Mit schnellen, geübten Bewegungen richtet der oberste Diener des Earls die Hauptspeise raffiniert auf einem tiefen, handbemalten Porzellanteller an, garniert den Rand mit einigen getrockneten Kräutern und lässt dann anschließend das exquisite Gericht unter einer hochpolierten Silberhaube verschwinden. Auf den lädierten Servierwagen scheint er kurzfristig verzichten zu wollen. Dir wird unterschwellig bewusst, dass der Begriff „Improvisation" in diesen Hallen mehr als nur groß geschrieben wird. Zumindest in Sebastians Fall. Interessanterweise scheint er die, wenn auch unabsichtlich, in den Weg gelegten Steine des Chaostrios in keiner Weise persönlich zu nehmen. Im Gegenteil, der Butler wirkt, als wären sie ein unabwendbarer Faktor, den es im wahrsten Sinne des Wortes zu umlaufen gilt.

„Bard, wenn du _ beim Dessert helfen würdest, dann wäre ich dir sehr verbunden." Analog zu seinen Worten verschwindet in Stoffservietten eingerolltes Edelsilberbesteck in der Tasche seines Fracks. Wie von einer Hornisse gestochen springt Baldroy, der gerade noch die Intention des Rauchens gehabt hatte, auf, greift den umfunktionalisierten Flammenwerfer und gesellt sich neben dich. Während er den Brenner in Gang setzt, streust du braunen Rohrzucker auf das unfertige Crème Brûlée. Gerade noch rechtzeitig kannst du deinen Finger aus der Affäre ziehen, bevor das Flammenmeer die kleinen Keramikschalen verschluckt. Samt Tisch. Samt umliegenden Utensilien in einem Meter Reichweite.

Tatsächlich sieht euer Werk gut aus, du bist verwundert, aber auch ein wenig stolz auf dich und deine Leistung. Der Rest ist jedoch nahezu verkohlt, dank des vermeintlichen Chefkochs. Für Bard allerdings scheint es Kollateralschaden zu sein. Frei nach dem Motto „Wo gehobelt wird, da fallen Späne" pustet er die Flamme aus und betrachtet stolz seine Arbeit. Sebastian lässt das Schauspiel unkommentiert, seufzt allerdings leise und bereitet sich offensichtlich mental auf das anschließende Aufräumen vor. Mey-Rin und Finnian bestaunen sprachlos das Dessert. Du befreist die Schale vom Ruß und tust, wie dir geheißen, ein einzelnes Exemplar auf ein kleines, mit Servietten bestücktes Tablett. Scheinbar kann es nun losgehen, denn das Abendmahl ist zubereitet und die Dienerschaft mehr oder weniger beisammen- zumindest physisch.

Vorneweg spaziert Sebastian, wobei gleiten seine Bewegungen wohl eher besser definieren würde. Hintendran: ihr. Ohne große Umschweife – und den Weg solltest du dir merken- nehmt ihr Kurs auf das eigens dafür ausgestattete Speisezimmer der herrschaftlichen Villa. Dort angekommen werdet ihr erst einmal abgestellt, denn der Earl will scheinbar abgeholt und von seinen Bediensteten erwartet werden. Daran würdest du dich also nun gewöhnen müssen.

Es dauert einige wenige Minuten bis sich die große Holztür erneut öffnet und der Butler sich untertänig verbeugt, während er das infantile Oberhaupt der Phantomhive Familie in den Raum geleitet. Auch ihr verfahrt in selber Manier. In Reih und Glied steht ihr einige Schritte entfernt vom Earl und seit allen Anscheins nach dazu prädestiniert seinem Abendmahl beizuwohnen.

