Ich muss mich sehr zurückhalten, um nicht den Bildschirm des FMC vor Wut zu zertrümmern. Tut mir leid Kätzchen! Mehr fällt dem Idioten nicht ein?
„Peter", fragt Katniss alarmiert, „was bedeutet das? Sitzen Prim und meine Mutter jetzt fest?"
„Ich fürchte ja. Das Hovercraft, mit dem sie sie ausfliegen wollten, ist defekt, und so wie es aussieht auch nicht zu reparieren. Nicht in sechzig bis neunzig Minuten", antworte ich niedergeschlagen.
„Aber die Truppen…sie werden sie töten! Peter, sie werden Prim töten!" schreit Katniss panisch. „Los, schalt die Kameras wieder ein! Wir müssen mit ihnen verhandeln!"
„Katniss, was willst du mit den Spielmachern verhandeln? Das ist eine militärische Operation, dieser Angriff auf Distrikt 12. Die Spielmacher können da wahrscheinlich nicht mal mitreden. Das klingt mir eher nach einer Idee von Präsident Snow, um uns zu bestrafen!" entgegne ich.

Katniss packt mich mit beiden Armen.
„Peter, verstehst du nicht? Meine Schwester wird sterben, und wir sind schuld! Wir müssen doch wenigstens zu verhandeln versuchen!" fleht sie mich an.
Verhandeln. Mir ist klar, worauf das hinausläuft.
„Dir ist aber schon klar, welchen Preis wir dafür zahlen müssten? Sofern sie überhaupt darauf einsteigen?"
„Du weißt, was mir Prim bedeutet. Ich bin für sie verantwortlich. Verdammt, ich hätte mich freiwillig als Tributin gemeldet, wenn sie gezogen worden wäre! Wenn ich sterben muss, damit sie leben kann, dann soll es so sein!" entgegnet Katniss.

„Habt ihr eigentlich schon mal an die Alternative gedacht?" unterbricht Finch.
„Welche Alternative?" fragt Katniss.
„Nun, wenn ich das so grob durchrechne, dann sollten wir nicht allzu weit weg von Distrikt 12 sein. Wir waren ganz unten im Süden von Distrikt vier, dann sind wir Pi mal Daumen eineinhalb Stunden Richtung Nordnordost geflogen. Wie schnell ist das Ding hier? 500 Meilen pro Stunde? 550?"
Natürlich! Wir sind direkt auf die Großen Seen zugeflogen. Distrikt 12 kann kaum mehr als eine Stunde von uns entfernt sein!

„Das ist es!" platzt es aus mir heraus. „Wir können nach Distrikt 12 fliegen, auf dem Flugplatz landen, die Leute aufnehmen, und abhauen. Wenn wir Glück haben, bevor die Truppen da sind!"
Ich setze mich in den Pilotensitz und tippe eine kurze Frage ins FMC.

ANGABE HDG
UND DIST
FUER D12
MOEGLICH?

„Und was machen wir nachher?" fragt Katniss.
„Dann fliegen wir nach Kanada". Noch will ich das Wort Distrikt 13 nicht in den Mund nehmen. Und Kanada liegt direkt neben Distrikt 13.
„Reicht dafür der Treibstoff?" will Finch wissen.
„Das muss ich erst ausrechnen. Wird vermutlich knapp, aber es müsste sich ausgehen", antworte ich.

Pling!

EMPFEHLEN STEUERKURS
072 GRAD AUSGEHEND
VON AKUTELLER
RADARPOSITION

ENTFERNUNG 407 NM
ETA 54 MIN BEI
AKTUELLER
GESCHWINDIGKEIT

„Seht ihr, wir schaffen das unter einer Stunde!", verkünde ich. „Also, wenn keiner dagegen ist, drehen wir ab nach Distrikt 12."
„Habt ihr da nicht etwas vergessen?" wirft Clove von hinten ein. „Die Bombe geht in weniger als 15 Minuten hoch, ihr habt keinen Plan, wie ihr sie entschärfen könnt, und da wollt ihr einen Ausflug nach Distrikt 12 machen?"
Ich ignoriere sie.
„Peter, Clove hat ausnahmsweise Recht", sagt Finch. „Was bringt uns das, wenn wir die Bombe nicht entschärft bekommen?"
„Die bekommen wir schon entschärft. Und wenn ich den Code aus Clove herausprügeln muss! In der Zwischenzeit machen wir schon mal Strecke."
Finch nickt.
„Na gut. Aber wenn wir den Code nicht bekommen, müssen wir mit den Spielmachern reden!"

