Etliche Besuche, einige wichtige Gespräche und nur achtundvierzig Stunden nach Ende der vorgeschriebenen Bettruhe, stand der Aurorenführer Scrimgeour auf der Terrasse des Ministeriums. Um ihn versammelt waren nicht nur seine engsten Aurorenkollegen, sondern auch einige Bewohner aus Schloss Arundel. Der Mann mit der Löwenmähne hatte gerade seine Ansprache über die geplante Aktion beendet und fragte, ob jemand dagegen sei. Doch keiner hatte Einwände und der heimliche Zuhörer in seiner Nische war schlicht sprachlos.

Rufus Augen blitzten unternehmungslustig, als er seinen Zauberstab in die Höhe riss, sich umwandte und rief: „Dann folgt mir!"

Unter Beifallsrufen eilten alle zur Balustrade, wo die Besen bereit standen, um Scrimgeour hinaus in die Nacht zu folgen. Heute sollte die Falle zuschnappen, die Falle mit den Vampiren als Lockvögel und den Auroren als Jäger. Keiner der Wilderer sollte entkommen, sie sollten alle bezahlen für die grausamen Taten, welche sie in den Turmruinen so manche Nacht verübt hatten.

Mit flatternden Umhängen jagte die kleine Armee durch die Dunkelheit immer auf ihr Ziel zu. Jeder kannte seinen Platz, wusste seinen Part, der von ihm erwartet wurde.

Im Ministerium hatte ihnen der versteckte Zuhörer entgeistert nachgeschaut und eilte jetzt, so rasch es sein Holzbein erlaubte, zu den Vorgesetzten. Diese mussten sofort erfahren, dass einer ihrer besten Auroren, eigentlich noch krankgeschrieben, mit einer ganzen Truppe desertiert, ohne Auftrag losgestürmt war.

Wenige Kilometer vor dem Turm, desillusionierten sich gerade die Auroren, schwärmten aus und gingen in Position, bereit sofort zuzuschlagen. Kurze Zeit später segelten die drei Vampire langsam auf die Ruine zu. Wie so oft spielten sie noch Luftzirkus und übten zum Spass etwas Flugakrobatik. Dabei entfernten sich zwei immer mehr in Richtung Wald und der Dritte drehte schliesslich ab, um auf dem Turm auszuruhen und zu warten.

Die Fledermaus wirkte völlig arglos, als sie auf den Zinnen landete und sich bei den ersten paar Schritten auf dem schmalen Gemäuer noch mit ausgebreiteten Flügen ausbalancierte.

Der Mann war aber gar nicht ruhig, seine Nerven waren bis zum Zerreissen gespannt, als er von den Zinnen herunter auf die Plattform des Turms sprang. Wenn er nicht von der Auroreneinheit im Hinterhalt gewusst hätte, er wäre Hals über Kopf geflohen, so stark spürte sein Vampirinstinkt die Gefahr hinter diesen Steinen. So konnte er auch ein reflexartiges Flügelschlagen nicht unterdrücken, als ein metallisches Sirren laut wurde und ein Brummen einsetzte. Die Menschen, welche hinter den Holztrümmern eines alten Katapultes hervorsprangen, sah er sofort. Doch dann erfasste ihn etwas, auf dass er überhaupt nicht vorbereitet war. Es fühlte sich an wie eine dünne Schlange mit hartem, unnachgiebigem Körper. Die Schlange rutschte über einen seiner Flügel, die er ausbreitete, zog sich zusammen und liess sich einfach nicht abstreifen. Losreissen ging auch nicht, es heulte nur ein Motor auf, als dieser gegen die unglaublichen Kräfte des Vampirs ankämpfen musste. Doch weder riss das Seil, noch brannte das Getriebe durch. Die Seilwinde ruckelte, zog ihn aber immer weiter zurück auf die Turmplattform herunter. Panisch versuchte er seine beste Waffe einzusetzen, doch seine Zähne brachen das Stahlseil nicht entzwei. Die Schlinge wurde immer enger und der Fürst geriet völlig ausser sich, als er unaufhaltsam zu den wartenden Menschen gezogen wurde.

