HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI
Kapitel 25 – Der Erbe Gryffindors
Am nächsten Morgen wachte Harry absichtlich spät auf. Er wollte nicht zum Frühstück gehen, bevor er wusste, was auf der Titelseite des Tagespropheten war. Er blieb eine Weile mit dem Kopf unter der Decke liegen und stellte sich alle furchtbaren Schlagzeilen vor, die immer schlimmer wurden, bis er endlich aufstand, sich anzog und auf die erste Glocke wartete. Als sie endlich ertönte, eilte er aus dem Gemeinschaftsraum und ging hinunter in die Kerker zur Zaubertrankstunde.
Eine seltsame Frau, die Harry noch nie gesehen hatte, stand vor dem Klassenzimmer, als er dort ankam. Sie hatte dunkelblondes Haar, welches ihr in unordentlichen Locken auf die Schultern fiel, trug eine dicke Brille, unter der ein träges Auge war, und dazu noch einen ziemlich komischen, kleinen, gerafften Rock. Harry stellte sich zu Draco und Kainda ans Ende der Warteschlange. Draco wandte sich zu Harry um, und suchte in seiner Tasche nach etwas, aber die wässrige Stimme der neuen Professorin unterbrach ihn.
„Nun denn, guten Morgen", sagte sie. Sie hatte eine sehr langsame, sanfte Stimme, als ob sie mit einem Kranken sprechen würde. „Mein Name ist Professor Feather, und ich werde bis auf weiteres Zaubertränke unterrichten … hat jemand Fragen?"
Harry starrte sie und überlegte, welche Fragen es wohl im Moment schon geben könnte. Vielleicht wartete Professor Feather darauf, dass jemand fragte, wo Snape war, oder vielleicht auch nicht, denn sie öffnete nun die Tür zum Klassenzimmer und ließ sie hinein. Harry setzte sich sofort mit Draco und Kainda in die letzte Reihe. Sie holten ihre Bücher, Federn, Pergament und Tinte aus ihren Taschen, und Draco murmelte Harry leise etwas zu.
„Du bist in der Zeitung."
„Das dachte ich mir schon", sagte Harry mit einem Seufzen. „Hast du sie dabei?"
„Granger hat mir ihre gegeben", sagte Draco. Unter dem Tisch gab er Harry einen zusammengerollten Tagespropheten. „Mach dich auf was gefasst."
Professor Feather ging die Anwesenheitsliste durch, während Harry sich zurücklehnte und unter dem Tisch einen Blick auf die Titelseite warf. Er sah ein großes Bild, auf dem Snape gerade abgeführt wurde. Er selbst, mit erschrockenem Blick am Eingang der Kerker, war mit einem roten Kreis hervorgehoben. Die Schlagzeile lautete: „SCHUTZENGEL DES TODES – Snapes bösartiger Bund mit dem Jungen, der lebte."
„Oh nein", murmelte Harry leise. Kainda lehnte sich über seine Schulter, um ebenfalls zu lesen, während er den Artikel überflog, welcher auf den Seiten 2, 3, 4, 6, 19 und 26 fortgeführt wurde.
Er war so in seine Wut versunken, dass er gar nicht merkte, dass Draco ihn anstupste, bis dieser zischte: „Potter!"
Harry hob den Blick. Professor Feather sah sich um. „Harry Potter …?", murmelte sie.
„Anwesend", sagte er und versteckte schnell die Zeitung.
Sie sah ihn blinzelnd an, und fuhr dann fort. Nachdem Kainda als Letzte ihre Anwesenheit bezeugt hatte schloss Professor Feather die Liste und sah sie fast so an, als ob sie vor ihnen Angst hatte. „In diesem Fach müssen Sie keine weitere Projekte durchführen", sagte sie sanft. „Jedoch sind zwei Kapitel in Ihren UTZ Bücher noch nicht durchgenommen worden. Lesen Sie bitte leise, und führen Sie die Experimente durch, welche von Ihnen verlangt werden. Falls es Fragen gibt, zögern Sie nicht, zu fragen … danke …"
Alle seufzten leise, öffneten die Bücher und begannen, zu lesen. Harry hatte bereits eines der beiden Kapitel durchgearbeitet, als er sein Veritaserum hergestellt hatte, und wandte seine Aufmerksamkeit deshalb wieder der Zeitung unter dem Tisch zu. Er überflog den Artikel und nahm nur manche Phrasen wahr. „Albus Dumbledores törichtes Unterfangen … aber niemand erwartete, dass Snape sich von seinem magischen Schützling abwenden würde …. Verdächtige Male an Harry Potters Hals … verweigerte einen Kommentar, vermutlich zu viel Angst vor dem Mann, den Dumbledore als seinen Beschützer ausgewählt hatte … Vampire sind gegen Veritaserum immun, weshalb das Ministerium ihn nicht befragen kann …"
„Ich hasse Madam Ivy", knurrte Harry Kainda zu. „Sie hat das getan. Sieh dir das Bild an … siehst du das graue verschwommene Etwas hinter mir? Das ist sie. Sie war da. Sie hat Snape verhaften lassen."