Ich greife zu einem Drehknopf auf dem Blendschutz an der Oberkante des Instrumentenbretts, und drehe ihn nach rechts. Auf dem Navigationsbildschirm wandert eine magentafarbene Markierung auf der halbkreisförmigen Darstellung einer Kompassrose nach rechts – der HEADING BUG. Ich stelle ihn auf 072. Dann schalte ich den Kursmodus des Autopiloten von AUX NAV auf HDG SEL. Sofort geht die DC-8 wie von Geisterhand in eine Rechtskurve.

„Da brennen zwei blaue Lichter auf dem Instrumentenbrett rechts an der Wand", ruft Finch plötzlich. „Die waren vorher ganz sicher nicht an! Also bevor ich wegen dem Bombe nach hinten gegangen bin!"
Natürlich! Das bedeutet, dass die Reservetanks 1 und 4 leer sind. Um allerdings sicher zu gehen, dass der nutzbare Treibstoffinhalt wirklich bis zum letzten Tropfen in die Haupttanks gepumpt wird, muss ich den Transfer noch zehn Minuten bei konstant leuchteten Lampen weiterlaufen lassen.
„Ist nur ein Hinweis, dass die Reservetanks leer sind", antworte ich. „Schau besser mal wieder nach hinten, vielleicht findest noch etwas über die Box heraus!"

Wortlos dreht sich Finch um und verschwindet nach hinten. Immerhin macht sie, was man ihr sagt. Aber mir ist noch immer nicht ganz klar, was sie genau im Schilde führt. Und warum sie meistens alles so kalt lässt. 100, nein, 1.000 Dollar für ihre Gedanken. Wahrscheinlich ist sie mir in gewisser Weise ähnlich, nur dass sie das Verdrängen noch besser beherrscht. Aber wenn ich in Distrikt 5 leben müsste, und jedes Jahr Angst haben müsste, dass meine Freunde in die Arena müssen, oder dass ich ihnen als Tribut gegenüberstehen könnte, wäre ich vermutlich genauso. Finch ist so etwas wie ein verkappter Karriero, nicht mordlüstern und augenscheinlich keine Kampfexpertin, aber sie hat die nötige emotionale Distanziertheit, die nötig sein würde, um einen Gegner falls nötig oder wenn sich die Gelegenheit bietet kaltblütig zu töten.

Der Gedanke lässt mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Was, wenn Finch uns die ganze Zeit an der Nase herumführt, und irgendeinen fiesen Plan ausheckt, um uns alle zur Strecke zu bringen? Nein, so verrückt ist sie nicht. Sie braucht mich oder Clove, um die Maschine zu landen. Trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl, wenn sie alleine hinten in der Kabine ist. Außerdem macht es mich verrückt, dass ich diese blöde Bombenbox noch nicht selber in Augenschein genommen habe.

„Katniss, ich schaue mir diese Steuerbox mal selber an. Du weiß, was du zu tun hast, wenn die Maschine irgendwelche merkwürdigen Dinge macht?"
Sie nickt mir zu.
„Dann schalte ich den Autopiloten mit dem Knopf hier ab und versuche die Maschine gerade zu halten. Und ich schrei nach dir", antwortet Katniss.
„Richtig", pflichte ich ihr bei. „Ich bin gleich wieder da."

Der Countdown-Reset hat uns alle ein wenig von unserer Panik heruntergeholt. Es ist wie nach einer heiklen Situation auf der Autobahn. Momentan pocht das Adrenalin durch die Adern, doch obwohl in der nächsten Minute das Gleiche noch einmal passieren kann, fühlt man sich nach kurzem Herzklopfen doch wieder ruhig und entspannt. Mit dem Reset haben wir zumindest vorübergehen die Kontrolle über unsere Situation übernommen. Während ich an der vorderen Bordküche vorbeihumple, lasse ich die Ereignisse der letzten Stunden im Kopf Revue passieren.