Du musterst den jungen Aristokraten unauffällig. Der obligatorische Gehstock mit dem goldenen Griff, die Augenklappte, die so akkurat verschnürt ist und die edlen, jedoch absolut nicht kindgemäßen Gewänder determinieren sein blaublütiges Auftreten. Ungreifbar, jedoch spürbar ist die dezent unterkühlte Aura, die ihm wie sein Schatten folgt. Wobei der Schatten an dieser Stelle eigentlich Sebastian Michaelis persönlich wäre. Du tätest es als absolutes Desinteresse titulieren, wüsstest du nicht, dass diese beiden Herren in der Türschwelle in dir unbekannte Machenschaften verwickelt sind. So könnte man zumindest die Warnung des …

„Bevor wir zum Ausklang des heutigen Abends kommen, stelle ich Ihnen _ vor." Mit einer galanten Bewegung holt die Stimme Sebastians dein Bewusstsein zurück in die Realität und die Aufmerksamkeit des Earls direkt zu dir. Während er spricht, schiebt er dem jungen Familienoberhaupt höflich den Stuhl zu, damit dieser sich setzen kann. Du spürst alle Blicke auf dir. Noch immer hältst du das silberne Tablett mit dem Crème Brûlée, auch wenn du es im Augenblick lieber durchs Zimmer schmeißen und rausrennen würdest, denn so viel Aufmerksamkeit ist dir nicht geheuer. „Ihr erinnert Euch an die junge Gehilfin Eures Informanten, des Bestatters.", fügt er freundlicherweise hinzu. Ciels ultramarine Iriden fixieren dich durchdringend. Seine Miene bleibt jedoch leer der Emotionen. Er scheint zu überlegen mit welchen Worten er dich empfangen oder bedenken soll. „Willkommen, _.", ertönt es letztendlich wertungsfrei aus seinem Munde. Scheinbar kann er wenig mit der Situation anfangen oder es interessiert ihn schlichtweg einfach nicht wer das Haus putzt. Du kannst es nicht ausmachen. Möglichweise hat er auch einfach nur Hunger. Bei dem Geruch, den Hauptgang und Nachtisch von sich geben, allerdings nachvollziehbar. Erneut schaltet sich Sebastian ein. „Sie wird ab sofort mit vollster Hingabe in Ihren Diensten stehen, My Lord." Begleitend zu seinen letzten Worten setzt er geräuschlos den Servierteller vor dem kleinen Jungen auf dem Prestigeholztisch ab, hebt die Haube zügig, jedoch so raffiniert hoch, dass der angestaute Qualm sich in Richtung des Tisches verzieht. „Aufgrund des verspäteten Tees empfehle ich eine leichte Abendkost."

Kritisch beäugt das junge Familienoberhaupt auf dem viel zu großen Stuhl die ihm vorgesetzte Speise. Schließlich greift er doch zum Löffel und beginnt langsam zu speisen. Ihr steht die gesamte Prozedur nahezu regungslos durch, allerdings fragst du dich, ob dieses Spektakel wirklich für jede größere Mahlzeit auf dem Plan stehen würde. Wenn ja, wann sollten du beziehungsweise Mey-Rin dann zum Putzen kommen? Du schweigst und siehst Ciel dabei zu, wie er seelenruhig Löffel um Löffel isst.

„Als zweiten und letzten Gang wird Euch heute ein vorzügliches Crème Brûlée à la pistache gereicht." Du kannst nur hoffen, dass der kleine Herr mit dem Adelstitel es ebenfalls als „vorzüglich" bezeichnen würde. Du hast nach Rezept gekocht, was sollte schon schief gehen? Wahrscheinlich genau so wenig, wie wenn man aus einem vermeintlichen Zauberbuch laut vorlas. Ein wenig erheiternder Gedanke.

Das Knacken der karamellisierten Zuckerkruste, das betont langsame Verzerren der Speisen… und du selbst stehst dir die Füße in den Bauch. Das Triumvirat garantierter Kalamitäten scheint -im Gegensatz zu dir - in Übung zu sein.

Da er sein Gesicht weder zu einer Grimasse verzieht, noch irgendeine optisch wahrnehmbare Regung gibt, die dir signalisieren könnte, dass dein Naschwerk positiven Anklang gefunden hat, übermittelt es dir die Annahme, dass es wohl ganz passabel zu schmecken scheint. Auch Sebastian macht keine Anstalten etwas aus seiner Mimik heraus erkennen zu lassen. Er mimt die Salzsäule neben seinem Herrn. Rätselraten also. Damit kennst du dich ja mehr oder weniger aus, nur hier könnte man es eher „Topfschlagen auf einem Minenfeld" schimpfen.