Kainda sah das Bild an. „Im Ministerium läuft echt etwas falsch", murmelte sie kopfschüttelnd. „Haben alle eine Gehirnwäsche erhalten. Mum hat eine Weile dort gearbeitet, sie hat sich wie Umbridge benommen. Nur die Abteilungsleiter scheinen bei Verstand zu sein. Aber andererseits, sieh dir an, was mit Crouch passiert ist."
Harry seufzte. Er schloss die Zeitung und reichte sie zurück an Draco. „Ich schwöre, dass Umbridge und Ivy irgendwie verwandt sind. Sie sind beide gleich böse. Ivy ist vermutlich Umbrdiges Tochter oder sowas."
Draco erschauderte. „Umbridge mit einer Tochter … uuurgh, erschaff nicht solche Bilder in meinem Kopf, Potter. So früh am Morgen kann ich das nicht aushalten."
Harry schnaubte amüsiert, öffnete das Buch und suchte nach einem Experiment, mit dem er sich die Zeit vertreiben konnte. Kein einziges sprach ihn an. Er wusste, was das Resultat sein würde. Er seufzte und legte den Kopf auf die Arme, während er auf die Seite vor ihm starrte. Snape würde dies als furchtbare Zeitverschwendung sehen. Ihm wurde gerade richtig langweilig, als die Tür aufging und Professor McGonagall hereinkam.
„Ist Harry Potter in dieser Klasse?", sagte sie und sah sich um. „Ah, ja, da sind Sie ja, Potter. Professor, Sie müssen ihn für diese Stunde entschuldigen. Er wird in Professor Dumbledores Büro erwartet."
Professor Feather warf McGonagall einen ziemlich langsamen, leeren Blick zu und nach ein paar Augenblicken sagte sie: „Das ist schon in Ordnung …"
„Kommen Sie, Potter", sagte McGonagall. „Bringen Sie ihre Tasche mit. Und ich glaube, Sie haben auch einen Opsittop? Den müssen Sie auch mitbringen."
Er fragte sich, warum zum Teufel Dumbledore Sneezy brauchte, packte seine Sachen und folgte Professor McGonagall aus den Kerkern. Er wartete, bis sich die Tür hinter ihnen schloss, bis er fragte „Was ist los? Ist etwas passiert?"
Sie nickte, und ging den Korridor entlang, während Harry sich beeilte, mit ihr Schritt zu halten. „Ja, Potter. Es hat nicht direkt etwas mit Ihnen zu tun, aber Ronald Weasley wird Ihre Unterstützung brauchen."
„Ist er okay?", sagte Harry.
„Ja", sagte sie. „Es hat sich nur eine Situation ergeben, die für Weasley vermutlich schwer zu akzeptieren sein wird."
„Welche Situation?", fragte Harry verzweifelt. „Was ist los?"
„Man wird Ihnen alles im Büro des Schulleiters erklären, Potter", sagte McGonagall. Sie zog einen Wandteppich zur Seite und führte ihn durch. „Nun schnell. Arthur, Molly, Fred und George sind eben angekommen, und wird dürfen sie nicht warten lassen. Welchen Unterricht hat Ronald im Moment?"
„Pflege magischer Geschöpfe mit Hermine", sagte Harry.
„Sehr gut. Gehen Sie zum Büro des Schulleiters, und ich werde Mr. Weasley holen. Das Passwort ist Springende Gummibohnen." Sie wandte sich um und ging in Richtung der Eingangshalle davon, während Harry sich besorgt auf den Weg zu Dumbledores Büro machte.
Als er den Wasserspeier erreichte, gab er ihm das Passwort und ging die Treppe hoch. Die Tür zu Dumbledores Büro war geschlossen, doch er konnte drinnen Stimmen hören. Er nahm den Türknopf, der die Form eines Greifs hatte, in die Hand und klopfte ein paar Mal. Die Tür öffnete sich. Mrs. Weasley lächelte ihn an.