Das Feuer. Der Sturzflug. Das Nachtriegel-Spiel. Die Mikrowellenkanone und deren Stromverbrauch, der mich auf die Idee mit dem AC TIE BUS gebracht hat. Das Aussperren der Spielmacher durch das Abschalten des AC TIE BUS. Als rational denkender Mensch glaube ich nicht wirklich an Gott, aber würde ich an Gott glauben, so müsste ich annehmen, dass er seine schützende Hand über mich gehalten hat. Eine ganze Reihe potentiell tödlicher Situationen, und doch gab es immer eine Lösung. Sicher, Breck und Marina mussten dran glauben, doch der Flug ging weiter. Die Spielmacher hätten uns zig mal umbringen können, die Bombe so programmieren können, dass sie sich nicht zurücksetzen lässt, oder sie gleich explodieren lassen können, aber sie haben es nicht getan.

Es ist fast so, als würden sie uns gar nicht wirklich umbringen wollen, als ob sie nur so tun würden als ob. Damit das Publikum und Präsident Snow bei der Stange bleiben, bis wir uns absetzen können.

Der Gedanke ist verrückt, aber er ist das einzig Sinnvolle, was mir in der gegenwärtigen Situation einfällt.

„Peter! Komm schnell!" ruft Finch mir zu.
Ich beschleunige meine humpelnden Schritte. Die Tabletten scheinen allmählich zu wirken, von den stechenden Kopfschmerzen ist nur noch ein dumpfes Pochen zu spüren. Doch mein Knöchel ist nach wie vor nicht belastbar. Mist! Ich werde meine Beine spätestens bei der Landung für das Seitenruder und die Radbremsen brauchen!
Finch steht auf einer Ausrüstungskiste und hat ihren Kopf in das Fach gebeugt. Sonst wäre sie zu klein, um überhaupt die Box vernünftig zu sehen. Intelligentes Mädchen, immer auf der Suche nach einer Lösung.

„Was ist denn los?" frage ich.
„Der Timer", sagt Finch aufgeregt. „Wir haben nur noch sieben Minuten!"
„Was?" entgegne ich ungläubig, und versuche einen Blick auf das Display zu erhaschen.
Ich muss mich verhört haben. Es können unmöglich nur noch sieben Minuten übrig sein. Wir müssten gefühlsmäßig zehn oder sogar mehr Minuten zur Verfügung haben!
„Nur noch sieben Minuten!" wiederholt Finch. „Hier, sieh selbst!"

Das Mädchen tritt ein Stück zur Seite, damit ich freie Sicht auf die kompakte, rechteckige schwarze Box im Überkopf-Staufach habe. Das Display zeigt 6:47 in roter Leuchtschrift an. Daneben befindet sich eine Reihe von Kontrollleuchten, wie in der Textnachricht beschrieben.

Noch immer will ich nicht so recht glauben, was ich da sehe.
Finch packt meinen Arm und rüttelt daran.
„Peter, uns läuft die Zeit davon! Wir brauchen den Code!"
Den Code. Clove.
„Du bleibst hier. Schau, ob du irgendein Kabel findest, das zur Bombe geht. Ich nehme mir Clove vor!"
Während ich zurück ins Cockpit humple, verfluche ich im Stillen mein verletztes Bein. Wenn ich doch bloß normal laufen könnte! Warum muss ich auch so verdammt schmerzempfindlich sein! Katniss würde mich mit einer ähnlichen Verletzung wohl abhängen.
In meinem Kopf läuft der Timer rückwärts. Endlich, ich bin im Cockpit. Ohne Umschweife humple ich direkt auf Clove zu.