Anschließend steht die Reinigung der Küche an, zu der der Almandinäugige euch , Mey-Rin und dich, beordert hat. Diese eher hausfrauliche Aufgabe scheint, nachdem Baldroy die verbrannten Essenreste aus der Küche geschafft hat, eine ganz dankbare Sache zu sein, denn Abwaschen gehört letztendlich immer noch zu den ertragbaren Pflichten in einem Haushalt. Während ihr also Töpfe und Schüsseln reinigt, erkundigt sich die Magd mit den undefinierbar lila-roten Haaren nach deinem Befinden und den Eindrücken deines ersten halben Tages. Wahrheitsgemäß erklärst du ihr, dass du dich nach einiger Zeit beim Bestatter erst in deine neue Umgebung einleben musst. Tatsächlich ist daran nichts gelogen.

Glücklicherweise sind die die Kochinstrumente allesamt aus Metall, sodass der tollpatschigen Bediensteten lediglich eine Schale aus der Hand fällt, die du jedoch vor einem letalen Aufprall bewahren kannst. Alles in Allem scheint dies jedoch einberechnetes Risiko zu sein. Analog dazu erfährst du noch, dass du dich an den Resten des Essens laben kannst, da es sonst direkt kompostiert werden würde. Verschwendung im höchsten Maße also. Damals wie heute, pardon, heute sowie in der Zukunft natürlich.

So endet dein Tag spät, sehr, sehr spät sogar. Du zählst die Schläge der alten Kuckucksuhr im Flur nur sporadisch mit. Es ist schon lange dunkel, es muss nach zehn Uhr sein. Pünktlich zum Ende eurer Reinigungsaktion erwartet euch der gestriegelte Butler auch schon am Türrahmen lehnend. Scheinbar steht er schon eine ganze Weile unbeobachtet an dieser Stelle. Erst als die lebensfrohe Magd neben dir ihn auch bemerkt, stößt er sich schwungvoll ab und zieht eine langsame Runde durch die Küche, während er euer Werk begutachtet. „Mey-Rin, _.", setzt er mit unterdrückt überraschter Expression an. Er ist mit eurer Arbeit zufrieden, du atmest leise aus.

Da Sebastian tatsächlich nichts zu beanstanden hat, entlässt er euch für den Rest des Abends, der bereits so fortgeschritten ist, dass es sich nicht mehr lohnt mit irgendeiner Tätigkeit zu beginnen. So kehrst du in dein neues Gemach zurück, einen Kerzenständer als Lichtquelle in den Händen haltend, und betrachtest deine neue Unterkunft. Du kannst dieses Gefühl kaum beschreiben, aber es wirkt auf dich, als sei dies nur ein Übergangszustand, eine temporäre Verlagerung deiner Behausung. Du musst erst noch ankommen, dich umgewöhnen und dann nach vorne sehen. Du gehst langsamen Schrittes durch die kleine Kammer und stellst den schweren Metallleuchter auf den Holztisch ab. Wenige Minuten später findest du dich in deinem Bett wieder.

Der Stoff des Betttuches ist weicher, selbst wenn er wahrscheinlich nur unterste Qualität in den Augen deines jetzigen Umfeldes bedeuten würde. Könntest du dich distanziert aus der Zukunft betrachten, dann würdest du einräumen, dass dieser Zustand eigentlich ein unbestreitbarer Aufstieg ist. Von Obdachlosigkeit ins Totengeschäft bis hin in den Dienste des Adels. Du bist reicher geworden- im mehrdimensionalen Sinne. Und trotzdem sorgt ein bisher ungeklärter Faktor für Unbehagen in dir. Du ziehst die Decke bis zum Kinn hoch und blickst ins Zimmer. Die Dunkelheit um dich ist anders. Nicht absolut, nicht einlullend und … nicht beschützend. Nein, der schwache Schein der Laternen um das Anwesen herum spendet ein Quantum an Helligkeit, sodass du noch immer sehen kannst. Es hat etwas lebendiges, wenngleich es auch einen erzwungenen Anschein macht. Doch was war an diesem Ort so anders? Du kannst dir nichts vormachen, die Situation ist trotz eines mehr als herzensguten Empfanges befremdlich. Du schließt die Augen und gehst in dich. Es gibt noch so einige Fragen zu beantworten, vielleicht würdest du alleine eine Lösung finden.