„Hallo Harry, mein Lieber", sagte sie liebevoll, zog ihn in den Raum und schloss die Tür. „Wie geht's dir?"
„Gut", sagte Harry. Er sah sich um. „Was ist los?"
Fred und George saßen hinter Dumbledores Tisch und sprachen mit ernsten Gesichtern mit Dumbledore. Mr. Weasley stand in der Nähe des Kamins und polierte mit seinem Ärmel eine Taschenuhr.
„Wir müssen nur Ron etwas sagen", erwiderte Mrs. Weasley angespannt. „Und wir denken, dass du ihm helfen kannst, es besser zu verkraften. Mach dir keine Sorgen, es ist nichts … nun, es ist nichts Schreckliches, aber es wird ein Schock für ihn sein. Hast du den Optissop mit?"
„Opsittop", korrigierte Harry sie. Er stellte seine Tasche auf den Boden und öffnete den Verschluss. Einen Moment später fand er den kleinen Topf, in dem Sneezy schlief. Er entfernte den Deckel und holte Sneezy heraus. Der kleine Opsittop wirkte sehr müde. Er grummelte, als Harry ihn aufweckte. „Das ist er", sagte Harry. „Warum wollen Sie ihn?"
„'lo", sagte Sneezy und sah Mrs. Weasley mit trüben Augen an. Er gähnte und richtete seinen kleinen Eichelhut zurecht. „Aaaah, mir ist mude …"
Mrs. Weasley stellte Sneezy vorsichtig vor Dumbledore auf den Tisch; Dumbledore lächelte ihn an. Sneezy erwiderte das Lächeln müde, lehnte sich gegen die Schüssel mit Büroklammern und begann, aus diesen kleine Figuren zu basteln. Harry setzte sich zu Fred und George, die ihn angrinsten.
„Alles okay, Harry?", fragte Fred.
„Ja, klar", sagte Harry. „Wie läuft das Geschäft?"
„Wunderbar", sagte George. „Wir haben jetzt ein gutes Einkommen und werden ziemlich berühmt. Schade, dass du uns heute im Propheten das Rampenlicht gestohlen hast, niemand wird unsere Anzeige sehen."
„Andererseits haben sich die Verkaufszahlen vom Feminine-Seite-Snape T-Shirt verdoppelt", sagte Fred fröhlich. „Wir mussten heute welche nachbestellen. Also, wie läuft's mit deinen UTZen? Nicht zu schwer?"
„Es ist … okay", sagte Harry schulterzuckend. „Normale Schularbeiten, würd ich sagen."
„Bin froh, dass wir sie nicht machen mussten", sagte George. „Wirkt für mich wie Selbstmord. Ich würd mir eher die Augen ausstechen."
In diesem Moment hörten sie ein Klopfen an der Tür. „Das ist wahrscheinlich Ron", sagte Mrs. Weasley, eilte zur Tür und öffnete sie. Ron stand davor und sah sehr verwirrt aus.
„Hi Mum", sagte er. „Dad. Fred, George. Ähm, was ist hier los?"
„Kommen Sie rein, Ron", sagte Dumbledore freundlich. Er wedelte mit dem Zauberstab und ein weiterer Stuhl erschien. „Setzen Sie sich. Wir müssen Ihnen etwas sagen."
Ron kam herüber und setzte sich auf seinen Stuhl. Er sah sie alle misstrauisch an. „Ich werde doch nicht rausgeworfen, oder?"
„Nein, nein", sagte Dumbledore. „Es gibt kein Problem, Mr. Weasley, keine Sorge."
„Also, was mache ich dann hier?", fragte Ron.
Dumbledore streckte die Hand aus und hob Sneezy vorsichtig aus der Büroklammern-Schüssel. Er gab Ron den kleinen Opsittop. „Hier, Mr. Weasley, nehmen Sie ihn bitte … ich habe nicht mehr viele Büroklammern, die er verbiegen kann, bevor eine Papierkrieg-Krise ausbricht."
Ron nahm Sneezy und steckte ihn in seine Tasche. Dann sah er seine Familie, Dumbledore und Harry wieder an und das Misstrauen zeigte sich in seinem Gesicht. „Wird mir irgendjemand sagen, warum ich hier bin …?"
„Es ist schwer, einen Anfang zu finden", sagte Dumbledore. Er seufzte und stand müde auf. „Um es milde auszudrücken – Sie sind in Gefahr, Ron. Lord Voldemort plant vielleicht, Sie zu töten."
Rons Gesicht schien zu erschlaffen. „Warum?", brachte er hervor. „Was hab ich ihm je getan? Und Voldemorts Pläne, mich zu töten, gelten nicht als große Gefahr? Ich will überhaupt nicht wissen, was die dann wäre."
