A/N

Hallo, sorry Leutz dass das so lange gedauert hat. Aber…wie gesagt Abschlussarbeiten rücken immer näher… zitter.

tatatata Trommelwirbel

Jetzt endlich kommt ein neues Kapitel! Ich wünsche euch beiden viel Spaß. Und, wie immer bitte, bitte Reviews! ;)

PS Falls jemand das zuvor schon kurz gelesen hatte, ich hatte die erste Version dieses Kapitels zu schnell ins Netz gestellt! Die hier ist jetzt überarbeitet und BESSER!

Kapitel 24

Langsam ging er den Gang entlang.

Das Licht der Sonne schien durch das große Fenster am Ende des Ganges, tauchte diesen in ein Meer aus Licht. Fast hatte man das Gefühl, als nähre man sich dem Ende… Dem Übergang von der Welt der Lebenden in die Welt der Toten…

Lichtflecken huschten über die Tapeten, bis hin in die dunkelsten Ecken. Tanzten über das dunkle rot.

Er nährte sich seinem Zimmer, doch bevor er die Tür öffnete, hielt er kurz inne. Genoss die Wärme der Sonne auf seiner kühlen Haut… So angenehm…beruhigend… Die Wut in ihm, über seine fehlerhaften Würfe im Schießstand, verrauchte. Löste sich auf, als hätte sie nie existiert und machte einer wohltuenden Ruhe platz.

Ein kaum sichtbares Lächeln stahl sich um einen seiner Mundwinkel – und er öffnete die Tür zu seinem Zimmer. Drückte die Klinke hinab und trat ein.

Andersen wollte die Tür hinter sich schließen – und hielt mitten in der Bewegung inne.

Jemand befand sich in seinem Zimmer, oder besser gesagt, stand vor dem breiten Fenster, gegenüber der Tür. Jemand bestimmtes….

„Mach die Tür zu…" Sie drehte sich nicht um – und er schloss, wie mechanisch, die Tür hinter sich. Ohne auch nur einen Moment den Blick von ihr zu nehmen.

„Rhyan…wie…"

Warum ist sie hier? Wie ist sie herein gekommen?

Wie wohl? Natürlich durch die Tür! Rief seine innere Stimme, doch er achtete gar nicht auf sie.

„Mein Name ist Rune…" Sagte sie bestimmt und drehte sich um.

Andersens Augen weiteten sich. Seine Gedanken überschlugen sich. Warum Rune und warum trägt sie…nur ein Nachthemd?

Jetzt erst schien auch dieses kleine Detail den Weg in sein Gehirn gefunden zu haben.

Nur ein Nachthemd…. Wie von selbst begannen seine Augen über ihren Körper zu wandern. Sie hatte sich verändert, seit er sie das erste Mal gesehen hatte. Damals war sie dünn, fast schon hager gewesen… Als er ihren Fluchtversuch vereitelt hatte und mit ihr über die Hecke gesprungen war, hatte er fast schon Sorge gehabt ihr etwas zu brechen. Sie wie einen dünnen Zweig regelrecht entzwei zu brechen…und jetzt… Durch das gute Essen hatte sie zugenommen, nicht zu viel – und genau an den richtigen Stellen. Unter dem dünnen weiß ihres Nachthemdes nahm er deutlich ihre sanften Rundungen wahr. Die Art, wie sich der hauchdünne Stoff an sie schmiegte…nur bis kurz über ihre Knie reichte…

Er dachte an einige Ecken Italiens und Englands. Bestimmte Viertel in Städten in denen Frauen, wenn es Nacht wurde, allgemein nicht viel trugen. Er hatte sie gesehen, als er auf Jagd war. Nach Vampiren Ausschau hielt…

Doch bei keiner hatte er sich so…hilflos gefühlt, wie bei ihr…. Bei ihr war er ein Mann und ein kleines Kind zugleich, das nicht wusste, was es tun sollte. Der Priester jedoch, der er sein musste, schien in diesen Momenten von einer Macht zurückgedrängt zu werden, die Alexander sich nicht erklären konnte.

Sie neigte den Kopf leicht zur Seite. Ein ruhige Bewegung, kaum wahrnehmbar und trotzdem riss sie ihn aus seinen Gedanken.

Sie war so jung. Viel zu jung…

Doch dieser Gedanke erstickte im Keim, als sie sich ihm nährte… Die Strecke, die sie beide trennte, mit einer traumwandlerischen Sicherheit überwand. Eine Sicherheit, die ihm fehlte…

„Ich habe mich nach dir gesehnt…" Ihre Stimme schien ihn einzulullen. Seine Gedankenprozesse zum erliegen zu bringen. Sein Herz raste und schien seinen Schlag noch verdoppeln zu wollen.

„Das…kann nicht….sein…" Brachte er mühsam hervor und erkannte seine eigene Stimme nicht wieder. Brüchig und stockend, wie die eines kleinen Kindes, das eine Strafe erwartete. Was war nur mit ihm los? Er sollte sie raus schmeißen. Ihr drohen! Er war ein Priester, hatte Verpflichtungen… Sie konnte ihn nicht einfach…

„Warum nicht?"

Diese Frage, so unschuldig gestellt… Es brachte ihn fast um den Verstand. Er war unfähig sich zu bewegen. Konnte die Hitze fühlen, die von ihrem Körper ausging, als sie nur noch Zentimeter von ihm entfernt war. Er sah auf sie herab. Ihr Elfenbeinfarbenes Gesicht, ihre grauen Augen, die unverwandt in die seinen blickten... Ihn auf eine unschuldig naive Art herauszufordern schienen. Eine schlanke Hand berührte seine Wange. Fingerspitzen, die begannen über sein Kinn zu wandern, ließen ihn zusammenzucken. Doch das darauf folgende Gefühl, eine kribbelnde Wärme, zwang ihn regelrecht, sie gewähren zu lassen. Unverwandt sah er sie an. Bis sein Blick, wie von selbst, über ihr Gesicht zu gleiten begann – und an ihren Lippen hängen blieb. Als wäre er nicht mehr Herr seines eigenen Körpers beugte er sich zu ihr hinab. Langsam, zögernd…und als seine Lippen schließlich die ihren trafen… Ein nie gekanntes Gefühl durchströmte sein Innerstes und ließ ihn augenblicklich erzittern. Ihre Lippen waren so weich… Am Rande fühlte er, dass sie sich gegen ihn lehnte. Ihre Arme sich um seinen Nacken legten. Noch nie hatte jemand seine Nähe gesucht… Nicht auf diese Weise und…noch nie hatte ihn eine Frau so berührt…

Alucard ließ sich durch die Wände gleiten. Machte sich einen Spaß daraus Wachen zu erschrecken, in dem er durch sie hindurch glitt oder plötzlich hinter ihnen auftauchte.

Er fühlte wie die Sonne draußen höher stieg, doch er hatte noch Zeit. Die Wände schützten ihn – und so lange er sich tiefer in das Gebäude zurückzog… Plötzlich hielt Alucard inne.

Etwas… Etwas ließ ihn verharren. Ein Gefühl… Irgendjemand schien sehr…lebhaft zu träumen… Er konnte es förmlich fühlen. Wie ein unsichtbarer Strom, der an ihm vorbei floss… Aus einer Richtung irgendwo vor ihm zu kommen schien. Zuerst dachte er an Rhyan, doch dann verwarf er dies wieder. Rhyans Art zu träumen war…anders… Die Art wie die Gefühle aus ihr hinaus pulsierten…durch die Räume glitten…

Wollen doch mal sehen, wer das ist. Dachte der Vampir und folgte dem unsichtbaren Strom den nur er wahrnehmen konnte – bis vor die Tür des Schießstandes. Er wusste, dass die Person, von der diese starken Gefühle ausgingen, dort drinnen sein musste.

