen war ebenso erstaunt wie ihr Mann, daß Elizabeth verheiratet war und beäugte William Darcy interessiert. Ihr gefiel, was sie sah und sagte das auch ganz unverblümt, was William prompt erröten ließ. Er fühlte sich sowas von unwohl und wollte nur noch weg von hier. Er kam sich vor wie ein preisgekrönter Hengst, der von interessierten Käufern daraufhin begutachtet wurde, ob er gut genug für die Zuchtstute sei! Dazu kam, daß er nicht die geringste Ahnung hatte, was sie hier überhaupt wollten. Nach gesellschaftlichen Verpflichtungen stand ihm keineswegs der Sinn. Er wollte mit Elizabeth alleine sein, es waren ihre Flitterwochen, verdammt! Aber William war wohlerzogen genug, daß er Jenny die Hand reichte und ein paar Höflichkeiten murmelte.
Die beiden Olsens waren natürlich interessiert daran, Elizabeth nach so langer Zeit in ein ausgiebiges Gespräch zu verwickeln und so dauerte es nicht lange, und sie und William wurden zu Kaffee und einem kleinen Plausch ins Haus eingeladen. Williams Gesichtsausdruck sprach Bände und er entspannte sich erst wieder, als Elizabeth die Einladung höflich ablehnte. Sie wußte, sie würden hier nicht herauskommen, bevor sie nicht mit der ganzen Familie zu Abend gegessen hätten, und das mochte sie ihrem Ehemann gewiß nicht antun, so gerne sie die Olsens auch hatte. Mit der Einladung, irgendwann in naher Zukunft einen ganzen Tag auf der Ranch zu verbringen verabschiedete sich Jenny Olsen von den Darcys – nicht, ohne eine anzügliche Bemerkung in Richtung William zu machen. David Olsen lachte dröhnend über den kleinen Scherz seiner Frau, schlug dem armen William noch ein weiteres Mal herzhaft auf die Schulter und zog ihn dann kurzerhand mit sich zu den Pferdeställen.
Elizabeth folgte den beiden Männern amüsiert. Armer William! dachte sie liebevoll. David Olsen war eine Seele von Mann, ebenso gutmütig wie riesig und er hatte seine Bärenkräfte nicht immer unter Kontrolle. Und sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, daß sich ihr ehemals „arroganter, unausstehlicher Anzugträger" hier sehr wohlfühlte, bei Landeiern, mit denen er nichts gemeinsam hatte. Nicht, daß er Vorurteile hegte, zumindest hoffte sie, daß er das nicht tat, aber er tat sich immer noch schwer mit Fremden. Vor allem mit Fremden, die nicht seinen Gesellschaftskreisen angehörten. Und wenn er dann noch an jemanden wie Davy geriet, der mit seinem großen Herzen alle Menschen gleich adoptieren mußte... Sie grinste und wunderte sich wieder einmal, daß er sie tatsächlich geheiratet hatte! Ihre Hände fuhren unbewußt über ihren bisher nur leicht geschwollenen Bauch und sie seufzte leicht.
William hörte das leise Geräusch und wandte sich zu Elizabeth um. „Ist alles in Ordnung, Liebes?" fragte er besorgt. Elizabeth nickte und hakte sich bei ihm ein. „Ja, alles in bester Ordnung. Ich hoffe, dir gefällt, was ich heute für uns geplant habe!" William schnaubte unterdrückt. Wenn ihr Plan für heute vorsah, sich eine Pferderanch anzusehen und dabei von diesem Riesenbaby die Knochen gebrochen zu bekommen... na da konnte er sich etwas aufregenderes vorstellen! Elizabeth grinste, als sie seinen finsteren Blick sah. „Wir sind gleich wieder weg, William, keine Angst," flüsterte sie. „Und dann sind wir ganz alleine für den Rest des Tages!"
Das hörte sich schon besser an, auch wenn William immer noch nicht wußte, was genau sie im Schilde führte. Er ging davon aus, daß sie hier nur einen Höflichkeitsbesuch gemacht hatten und sich gleich wieder verabschieden würden. Als sie die großräumigen Stallungen betraten und David ihnen zwei bereits gesattelte Pferde vorführte, dämmerte es William. Elizabeth wollte ausreiten! Und das kam in ihrem Zustand ja wohl überhaupt nicht in Frage.