„Es gibt Etwas, das wir Ihnen sagen müssen, Ron", sagte Dumbledore. „Etwas ziemlich Ernstes. Molly, Arthur … wollen Sie es ihm erzählen, oder soll ich?"
Mr. Weasley lehnte sich auf seinem Stuhl nach vorn. „Ich werde helfen, soweit ich es kann, Dumbledore … er verdient, es von uns zu hören. Bei Merlin, wir haben es ihm lange genug vorenthalten …" Er legte eine Hand auf Rons Schulter. „Erinnerst du dich noch, als du uns nach unserem Stammbaum gefragt hast, Ron? Und ich hab dir erzählt, dass wir von Farmern abstammen. Das war … eine kleine Lüge."
Ron starrte ihn an und sagte nichts. Mr. Weasley fuhr fort.
„Die Wahrheit ist …" Mr. Weasley seufzte. „Die Weasley-Familie sind die wahren Nachfahren von Godric Gryffindor. Wir sind seine Erben."
Ron starrte seinen Vater an, und dann seine Mutter, und dann Dumbledore, als würde er jemanden bitten, das zu bestätigen. Dumbledore tat es. „Es ist wahr", sagte er leise.
„Und Du-weißt-schon-wer will mich deshalb töten", sagte Ron mit erschrockener Stimme.
Dumbledore schüttelte den Kopf. „Das ist noch nicht die ganze Geschichte, Ron. Unsere Spione haben uns mitgeteilt, dass Voldemort böse Dinge gegen Sie plant, weil er kürzlich eine Entdeckung gemacht hat, auf seiner Suche durch die Museen der Welt. Er hat eine Prophezeiung gefunden, die vor sehr langer Zeit gemacht wurde, etwa zur Zeit der Gründung von Hogwarts. Die Prophezeiung wurde in Gegenwart Salazar Slytherins gemacht … lasst mich sehen …" Er steckte die Hand in eine Schublade und nahm eine Pergamentrolle heraus. „Sie wurde am Todesbett von einem der talentiertesten Seher der damaligen Zeit gemacht … und so lautet sie …
In unserem Lande läuten die Todesglocken,
Tage der Verzweiflung, keine Hoffnung oder Ziele zu entlocken.
Schlangen des Bösen erheben sich und kämpfen,
Und Dunkelheit fällt herab, das Licht zu dämpfen.
Große Führer werden kommen und Blut wird vergossen,
während der Jahre der Schmerzen, Furcht, voller Tränen verflossen.
Hoffnung wird kommen, aber kein Triumph allein,
kein König wird auf Osiris Thron können sein.
Die Heere des Bösen werden niemals siegen,
im Angesicht von gleicher Zahl in Gryffindors Riegen.
Mächte beschützen ihn, doch was er braucht noch mehr,
befindet sich hinter Gryffindor, groß und stark.
Der Ausgang dieses Kampfes ist nicht vorhersehbar,
er ist vom Schicksal bestimmt, wie wahr.
Der kommende Kampf, der Zusammenstoß der Kräfte,
der Geist ist das mächtigste Schwert, das man uns brächte …"
Stille folgte diesem kleinen Vortrag. Dumbledore nutzte die Zeit, um ein verlorenes Haar von seinem Umhang zu zupfen. Nach ein paar Augenblicken sagte Ron: „Das klingt ja ganz nett, aber ich hab kein Wort davon verstanden."
Dumbledore lächelte ein wenig. „Es bedeutet, dass der sechshundertsechsundsechzigste männliche Erbe Gryffindors helfen wird, die Linie Salazar Slytherins zu besiegen. Sie, Ron, sind der sechshundertsechsundsechzigste männliche Erbe Gryffindors … und, überraschenderweise, haben Sie bereits viele Male im Kampf gegen Voldemort, dem Erben Slytherins, geholfen."
Ron sah sie alle mit irrem Blick an, als wäre er überzeugt, dass sie ihm irgendeinen Scherz vorgaukelten. „Aber … ich … er hat es herausgefunden? Und er wird mich töten, damit ich Harry nicht helfen kann, ihn zu töten?"
„Das denken wir", sagte Dumbledore ernst. „Aber es gibt nichts, wovor Sie Angst haben müssen. Sie sind hier in der Schule gut beschützt, durch viele Vorkehrungen … was auch ein Grund für unser Treffen ist. Wir müssen ein weiteres Geheimnis enthüllen, Ron. Und auch gegenüber Harry."