„Wir haben nur noch sechs Minuten! Los, raus mit dem Code!" schreie ich sie an.
„Wie, was, nur sechs Minuten?" erwidert Clove mit fragendem Tonfall. „Wir müssten noch mindestens zehn haben!"
„Haben wir aber nicht! Und sofern das Display ein echter Timer ist und kein Dummyobjekt, um uns zu verarschen, haben wir nur mehr sechs Minuten. Also, her mit dem Code!"
Cloves fragender Gesichtsausdruck verändert sich in Richtung nachdenklich, mit einem Hauch Erstaunen.
„Aber…aber sie haben mir gesagt, man kann den Timer drei Mal resetten. Jedes Mal fünfzehn Minuten. Einmal haben wir verbraucht, als ich die Triebwerke abgestellt habe. Wir haben vielleicht fünf Minuten vebraucht, bevor du nach hinten gegangen bist. Wenn überhaupt. Verstehst du?"
Ich nicke.
„Hör zu, ich wollte es auch nicht glauben. Aber es ist so. Also, wie lautet der Code?"
Clove schüttelt ihren Kopf.
„Da stimmt etwas nicht. Sie haben nichts gesagt, dass der letzte Countdown kürzer ist. Warum haben sie mir das nicht gesagt?" entgegnet sie aufgebracht. Die Maske des furchtlosen Karrieros scheint auf einen Schlag von Clove gefallen zu sein. Sie ist nur noch eine Tributin, die Angst um ihr eigenes Leben hat.
„Den Code, verdammt noch mal!" fordere ich mit Nachdruck. „Soll ich den Brenner holen? So blöd bist du doch nicht, oder?"

Katniss wendet unvermittelt ihren Blick von den Instrumenten ab und dreht sich ruckartig um.
„Hörst du schlecht? Rück den verdammten Code raus!" schreit sie Richtung Clove.
„Na gut, ihr habt gewonnen" spuckt die Tributin aus Distrikt 2 verächtlich aus.
„Ich geb euch den Code. Aber zuerst machst ihr mich los, damit ich ihn selber eingeben kann. Nicht dass sich jemand in der Aufregung noch vertippt!"

Klar, jetzt versucht sie zu handeln. Aus dem Augenwinkel sehe ich Katniss ihren Kopf schütteln. Ein stimmloses Nein huscht über ihre Lippen.
„Hör mal! Wir sind hier nicht im Bazar!" schreie ich Clove an. „Entweder du gibst uns den Code, oder du stirbst mit uns!"
Sie starrt mich schweigend an.
„Spinnst du?" fahre ich sie an. „Du gehst gleich drauf, und hast nichts besseres zu tun, als Spielchen mit uns zu spielen? Kapier es endlich, dein Kapitol wird dich nicht retten! Warum glaubst du, dass du nichts über den kürzeren Countdown weist? Wenn du überleben willst, musst du dich an uns halten. Kapiert?"
Clove beginnt zu grübeln. Vermutlich wägt sie die schwindende Zeit gegen das für sie erzielbare Entgegenkommen meinerseits ab. Schön langsam muss sie doch einsehen, dass sie mit dem Rücken zur Wand steht.

Ich höre das Klicken eines Gurtschlosses.
„Katniss, bleibt auf deinem Platz!" kommandiere ich, doch sie ignoriert mich und klettert aus ihrem Sitz. Zielsicher schnappt sie sich den Compoundbogen, den Breck beim Sturm auf das Cockpit benutzt hatte, um Clove in Schach zu halten, und legt einen Pfeil ein. Noch ehe ich schlucken oder etwas erwidern kann, hat sie den Bogen gespannt und die Pfeilspitze auf Clove gerichtet.

„So, jetzt mach ich dir mal ein Gegenangebot. Den Code, oder du hast einen Pfeil in der Brust, bevor der Countdown um ist!", sagt Katniss kühl. Ihre Miene spricht ein deutliches „spiel nicht mit mir oder du bereust es".
Clove starrt bewegungslos auf die Pfeilspitze.
„Wenn ich tot bin, nützt euch das gar nichts!", entgegnet sie bissig.
„Wenn du den Code nicht rausrückst, bist du sowieso tot. Wenn wir den Countdown abstellen können, hast du zumindest noch eine Chance, hier lebend rauszukommen", erwidere ich.
„Ha, ha. Selten so gelacht. Was werdet ihr wohl machen, wenn ihr in Kanada gelandet seid? Mich laufen lassen?" antwortet Clove zynisch.
„Das werden wir sehen", entgegne ich.