„Nein," sagte er entschieden und blieb stehen. „Nein was?" wollte Elizabeth wissen und warf ihm einen trotzigen Blick zu. Sie ahnte, was nun kam. „Du wirst unter keinen Umständen ein Pferd besteigen!" Elizabeth, die Befehle nicht ausstehen konnte, zwang sich zur Ruhe. Mit Trotz kam sie bei ihrem Ehemann nicht weiter, soviel wußte sie schon. Auch wenn sie am liebsten explodiert wäre, sie trat zu ihm und lächelte besänftigend. David hatte soviel Takt und machte sich am anderen Ende der Box zu schaffen. „William, ich habe mir das gut überlegt und auch meinen Arzt gefragt. Er hat nichts einzuwenden, wenn ich verspreche, Schritt zu reiten. Meine Idee ist, einmal gemütlich um Lake Minnewanka zu reiten. Mit Picknickpause und so weiter sind wir den ganzen Tag unterwegs. Es kann mir nicht schaden, Liebling. Und David hat zwei der bravsten und verläßlichsten Tiere ausgewählt – beide ursprünglich natürlich von Sherwood Oak." Stolz mischte sich in ihr Lächeln und Williams Widerstand begann zu bröckeln. Aber noch nicht ganz.
„Aber auch das verläßlichste Tier kann sich erschrecken und dich abwerfen," wandte er ein. Ihm war nicht wohl bei der Sache. Was sollte er tun, wenn tief im Wald etwas passierte? Er würde sich ein Leben lang Vorwürfe machen. Elizabeth gestand sich ein, daß diese Möglichkeit immer gegeben war, aber sie hatte Vertrauen zu den Tieren. Und außerdem noch einen kleinen Joker im Ärmel. „Diese Gegend ist nicht sonderlich stark besucht, die meisten nutzen den See zum Tauchen und kommen mit einem Boot." Sie deutete mit dem Kopf auf eines der Pferde. „Sieh mal, „Moonlight" hat schon Proviant in den Packtaschen und ich glaube, ich sehe dort auch eine kuschlige, weiche Decke..." Elizabeth rückte näher an Willam heran und senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. „Und außerdem kenne ich an der Spitze des Sees einen versteckten, sehr sonnigen, grasbewachsenen und sehr gemütlichen Rastplatz..." Ihre Hand fuhr leicht über seine Brust und William mußte gegen seinen Willen lachen. Diese kleine Hexe wußte bereits nach drei Tagen Ehe sehr genau, wie sie ihn ködern konnte!
„Ich kann nicht glauben, daß sie solche fiesen Tricks anwenden, Mrs. Darcy!" schmunzelte er und nahm Elizabeth in die Arme. „Aber scheinbar erfüllen sie ihren Zweck, nicht wahr, Mr. Darcy?" Sie tauschten einen zarten Kuß, der sich jedoch rasch zu etwas leidenschaftlicherem verwandelte und erst als David Olsen diskret neben ihnen hüstelte – für seine Verhältnisse diskret, denn man konnte es sicher trotzdem noch in Banff hören – fuhren sie verlegen auseinander und wandten sich mit roten Köpfen einem grinsenden David und den beiden Pferden zu. „Lizzy, ich glaube, dein Mann kann es kaum erwarten, von hier zu verschwinden," dröhnte David amüsiert und William brachte sich schnell vor seiner Hand in Sicherheit, die schon wieder auf seine Schulter herniederkrachen wollte. Er hatte für heute wahrlich genug von Davids „Zärtlichkeiten"!
Nachdem David ihnen noch ein paar gutmütige Neckereien mit auf den Weg gegeben hatte, konnten sie endlich die Ranch verlassen. William staunte, wie gut sich Elizabeth in der Gegend auskannte. Wie versprochen ließ sie es langsam angehen – eine höhere Geschwindigkeit war allerdings sowieso nicht möglich, da sie zunächst auf wenig bis überhaupt nicht sichtbaren Wegen den Wald durchquerten und sie aufpassen mußten, wohin sie die Tiere lenkten. William nutzte die Zeit, um sich aufmerksam umzuschauen. Er schämte sich aufrichtig, daß er sich so schlecht in seiner eigenen Heimat auskannte. Elizabeth hatte recht, es war wundervoll hier. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals hiergewesen zu sein.
