Kapitel 25: Hass

Der sechzehnjährige Rick eilte aus der U-Bahn und drängte sich durch die Menschenmassen nach oben auf den Gehsteig. Er hatte keine Ahnung, was er gerade tat oder warum. Er war überhaupt nicht vorbereitet; er hatte keine Strategie. Mal ganz ehrlich, vor etwa einer Stunde hatten seine Füße die Macht über sein Gehirn übernommen. Das war alles sehr untypisch für den vorhersehbaren und strukturierten Rick Wentworth.

Es war eine sehr merkwürdige Erleuchtung, die er da eben gehabt hatte. Er war gerade dabei, am Küchentisch seine Hausaufgaben in Analysis (*1) zu machen, als sie ihn traf. Normalerweise führt das Berechnen von Ableitungen nicht so sehr zu persönlichen Erkenntnissen, aber es gibt für alles ein erstes Mal. Seine Mutter hatte Essen gekocht und mit ihm geplaudert. Er hörte mit halbem Ohr zu, als er seine Gleichungen hinschrieb.

Vielleicht solltest du dich von ihr verabschieden", hörte er sie zwischen den Aufgaben in seinem Kopf sagen.

Rick verdrehte die Augen. Er wusste genau, auf was sie anspielte. Höchstwahrscheinlich hatte seine Mutter das laute Gezanke am Telefon nur ein paar Minuten zuvor gehört. Anne und Rick hatten einen verbalen Schlagabtausch über mehrere Runden geführt, aber sie war unnachgiebig. Trotz all seiner Bemühungen, sie vom Gegenteil zu überzeugen, schien sie völlig unter der Kontrolle ihrer Tante Grace und ihres Vater zu stehen. Sie würde später am Abend mit dem Flugzeug zum Internat abreisen. Rick hatte verbittert aufgegeben und gab sich nun damit zufrieden, seine Enttäuschung hinter frischer Wut zu verbergen. Außerdem, war es wirklich seine Aufgabe, sich wieder und wieder für Anne Elliot ein Bein auszureißen?

Oh, du meinst Anne Elliot?" kommentierte er flapsig. „Das einzige menschliche Wesen, das ich kenne, das ohne Rückgrat schön überleben kann?"

Seine Mutter seufzte. „Du weißt, wen ich meine, Fredrick", warnte sie ihn. „Und nur damit du es weißt, das ist nicht sehr nett. Ich weiß, dass du es nicht so meinst."

Er zuckte zusammen. Er hasste eindeutig den Klang seines vollen Namens.

Sie fährt weg nach Missouri, richtig? Ins Internat?"

Maine", korrigierte er und presste seinen Bleistift so fest nach unten, dass er ein Loch in seine Hausaufgaben stach. „Und ich will nicht darüber reden."

Er hatte vielleicht nicht über die Angelegenheit sprechen wollen, aber er konnte todsicher nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ein Leben ohne Anne ... er hatte das seit dem Beginn der Grundschule nicht erlebt. Er konnte diese Idee nicht wirklich vollständig erfassen. Am Ende wusste er nicht, auf wen er wütender sein sollte – auf Anne, weil sie ihn verließ, oder auf sich selbst, weil er so abhängig von ihr war.

Was war überhaupt so besonders an Anne Elliot? Mal ernsthaft. Sie war nicht die interessanteste Person der Welt. Eigentlich war sie ganz schön streberhaft und unrealistisch. Anne war keineswegs spontan; einen Film anzusehen oder zu lesen zog sie in der Regel geselligen Zusammenkünften vor. Sie steigerte sich in die seltsamsten Dinge hinein, wie die Farbe ihrer Klebezettel oder ihre Lieblingsmarke bei Erdnussbutter. Sie war gar nicht mal so hübsch, dachte er. Um ehrlich zu sein, hatte er sich nie allzu viel darum geschert, wie sie aussah. Er hatte sich nie zuvor ausgiebige Gedanken darüber gemacht.

Er zog ein frisches Blatt Papier hervor und legte es auf den Tisch. Den Bleistift aufgestützt war er mehr als bereit, eine weitere Reihe von Zahlen anzugehen. Er atmete ruhig aus. Mathe hatte immer Lösungen.

Und dann war er erstarrt.

Rick?" fragte Mrs. Wentworth ihren Sohn bedächtig nach ein paar Minuten Schweigens. Sie näherte sich ihm und legte mütterlich eine Hand auf seine Stirn. „Geht's dir gut? Du siehst ... blass aus."

Rick starrte auf das leere Blatt vor sich, bewegt sich nicht und antwortete nicht.

Äh ... Süßer?"