Katniss tritt einen Schritt näher an sie heran.
„Und jetzt, her mit dem Code. Ich zähle bis drei, dann schieße ich!"
Clove starrt Katniss direkt in die Augen. Ihr Blick ist eiskalt – der Blick einer Killerin, die uns alle am liebsten wie Fliegen erschlagen würde.
„Das bringst du nie fertig, Kohlengräberin!" spottet sie.
Katniss funkelt böse zurück.
„Ich bin keine Kohlengräberin!"
Ruckartig dreht sie ihren Oberkörper ein Stück nach rechts, und lässt den Pfeil ohne Vorwarnung los.
Clove duckt sich instinktiv zur Seite, während der Pfeil in die Rückenlehne des leeren Beobachtersitzes einschlägt.
„Spinnst du?" fragt Clove entsetzt. „Du kannst doch hier nicht einfach so rumschießen, du ungebildeter Bergmanns-Trampel! Wenn du ein Fenster getroffen hättest…." Ob ein Pfeil eine mehrlagige Cockpitscheibe durchschlagen könnte? Ich weiß es nicht, und habe kein Bedürfnis, das in 40.000 Fuß Höhe auszutesten. Was ich aber sicher weiß ist, dass Katniss nicht das Fenster treffen würde, wenn sie den Sitz treffen will.
Sie nimmt den Bogen zur Seite und springt unvermittelt auf Clove zu.
„So redest du nicht über mich und meinen Vater!" schreit sie ihr direkt ins Gesicht. „Ja, ich bin eine Bergmannstochter, und ich bin stolz darauf. Mein Vater war ein besserer Jäger, als du es je sein könntest. Er hat mir eines gelernt – zu treffen. Denk daran, bevor du deinen Mund aufmachst. Der nächste Pfeil steckt in deiner Brust!"

„Na schön!" faucht Clove bissig. „Der Code lautet 1-4-7-2. Aber hör auf, mit diesem verdammten Bogen hier herumzufuchteln. Und vertippt euch ja nicht!"
„1-4-7-2", wiederhole ich.
Clove nickt.
„1-4-7-2, und jetzt ab nach hinten mit dir, ich will wegen euch nicht draufgehen!"
Mit einem Seufzer der Erleichterung mache ich mich auf den Weg. Katniss legt den Bogen zur Seite und nimmt wieder am Copilotensitz Platz. Clove wird doch nicht so verrückt gewesen sein, und uns angelogen haben? Ich verwerfe den Gedanken gleich wieder. Sie mag eine kaltblütige Killerin sein, aber sicher keine Märtyrerin für das Kapitol. Sie hat mir den Code gegeben, weil sie sich dadurch eine bessere Chance zu überleben ausrechnet. Ohne Code wäre sie in wenigen Minuten tot. Mit Code hat sie noch eine Stunde oder länger Zeit, um auf ein Wunder zu hoffen, welches sie gewinnen lässt. Ein Karriero muss von seiner Chance, und sei sie noch so klein, völlig überzeugt sein.

„Ich hab den Code!", rufe ich Finch zu, die gerade die Kabel an der Rückseite der Box studiert. Sie atmet erleichtert auf.
„Wurde ja Zeit!"
„Gut, ich versuch es mal, ok?" sage ich zu Finch. Sie nickt mir zu.
„Mach mal. Aber vertipp dich nicht!"
Vorsichtig nähere ich mich mit meinem rechten Zeigefinger dem kleinen Ziffernblock recht neben dem Countdown-Display. Es zeigt 3:38 an.
1-4-7-2. Am Display erscheint die Ziffernfolge unterhalb des Timers. 1472.
Mein Finger schwebt über dem Enter-Knopf.
„Finch, hier steht 1-4-7-2, richtig?" frage ich.
„Ja. 1-4-7-2. Jetzt drück endlich drauf!"

Ich hole noch einmal tief Luft, und drücke auf ENTER. Der Tastendruck wird mit einem Piepton quittiert. Doch der Timer läuft weiter. Die Anzeige des Zahlencodes verschwindet, stattdessen ist im hinteren Bereich des Staufaches ist ein Surren, gefolgt von einem klackenden Geräusch zu hören.