Valerius war immer ein gesitteter und vornehmer Herr gewesen. Doch der Entsetzensschrei, der jetzt zu hören war, hatte nichts mehr mit einem Menschen gemein. Der schrille Ruf war in einer Tonlage, welche die Luft vibrieren liess und die Wilderer hielten sich erschrocken die Ohren zu. Zudem mussten sie den wilden Flügelschlägen ausweichen, welche durch die Luft peitschten und hart auf die Mauern klatschten. Teile der maroden Steine brachen weg und stürzten polternd in die Tiefe.

Fluchend taumelte ein Vampirjäger nahe am Abgrund, als auch die Steine unter seinen Füssen zu bröckeln begannen. Er hatte nicht mal mehr Zeit zu schreien, schon stürzte er in die Tiefe, knallte auf hervorstehende Erker und blieb schliesslich mit verrenkten Gliedern auf der Wiese liegen.

Eigentlich wollten die Wilderer ihrer Beute schon längst eine zweite Schlinge um den Hals legen und auch die mit der Kraft der Motorwinde zuziehen. Doch schon beim ersten Versuch wurde einer von ihnen so heftig in den Arm gebissen, dass der blanke Knochen hervortrat. Der Nächste torkelte von den Schwingen getroffen hinter das Katapult, wo er halb ohnmächtig liegen blieb.

Die Fledermaus war im Moment durchaus imstande sie alle von der Plattform zu fegen. So wie der Fürst sich in seiner Verzweiflung gebärdete, war ein zweiter Lassowurf unmöglich.

Wütend schrien sie einander an, und einer holte eine Art Harpune aus dem Werkzeugkasten. „Haltet mir seine Kumpane vom Leib. Ich betäube ihn mit dem Elektroschocker. Sonst kriegen wir ihn nie ins ..."

Weiter kam der Sprecher nicht. Nach einem erneuten Schrei des Gefangenen, waren die beiden jüngeren Vampire heran und umkreisten die Turmspitze. Es ertönte plötzlich eine Trillerpfeife und zwei mächtige Feuerlanzen flammten auf. Valerius sah aus den Augenwinkeln, dass bei der Attacke auf den Flammenschützen einer seiner Genossen sich den Umhang und Beingewand versengte. Die zweite Truppe der Wilderer griff mit weitreichenden Flammenwerfern ins Geschehen ein und vertrieb die lichtscheuen Vampire.

Durch das Poltern und die Schreie alarmiert, waren die Auroren aus ihrem Versteck hervorgestürmt und bis auf etwa zweihundert Meter herangekommen, als die Flammen die haarsträubenden Geschehnisse auf dem Gemäuer beleuchteten. Dennoch konnten sie noch nicht direkt ins Hauptgeschehen auf der Turmspitze eingreifen, da die Verbrecherbande nicht nur aus Squibs bestand und die Auroren erst mit den magischen Verbündeten fertig werden mussten. Sie sahen zwar die aussichtslose Gegenwehr der gepeinigten Fledermaus, doch der Kampf mit den Verteidigern zwang die magische Polizei mit ihren Besen tiefer zu gehen und sich bei den Grundmauern des Schlosses dem Angriff der Raubmörder zu stellen. Im Hagel der Flüche und Abwehrzauber ging der eine oder andere Zauberspruch wohl daneben und ein ekliger Gestank nach verfaultem Gras und Schwefel verpestete die Luft.

„Schlimmer als in einer Jauchegrube!", fluchte Dawlish hustend. Nur wenig später flogen den Kämpfern mit einem Donnergrollen flüssiges Feuer und glühende Metallteile um die Ohren. Jemand hatte den hier stationierten Benzintank getroffen und mit der Explosion die Schlossmauern zum Erbeben gebracht.