Welch ein Zeitpunkt für eine Erleuchtung. Rick stand so schnell auf, dass er fast seine eigene Mutter umstieß. „Mama, tut mir leid!" rief er, packte sie und küsste sie auf die Wange. „Ich muss - ich muss etwas tun, yeah."

Bevor Mrs. Wentworth antworten konnte, war ihr Sohn aus der Tür.

Er flog die Treppe seines Wohnhauses hinunter, neue Energie pulsierte durch seinen Körper. Der Kern der Sache war dies: Anne konnte für ihn nichts Gewöhnliches sein, egal wie sehr er sich das wünschte. Es wäre so leicht gewesen, von ihr wegzugehen, wenn sie es wäre. Er wusste, sie war kein Mädchen, das anderen den Kopf verdrehte. Sie war kein Mädchen, das sich zu Wort meldete. Sie war kein Mädchen, das flirtete, zwinkerte oder kicherte. Aber sie war sein Mädchen. Er hatte nur ein paar Jahre und ein mathematisches Problem dazu gebraucht, um das herauszufinden.


Anne begriff nicht, dass es regnete, bis sie bemerkte, dass ihre Kleider immer schwerer wurden und ihr das Haar im Gesicht klebte. Spaßig, wie diese Details des Leben unwichtig werden, wenn sich Entschlossenheit einstellt.

Nachdem sie einen geschockten Will allein im Zimmer zurückgelassen, der besorgten Lisa und Ben abgewunken und ihre Schuhe von sich geschleudert hatte, war Anne von dieser Party weg und die Straße entlang in Richtung ihres Wohnheims gerannt. Sie wollte aber nicht nach Hause laufen. Sie lief, um ihn zu erwischen.

Die Regentropfen waren groß und dicht, prasselten harsch auf sie herab, als sie mit großen Schritten lief. Durch den Dunst des herabfallenden Wassers machte sie in der Ferne eine Silhouette aus. Sie war groß, aufrecht, und vertraut. Es war Rick.

„Rick!" rief sie durch das laute Prasseln des Regens.

Sie kam näher und sah, dass er sich für einen Moment langsam umdrehte. Er sah sie und beschloss weiterzugehen.

„Rick!" kreischte sie fast. „Bleib stehen!" Sie lief zu ihm hin und sprang ihm mit ausgestreckten Armen in den Weg, um ihn am Weitergehen zu hindern.

„Was willst du, Anne?" fragte er verzweifelt.

Das war eine sehr gute Frage. Anne wusste nicht so recht, wie sie sie beantworten sollte. Sie stand da, barfuß und keuchend vom Laufen, ihr dunkles Kleid war durchnässt und klebte an ihr.

„Ich ... ich schätze, ich wollte dir danken."

„Gern geschehen", sagte er ungeduldig. „Ist das alles?"

„Warum bist du gegangen? Was ist los?" fragte sie lahm. Nachdem sie den ganzen Weg gelaufen war, war es sowas von enttäuschend, das von sich zu geben, aber zu mehr war sie nicht in der Lage.

Rick schüttelte frustriert den Kopf, wischte sich unsinnigerweise die Tropfen aus dem Gesicht, nur um sie durch neue ersetzt zu sehen. „Was los ist?" wiederholte er. „Im Ernst? Was denkst du, was los ist? Heute hab ich so einen Trottel gesehen, kurz davor, jemand zu missbrauchen, meine ... meine ... und ich breche ihm die Nase, und was bekommen ich dafür von dir? Eine tief empfundene Darlegung deines Vertrauens in seinen Charakter! Was hast du gemacht? Ihn zurechtgewiesen, ihn auf die Wange geküsst und hinter mir her gelaufen? Anne, was er mit dir gemacht hat, war NICHT okay. Es war nicht –"

Glaubst du, das weiß ich nicht?" fragte sie entsetzt. Ihre Tränen vermischten sich mit dem Regen auf ihren Wangen. „Wie könnte ich das nicht wissen?"

„Nun, du hast deinem Freund ziemlich leicht verziehen, nicht wahr? Er ist immer noch dein Freund, nicht wahr?" forderte Rick sie heraus.

Anne zögerte. Sie dachte, sie hätte es beendet. Oder nicht?

Rick interpretierte das Schweigen, verdrehte die Augen und manövrierte um sie herum, um nach Hause zu gehen.

„Was ist falsch daran, ein wenig Vertrauen in andere Menschen zu haben?" insistierte Anne hinter ihm.

Rick blieb stehen und schluckte den Köder. Er drehte sich um und sagte: „Anne, es besteht ein Unterschied zwischen dem Glauben an etwas und einem Dasein als Fußabtreter."

„Was soll denn das heißen?"