Auch wenn es hier im Gegensatz zum Bestattungsinstitut ordentlich beleuchtet und bewohnt ist, sowie die permanente Anwesenheit von penetranten Chemikalien und abgestandener Luft in Kombination mit der Allgegenwärtigkeit des Todes fehlt, haben beide Orte eines gemein: ein gehütetes Geheimnis. Der Undertaker ist ein Shinigami. Doch wer sind der Earl und sein Butler? Begründet es sich darin, dass du in gewisser Weise voreingenommen bist, oder würden deine Alarmglocken auch ohne des Todesgottes Warnungen geschellt haben? Auch daran kann es nur bedingt liegen. Du drehst dich zur Seite und fährst mit den Fingern über deine Halskette. Diesen Schatz würdest du nicht so schnell freiwillig ablegen.

Der Leichenverscharrer ist auf dich zugekommen, damals. Eigentlich war es der blanke Wahnsinn einem Fremden zu folgen, doch es gab keine Alternative, nicht wahr? Sofort hatte er erkannt, dass du nicht hier her gehörst. Das gesamte Ausmaß seiner Beweggründe wird sich dir nie erschließen, aber du bist froh, dass er sich deiner angenommen hat. Mehr noch, er hat dir ein neues Paar Augen geschenkt- metaphorisch betrachtet. Schließlich hat er sich dir zu erkennen geben, ist immer ehrlich geblieben, spielte jedoch geschickt mit der Wahrheit. Und noch immer weiß du nicht um den wahren Grund deiner Abreise. So bist du hier gelandet, in einem Anwesen, das auf den ersten Blick mindestens genauso viele Fragen aufwirft wie die Person des Undertakers. Doch hier ist es anders, und es dauert tatsächlich eine Weile bis du den haarfeinen Unterschied ausgemacht hast :

Der Shinigami täuscht sein Umfeld, lässt die Menschen glauben, dass er ein harmloser alter Bestatter sei, der seine Erquickung im Beerdigen Verstorbener findet. Er sorgt dafür, dass seine Tarnung makellos ist und von Uneingeweihten nicht durchschaut werden kann. Hier hingegen laufen einige Dinge nicht ganz koscher ab, und das sogar ganz offensichtlich. Nicht nur, dass es unmöglich ist eine derartig große Villa mit einem Minimum an Personal in Schuss zu halten, nein, die Hälfte der Bediensteten ist nicht einmal in der Lage ihre Aufgaben angemessen durchzuführen. De facto ist es nur Sebastian, der dafür sorgt, dass die kleine Welt innerhalb dieser Mauern intakt bleibt. Aber der Butler macht offensichtlich keinen Hehl daraus oder versucht es in irgendeiner Art und Weise zu vertuschen. Nur er selbst scheint sich unter Wert zu verkaufen. Möglicherweise ist das sein Weg mit der Wahrheit zu spielen, denn bekanntlich sind es die offensichtlichsten Dinge, die gern übersehen werden.

Mehr Informationen kannst du aus deinen Momentanen Eindrücken nicht gewinnen. Hier wird eindeutig ein Spiel gespielt, und du bist verwickelt, denn deine Lebensgeschichte ist ebenfalls so unecht wie der Eindruck, den diese Villa vermitteln soll. Was dich allerdings wundert ist die Tatsache, dass der Undertaker Sebastian oder gar dem Earl von deiner vermeintlich wahren Biographie erzählt hatte, dir jedoch nicht. War er sich denn so sicher, dass du genügend über dich selbst herausbekommen würdest? Der Butler schien auf jeden Fall seine Aufmerksamkeit auf dich gerichtet zu haben. Möglicherweise geht er mit einer gnadenlosen Akribie allen Dingen nach, die ihm nicht geheuer scheinen. Dies alles nur um seinem Herrn zu dienen und ihn zu schützen? Aber eine potentielle Gefahr stellst du doch nun wirklich nicht dar, oder?