„Was soll der Scheiß!?" fluche ich laut, und schlage mit der Hand gegen die Kante des Faches.
„Peter, der Timer läuft weiter!" ruft Finch panisch.
„Dieses Miststück! Sie muss mir einen falschen Code gegeben haben!"
Na warte, dir werde ich es zeigen! Mach dich auf etwas gefasst!
Ich will nach vorne ins Cockpit stürmen, doch Finch hält mich am Shirt zurück.
„Peter, warte! Da ist eine Klappe aufgegangen!"
Tatsächlich! An der Rückwand des Faches gibt eine etwa brillenetuigroße Öffnung den Blick auf einen einzelnen, doppeladrigen weißen Kabelstrang frei, der von unterhalb der Box zu kommen scheint.
„Was meinst du dazu, Finch?" frage ich.
„Wenn ich raten darf, könnte das die Kabelverbindung zum Zünder sein", meint sie.
„Was würde passieren, wenn wir sie durchschneiden?"
„Kommt darauf an. Wenn wir Glück haben, und der Zünder so wie bei einem Feuerwerk angeschlossen ist, also einfach einen Stromimpuls zur Zündung von der Box bekommt, wäre die Bombe entschärft. Wenn da aber noch irgendeine Schaltung dranhängt, kann ich für nichts garantieren", meint Finch. „Frag doch Clove! Und hol ein Messer oder sowas!"

Ein Blick auf den Timer – noch drei Minuten. Ich eile nach vorne, so schnell es mein verletzter Knöchel zulässt. Das Adrenalin rauscht durch meine Adern, und ich fühle mich, als würde ich förmlich über den Boden fliegen. So wie damals in der Grundschule, als dieser große schwarze Hund hinter mir her war. Da bin ich vermutlich die beste 100 Meter-Zeit meines Lebens gelaufen.

„Clove! Dein Code ist Mist!" rufe ich, während ich mir den Weg zwischen den Bruchstücken der Tür ins Cockpit bahne.
„Wie Mist? Hast du dich vertippt? Du Idiot hast dich vertippt, oder?" erwidert Clove.
„Nein. Die Box hat den Code akzeptiert, aber es ist nur ein Fach dahinter aufgegangen, mit einem doppeladrigen weißen Kabel. Weißt du was darüber?"
Clove schüttelt entsetzt ihren Kopf.
„Was ist das für eine Scheiße? Ein Fach? Das kann doch nicht sein! 1-4-7-2, das ist der Entschärfungscode! Das hat mir Plutarch extra so gesagt!"
„Was machen wir jetzt?" fragt Katniss. Die Furcht in ihrer Stimme ist deutlich herauszuhören.
„Ich weiß es nicht!", entgegne ich barscher, als ich es beabsichtig habe, und wende mich an Clove.
„Und du, red jetzt endlich Klartext. Wir haben nur noch weniger als drei Minuten!"
„Glaubst du, das weiß ich nicht? Ich hab euch den richtigen Code gesagt! Ihr müsst Mist gebaut haben!" schreit mich Clove an.
„Garantiert nicht! 1-4-7-2, Finch hat es extra überprüft. Wenn hier wer Mist gebaut hat, dann dein Spielmacher-Freund!" entgegne ich.

„Noch zwei Minuten!", höre ich von hinten Finch rufen. „Peter, die Zeit läuft uns davon!"
„Wir müssen den Strom wieder einschalten und verhandeln!" ruft mir Katniss zu. „Peter, es gibt keinen anderen Ausweg!"
Ich schüttle energisch meinen Kopf.
„Doch, den gibt es. Wir schneiden das Kabel durch", entgegne ich.
„Bist du verrückt? Wer sagt dir, dass dann nicht die Bombe erst recht hoch geht?" fährt mich Clove an.

Ich schweige. Meine Gedanken kreisen um einen letzten Strohhalm. Das Feuer. Der Sturzflug. Das Nachtriegel-Spiel. Die Unterbrechung der Übertragung. Der Countdown-Reset. Wenn es bei der Bombe auch so ist…

Ich wende mich von Clove ab und tippe schnell eine Nachricht ins FMC:

CODE OEFNET
KLAPPE
ZWEI WEISSE
ADERN
WAS TUN

„Noch eine Minute dreißig Sekunden", ruft Finch von hinten.
„Was soll das werden?" fragt Katniss.
„Vertrau mir. Wenn ich Recht habe, ist es mit der Bombe genauso wie mit dem Feuer oder dem Sturzflug. Eine Art Prüfung, aber mit einer klaren Lösung und einem Sicherheitsnetz", antworte ich so ruhig wie möglich.
Katniss sieht mich fragend an.
„Wie meinst du das? Sicherheitsnetz?"
„Bei dem Feuer gab es eine Sprinkleranlage, die losgegangen ist, nachdem wir den Brand im Griff hatten. Bei der Bombe gibt es ein Kabel, das wir durchschneiden können. Logisch, oder?"