Harry sah sich um. Dumbledore streckte die Hand aus und nahm Sneezy aus Rons Tasche. Sneezy nieste laut, als er in die Luft gehoben wurde, und dann noch einmal, als Dumbledore ihn vorsichtig auf den Tisch setzte.
„Ich denke, ihr habt euch schon gefragt, warum dieser Opsittop niest", sagte Dumbledore. „Und warum ich darauf bestanden habe, dass Hagrid euch erlaubt, ihn während des Sommers mit nach Hause zu nehmen."
„Wegen unseres Projekts in Pflege magischer Geschöpfe?", fragte Harry.
„Teilweise", sagte Dumbledore. „Obwohl es noch einen anderen Grund gibt, einen wichtigen. Ihr wusstet es zwar nicht, aber zwei Magische Beschützer befanden sich diesen Sommer am Grimmauldplatz. Inzwischen wisst ihr alle von dem Bund zwischen Severus Snape und Harry. Aber es gibt noch einen … für Ron. Bei seiner Geburt entdeckte ich die Prophezeiung und erkannte, dass eine besondere Form des Schutzes nötig sein würde. Ich besprach mich mit den Weasleys und wir fanden eine Person, die bereit war, Ron im Geheimen zu beschützen. Und diese Person sitzt gerade auf meinem Tisch."
Harry und Ron starrte Dumbledore einige Augenblicke an. Dann wandten sie ihre Blicke Sneezy zu. Der kleine Opsittop sah Ron vorwurfsvoll an.
„Wartet …", sagte Ron. „Sie haben einen Opsittop engagiert, um mich vor dem gefährlichsten Zauberer der Welt zu beschützen."
„Nein", sagte Dumbledore kopfschüttelnd. „Ich hab etwas viel mächtigeres als einen Opsittop für Ihren Schutz ausgewählt …" Er sah Sneezy an. „Tim. Es ist an der Zeit, deine wahre Gestalt zu zeigen."
Harry und Ron fiel die Kinnlade herunter, als plötzlich ein grelles, weißes Licht auf Dumbledores Tisch erschien und sie blendete. Sie sahen nicht, was passierte. Harry erkannte gerade noch Sneezys flackernde Silhouette, die größer und größer wurde, länger wurde, aus der Finger und Zehen und Arme und Beine sprossen, dünner, und dann die Umrisse eines Mannes, bis –
Plötzlich erlosch das Licht. Alle kniffen die Augen zusammen. Das normale Licht war irgendwie schmerzhafter als das Leuchten. Langsam verschwanden die Punkte aus ihrem Gesichtsfeld und sie sahen die Gestalt, die nun auf der Schreibtischkante saß. Harry musste zugeben, dass sie Sneezy irgendwie ähnlich war. Der Mann hatte ziemlich kurze Arme und Beine, mit Stummelfingern und Ohren, die ein wenig abstanden.
Ron starrte ihn entsetzt an. „Warum bekomme ich immer die komischen Haustiere, die gar keine Haustiere sind? Es trifft immer mich, oder?"
Mr. Weasley ging lächelnd nach vorn. Der Mann auf dem Tisch grinste ihn an. „'lo, Arthur."
„Tim, du alter Dummkopf … wie geht's dir?" Arthur und ‚Tim' umarmten sich wie Brüder. „Alles im Lot?"
„Mir geht's gut", sagte Tim schulterzuckend. Sein Lächeln hatte ein paar Lücken. „Aber ich denke, dass ich allergisch auf Opsittops bin. Muss die ganze Zeit niesen. Könnte aber schlimmer sein, nehm ich an."
„Sneezy war ein Animagus?", sagte Harry und starrte ihn an.
Tim erwiderte den Blick und grinste. Harry sah, dass seine Augen haselnussbraun waren, genauso wie es Sneezys gewesen waren. „So was ähnliches. Ich bin ein Metamorph-Animagus. Ist, als wäre man ein Animagus und ein Metamorphmagus gleichzeitig. Die Muggel nennen uns Gestaltwalder. Ziemlich seltene Gabe."
„Tim ist der einzige lebende Metamorph-Animagus weltweit", sagte Dumbledore. Er legte eine Hand auf Tims Schulter. „Und er folgt Ihnen seit siebzehn Jahren in verschiedenen Formen, Ron."
Ron glaubte all dies offenbar immer noch nicht. Er schüttelte den Kopf. „Das ist schlimmer als Krätze. Viel schlimmer. Jemand sollte Pigwidgeon holen, nur für den Fall, dass er eigentlich Gilderoy Lockhart ist."