Langsam begann er durch das Metall zu gleiten. Zuerst sein Kopf und dann der Rest von ihm, so dass er schließlich auf der anderen Seite stand. Er ließ seinen Blick durch den Raum gleiten. Sah die Silberklingen Andersens in einer Zielscheibe stecken – und seine Brauen schossen überrascht in die Höhe. Nie hatte er gesehen, dass der Priester sein Ziel verfehlte. Niemals… Doch jetzt… Hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte er es nicht für möglich gehalten. Der Priester war zwar sein Feind – doch er war gut. Wirklich gut und nicht zu unterschätzen… Zwar hatte er die Zielscheibe nicht verfehlt, aber hatte er auch nicht sein Ziel getroffen. Das eigentliche Ziel, nämlich das Herz des Menschen, war völlig unberührt. Der Vampir drehte den Kopf, als er ein leises Murmeln hörte. Er war so überrascht gewesen, dass er den eigentlichen Grund für sein Herkommen aus den Augen verloren hatte!

„So, so…" Flüsterte er leise, als er den schlafenden Regenerator auf der Bank erkannte. „Wollen doch mal sehen, was dich so ablenkt…"

Ohne auch nur das leiseste Geräusch zu machen nährte er sich dem Priester. Seine rechte Hand bewegte sich nach vorne, bis sie kurz vor seinem Gesicht verharrte. Wie damals im Wald in Irland, bei Rhyan… Seine Fingerspitzen bewegten sich leicht, dann nicht mehr. Die Augen des Vampirs schlossen sich und die Bilder, die sich vor seinem inneren Auge zu formen begannen…

Sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen, so dass seine spitzen Eckzähne funkelten. Er hatte es gewusst! Nicht umsonst hatte er schon vorher ein wenig die Träume des Priesters manipuliert. Nur ein wenig…

Für kurze Zeit dachte er daran, wie hilflos ihm Andersen nun ausgeliefert war. Gefangen in seiner Traumwelt, die er verfluchte und zur gleichen Zeit mit seinen gesamten Sinnen aufsog, als hinge sein Leben davon ab. Er könnte ihn hier und jetzt zerquetschen wie eine lästige Fliege… Doch Alucard fühlte die Verzweiflung – und auch die Erregung, die Rhyan, nein die Traum – Rhyan, im Priester auslöste. Der Vampir lachte leise. Er wusste ganz genau, was sich der Paladin wünschte – wonach er sich sehnte…und kam zu dem Schluss, dass er ihm einen Gefallen tun würde. Nur dieses eine Mal, ihn ein wenig in die richtige Richtung schubsen würde.

Was der Priester dann daraus macht sei ihm überlassen…. Dachte der Vampir grinsend und konzentrierte sich….

Plötzlich fand Alexander sich auf seinem Bett liegend wieder, ohne zu wissen, wie genau er dort hingekommen war…. Rhyan, nein…Rune über ihm. Ihre Nasenspitze war kaum Millimeter von der seinen entfernt, doch anstatt auf seinen Mund konzentrierte sie sich nun auf seine Wange. Folgte mit ihren Lippen seiner Narbe, nährte sich Kuss für Kuss seinem Hals. Gleichzeitig glitten ihre schlanken Hände über seinen Oberkörper und begannen seinen Kragen zu lockern. So dass sie ihn zurückschieben und sich weiter seinem Hals widmen konnte. Seine Hände zuckten. Er wollte sie berühren…. Seine Hände über ihren Körper gleiten lassen. Ihre warme Haut unter seinen Fingern spüren… Doch etwas hielt ihn noch zurück.

„Ich habe mich schon lange gefragt", haucht sie verführerisch in sein Ohr, wobei Schauer durch seinen Körper jagten. „…wie lang sie ist…." Er konnte ihre Hüften fühlen, die sich bei diesen Worten drängend gegen seinen presste. Der dunkle Teil in ihm, der Teil, der sie von Anfang an gewollt hatte, streckte willig seine Klauen nach ihr aus. Genoss jede Berührung.

Ein letzter kläglicher Rest seiner Würde, seines Verstandes schrie auf.

Sünde! Sünde! Sünde! Schrie er – und verstummte abrupt. Einzig und allein das Gefühl ihrer Nähe, ihrer Liebkosungen war geblieben. Berauschend benebelte es, wie ein guter Wein, seine Sinne. Er wollte sich fallen lassen – und ergab sich...

Plötzlich schien sich alles um ihn herum zu drehen – und eisige Kälte legte sich auf sein Gesicht und seinen Körper. Von weit her konnte er eine Stimme hören. Ein Lachen?

Vielleicht….

„R..une…" Murmelte er und blinzelte verschlafen. Gleißendes Licht blendete ihn und anstatt der jungen Frau, sah er nur kahle Steinwände.

„Wo…" Er schloss fest die Augen. Unmöglich! Das konnte nicht sein. Er war doch eben noch…

Seine Lider öffneten sich wieder – aber das Bild was sich ihm bot war das Gleiche wie kurz zuvor. Kahle Steinwände, beißendes Licht… Er rollte sich auf den Rücken, sah die Bank vor der er lag und die Schießstände – und mit einem Mal begriff er…

Es war nur ein Traum…

Und trotzdem war dieser nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Sein Atem ging immer noch schnell und wenn er daran dachte, wie nah sie ihm gewesen war, was sie getan hatte, ging ein verräterisches Ziehen durch seine Lenden und ein Verlangen stieg in ihm hoch, das….

Er vergewisserte sich, dass er wirklich allein war – und seufzte leise. Etwas, dass er sich vorher nie gestattet hätte. Doch jetzt….

Trotz der Kälte, die langsam begann durch seine Kleidung zu kriechen, fühlte er sich merkwürdig…warm… Nicht die Wärme, die von einer Heizung oder einem Ofen ausgeht… Nein… Aber irgendwie… Andersen fühlte, wie er erneut zu reagieren begann – und zwang sich schnell an etwas anderes zu denken.

Er hatte einen Auftrag! Was würde Maxwell sagen, wenn er wüsste, was er tat? Was würde die Kirche sagen?

Die Antwort war klar. Sie würden ihn als Ketzer verstoßen oder ihn töten lassen – es wenigstens versuchen.

Dein Auftrag ist wichtig! Ermahnte Andersen sich selbst. Und von einem Weibsbild wirst du dich nicht ablenken lassen! Er lenkte seine Gefühle so gut es ging zurück in geordnete Bahnen. Zwang sich, zu ignorieren, welche Wirkung ihre Berührungen auf ihn hatten….

Ich bin kein Amateur! Dachte der Priester zornig und erhob sich.

Und Gott…

Er hatte Gott verraten… Dieser Gedanke ließ ihn innehalten. Er war im Begriff gewesen, seinen Glauben zu verleugnen, um mit einer Frau… Der Paladin Iscariots schwankte. Alles schien sich um ihn herum zu drehen und fast glaubte er die Besinnung zu verlieren, zu fallen, wie ein schwaches Kind….

All das wofür er gekämpft hatte. Wofür er getötet hatte…auch wenn es nur ein Traum gewesen war… Eine Warnung von Gott. Eine Prüfung…

Nein… Ich werde mein Leben nicht wegschmeißen! Ich werde den Auftrag zu Ende ausführen! Koste es was es wolle… Er schloss die Augen und hob seinen Kopf leicht in Richtung Decke. Doch es war klar, dass sein eigentlicher Blick dem Himmel galt. „Ich schwöre es bei Gott!"

Während die Sonne an besagtem Himmel immer höher stieg, schien das Leben auf Hellsing Manor wie ausgestorben. Nur hin und wieder sah man einen Soldaten zur Wachablösung über den Hof gehen. Ansonsten war es still.

Das Leben erwachte in den Städten Englands, doch dieser kleine Flecken schien sich nichts daraus zu machen. Für die Menschen die hier wirkten, galt wichtigeres als Einkaufen, Kinder in die Schulen oder Kindergärten zu bringen oder frische Brötchen zu kaufen.