Valerius, der nun hilflos auf dem Rücken lag und alles verloren glaubte, schloss die Augen und drehte den Kopf von dem grellen Licht weg. Es schien ihm unendlich lange, bis die quälende Helligkeit und Hitze der Brandwaffen erlosch, doch er öffnete die Augen nicht. László wollte nichts mehr sehen und nicht mehr fühlen. Ein leises Tappen war zu hören, dann verschwand der Druck von seinem malträtierten Flügel. Der Zwang war weg, wenn gleich auch der Schmerz und die Angst blieben. Eine bekannte Stimme redete auf ihn ein und der Fürst sah erstaunt auf. Neben ihm kniete Rufus und nickte ihm aufmunternd zu.

Der Vampir reagierte aber nicht, lag wie erstarrt auf dem Boden. Scrimgeour wollte seinen Freund an den Schultern fassen und ihm beim Aufstehen helfen. Da hörte er den warnenden Ruf von Tonks, die auf der andern Seite der Plattform stand, doch zu spät. Der Auror hatte sich kaum erhoben, da fühlte er das kalte Metal einer Klinge an seiner Kehle und der Angreifer warnte ihn davor, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Einer der Wilderer hatte sich angeschlichen und musste direkt hinter ihm stehen.

Rufus schluckte schwer, da er so nicht mal seinen Zauberstab heben konnte, ohne dass der Kerl ihm die Kehle durchschnitt. Auch Tonks wagte nicht einzugreifen, weil sie die Männer im Schatten der Katapulttrümmer nicht richtig erkennen konnte und so Gefahr lief, den Falschen zu treffen.

Der Geiselnehmer zog seine Opfer noch weiter in den Schatten, immer darauf bedacht, den Mann als Schild zwischen Tonks und sich zu nutzen. Beim Tasten über den unebenen Boden sah der Entführer kurz zur Seite und die Waffe rutschte etwas tiefer. Scrimgeour spürte die Unachtsamkeit und versuchte zur Seite auszubrechen, zu entkommen. Doch blitzschnell packte ihn eine kräftige Hand bei der Schulter und der Dolch wurde hart an seinen Hals gepresst. „Keine Tänze hier, sonst ziehen wir andere Seiten auf. Das verspreche ich dir so wahr ich Thorfinn Rowle heisse", fauchte der Geiselnehmer erbost.

„Nicht Rufus, wehr dich nicht", rief Tonks erschrocken, als Scrimgeour vor Schmerz den Kopf hoch ruckte und sie im Licht des Lumos' jetzt einen dünnen Blutfaden aus der Schnittwunde rinnen sah. „Wir werden ...", die Aurorin sah sich nach ihren Kollegen um, aber die kämpften alle noch unterhalb des Turms zwischen den brennenden Trümmern des Tanks mit dem Haupttrupp, der bis an die Zähne bewaffneten Wilderer.

Oben auf dem Turm hatte sich auch der Rädelsführer Rowle, welcher Scrimgeour in Schach hielt, umgesehen. „Verdammt, wo ist der hin, eben war er noch da."

Nymphadora drehte sich verwundert wieder zu ihm, Rufus war doch wohl nicht in der Sekunde abgehauen. Nein, beide, Opfer wie Täter, standen noch dort. Noch während sie sich fragte, was der Entführer wohl meinte, hörte man aus dem Schatten im Rücken der Männer einen seltsam fauchenden Laut. Tonks kannte kein Tier, das so einen Ton von sich gab. Ein entsetztes Keuchen folgte, dann war es kurze Zeit totenstill. Wie in Zeitlupe senkte der brutale Geiselnehmer seinen Arm mit dem Messer und liess seinen Gefangenen gehen. Dieser taumelte überrascht nach vorne weg und wurde von Nymphadora aufgefangen. Dann sahen beide zurück auf die Gestalten, welche aus dem Schatten heraus ins Mondlicht traten.