Pling! Na endlich, die Antwort!

DURCHSCHNEIDEN
ENTSCHAERFT
VERMUTLICH
ZUENDER

KABEL ANSCHLIESSEND
KURZSCHLIESSEN
VIEL GLUECK

Damit ist es entschieden. Die Meldung bestätigt mein Bauchgefühl.
„Katniss, die denken auch, dass wir die Bombe so entschärfen können. Ist das für dich in Ordnung?"
„Wenn du dir sicher bist..die andere Möglichkeit.."
„Vergiss es!", unterbreche ich Katniss, und bemühe mich, ihr ein aufmunterndes Lächeln zuzuwerfen.

Dann fingere ich aus Cloves verwahrter Weste ein scharfes Messer hervor.
„Eine Minute!" ruft Finch.
„Fragt mich auch noch mal jemand?" ruft Clove.
„Wenn du es genau wissen willst, nein!" entgegne ich barsch.

Ich höre Schritte. Finch kommt ins Cockpit gestürmt.
„Was ist jetzt? Durchschneiden oder nicht?"
„Die sagen, durchschneiden und anschließen die Adern kurzschließen", sage ich zu Finch, und deute auf den Bildschirm.
„Dann her mit dem Messer!" verlangt das Mädchen und reißt es mir aus der Hand. Wie der sprichwörtliche geölte Blitz verschwindet sie nach hinten.
„Peter, das ist verrückt! Du bringst und alle um!" schreit mich Clove an.
„Wir haben keine Wahl", entgegne ich, und humple hinter Finch her.

Meine Entscheidung steht. Wir verhandeln nicht. Unser einziges Verhandlungsobjekt wäre Katniss, und um den Preis will ich nicht überleben. Das ist mir in den vergangenen Stunden klar geworden. Clove und Finch sind mir momentan egal. Mitgehangen, mitgefangen. Katniss vertraut mir, dass ich die Lage richtig eingeschätzt habe. Das genügt mir.

Finch hat die Box schon fast erreicht. Uns können nur noch wenige Sekunden bleiben. Ich will das Display gar nicht sehen, doch die Neugier siegt. Noch zehn Sekunden!
„Beeile dich!" rufe ich panisch. Mein Herz klopft bis zum Hals. Entweder das geht gut, oder wir sind in zehn Sekunden alle tot. Für andere Optionen ist keine Zeit mehr. Peter, was jetzt geschieht, liegt allein in deiner Verantwortung. Wie in Zeitlupe beginnt Finch, das scharfe Messer anzusetzen. Noch fünf Sekunden. Jetzt mach schon! Zack! Das Kabel ist durch! Finch beginnt die beiden blanken Enden der Andern, welche vermutlich zum Zünder gehen, zusammenzuwickeln, so wie man das auch bei Feuerwerkszündern macht, bevor man sie an die Zündbox anschließt. Ich halte den Atem an. Noch eine Sekunde. Die Uhr springt auf Null. Ein kleiner, bläulich-weißer Funke springt zwischen den blanken Adern, die von der Box kommen, über. Finch zuckt zurück.

Schweigend starren wir beide die Box an. Das Display zeigt 00:00, ehe es plötzlich schwarz wird.
Finch atmet erleichtert aus.
„Sieht so aus, als ob es das war. Hast du den Funken gesehen?"
Ich nicke wortlos.
„Das war der Zündimpuls. Ich habe die beiden Adern vom Zünder kurzgeschlossen, damit er nicht am Ende noch durch eine statische Entladung hochgeht", erklärt das Mädchen mit zittriger Stimme. Erst jetzt spüre ich, wie sehr meine Beine zittern.
„Schau du nach vorne", sagt Finch zu mir. „Ich suche inzwischen etwas, womit ich die blanken Kabelenden isolieren kann."

Wieder einmal scheint es, als wären wir erneut dem Tod entkommen. Doch eine innere Stimme sagt mir, dass es das noch nicht gewesen sein kann. Ein kurzer Hüpfer nach Distrikt 12, Prim aufgabeln und dann ab in den Sonnenuntergang wie im Film? Nein, so läuft das hier nicht. Ich bin mir sicher, dass noch irgendeine böse Überraschung auf uns lauert. Ich weiß nur noch nicht was.