Nein… Auf Hellsing Manor war der Tag die Nacht und die Nacht der Tag…

Erst als sich die Sonne wieder senkte, am Horizont in einem roten Ball immer tiefer glitt, begann das Leben in die Mauern Hellsing Manors zurückzukehren…

Rune starrte auf das weiße Blatt Papier vor sich. Einen Kugelschreiber in der rechten Hand.

Was hatte sie noch mal geträumt?

Doch je mehr sie sich versuchte daran zu erinnern, desto weniger wusste sie.

Ein Zimmer…. Vielleicht ein Mann, der mit ihr dort war…oder? Frustriert schüttelte sie den Kopf. Selbst daran konnte sie sich nicht mehr erinnern, wobei sie noch vor Sekunden hätte schwören können, es zu wissen…

Ihr Blick fiel auf ein Buch, das etwas von ihr entfernt auf dem Tisch lag. „Der Seewolf" prangte der Titel in silbernen, kursiv gedruckten Lettern über dem Titelbild. Ein bärtiger Mann mit krausem Haar starrte wild auf den Betrachter, als wollte er ihn zum lesen herausfordern. Ohne Zweifel eine genaue Abbildung Wolf Larsens, wie sie der Verfasser des Buches nicht besser hatte beschreiben können.

Rune hatte es in der Bibliothek vergessen und Walter musste es gefunden und hierher gebracht haben. Er war der Einzige, den sie danach gefragt hatte…

Ein eigenartiges Gefühl durchströmte sie, wenn sie daran dachte, dass sie es noch jemandem geben musste. Jemandem bestimmten….

Rune merkte nicht, wie ihr der Stift aus der Hand glitt und auf die Tischplatte rollte. Ihre Gedanken entfernten sich immer mehr von ihrem Traum, bis sie auch die letzten Erinnerungen vergaß.

Sie war wieder im Flugzeug und neben ihr Alexander Andersen…

Die Gläser seiner Brille funkelten, als er sich zu ihr beugte. Sich ihr nährte wie ein Liebhaber seiner Geliebten. Seine Lippen bewegten sich, ohne dass sie ein Wort verstand. Gefangen in seinen Augen…seiner Nähe…

Wenn sie daran dachte, dass er sie hätte küssen können...

Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken und leise fluchend erhob sie sich.

Das musste Walter sein. Er hatte ja gesagt, sie würden gleich am nächsten Abend beginnen und doch….

Auf der einen Seite wollte sie es…wirklich! Aber andererseits…

Reiß dich zusammen! Ermahnte sie ihre innere Stimme. Du bist hier nicht im Urlaub! Außerdem warst du es, die Sir Hellsing angesprochen hat…

Als Rune die Tür ihres Zimmers öffnete, bestätigte sich ihr Verdacht. Der Butler Hellsings stand vor ihr und deutete eine Verbeugung an.

„Ich wollte dich abholen, damit wir mit deinem Training beginnen können."

„Gut." Rune zwang sich erfreut zu klingen. „Einen kleinen Moment noch."

Sie nahm den dunklen Pullover vom Bett und schlüpfte dann in ihre Schuhe.

Dass sie die abgelegte Kleidung Integral Hellsings trug, störte sie nicht im Geringsten. Vielleicht war es am Anfang etwas merkwürdig gewesen aber jetzt…

Man gewöhnt sich eben an alles, dachte sie und trat zu Walter auf den Flur hinaus.

„Wir können." Beantwortete sie seine unausgesprochene Frage und zog sich, als sie dem Butler durch die Gänge Hellsing Manors folgte, ihren Pullover über.

Hätte jemand gefragt, wie sie sich fühlte, hätte sie gesagt, sie fühle sich gut. Doch das war eine Lüge. Sie war…nervös… Nein mehr als das… Sie hatte das Gefühl, als bestünden ihre Glieder aus Wackelpudding.

„….mit Waldmeister Geschmack…" Murmelte sie und konnte ein Kichern nicht unterdrücken. Albernheit war die beste Methode Angst zu verdrängen…und für verrückt gehalten zu werden! Walter schüttelte jedoch nur leicht den Kopf und enthielt sich jeglichen Kommentars. Ein weiterer Grund warum sie ihn so gern mochte. Auch wenn sie sich etwas merkwürdig verhielt, wurde sie von ihm nie zu Recht gewiesen, im Gegenteil.

Er behandelte sie, im Gegensatz zu Sir Hellsing, Alucard oder auch Andersen, mit Wärme und Freundlichkeit – und, was vielleicht noch wichtiger war, mit Respekt.

Die einzig andere Person, zu der sie eine ähnliche Verbundenheit fühlte, war Seras. Obwohl diese eine Vampirin war.

Und was für eine… Dachte Rune, die sich daran erinnerte, wie sie Seras gesehen hatte, als sie einen der neuen Soldaten in seine Schranken gewiesen hatte. Er war doppelt so groß und breit wie die Vampirin gewesen und doch hatte diese ihn mit Leichtigkeit in seine Schranken gewiesen.

So mit ihren Gedanken beschäftigt, merkte sie gar nicht, wie schnell sie an die Metalltür gelangten, die zu ihrem speziellen Trainingsraum führte.

Walter öffnete diese mit einem Schlüssel der aussah, als käme er aus dem vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert. Groß und klobig – und absolut unpraktisch. Sie fragte sich wer heutzutage noch solche Schlüssel herstellte.

Der Butler Hellsings zog die Tür auf und bedeutete ihr mit einer eleganten Handbewegung einzutreten. Rune folgte seiner Aufforderung, betätigte den Lichtschalter und durchquerte gleich den Vorraum und öffnete die zweite Metalltür, die sie in ihren eigentlichen Trainingsraum bringen würde.

Sie atmete tief durch, als sie den Raum betrat und mit einem Mal hatte sie das Gefühl, als könnte sie es nicht schaffen. Als wären ihre Fähigkeiten nur ein Hirngespinst ihrer eigenen Fantasie. Der Fantasie eines kleinen Mädchens entsprungen, die mehr sein wollte, als all die anderen kleinen Mädchen um sie herum. Stärker…

Für einen kurzen Moment kam es Rune vor, als betrete sie ihr eigenes Grab. Die Wände schienen sich enger um sie zu schließen, sie zerdrücken zu wollen. Ein eisiger Schauer rieselte ihren Rücken hinab und Bilder flackerten durch ihren Kopf.

Ein Tisch….

Auf dem Boden ein zerbrochenes Glas... Splitter glitzerten im kalten Licht einer Neonröhre die an der Decke hing… Blut auf den dunklen Steinplatten….

Dann konnte sie wieder klar denken und auch das Gefühl von eisiger Kälte war verschwunden.

Rune blinzelte und runzelte die Stirn. Was war das?

Sie sah sie um. In diesem Raum gab es keine Neonröhre an der Decke und auch keinen Tisch…

Walter trat neben sie in den Raum, eine Kerze in der einen und ein Schachtel mit Streichhölzern in der anderen Hand haltend.

„Du hast es zwar schon einmal ohne eine Quelle geschafft." Sagte der Butler und bückte sich, um die Kerze auf den Boden zu stellen. „Aber ich denke wir fangen mit einfachen Übungen an, in Ordnung?" Er zog ein dünnes Streichholz aus der Schachtel, entfachte es und zündete dann damit die Kerze an. Schon zitterte eine kleine Flamme um den Docht der Kerze.

Rune setzte sich im Schneidersitz vor die Kerze und nickte, ohne ihren Blick von der Flamme zu nehmen.

„Einfach ist gut…"

Walter lächelte ihr aufmunternd zu. „Das schaffst du schon", meinte er, verließ den Raum und zog die Tür fest hinter sich zu. Dann trat er an die Scheibe heran.

„Fertig?" Hörte sie seine Stimme, klar und deutlich durch die Gegensprechanlage.

Rune atmete erneut tief durch und nickte dann. „Ja.."

Konzentriere dich! Dachte sie. Keine verrückten Hirngespinste mehr! Konzentration!

Doch eine leise Stimme, ganz tief in ihr, bezweifelte es. War unfähig auf diesen einfachen Befehl zu reagieren.