Tim gluckste. Er war die Art von Person, der mit einem Strohhalm im Mund auf der Farm wohnen und über die Schweinezucht reden würde. „Nein, ist er nicht. Keine Angst."
„Woher kennen Sie Mr. Weasley?", fragte Harry.
„Wir sind Freunde, seit ich im Ministerium zu arbeiten begonnen habe", sagte Mr. Weasley mit einem kleinen Lächeln. „Tim arbeitete für die Post – faltete Papierflieger und so, und ich musste viele Nachrichten schicken, deshalb haben wir eng zusammengearbeitet."
„Als Ron geboren wurde, bot Tim an, auf ihn Acht zu geben", sagte Mrs. Weasley. „Sehr mutig … und seitdem ist er immer bei dir, Ron."
„Ich hätte aber gemerkt, wenn mir immer jemand gefolgt wäre", sagte Ron. „Wo war er?"
„Ich werd das beantworten, Mum", sagte Fred und stellte sich vor Ron hin. „Erinnerst du dich noch, als du fünf warst …?"
George gesellte sich zu seinem Zwilling. „Und du hattest diesen flauschigen, pinken Stoffhasen?"
Rons Gesicht wurde rot. Nach ein paar Sekunden sagte er kurz: „Jaah …"
„Hast du dich je gewundert, warum Mum sich so aufgeregt hat, als George und ich versucht haben, ihn grün mit gelben Punkten zu färben?", sagte Fred grinsend.
Tim rieb sich den Nacken. „Aaah, das war ein furchtbarer Tag."
„Ihr beiden WUSSTET es?", rief Ron und starrte seine älteren Brüder an. „Warum habt ihr es mir nicht GESAGT?"
„Mum und Dad haben es verboten", sagte George schulterzuckend. „Die ganze Familie wusste es, außer dir und Ginny."
„Okay", sagte Ron. „Da war also … mein pinker Hase, aber den hab ich weggeworfen, als ich ungefähr sieben war."
„Du warst eigentlich elf."
„Halt den Mund, Fred! Also gut. Was hatte ich nach dem Hasen?"
Alle wandten sich an Tim, der gluckste. „Ich schlug Arthur vor, so zu tun, als würden sie dir eine Eule kaufen, die ich dann sein könnte, aber das würde nicht funktionieren. Die anderen Jungs hatten keine Eulen von euren Eltern bekommen, als sie nach Hogwarts kamen, es wäre also nicht fair. Wir überlegten, dass ich etwas Unscheinbares in Hogwarts sein sollte. So würdest du mich nicht bemerken. Also war ich bis letztes Jahr ein Hauself, bis ich erfuhr, dass ich näher bei dir sein musste. Arthur und Molly sprachen mit Hagrid, ich verwandelte mich in einen Opsittop und Hagrid stimmte zu, mich zu dir zu bringen. Charlie half auch, indem er letztes Jahr die Opsittops in die Schule ließ. Zum Glück traf ich auf dich und Harry, und ihr habt mich mitgenommen."
„Hagrid wusste es?", sagte Ron, und sah verletzt aus. „Warum hat er es mir nicht gesagt?"
Tim zuckte mit den Schultern. „Wir haben ihn darum gebeten. Wollten nicht, dass du in Panik gerätst. Aber jetzt hat es Du-weißt-schon-wer herausgefunden."
„Du wirst mir jetzt aber nicht als Mensch folgen müssen, oder?", sagte Ron und verzog das Gesicht. Harry erkannte in Rons Miene seine eigenen Gefühle wieder, als er erfahren hatte, dass Snape sein Beschützer war. Er war das Gefühl, dass das Ende des eigenen Gesellschaftslebens bevorstand.
Tim schüttelte den Kopf. „Nein, überhaupt nicht. Ich werde wahrscheinlich Sneezy bleiben. Aber vorher sollte ich wohl noch ein paar Allergietabletten nehmen … ich gewöhn mich schon dran. Ist ganz nett, so klein zu sein. Gibt der Welt eine andere Perspektive."
„Ich hab also meine ganze Zeit verwendet, um dir das Sprechen beizubringen, obwohl du es schon kannst?", sagte Ron und starrte ihn ungläubig an.
Tim gluckste. „Es war eigentlich ziemlich lustig."
„Wartet mal", sagte Fred. „Da war in der Prophezeiung was, das ich nicht verstanden hab. Kann ich das Pergament noch mal sehen, Professor?"