Das beantwortet allerdings deine Frage noch immer nicht. Du kannst es dir nicht erklären, nur vermuten, dass dein silberhaariger und mehrfacher Lebensretter nicht will, dass aufgrund seiner Handlungen dazu gezwungen bist derartig zu lügen. Du hast es dir nicht ausgedacht, sondern er. Und, du bist nicht ganze freiwillig umgezogen. Vielleicht würde er so auch die Schuld auf sich nehmen, ginge etwas schief. Damit wärst du wiederum aus dem Schneider. Möglicherweise ist dies auch schon wieder zu viel der Interpretation. Nachdenken macht schrecklich müde, besonders nach einem ereignisreichen Tag wie diesem hier. Du beschließt zu ruhen. Es dauert zwar eine Weile, aber du findest Schlaf.

Du wachst nicht von selbst auf, sondern wirst geweckt. Von Sebastian, der wie aus Stein gemeißelt in der Tür steht und dich aus deiner traumlosen Nachtruhe zurückholt. Scheinbar beinhaltet das Leben als Dienerschaft im Phantomhive Haushalt auch einen kostenlosen Weckruf. Bevor du deine Umwelt überhaupt wahrnehmen kannst ist er bereits wieder dem Zimmer entflohen. In der Ferne nimmst du ein Klopfen wahr. Er muss an Mey-Rins Pforte stehen und ihr den Schleier des Schlafes entreißen. Eine mehr als nur sadistische Aufgabe. Wenn man allerdings bedenkt, dass er dir auch schon so einige Schwierigkeiten beschafft hat, dann gehst du ganz stark davon aus, dass er perfide Freude an diesem Morgenritus haben wird. Und außerdem; wie kann man zu so einer Uhrzeit – es ist noch nicht einmal hell – bereits so erholt und wach wirken?

Der Raum um dich herum nimmt Konturen an. Da du wahrscheinlich wenig Zeit haben wirst, allerdings das Bett der anstehenden Arbeit vorziehst, wenn du ehrlich bist, machst du dich daran möglichst zeitnah auf voller Höhe zu sein und in deine Arbeitsbekleidung zu schlüpfen. Das Pendant hast du nicht abgelegt, es ist ein Teil von dir und scheint sich ebenso an deinen Körper zu schmiegen- kaum wahrnehmbar, aber allgegenwärtig.

Nachdem Baldroy dir einen riesen Eimer mit heißem Wasser übergeben hat, stehst du bald darauf frisch gebadet und geputzt wieder in der Küche, gemeinsam mit der weiteren Dienerschaft. Zu deiner Verwunderung ist da noch jemand, den du bis dato noch nicht wirklich kennengelernt hast. Vor dir auf einem Schemel ist ein ziemlich kleiner, alter Herr mit grauen, zurückgekämmten Haaren, einem gepflegten Oberlippenbart und einem Monokel vor dem rechten Auge. Er wirkt gepflegt, jedoch irgendwie eingelaufen in der Wäsche. In seinen Händen hält er eine dampfende Tasse, der er vollste Aufmerksamkeit schenkt.

Finnian beobachtet deine Blickführung und beginnt sofort drauflos zu plappern. Auch er scheint zu jenen Menschen zu gehören, die mit einer morgendlichen guten Laune gesegnet sind. „Oh, das ist Tanaka! Er ist erst gestern Abend zurückgekommen." Freundlich lächelt der gesetzte Herr dich an. „Er hat schon den verstorbenen Eltern des Earls gedient.", fügt der Türkisäugige nonchalant hinzu. Du erinnerst dich, das Trio hatte ihn auf der Reise hierher erwähnt. Sonderlich robust und arbeitsfähig wirkt der vor sich hin Träumende allerdings nicht. Du lächelst ihn unsicher an und machst einen höflichen Knicks.

Kurz darauf trifft auch Sebastian Michaelis ein. Mit sich trägt er eine Ladung von Schaufeln und Besen, die er jedem von euch aushändigt. Kurz darauf steht ihr draußen, in der Kälte. Tatsächlich hat er über Nacht angefangen zu schneien, und noch immer fallen große Flocken vom Himmelszelt und bedecken die Welt mit ihrer eiskalten Schönheit. Das gesamte Anwesen ist ein Wintertraum, eine Landschaft beträufelt mit Puderzucker, der hypnotisierend schön im Schein der Laternen funkelt und auf vertraute Art und Weise unter den Schuhen knirscht. Ein Märchen aus Weiß- und Blaunuancen.