Im Wald war es angenehm warm, ein paar Sonnenstrahlen stahlen sich einen Weg durch die üppigen Blätterdächer der Ahornbäume und hin und wieder konnte man einen verschneiten Berggipfel in der Ferne erblicken. Nicht allzuweit entfernt blitzte die Oberfläche des Lake Minnewanka durch die Baumstämme. In angenehmem Schweigen ritten sie für einige Zeit hintereinander her, Elizabeth vorneweg, beide in eigene Gedanken versunken. Am Ufer des Sees machten sie ihre erste kleine Pause, bevor sie sich zu Elizabeths verstecktem, sonnigen Rastplatz aufmachten.
Und in der Tat, der Platz war reizend. Eine kleine, fast quadratische Fläche war mit feinem Gras bewachsen, ein riesiger, alter Ahornbaum spendete Schatten und wenige Meter entfernt begann schon das Ufer des Sees. Trotzdem war die Stelle verborgen und sie konnten davon ausgehen, daß sich hier niemand hinverirren würde. Sie waren sowieso noch niemandem unterwegs begegnet seit ihrem Start auf der Ranch. William half Elizabeth vom Pferd, was sie mit einem amüsierten Lächeln quittierte und löste die Packtaschen, während Elizabeth die Decke unter dem Baum ausbreitete.
William machte sich nicht erst die Mühe, die Taschen zu durchstöbern oder auszupacken – er ließ sich wohlig seufzend auf der weichen Decke nieder und zog seine Ehefrau an sich. „Ich glaube, du mußt meine Blessuren heilen, die mir dein seltsamer Freund zugefügt hat," murmelte er und Elizabeth giggelte. „Armer William! Entschuldige, ich hätte dich vorwarnen sollen. Davy ist ein herzensguter Mensch, aber manchmal schlägt er etwas über die Stränge..." „Haha! Ich kann froh sein, wenn nichts gebrochen ist!" brummte William indigniert und seine Hand schob sich unter Elizabeths T-Shirt. „Und jetzt laß uns nicht mehr davon reden, ok? Laß uns lieber überprüfen, ob dir das hier gefällt..."
Elizabeths kehligem Stöhnen zufolge gefiel ihr das außerordentlich gut.
Sie verbrachten über zwei Stunden in ihrem kleinen Liebesnest am Ufer des Sees und William mußte zugeben, daß er sich bisher über seine Flitterwochen auf heimatlichem Boden nicht beklagen konnte. Sonne, Ruhe, Liebemachen... da konnte man auch ein paar Minuten in David Olsens Gegenwart ertragen. Solange viel Zeit mit Elizabeth übrigblieb störte ihn das nicht weiter. Die Einladung, einen Tag auf der Ranch zu verbringen, würden sie – wenn überhaupt – erst später, nach den Flitterwochen annehmen. Sehr viel später, wenn es nach ihm ging.
Am späten Nachmittag gaben sie die beiden Pferde wieder auf der Ranch ab. William war erleichtert, daß von David weit und breit nichts zu sehen war und ein Stallbursche die Tiere in Empfang nahm. So konnten sie sich schnell wieder verabschieden ohne das einer der Olsens sie nötigte, doch zum Abendessen zu bleiben. Stattdessen kehrten sie auf den Campingplatz zurück. Nach einem heißen Kaffee (koffeinfrei für Elizabeth) quetschten sie sich gemeinsam in die enge Duschkabine ihres Wohnmobils, was das sowieso nicht gerade riesige Bad prompt unter Wasser setzte, sie jedoch nicht im geringsten störte.