„Gut. Dann fang an."

Sie schloss die Augen, versuchte ihr rasendes Herz unter Kontrolle zu bekommen. Sie war nervös – und wie! Was, wenn sie es nicht schaffte? Wenn sie jämmerlich versagte? Was würde Walter sagen?

Langsam streckte sie die Arme aus. Versuchte sich von ihren Gefühlen leiten zu lassen.

Stück für Stück nährten sich ihre Hände, als würde sie Wasser schöpfen wollen, der Flamme.

Kurz über dieser öffnete Rune ihre Hände leicht, so dass die Kerze mit ihrer Flamme schließlich in ihrer Mitte zu sehen war.

Auf dem Gesicht der jungen Frau stand höchste Konzentration, aber von Feuer war weit und breit nichts zu sehen. Weder eine kleine Flamme, wie sie sie zu Anfang gezeigt hatte, in der Größe einer Walnuss noch ein kleiner Waldbrand, wie er sich später ereignet hatte!

Obwohl die Temperaturanzeige in dem Raum, in dem Rune sich befand, etwas anderes behauptete. Der kleine, rote Zeiger, vorher auf circa 15 Grad Celsius, zitterte auf die vierzig Grad Celsius zu und stieg stetig an – doch von Feuer war weit und breit nichts zu sehen.

„Komm schon! Du kannst es …" Flüsterte Walter leise. „Du kannst es! Du hast es schon mehrmals getan!" Aber nichts geschah.

Innerlich war Rune zum Schreien zu Mute. Sie hatte einen kurzen Blick riskiert – und jetzt wünschte sie sich, es nicht getan zu haben. Die Flamme der Kerze befand sich immer noch am Docht. Warum? Sie konnte es doch! Warum geschah dann nichts? Sie hatte es doch schon öfters getan…. Bei ihrer ersten Flucht… Dann beim Feuerzeug Andersens in Integrals Büro, um sich zu beweisen…und nun? Es war wichtig! So wichtig!

Das leise Pochen in ihrem Kopf wurde immer lauter, entwickelte sich zu einem schmerzhaften Ziehen, das durch ihren gesamten Schädel fuhr. Als wolle es ihn spalten…

Es war zum verrückt werden. Je mehr sich Rune konzentrierte, desto weniger schaffte sie es – und desto größer wurden die Schmerzen.

Kein forderndes Kribbeln in ihren Händen. Kein leises Rauschen in ihren Ohren… Kein Feuer…

Sie fühlte, wie sich Schweiß auf ihrer Stirn zu bilden begann. Kleine Tröpfchen kitzelnd über ihr Gesicht liefen. Fast, als wollten sie sie necken. Als wollten sie sagen: Versuch es erst gar nicht… Du schaffst es eh nicht!

Wut stieg in ihr hoch. Warum?

„Sollen wir für heute Schluss machen?" Drang die Stimme Walters an ihr Ohr.

„Nur…nur noch einmal…" Presste se zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. Sie würde nicht aufgeben. Nicht jetzt! Sie konnte es!

Rune entspannte sich kurz. Ließ ihre Hände auf dem kühlen Steinboden ruhen. Diese Hitze… Fast unerträglich…

Da musst du durch. Erklang ihre innere gehässig. Wer wollte denn so dringend Supergirl spielen?

Das wollte ich nie! Dachte Rune wütend zurück und wusste doch um das Fünkchen Wahrheit, das sich darin verbarg. Aber sie wollte es nicht wahrhaben. Sie war nie arrogant gewesen. Niemals! Ihre Fähigkeiten waren nicht die einer Heldin. Bisher hatten sie immer nur Zerstörung gebracht…und Tod…

Bis du Walter das Leben gerettet hast. Bemerkte ihre innere Stimme – und Rune gab sich geschlagen. Diese Runde hatte sie eindeutig verloren.

Bis ich sein Leben gerettet habe, ja… Dachte sie und wunderte sich über sich selbst. Wie hatte es so weit kommen können? Sie hatte keine Kontrolle gehabt, hatte nur den Zombie gesehen und…und dann? Sie wusste es nicht. Konnte das Gefühl nicht mehr beschreiben, das sie in jenem Moment erfüllt hatte…

Aber was sie wusste war, dass sie ihn hätte töten können. Walter hätte töten können. Und das musste im Vordergrund stehen! Sie trainierte nicht, um irgendeine Schlacht zu gewinnen oder Zombies zu töten… Nein. In erster Linie trainierte sie, um keine Menschen mehr zu gefährden…

Rune sammelte sich – und konzentrierte sich erneut.

Keiner der ihr nahe stand würde je wieder gefährdet sein… Niemals…

Falls sie es denn hinbekam, das Feuer abzuleiten, denn auch dieses Mal geschah nichts. Bis auf den Zeiger der Temperaturanzeige, der sich ein wenig bewegte. Dieses Mal jedoch kam er kaum über zwanzig Grad hinweg.

Walter schüttelte leicht den Kopf.

Er hatte keine Feuerwelle erwartet und keine Kunststücke. Nur eine kleine Flamme, wie sie sie zu Anfang präsentiert hatte…doch das hier…

Hätte ihm die Temperaturanzeige nicht etwas anderes gesagt und hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte er nicht an Runes so genannte Gabe geglaubt. Er hätte geglaubt, man wolle ihn reinlegen. Ihm einen schlechten Streich spielen…

Aber wie die Dinge lagen, existierte diese Gabe – und ihre Trägerin war nicht fähig sie auszuüben. Jedenfalls nicht in diesem Moment. Woran immer das auch lag…

Schon zum wohl tausendsten Mal fragte Walter sich warum dem so war.

Sie wäre eine Bereicherung.

Rune an der Seite Alucards und Seras… Ein unschlagbares Trio…

Er hatte sich immer verboten, auf diese Weise über sie zu denken. Sie oder ihre Fähigkeiten als Waffe anzusehen… Aber im Endeffekt war sie das. Eine Waffe, die nur noch richtig justiert werden musste. Eine Waffe stark genug Gegner in Sekundenschnelle in Asche zu verwandeln – und wenn es nach Lady Hellsing gegangen wäre, hätte sie jetzt schon bereit sein müssen.

Rune stieß einen frustrierten Laut aus, als Walter ihr sagte, sie würden für heute endgültig abbrechen.

Er sagte etwas davon, dass sie sich noch an ihre Umgebung gewöhnen müsse und dass es Neuland für sie war. Aber Rune hörte nicht richtig zu. Ihre Gedanken kreisten einzig und allein um ihr miserables Abschneiden am ersten Trainingstag.

Es war ein Desaster…

Mit hängendem Kopf folgte sie Walter aus den Räumen auf den Gang hinaus.

Als er die letzte Türe verschloss fand sie sich nicht in der Lage, den Blick von der Stahltür nehmen zu können.

War es vielleicht der Raum? Nein, dass konnte nicht sein. Sonst hätte sie gestern nicht so eine Feuersbrunst entfachen können…

Und sie? Lag es an ihr? Es musste an ihr liegen… Aber warum ? Was war los? Warum war sie nicht mehr in der Lage Feuer zu beschwören…?

Beschwören… Sie wiederholte das Wort in Gedanken und hasste es jetzt mehr denn je. Sie hatte es noch nie leiden können.

Beschwören…das erinnerte sie nur an Feen und Kobolde. Tapfere Ritter, die ihre geliebten Prinzessinnen vor bösen Drachen retteten. Märchen eben, die immer gut ausgingen… Im Gegensatz zur Realität…

In der Realität konnten auch die Guten sterben…und ihre Kräfte…

Es hing soviel davon ab, dass sie lernte, ihre Fähigkeit unter Kontrolle zu bekommen… So viel.

Die Sicherheit der Menschen, die sie liebte. Die ihre Freunde waren…

Mir wurde ein Dach über dem Kopf gegeben und ich kann mich noch nicht einmal revangiren…

„Du wirst es schaffen." Sagte Walter plötzlich, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Wofür man mich wahrscheinlich einfach nur betrachten muss, dachte Rune missmutig. Ich sehe bestimmt so aus, wie ich mich fühle.