„Ach, komm schon!" schrie er und warf halb lachend die Hände in die Luft. „Schau, wie dich deine Familie behandelt. Schau, wie Will dich behandelt. Du möchtest es den Leuten recht machen, Anne. Früher oder später musst du für dich selbst eintreten. Du lässt die Leute einfach auf dir herumtrampeln!"

„Tue ich nicht!" rief sie, obwohl sie wusste, dass es hoffnungslos war, sich zu verteidigen. „Ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen. Ich brauche keine –"

„Was, so wie heute Abend?"

Anne hielt den Atem an und sah ihn an. Er war nah genug, um ihn zu berühren. „Warum bist du hier?" brach es plötzlich aus ihr heraus. „Warum bist du hier? Ich bin ganz gut ohne dich zurechtgekommen. Die Dinge liefen gut. Ich hatte gerade aufgehört, an dich zu denken! Dann kreuzt du hier auf, wo ich zur Schule gehe und du bist einfach ... hier, redest nicht mit mir, bist stoisch und tust so, als ob ich nicht existiere, und dann gehst du noch fast mit meiner Mitbewohnerin ..."

„Lisa und ich sind nie –"

„Und jetzt knipst du auf einmal deinen „Bester Freund"-Schalter wieder an, erzählst mir, ich sei eine Fußmatte, und schlägst Leute links und rechts ..."

„ANNE ELLIOT!" Seine Stimme dröhnte in den Regen hinaus.

Sie hörte sofort auf zu reden. Ihrer Erfahrung nach verwendete Rick ihren vollen Namen nur dann, wenn er entweder begeistert war oder extrem frustriert. Sie war bereit zu wetten, dass es das letztere war.

„Ganz im Ernst?!" fragte er mit einer Stimme fast am Rande der Hysterie. „Warum willst du einfach nicht zulassen, dass ich dich hasse?"

Anne blinzelte. Es entstand eine eigentümliche Pause in ihrem Wortwechsel, als sie versuchte, diese Aussage zu verarbeiten. „Wie bitte?" fragte sie.

Rick fuhr sich frustriert mit seinen Händen durch sein durchnässtes Haar. „Begreifst du es nicht? Alles, was ich tun möchte, ist dich zu hassen! Du hast mich verlassen, erinnerst du dich? Du hast mich verlassen! Ich habe nicht darum gebeten, an deiner Schule zu sein – es ist einfach passiert, okay? Ich habe die letzten zwei Jahre meines Lebens damit verbracht, dich zu hassen, und jetzt, wo ich hier bin, halte ich es nicht durch! Ich stehe hier im Regen und streite mit einem Mädchen, das mir das Herz gebrochen hat, und ich kann dich nicht einmal mehr hassen! Was tust du mir an?"

Annes Kinnlade fiel herunter. Regen lief ihr in den Mund und sie hustete verlegen.

„Herrgott noch mal, Anne!" rief Rick zornig. „Ich sollte dich verabscheuen. Ich sollte nicht deinen Freund schlagen und dir Blumen kaufen!"

„Warte, was?"

„Ich sollte dich hassen!" wiederholte er. „So läuft das, Anne. Du gehst weg und ich hasse dich. Warum kannst du das nicht verstehen? Warum kann ich nicht einfach normal sein und dich hassen?"

Soviel hatte er nicht zu ihr gesagt, seit sie sechzehn waren. Das „Wie gehts" und der unbeholfene Small-Talk der letzten Monate war schließlich unter dem Gewicht ihres emotionalen Ballasts zusammengebrochen. Es war geschehen. Dort, im Regen, in einer keineswegs malerischen Umgebung, hatte Rick Wentworth endlich seine beizende Frustration herausgelassen und es war klar, dass Anne sowohl überrascht als auch unvorbereitet war, das zu hören.

„Nun, hast du nichts dazu zu sagen?" fragte er lahm.

Anne wischte sich sinnloserweise im Regen das Gesicht ab und verschränkte die Arme in dem Versuch, irgendeine Art von Wärme in ihrem Körper zu behalten. Sie zwang sich, ihren Blick von ihren Füßen zu erheben und seinen Augen zu begegnen.

„Es tut mir leid", würgte sie heraus.

Rick schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Er hatte nichts mehr zu sagen. Anne konnte es an seiner Reaktion ablesen. Ein Satz würde ihn nicht zufrieden stellen.

Rick drehte sich um und ging weg, während Anne zuschaute, wie er im trüben Dunst des Regens verschwand. Sie versuchte nicht einmal, ihn aufzuhalten.


(*1) englisch „calculus", dabei geht es um Themen wie Funktionen, Grenzwerte, Stetigkeit, Differenzial- und Integralrechnung ...