So ist es nun an euch den Weg freizukehren, denn Phantomhive Junior beabsichtigt scheinbar einen Ausflug, wohin auch immer. Trotz der Kälte kommt Hitze auf, denn das Schneekehren und -schaufeln kostet so einiges an Kraft. Den Rest des Vormittags dürft ihr, da sowohl Ciel als auch Sebastian nicht vor Ort sein werden, im weißen Winterwunderland verbringen. Dementsprechend bist du die Erste, die sich nach erledigter Arbeit eingeseift und abgeworfen sieht. Anschließend wird Tanaka ein Iglo errichtet, mit Mey-Rin ein schiefer, unförmiger Schneemann gebaut und zum krönenden Abschluss eine gnadenlose zwei-Fronten-Schneeschlacht geführt. So lieb das Trio auch ist, so unerbittlich sind sie im spielerischen Kampf der kristallinen Wurfgeschosse.

Erst am späten Nachmittag, als Helios schon gänzlich vom Horizont verschluckt ist, kehren auch die beiden Herrschaften zurück in die Villa. Da ihr keine expliziten Anweisungen erhalten habt, sind du und Mey-Rin mit Staubtuch und Lappen einmal alle Vasen und Büsten des unteren Geschosses abgegangen. Anschließend durfte der Boden dran glauben, denn einmal gefegt habt ihr auch noch. Kaum vorstellbar, dass die Magd diese Arbeit alleine erledigt hatte vor deiner Ankunft. Als Duo ging es jedoch recht flott, wobei flott bei den Ausmaßen des Anwesens immer noch als relativ zu sehen ist. Jedenfalls seid ihr geschafft- von der Schneeschlacht. Trotzdem bereitet ihr dem jungen Aristokraten mit dem schneebestäubten Zylinder und dem schwarzhaarigen Butler, seines Zeichens unberührt vom Wetter, einen würdigen Empfang. Allerdings sind sie nicht alleine heimgekehrt.

Du erinnerst dich an den Herrn mit den asiatischen Gewändern und der eindeutig fernöstlichen Herkunft, auch wenn du seinen Namen nicht weißt. Er war derjenige, der zusammen mit Madam Red erfolgslos versucht hatte dem Undertaker ein Lachen zu entlocken. Mit ineinandergesteckten Fingern, verborgen unter seinen Glockenärmeln, tritt er ebenfalls ein.

„Willkommen zurück, junger Herr!", wird der Distinguierte im Chor begrüßt. Angesprochener scheint jedoch nicht in Plauderlaune zu sein, sondern in Gedanken noch ganz woanders. Offensichtlich beschäftigt ihn etwas. Du weißt, dass er für die Königin arbeitet. Der Undertaker hatte es erwähnt. Möglicherweise sitzt er bereits an einem neuen Fall. So eine schwere Bürde für einen so kleinen Jungen…

„Welch' Scharade mich für derartige Investigationen nach London zu schicken.", tönt halb genervt halb ermüdet von Ciel. „Nun, wenn an Eurer Kette gezogen wird, dann habt Ihr die Pflicht zu bellen, Wachhund der Königin.", pflichtet ihm der subtil lächelnde Besucher bei, während er sich umsieht und euch erspäht. „Ein gebührender Empfang. Wie ich sehe habt ihr einen Neuzugang." Er mustert dich, jedenfalls gehst du davon aus. Mit Sicherheit sagen kannst du es bei seiner schläfrigen Expression jedoch nicht. Weder Sebastian noch der kleine Blauhaarige reagieren auf seine Worte. „Ihr müsst erschöpft sein, Master. Ich werde Euch einen Tee bringen, damit ihr Euch aufwärmen könnt." In beispielsloser Voraussicht steuert des Aristokraten Diener gen Küche. „Ich präferiere Chai." „Sehr wohl."

Gerade als Sebastian seine behandschuhten Finger auf die polierte Türklinke legt und den Raum verlassen will, öffnet sich die Pforte der Haupteingangstür. Zur Verwunderung aller tritt ein deplatziert wirkendes, offensichtlich nicht-eingeladenes Duo ein. Stille legt sich über alle Beteiligten. Deine Blicke fahren an den Gestalten auf und ab.