„Irgendwann bist du zu umfangreich, um mit mir zu duschen," grinste William und wickelte ein Handtuch um Elizabeth. „Selbst die Dusche in Pemberley wird dann ein wenig eng werden..." Sie zog eine Schnute. „Du findest mich dick!" jammerte sie, was William nur noch mehr zum Lachen brachte. „Noch nicht. Aber doch, ja, bald wirst du so richtig schön kugelrund werden." Er tätschelte ihren noch nicht allzu gewölbten Bauch und Elizabeth warf ihm einen anklagenden Blick zu. „Ich werde dick und fett und du wirst mich nicht mehr anfassen wollen und ich werde Atemnot kriegen und mich nicht mehr bewegen können und meine Beine werden auch anschwellen und du wirst..." William stoppte ihre Litanei mit einem Kuß.
„Ich werde deinen süßen kleinen kugelrunden Bauch lieben und pflegen und immer gut auf dich und das Kleine da drinnen aufpassen. Versprochen." „Und du wirst keine Witze über meine Unförmigkeit machen?" Williams Mundwinkel zuckten, aber er nickte ernst. „Keine Witze. Versprochen." „Gut." Elizabeth warf ihm zwar einen etwas skeptischen Blick zu, doch sie ließ es vorerst dabei bewenden und wechselte das Thema. „Was möchtest du heute abend essen?" fragte sie und rubbelte sich die Haare trocken. „Laß uns nach Banff fahren, was hältst du davon? Ich möchte, daß wir so wenig wie möglich „Hausarbeit" hier haben. Frühstück ist ok, aber abends sollten wir essen gehen."
Elizabeth grinste. „Du willst ja bloß nicht abtrocknen!" kicherte sie und traf damit ins Schwarze. „Nein, will ich auch nicht," gab William bereitwillig zu und zog sie an sich. „Mit solchen profanen Sachen geht viel zu viel wichtige Zeit verloren, die wir wesentlich angenehmer verbringen können, Mrs. Darcy..." Elizabeth kuschelte sich an ihn und schloß genießerisch die Augen. „Deine Fähigkeiten als Hausmann lassen schwer zu wünschen übrig, Mr. Darcy," murmelte sie und seufzte leise auf, als seine warmen Lippen die verborgene, empfindliche Stelle hinter ihrem Ohr berührten. „Für was gibt es Personal," brummte William und küßte sie. Elizabeth gab sich nur zu gerne seinem Kuß hin, doch dann kam ihr ein unangenehmer Gedanke in den Sinn und sie fuhr zurück. William sah sie verwirrt an.
„Was ist, Liebes?" wollte er besorgt wissen. „Ist dir wieder schlecht?" Elizabeth schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Es ist nur..." Sie überlegte. „Du...du hast nicht vor, für das Kleine ein Kindermädchen einzustellen, oder?" Ihr Blick war fast ängstlich und William nahm ihre Hände vorsichtig in seine. „Es sei denn, du willst es, Liebling. Du weißt, du bekommst jegliche Unterstützung, du brauchst es nur zu sagen." „Ja aber möchtest du denn, daß jemand fremdes unser Kind erzieht?" William führte seine Frau zur Couch und ließ sie Platznehmen. „Ich möchte auf keinen Fall, daß es zum Großteil unter Fremden aufwächst, von Kindermädchen und Gouvernanten erzogen wird oder weiß der Kuckuck. Soweit es mir möglich ist, werde ich mich aktiv an allem beteiligen, ich werde mir soviel Zeit wie möglich nehmen, das verspreche ich dir. Und dem Kleinen." Eine Hand fuhr sanft über Elizabeths Bauch. „Aber du weißt auch, daß ich immer noch eine Firma zu leiten habe, die mich fordert und weiter fordern wird. Wir werden darüberhinaus gesellschaftliche Pflichten wahrnehmen müssen, wenn auch nicht so viele, wie es andere gerne hätten. Daher wird es nicht ausbleiben, daß wir dann und wann Fremdpersonal brauchen, Babysitter vielleicht oder jemand, der dich regelmäßig unterstützt. Das müssen wir mit der Zeit einfach rauskriegen, was am besten paßt. Verstehst du, was ich meine, Liebes?"