Dumbledore gab ihm die Rolle. Fred rollte sie auf und las die Textstelle. „Mächte beschützen ihn, doch was er braucht noch mehr, befindet sich hinter Gryffindor, groß und stark. Was soll das heißen?"
„Ah, ja", sagte Dumbledore und nahm die Rolle wieder an sich. „Wir glauben, dass sich die ‚Mächte' auf Tim beziehen. Er scheint jedoch noch etwas zugeben, das Ron finden muss, um sich gegen Lord Voldemort zu schützen, und er wird es hinter Gryffindor finden. Wir haben bereits jedes Portrait und jede Statue Gryffindors in der Schule untersucht, jedoch nichts gefunden. Wir denken, dass es sich um ein Amulett, oder einen Glücksbringer handelt, den Gryffindor für seinen sechshundertsechsundsechzigsten Erben in der Schule hinterlassen hat."
„Was ist mit dem Schwert?", sagte Harry. „Das ich in meinem zweiten Jahr gefunden habe."
Dumbledore schüttelte den Kopf. „Das haben wir auch in Betracht gezogen, Harry, aber das ist es nicht. Das Schwert wird für aggressiven Kampf genutzt, während Ron etwas sucht, das ihn beschützt. Wir verstehen den Teil nicht, der sagt, dass Ron das Amulett hinter dem großen Gryffindor finden wird. Du hast das Schwert entdeckt, Harry, weil du Gryffindor-Blut in dir hast, aber Ron muss etwas Größeres finden."
„Vielleicht so etwas?", sagte Ron und deutete auf eine Stelle über ihren Köpfen. Alle drehten sich um. Vier Gemälde der Gründer von Hogwarts hingen an der Wand.
Es folgte Stille, bis Fred sagte: „Ron, das ist ein Gemälde. Ge-mäl-de. Wir suchen ein Amulett."
„Nein, das zwischen Gryffindor und Slytherin", sagte Ron. „Das rote." Alle starrten ihn an. Er starrte zurück. „Was?", sagte er. „Seht mich nicht so an."
„Da ist nichts", sagte Harry langsam.
„Doch, da ist was", sagte Ron. Er runzelte die Stirn, ging durch den Raum und streckte die Hand aus. „Seht mal." Und er überraschte alle, als er aus dem Nichts eine Kette nahm, gefolgt von einem goldenen Anhänger mit einem hellen, roten Stein in der Mitte. Ron zeigte sie ihnen. „Ist sie das?"
„Woher zum Teufel hast du die?", sagte George und starrte Ron an, als hätte dieser gerade ein Baby zur Welt gebracht.
„Die hing doch schon die ganze Zeit da", sagte Ron schulterzuckend.
„Warum hast du nichts gesagt, du Knallkopf?!", sagte Fred ungläubig.
Ron zuckte wieder mit den Schultern. „Ich dachte, jeder könnte sie sehen."
„Leg sie an", sagte Tim. „Schauen wir mal, ob sie die richtige ist."
Ron legte die Kette vorsichtig um seinen Kopf und lies sie vorne auf seinen Umhang fallen. Ein warmes Leuchten ging von dem Juwel aus und ein Geräusch wie sanfter Wind ertönte, erstarb jedoch nach ein paar Augenblicken wieder.
„Ich denke, das ist sie", sagte Tim leise.
„Aber …", sagte Ron stirnrunzelnd. „Sie war nicht hinter Gryffindor. Sie war neben ihm."
Harry sah zum Ausgang des Büros und langsam dämmerte ihm die Lösung. „Ich weiß, warum!" Er sprang auf und öffnete die Tür. Er zeigte ihnen die andere Seite. Der Türklopfer in Form eines Greifs schimmerte im Kerzenlicht. Harry zeigte auf ihn. „Hinter der großen Greifentür – hinter der ‚griffin door'!"
„Ohhhh", sagten alle gleichzeitig und rollten mit den Augen.
„Nun, jetzt ist es offensichtlich, oder?", sagte Fred. „Wer hätte gedacht, dass die Kette die ganze Zeit hier war?"
„Vielleicht, wenn Ron nicht so doof gewesen wäre", murmelte George.
„Nun denn", sagte Dumbledore zufrieden und lächelte Ron an. „Das scheint in Ordnung. Ron, bitte tragen Sie das Amulett unter der Schuluniform, nur für den Fall. Und mit fünf Familienmitgliedern im Orden des Phönix, und ebenfalls Freunden, denke ich –"
„Fünf?", sagte Harry. „Aber im Orden gibt es doch acht Weasleys, oder?"