„ Es ist das erste Mal, dass du deine Kräfte wirklich gezielt einsetzen willst. Du musst dich erst an deine Umgebung gewöhnen. Beim nächsten Mal klappt es schon besser, du wirst es sehen."

Aber Rune zweifelte daran. Warum sollte es das nächste Mal besser klappen?

Sie verzichtete darauf, Walter darauf hinzuweisen, dass sie ihr Feuer schon mehrmals gezielt hatte einsetzen können. Es war nicht viel gewesen, nein, das war es nie. Doch so katastrophal wie heute… So war es nie gewesen.

Dagegen war die kleine Feuersbrunst gestern ein Segen, dachte sie missmutig.

Sie selbst hatte mit einem Feuerschwall gerechnet, als sie auf dem Weg hierher gewesen waren. Mit Feuer, das außer Kontrolle geriet… Aber dies hier…

Enttäuscht schüttelte sie den Kopf und Walter legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter.

„Wir haben noch viel Zeit." Sagte er und der Ton seiner Stimme verfehlte seine Wirkung nicht. Rune begann sich zu entspannen und der Butler Hellsings schob sie mit sanftem Nachdruck den Gang entlang, auf die Treppe zu, die sie wieder in die oberen Stockwerke bringen würde.

Zeit… Rune war sich nicht sicher, ob sie noch so viel Zeit hatten. Etwas in ihr, ein Gefühl, als

zupfe etwas an den Gedanken in ihrem Hinterkopf. Drängend…und….

Sie ließ sich ihre Unruhe jedoch nicht anmerken.

Es ist besser, wenn noch niemand etwas erfährt, dachte sie. Wer weiß, vielleicht irre ich mich auch und das Gefühl hat nichts zu bedeuten…

Während Rune und Walter die Treppe emporstiegen, ließ sich Alucard in seinem Stuhl nieder.

Er war schon vor Stunden wach gewesen, hatte sich aber den Luxus gegönnt noch liegen zu bleiben, und seine Gedanken schweifen zu lassen. Entscheidungen zu treffen…

Er dachte an die Stimme, die in der Gasse vor Rhyans Geburtshaus in seine Gedanken eingedrungen war. Der Vampir war sich sicher, dass die Person, der die Stimme gehörte seine Gedanken nicht hatte lesen können. Aber er war sich auch sicher, dass sie nicht weit von ihm entfernt gewesen war. Dieser Nachhall…so nah…

Der Rest einer Art…Magie…der zurückblieb. Immer…

Auch er selbst ließ immer ein wenig seiner Macht zurück. Nicht viel und es würde ihn nie um seine Macht bringen, doch für jemanden, der ähnliche Kräfte besaß, nicht schwer zu orten und…zu spüren

Er konnte es kaum erwarten auf ‚die Stimme' zu treffen. Ein Kampf…

Endlich wieder ein richtiger Kampf… Dachte er und streckte sich. Ein Kampf wie der mit Inkognito… und vielleicht sogar eine noch größere Herausforderung…

Ein animalisches Knurren drang aus seiner Kehle. Er würde den Träger der Stimme zerreißen. Ihn zerfetzen, sein Blut trinken…und ihn pfählen… Seinen Schädel auf einen Stab spießen und ihn zum Zeichen seiner Macht auf den Tower bringen. Dass alle es sehen konnten. Alle…

Und die knochige, alte Queen… Er würde noch ein Wörtchen mit ihr zu reden haben…

Wenn er an die Pläne dachte, die diese alte Schachtel mit Integra hatte.

Hellsing braucht einen Erben…" Äffte er die alte Königin nach und fletschte die Zähne, als stände die Frau direkt vor ihm.

Oh ja… Hellsing braucht einen Erben, dachte er zornig. Aber es wird mein Erbe sein!

Integra….

Er fühlte, wie sein toter Körper erzitterte, als er an sie dachte. Ihr bloßer Name brachte ihn dazu ihr nah sein zu wollen. Ihre warme Haut unter seinen kalten Fingern zu fühlen…

Doch sie würde sich ihm nie hingeben… Gestern… Gestern war eine Ausnahme gewesen, das wusste er. Sie war durcheinander gewesen. Der Befehl der Queen, ihre Wut über Rhyan – und sich selbst… Sie hatte die Kontrolle verloren – und hätte er ihr Angebot angenommen…

Nein… So nicht… Niemals…

Das was er ihr gesagt hatte war die Wahrheit gewesen. Wäre sie als kleines Kind nicht so stark gewesen. Hätte sie ihm nicht Paroli geboten… Er hätte sie getötet…

Ihr Stolz und ihre Stärke…

Genau wie Morgan McCallister…

Seine Gedanken kehrten wieder zu dem eigentlichen Grund zurück, warum er auf dem Stuhl saß.

Der Brief…. Er hatte ihn gelesen… Alles…

Er hatte ihn gelesen – und genau das erfahren, womit er gerechnet hatte…

Alucard ließ den Brief nachdenklich durch seine Finger gleiten. Das ehemals weiße Papier war angegraut, an einigen Stellen ein wenig verblichen… Es raschelte leise, als es seine Haut berührte.

Neunzehn Jahre… Eine lange Zeit….und die Schrift trotz allem noch leserlich.

Ihre Handschrift war zittrig gewesen, an einigen Stellen traf sich die Schrift. Schien ein wenig ineinander über zugehen, als hätte sie nicht mehr die Kraft gehabt beim Schreiben die Zeilen einzuhalten…

Morgan…

Sie musste den Brief geschrieben haben, kurz nachdem sie ihr Kind zur Welt gebracht hatte. Von Schmerzen gepeinigt, allein in einem schummrigen, modrigen Keller… Geschwächt…

Alucards Augen schlossen sich automatisch, als er an sie dachte. Die Angst, die sie gehabt haben musste. Die jeder Mensch hatte, wenn er genau wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Auch eine stolze und starke Frau wie Morgan McCallister…

Er hätte dabei sein müssen, er hätte sie sehen müssen, schwach und kraftlos…. Ein Triumph für ihn und vielleicht hätte er ihr ein zweites Mal ein Angebot gemacht – und vielleicht hätte sie es dieses Mal angenommen…

Aber Alucard wusste, dass das nur Wünsche waren. Sie hätte sein Angebot nie angenommen.

Nein…. Dafür war sie zu Stolz gewesen…zu stark… Wie Integra….

Je näher Rune der Tür kam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Ihr Herz klopfte wie wild und sie hatte das Gefühl, als spränge es ihr jede Sekunde aus der Brust. Aber endlich erreichte sie sein Zimmer.

Sie hob die Hand, wollte klopfen, doch sie zögerte. Ihre Fingerknöchel verharrten Zentimeter vor dem schweren Holz der Tür.

Jetzt kannst du noch verschwinden… Flüsterte ihre innere Stimme. Jetzt ist noch Zeit…

Rune fluchte leise, nahm all ihren Mut zusammen – und klopfte.

Einige Zeit geschah nichts und sie fragte sich schon, ob es laut genug gewesen war, um gehört zu werden, als sich Schritte der Tür nährten und sie einen Augenblick später geöffnet wurde.

Rune wurde wiederholt bewusst, wie groß der Priester eigentlich war, als sie den Kopf in den Nacken legen musste, um sein Gesicht zu sehen.

„Rhyan…" Die Überraschung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben und seine Brauen hoben sich ein Stück.

Er schien schlecht geschlafen zu haben, den Ringen unter seinen Augen nach zu urteilen und auch sein Blick an sich wirkte…irgendwie müde…

„Was willst du?"

Für kurze Zeit glaubte sie keinen Ton herauszubringen, doch dann antwortete sie ihm.