Elizabeth nickte langsam. „Ich glaube schon." William zog sie kurz an sich und küßte sie auf die Stirn. „Aber vor allem ist auch wichtig, was du willst, Elizabeth. Möchtest du eine Vollzeitmutter sein? Möchtest du arbeiten? Oder vielleicht Pferde züchten?" Elizabeth schaute ihn mit großen Augen an und er lachte. „Ernsthaft, Liebes. Hast du dir darüber noch keine Gedanken gemacht?" Elizabeth zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt, nein. Ich glaube, zuerst möchte ich meine ganze Energie in die Kindererziehung stecken – ich habe sowieso genug Panik davor!"
„Panik, Liz? Du brauchst keine Angst zu haben. Wir werden uns alle Hilfe holen, die wir brauchen, wenn wir nicht weiterkommen! Mrs. Reynolds ist da, deine Mutter ist sicherlich ganz wild auf ihr erstes Enkelkind. Wir kriegen das schon hin, wir zwei, keine Angst!" Elizabeth fand ihren Gemahl niedlich, wenn sie sich vorstellte, wie er Windeln wechselte und nachts aus dem Bett wankte, weil das Baby schrie. Sie war sehr gespannt darauf, wie die Realität werden würde! Aber es war noch genügend Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wenn es erst einmal soweit war. Elizabeth war davon überzeugt, daß William ein wundervoller Vater werden würde und sie schaute zuversichtlich, wenn auch ein bißchen aufgeregt in die Zukunft.
William hingegen schaute mit hungrigem Magen in die etwas näherliegende Zukunft. Er war sehr dafür, daß sie nun in die Stadt fahren sollten um zu Abend zu essen. Die ständigen körperlichen Betätigungen machten ihn hungrig – und das nicht nur nach Elizabeth! Obwohl es noch ein wenig früh fürs Abendessen war, fuhren sie schließlich los. Elizabeth äußerte den Wunsch, den Christmas Shop im Ort anzuschauen, dem William mit gerunzelter Stirn und einem dezenten Seufzen nachkam. Die Besonderheit an diesem Laden war, daß er das ganze Jahr über geöffnet hatte, egal wie heiß es draußen war. William war nicht so wirklich in Weihnachtsstimmung, kein Wunder an einem warmen Augusttag, aber er ließ Elizabeth natürlich gewähren. Einer schwangeren Frau schlug man schließlich nichts ab, nicht wahr?
Sobald man die Stufen zu dem erstaunlich großflächigen Laden hinuntergestiegen war, fühlte man sich tatsächlich in die Weihnachtszeit versetzt. Weihnachtliche, wenngleich sehr dezente Klänge tönten aus verborgenen Lautsprechern, ganze Herden von Teddybären mit roten Nikolausmützen säumten die Stufen, die in eine weitere Einkaufsebene führten und überall blinkte und leuchtete es. Und seine Frau Gemahlin konnte sich offenbar stundenlang in diesem Geschäft aufhalten! William seufzte resigniert. Sie schlenderte langsam und mit großen Augen durch den Laden, bewunderte den filigranen, handgearbeiteten Christbaumschmuck aus Silber und Kristall, strich über die Teddybären, staunte über die Spieluhren. Eine Verkäuferin mit deutlich schwangerem Bauch verwickelte sie in ein Gespräch und bald diskutierten sie über Schwangerschaft und Babys und Geburten, was William zur (temporären) Flucht veranlaßte um sich die kleine Modelleisenbahn anzuschauen, die in einer Ecke aufgebaut war und um die sich schon weitere Väter beziehungsweise offenbar geduldig wartende Ehemänner versammelt hatten.
Elizabeth beendete schließlich ihr Gespräch, sah sich nach William um, fand ihn nicht in den verwinkelten Geschäftsräumen und ging kurzerhand zur Kasse, um ihre Ausbeute derweil zu bezahlen. Die schwangere Verkäuferin lächelte, als sie ihre Kundin wiedererkannte, nahm Elizabeths Kreditkarte entgegen und packte ihre Einkäufe ein. „So, bitte sehr, Mrs. Darcy," sagte sie und reichte ihr die Tasche. „Ich wünsche ihnen alles gute, und wenn..." Ein lautes, ungläubiges Schnauben gefolgt von einer boshaften Bemerkung hinter ihrem Rücken lenkte Elizabeth ab. Sie nahm die Tasche an sich, drehte sich langsam um und blickte in das spöttisch grinsende Gesicht von Caroline Bingley.