Der kleinere von Beiden Männern, die eindeutig indischer Herkunft sein müssen, denn ihre gebräunte Haut, die an Milchkaffeefarben erinnert deutet zweifelslos darauf hin, hat zerzaustes, schneedurchnässtes burgunderfarbiges Haar und goldbraune Iriden. Sein Pony wirkt durch die Witterung ein wenig desolat. Ohrringe aus Feingold baumeln an seinen Ohren, die durch die Kälte gerötet sind. Über seinen blauen Gewändern mit Aurum-Borte trägt er ein reinweißes Tuch, befestigt mit einer filigranen Brosche. Wo auch immer er genau herkommt, er gehört definitiv in eine gehobene Kaste. Der großgewachsene Mann neben ihm wirkt hingegen wie ein Fels in der Brandung. Weißes Haar, teils verborgen unter einem einfachen Turban, der nur eine lange mit Perlen verzierte Strähne herausfallen lässt, einen Silberohrring – mehr kannst du nicht erkennen- und farblich unauffälligere Farben als sein kleinerer Begleiter, der offensichtlich sein Herr sein muss. Er wirkt einfach situierter, wenngleich eine Aura der Ruhe ihn umgibt und sein Körperbau eine Menge Kraft erahnen lässt. Sie sind ein wenig unsicher, aber friedvoll gestimmt.

„Es ist kleiner als mein Palast.", hörst du den Violettharigen feststellen, als dieser sich umzusehen beginnt. „Was zum … macht ihr hier?", giftet Ciel Phantomhive unvermittelt los. Du würdest gerne lachen, denn derartig ausbrüchig hast du ihn noch nicht erlebt. Scheinbar steckte doch dann und wann ein altersgemäßer Junge im Earl. „Huh? Aber wir haben uns doch bereits gesehen heute.", stellt der indische Herr, dessen Namen du langsam gerne mal wüsstest, fest. Die Bande um dich herum rückt neugierig zusammen und beginnt zu tuscheln. Dem offensichtlich blaublütigen Fremdländischen scheint die Stimmung des Aristokraten nicht aus der Fassung zu bringen. „Ich habe dich doch gerettet, erinnerst du dich nicht?" Dem Earl entgleiten sämtliche Züge und er dreht sich hilfesuchend zu Sebastian um, der die Situation noch immer abzuschätzen scheint. „Bei uns, in Indien, ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man seinen Wohltätern Unterkunft und Unterhaltung bietet, selbst wenn man seine letzten Habseligkeiten dafür verkaufen muss." Mit ungebrochener Liebe zu seiner Heimat erklärt der junge Inder dem Engländer seine Sitten und Bräuche mit wachsendem Stolz. Noch immer kann das Kind mit der Augenklappe vor Entrüstung nicht sprechen, was die unangemeldeten Besucher wiederrum in ihrem Handeln bekräftigt.

„Ihr seid also auf der Suche nach einem Schlafplatz." Nun hat auch die Herrschaft mit den asiatischen Wurzeln Eingang in die Konversation gefunden, während der Weißhaarige schnurstracks an euch vorbei die Treppen hinaufmarschiert ist. „Wo befinden sich dich Betten?" Doch bevor er eine Antwort bekommen kann, steht sein Diener wieder auf den Stufen und strahlt, als hätte er soeben das Paradies hinter irgendeiner Zimmertür entdeckt. „Mein Prinz, ich habe sie gefunden!", verkündet er euphorisch.

Die Situation scheint dem wahren Hausbesitzer allerdings mächtig gegen den Strich zu gehen, doch seine Worte werden einfach überhört. Wieder unterdrückst du ein leises Kichern, denn der große kleine Earl ist es scheinbar nicht gewohnt ignoriert zu werden. Die selbsternannten Gäste kümmert das jedoch recht wenig, denn sie steuern direkt gen Treppe. „Auch wenn es winzig ist, ich habe beschlossen, dass wir hier bleiben , ich ziehe es den Gasthäusern dieser Stadt vor." Nicht einmal Ciels Gestikulation und Widerspruch scheint sie zu tangieren. So siehst du zu, wie sie einfach um die Ecke verschwinden. Ihnen hinterher: ein mächtig genervter Earl Phantomhive.