„Ich hatte Ihnen doch von diesem Buch erzählt… „Der Seewolf"…"

Jetzt erst bemerkte er den Gegenstand in ihren Händen, an den sie sich fast schon klammerte, als würde er sie vor irgendwelchen Geistern retten.

Vielleicht bin ich ja der Geist… Andersen verscheuchte den Gedanken so schnell, wie er gekommen war

„Ja…und?" Er fragte sich, was sie mit diesem Besuch bezweckte. Was sollte er mit so einem Buch?

Rune war überrascht, dass er sich nicht mehr an ihr Versprechen erinnern konnte – und ein wenig enttäuscht. War es ihm im Nachhinein doch nicht mehr so wichtig? Aber so leicht würde sie nicht aufgeben. Vielleicht hatte er es einfach nur im ganzen Trubel der letzten Tage vergessen… Immerhin war viel los gewesen…

„Nun ja… Ich habe Ihnen doch von diesem Buch erzählt. Über den Robbenschoner „Ghost" und Henry van Weyden, der Abenteuer…"

Natürlich…" Unterbrach der Priester sie und erkannte im selben Moment seinen Fehler.

Pass auf! Warnte ihn seine innere Stimme sofort. Denke an den Auftrag! Und er setzte etwas freundlicher hinzu:

„Es tut mir leid, ich habe es einfach vergessen." Er tat zerknirscht und sah, wie sich ein kleines Lächeln auf ihre Lippen stahl.

Wunderschöne und sanft geschwungene…DIE Zehn Gebote! Sein Herz raste, als er in seinem Geist begann, die zehn Gebote aufzuzählen, während er das Buch an sich nahm, welches sie ihm zögernd entgegenhielt.

Erstes Gebot: Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben, neben mir…

Zweites Gebot: Du sollst dir keine Götzen schaffen….

Er wollte die Tür schon schließen, als …: „Ach und Pater…?" „Ja?" Er musste sich zwingen, höflich zu bleiben.

Drittes Gebot: Du sollst den Namen deines Herren nicht missbrauchen…

Konnte sie nicht einfach verschwinden?

Viertes Gebot: Du sollst am siebten Tage ruhen…

Es war schon schlimm genug, dass sie ihn wegen dieses Buches belästigte, aber dass sie noch die Unverfrorenheit besaß, ihm weiter auf den Geist zu gehen…

Fünftes Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter Ehren…

Andersen bemerkte die Unsicherheit in ihren Augen und atmete tief durch.

Denk an deinen Auftrag… Du hast sie selbst nach dem Buch gefragt.

Hätte er jedoch gewusst, was kam, hätte er die Tür sofort ins Schloss geworfen. Hätte sie ausgesperrt. Sie und die Erinnerungen, die ihre folgenden Worte begleiteten. Erinnerungen an einen Traum, der…

„Mein richtiger Name ist Rune…"

Er fühlte sich wie betäubt. Er sah, wie ihre Lippen sich bewegten, sie etwas Weiteres sagte. Vermutlich eine Erklärung, warum sie sich jetzt so nannte, doch er verstand kein Wort. Es schien, als hätte jemand eine unsichtbare Glocke über ihn gestülpt, die ihn von jeglichen Geräuschen trennte. Ihr Glas durchsichtig, doch ohne eine Möglichkeit mit jemandem in Kontakt zu treten. Geschweige denn mit Rhyan…Rune selbst.

Dann tat sein Körper das, wozu ihn sein Verstand nicht bringen konnte.

Er schloss die Tür, ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, welchen Eindruck er auf die junge Frau machte. Er schlug ihr regelrecht die Tür vor der Nase zu.

Rune wollte etwas sagen. Erneut klopfen, doch etwas in ihr sagte ihr, dass sie es bereuen würde, wenn sie es tatsächlich tat. Stattdessen starrte sie fassungslos auf die dunkle Tür, die ihr plötzlich wie ein schwarzes Loch vorkam. Was war hier los? Warum reagierte er so…merkwürdig? Er war doch normalerweise so sicher, ließ sich nichts von seinen Gefühlen anmerken. Und nun?

Fragen über Fragen, auf die sie keine Antwort bekommen würde… Aber etwas an ihm, an seiner Art, ließ sie an seinem Verstand zweifeln. Der Blick seiner Augen…fast gehetzt…als würde jederzeit irgendetwas Schreckliches passieren – und als er ihr dann einfach die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte…

Wie mechanisch legte sich ihre Hand auf das Holz der Tür, als könne es ihr Antworten geben. Die Oberfläche unter ihren Händen glatt und kühl…

Dann wendete sie sich von dem Zimmer Andersens ab und machte sich auf den Weg zum Schießstand, wo Seras auf sie wartete.

Sie würde sich später noch Gedanken über das verrückte Verhalten Andersens machen – jetzt hatte sie jedoch eine weitere Trainingseinheit im Umgang mit ihrer ‚ach so geliebten' Handfeuerwaffe…

Alexander Andersen lehnte mit geschlossenen Augen an der Tür seines Zimmers.

All das was er erfolgreich hatte verdrängen können, kehrte in einem vernichtenden Schlag zurück. Überwältigte ihn.

KO in der ersten Runde.

Das war's…

Zum ersten Mal in seinem Leben wünschte er sich an einem anderen Ort zu sein. Weit weg von Hellsing – und weit weg von ihr...

Diesem Weibsbild, das glaubte ihn von seinem Weg, von seiner Aufgabe, abbringen zu können.

Dieses Mädchen… Junge Frau… Unterbrach ihn eine leise Stimme in seinem Hinterkopf.

Eine Frau, jung – und doch alt genug für…

Er drückte verzweifelt die Hände gegen seine Schläfen, als könne er diese unzüchtigen Gedanken aus seinem Kopf herauspressen.

Junge Frau oder Mädchen…er wusste es nicht mehr. Wollte es nicht wissen. Sein Traum hatte ihm genug offenbart… Zu viel, als das er sich jemals wieder einen absoluten Priester nennen konnte.

Was sollte er tun?

Hätte er sich selbst gesehen, Andersen hätte sich nicht wieder erkannt. Ein Schatten seiner selbst, dem Wahnsinn nah…

Schließlich tat er das einzig Richtige, was ein Mann in seiner Position und mit seinem Glauben hätte tun können.

Er fiel auf die Knie und betete…

Zur selben Zeit, unterhalb Londons…

Der kahle Raum wurde schwach durch das Licht einer kleinen Kerze erhellt, die auf einem breiten Tisch stand.

Die kleine Flamme wiegte sich hin und her, leckte an den wächsernen Rändern der Kerze, als versuche sie aus ihrem beengten Raum auszubrechen. Dabei tanzte ihr goldener Schein über den Tisch. Gab die Sicht auf Karten frei, die ausgerollt die gesamte Größe der Tischplatte einnahmen. Einige waren markiert oder am Rande mit Notizen versehen… Krakelige, ungelenke Buchstaben reihten sich aneinander und ließen keinen Zweifel daran, dass ihr Verfasser niemals weiter als bis zur vierten Klasse der Grundschule gekommen war. Vielleicht diese noch nicht einmal abgeschlossen hatte.

Aus anderen Karten wiederum waren ganze Landstriche schwarz übermalt worden. Regelrecht herausgestrichen worden, als wollte jemand deren Existenz verleugnen…

Auf den Karten lagen Bücher. Die meisten von ihnen aufgeschlagen. Ihre ehemals weißen Seiten vergilbt…

Hätte man einen genaueren Blick riskiert, hätte man auch in ihnen Notizen erkennen können. In den gleichen, krakeligen Buchstaben wie auf den Landkarten.

Auf einem Stuhl neben dem Tisch saß ein Mann. Den Kopf gesenkt und leicht nach links geneigt, beugte er sich über eine Karte. Strähnen seines dunklen Haares hingen ihm in sein Gesicht. Ihre Spitzen ringelten sich über London und bedeckten den gesamten westlichen Teil Englands. Stahlblaue Augen huschten über das dünne Papier und volle Lippen bewegten sich ohne jedoch Worte hervorzubringen. Dass wovon er redete war einzig und allein für ihn bestimmt.