Dumbledore zählte an seinen Fingern ab. „Arthur, Molly, Bill, Charlie, Ron und Ginny. Sechs insgesamt, fünf ohne Ron."
„Aber was ist mit Fred und George?", sagte Harry und warf den Zwillingen einen Blick zu. Sie wurden sehr still. „Warum sind sie nicht im Orden?"
„Die Gefahren", sagte Dumbledore schwer.
„Aber alle anderen sind in Gefahr", sagte Ron. „Warum nicht Fred und George?"
„Magische Zwillingen teilen eine sehr enge Verbindung", erklärte Dumbledore. „Enger als Eltern und ihre Kinder, enger als normale Geschwister, enger als Ehepartner oder ein Beschützerbund, enger als alle im Moment bekannten Verbindungen. Sie ist so eng, dass, sollte ein Zwilling sterben, der andere ebenfalls stirbt. Wir können nicht riskieren, zwei hilfreiche und wichtige Menschen so zu verlieren. Die Zwillinge helfen uns finanziell und mit Ausrüstung, aber wir können nicht zulassen, dass sie in die Schlacht ziehen."
Fred und George sahen nun ziemlich traurig aus. Harry hatte sie bisher nur selten komplett ernst und grimmig gesehen. Nach einem Moment der unbequemen Stille sprach Fred wieder.
„Naja … es ist ja nicht so, als hätten wir mitmachen wollen."
George nickte. „Jaah. Wer will schon losziehen und dunkle Zauberer bekämpfen?"
„Wir haben unser kleines Geschäft."
„Jep. Das ist unser Leben."
Fred runzelte ein wenig die Stirn. „Finanzielle Mittel."
„Zusehen, wie andere die Drecksarbeit machen", sagte George.
Beide seufzten.
„Geld ist wichtig", sagte Ron beruhigend. „Ohne euch zwei wären wir verloren."
Beide Zwillinge schnaubten im gleichen Moment. „Nein, wärt ihr nicht", sagte Fred. „Ihr müsstet einfach Dads Geld leben."
Es folgte eine weitere Pause. Harry dachte, er hätte das Thema nicht ansprechen sollen. Zum Glück brach Dumbledore die seltsame Stille. „Nun denn … Harry, Ron, ihr habt heute noch Unterricht. Ron, ich schlage vor, Sie verstecken dieses wunderbare Amulett, denn ich denke nicht, dass es bereits zur Schuluniform gehört. Ron, sagen Sie Hagrid, ich werde ihm später Ihre Abwesenheit erklären, und Harry, sag Professor Snape, dass –" Als sein Blick auf Harrys Gesicht fiel, korrigierte er sich selbst. „Professor Feather, dass es dir Leid tut, dass du einen Teil der Stunde verpasst hast, und, dass du mit Hilfe der Hausaufgaben das nachholen wirst, was du verpasst hast. Tim?"
Tim nickte, und mit einem weiteren blendenden Lichtblitz verwandelte er sich wieder in Sneezy. Er streckte Ron seine kleinen Arme entgegen. Ron hob ihn, ein wenig lächelnd, auf und steckte ihn wieder in seine Hemdtasche. Sneezy strahlte sie alle an. Harry schaffte ein schwaches Lächeln. Seine Gedanken wanderten zu Snape.
Er und Ron verließen das Büro, gingen die Wendeltreppe hinunter und traten in den Korridor. Ron steckte sein Amulett unter seinen Umhang. „Ziemlich cool, oder? Dass ich der Erbe Gryffindors bin und so. Ich hätte gedacht, dass du es bist. Ich glaub, du wusstest davon, oder?"
„Jaah", sagte Harry. „Snape hat es mir gesagt."
„Was, Snape hat es auch gewusst?", sagte Ron. „Weiß es die ganze Welt außer mir?" Er sah Sneezy mit zärtlichem Blick an. „Das ist ziemlich cool, weißt du. Einen Beschützer zu haben. Schade, dass ich nur einen hab und du zwei."
„Naja, Peter ist immer beschäftigt, und Snape ist in Askaban", sagte Harry düster. „Es ist nicht so, dass ich sie in der Tasche rumtragen kann."
Ron sah auf seine Uhr. „Es ist fast Zeit für die zweite Glocke. Ich muss zu Dunkle Künste, Ivy wird mich bei lebendigem Leib häuten, falls ich zu spät komme. Wir sehen uns in der Pause!" Er eilte den Korridor entlang. Harry hörte, wie Sneezy mit Ron plauderte, während er lief, und ein düsteres Gefühl machte sich in seinem Magen breit. Er seufzte und ging allein zu Geschichte der Magie.