Valerius! Er lag nicht mehr am Boden, sondern hielt mit seinen Zähnen den Nacken des Schurken umklammert, hatte dessen Hand mit dem Dolch noch in eisernem Griff und schob den Wilderer immer weiter zu den beiden Auroren hin.

In seinen hellgrauen Augen funkelte die blanke Mordlust, nur die Anwesenheit seiner Freunde schien ihn davon abzuhalten, vor ihren Augen ein grausiges Blutbad anzurichten. Auf eine knappe Geste des Fürsten eilte Tonks zur Hilfe, denn László war offensichtlich ausserstande seinen Gefangen länger festzuhalten. Einmal weil er wohl nichts lieber tun würde, als sich an dem Mistkerl für alles Leid zu rächen und zum anderen, weil ihn der Kampf gegen die Motorwinde unglaublich viel Kraft gekostet hatte.

Wenig später war der Verbrecher von Tonks gefesselt und Valerius sank neben Scrimgeour auf die niedere Mauer. Während die Aurorin notdürftig die Halswunde von Rufus versorgte, hörte sie den Vampir mehrmals leise stöhnen. Doch erst als Dawlish auftauchte und den gefangenen Wilderer übernahm, war Tonks bei Rufus fertig und konnte auch nach Valerius sehen. Das Licht des Lumos liess den zerzausten Edelmann zwar zusammenzucken, doch es zeigte auch die Folgen seines heftigen Kampfes um die Freiheit.

Vorsichtig strich ihm die Hexe die langen Haare beiseite und fuhr, eine Heilformel murmelnd, mit ihrem Zauberstab über eine der Schürfungen am Kopf des gestresst wirkenden Mannes.

„Was machen wir jetzt am besten mit Ihnen?", fragte sie dann und deutete auf den unnatürlich geknickten Flügel, der an Valerius Körper herunterhing. „Heilt so was bei euch nicht von alleine?"

László wie auch Rufus folgten ihrem Blick auf den offensichtlich gebrochenen Flügel.

„Doch schon", stiess Valerius zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und versuchte erfolglos seine Qual zu verbergen. „Das Problem ist, mein Flügel heilt in dem Winkel, wie er jetzt ist und somit kann ich nie mehr fliegen. Ausserdem tut ein gebrochener Knochen einem Vampir genauso weh, wie einem lebenden Menschen."

„Ministerium", murmelte Scrimgeour als Vorschlag, doch seine Kollegin winkte ab. „Die nehmen ihn beim Verhör erst mal auseinander, das kannst du ihm nicht zumuten. Er zittert ja jetzt schon vor Schmerzen, dass er kaum mehr stehen kann." Sie schritt nervös vor den beiden auf und ab, während sie angestrengt überlegte. „Wie lange dauert es, bis die Heilung einsetzt?", erkundigte sie sich nun beim Verletzten.

Valerius sah sie verdutzt an, was hatte sie vor? „Die Vorbereitung zur Heilung hat schon begonnen, aber die Verknöcherung setzt erst in zwei Stunden ein und dauert etwa ebenso lange."

„St. Mungos geht auch nicht, da kreischen sämtliche Patienten los bevor wir überhaupt was erklären können." Tonks sah frustriert zu ihrem Kollegen, diesem schien jedoch etwas eingefallen zu sein. „Brentwood, da steht mein Haus und Privatheiler Marjoribanks ist mir noch einen Gefallen schuldig. – Sind Sie damit einverstanden?"

Der Mann, um den es hier ging, hatte stirnrunzelnd zugehört. Jetzt nickte er, das Ganze klang vernünftig und grosse Auswahl hatte er wirklich nicht.

Jetzt trat Rufus dicht vor den Verletzten und zog ihn vorsichtig in seine Arme, obwohl dieser ungehalten knurrte. „Na dann aber los, wir haben keine Zeit zu verlieren."

Auch Tonks sprang auf. „Ich hole den Spezialisten Marjoribanks aus dem St. Mungos und treffe euch dann in Brentwood", rief sie, bevor alle mit einem Ploppen disapparierten.