In seiner rechten Hand hielt er einen Stift, dessen dünne Spitze über der Ostküste Englands verharrte. Sollte er dieses Gebiet wählen? Genau dieses?

Das Dreieck Ipswich, Sheffield und Kingston upon Hull? Er durfte es. Konnte es sich leisten, seine Karten großflächig auszuspielen. Ihm vertraute der Meister… Nur ihm…

Sein rechter Zeigefinger begann nervös auf den Stift zu tippen. Fast wie beim morsen. Tip-tip-tiptip-tip…. Lenkte ihn ab.

Andris Blick fiel auf seine Hand. Der Schmutz, der in seinen Poren steckte und unter seinen Fingernägeln klebte. Das Blut das sich mit ihm vermischt hatte… Eine dünne Kruste auf dem Horn bildete…

Wie von selbst begannen seine Nasenflügel zu beben. Der Geruch…. Er ging ihm einfach nicht aus dem Sinn…

Dieser Geruch nach Blut… Es war nur noch ein Hauch…und doch…

Er sollte sich die Hände waschen, sich davon befreien. Aber er konnte es nicht.

Andris schloss die Augen. Ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken, den Kopf in den Nacken gelegt. Vergessen der Stift in seiner Hand, seine Pläne für ein kleines Stück Ostküste Englands…

Seine graue Haut erschien im Licht der Kerze noch grauer, ähnlich wie Asche.

Seine Gedanken trugen ihn zurück. Zurück in das Dorf.

Wie sie es genossen hatten…

Zum ersten mal seit langem wieder von frischem Fleisch zu kosten… Fleisch das sich bewegte… Davon lief… Oh ja…es war ein Festmahl gewesen…

Sie hatten noch in der darauf folgenden Nacht angegriffen. Kaum ein paar Stunden später, nachdem das Mädchen dort gewesen war, waren sie angekommen.

Hatten sich ihr Versteck in der Ruine gesucht, beschützt von ihr… Der Tochter des Meisters… Ihre Macht… Ihr Wissen… unglaublich

Seite an Seite hatten sie dann in der Nacht das Dorf überfallen. Waren über die Menschen hergefallen, wie eine Plage.

Keine Gefangenen… So lautete der Befehl… Keine Gefangenennur neue Kämpfer…Starke neue Kämpfer…

Die Vampire hatten ihren Durst nach frischem Blut – und die Werwölfe ihr Verlangen nach Fleisch stillen können. Frischem, warmen Fleisch… noch blutig…

Wenn er daran dachte, wie seine Opfer zuckten. Er noch während ihres Todeskampfes seine Zähne in ihr weiches Fleisch grub…

Er leckte sich über die Lippen.

Überall Blut…

Er dachte an sie. Eine hübsche, junge Frau…. Dunkles Haar und dunkle Augen…

Er hatte sich vorgestellt dass sie es wäre. Das Mädchen mit den Kräften…

Als er seine Zähne in das weiche Fleisch der Frau schlug. Blut über den Boden spritzte, sein dunkles Fell besudelte… Wie er es liebte… Dieses berauschende Gefühl der Jagd.

Das Geräusch von berstenden Knochen, reißender Haut… Die Schreie der Menschen…ihre Schreie…

Sie war gekrochen hatte sich gewunden, verzweifelt versucht zu fliehen…er hatte zugesehen…bevor er sie endgültig tötete.

Ein dunkles Grollen bahnte sich seinen Weg aus den tiefen seiner Kehle empor. Er wollte mehr… Viel mehr… Aber er musste sich noch gedulden…

Das Dorf war in wenigen Minuten zu einer Geisterstadt geworden…und dann…als sie die Fackeln entzündet hatten…

Ihm war anfangs schleierhaft gewesen, warum der Meister auf Fackeln bestanden hatte. Ausgerechnet Fackeln! Benzin wäre schneller gewesen…. Das hatte er ihm auch gesagt. Gewagt, es dem Meister vorzuschlagen… Aber dieser hatte nur gelacht. Nimm Fackeln, hatte er gesagt. Zieht mit Fackeln in das Dorf ein und du wirst sehen, was ich meine…

Und tatsächlich… Das Gefühl von Macht und Überlegenheit, die die Fackeln zusätzlich gaben. Warum hätten wir uns auch verstecken brauchen? Fragte sich Andris in Gedanken und ließ seinen Blick auf der Karte über England, hin nach Irland zu dem kleinen Dorf gleiten.

Es steht sogar in einer Karte, dachte er und lächelte, als er sich korrigierte. Es stand….

Nein, der Meister hatte vollkommen Recht gehabt. Und dann, als die Häuser brannten, die Menschen herum rannten wie panische Tiere… Hilflos… Kleine Kinder schreiend in dem ganzen Chaos standen… Getötet wurden… Andere Menschen jedoch….

Oh ja, sie hatten nicht alle getötet. Nein…nicht alle… Starke, kräftige Menschen wurden umgewandelt. In Vampire oder Werwölfe. Sie wurden gebissen und mitgenommen. Einfach so… Transportmittel hatten sie genug…

Und wer nicht kooperiert…wird getötet….

Doch die Meisten waren würdig mit ihnen gegen den Rest der Welt zu kämpfen.

Und die anderen? Der Rest der Menschen in den umliegenden Dörfern? Sie würden sich fragen, was gesehen ist…

Vielleicht schicken sie sogar Soldaten. Überlegte Andris und grinste, als er daran dachte, wie sie durch das Dorf gingen. Sich beim Anblick der zerfetzten Leichen übergaben… Spezielle Einsatztruppen beordert wurden…, wie zum Beispiel Hellsing…

Sie würden von wilden Tieren sprechen. Von tollwütigen Hunden…um die Menschen zu beruhigen und keiner von denen würde auf die Idee kommen es in Frage zu stellen. Keiner würde wissen, dass sie es gewesen waren. Eine kleine Armee bestehend aus Werwölfen und Vampiren…

Menschen… Die Meister im Ignorieren. Alles was sich nicht erklären lässt, gibt es nicht…

Wenn ihre Sicht der Welt einen Riss bekam. Sich Unerklärliches ereignete…dann schlossen sie unvermittelt die Augen. Wollten es nicht wahrhaben, erklärten es mit albernen Theorien…

Nur um die Wahrheit zu umgehen, sich ihr nicht stellen zu müssen… Er war froh keiner von ihnen zu sein. Jedenfalls nicht mehr.

Dafür lebst du hier unten wie ein Tier… Meldete sich seine innere Stimme zu Wort.

Wie Vieh

Es stimmte. Sie ernährten sich von Leichen…von Abfällen. Hin und wieder ein Penner, der das Pech hatte, sich hier her zu verirren…

Aber bald… Bald würde es vorbei sein…. Einen kleinen Vorgeschmack hatte er bereits bekommen…

Nur Hellsing und Iscariot standen ihnen noch im Wege. Nur diese beiden Organisationen – und wenn sie fielen…und sie würden fallen… Das hatte der Meister gesagt…

Manchmal jedoch fragte er sich, warum er all diese Strapazen auf sich nahm. Oft erschien ihm all dies als Farce… Hellsing und Iscariot waren stark, dass hatte er erfahren müssen. Einer seiner besten Leute tot, der andere verschleppt… Vielleicht sogar ebenfalls tot… Die unzähligen Ghoule, die sie schon eingebüsst hatten.

Wenn er an diesen Vampir Alucard und den Priester dachte, erschien ihm ihr Unterfangen als unmöglich…

Wie konnte man ein Wesen aus Schatten besiegen? Und wie einen Mann zu Fall bringen, der mit seinen Silberklingen immer traf und ewig zu leben schien?

Lange hatten sie die beiden beobachtet und studiert… Doch sie hatten keine Schwächen herausfinden können. Keine Wesen, die ihnen am Herzen lagen – und mit denen man sie vernichten konnte.

Aber wenn der Meister erst einmal frei war… Dann hätten auch diese beiden ausgedient…

Mit ihm würden sie es niemals aufnehmen können! Niemals!

Dafür brauchten sie die Seelen. Für den Meister…

Wenn Andris an das Mädchen mit dem Spiegel dachte, die Tochter des Meisters… Die Seelenfängerin… Wenn er daran dachte, dass auch er beinahe seine Seele eingebüsst hätte….

Er schüttelte langsam den Kopf.

Als er die Gnade empfangen hatte, weiterleben zu dürfen, hätte er nicht im Traum daran gedacht, dass es einmal so weit kommen würde. Werwölfe und Vampire zusammen….und er war ihr Führer. Ein einfacher Werwolf, das Sprachrohr des Meisters… Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Für ihn hätte es wahrlich nicht besser kommen können.

Seine Gedanken schweiften zu jenem Tag, als er in seinem eigenen Blut auf dem Boden seiner kleinen, schäbigen Wohnung gelegen hatte. Besiegt von einem kleinen Mädchen…

Er hatte sich gewunden, geknurrt und die Zähne gefletscht… Doch es hatte nichts geholfen, gar nichts… Was Menschen normalerweise Angst machte, ließ sie geschehen, ohne eine Miene zu verziehen. Sie hatte ihn einfach nur angesehen, mit diesen merkwürdig gelben Augen… Augen die denen eines Werwolfes ähnelten, deren Tiefe jedoch unermesslich schien.

Sie war gekommen um ihn zu holen… Seine Seele. Das hatte sie ihm gesagt – und dabei gelächelt, fast wie in einem Traum.

In ihren Händen hatte sie einen Spiegel gehalten. Oval, mit einem Rahmen aus feinstem Silber, jedenfalls hatte er damals gedacht, dass es Silber sei…

Sie hatte sich zu ihm hinabgebeugt und ihn über den Rand des Spiegels hinweg angesehen.

„Du bist stark… Ich kann sie spüren, deine Seele, weißt du?" Wieder hatte sie gelächelt und es sah aus, als wolle sie ihre Hand ausstrecken, um ihn zu berühren.

„Es wird bald vorbei sein – und du solltest dich freuen. Denn du wirst teilhaben, an unserem Triumph…"

Andris fröstelte bei dieser Erinnerung.

Wie sie diese Worte gesagt hatte…und der Spiegel zu leuchten begann …

Ein blasses Licht war es gewesen und fast hatte er geglaubte, es sich nur einzubilden, als plötzlich der gesamte Raum in Flammen stand. Seine Instinkte hatten sofort die Oberhand über ihn und er bäumte sich trotz seiner Verletzungen vor Entsetzen auf.

Die Flammen waren immer näher gekommen, hatten begonnen ihn regelrecht einzukreisen – und erst da hatte er begriffen, hatte er wirklich verstanden, dass dieses Mädchen nicht normal war.

Die Flammen die ihn zu vernichten drohten. Die Hitze, die ihm die Haare ansengte… All das schien ihr nicht im Geringsten etwas auszumachen. Ihre Hände hielten weiterhin den Rahmen des Spiegels fest. Er war sich sicher, dass die Flammen aus ihm gekommen waren. Aus dem Spiegel – und dass sie ihn immer noch festhielt…. Er musste glühend heiß sein.

Doch das orangegelbe Flackern um ihn herum ließ sämtliche Gedanken ersterben.

Hätte in diesem Moment nicht eine Stimme wie aus dem Nichts befohlen, aufzuhören, wäre er wohl jämmerlich verbrannt…

Doch kaum erklang diese Stimme, hielten die Flammen inne und das Mädchen selbst neigte den Kopf ein wenig zur Seite, um den Worten zu lauschen.

Hätte man ihn jetzt gefragt, was der Inhalt dieser Rede war, so wäre er nicht in der Lage gewesen es zu wiederholen. Damals, dass wusste er es genau, hatte er es gewusst. Hatte er verstanden… Doch die Worte waren irgendwie aus seinem Gedächtnis verbannt worden…

Im Glas des Spiegels erschien plötzlich das Gesicht einer Gestalt, von einer Kapuze verhüllt.

Und zuerst dachte er an Gott. Gott der sich ihm offenbarte, um ihn für seine Taten zu strafen aber ein boshaftes Lachen ließ ihn diesen Gedanken schnell verwerfen.

Gott… Hörte er eine Stimme in seinem Kopf. Gott existiert nicht… Sonst gäbe es keine Wesen wie dich…

Willst du leben Werwolf?

Er hatte so gut es ging mit dem Kopf genickt und der Mund unter der Kapuze hatte sich zu einem spöttischen Lächeln verzogen.

Natürlich willst du das… Dein Instinkt sagt es dir aber willst du es auch…?

Ja! Hatte er in Gedanken geschrieen, unfähig das Wort zu formulieren. JA!

Sekundenlanges Schweigen war die Antwort gewesen. Sekunden, die ihm damals wie Stunden vorgekommen waren. Stunden, die über sein Leben entschieden.

Die Angst, die sein Herz wie ein eisernes Band umklammert hielt, hatte ihm fast den Verstand geraubt.

Bis das Mädchen die Stille brach.

„Seine Seele ist stark. Sehr stark. Er könnte viel…"

Schweig! Die Gestalt neigte ein wenig den Kopf nach vorne. Er wird uns von Nutzen sein… Ja, das wird er – aber lebend… Ich kann es fühlen…

Die Gestalt beugte sich noch ein wenig mehr nach vorne und es war Andris vorgekommen, als käme sie gleich durch das Glas.

Wenn er damals schon gewusst hätte, zu was der Meister fähig war…und erst sein würde, wenn sich sein Schicksal erfüllen würde…

Von nun an bist du mein erster General. Du wirst unsere Truppen in die Schlacht führen – und uns zum Sieg über ganz England verhelfen…

Das hatte er gesagt und seine Augen… Jedenfalls nahm Andris an, dass es seine Augen gewesen waren, hatten geleuchtet, zwei rot leuchtende Punkte im Schatten der Kapuze. Schlimmer als die des Mädchens…

Viel schlimmer…

…und diese Kälte…

Andris hätte in diesem Moment schwören können dass sein Blut, welches den Boden um ihn herum bedeckte, als das Mädchen sich ihm noch ein kleines Stück nährte, augenblicklich gefror.

Die Gestalt im Spiegel… Wahrlich ein Teufel.

Doch er liebte diesen Teufel wie einen Vater. Liebte und fürchtete ihn.

Er hatte ihm eine Aufgabe gegeben, er hatte ihn gerettet…und doch…

Andris hätte lügen müssen, hätte er gesagt er hätte keine Angst. Nein… Er hatte Angst…

Jedes Mal wenn er gerufen wurde und vor diesen riesigen Spiegel trat, liefen ihm eisige Schauer über den Rücken… Obwohl der Meister nie sein Gesicht zeigte. Niemals…

Nur manchmal, ein rotes Glühen seiner Augen… Und die Tochter…. Diese Brut aus der Hölle…

Ein Mädchen, nicht älter als zwölf und so kalt wie der Vater. Sie hatte sich unter den Vampiren und Werwölfen schnell Respekt verschafft. Nach ein, zwei Toten auf jeder Seite….

Andris atmete tief durch.

Bald… Bald würden sie diese Höhlen verlassen, wäre das Versteckspiel vorbei….

Dieser dreckige, verfluchte Ort… Oh ja…verflucht…Sie würden England vernichten – und dann…

„Dann kommt der Rest der Welt…" Murmelte der Werwolf in die Stille seiner Kammer und lachte leise.

„Dann endlich, sind wir an der Reihe…"

A/N

So leider ist schon Schluss. Ich hoff es hat euch gefallen!

Freut euch schon einmal auf eines der nächsten Chappies, das wird nämlich geeeeenial! Darauf habt ihr sicher schon laaaange gewartet! (Der bekannte Wink mit dem Zaunpfahl;))

Bis bald und biddö reviewt!